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Wir und wir

ZdK Präsident Sternberg hält sich informiert, natürlich am Stand von Radio Vatikan

ZdK Präsident Sternberg hält sich informiert, natürlich am Stand von Radio Vatikan

Mit der Abschlussmesse heute in Leipzig geht der 100. Katholikentag zu Ende. Ein schöner Erfolg, würde ich mal sagen. Der Geburtstag stand zwar überhaupt nicht im Vordergrund, darfür aber Leipzig als Stadt.

An ein Fazit traue ich mich nicht so richtig heran, dafür habe ich vor allem von den thematischen Dingen zu wenig mitbekommen. Drei vorläufige Schlüsse möchte ich aber dann doch ziehen.

Erstens war es ein Katholikentag für Katholiken. Das hört sich irgendwie selbstverständlich an, aber was ich damit meine ist, dass es sehr viel Selbstvergewisserung war. Was ja nichts Schlechtes sein muss. Die ganze Breite und Buntheit katholischen Lebens war da und zeigte sich, man war nicht in den Kampfzonen der Pfarrei-Zusammenlegungen oder Finanz-Reformen unterwegs, sondern positiv, im Sonnenschein, immer wieder interessanten Dingen und vor allem Menschen begegnend. Daran hat auch nichts geändert, dass wir in Leipzig sind. Die Stadt hat uns freundlich aufgenommen, interessiert, aber sobald man drei Meter aus der Innenstadt – wo großartigerweise alles konzentriert war – raus war, war man wirklich raus.

Zweitens war die Entscheidung richtig, die AfD nicht aufs Podium einzuladen. Am Samstag hat eine der Vorsitzenden der Partei einem Radiosender ein Interview gegeben, in Leipzig, am Rande des KathoTages. Da konnte man im Kleinen besichtigen, was im Großen passiert wäre. Natürlich haben auch katholische Medien sofort ein Interview mit ihr gemacht und ihr schön viel Öffentlichkeit gegeben. Alle Kameras wären auf diesem einen „Schaukampf“ – wie ZdK Präsident Sternberg es nannte – gerichtet gewesen, wenn die Partei offiziell da gewesen wäre und ihren Krawall und Konflikt veranstaltet hätte, alles andere wäre verdrängt worden. Es mag sein, dass das mal dran ist, aber nicht bei einer Vielfalts-Veranstaltung.

Wo immer es um das Flüchtlingsthema ging, ist offen und differenziert gesprochen worden. Das wäre alles den Bach abgegangen, hätte man eine Arena gebildet.

 

Über das Wie reden

 

Stefan Heße, EB in Hamburg, im Interview

Kollegin Pia Dyckmans interviewt den Erzbischof von Hamburg, Stefan Heße

Drittens müssen wir uns Gedanken um die Formate der Veranstaltungen machen. Wir von Radio Vatikan haben zum Beispiel an einem Infostand gestanden, das war gut, da konnte man auch Leuten begegnen, aber bei aller Arbeit meiner Mitarbeiter, für die ich tief dankbar bin, würde ich mir doch etwas mehr Interaktion wünschen. Auch finde ich das Besichtigen von Meinungsinhabern auf der Bühne nicht wirklich spannend, das gibt es in Talkshows schon, das muss man meiner Meinung nach nicht noch verdoppeln. Am Abschlussabend gab es zum Beispiel eine Veranstaltung „Theologie an der Theke“, im informellen Rahmen. Wie wichtig das genommen wurde sieht man daran, dass das Mikro nicht funktionierte und so weiter. Sowas ist gut, kleinere Sachen, mehr Interaktion. Münster als Ort des nächsten Katholikentages wird sich da hoffentlich was einfallen lassen und kreativ sein.

Aber jetzt geht es erst einmal wieder zurück in den Alltag.

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Zur Wiedervorlage: Macht Unruhe!

Eine Debatte ist schwierig, wenn alle Teilnehmer irgendwie gleicher Meinung sind. Eine Podiumsdiskussion unter diesen Umständen ist noch schwieriger. So was Ähnliches hatte ich gestern, zum Thema Laudato Si‘, der Papstenzyklika, die vor ungefähr genau einem Jahr veröffentlicht wurde.

Auf dem Podium

Auf dem Podium. Mein Nachbar: Bischof Hanke

Nachher habe ich einem Journalisten-Kollegen gefragt, wie er das fand. Ich hätte noch etwas mehr Radau machen sollen, war die Antwort. Ich gestehe, ein wenig habe ich mich im Widerspruch geübt. Nicht zu viel, aber immer nur einer Meinung zu sein, bringt wenig.
Un das ist ja auch ein Teil des Problems unserer kirchlichen Debatten: wir sind irgendwie schnell einer Meinung, aber übersehen, dass viele andere diese Meinung nicht teilen. Viel vom kirchlichen Konsens ist nämlich in Wirklichkeit gar kein Konsens.

Und was die Themen von Umwelt, Gerechtigkeit und Schöpfung angeht, müssen wir handeln, wenn wir der Wissenschaft Glauben schenken, dann sogar sehr bald. Wie können wir das aber, wenn der Konsens nicht mehr trägt? Wie kommen wir aus der Debatte heraus, in der alle irgendwie einer Meinung sind wenn, sie auf der Bühne sitzen, aber draußen, im Alltag, irgendwie nicht das Nötige passiert?
Indem wir Unruhe machen. Paris macht es vor, mit den neuen Debatten- und Demo-Formen. Ohne Banner, ohne Moral, ohne Protest-Hierarchie. Auch wir Christen müssen mehr Lärm machen, wie Papst Franziskus immer wieder betont. Dinge in Unruhe bringen, nicht die eingefahrenen Wege der Debatten gehen, die letztlich kaum noch interessieren.

Ein Punkt, wo ich mich widersprechend zu Wort gemeldet hatte, war die Frage nach der Wertedebatte. Wir bräuchten eine solche, hatte es geheißen. Im Gegenteil, habe ich gesagt, da schlafen ganze Generationen von jungen Menschen spontan ein. Wertedebatten sind alt. Wir brauchen neue Unruhe, wir brauchen Identitätsdebatten, wie sie der Papst führt, wir brauchen nichts weniger als die abstrakten Begriffe und Papiere und Strukturen.

Wir müssen mehr Unruhe wagen. Und zwar bald.

 

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Alarmsignal?

Ganz wichtig beim Katholikentag: Empfänge. Da trifft man sich, netzwerkt, entspannt, erfährt, informiert, tauscht aus. Noch wichtiger: Stammtische. Also kleinere Gruppen, die sich schon kennen und wo das alles auch passiert, nur intensiver.

Was offensichtlich aber gar nicht mehr wichtig ist: Podien. Zumindest politische. Die katholischen Journalisten beim Stammtisch gestern wussten zu berichten, wie leer die Podien mit Politikern hier in Leipzig sind. Und dann das: Heute sprach Innenminister de Maizière spricht über „Willkommenskultur“, immerhin eines der großen Streitthemen vor dem Katholikentag und nicht nur hier. Und die Kollegen schätzen 100 Teilnehmer. Einhundert.

(C) Joachim Frank

Der Innenminister und der fast leere Saal (C) Joachim Frank

Der Kollege Joachim Frank hat das Bild gemacht und fragt „Alarmsignal?“

Am Thema kann es nicht liegen. Aber offenbar wollen die Besucher der KathoTages nicht mehr Politiker auf der Bühne diskutieren sehen. Andere Veranstaltungen sind voll, geistliche wie auch thematische. Die Veranstaltung zur größer werdenden sozialen Ungerechtigkeit etwa – auch ein Podium – oder das zu christlich – muslimischen Dialog, alle sehr gut besucht bis übervoll. Auch mein eigenes Podium zu Laudato Si‘ war voll, oder besser: die Organisation hat uns einen Saal gegeben, der so groß war, dass alle die wollten rein konnten und das Ding voll war.

Liegt es also an der Form „Podium mit Politikern“? Kann schon sein, ist sogar wahrscheinlich. Aber ein Alarmsignal ist es trotzdem, dass wir die, die wir ja gewählt haben, nicht Rede und Antwort stehen lassen wollen. Das gilt auch für Katholiken- oder Kirchentage.
An den Themen scheint es nicht zu liegen, also sollte man da mal mit den Formaten experimentieren. Christen sollen, wollen und können sich einmischen und beteiligen, schließlich wollen wir ja die Welt verändern. Wir müssen wohl neue Wege finden, das organisiert zu bekommen. Und hoffen, dass es tatsächlich ein pädagogisches oder organisatorisches Problem ist, und nicht ein zunehmendes Defizit an demokratischer Kultur. Denn das wäre dann wirklich ein Alarmsignal.

 

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Zu Gast in Leipzig – in Familie und in Leichtbauhalle

Da treffe ich gestern auf dem Katholikentag in Leipzig einen Mitbruder. „Wo bist du denn untergebracht? Nicht bei den Jesuiten, oder?“ „Nein“, antwortet er. „Ich habe mich in einer Familie einquartieren lassen. Und ich habe festgestellt, die sind Agnostiker und haben sich freiwillig gemeldet, um mal einen Katholiken kennen zu lernen.“ Wunderbar, vor allem von der Familie. Beide – der Mitbruder aus dem Jesuitenorden und die Familie – werden einen ganz besonderen Katholikentag erleben.

Leipzig, Markt, bevor es los geht

Leipzig, Markt, bevor es los geht

Überhaupt passiert hier in Leipzig in Sachen Begegnung Einiges. Nicht der eine große Event, und auch noch nicht einmal die eine große Mediengeschichte, auch wenn die Kolleginnen und Kollegen immer wieder auf die Nichteinladung an die AfD zurück kommen. Aber es sind die kleinen Geschichten, die was ausmachen. Oder auch die gar nicht so kleinen.

Vor Beginn des Katholikentages habe ich mal gestöbert und die Geschichte von den 300 Katholiken gefunden, die in Hallen für Flüchtlinge untergebracht sind.

Da – abgesehen von der neugierigen Familie – zu wenige Leipziger sich bereit erklärt hätten, Gäste aufzunehmen (eine neue Erfahrung für Katholikentage) hat man 800 Dauerteilnehmer angeschrieben und ihnen gesagt, dass für sie nur Platz in Gemeinschaftsunterkünften sei. 300 von ihnen in Leichtbau-Hallen, die als Erstaufnahme für Flüchtlinge gedacht sind, aber nicht in Betrieb sind, weil immer weniger nach Sachsen kommen. Und von den 800 angeschriebenen haben nur 10 das abgelehnt. Grandios.

Diese 300 machen wahrscheinlich eine ganz besondere Erfahrung auf dem Katholikentag. Und für die Öffentlichkeit in der Stadt ist das das, wovon wir Christen immer so gerne sprechen: ein kleines Zeugnis. Auch das ist Katholikentag.

 

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Gegen religiöse Gewalt. Geht doch.

Es geht also doch. Während die AfD das Treffen mit einer der muslimischen Vertretungen hat platzen lassen, schreiben ZDK und muslimische Theologen gemeinsam einen Text über die Gewalt und die Religion.

„Als Christen und Muslime verurteilen wir jedweden Fundamentalismus, Radikalismus, Fanatismus und Terrorismus, seien sie religiös oder anders begründet“, heißt es in dem Text. Soweit, so selbstverständlich. Man bleibt aber nicht dabei, sondern geht an die Gründe. Das könne geschehen, wo Religionen „ein straff hierarchisch-autoritäres System entwickeln, der allgemeine Bildungsstand niedrig und die ‚Hörigkeit‘ gegenüber Anführern aller Art hoch ist, sowie mündige und kritische Reflexion unterdrückt oder gar nicht erst entwickelt wird.“

Die Geschichte kennt noch andere Gründe, aber es ist richtig, das vor allem die deutlich genannt sind. Es geht um Verführung unter einem Deckmantel zu etwas, was mit Religion nicht mehr viel zu tun hat.

Das Papier zeigt, dass man nicht nur auf Konfronotation setzen muss. AfD setzt darauf, ihre vermeintliche Klarheit und „das wird man doch sagen dürfen“ Rhetorik baut darauf, eben keine gemeinsamen Papiere zu verabschieden.

Es ist gut, dass gerade jetzt, nach der Österreich-Wahl, nach Flüchtlings-Debatte und brennenden Asylheimen, nach Terror in Paris und Brüssel, so ein Papier kommt. Ein Schritt nur, ein Stein, aber ein wichtiger.

„Die Begegnung ist die Nachricht“ sagte Papst Franziskus am Montag, als er sich mit einem Vertreter einer der wichtigsten islamischen Institutionen traf. Das Papier hier in Leipzig ist mehr.

 

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Lebensschutz

Was ist eigentlich mit dem Schutz des Lebens passiert? Irgendwie haben wir es zugelassen, dass die Bezeichnung „Lebensschützer“ einen negativen Beiklang bekommen hat. Das hat vor allem mit den USA zu tun, wo Teile der Kirche(n) sich vor allem auf einer Plattform artikulieren: gegen die Abtreibung.

Da gibt es eine ganze Reihe von Organisationen, die sich „for life“ oder „pro life“ nennen, aber das auf „gegen Abtreibung“ beschränken. Was im derzeitigen Wahlkampf ganz besonders zum Vorschein kommt. Da wird Donald Trump gelobt, dass er sich in den vergangenen Tagen öfters zum Thema geäußert hat und außerdem ankündigt hat, für den Obersten Gerichtshof nur Richter zu ernennen, die Rote vs. Wade revidieren wollen. Für alle, die damit nicht vertraut sind: Die gegenwärtige Rechtspraxis umkehren und Abtreibung ohne Ausnahme verbieten.

Dass Trump sich für Folter ausgesprochen hat, was man ja irgendwie auch ins Thema Schutz des Lebens einbeziehen kann, war egal. Selbst als konservativ bezeichnete Katholiken hatten hier einen deutlichen Strich gemacht, für Katholiken sei Trump deswegen nicht wählbar. Das sehen die Lobbyisten der „pro-life“ Plattformen anders.

Lebensschutz ist aber mehr. Um die Trias des Papstes zu zitieren: Schutz des ungeborenen Lebens, Schutz des jungen Lebens, Schutz des alten Lebens. Das bedeutet zum Beispiel auch Sorge für die Perspektiven der heranwachsenden Generation, damit sie nicht ausgeschlossen ist von Leben, Wirtschaft und Gesellschaft. Das bedeutet ein nicht ausschließen der „nutzlosen“ weil wirtschaftlich nur belasteten älteren Generation.

Und weil er diese Trias immer gemeinsam nennt, können die „ein-Thema-Plattform“ Lobbyisten damit nichts anfangen.

 

Reduktion auf nur ein Thema

 

Ein anderes Thema ist Krieg. Krieg anfangen zu wollen ist nicht wirklich im Sinne des Lebensschutzes. Trotzdem findet man auf den einschlägigen Plattformen – vor allem in den USA – dazu rein gar nichts. Wenn ein überzeugter Christ wie der ehemalige Präsidentschaftskandidat Ted Cruz sagt, er wolle „bombardieren bis der Sand glüht“, dann finde ich es schon sehr fragwürdig, dass das als christlich durchgehen kann.

Noch ein Thema ist die Manipulation, die wir zulassen. Immer mehr kleine erste Schritte werden getan, welche die Manipulation von Erbgut, das sich Aussuchen von Kindern etc. möglich machen können. Damit wird viel Geld verdient, aber auch hier höre ich wenig aus der Lobbyisten Ecke. Aber auch dieses Thema ist ein Lebensschutz-Thema, und genau so sollte es genannt werden.

Also, was ist eigentlich mit dem Schutz des Lebens passiert? Gefährdungen gibt es genug, in allen Lebenslagen. Aber wenn wir das Thema nur den Lobbyisten der einen Frage überlassen, verdrängen wir das in eine Ecke.

In diesen Tagen jährt sich die Veröffentlichung von Laudato Si’ zum ersten Mal. Beim Katholikentag in Leipzig darf ich dazu auf einem Podium sitzen. Dem Papst geht es um eine „ökoliogische Umkehr“, weil „alles mit allem zusammen hängt“ und wir zum „hüten“ berufen sind, nicht zum beherrschen. Das gilt für das menschliche Leben, das gilt für alles Leben.

Zeit, den Schutz des Lebens als umfassende Aufgabe wieder zu entdecken.

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Sprechen ist liturgisch überbewertet

Heute darf ich mal wieder taufen. Selten genug, dass ich diese Sakramente hier in Rom feiern kann, Journalistsein beschränkt das Seelsorgersein doch arg. Um so schöner, dass es dann ab und zu doch noch geht.

Aber wie immer stellt sich die Frage, wie das gehen soll. Immer, wenn es hier eines der familiären Sakramente zu feiern gibt, ist die Sprache zu entscheiden. Meistens sind hier die Familien, mit denen ich zu tun habe, halb Italienisch, halb Deutsch, und die anreisenden Freunde und Familien sprechen entweder das eine oder das andere. Das macht es mindestens bei der Predigt schwierig.

Auch hier durfte ich schon mal taufen: Taufbecken Gianlorenzo Berninis in Sankt Peter

Auch hier durfte ich schon mal taufen: Taufbecken Gianlorenzo Berninis in Sankt Peter

Das Ganze ist in Abwandlung ein Problem, das sich mir schon in Deutschland in der Jugendsprache gestellt hat. Spreche ich in der Liturgie so, dass ich möglichst nahe an den Jugendlichen bin? Dann öffne ich eine Distanz zur Normalerfahrung Kirche in der Pfarrei. Bleibe ich in der kirchlichen Sprache, öffne ich eine Distanz zu den Jugendlichen und überhaupt zu einer ganzen Generation.

Eine perfekte Lösung gibt es nicht, auch keine Lösung ein für allemal, aber die Frage hat sich immer wieder gestellt.

Wobei unter „Sprache“ hier ausdrücklich auch Zeichen und Symbole gemeint sind. Kleidung zum Beispiel war ganz klar kirchlich. Je klarer die Ästhetik, je klarer sichtbar ist, dass es sich beim Gottesdienstort um einen Gottesdienstort handelt, desto sicherer fühlen sich Leute. Auch Jugendliche. Stola über T-Shirt kommt da gar nicht in Frage, und sei es auch nur deswegen, weil es verunsichert. Von anderen Gründen einmal abgesehen.

Zurück zur Sprachfrage hier in Rom. Predige ich auf Deutsch? Italienisch? Kurz und dann auf beiden Sprachen? Alles habe ich schon probiert, wirklich befriedigend ist das nicht. Zum Glück ist die Predigt nicht das Wichtigste bei einer Liturgie. Bei einer Taufe schon gleich gar nicht.

Die Feigling-Lösung wäre, auf Exot zu machen und mit einem Lächeln zu erklären, dass man die eigentlichen Tauf-Worte auf Latein spricht. Feigling deswegen, weil das keine echte Lösung ist, sondern das sich vor einer Entscheidung drücken. Latein versteht keiner mehr, das sieht nur egalitär aus, ist es aber nicht.

 

Das Zeichen hat eine eigene Sprache

 

Also bleibt die Frage nach der Sprache. Und da helfen mir die Erfahrungen von früher. Erstens müssen nämlich die Zeichen sitzen. Kein Drumherum, Handbewegungen, Kleidung, Kerze, Wasser, all das muss für alle sichtbar und klar nachvollzierbar sein, dann versteht es jeder, auch wenn er oder sie die Sprache nicht kennt. Und wenn man das dann auch noch in einer der klassischen schönen römischen Kirchen oder gar Baptisterien feiern darf, dann um so besser.

Die liturgische Sprache muss alleine klingen, ohne dass man alles auch noch erklärt. Es wird in Liturgien sowieso zuviel geredet, die Zeichen gehen da manchmal unter.

Es hilft, wenn dann die Predigt kurz ist. Bei Taufen sowieso, das Kind stellt sich schon rechtzeitig in den Mittelpunkt. Eine Sprache, kurze Entschuldigung in der anderen. Fertig.

Einleitung und Taufritus dann in der Sprache derer, die ich anspreche. Ist ein Pate nur einer Sprache mächtig, dann wird er oder sie in dieser Sprache angesprochen. Sind Kinder dabei, die nur eine Sprache kennen, dann in dieser Sprache, Erwachsene sind da nicht so wichtig.

Das klingt nach einem klaren Programm. Trotzdem stellt sich diese Frage jedes Mal wieder. Was ja auch gut ist, denn das zeigt, dass das keine Routine ist. Wenn ich also heute F taufen darf, dann geschieht das wieder in Abwechslung der Sprachen. Aber die Taufe selbst, die Zeichen, die ausdeutenden Riten, die müssen sitzen.

 

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Linien in der Wüste

Sykes-Picot: Ein Franzose und ein Brite haben vor 100 Jahren die Grenzen der Länder gezogen, die in diesen Jahren in Bürgerkriegen unterzugehen drohen. In Syrien ist das der Fall, Libanon und sein Nachbar nehmen Millionen von Flüchtlingen auf. Ohne Rücksicht auf Sprachen, Stämme, historische Verläufe haben die beiden im Auftrag ihrer Regierungen die Einflusssphäre – und das Öl – der Europäer im Nahen Osten geregelt, als im Ersten Weltkrieg das Osmanische Reich zusammen brach.

Auch Israel ist betroffen, steckt es doch seit seiner Gründung unter der Gefahr und Drohung, gewaltsam vernichtet zu werden. Das ist mit der Balfour-Deklaration verbunden, ebenfalls aus dem Ersten Weltkrieg, aber das ist eine andere Geschichte.

Die Herren Syces und Picot mit ihrer Aufteilung des Nahen Ostens

Die Herren Syces und Picot mit ihrer Aufteilung des Nahen Ostens

Zurück zu den Herren Colonel Sir Tatton Benvenuto Mark Sykes und François Marie Denis Georges-Picot und ihrem Abkommen vom 8. Mai vor 100 Jahren: Die beiden Namen stehen dafür, dass Europa Gott gespielt hat, wenn ich das mal so drastisch sagen darf. Europa hat damals gemeint, die Grenzen einfach so neu ziehen zu können.

Noch etwas anderes – die Aktion war nämlich auch damals schon unklung und kontraproduktiv, auch wenn es beiden Ländern über Jahrzehnte Macht verschafft hat; Großbritannien stellet damals zum Beispiel seine Flotte von Kohle auf Öl um und brauchte den Zugang und besser noch die Kontrolle der Ölfelder im Irak. Kontraproduktiv war es, weil als Lenin die Macht in Russland übernahm, er das geheime Abkommen veröffentlichte und damit den Arabern, die an Englands Seite kämpften, klarmachte, dass England nicht im geringsten die Absicht hatte, die eingegangenen Versprechen von einem eigenen arabischen Staat zu erfüllen. Verrat war das. Der Zweck heiligte damals wie heute die Mittel, der Zynismus ist aber auch für heutige Augen noch beachtlich. Das Vertrauen in die Mächte des Westens war damals weg und ist es heute auch noch.

Natürlich ist es einfach, von heute aus den moralischen Richter zu spielen und zu verurteilen, was die kriegführenden Mächte damals angerichtet haben. Darum geht es mir auch gar nicht.

Es ist wichtig einzusehen, dass das Leiden und die Vertreibung und der Bürgerkrieg und all das andere, was jetzt an unsere Türen klopft, eben nicht fremd ist, sondern mit uns, mit Europa zu tun hat. Großbritannien möchte am liebsten keine Flüchtlinge „vom Kontinent“ aufnehmen. Herr Oberst Sykes lässt grüßen!

 

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Träumen von einem dynamischen, Neues hervorbringenden Europa

Alles, was im Augenblick zu Europa gesagt wird, läuft durch einen ganz speziellen Filter. Bei uns ist das zum Beispiel die Flüchtlingsfrage. Als ich vor einigen Tagen in Brüssel war, war es eher die Brexit-Frage, die dort verhandelt wurde. Gerade die einige Tage davor gehaltene Papstrede zu Europa anlässlich des Karlspreises sei im Euro-Viertel mit seinen Glasbauten etwas nervös erwartet worden, hoffentlich kritisiert der Papst nicht zu sehr, habe es geheißen, das spiele den Brexit-Freunden in die Hände.

In der Rede selbst spricht der Papst vom „Treibsand aktueller Ergebnisse“, um „einen leichten politischen Ertrag schnell und kurzlebig erbringen“ zu können, zitiert er Evangelii Gaudium. Auch bei Amoris Laetitia warnte er sehr früh im Text vor dem zu schnellen lesen. Die Rede war lang und ausführlich, ein zu schnelles Lesen oder ein Lesen auf Problemlagen verkennt viel. Lesen wir also noch einmal und langsam.

Sala Regia im Vatikan, während der Karlspreisverleihung

Sala Regia im Vatikan, während der Karlspreisverleihung

Durch die gesamte Rede ziehen sich zwei Wort- oder Sprachfelder, die der Papst gegeneinander stellt. Da ist zum einen das Sprachfeld von Schwung, Traum, Kreativität, Dynamik, Hoffnung, Suche. Das ist einfach nachzuvollziehen das, was sich der Papst von Europa wünscht und was er in der „Seele Europas“ sieht. Das zweite Sprachfeld ist der Egoismus, sind die Zäune, Müdigkeit, alt, in sich abgeschlossen. Es sind die direkten Gegensätze zu den dynamischen Begriffen, die er mit dem Satz beginnt „Die Kreativität, der Geist, die Fähigkeit, sich wieder aufzurichten und aus den eigenen Grenzen hinauszugehen, gehören zur Seele Europas.“ Damit ist in Wort und Semantik bereits die Grundaussage vorgegeben.

Die beiden Sprachfelder bezeichnen wie so oft beim Papst Dinge, die in uns drin stecken. Versuchungen, wie er es oft nennt, auf dem Feld des sich Einschließens. Traum für das Gegenteil. Beides steckt in uns drin: „Wir Kinder dieses Traumes sind versucht, unseren Egoismen nachzugeben, indem wir auf den eigenen Nutzen schauen und daran denken, bestimmte Zäune zu errichten.“ Die beiden inneren Bewegungen stehen aber nicht gleichberechtigt nebeneinander, direkt nach dieser Äußerung wertet der Papst: „Dennoch bin ich überzeugt, dass die Resignation und die Müdigkeit nicht zur Seele Europas gehören“.

Die Analyse der Gegenwart aber ergibt etwas anderes: Die Fähigkeit, etwas Neues hervorzubringen, sei verloren gegangen, Europa sei versucht, Räume zu beherrschen statt Transformationsprozesse hervorzubringen, legt er seine berühmten Kategorien aus Evangelii Gaudium an die gesellschaftliche Situation an (EG 223). Und das führt dann zu seinen Fragen, dem Kern der Rede:

„Was ist mit dir los, humanistisches Europa, du Verfechterin der Menschenrechte, der Demokratie und der Freiheit? Was ist mit dir los, Europa, du Heimat von Dichtern, Philosophen, Künstlern, Musikern, Literaten? Was ist mit dir los, Europa, du Mutter von Völkern und Nationen, Mutter großer Männer und Frauen, die die Würde ihrer Brüder und Schwestern zu verteidigen und dafür ihr Leben hinzugeben wussten?“

 

Keine Wertedebatte

 

Es fällt auf, dass der Papst dabei nicht über das spricht, was sonst immer in Europa-Reden beteuert wird: Die europäischen Werte. Europa sei eine „Wertegemeinschaft“ und so weiter, nichts davon bei Papst Franziskus. Stattdessen eben das Wort von der „Seele Europas“. Der Papst spricht also nicht über Werte, sondern über Identitäten. Und das ist mit Blick auf die Nationalismen ja auch viel aktueller, als die doch sehr abstrakt und bürgerfern daher kommende Wertedebatte. Die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Debatten drehen sich im Kern um die Frage nach Identität, und genau hier beteiligt sich der Papst.

Deutlich wird das ganz besonders, wenn der Papst auf die junge Generation eingeht. Er spricht von der Vermittlung einer „Kultur des Dialogs“ und davon, ihnen „Werkzeuge“ in die Hand zu geben. Hier geht es nicht um ‚Werte’, abstrakte Größen, die kaum jemandem mehr etwas sagen, außer dass man sie schon tausend Mal gehört hat, meist als Zitat und Wieder-Zitat.

Nehmen wir zum Beispiel den Humanismus, den der Papst sich für Europa wünscht. Der ist kein Wert in der klassischen Sicht, sondern ein Tun, er besteht in konkreter Solidarität.

 

Sehr konkret

 

Es braucht neue Modelle für Europa. Modelle, die aus Prozessen der Transformation hervor gehen. „Radikale Veränderung“, wie es sie nach dem Krieg und unglaublich brutalen Ideologien gegeben habe und jetzt wieder brauche. „Solidarität der Tat“ sagt der Papst zwei Mal dicht aufeinander, um  dann gleich die Latte höher zu hängen: es brauche schöpferische Anstrengungen, welche der Größe der Bedrohung entsprechen. Je schwieriger die Lage, desto mehr muss man solidarisch tun. Das braucht – auch das wieder Papst Franziskus – vor allem Mut. Die Alternative ist nicht wirklich eine Alternative, auch wenn sie so aussehe:

„Die Reduktionismen und alle Bestrebungen zur Vereinheitlichung – weit entfernt davon, Wert hervorzubringen – verurteilen unsere Völker zu einer grausamen Armut: jene der Exklusion. Und weit entfernt davon, Größe, Reichtum und Schönheit mit sich zu bringen, ruft die Exklusion Feigheit, Enge und Brutalität hervor. Weit entfernt davon, dem Geist Adel zu verleihen, bringt sie ihm Kleinlichkeit.“ Weiterlesen

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„Allen in Erinnerung gerufen“

Die Überraschung hat eine lange Vorgeschichte. Als Papst Franziskus an diesem Donnerstag auf die Frage der Diakoninnen einging und eine Studienkommission zur Frage ankündigte, was es in der frühen Kirche bedeutet habe, Diakonin zu sein, war die katholische Welt perplex. Das Thema wird zwar immer wieder diskutiert, nun ist es aber ganz offiziell auf dem Schreibtisch des Papstes angekommen.

Aber wie gesagt, diese Überraschung hat eine lange Vorgeschichte. Im Dezember 2009 hatte Papst Benedikt XVI. das Kirchenrecht geändert. Das Dekret damals hieß „Omnium in Mentem“, „Allen in Erinnerung gerufen“. Es ging um Anpassungen des Kirchenrechts an den Katechismus, das Recht sollte den Glauben widerspiegeln, oder wie es der Papst 2009 selber ausdrückt: die kanonische Norm soll vervollständigt werden. Und in der Tat wird Kanon 1009 ein Absatz hinzugefügt. Dieser Absatz lautet: „Die die Bischofsweihe oder die Priesterweihe empfangen haben, erhalten die Sendung und die Vollmacht, in der Person Christi, des Hauptes, zu handeln; die Diakone hingegen die Kraft, dem Volk Gottes in der Diakonie der Liturgie, des Wortes und der Liebe zu dienen.” Damit gibt es eine wesentliche Unterscheidung des Weiheamtes.

Damals hatten wir hier in der Redaktion einen Kirchenrechtler interviewt, Erzbischof Ludwig Schick. Und der wies auf diese Unterscheidung angesprochen darauf hin, dass man die gesamte Geschichte des Diakonats im Blick behalten muss, er machte also schon 2009 das, was Papst Franziskus nun angekündigt hat.

Noch einen Schritt weiter: Papst Benedikt griff in seiner Kirchenrechtsänderung auf den Katechismus der Katholischen Kirche zurück, in dem Papst Johannes Paul II. einen Absatz geändert hatte, damit dieser besser die Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils wiedergebe. Dort sagt das Dokument „Lumen Gentium“ (29) über die Diakone, dass sie ihre Weihe „nicht zum Priestertum, sondern zur Dienstleistung empfangen“. Und auch das ist als Zitat früherer Texte angegeben. Eine lange Vorgeschichte.

Worauf Papst Franziskus nun Bezug nimmt, ist eine noch ältere Vorgeschichte, nämlich die, welche im Brief an die Römer vorkommt. Dort spricht Paulus von Phöbe, „die Dienerin der Gemeinde von Kenchreä“, griechisch „οὖσαν καὶ διάκονον τῆς ἐκκλησίας τῆς ἐν Κεγχρεαῖς” (16:1). Also ‚Diakonin’. Gleichzeitig wird das Wort für denjenigen, den wir gemeinhin als den ersten Diakon bezeichnen, also Stephanus, gar nicht gebraucht. Was das eine nun mit dem anderen zu tun hat, dass soll nun die Kommission ergründen.

 

Ein Fall von Freimut

 

Noch ein Wort zur Überraschung: Der Papst will, dass in der Kirche offen geredet wird, Parrhesia ist sein Stichwort, ‚Freimut’. Ihm ist die Rolle der Frau in der Kirche ein Anliegen, auch in der Audienz für die Ordensoberinnen, in der die Formulierung zu den Diakoninnen gefallen ist, hat er deutlich darauf Bezug genommen, Frauen sollen sowohl in Entscheidungsfindung als auch Umsetzung einbezogen werden. Das sollte auf keinen Fall auf die Frage nach Diakoninnen beschränkt werden, im Gegenteil. Die Weihe ist in der Kirche nicht alles, oder wie es Papst Franziskus in Evangelii Gaudium (102) ausdrückt: „Die Laien sind schlicht die riesige Mehrheit des Gottesvolkes. In ihrem Dienst steht eine Minderheit: die geweihten Amtsträger.”

Also, sprechen wir mit Freimut, aber vermuten wir nichts in die Debatte hinein, was vom eigentlichen Ziel ablenkt.

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