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Geistlich schwach?

Als ob die Synode alles entscheiden würde: In der Kirche ist Familie im Augenblick ein großes Thema, vor allem natürlich mit Blick auf die Synode. Leider erweist sich das oft nicht als eine Debatte, wie sie sich der Papst gewünscht hatte, sondern eher als ein Anrühren von Beton auf allen Seiten: Dies und das darf und muss und soll auf jeden Fall …

Dabei wird immer deutlicher, wie man sich gegen einige Ideen, die unter anderem – aber nicht nur – aus deutschsprachigen Ländern kommen, wehrt.

Kirchensteuer ist das eine, darüber habe ich ja schon zweimal geschrieben, einmal über die „ideologisierende Verbindung von leeren Bänken und theologischen Anliegen“ und einmal über den Kurzschluss, der passiert, wenn man zu wenig nachdenkt.

Dazu kommt nun die etwas komplexere Sicht der kraftlosen Kirche. La Stampa – eine italienische Tageszeitung – hat online zum Beispiel einen Kommentar, in dem über den Bericht der deutschen Bischofskonferenz referiert wird; die Idealisierung der Familie in der Kirche, das Suchen nach neuen pastoralen Initiativen für Menschen, die dieses Ideal nicht erreichen (übersetzt: wiederverheiratete Geschiedene). Und dann schließen die Überlegungen mit dem Hinweis, die deutschen Bischöfe führten ins Feld, dass eine Mehrheit der Menschen eine Entwicklung der Lehre wolle und damit eine größere Öffnung für die Realität des Lebens heute.

Das wird einfach referiert, vielleicht verkürzt, aber das ist kein Problem. Das entsteht erst im Nachsatz, denn an diese Zusammenfassung schließt sich eine kurze Überlegung an, was denn diese Realität eigentlich ist. Und zwar die Realität in Deutschland, an die sich die Kirche anpassen soll. Und dazu nutzt der Artikel eine Studie über die Seelsorgerinnen und Seelsorger, die vor kurzen vorgestellt wurde, diese habe unter anderem herausgefunden, dass etwa die Hälfte aller Priester nicht mehr als ein Mal im Jahr beichten und dass nur zwei Drittel der Priester überhaupt jeden Tag beteten.

Die unausgesprochene Frage dahinter – ob vom Autor intendiert oder nicht muss hier gar keine Rolle spielen – ist natürlich die, wie eine geistlich schwache Kirche, wo das tägliche Gebet noch nicht einmal bei Priestern selbstverständlich ist, in der Weltkirche maßgeblich mitreden will. Und dass diese Kirche sogar in Sachen Lehre mitreden will. Das Argument, ein Blick auf die Realität sei nötig, wird durch den Hinweis auf den geistlichen Hintergrund sozusagen entwertet.

 

Ein Blick auf die Realität hilft

 

Die Schwäche der Kirche bei uns – behaupte ich jetzt einfach mal ohne genaue Zahlen zu haben – liegt aber gar nicht in der Schwäche des Gebetes. Sie liegt darin, dass es bei uns Studien dazu gibt. Wer sich seine eigene Realität nicht anschaut, der kann ganz einfach auf die Schwächen der anderen blicken. Weiterlesen

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Der Exodus, eine Grunderfahrung der Berufung

Widersprechen Sie mir, aber ich halte es für eine gute Idee, vorab veröffentlichte Texte des Vatikan am Tag, den es betrifft, noch einmal in Erinnerung zu bringen, auf die Gefahr hin, dass sie sonst vielleicht vergessen werden. Hier also die Botschaft von Papst Franziskus zum 52. Weltgebetstag für geistliche Berufe (26. April 2015), die schon am Palmsonntag verfasst und dann nach der Osterwoche veröffentlicht wurde.

 

Liebe Brüder und Schwestern,

der vierte Sonntag der Osterzeit stellt uns das Bild des Guten Hirten vor Augen, der seine Schafe kennt, sie ruft, sie nährt und sie führt. An diesem Sonntag begehen wir den Weltgebetstag für geistliche Berufe seit über fünfzig Jahren. Jedes Mal erinnert er uns an die Bedeutung dieses Gebetes, denn Jesus selbst sagte zu seinen Jüngern: »Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden« (Lk 10,2). Jesus erteilt diesen Auftrag im Zusammenhang mit einer missionarischen Aussendung: Außer den zwölf Aposteln hat er zweiundsiebzig weitere Jünger gerufen und sendet sie zu zweit in die Mission (vgl. Lk 10,1-16). Wenn die Kirche »ihrem Wesen nach missionarisch« ist (Zweites Vatikanisches konzil, Dekret Ad gentes, 2), dann kann in der Tat die christliche Berufung nur innerhalb einer missionarischen Erfahrung aufkeimen. Die Stimme Christi, des Guten Hirten, hören und ihr folgen, indem man sich von ihm anziehen und führen lässt und ihm das eigene Leben weiht, bedeutet also zu erlauben, dass der Heilige Geist uns in diese missionarische Dynamik einführt und in uns den Wunsch und den frohen Mut erweckt, unser Leben hinzugeben und es für die Sache des Gottesreiches einzusetzen.

Die Hingabe des eigenen Lebens in dieser missionarischen Haltung ist nur möglich, wenn wir fähig sind, aus uns selbst herauszugehen. Darum möchte ich an diesem 52. Weltgebetstag für geistliche Berufe einige Überlegungen anstellen über gerade diesen besonderen „Exodus“, der die Berufung – oder besser: unsere Antwort auf die Berufung – ist, die Gott uns schenkt. Wenn wir das Wort „Exodus“ hören, denken wir sofort an die Anfänge der wunderbaren Liebesgeschichte zwischen Gott und dem Volk seiner Kinder, eine Geschichte, die die dramatischen Tage der Sklaverei in Ägypten, die Berufung des Mose, die Befreiung und die Wanderung zum Land der Verheißung durchläuft. Das Buch Exodus – das zweite Buch der Bibel –, das diese Geschichte erzählt, stellt ein Gleichnis der gesamten Heilsgeschichte wie auch der Grunddynamik des christlichen Glaubens dar. Der Übergang von der Sklaverei des alten Menschen zum neuen Leben in Christus ist ja das Erlösungswerk, das sich in uns durch den Glauben vollzieht (vgl. Eph 4,22-24). Dieser Übergang ist ein wirklicher „Exodus“, er ist der Weg der christlichen Seele und der ganzen Kirche, die entscheidende Ausrichtung des Lebens auf den himmlischen Vater hin.

 

Der Übergang in eine neues Leben

 

An der Wurzel jeder christlichen Berufung liegt diese grundlegende Bewegung der Glaubenserfahrung: Glauben heißt sich selbst loslassen, aus der Bequemlichkeit und der Härte des eigenen Ich aussteigen, um unserem Leben in Jesus Christus seine Mitte zu geben; wie Abraham das eigene Land verlassen und sich vertrauensvoll auf den Weg begeben in dem Wissen, dass Gott den Weg zum neuen Land weisen wird. Dieser „Auszug“ ist nicht als eine Verachtung des eigenen Lebens, des eigenen Empfindens, der eigenen Menschlichkeit zu verstehen, im Gegenteil: Wer sich in der Nachfolge Christi auf den Weg macht, findet Leben im Überfluss, indem er sich ganz und gar Gott und seinem Reich zur Verfügung stellt. Weiterlesen

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systemrelevant

Die Natur ist systemrelevant. In den ganzen Debatten darüber, was alles gerettet werden muss und was man als Verlust verkraften kann, hat das Wort ‚systemrelevant’ eine steile Karriere hingelegt. ‚Too big to fail‘ ist ein anderer Begriff für dasselbe: Wenn man nur mächtig genug ist, dann darf man sich alles erlauben, weil ein Konkurs noch schlimmer wäre als das gegenwärtige Desaster. Oder wie Bert Brecht es ausgedrücken würde: Wenn du eine Million Schulden hast, gehörst du der Bank. Wenn du 100 Millionen Schulden hast, gehört die Bank dir.

Systemrelevant bedeutet, dass das gesamte Netz von Geld und Vertrauen und Leihen und Geldfluss durch ein Scheitern ernsthaft in eine Schieflage geraten würde, so dass man über die grotesken Fehler der Verantwortungsträger hinweg sieht, ihnen noch einen Bonus in die Hand drückt und den Steuerzahler alle Kosten übernehmen lässt. Siehe Finanzkrise vor 8 Jahren.

Das zeigt uns, wohin wir bereits sind Energien und Kapital zu leiten, wenn wir etwas als relevant für unser System erkennen.

Das lässt mich fragen, warum dasselbe nicht bei der Natur passiert, bei unserer Mitwelt. Klar, wir betreiben den Energiewandel, aber um den Preis, dass die ganzen Energie verschwendenden Industrien ausgelagert werden, das schöne leichte Aluminium wird in Brasilien produziert, wo man dazu riesige Staudämme baut, Menschen vertreibt, Urwald zerstört. Nur um ein einziges Beospiel zu nennen.

Wir betrachten die Mitwelt nicht als eine Bank. Wir betrachten den Planeten offensichtlich nicht als ‚systemrelevant‘, sondern eine Ressource, bei der sich einige bedienen dürfen, die anderen aber leiden müssen. Uns hier geht es prächtig, im Großen und Ganzen, und vor allem geht es uns prächtig im Vergleich mit dem Rest der Welt. Aus unserer Sicht funktioniert das System also. Der Planet – könnten wir ihn fragen – sähe das bestimmt etwas anders.

Es nähert sich der Papsttext zum Thema, ich bin gespannt, was er sagen wird.

 

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„Wehe mir, wenn ich nicht verkünde“

Der Papst will einen Zustand ständiger Mission. Nichts weniger. Gleich am Anfang von Evangelii Gaudium und dann in verschiedenen Formulierungen kommt das vor, in verschiedenen Spielarten zieht sich das durch alles, was er sagt. Das Wort „Mission“ hat leider bei uns einen etwas schalen Geschmack, man denkt gleich an Konquistadoren und so weiter, deswegen ziehe ich Verkündigung vor. Im Sinne der „ständigen Mission“ müsste man aber mit Paulus sagen: „Wehe mir, wenn ich nicht verkünde“.

Diese Dimension ist bei uns nicht allzu sehr ausgeprägt. Schauen wir uns an, was in den innerkirchlichen Debatten wichtig ist, dann dreht sich das un den Ausdrücken des Konzils alles um Communio-Theologie, also darum wie wir Kirche verstehen, Leitung, Hierarchie, Laien, die Zuordnung von Weltkirche und Ortskirche, Zölibat etc. Und wir kennen auch diese Dokumente des Konzils, Lumen Gentium, Gaudium et Spes etc. Aber kennen wir Apostolicam Actuositatem? Ad Gentes?

Die Communio-Theologie ist debattiert, die Missions-Theologie führt dagegen eher ein Schattendasein. Bitte widersprechen Sie mir, aber das scheint mir für unsere Breiten für die vergangenen Jahrzehnte zu stimmen.

 

Auftrag Verkündigung

 

Papst Paul VI. hat einen großartigen Text nach einer Bischofssynode dazu veröffentlicht, Evangelii Nuntiandi von 1975. Ein wunderbarer Text, von dem ich bei einigen Bischofssynoden gehört habe, da sei auch für heute noch alles drin. Kardinal Bergoglio hat ihn als eines der besten kirchlichen Dokumente überhaupt bezeichnet. Und bei uns? Europa war so sehr konsumiert von der Debatte um Humanae Vitae sieben Jahr zuvor, dass nichts mehr wahrgenommen wurde, was von Papst Paul kam. Wir haben es schlicht vergessen.

Papst Franziskus kommt aber nun aus einer kirchlichen Gegenwart, die geprägt ist von Mission. Und damit meine ich nicht die Kolonisierung, die vor 500 Jahren begann. Ich meine die Lebendigkeit und Dynamik der Evangelikalen Kirchen. Da ist Mission ganz vorne weg. Da ist auch Freude und man findet überhaupt nichts dabei, seinen Glauben weitergeben zu wollen, andere Gläubige gewinnen zu wollen, kurz zu missionieren.

Das hat auf die gesamte Kirche dort abgefärbt, so sie sich nicht in einer Defensivhaltung eingemauert hat, auch das gibt es. Und mit der Einfärbung meine ich kein taktisches Verhalten, ich meine dass die Auseinandersetzung mit diesen dynamischen Großkirchen unsere Kirche etwas hat neu entdecken lassen, was irgendwie verschütt war. Weiterlesen

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Die Welt ist fantastisch

Renaissance-Malerei gibt es eigentlich in Italien genug. Sollte man denken. Deutschland ist für diese Zeit nicht gerade als eine kulturelle Hochburg bekannt, als Avantgarde, Dürer vielleicht einmal ausgenommen. Um so schöner ist es, in einer Ausstellung eine eher unbekannte Seite von Kunst neu zu entdecken.

Das Kunsthistorische Museum Wien widmet sich in „Fantastische Welten“ einem eher vergessenen Blick auf die Welt. Und es ist eine Welt voller Bäumen. Ganz überraschend.

Albrecht Altdorfer: Sankt Georg und der Drachen

Albrecht Altdorfer: Sankt Georg und der Drachen

Nehmen wir nur einmal das Bild Der Heilige Georg und der Drache von Albrecht Altdorfer. Das erste, was man sieht, ist dass man fast nichts sieht. Stellen wir uns dieselbe Szene als Fresko in einem italienischen Palazzo vor, dann haben wir einen blauen Himmel vor Augen, im Hintergrund eine Stadt auf dem Berg, davor ein Ritter auf dem Pferd und ein durchbohrter Lindwurm zu seinen Füßen. Strahlende Farben und eine klare Strukturierung des Bildes auf seine Aussage hin. Bei Altdorfer sieht man den Ritter kaum. Man muss genau hinsehen, um ihn in all den Zweigen zu entdecken, auch farblich hebt er sich nicht ab.

Dass die Natur so dermaßen im Vordergrund steht, dass kennen wir vielleicht von Caspar David Friedrich oder von anderen Malern des 19. Jahrhunderts. Für die Renaissance ist uns das eher fremd.

 

Erdig, wuchernd, voller Ausdruck

 

Ende des 15. Jahrhunderts war eine Schrift wiederentdeckt worden, die nicht ganz unschuldig ist an der Entwickung. Tacitus hatte die ‚Germania’ geschrieben, und darin war der Raum östlich des Rheins beschrieben worden. Die Menschen des ausgehenden Mittelalters konnten sich dort wiederfinden: Die Germanen seien sittliche Menschen mit einem sehr geordneten Sozial- und Familienleben. Aufrichtig seien sie, tapfer und so weiter. Lange Haare und Bärte, Krieg und Stammeswesen, all das bestimmt die Kultur. Aber Tacitus weist auch auf die Menge Alkohol hin, die getrunken wird, und auf andere Schwächen. Kurz: Wild aber auf ganz eigene Weise zivilisiert.

Die Nachfahren der Germanen hatten also auf einmal im beginnenden 16. Jahrhundert eine eigene Geschichte, nicht nur eine Ableitung der römischen Geschichte, die sich in Italien und Frankreich kulturell fortsetzte. Und diese – und damit kommen wir zurück zu den Bäumen auf Altdorfers Bild – hat mit Wald zu tun. Weiterlesen

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Ikone des Karsamstags

SindoneSeit heute wird in Turin wieder das Grabtuch zur Verehrung ausgestellt, das „Sindone“. Ende Juni, kurz vor Ende der öffentlichen Hängung, wird auch Papst Franziskus nach Turin reisen. Zu diesem Anlass möchte ich hier noch einmal die von mir sehr geschätzte Meditation Papst Benedikt XVI. bei seinem Besuch dort 2010 einstellen:

 

„Die Verborgenheit Gottes ist Teil der Spiritualität des zeitgenössischen Menschen: in einer existentiellen, fast unbewussten Weise, wie eine Leere im Herzen, die immer größer geworden ist. Am Ende des 19. Jahrhunderts schrieb Nietzsche: „Gott ist tot! Und wir haben ihn getötet!“ Dieser berühmte Ausspruch ist bei genauem Hinsehen fast wörtlich der christlichen Überlieferung entnommen, oft wiederholen wir diese Worte beim Kreuzweg, vielleicht ohne uns ganz dessen bewusst zu sein, was wir da sagen. Nach den beiden Weltkriegen, nach den Konzentrationslagern und dem Gulag, nach Hiroshima und Nagasaki, ist unsere Epoche immer mehr zu einem Karsamstag geworden: Die Dunkelheit dieses Tages fordert die heraus, die nach dem Leben fragen, und besonders fordert sie uns Gläubige heraus. Auch wir müssen uns dieser Dunkelheit stellen.

Und dennoch hat der Tod des Sohnes Gottes Jesus von Nazaret auch noch einen entgegen gesetzten Aspekt, der vollkommen positiv ist, Quelle des Trostes und der Hoffnung. Und das lässt mich daran denken, dass das heilige Grabtuch wie ein „fotografisches” Dokument ist, das ein „Positiv“ und ein „Negativ“ hat. Es ist wirklich so: Das dunkelste Geheimnis des Glaubens ist zur gleichen Zeit das hellste Zeichen einer Hoffnung, die keine Grenzen hat. Der Karsamstag ist das „Niemandsland“ zwischen Tod und Auferstehung, aber dieses „Niemandsland“ hat einer, der Einzige betreten, der es durchquert hat mit den Zeichen seines Leidens für den Menschen: „Passio Christi. Passio hominis“. Und das Grabtuch spricht genau von diesem Augenblick zu uns, es bezeugt gerade dieses einzigartige und unwiederholbare Intervall in der Geschichte der Menschheit und des Universums, in dem Gott in Jesus Christus nicht nur unser Sterben geteilt hat, sondern auch unser Bleiben im Tod. Radikalste Solidarität.”

Die gesamte Meditation lesen Sie hier

 

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Spiegelverkehrt

Zuerst habe ich ein Unwohlsein mit dem Papst wahrgenommen, das vor allem mit der Liturgie zu tun hatte und damit, dass Papst Franziskus die Distanz nicht einhielt, die wir von Päpsten gewohnt waren: er umarmte, er fasste an und ließ sich anfassen, ein selfie-Papst.

Dann wurde es konkreter, aber noch nicht gegen den Papst selber: Seine vermutlichen Unterstützer wurden attackiert, Kardinal Walter Kasper vorneweg. Dabei spielte es keine Rolle, ob es die Unterstützung überhaupt gab oder nicht oder weswegen jemand etwas sagte, eine „Partei” wurde definiert und die wurde dann angegriffen.

Bei der Bischofssynode dann konnte man das Aufatmen regelrecht hören: Ah, da wollen Leute die Lehre ändern, endlich haben wir etwas! Mir scheint, dass vielen ein Stein vom Herzen fiel, weil das wachsende Unwohlsein mit dem Papst endlich greifbar und deswegen angreifbar wurde: Lehre ändern. Da stürzten sich Autoren geradezu auf dieses Thema, obwohl nicht ein Vorschlag gemacht wurde, nicht einer, geschweige denn ein Beschluss gefasst wurde, der diesen Angriff rechtfertigen würde. Er rechtfertigt sich nicht aus dem Inhalt, sondern aus der Form: Man kann sich gegen etwas wenden, nämlich das, wofür der Papst steht.

Immer noch ist bei den meisten der Papst selber tabu. Obwohl auch hier die ersten bereits an der Leitungsfähigkeit des Papstes zweifeln und Artikel im Netz zu finden waren, wann das Widerstandsrecht gegen einen Papst Pflicht ist.

Ein wenig absurd ist das schon: Das, was wir in den 80ern aus der einen kirchlichen Ecke gehört haben, hören wir nun spiegelverkehrt aus der anderen. Da wurde in den 80ern der Papst aus dem Hochgebet gestrichen, weil er so konservativ sei. Heute passiert dasselbe, aber aus genau dem entgegen gesetzten Grund. Und das meine ich nicht metaphorisch, das ist wirklich vorgekommen. Da wurde in den 80ern selbstgerecht die eigene Lehre der Modernität in Beton gegossen und gar nicht zugehört, genau dasselbe passiert heute wieder, exakt spiegelverkehrt.

Die Tragik: Was Papst Franziskus verlangt, wenn er von dem „aus sich heraus gehen” spricht und die Dynamik des Christseins entwickelt, gilt allen. Nun wird das aber mit einem vermeintlichen kirchenpolitischen Programm vermengt mit dem Resultat, dass sich keiner mehr bewegt. Die einen sagen, das sei gegen die Lehre. Und die anderen sagen, es seien ja schließlich die anderen gemeint. Tragisch.

Mir scheint, das Lernfähigkeit keine der katholischen Tugenden ist. Schade eigentlich.

 

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„Lasst euch be-barmherzigen“

Viel wichtiger als es der erste Satz der Bulle sagt, kann man Barmherzigkeit gar nicht nehmen: „Jesus ist das Antlitz der Barmherzigkeit des Vaters“. An diesem Samstag hat Papst Franziskus die Bulle – ein formaler päpstlicher Rechtsakt – veröffentlicht und zum Teil verlesen, mit der das Heilige Jahr zum Thema Barmherzigkeit einberufen wird.

Bereits seit dem Beginn seines Pontifikates spricht der Papst davon, Gott werde nie müde zu vergeben, Gott vergebe jedem, Gott vergebe alles, wir würden nur müde, danach zu fragen, hieß es bereits bei der ersten Ansprache zum Angelusgebet, direkt am Sonntag nach der Wahl.

Dienst: Fußwaschung und Segen im Gefängnis am Gründonnerstag

Dienst: Fußwaschung und Segen im Gefängnis am Gründonnerstag

Auch sein Papstmotto unterstreicht das, „Miserando atque eligendo“, frei übersetzt „durch barmherzigen Blick erwählt“. Der Papst hat sogar – noch als Kardinal – ein eigenes Wort dafür erfunden, ganz im Stil des Porteño, der Sprache Buenos Aires: „Miserecordiar“. Es sagt „¡dejáte miserecordiar!“, was man wahrscheinlich als „lasst euch be-barmherzigen“ übersetzen müsste. Akzeptiere die Barmherzigkeit Gottes, akzeptiere, dass du sie brauchst, so sagt der Papst. Und dann kann man auch selber barmherzig sein.

Barmherzigkeit ist eine innere Haltung des Gebens. Diese Haltung kann man aber nur einnehmen, wenn man arm ist, also wenn man nicht in der „Kultur des Komforts” lebt, die zur „Globalisierung der Gleichgültigkeit” führt, um die Papstpredigt auf Lampedusa zu zitieren. Barmherzigkeit ist etwas, was zwischen Menschen passiert und was den Barmherzigen verändert. Für Christen bedeutet die Begegnung mit Jesu ein Hereinbrechen der Freude des Gottesreiches, die erfüllt und großzügig und großherzig macht.

Das Besondere an der christlichen Barmherzigkeit ist, dass sie keine Angst davor hat, als das genaue Gegenteil – als gottlos, gesetzlos, inkonsequent – missverstanden zu werden. Das zeigt sich sehr deutlich vor allem in der innerkirchlichen Debatte, wo viele der Barmherzigkeit Grenzen setzen wollen, eben weil sie verändert und wandelt. Ihre Anwendung trägt das Risiko, nein die Gewissheit in sich, dass sie den Barmherzigen verändert. Man kommt anders heraus als man hinein gegangen ist.

Die Gerichtsrede von Matthäus 25 und die Seligpreisungen, das sind die beiden Texte, die Papst Franziskus immer und immer wieder als das Zentrum des christlichen Lebens angibt. Und immer fügt er an: Daran werden wir gemessen werden.

 

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Das Kreuz von Lampedusa

„In deinem geschlagenen, angespuckten und entstellten Antlitz sehen wir die Brutalität unserer Sünden. In der Grausamkeit deines Leidens sehen wir die Grausamkeit unseres Herzens und unseres Handelns.“ Worte von Papst Franziskus, oder besser Teil der Gebetsmeditation von Papst Franziskus beim diesjährigen Kreuzweg am Kolosseum am Karfreitag Abend. Der Papst hatte sich direkt an Jesus gewandt, es war wie ein Gebet, in das alle anwesenden Einbezogen waren, man hätte die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören können. Er ist ein großer Beter und versteht es, uns alle einzubeziehen in sein Gebet.

Weswegen ich das hier aber noch mal zitiere, hat einen anderen Grund. Diese Worte zeigen uns nämlich etwas, was während der Kartage einige Male zum Ausdruck kam, nämlich die Verbindung vom Kreuz Christi und dem Leiden in unserer Welt. In der Osterbotschaft wurde das besonders deutlich, der Frieden des Auferstandenen hat ganz konkrete Bezüge, bis hin zu den Waffenhändlern, die am Leid und am Tod von Menschen in Kriegs- und Krisengebieten ordentlich verdienen.

Das Kreuz ist nicht nur etwas entrücktes, fernes, geistliches und auf Jesus bezogenes. Im Kreuz erkennen wir auch unsere Sünden. Das macht die Verehrung des Kreuzes nicht zum Gutmenschentum, wir müssen schon aufpassen, dass wir das Kreuz Christi nicht ersetzen mit dem Leiden in der Welt und die Frage der Erlösung zu Gunsten eines innenweltlichen Friedens aufgeben. Aber ich denke, da sind wir uns alle einig.

 

Die so genannte „Tabuisierung der Einwanderungsdiskussion“

 

Nun bin ich neulich auf einen Artikel auf einer Webseite gestoßen, die das Wort „katholisch“ groß im Titel führt. Dort wurde Kardinal Marx kritisiert, weil er am Karfreitag ein Kreuz trug, das aus Holz aus Lampedusa gemacht war. Das Kreuz wandert durch die Bistümer der Welt, um an unsere aufgegebenen Brüder und Schwestern zu erinnern, die weggeworfenen, um es mit dem Papst auszudrücken.

Die Kritik nun lautet, hier würden die Opfer von Lampedusa die Frage nach der Migration ersetzen. Man immunisiere sich dadurch, dass man die Opfer beklage, diskutiere aber deswegen nicht die Frage nach der Einwanderung nach Europa, von denen die wenigsten über das Meer kämen. Man lenke von der wahren Frage ab, „Tabuisierung der Einwanderungsdiskussion“ ist das Stichwort. Und dann das Totschlagargument: der Kardinal handele „politisch korrekt“.

Diese Argumentations-Figur begegnet mir nicht selten, deswegen schreibe ich hier etwas ausführlicher dazu. Dahinter liegt versteckt die Überzeugung, dass es zu viel Einwanderung gibt, dass man sich dagegen wehren muss und dass die Lampedusa-Debatte davon ablenke, weil es die Einwanderer nur als Opfer sehe. Was nicht gesagt wird, was aber unausgesprochen mitklingt: eigentlich müsse man dafür sorgen, dass es weniger würden, das könne man aber bei Betonung der Opfer-Rolle der Flüchtlinge nicht. Weiterlesen

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Alleluja!

„Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauung ohne Begriffe blind”: Dieses (stark gekürzte) Zitat aus der Kritik der Reinen Vernunft von Immanuel Kant lässt uns zu Ostern etwas ratlos. Denn wir wissen ja nicht, was das ist, was wir feiern. Wir haben keine Anschauung oder Inhalt dessen, was das ist, eine Auferstehung. Wir sprechen davon, bekennen sie, haben also ‚Gedanken’, aber keine Empirie der Welt kann uns sagen, was genau ein Auferstandener bedeutet und ist. Wie das aussieht.

Mattia Preti: Der ungläubige Thomas

Mattia Preti: Der ungläubige Thomas

Die Schrift gibt uns zwar Anhaltspunkte, aber eher hinweisender denn zeigender Natur. Erstmal wird auch dort nicht gesagt, wie die Auferstehung vor sich gegangen ist. Alle Bebilderungen nachher, wie etwa aus dem Grab aufsteigende die Arme ausbreitende Christus-Figuren, sind nicht biblisch. Die Evangelien kennen die Auferstehung dagegen nur als Begegnung mit den Jüngern.

In der Begegnung mit dem Auferstandenen zeigt sich die Auferstehung. Sie – die Jüngerinnen und Jünger – verstehen erst nachher, was er vorher über sein Sterben und sein Gehen zum Vater gesagt hatte.

Es ist interessant, dass es keine der Begegnungs-Erzählungen zwei Mal in der Bibel gibt, während sonst – vor Kreuzigung und Tod – einige Male Erzählungen und Episoden in mehr als einem Evangelium vorkommen. Nicht so bei den Begegnungen. Hier hat jeder Evangelist seine eigene Tradition, seine eigene Gemeinde mit ihren Erinnerungen. Es kann für uns aber auch bedeuten, dass es diese Begegnungen nur in konkreten Einzelformen gibt, nicht abstrakt, nicht allgemein, nicht typisch. Jede ist anders.

Und: die Begegnungen sind sehr physisch, körperlich. Da wird angefasst, durch Wände gegangen, gegessen. Die Evangelisten legen großen Wert darauf, dass es keine Erscheinungen sind, die den Jüngerinnen und Jüngern begegnen.

Und: es gibt keine Lehre mehr, keine Gleichnisse, keine Heilungen, all das, was Jesus vor seinem Tod getan hat. Es zeigt sich, dass das alles auf diesen Tod und die Auferstehung hinführte. Jetzt zählt aber nur er, der Auferstandene selbst.

Auferstehung ist Begegnung mit dem Auferstandenen. Für uns ist das schwierig, denn nach der Himmelfahrt sind diese Begegnungen so nicht mehr möglich. Uns ist der Heilige Geist gegeben, zu glauben und zu verstehen, aber sehen, anfassen und so begegnen geht nicht mehr.

Und bleibt es, uns an die ersten Begegnungen derer zu erinnern, die damals am Grab waren oder sich hinter verschlossenen Türen oder am See versammelten. Sie sind die Zeugen, deren Zeugnis wir glauben.

Ohne „Inhalt“ und „Anschauung“ feiern wir also das Osterfest. Was uns bleibt, ist selber der Begegnung entgegen zu gehen, die uns versprochen ist. Denn die Geschichte der Erlösung ist noch nicht zu Ende, er kommt uns entgegen, zur letzten, großen Begegnung.

Alleluja!

 

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