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An der Lebenswirklichkeit vorbei

Es gehört zu den Gemeinplätzen kirchlichen Denkens, dass viel mehr Menschen auf der Suche nach Sinn und Geistlichem sind, als in die Kirche kommen. Und die Verkaufserfolge von esoterischen Büchern scheinen das ja auch zu bestätigen.

Das gibt irgendwie Hoffnung: Wenn wir nur besser werden, wenn wir niederschwelliger werden, wenn wir einladender werden, dann werden wir vielleicht auch attraktiver als Gemeinschaft und dann wird das Wort Gottes vielleicht auch eher ankommen und sich als das zeigen, was es ist.

All you need ... . Skulptur vor dem Museum Hamburger Bahnhof, Berlin

All you need … . Hamburger Bahnhof, Berlin

Falsch, sagt jetzt ein Religionssoziologe. Die EKD hat Detlef Pollack aus Münster eingeladen, vor der Synode zu sprechen und das hat er auch getan. Und dabei die von ihm so bezeichnete „praktisch-theologisch unterstellte Suche der Menschen nach Sinn und höherer Bedeutung“ einer Kritik unterzogen.

Ich zitiere aus seinem Vortrag:

„Nur etwa 8 % der Deutschen geben an, sehr oft über den Sinn des Lebens nachzudenken. Die Mehrheit denkt nicht oft darüber nach. Nur etwa 10 % erklären, sie wären religiös auf der Suche. Dass unser Zeitalter durch ein hohes Maß an religiöser Sehnsucht charakterisiert sei, lässt sich nicht behaupten. Mit anderen Worten: Die zurückgehende religiös-kirchliche Bindung hat nicht nur etwas mit dem Profil des kirchlichen Angebots zu tun, sondern auch etwas mit der schwachen religiösen Nachfrage.“

Damit ist der Gemeinplatz, dass Menschen irgendwie suchten, falsch, bzw. in den Worten Pollacks trifft er die Lebenswirklichkeit der Menschen nicht. Es geht also nicht nur darum, Bedürfnisse nach Sinn zu befriedigen, sondern darum, dieses Bedürfnis erst einmal zu wecken.

Das ist eine ganz andere Aufgabe als wir uns das bisher vielleicht vorgestellt haben. Und sie geht alle christlichen Gemeinschaften gleich an.

„Wenn uns etwas in heilige Sorge versetzen und unser Gewissen beunruhigen soll, dann ist es die Tatsache, dass so viele unserer Brüder und Schwestern ohne die Kraft, das Licht und den Trost der Freundschaft mit Jesus Christus leben, ohne eine Glaubensgemeinschaft, die sie aufnimmt, ohne einen Horizont von Sinn und Leben. Ich hoffe, dass mehr als die Furcht, einen Fehler zu machen, unser Beweggrund die Furcht sei, uns einzuschließen in die Strukturen, die uns einen falschen Schutz geben, in die Normen, die uns in unnachsichtige Richter verwandeln, in die Gewohnheiten, in denen wir uns ruhig fühlen, während draußen eine hungrige Menschenmenge wartet und Jesus uns pausenlos wiederholt: ‚Gebt ihr ihnen zu essen!‘ (Mk 6,37).“ (Evangelii Gaudium 49)

Wir müssen uns also unterhalten darüber, was heute das Wecken der Frage nach Sinn und Bedeutung sein kann. Und auch darüber, was der ‚Hunger‘ der Menschen eigentlich ist. Mit der einfachen Unterstellung, da sei schon irgendwie die Suche, kommen wir offensichtlich nicht weiter.

 

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Gemaltes Selbstbewusstsein

Zu den Attributen, die an dieser Stelle regelmäßig schlecht wegkommen, gehört „Bürgerlichkeit“. „Verbürgerlichung“ ist das Schimpfwort dazu. Das ist natürlich unfair, weil es in der Überzeichnung die Komplexität nicht trifft. Und natürlich gibt es bürgerliches Engagement, es gibt den Sinn für die Beteiligung an Staat und Gesellschaft, die bürgerlich zu nennen ist, und allerlei andere Dimensionen, denen man nicht wirklich gerecht wird.

Bürgerlich kann auch positiv sein. Damit will ich nicht die vorher gemachten Argumente wieder aus der Debatte nehmen, aber es kann ja helfen, den Blick etwas zu heben.

Eine Gelegenheit, mir das entstehende Bürgertum in seiner Selbstdarstellung einmal genauer anzusehen, hatte ich jetzt in Amsterdam. Eigentlich war ich ja zu einer Konferenz da, aber davor und danach muss man sich ja etwas gönnen.

Das Hermitage-Museum an der Amstel (ein Ableger der Hermitage in Sankt Petersburg) hat zwei Ausstellungen aus dem so genannten „Goldenen Zeitalter“ der Stadt. Die erste heißt schlicht „Holländische Meister“ und zeigt natürlich Rembrandt, daneben Frans Hals, Ferdinand Bol und andere Rembrandt-Schüler.

Ausstellung „Dutch Masters“ aus der Hermitage Sankt Petersburg

Ausstellung „Dutch Masters“ aus der Hermitage Sankt Petersburg

Es waren in Amsterdam nicht die Fürsten und nach dem Bildersturm von 1566 auch nicht die Kirchen, welche Kunst in Auftrag gaben, sondern die Bürger, also die Kaufleute, Ärzte, Händler. Und die wollten zwar auch allerlei Allegorie und biblische Malerei sehen, diese dann aber nicht in Kapellen, sondern in den eigenen Kontoren und Häusern aufhängen. Vor allem aber wollten sie sich selber sehen, und so sieht man eine ganze Reihe von Händlern, Kaufleuten, Künstlern, erst bunt gekleidet und gerne mit Degen, später ausschließlich in Schwarz mit dem berühmten komplizierten spanischen Kragen.

Die meisten Portraits sind natürlich, im Fall Rembrandt verblüffend sogar. Man kann das Selbstbewusstsein der Dargestellten geradezu anfassen, es sind alles Persönlichkeiten. Es sind Individuen, die sich immer in den Zeichen-Kanon ihrer Gesellschaft einfügen, also keine Indivudualisten, sondern wirklich Individuen.

 

Bilder für Häuser, nicht Kirchen

 

Man sieht ihnen an, dass sie keine Fürsten über sich haben, sondern alles selber, unter sich regeln. Bürger also, im ursprünglichen Sinn des Wortes.

Wobei wir dann auch schon bei zweiten Ausstellung sind, die im selben Gebäude untergebracht ist. Portrait-Malerei des Goldenen Zeitalters. Wobei der Titel etwas verwirrend ist: es sind nicht Einzel-Portraits, wie in der ersten Ausstellung, sondern vor allem Gruppen-Portraits, die hier zu sehen sind. Die Gruppen derer, die das Sagen haben in der Stadt.

Das berühmteste dieser Bilder ist das später „Nachtwache“ genannte Gemälde Rembrandts, das gar nicht weit weg im Rijksmuseum hängt. Hier in der Hermitage Amsterdam hängen nun die Schwestern und Brüder dieser Nachtwache, unter anderem die Bilder, die tatsächlich neben dem Bild gehangen haben, in dem Gebäude, für das es gemalt worden war.

Bürgerwerhren und wohltätige Menschen: Ausstellung in Amsterdam

Bürgerwerhren und wohltätige Menschen: Ausstellung in Amsterdam

Es sind Bürgerwehren, die hier zu sehen sind, das sich selbst verteidigende und nicht von Mächten abhängende Bürgertum in Waffen. Es sind natürlich nur diejenigen zu sehen, die was zu sagen hatten. Also die dazu gehörten. Es war nicht einfach, Offizier in einer solchen Bürgerwehr zu werden, mit Soldat-Sein wie heute hat das nichts zu tun, das wurden nur die Mitglieder des Patriziats, da musste man richtig viel Geld haben oder richtig heiraten.

Zu sehen sind auch die Verantwortlichen der wohltätigen Stiftungen, der Waisenhäuser und Krankeninstitutionen, der Armenhilfe und so weiter. Und auch hier wieder nur diejenigen, die dazu gehören, die Armen und Kranken sind allenfalls im Hintergrund, als Dekoration sozusagen für die eigene Wohltätigkeit, zu sehen. Weiterlesen

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Räuberbanden

Der Zyniker mag sagen, Gott habe die Welt halt gut geschaffen, nicht gerecht. Aber das kann auch nur ein Zyniker sagen.

Dass es mit der Gerechtigkeit nicht weit her ist, zeigen in diesen Tagen einmal mehr Investigative Journalisten. In Deutschland ist es die Süddeutsche Zeitung, die Tag für Tag berichtet, wer alles keine Steuern zahlen will und sich deswegen auf Kanalinseln zurück zieht. Apple zum Beispiel. Oder Nike.

Keine Steuern zahlen will? Das klingt noch harmlos. Eigentlich muss es heißen: wer sich seinen Pflichten entzieht. Denn genau das machen diese Leute: Steuern sind der Preis, den wir für eine zivilisierte Gesellschaft zahlen, eine Gesellaschaft mit Schulen, mit Polizei, mit Krankenhäusern und Universitäten. Wer sich dem entzieht – und hier geht es um erhebliche Summen – der zeigt eine erhebliche Verachtung für Gesellschaft und Staat.

Ich weiß gar nicht, was schlimmer ist: dass mich das schon gar nicht mehr überrascht oder die Menge derer, die jetzt ans Licht kommen. Nach den Panama-Papieren, dem Luxenburg-Skandal jetzt nun die Paradies-Papiere.

 

Sich den Pflichten entziehen

 

Die Einzelbeispiele muss man gut in Augenschein nehmen, ob und wie Bono oder Madonna oder Prinz Charles profitiert haben, muss man heraus finden. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Fakt ist aber auch, dass es Reiche offensichtlich schaffen, sich den Pflichten zu entziehen. Wer eine Million hat, der kann sich in einer Beteiligungsgesellschaft engagieren und zahlt nichts mehr. Das Geld wird dem Sozialkreislauf entzogen.

Die New York Times hat dazu heute eine Grafik. Der Abstand zwischen den, die viel haben, und denen, die wenig bis nichts haben, wird immer größer. Egal ob wir nun den Ausdruck von der Wirtschaft, die tötet, in den Mund nehmen wollen oder nicht, wir haben ein massives Gerechtigkeitsproblem.

„Was sind überhaupt Reiche, wenn die Gerechtigkeit fehlt , anderes als große Räuberbanden?“ Fragt Aurelius Augustinus. Das Kriterium für „Räuberbande“ bei ihm ist die Straflosigkeit. Und die haben sich die netten Herren und Damen erhofft. Sich den Pflichten entziehen, Habgierig sein, vielleicht sogar im strengen Sinn des Worts legal, aber eben nicht legitim. Man will von den Früchten der Zivilisation essen, aber selber nichts zu ihr beitragen.

Da sind die individuellen Fälle – Bono, Madonna und wer-weiß-nich-noch – zwar für die Boulevardpresse interessant, schlimmer sind aber die wirklich großen und systemisch angegangenen Summen: Dazu och einmal Aurelius Augustinus, aus demselben Abschnitt seines Buches. Er schließt den Gedanken mit einer kleinen Geschichte. „Hübsch und wahr ist der Ausspruch den ein ertappter Seeräuber Alexander dem Großen gegenüber getan hat . Auf die Frage des Königs, was ihm denn einfalle, daß er das Meer unsicher mache, erwiderte er mit freimütigem Trotz: „Und was fällt dir ein, daß du den Erdkreis unsicher machst? aber freilich, weil ich es mit einem armseligen Fahrzeug tue, nennt man mich einen Räuber, und dich nennt man Gebieter, weil du es mit einer großen Flotte tust“.“

 

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Verwirrt

Von Leitung erwartet man Klarheit. Dafür ist sie schließlich da. Auch theologisch gesehen ist „euer Ja sei ein Ja“ eindeutig belegt, da kann es keinen Zweifel geben. Auch über die Evangelien hinaus hat die Bibel hat ja einiges zu sagen über diejenigen, die gegen diese Klarheit verstoßen und in die Irre führen. Über falsche Propheten und dergleichen.

Verwirrer? Papst Franziskus bei einer Generalaudienz

Verwirrer? Papst Franziskus bei einer Generalaudienz

Und so ist es nicht verwunderlich, dass der Vorwurf der „Verwirrung“ einer der stärksten ist, die derzeit gegen den Papst erhoben werden. Gerade frisch auf dem Tisch: Der offene Brief eines US-amerikanischen Theologen und Kapuzinerpaters. Der Papst stifte Verwirrung, wo sein Amt eigentlich das der „Stärkung der Brüder“ ist, wie Jesus dem Petrus aufgetragen hatte. Verwirrung aber ist Schwächung.

Nun gibt es aber verschiedene Versionen von Verwirrung. Oder vielleicht besser ausgedrückt: Ursachen von Verwirrung. Es gibt Verwirrung, die absichtlich herbeigeredet wird. Dinge werden auf die Spitze getrieben und Fangfragen gestellt, so dass Verwirrung dabei heraus kommen muss.

 

Der jüngste Vorwurf

 

Das tut der jüngste Vorwurf an den Papst ausdrücklich nicht, Pater Thomas G. Weinandy sieht auch Verwirrung, aber er erzeugt sie nicht erst durch Übersimplifizierungen und Überspitzungen. Deswegen nehme ich das hier ernst. Und zwar durch meinen Widerspruch.

Durch den gesamten Brief des Kapuzinerpaters zieht sich die Überzeugung, dass der Kern des Christentums die „katholische Lehre“ ist, „Catholic teaching“. Diese Lehre ist unveränderlich, jede Abweichung oder Änderung erzeugt eben Verwirrung, weil nicht mehr klar sei, was gelte.

Der Vorwurf gegen den Papst ist stark: Sünde wider den Heiligen Geist. Das ist ziemlich nah dran an dem Jesuswort „Darum sage ich euch: Jede Sünde und Lästerung wird den Menschen vergeben werden, aber die Lästerung gegen den Geist wird nicht vergeben werden. Auch wer ein Wort gegen den Menschensohn sagt, dem wird vergeben werden; wer aber etwas gegen den Heiligen Geist sagt, dem wird nicht vergeben, weder in dieser noch in der zukünftigen Welt“ (Mt 12:31f). Der Brief kommt versöhnlich in seiner Sprache daher, machen wir uns aber nichts vor, dahinter meint der Pater es sehr ernst.

 

Sünde wider die Wahrheit

 

Also: Abweichen von der unveränderlichen Lehre ist Sünde wider die Wahrheit. Und nur wo Wahrheit ist, kann echte Liebe sein, alles andere folgt von diesem Ausgangspunkt. Weiterlesen

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Gelernt?

Jetzt also Kevin Spacey. Vorwürfe von sexueller Übergriffigkeit, von teuren Uhren für Schweigen, von Bedrängen. Und dessen Bruder berichtet von sexuellem Missbrauch in der Kindheit, durch den Vater. Und Spacey macht seine Homosexualität öffentlich, und weil er scheinbar damit die Übergriffigkeiten entschuldigen oder erklären will, oder einfach nur Sympathie erben will, bekommt er heftige Kritik.

Kevin Spacey ist beliebt. Sehr. So sehr, dass auch jetzt, nach dem Bekanntwerden der Vorwürfe und der Öffentlichkeit, die die von ihm Bedrängten suchen, immer noch sympathisch über ihn geschrieben wird.

Spacey ist ein richtig guter Schauspieler und Theaterdirektor (in London, bis 2015), da greift man nicht richtig zu.

Die SZ von heute, App-Verion (Screenshot)

Die SZ von heute, App-Verion (Screenshot)

Mir ist da aufgefallen, weil ich heute Morgen beim durchblättern der SZ zwei Artikel fast nebeneinander fand (App-Version der Zeitung, siehe Screenshot).

Der linke befasst sich mit Kevin Spacey, der Artikel rechts dagegen mit einem anderen Täter, mit Roman Polanski.

Bei Polanski geht es um die brutale Vergewaltigung einer damals 13jährigen. Polanski entzieht sich seitdem der Justiz. Und dreht weiter Filme und wird für diese geehrt, weil die einfach richtig gut sind. Die Frau, die damals von ihm sexuelle Gewalt erfahren hat, will das einfach nur hinter sich lassen, verständlicherweise. Aber das Polanski sich nicht stellt, zieht sich das durch die Zeit.

Jetzt gibt es also Proteste von Feministinnen gegen eine Retrospektive.

 

Täter

 

Und das ließ mich stutzen. Nicht die Proteste, sondern die Tatsache einer Retrospektive. Natürlich hat jedes Leben viele verschiedene Dimensionen, aber stellen wir uns einmal vor, jemand anderes wäre als Gewalttäter überführt und dann würde jemand sagen, er sei aber ein guter Maler. Oder predige gut, um ein Priester-Beispiel zu nennen. Das wäre zurecht unakzeptabel.

Aber irgendwie scheinen diese Regeln für die Helden der Leinwand nicht zu gelten. Ich will hier nichts gegen etwas anderes ausspielen und auch nicht ablenken von Missbrauch, der etwa in der Kirche passiert ist. Aber es ist schon ein sehr deutliches Zeichen, dass die Gesellschaft eben noch nicht verstanden hat, was das ist: sexuelle Gewalt. Wenn mit vielerlei Maß gemessen wird.

Was genau Spacey nun angestellt hat, wird sich erst zeigen. Vorwürfe gibt es eine ganze Reihe. Ich würde mir nur wünschen, dass jegliche sexuelle Gewalt als solche geächtet würde. Und dass sie schlimm ist, gleich wer sie begeht. Ich mag den Stab nicht über die Täter brechen, das steht mir nicht zu. Aber wenn so gar kein Stab erhoben wird, oder wenn Sympathie oder Star-Status jemanden vor Vorwürfen zu schützen scheint, wenn sich jemand der Gerechtigkeit und Aufklärung unter dem Applaus derjenigen entzieht, die sonst laut schreien, dann habe ich da meine Fragezeichen.

Wie gesagt, ich will nicht den Stab brechen, außer vielleicht über einer Gesellschaft, die einmal mehr zeigt, dass wir noch nicht gelernt haben, was sexuelle Gewalt ist und wie mit ihr umzugehen ist. Das Hofieren von Tätern gehört jedenfalls nicht dazu.

 

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Verzweifle nie!

Der Twitteraccount des Papstes

Der Twitteraccount des Papstes

Twitter ist ja nicht so mein Ding. Man kann nicht alles machen, und wenn man den ganzen Tag auf Bildschirme verschiedener Größenordnung schaut, dann hat man das auch irgendwann satt. Aber heute, heute hab es einen schönen Tweet des Papstes. Normalerweise sind das Themen, die er setzen möchte, oder Heilige oder Themen des Tages. Meistens ist es ein Aufgreifen, also was wir auf gut Jesuitisch eine ‚Wiederholungsbetrachtung‘ nennen, denn der Mensch lernt ja nicht durch Variation, sondern durch Wiederholung.

Heute gab es aber geradezu etwas Poetisches vom Papst. Etwas Ermutigendes, Geistliches, Positives. In einer bei ihm sonst ungewohnten Sprache. Deswegen möchte ich das einfach für alle non-Twitterer wie mich auch hierteilen. @Pontifex schreibt heute:

„Lerne vom Wundern, bewahre Dir das Staunen. Lebe, liebe, glaube. Und, mit Gottes Gnade, verzweifle nie!“

In diesem Sinn eine gute Woche!

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Vielfalt und Einheit

Die Kirche darf sich „nicht von dem Schatz ihrer Wahrheit trennen, den sie von den Vätern ererbt hat. Gleichzeitig jedoch muss sie auch der Gegenwart Rechnung tragen und auf die gewandelte Lage und die neuen Lebensformen, die in die moderne Welt Eingang gefunden haben und die dem katholischen Apostolat neue Wege geöffnet haben, eine Antwort geben“: um über die Lehre der Kirche zu sprechen, zitiert Papst Franziskus Papst Johannes XXIII, aus seiner Ansprache zur Eröffnung des Konzils. An dieser Stelle habe ich schon mal über diese Ansprache geschrieben.

Papst Franziskus wird mit dem Papamobil durch die Menschen auf dem Petersplatz gefahren

Generalaudienz des Papstes: Eilig unterwegs auf dem Petersplatz

Dazu möchte ich noch den Gedanken der Vielfalt fügen. Die Kommentarspalten sind bei den vergangenen Beiträgen warm gelaufen, vielleicht hilft es, nachzulesen, wie die Dinge zusammen gehören: Einheit und Vielfalt, gewandelte Lage und weiterzugebender Glaube:

„Auch zwischen der Globalisierung und der Lokalisierung entsteht eine Spannung. Man muss auf die globale Dimension achten, um nicht in die alltägliche Kleinlichkeit zu fallen. Zugleich ist es nicht angebracht, das, was ortsgebunden ist und uns mit beiden Beinen auf dem Boden der Realität bleiben lässt, aus dem Auge zu verlieren. (…)

Das Ganze ist mehr als der Teil, und es ist auch mehr als ihre einfache Summe. Man darf sich also nicht zu sehr in Fragen verbeißen, die begrenzte Sondersituationen betreffen, sondern muss immer den Blick weiten, um ein größeres Gut zu erkennen, das uns allen Nutzen bringt. Das darf allerdings nicht den Charakter einer Flucht oder einer Entwurzelung haben. Es ist notwendig, die Wurzeln in den fruchtbaren Boden zu senken und in die Geschichte des eigenen Ortes, die ein Geschenk Gottes ist. Man arbeitet im Kleinen, mit dem, was in der Nähe ist, jedoch mit einer weiteren Perspektive. Ebenso geschieht es mit einem Menschen, der seine persönliche Eigenheit bewahrt und seine Identität nicht verbirgt, wenn er sich von Herzen in eine Gemeinschaft einfügt: Er gibt sich nicht auf, sondern empfängt immer neue Anregungen für seine eigene Entwicklung. (…)

Das Modell ist nicht die Kugel, die den Teilen nicht übergeordnet ist, wo jeder Punkt gleich weit vom Zentrum entfernt ist und es keine Unterschiede zwischen dem einen und dem anderen Punkt gibt. Das Modell ist das Polyeder, welches das Zusammentreffen aller Teile wiedergibt, die in ihm ihre Eigenart bewahren.“ (Evangelii Gaudium 234-236)

 

Das ist die Herausforderung heute

 

Den theologischen Hintergrund dafür hat der Papst in Rio de Janeiro in einem unscheinbar daher kommenden Satz „versteckt“: „Die Emmaus-Jünger sind nach Jerusalem zurückgekehrt und haben von der Erfahrung erzählt, die sie in der Begegnung mit dem auferstandenen Christus gemacht hatten. Und dort haben sie Kenntnis erhalten von den anderen Erscheinungen des Herrn und von den Erfahrungen ihrer Brüder.“ Soll heißen: die Begegnung mit dem Herrn ereignet sich für den Einzelnen, aber auch um Hören auf die Begegnung, welche andere haben.

Ich bin fest davon überzeugt, dass die „gewandelte Lage und die neuen Lebensformen, die in die moderne Welt Eingang gefunden haben“, von der die Päpste gesprochen haben, heute genau das ist: die Vielfalt in Einheit.

Wenn es uns nicht gelingt, Vielfalt in Einheit zuzulassen, wenn Bedingungen gestellt und sich abgegrenzt wird, wenn verantwortungslos mit Begriffen wie „Schisma“ und „Häresie“ um sich geworfen wird, dann wird es uns nicht gelingen. Die Verantwortung liegt bei uns.

 

 

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Schlüsseltexte

Bücher über Papst Franziskus in der Auslage einer Buchhandlung

Neulich in der Auslage

„Das Evangelium des Lächelns“, „Lasst euch die Hoffnung nicht nehmen!“ oder „Liebe, die die Augen öffnet“: Nur drei der Buchtitel in der Auslage hier um die Ecke. Alle Titel beziehen sich auf Aussagen des Papstes, meistens aus einer Predigt. Alle Titel greifen ein schönes Zitat auf, emotional und griffig.

Der Papst verkauft sich gut. Auch hier in Italien, wo es an geistlichen Autoren nun wirklich nicht mangelt. Er schlägt sogar einen der Stars am Himme, den verstorbenen emeritierten Erzbischof von Mailand, Carlo Maria Martini. Der hatte als Bibelwissenschaftler einen gut zugänglichen Weg gefunden, über Gott, Glaube und Schrift zu sprechen und verkaufte sich auch Jahre nach seinem Tod noch. Bis Franziskus kam.

Vieles von dem ist vielleicht allzu leicht verdaulich, wenn man die Bücher aus der Auslage nimmt, geraten sie dann doch recht dünn. Aber das muss ja nichts schlimmes sein, wenn man einen Gedanken ausführlich darstellt, ohne gleich eine Doktorarbeit daraus zu machen oder eine Biographie, dann kann das ja helfen.

 

Er schlägt den Star Martini

 

Wie oben gesagt, die meisten Bücher arbeiten mit Papstzitaten. Auch das jüngste: „Und jetzt stellt eure Fragen“, im Original „Adesso Fate le Vostre Domande“, bereits das vierzehnte Franziskus-Buch im Rizzioli Verlag, und das ist nur ein Verlag unter vielen.

Dieses Buch ist nun nicht ein Buch eines der vielen Journalisten um den Vatikan herum, sondern führt den Papst als Autor. Beigesteuert hat er auch ein Vorwort. Aber der eigentliche Autor dahinter ist Jesuitenpater Antonio Spadaro.

Nichts in dem Buch ist neu, es ist eine Zusammenstellung von Interviews, Fragerunden, Pressekonferenzen. Etwas zum Nachlesen also, wenn man dsa nicht nur im Tagesgeschäft mitbekommen will.

Und damit sind wir dann wieder bei den meisten anderen Büchern: Furchtbar originell sind die nicht, der Papst selber ist orginell, das muss man dann nur noch zusammen stellen.

Aber furchtbar originell müssen die Bücher ja auch nicht sein. Gute Hilfen und Schlaglichter auf einige Aspekte, das reicht ja schon, einen ins Denken zu bringen.

Und: man muss ja nicht gleich alle kaufen.

 

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Auswirkungen der Erbsünde

Erbsünde ist schwer zu messen. Qua Mensch, qua Geschöpf, sind wir nicht unschuldig, sondern immer schon erlösungsbedürftig. Erzählt wird das mit der Geschichte des Adam, dessen „wahrhaft heilbringende Sünde“ (Exsultet) auch uns einbezieht. Und wenn das Exsultet „Adam“ sagt und Paulus vom „neuen Adam“ spricht, ist der Mensch als Mensch gemeint, ob er nun Adam oder Eva heißt.

Erbsünde ist schwer zu messen: Was ist nun meine, was deine, was unsere, was strukturelle Sünde? Und was ist sozusagen ererbt?

Jesus, Johannes und Maria: Relief in Steingaden

Jesus, Johannes und Maria: Relief in Steingaden

Zugegeben, dieser Gedanke fällt irgendwie vom Himmel, es gibt keinerlei aktuellen Bezug dafür, muss es ja aber auch nicht. Deswegen erlaube ich mir, hier zum Gedanken weiter zu schreiben.

Mir fiel gestern eine Notiz in die Hände, die ich vor Jahren einmal gemacht habe. Sie stammt von einem Nicht-Theologen, einem Versicherungsmanager, den ich kenne. Der sagte mir einmal „die Auswirkungen der Erbsünde sieht man daran, dass jede Generation dieselben Fehler machen muss, immer neu. Wir können nicht wie andere Lebewesen Erfahrungen vererben.“

Jetzt einmal abgesehen von der langfristigen Evolution, in der wir selbstverständlich auf Umwelt reagieren und uns ändern, ist das ein wahrer Satz. Wir vererben Erfahrungen nicht weiter, wir müssen alle dieselben Fehler machen und aus denselben Fehlern lernen. Durch Einsicht kann man das vielleicht vermeiden, nicht aber durch Vererbung.

Die Erbsünde – so der Satz – lässt uns alle von vorne anfangen. Sie sagt, dass wir alle erlösungsbedürftig sind und dass keiner einen Vorsprung hat.

Interessanterweise ist dieser Satz aber auch die Definition von etwas ganz andere. Es ist auch die Definition von Freiheit.

 

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Wie kriege ich Gott ins Netz?

Die bunte, schöne Welt des Digitalen und die Medien: Katholische Kirche ist da nicht unbedingt vorne mit dabei, damit das aber in den Blick kommt und wie wir das vielleicht ändern können, dazu haben zwei Tage lang katholische Medienschaffende gesprochen. Beim zweiten Katholischen Medienkongress, in Bonn.

Man kann sowas natürlich nicht in wenigen Sätzen zusammen fassen, aber einige Beobachtungen auch für die nicht-teilnehmende Welt kann man schon teilen. Das will ich hier mal tun.

Eröffnung des Kongresses, es spricht BILD-Chefredakteurin Koch

Eröffnung des Kongresses, es spricht BILD-Chefredakteurin Koch

Auffällig war, wie wenig Priester dabei waren. Das ist bei katholischen Veranstaltungen gerne mal anders. Wo waren die Priester? Das ist deswegen schade, weil Medien etwas sind, was man nicht auf Stabsstellen in Ordinariaten oder auf Journalisten abwälzen darf. Wir alle sind Medien, in unser digitalen Welt. Die neuesten Entwicklungen zu besprechen sollte Anliegen aller in der Kirche sein, da fällt die Unterrepräsentanz der Priester besonders schmerzlich auf.

Dann fiel mir auf, wie sehr die Freiheitsdebatte im Vordergrund stand. Paul Kirchhof sprach über „formatierte Freiheit“, das war von der Person geprägt juristisch gedacht und nicht uninteressant. Aber immer dann, wenn nicht die Ruheständler sprachen, sondern die Aktiven und damit die sehr viel Jüngeren, dann wurde es spannend. Da ging es dann nicht um die abstrakte Freiheit, sondern um die Frage nach Social Bots und darum, ob die überhaupt regulierbar sind. Alle Fragen offen, auch nachher noch, aber eine gute Debatte.

 

BILD und „formatierte Freiheit“

 

Schnell untergegangen ist die Frage nach der Teilhabegerechtigkeit. Wessen Internet ist es eigentlich? Zuerst hieß es kritisch, dass die Gewinner der Digitalisierung sich wenig für die Verlierer interessieren, zu wenig. Um dann über die Gewinner und mit den Gewinnern zu sprechen. Da müssen wir nachjustieren.

Meine persönliche Suchfrage bei allen Panels und Debatten war immer auch, wie wir eigentlich „Gott ins Netz“ bekommen. Wie kann katholische Kirche die Digitalisierung nutzen um zu verkünden und Dialoge führen und sich engagieren? Wie von einer christlichen Perspektive her kritisch begleiten? Zu letzterem gab es einiges und wichtiges und gutes zu hören. Zu ersterem noch wenig. Das muss sich ändern.

Ich bin immer noch überzeugt davon, dass man journalistisch über Religion als Religion sprechen kann, das kam noch zu wenig vor. Digitalisierung kennt Religion nicht so, wie wir sie verstehen und leben, das muss Debatte werden. Wo ist Glaube digital, wo ist die theologische Reflexion von Digitalisierung? Bisher nur in kleinen Kreisen, das muss in die Öffentlichkeit.

Einen sehr spannenden Beitrag gab es auch von der Chefredakteurin der BILD-Zeitung. Tanita Koch warb für den Boulevard, weil der die Themen aufgreifen, die den Leuten am Herzen liegen. Aus der BILD von heute Morgen: der Chef von Air Berlin bekommt alles, die Angestellten nichts, das greift fundamentales Gerechtigkeitsempfinden auf. Und Kirche muss das auch können, sie muss lokal sein und relevant. „Nähe“ ist auch digital das Stichwort. Gefährlich ist dabei die Einstellung, ja von vornherein auf der Seite der Richtigen zu stehen. Das blendet zu viel aus.

 

Erst der Anfang

 

Das sind natürlich nur kurze Schlaglichter, einiges davon will ich hier gerne auch noch mal ausführlicher aufgreifen, aber das lohnt sich. Denn das Thema des Kongresses wird bleiben: „Es ist erst der Anfang … Gesellschaftliche Herausforderungen in der digitalen Welt“.

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