Papst Franziskus  //  der Vatikan  //  Weltkirche  //  Glauben  //  Dialog  //  Ökumene  //  Gerechtigkeit  //  Beten  //  Kultur  //  Journalismus  // und alles andere aus der katholischen Welt

Glaubens-Touristen

Vor einigen Tagen hatte ich über die Fremdheit geschrieben, die ich immer noch oder immer wieder beim Besuch von Sankt Peter empfinde. Und dass das nichts schlechtes sein muss.

Eine interessante Reflexion zum Thema kam an diesem Montag vom Papst. Sein Gedanke war ein anderer, aber die Idee ist letztlich ähnlich, er sprach über den großen kulturellen Wert von Kirche und von Kirchen, Anlass war der Besuch der evangelischen Kathedrale von Riga mit ihrer wunderbaren Orgel. Die sei schön, aber in Gefahr nur noch Touristenattraktion zu werden.

„Mit dem Glauben kann uns genau das Gleiche passieren. Es kann geschehen, dass wir uns im Glauben nicht mehr „heimisch“ fühlen und dann zu „Touristen“ werden. Man könnte sogar sagen, dass unserer gesamten christlichen Tradition dasselbe passieren kann: dass sie auf ein Stück Vergangenheit reduziert wird und – eingeschlossen in den Mauern unserer Gotteshäuser – keine Melodie mehr zu hören ist, die in der Lage wäre, das Leben und das Herz derjenigen, die sie hören, zu bewegen und zu inspirieren.“

Papst Franziskus spricht in Riga

Papst Franziskus spricht in Riga

„Zum Klingen bringen“ sollten wir den Glauben, eine kulturelle Umschreibung dessen, was der Papst sonst „aus sich heraus gehen“ nennt.

„Wenn die Musik des Evangeliums in unseren Häusern, in der Öffentlichkeit, an unseren Arbeitsplätzen, in der Politik und der Wirtschaft nicht mehr zu hören ist, dann haben wir wohl die Melodie abgeschaltet, die uns herausfordert, für die Würde jedes Mannes und jeder Frau ungeachtet ihrer Herkunft zu kämpfen. Dann verschließen wir uns im „Eigenen“ und vergessen darüber „das Unsere“: das gemeinsame Haus, das uns alle angeht.“

Franziskus wäre nicht Franziskus, wenn er nicht auf die Versuchungen hinweisen würde, die mit dieser Situation einher gehen, ich darf noch einmal zitieren:

„Einige werden vielleicht sagen: Das sind schwierige und komplexe Zeiten, in denen wir heute leben. Andere werden denken, dass Christen in unseren Gesellschaften aufgrund einer Vielzahl von Faktoren wie dem Säkularismus oder einer individualistischen Denkweise immer weniger Handlungsspielraum oder Einfluss haben. Dies kann zu einer Haltung der Verschlossenheit, der Abwehr und sogar der Resignation führen.“

Und das ist nicht gut. Der Rückzug ist nicht die Antwort des Christentums – die Begegnung war ökumenisch, der Papst sprach über alle Christinnen und Christen – sondern eine Gefahr.

Rückzug ist keine Option. Kulturchristentum ist keine Option. Bei allen aktuellen Problemen dürfen wir nicht aus dem Blick verlieren, in welche Richtung es mit dem Christentum gehen muss.

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Franziskus, Glaube und Vernunft, Glaube und Welt, Ökumene, Papstreise, Spiritualität / Geistliches Leben, Unterwegs | Verschlagwortet mit , , , , , , | 13 Kommentare

Die Wir-machen-das-schon-Haltung

Wir Vatikaner haben Erfahrung mit durchgestochenen Dokumenten. Passiert immer wieder, ist ärgerlich, alle Überlegungen und auch gerne mal Vertraulichkeit, die manchmal nötig ist, geht aus dem Fenster. Besonders ärgerlich ist das, wenn es Dokumente betrifft, die eh veröffentlicht werden sollen, siehe Laudato Si‘, die Enzyklika, von der eine noch nicht ganz fertige Version durchgestochen wurde.

Genau, es geht um die Missbrauchs-Studie der deutschen Bischöfe.

Auch die war ja vorab Medien gegeben worden, dass die Bischofskonferenz verärgert ist, ist verständlich und nachvollziehbar. Die haben lange an einer Veröffentlichung gearbeitet und wollten, dass die Bischöfe die erst selber zur Kenntnis nehmen, bevor sie an die Öffentlichkeit kommt.

Die Lecks an die ZEIT und den SPIEGEL haben das verhindert, der Ärger ist da.

 

Schmollecke

 

Weniger verständlich finde ich aber jetzt Kommentare, die ganz merkwürdig halbe Vorwürfe an die Medien richten. Einen mag ich hier mal nennen, ich zitiere: „Doch statt die Deutung den Bischöfen zu überlassen, übernahmen dies informierte Medien lieber selbst – Interpretation inklusive.“ Ich muss mich wundern, warum sollte man denn die Deutung den Bischöfen überlassen? Wie gesagt, der Ärger ist nachvollziehbar, aber die in Frage kommenden Journalisten machen nur ihren Job. Das mag Kirche nicht passen, das kann ich wie gesagt nachvollziehen, aber jetzt als Nichtbeteiligter gekränkt zu schmollen ist auch keine Lösung.

Vorwurf: „Die “Zeit”, die offenbar den frühesten Zugriff auf das Zahlenmaterial hatte, kündigte folgerichtig an, nicht den Bischöfen die Deutungshoheit über die von ihnen selbst in Auftrag gegebene, aufwendige Studie zu überlassen, sondern diese lieber selbst zu übernehmen.“ Genau. Das ist deren Job.

 

Sinn der Studie, Job der Journalisten

 

Ob sie das richtigmachen oder nicht, darüber kann man gerne debattieren, ob die Schlüsse richtig gezogen wurden und so weiter, das alles muss diskutiert werden, und wird es noch, auf Jahre hinaus, und das ist ja auch Sinn der Studie.

Wir – die Kirche – bestimmen aber nicht mehr den Diskurs. Wir geben nicht mehr vor. Statt zu schmollen und eine Wir-machen-das-schon-Haltung einzunehmen, müssen wir anerkennen, dass die Welt nicht auf uns wartet. Man vertraut Kirche auch nicht mehr, zu Recht, wie man mit Blick auf jahrzehntelanges Wegschauen feststellen kann. Um das Vertrauen muss jetzt erst einmal wieder geworben werden, dass kann man nicht per Kommentar einfordern.

 

Nachvollziehen, was passiert ist und wie es passiert ist

 

Der Kollege findet es auch falsch, dass die FAZ einen alten Fall noch einmal ganzzeitig ausrollt, das war am vergangenen Samstag. Ein furchtbares Stück, weil es ganz trocken und unpathetisch einfach nur nachzeichnet, die die Karriere eines Täters aussieht. Man versteht auf einmal den Ablauf, schaut hinter die Zahlen. Furchtbar ist das Stück, weil man erkennt, wie sehr die Struktur an wie vielen Stellen versagt hat. Ich fand das gut und richtig, die Geschichte auch einmal so zu erzählen. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein, Deutschlandreise Papst Benedikt XVI., Die deutschsprachige Kirche, Franziskus, Geschichte, Glaube und Vernunft, Glaube und Welt, Kirche und Medien, Neulich im Internet, Papstreise, Spiritualität / Geistliches Leben, Vatikan | 42 Kommentare

Wachsende Einsicht

Da wird kirchliche Lehre geändert! Der Trauer-, Skandal- und Schlachtruf all derer, die nicht einverstanden sind mit vielem, was in der Kirche so vorgeht. Die Lehre, die wir empfangen haben und weiter geben sollen, die mit dem Siegel der Unfehlbarkeit der Kirche versehen ist, die zu bewahren und zu schützen ist, die wird verändert. Schlimm!

Der Schrei passiert meistens dann, wenn es um Moral-Lehre geht. Siehe Amoris Laetitia und den Empfang der Kommunion, sei es für wiederverheiratete Geschiedene oder für konfessionsverbindende Ehen. Was ist Ehe, was darf Ehe, wer darf Ehe, und wie darf das mit dem Sexualleben sein, darauf wird das leider meistens reduziert.

Moderner Christus (Fribourg, Schweiz)

Moderner Christus (Fribourg, Schweiz)

Was daran eindeutig stimmt ist natürlich, dass wir das, was wir glauben, nicht einfach per Ukas oder per Mehrheitsbeschluss ändern können. Es gibt die Bibel, es gibt die Tradition und die Entscheidungen und Erwägungen der Generationen vor uns, der Glaube „gehört“ uns nicht, es gilt ihn zu leben und zu reflektieren, nicht passend zu machen. Dafür steht – mindestens – das Kreuz.

Was aber auch stimmt ist, dass die Lehre nichts Monolithisches ist. Sie lebt, sie ist nicht zwischen Buchdeckel einzuzwängen. Ein Wort, das gestern oder vor 100 Jahren eine bestimmte Bedeutung hatte, hat diese Bedeutung gewechselt, schlicht deswegen, weil Sprache lebt. Auch kann ich bei Übersetzungen nicht auch die Bedeutungszusammenhänge mit postulieren, Übersetzung ist immer auch kulturelle Übersetzung. Und ich darf nicht bei der Verkündigung eine bestimmte Kultur als Referenzgröße setzen, da ist Papst Franziskus sehr klar.

 

Bedeutungswandel, Bedeutungsübersetzung

 

Im August hat es ein Beispiel gegeben, wo es eine Änderung des Katechismus gegeben hat, wo also ein Lehrsatz der Kirche sich geändert hat, und wo bei dieser Änderung der Grund für den Wandel gleich mit in den Katechismus eingeschrieben wurde.

Es geht um die Todesstrafe. Von einer abwägenden Regelung „Soweit unblutige Mittel hinreichen […] hat sich die Autorität an diese Mittel zu halten […]“, es wurde also eine Unterscheidung eingefordert, wenn auch mit eindeutiger Schlagseite gegen die Anwendung. Nun ist es absolut formuliert: „Deshalb lehrt die Kirche im Licht des Evangeliums, dass die Todesstrafe unzulässig ist, weil sie gegen die Unantastbarkeit und Würde der Person verstößt“ (Katechismus 2267). Johannes Paul II. hatte noch einen Wunsch ausgesprochen, 1999 in St Louis, USA. Nachfolge Christi müsse „pro-life“ sein, und zwar in jeglicher Hinsicht. Papst Franziskus hat das aufgegriffen und jetzt in Katechismusworte umsetzen lassen.

Nebenbemerkung: dass Widerstand gegen diese Änderung außgerechnet von Katholiken kommt, die sich ausdrücklich als „pro-life“ bezeichnen, schon ein wenig ironisch. Oder tragisch.

 

Immer pro-life

 

Aber zurück zur Änderung: Spannend sind hier die dem eben zitierten Satz aus dem Katechismus vorausgehenden zwei Absätze: Es wird hingewiesen auf die Ergebnisse von Reflexion des bisher als Gültig angenommenen: „Lange Zeit wurde …“. Nicht vergessen dürfen wir, dass selbstverständlich auch christliche Herrscher bis hin zum Papst die Todesstrafe verhängt haben, mit Segen der Kirche, auch im Vatikanstaat. Gerade einmal 150 Jahre ist die letzte Hinrichtung her. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein, Franziskus, Geschichte, Glaube und Gerechtigkeit, Glaube und Vernunft | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , | 35 Kommentare

Glaube und Schwäche

Papst Franziskus verschenkt Kreuze, kleine, an diesem Sonntag auf dem Petersplatz. 40.000 davon gab es zu verteilen, eine Aktion durch das Almosenamt – fürchterliches Wort – des Vatikan.

Verteilt auf dem Petersplatz

Verteilt auf dem Petersplatz

Dieses Kreuze hier ist meines, noch brav in seiner Plastikverpackung.

Es sei kein Schmuck, hatte der Papst gesagt, außerdem könne man es nicht kaufen. Es sei sein Geschenk.

Verteilt wurde es von Armen, von Flüchtlingen und anderen, die auch sonst mit Kardinal Krajewski, dem zuständigen Mann im Vatikan, zusammen arbeiten.

Das braucht man gar nicht mehr zu erklären: Die am Rande schenken uns das Zeichen unseres Glaubens, es kommt nicht aus der Mitte, den Wohnzimmern des Glaubens, sondern neu vom Rand, von der Schwäche, der Flucht, der Armut.

Ich habe mir gerne eins schenken lassen. Es wird das ersetzen, was bislang bei mir an der Wand hängt.

 

Weil es vom Rand kommt

 

Wir haben ja in diesem Jahr schon lange und ausgiebig und auch hier über das Aufhängen von Kruzifixen gesprochen. Diese Bitte, eines aufzuhängen, kann ich einfach nicht ausschlagen. Weil es mir Menschen geschenkt haben, die was von Schwäche verstehen. Weil es vom Rand kommt, nicht aus dem Kraftzentrum. Genau dorthin ist Jesus ja gegangen.

Danke dem Papst für dieses kleine Sonntagszeichen, ein kleines Stück Belebung, nicht durch Worte, sondern durch Menschen und ein einfaches Zeichen.

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Franziskus, Glaube und Vernunft, Glaube und Welt, Spiritualität / Geistliches Leben | Verschlagwortet mit , , , , , | 6 Kommentare

Die Kirche wird eine andere sein – Wir müssen reden

Papst Franziskus hat den Vorsitzenden der US-Bischofskonferenz empfangen. Das macht der zwar immer im Herbst, dieses Mal aber kommt er zusammen mit dem Missbrauchsbeauftragten des Papstes, Kardinal O’Malley. Das Thema ist klar.

Papst Franziskus wird im Februar kommenden Jahres alle Vorsitzender der Bischofskonferenzen weltweit nach Rom bitten, um über Missbrauch und vor allem über den Schutz von Kindern und anderen schwachen Menschen zu sprechen.

Die deutschen Bischöfe wollten am 25. September ihren eigenen Missbrauchsbericht vorstellen. Leider haben zwei Medien sich vorab Exemplare besorgt und gestern (Mittwoch) darüber berichtet. Wir hätten gerne alle gleichberechtigt berichtet, alle mit denselben Voraussetzungen, aber so ist das halt im Journalismus. Aber vielleicht ist das ja ein getarnter Segen, die Kirche hat halt nicht mehr die Hoheit über die Interpretation, das wird nun brutal sichtbar.

Die Ergebnisse sind niederschmetternd. Dimensionen, Zahlen, Verbreitung, in der Zusammenschau von Jahrzehnten ist das ganz, ganz bitter.

 

Pennsylvania, Chile, Deutschland

 

Und dann war da der Bericht aus Pennsylvania.

Und dann war da die traurige Geschichte um ex-Kardinal McCarrick und das Verdecken seiner kriminellen Vergangenheit.

Und dann war das der Text von ex-Nuntius Viganò.

Und dann war da und ist da immer noch Chile. Und Australien. Und die USA.

Montagabend, Haus am Dom

Mein Ausblick bei der Podiumsdiskussion am Montag

Missbrauch ist und bleibt Thema in der Kirche. Und zwar nicht nur ein Thema, es bleibt das Thema, da kommen wir nicht raus. Auch bei einer Podiumsdiskussion an diesem Montag in Frankfurt, wo es um das Weitwinkelobjektiv auf 5 Jahre Papst Franziskus gehen sollte, stand natürlich und berechtigterweise Missbrauch im Mittelpunkt.

Was erzähle ich hier? Das wissen Sie doch alles.

Ich erzähle das nur deswegen alles noch einmal, weil wir diese Tage mal wieder eine Verdichtung der Ereignisse erleben. Schlag auf Schlag, sozusagen. Das ist emotional wichtig, auch wenn es vielleicht die einzelen Teile der Geschichte zu sehr zu einem Gesamt vereint, aber so ist das eben. Auch das ist Teil des Berichtens.

 

Verdichtung der Ereignisse

 

Es muss noch mehr über dieses Thema geredet werden. Überall. Hinter verschlossenen Türen, wenn es um Personal geht. Öffentlich, wenn es um Würde und Schutz geht. Es muss über Prävention gesprochen worden. Und darüber, was diese Verbrechen möglich gemacht hat.

Ja, es ist kein ausschließlich kirchliches Thema. Ja, es wäre schön, wenn die Opfer anderen Missbrauchs dieselbe Aufmerksamkeit bekämen. Aber nein, wir dürfen nicht ablenken, Missbrauch in der Kirche ist besonders, hat eigene Ausprägungen und Voraussetzungen, und mit dem geistlichen und moralischen Anspruch der Kirche muss er auch eigens bearbeitet werden.

 

Es setzt sich langsam durch

 

Wie das darüber reden geht, setzt sich langsam bei uns durch. Erst mal zuhören, immer wieder zuhören. Dann mit Hilfe von außen auf die Strukturen schauen, die das möglich gemacht haben. Auf die Personen schauen, die Verantwortung haben und diejenigen stützen, die sich für all das einsetzen, was Opfer und Kirche jetzt brauchen.

Aber auch das wissen Sie alles. Auch wenn es noch nicht überall passiert, in Theorie wenigstens ist das klar.

Mein Punkt: Das Ganze ist noch längst nicht zu Ende. Längst nicht. Nicht nur, weil es immer noch Leute gibt, die meinen, diese Geschichten kämen von außen und seien der Kirche „zugefügt” worden. Nicht nur weil andere Länder und Kulturen noch nicht einmal angefangen haben, zu entdecken, dass es das auch bei ihnen gibt. Sondern schlicht weil wir noch nicht richtig begriffen haben, dass es kein zurück mehr gibt. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein, Die deutschsprachige Kirche, Franziskus, Geschichte, Glaube und Gerechtigkeit, Glaube und Vernunft, Kirche und Medien, Spiritualität / Geistliches Leben, Vatikan | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , | 44 Kommentare

Und der Papst schweigt

Er kann, soll und muss jetzt reden: Papst Franziskus steht in der Öffentlichkeit unter Druck, beugt sich diesem Druck aber nicht. Sondern er schweigt. Und wird deswegen weiter unter Druck gesetzt, in den vergangenen Tagen habe ich von vielen Christinnen und Christen gehört, dass sie sich ein klärendes Wort erwarten, allein um die nagenden Zweifel auszuräumen.

Aber der Papst schweigt. Warum? Wozu schweigt Papst Franziskus?

Der Journalist Austen Ivereigh ist jemand, der besonders qualifiziert ist, über dieses Schweigen zu sprechen. Er ist nicht nur Vatikan-Kenner, sondern hat seine Promotion auch zur Kirche unter der Militärdiktatur Argentiniens geschrieben. Das ist deswegen in diesem Fall wichtig, weil es nicht das erste Mal ist, dass Jorge Mario Bergoglio in einer krisenhaften Situation schweigt.

Auch damals schwieg er schon: Karinal Bergoglio vor seiner Papstwahl. Bild: Casa Rosada, Argentinien

Auch damals schwieg er schon: Karinal Bergoglio vor seiner Papstwahl. Bild: Casa Rosada, Argentinien

Erinnern wir uns: Als er 2013 zum Papst gewählt wurde, wurde sofort eine Komplizenschaft mit den Militärs in seinem Heimatland unterstellt, Argumente oder gar Beweise brauchte es nicht. Und auch im Jesuitenorden gab es lange die Geschichte, er habe zwei Mitbrüder an die Militär-Diktatur verraten.

Ivereigh geht in einer der bislang besten Bergoglio-Biografien auf all diese Vorwürfe detailliert ein und zeigt, wie wenig da dran war und dran ist. Nichts.

Was hier aber wichtig für das Argument ist ist die Tatsache, dass 2013 der frisch gewählte Papst nichts dazu sagte. Gar nichts.

 

Schweigen schon als Pater und als Bischof

 

Ein italienischer Autor brach darauf hin nach Argentinien auf, um Beweise für die Komplizenschaft zu finden, von der er selber auch überzeugt war. Er kam zurück und schrieb das genaue Gegenteil: Bergoglio hatte Menschen geholfen, vor den Diktatoren und ihren Häschern zu fliehen (Nello Scavo: Bergoglios Liste. Auf Deutsch bei Herder erschienen).

Bergoglio selber hatte darüber nie gesprochen. Und tat das auch unter Druck nicht. Es wäre einfach gewesen, die Anklagen 2013 – die es angeblich auch beim Konklave 2005 schon gegeben hatte – mit Verweis auf diese Rettungsaktionen vom Tisch zu wischen. Papst Franziskus tat es nicht. Er schwieg.

 

Schweigen unter Druck

 

Und in einem Artikel erklärt Austen Ivereigh auch, warum. Es hat geistliche Gründe. Das Schweigen öffnet den Raum für das Handeln Gottes. In Zeiten großen Drucks, wenn alles gegen einen spricht und wenn die Versuchung groß ist, jetzt alles durch eigenes Tun in die Hand nehmen zu wollen, genau dann ist das Gegenteil richtig. Nicht das eigene Tun, sondern das Schweigen und damit Gottes Handeln ist wichtig. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein, Die deutschsprachige Kirche, Franziskus, Geschichte, Glaube und Gerechtigkeit, Glaube und Vernunft, Kirche und Medien, Neulich im Internet, Spiritualität / Geistliches Leben | Verschlagwortet mit , , , , , , | 62 Kommentare

Das nennt man ein Foul

Ein Brief, der die Kirche bis in ihren Kern hinein erschüttert: so beschrieb die New York Times den langen Text, den ein ehemaliger Vatikanbotschafter zum Thema Papstwissen, Missbrauch und Transparenz geschrieben hatte. Gekrönt war er von der Aufforderung an den Papst, zurückzutreten. Das war genug Wirbel um selbst gewöhnlich gut informierte Menschen in Verwirrung zu bringen. Die NYT hat also Recht, da ist was im Kern erschüttert.

Päpstliches Zeichen: der weiße Pileolus

Es geht um die Autorität des Papstes

Die Antwort des Papstes darauf beim Rückflug aus Irland war klar: der Text spreche für sich selbst, man müsse ihn nur lesen, „Lesen Sie es selbst aufmerksam und bilden Sie sich ein eigenes Urteil.“

Was ich an dieser Stelle auch noch einmal tun mag, auch wenn der Vorgang schon ein wenig her ist. Aber die Wellen schlagen immer noch, es kommen immer wieder kleine Nachbeben und der angerichtete Schaden ist groß.

Wie es ein Kollege zu mir sagte: wenn sie keine theologischen Argumente mehr haben, dann gehen sie auf den Papst persönlich los. Das scheint mir und nach Lektüre vieler Stücke vielen informierten Kolleginnen und Kollegen des Pudels Kern zu sein.

 

Selber lesen

 

Ein erster Gedanke: Der Kern des Vorwurfs gegen den Papst, er habe gewusst und vertuscht, sind die Sanktionen gegen McCarrick, die Papst Benedikt XVI. seinerzeit ausgesprochen habe und die Franziskus zurück genommen habe. Dafür gibt es keinen Beweis. Weder für die Sanktionen, deswegen auch nicht für die Rücknahme. Darauf haben so ziemlich alle Vatikankenner hingewiesen, zumindest diejenigen, die berichten und nicht eine eigene Agenda damit verfolgen. Damit bin ich bei Punkt zwei.

 

Geht es wirklich um Missbrauch?

 

Bei der wiederholten Lektüre des Textes des ex-Nuntius beschleicht mich das Gefühl, hier geht es gar nicht um Missbrauch. Besonders im zweiten Teil, wo er Namen nach Namen nennt und teilweise ziemlich an den Haaren herbei gezogene Vorwürfe um sich schleudert, kommt ein Thema deutlich zum Vorschein: Homosexualität. Das ist der Kernvorwurf, den er all denen macht, die er nennt. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein, Die deutschsprachige Kirche, Franziskus, Glaube und Vernunft, Glaube und Welt, Kirche und Medien, Neulich im Internet, Rom, Vatikan | Verschlagwortet mit , , , , , | 22 Kommentare

Fremd im Petersdom

Und erst mal in den Petersdom: Es ist mir eine gute Tradition geworden, nach Urlaub oder längeren Abwesenheiten früh morgens in diese unglaubliche Kirche zu gehen, sozusagen um den Kontakt wieder aufzunehmen. So auch jetzt wieder.

Und obwohl ich ja wirklich nicht selten mit dem Bau zu tun habe, ist er jedes Mal doch wieder irgendwie eine Kombination aus fremd und vertraut. Jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit schaue ich drauf, ich mache Übertragungen und kenne per TV-Kamerablick jeden Winkel, aber jedesmal drinnen ist es doch wieder etwas fremd. Vielleicht ist das ja genau die Motivation dafür, immer wieder dorthin zu gehen.

Sankt Peter, sieben Uhr morgens

Und wie immer gehe ich früh morgens hinein, wenn die Türen öffnen, vor den Mengen. Den Massen. Selbst mit mehreren Hundert Pilgern und Besuchern wirkt der Petersdom morgens fast leer.

Und dann kommen die Mengen. Alle kommen. Und die Kirche verwandelt sich in ein großes Museum. Und man sieht, wie viele Menschen nicht recht wissen, was tun. Wie verhält man sich in einer Kirche, wenn man das von zu Hause nicht kennt? Und dann auch noch: wie verhält man sich in einer so großen Kirche? So gigantischen Kirche?

Morgens um sieben

Vor einigen Jahren war ich in Vietnam, und dort haben wir auch buddhistische Tempel besucht. Und an meinen Fragen und meinem Verhalten dort mache ich heute das Verhalten der vielen Besucher fest. Mir war nicht klar, was das genau ist, so ein Tempel. Ist der heilig? Oder „nur“ ein Gebetsraum? Darf man da als Nichtbuddhist eigentlich rein? Was muss ich tun? Was darf ich nicht tun? Was für Kleidung darf ich tragen oder muss ich tragen? Und was nicht?

Die Hilfe eines Ortskundigen hat geholfen, aber auch das Umsichschauen hilft: Schuhe-aus zum Beispiel kann man so lernen.

Fremdheit lernen

Das geht in etwa auch in den Köpfen all derer vor, die nach Sankt Peter strömen. Jedenfalls, wenn sie sich die Mühe machen. Und ganz ehrlich: die meisten tun das. Schon vor der Kirche bekommt man ja klar gesagt, was nicht geht, etwa an Kleidung.

Drinnen dann ist es laut. Gruppen bekommen erklärt, was sie gerade sehen und dass sie bitte hierher oder dorther kommen sollen, schließlich warte ja der Bus. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein, Glaube und Vernunft, Glaube und Welt, Kunst, Kultur und Können, Rom | Verschlagwortet mit , , , , , | 22 Kommentare

Pause

Petrus-Statue in Sankt Peter

Petrus-Statue in Sankt Peter

Es ist mal wieder soweit, dieser Blog legt eine Pause ein. In den kommenden Wochen arbeiten wir hier bei Vatican News mit reduzierter Mannschaft, da wird weniger Zeit sein als sonst, für den Blog zu schreiben.

Und danach gehe ich dann auch selber mal in Urlaub. Und es braucht auch mal Zeit, neue Ideen zu sammeln. Und überhaupt.

Ich gehe auch – wie im letzten Jahr auch schon – mit nachdenklicher Grundfärbung in den Sommer. Zuletzt hatte ich stärker noch als sonst zu Barmherzigkeit, politischem Handeln und dergleichen geschrieben. Aber was viele zu interessieren scheint ist Recht, Dürfen, Beschränken, und dergleichen. Eine innere Selbstbeschränkung von Religion, die sich selbst zu verlieren droht.

Das wird sicherlich wieder ein Thema werden, wenn ich hier wieder loslege. Deswegen also ab jetzt und heute diese Pause. Im September geht es dann weiter hier.

Einen schönen Sommer allen,

P Bernd Hagenkord SJ

Veröffentlicht unter Allgemein, Die deutschsprachige Kirche, Kirche und Medien | Verschlagwortet mit , , , , , | 5 Kommentare

Der Kern des Politischen

Es ist Mode geworden, das Wort „Staatsversagen“ zu gebrauchen. Jede Menge Titel in Blättern und im Netz, viele Reden und auch hier in der Kommentarsektion meinen einige, dieses Versagen behaupten zu können. Es geht natürlich um 2015 und die Folgezeit, um den Umgang mit Flüchtlingen.

Wie bitte?, mag man meinen. Einer der reichsten und stabilsten Staaten in Europa spricht vom Versagen? Unser politisches System ist stabil, unsere Verwaltung, unsere Rechtsprechung. Aber bis hin zu Ministern meinen einige, von Versagen sprechen zu müssen?

Der Papst und der Politiker

Der Mythos vom Staatsversagen lautet, die Obrigkeit hätte uns vor den Flüchtlingen, die uns etwas wegnehmen, schützen müssen, dies dann aber nicht getan. Im Gegenteil, statt des Schutzes hätte sie, die Obrigkeit, diesen Schutz (= die Grenze) bewusst geschwächt.

Natürlich ist nicht immer alles was die Politik oder die Verwaltung macht richtig. Aber Messwert für das Funktionieren eines Gemeinwesens ist doch nicht und kann doch nicht die Abwesenheit von Problemen sein. Messwert ist nur, wie ein Gemeinwesen damit umgeht, wie es aus Fehlern lernt.

 

Was wir lernen

 

Deutschland erreicht vielleicht die selbst gesteckten Umweltziele nicht. Ist das Staatsversagen? Davon spricht keiner. Deutschland entgehen jährlich riesige Beträge, weil einige ganz Reiche ihr Geld verstecken. Staatsversagen? Keiner sagt das. Wir wollen die Ursachen von Flucht bekämpfen, kürzen aber den dafür vorgesehenen Haushaltsposten um eine Milliarde, ist das schon Staatsversagen?

Es geht bei denen, die mit dieser Vokabel um sich werfen, nur um die Flüchtlingsfrage.

Und an dieser Stelle möchte ich bezweifeln, dass es die Aufgabe der Politik ist, uns Probleme vom Hals zu halten. Uns zu schützen, ja, deswegen gibt es das Gewaltmonopol. Aber Politik ist mehr als das Draußen-Halten von Problemen.

 

„Their problems are our problems”

 

Kern des Politischen ist etwas anderes. Darf ich Papst Franziskus zitieren, der hat es in seiner Rede vor dem US-Kongress 2015 sehr deutlich ausgedrückt: „Their problems are our problems”. Wer sich nicht mit den eigenen Problemen zufrieden gibt, sondern Verantwortung für andere übernimmt, macht sich ihre Probleme zu eigen. Und er bekommt auch Probleme, die er sich gar nicht ausgesucht hat. Klimafragen, Hunger, Zugang zu Wasser, und natürlich die vielen mit Migration und Flucht verbundenen Fragen. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Die deutschsprachige Kirche, Franziskus, Glaube und Gerechtigkeit, Glaube und Vernunft, Kirche und Medien | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 65 Kommentare