
Essens Bischof Franz-Josef Overbeck
Wir sprechen über einen neuen Aufbruch, und das aus einer Situation der Krise: Einer finanziellen, moralischen und mit den Missbrauchsfällen auch moralischen Krise. Franz Josef Overbeck ist Bischof eines Bistums, das schon lange umbaut oder rückbaut und der aktiv den Dialog in seinem Bistum betreibt.
„Wenn Krise auch Entscheidung heißt, dann ist jetzt eine solche Zeit angebrochen. Wir sehen das sehr deutlich in unserem Bistum, das sich schon seit langem durch die demographischen und wirtschaftlichen Entwicklungen in unendlichen Veränderungsprozessen, in denen die Menschen Verlierer sind, befindet.
Für die Kirche hat das viele Konsequenzen. Wir werden kleiner, und ich sage auch immer: Wir werden ärmer und demütiger. Wir können dabei aber auch gleichzeitig sehen, dass wir als ,Kirche im Volk‘ – wenn nicht mehr ,Volkskirche‘ – lernen was es heißt, mit dem Evangelium gesprochen eine kleine Herde zu sein. Das ist keine Sollensaussage, sondern eine Wesensaussage.”
Sie selber betreiben den Dialogprozess aktiv, wie genau geht das, wie machen Sie das?
„Im Bistum Essen versuchen wir es auf dreifache Weise zu realisieren. Der Dialogprozess ist für mich ein geistlicher Prozess und hat deswegen auch den Titel ,Zukunft auf Katholisch.’ Es geht um Identität, die geistlich gegründet ist und gleichzeitig sehr konkret ist.
Auf der einen Seite gibt es fünf Bistumsforen, in denen wir uns mit fast 300 Vertretern und Vertreterinnen aus der ganzen Breite unseres Bistums immer jeweils einen Tag treffen. Wir beten zusammen und halten dann unter verschiedenen Perspektiven Austausch mit dem Ziel, dass wir uns zu pastoral und seelsorglichen Verständigungen zusammenfinden, die die Realität unseres Bistums für die nächsten fünf bis zehn Jahre in den Blick nehmen. Vor allem im Blick auf die Fragen, wie wir bei sich verändernden Strukturen mit Blick auf Gebäude Kirche sein können. Was bedeutet das hinsichtlich der Zahlen von Priestern und anderen in der Seelsorge tätigen, die viel kleiner werden, als wir es bisher kennen? Was bedeutet das zum Beispiel für die Katechese – ich werde nicht müde, da die Erwachsenenkatechese zu betonen – ? Was bedeutet das mit Blick auf die Caritas, besonders die ehrenamtliche Caritas bei den vielen neuen Armen, die es in unserem Bistum gibt, vor allem auch unter den jungen Leuten? Und was heißt das für die Liturgie, vor allem für die Gestaltung vor allem der Sonntagsmesse, von der ich der Überzeugung bin, dass sie noch mehr der Sammlungspunkt für alle, die katholisch sind, werden wird?
Das ist das eine, was wir tun. Das zweite heißt ,Dialog mit dem Bischof’ und bedeutet, dass ich mich sowohl an der katholisch-theologischen Fakultät der Ruhr-Universität wie aber auch in der Wolfsburg – der Sozialakademie des Bistums – zu allen Themen, die auch strittig und bestritten sind, dem Gespräch und der Auseinandersetzung auf der Ebene des Dialoges stelle. Das heißt, des Hörens, Zuhörens und Anhörens, wohl im Bewusstsein, dass der Bischof von Essen vieles sagen, aber doch nicht alles entscheiden kann und auch nicht will, nicht darf und nicht muss.
Demnächst geht es um Fragen von Sexualität und Partnerschaft. Am Anfang ging es um das Theologenmemorandum. Jetzt ging es um die Frage nach der Verschiedenheit in der Kirche und auch innerhalb der Gesellschaft. Es geht auch um Fragen der Stellung der Frau in der Kirche und so weiter.
Die dritte Ebene ist die mit den Priestern, den Diakonen, den Pastoral- und Gemeindereferentinnen und -referenten, den Ordensleuten, um zu sehen, wie wir da miteinander auf Dauer neue Wege gestellten.“
Und dieser Prozess funktioniert?
„Das ist nicht immer einfach Harmonie, was auch unrealistisch wäre. Gott liebt uns durch die Wirklichkeit kann ich da nur drüber schreiben. Diese Wirklichkeit anzunehmen und trotzdem nüchtern zu bleiben und sehen, wo wir jetzt gemeinsame Schritte finden können, ist eine große Herausforderung, der wir uns jetzt deutlich zu stellen haben.
Es ist mir wichtig, deutlich zu machen, dass wir uns in einem Entwicklungsprozess befinden, wo wir nur den nächsten Schritt gehen, und nicht die Lösung haben. Angesichts dieser Prozesse, die jetzt seit gut dreißig bis vierzig Jahren offen geworden sind, gehen wir momentan den nächsten Schritt, und zwar sehr bewusst in eine mehr von der Moderne geprägten säkularen Welt. Das ist für viele Katholiken immer noch etwas eher Ungewohntes.
Das heißt sehr konkret Abschied zu nehmen von der Vorstellung, wir könnten mit neuen Lösungsvorschlägen die alten Strukturen weiterführen.
Das gilt für alle Wirklichkeiten von Kirche, ob ich von den Gemeinden und Pfarreien meiner Diözese rede, ob von Vereinen, Verbänden oder von Orden, von allen Orten kirchlichen Lebens bis hin zu den großen Strukturen von Krankenhäusern und Altenheimen, Kindergärten und anderen.
Von daher gehe ich das mit einer gewissen Gelassenheit an und sage, dass wir diesen Schritt im Rahmen eines geistlichen Prozesses machen, von dem ich glaube, dass wenn er uns nicht gelingt, wir keine Zukunft haben werden.
Es geht hier nicht nur um Diskussion von Strukturen, die scheinbar veränderbar sind, sondern um die Frage, wie wir das neu mit einer Christusverbundenheit und das heißt mit einem Glauben, der auch Glaubensfeuer in sich trägt, gestalten. Das ist, was jetzt dran ist, und das wird mindestens eine Generation dauern.”