Papst Franziskus  //  der Vatikan  //  Weltkirche  //  Glauben  //  Dialog  //  Ökumene  //  Gerechtigkeit  //  Beten  //  Kultur  //  Journalismus  // und alles andere aus der katholischen Welt

Jugend-Papst

„Macht Durcheinander“: Das ist eine eher höfliche Formulierung der Worte, die Papst Franziskus bei seinem ersten Weltjugendtag in Rio zu den Jugendlichen aus Argentinien sagte. „Hagan lìo“ lautet das Original, eine Aufforderung, die er seitdem immer mal wieder nutzt.

An diesem Mittwoch bricht er auf zu seinem zweiten Weltjugendtag, nach Polen. Und wir dürfen annehmen, dass sich die Botschaft seitdem nicht viel geändert hat. Wie in Turin und in Lateinamerika, in Neapel und vor allem in Korea, immer wieder spricht er in diesen Worten der Unruhe zu jungen Menschen.

Papst Franziskus in Solmoe, Korea, beim Jugendtag Asiens 2014

Papst Franziskus in Solmoe, Korea, beim Jugendtag Asiens 2014

Wirbel sollen die Jugendlichen machen, Revolution. „Seid Revolutionäre!“ Das ruft der Papst jungen Menschen zu. Macht Unruhe, Krach, Chaos! Schwimmt gegen den Strom!

Und wenn es um das Thema Familie geht: „Die Welt traut euch nicht zu, wirklich zu lieben, wirklich treu zu sein, und macht euch vor, dass alle Entscheidungen nur vorläufig seien. Habt Mut, seid Revolutionäre“. Treue, das sei etwas Revolutionäres.

Es gebe Jugendliche, die seien schon „in Pension“, seien schon alt. „Gebt nie die Hoffnung in die Zukunft auf!“, die Zukunft liege in der Hand der Jugend, das solle man sich nicht madig machen lassen, nicht resignieren, halt „in Pension“ gehen.

„Schaut voraus!“ hatte er erst am Dienstag in einer Videobotschaft Jugendlichen in den USA zugerufen. Nicht vergessen, wo man herkomme, aber immer den Horizont in den Blick nehmen, voran gehen, die Zukunft in die Hand nehmen.

Und dann immer wieder: „Gebt euch nicht zufrieden mit dem, was ist“. Das ist vielleicht der Grundtenor hinter all den Aufrufen zur Unruhe: das sich zu sehr zufrieden geben mit dem, was ist.

In der Flüchtlingskrise lernen wir im Augenblick, was es bedeuten kann, wenn ein ganzer Kontinent aus der Selbstzufriedenheit heraus gerissen wird. Angst, Abschottung, sich Wehren, aber auch Mitgefühl, Hilfe, Selbstlosigkeit, alles kommt vor.

Mit der Unruhe werden wir ehrlich und werden mit dem konfrontiert, was wirklich in uns selber drin steckt. Darum geht es dem Papst, wenn er zur Jugend spricht. Und ich vermute mal: Nicht nur bei der Jugend.

 

Nachtrag (28.7.): Am Schluss seiner Grußworte am 27. Juli abends, vor Jugendlichen in Krakau beim Weltjugendtag, erinnerte der Papst die Jugendlichen daran, dass es ihre Pflicht sei, die ganze Nacht über Lärm zu machen und die christliche Freude zu zeigen. Das war wohl so ungewöhnlich, dass deutschsprachige Medien (heute-journal) vermeldet haben, der Papst habe gesagt, „macht nicht so viel Krach“. Das Gegenteil ist der Fall.

Veröffentlicht unter Allgemein, Franziskus, Glaube und Vernunft, Papstreise, Spiritualität / Geistliches Leben, Unterwegs, Vatikan | Hinterlasse einen Kommentar

Zeit, sich auf die Zunge zu beißen

Ganz viel Gewalt in wenigen Tagen. Ganz unterschiedliche Ereignisse in Würzburg, München, Florida, Japan, Ansbach, in der Normandie. Aber immer gibt es viel Aufmerksamkeit und zunächst wenig Informationen.

Neben all den fürchterlichen Geschichten gab es deswegen in den vergangenen Wochen auch immer eine zweite Ebene, die Berichte über die Berichte. Intensiv haben Journalisten öffentlich über ihre Arbeit reflektiert. Zu schnell oder zu langsam? Gesichter zeigen oder nicht? Spekulationen, Berichte über Nichtwissen, fürchterliche und zu lange live-Schaltungen, viral gehende Falschmeldungen im Netz und so weiter.

Viele gute Stücke gab es dazu. Wenn das Folgen hat und ins Unterbewusste des Berufs einsickert, dann würde mich das freuen.

Mir ist dabei noch eine andere Ebene in den Sinn gekommen. Während über „Hyperreagibilität“ und die Spekulationskrankheit debattiert wird, hat sich mir das Papst-Wort von den „chiacchere“ in den Sinn geschlichen, dem Geschwätz. Nun will ich niemandem unterstellen, schwätzen zu wollen, die meisten Kolleginnen und Kollegen wollen ja einen guten Job machen. Trotzdem: Übersetzen wir das mal mit „Reden um des Redens Willen“, dann kommt man dem schon näher.

Jeder, der der Versuchung von Schaden anrichtender Kommunikation nicht nachgeben will, der soll „bereit sein, selbst soweit zu gehen, sich auf die Zunge zu beißen“, empfiehlt der Papst (4. Sept 2015). „Es wird uns gut tun, uns die Frage zu stellen: Säe ich Frieden? Sähe ich mit meiner Zunge Frieden oder säe ich Zwietracht?“

 

Gewalt in der Sprache

 

Damit ist auch beim Reden die Frage nach der Gewalt berührt. Der Schwätzer ist ein „Terrorist, der eine Bombe wirft“. Das klingt erst einmal zynisch, wenn man das echte Leiden derer sieht, die durch echte Bomben ums Leben kommen wie in Syrien oder verletzt werden wie in Franken. Aber beim zweiten, unaufgeregten Blick wird klar, wie sehr diese Metapher zutrifft. Sprache kann Gewalt ausüben. Und zwar Sprache, die gar nicht Beschimpfung sein will, sondern einfach nur Geschwätz ist, Sprechen ohne Information, Reden um der emotionalen Erregung willen, aus der eigenen Aufgeregtheit oder Schwäche heraus. Auch die kann Gewalt ausüben.

Das ist nicht auf die mediale Kommunikation hin gesprochen, aber trotzdem hat sich das in meinem Hirn fest gesetzt. Was bewirkt das ganze Twitter-Geschnatter, wenn man keine Informationen hat, aber trotzdem redet? Die Spekulations-Fragerei, wenn klar ist, dass der Gegenüber noch gar nichts wissen kann? Die wilden Kommentare bei Facebook, die alles Mögliche unterstellen und spekulieren und dann groteske Schlussfolgerungen ziehen?

„Es bringt nichts, zu versuchen, sich zu rechtfertigen, indem man sagt ‚Aber manchmal muss man die Dinge beim Namen nennen, weil dieser und jener…’ Was säst du wirklich mit dieser Einstellung aus?“ Die Gewalt wird in der Welt nicht weniger. An uns ist es aber, zumindest die verbale Gewalt sein zu lassen.

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Franziskus, Glaube und Vernunft, Neulich im Internet | Verschlagwortet mit , , , , , , | 37 Kommentare

Auf der Halde, auf Schalke und beim Marathon: Kirche im Ruhrgebiet

Selten fallen Lust und Pflicht im Journalismus so sehr zusammen wie bei der Sommerreise, die ich in jedem Jahr für das Radio unternehme. Eine sehr anstrengende Woche, in diesem Jahr im Ruhrgebiet, sehr viele Gespräche, Interviews, Eindrücke. Aber immer interessante Menschen, ein Privileg.

Und wie in jedem Jahr haben wir das beginnend im Juli Tag für Tag ausgestrahlt; für den Weltjugendtag machen wir jetzt eine Pause, Anfang August gibt es dann noch mal einige Folgen. Wenn Sie die ersten 18 nachhören möchten, können Sie das hier tun:

 

 

Folge 18: Ist Schalke eine Religion?

 

Pastor Barth in der Kapelle auf Schalke

Pastor Barth in der Kapelle auf Schalke

Die Arena auf Schalke hat eine Kapelle, die erste in einem deutschen Fußballstadion. Und das nicht nur als Show: dort wird getauft und getraut, dort finden Andachten statt und dorthin kann man sich zurück ziehen. Und dabei ist sie nicht irgendwo in einem Nebengebäude, sondern mitten drin, im Zentrum, da wo Ganz zum Rasen und die Spielerkabinen liegen. Ein Besuch gemeinsam mit Ernst-Martin Barth, dem evangelischen Pastor dort.

 

 

Folge 17: Kirche besser organisieren

 

Matthias Sellmann, Leiter des ZAP, erklärt die Welt der Kirche

Matthias Sellmann, Leiter des ZAP, erklärt die Welt der Kirche

Es lohnt sich, die Organisation von Kirche zu verbessern, weil Kirche dann ihrem Auftrag besser gerecht wird. Das ist die These des ZAP, des Zentrums für angewandte Pastoralforschung in Bochum, dem nächsten Stop der Reise. Matthias Spellmann ist der Lehrstuhlinhaber und will Kirche dabei helfen, in einer Organisationsgesellschaft besser aufzutreten und dazustehen.

 

 

Folge 16: Alte und gewachsene Gebete

 

Klosterkirche Bochum-Stiepel

Klosterkirche Bochum-Stiepel

Sie kennen die berühmten singenden Mönche? Die mit ihrer Gregorianik-CD in den Hitparaden gelandet sind? Genau, Stift Heiligenkreuz war das, im Wienerwalt in Österreich gelegen. Aber nicht nur. Einen Ableger hat das Zisterzienserkloster auch im Ruhrgebiet, genauer in Bochum Stiepel, der nächste Halt der Reise. Ein Gespräch mit Pater Justinus.

 

 

 

Folge 15: Die Kunst-Kirche hält schon eine Menge aus

 

Norbert Düwel (r) und Michael Ludwig

Norbert Düwel (r) und Michael Ludwig

Was mit Kirchen machen, die nicht mehr gebraucht werden? Das war schon einige Male in dieser Serie Thema, eine Beerdigungskirche war darunter, eine Abgabe an die Kopten, eine Event-Kirche, und nun besuche ich ein eher klassisches Projekt, eine Kunstkirche, und zwar in Bochum. Aber so wirklich klassisch und wie die anderen ist KICK – Kunst in Christ König – nicht, wie Norbert Düwel, Referent der Kunstkirche, und der Pfarrer der Gemeinde, Propst Michael Ludwig, berichten.

 

 

Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein, Die deutschsprachige Kirche, Glaube und Welt, Kirche und Medien, Sommerreise, Spiritualität / Geistliches Leben, Unterwegs | Verschlagwortet mit , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Sommerpause

Liebe Leserinnen und Leser,

der Vatikan beginnt im Juli die Sommerpause, Italien geht in die Ferien, es wird richtig heiß in Rom, die Büros schließen. Radio Vatikan sendet natürlich weiter und ich werde auch brav jeden Tag am Schreibtisch sitzen, aber trotzdem die Aktivität hier im Blog etwas zurück fahren.

Bis auf Weiteres natürlich, im August geht es garantiert weiter. Ich hoffe, bis dahin genug neue Ideen und Beobachtungen gesammelt zu haben und Ihnen anbieten zu können. Bis dahin alles Gute und Ihnen einen gesegneten Sommer.

Wann es weiter geht, erfahren Sie über unseren Newsletter.

Veröffentlicht unter Allgemein, Neulich im Internet | 8 Kommentare

Sorgen und Nöte

Es ist wieder ein Feiertag für den emeritierten Papst Benedikt XVI., er feiert sein Priesterjubiläum und im Vatikan wird das in kleinem Rahmen, in Anwesenheit von Papst Franziskus, gewürdigt (der eigentliche Tag ist Morgen, das Fest Peter und Paul. Aber die Feierstunde ist heute).

Benedikt XVI. war ein wichtiger Papst und wie ich das schon direkt nach dem Rücktritt gesagt habe sage ich das auch heute noch: Von seinen geistlichen Schriften werden wir noch lange etwas haben, mit seiner Rücktritts-Entscheidung und dem Durchtragen dieser Entscheidung hat er das Amt modernisiert. Und anders als eine zu einfache Presse ihm alles mögliche unterstellt hat und jetzt – je länger seine Amtszeit zurück liegt – wieder vereinfachend unterstellt, um so wichtiger ist es, genauer hin zu sehen. Wer sich denn die Mühe machen will.

Ein Papst geht: Benedikt XVI. im Februar 2013

Ein Papst geht: Benedikt XVI. im Februar 2013

Aber dann gibt es ja noch diejenigen, die sich nach Papst Benedikt zurück sehnen. Oder besser und präziser: nach dem Bild, dass sie sich von Papst Benedikt gemacht haben.

Dabei fehlt natürlich die historische Würdigung, eine solche Sehnsucht hat immer etwas verklärendes, ist immer eine Projektion und geht letztlich an Benedikt XVI. vorbei. Aber sie sind echt, sie kommen immer wieder bei uns und bei Facebook und sonstwie als Rückmeldung an.

Neulich wünschte sich ein Kommentator unter einem Blogeintrag (aus anderen Gründen nicht frei geschaltet), dass Gott ihm eine Rückkehr ins Amt schenken wolle, in einem anderen Post wünschte er sich einen Benedikt XVII herbei, der uns erlösen solle. Kein Scherz, Sprache von Erlösung, wo es doch nur um die Frage geht, wer Papst ist und wer nicht.

Als Grund gibt er eine Frage an: „Warum werden unsere Sorgen und Nöte dort auch noch als Papstnörgelei diskreditiert?“ Und da fange ich an zu stutzen.

 

Die Frage muss erlaubt sein

 

Dass es diese Sorgen und Nöte gibt, kann und will ich nicht bezweifeln. Aber die Frage muss erlaubt sein, was das für Sorgen und Nöte sind. Es müssen ja welche sein, die bei Papst Franziskus nicht ankommen. Hier wäre also ein wirklicher Bruch zu verzeichnen, und zwar einer, der mit Emotionen zu tun hat, nicht mit Theologie oder Lehre oder so.

Nun frage ich mich, was das für Sorgen und Nöte sein können, die Papst Franziskus nicht anspricht. Er, der immer und immer wieder auf alle eingeht, die mit Sorgen und Nöten leben müssen.

Ist es die Liturgie, die weniger ausgefallen ist? Sind das schon Sorgen und Nöte? Oder etwas Anderes?

Papst Franziskus überfordert viele. Anders kann mich mir solche Empfindungen nicht erklären. er steht für keine andere Lehre, für keine andere Kirche, denkt vielleicht anders als sein Vorgänger, aber das ist ja Teil der Geschichte der Papsttums seit Jahrhunderten.

Benedikt XVI. hingegen hat viele mit der Kirche versöhnt, die sich im Abseits wähnten, die nicht das so genannte progressiv-katholische mitgemacht haben, das den emeritierten Papst zur Rede von „Entweltlichung“ und den aktuellen Papst zur Rede von „arme Kirche für die Armen“ geführt hat. Hier liegt eine Lektion. Es gibt viele „Glaubenskulturen“ in der Kirche, eine versöhnte Verschiedenheit. Die aber nicht immer so versöhnt ist, wie wir meinen.

Von daher höre ich von den „Sorgen und Nöten“ mit Unruhe, auch wenn ich da meine Anfragen habe.

Benedikt XVI. hat uns etwas hinterlassen, und Papst Franziskus hat das neulich ausdrücklich gewürdigt. Für den Augenblick aber: Herzlichen Glückwunsch, Papst emeritus Benedikt XVI., zum Priesterjubiläum.

Veröffentlicht unter Allgemein, Benedikt XVI., Die deutschsprachige Kirche, Franziskus, Geschichte, Spiritualität / Geistliches Leben, Vatikan | Verschlagwortet mit , , , , | 9 Kommentare

Klage, nicht Anklage

Wir Journalisten und Beobachter waren uns nicht einig: Würde Papst Franziskus in Armenien das Wort „Völkermord“ in den Mund nehmen, um auf die Geschichte der Vertreibung und Tötung vor 100 Jahren zu Sprechen zu kommen, oder mit Rücksicht auf die Türkei nicht? Genauso wie unlängst Deutschland nach der Resolution im Bundestag hatte der Vatikan Probleme, als der Papst am 12. April 2015 bei einer Messe zum Gedenken an die Ereignisse im Osmanischen Reich „Genozid“ sagte.

Der Papst in Zizernakaberd

Der Papst in Zizernakaberd

In den Reden stand das Wort nicht, obwohl sie auch so an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließen. Aber in seiner Ansprache am Freitag fügte der Papst das Wort dann doch ein. Und die Art und Weise, wie der Papst das tat, machten auch deutlich, wie er das meint.

Die Gesten des Papstes beim Besuch der Gedenkstätte in Armenien, die an die Ereignisse, die Vertreibungen und den Tot von Millionen von Menschen erinnern, genau so wie die Worte im April 2015 wie auch am Samstag in Jerewan, haben mich an die Gesten von Jerusalem und Bethlehem erinnert. Nicht, dass der Papst auch dort wieder an einer Wand gestanden wäre, aber die Intention schien mir dieselbe.

Er klagte, er beklagte, aber er klagte nicht an.

Das klingt vielleicht wie ein Wortspiel, macht aber einen großen Unterschied. Die Millionen von Toten kann ich beklagen, ohne gleichzeitig mit dem Finger zu zeigen. Wie es der Papst auf Lampedusa – noch so ein Trauerort – gesagt hat: Tausende von Menschen ertrinken und wir trauern noch nicht einmal. Die Frage nach dem Warum wird dadurch nicht unnötig, im Gegenteil. Solch eine Klage darf nichts beschönigen oder verdrängen. Trotzdem ist es etwas anderes, vielleicht sogar das Grundlegende, was anderen Dingen voraus gehen muss.

Zunächst muss ich sehen, dass dort Menschen, Brüder und Schwestern, im Millionenzahlen ums Leben gekommen sind oder besser: ums Leben gebracht wurden. Dann trauere ich um sie. Das ist menschlich.

Alles andere kommt dann. Denn nur so sind die Menschen im Mittelpunkt und werden nicht gegen andere benutzt. Die Armenier haben es vorgemacht, der Papst hat es gemacht. Ich würde mir wünschen, dass mehr anerkennen würden, dass es Opfer gibt, ohne sich gleich selbst angegriffen zu fühlen oder zu wissen.

Das es Verantwortlichkeiten gibt ist klar, dass diese benannt werden müssen auch. Aber klarer sichtbar werden sie, wenn man der Trauer um die Toten einen Raum gibt.

Oder eine Geste, eben wie der Papst.

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Franziskus, Geschichte, Glaube und Vernunft, Unterwegs, Vatikan | Verschlagwortet mit , , , , , | 12 Kommentare

Spaemann und der Widerspruch zu den Worten Jesu

Die Sichtweise von Papst Franziskus zu Ehe und Familie ist nicht evangeliumskonform. Ich bin zwar kein Philosoph wie Robert Spaemann, der diese These in die Welt setzt, aber ich denke schon, dass so was nicht einfach gesagt werden kann, ohne kommentiert zu werden. Er spricht in einem Artikel in der Tagespost.

Widerspruch oder nicht?

Widerspruch oder nicht?

Vordergründig geht es Spaemann um die Frage von Ehe und Familie, hier weigere sich der Papst, die klaren Worte seiner Vorgänger zu wiederholen, meint er. Aber eben nur vordergründig. Dahinter liegt etwas Anderes:

Spaemann sagt zu seiner Aussage zum Bruch des Papstes mit der Lehrtradition der katholischen Kirche (ein Zitat aus einem früheren Interview, der Mann ist Wiederholungstäter) „Was ich sagen wollte, war, dass einige Äußerungen des Heiligen Vaters in eindeutigem Widerspruch stehen zu Worten Jesu, zu Worten der Apostel sowie zu der traditionellen Lehre der Kirche. Von einem Bruch sprechen sollte man allerdings nur dann, wenn ein Papst unter förmlicher Berufung auf seine apostolische Vollmacht eindeutig und ausdrücklich – also nicht beiläufig in einer Fußnote – etwas lehrt, was im Widerspruch zur genannten Lehrtradition steht. Der Fall ist hier nicht gegeben.“ Verstehe das, wer will. Was soll bitte der Unterschied sein zwischen einem „eindeutigen Widerspruch“ zu den Worten Jesu und dem formalen Unterschied, das in apostolischer Vollmacht zu tun. Das kann wirklich nur jemand auseinanderhalten, der stark legalistisch denkt.

Natürlich ist das ein Unterschied, aber der ist minimal, wenn es um einen Widerspruch zu Jesu Worten geht. Meint er etwa, so ein Widerspruch sei weniger schlimm, wenn er formal anders daher kommt?

Vordergründig geht es Spaemann um die Familie, aber nur vordergründig. Dahinter liegt seine Überzeugung, dieser Papst halte es mit Jesus und der Lehre nicht so genau. Klug wird dann das Wort „Häresie“ eingeführt, natürlich ohne den Papst selbst zu meinen, aber es steht da und jeder Leser kann sich seinen Teil denken.

Er will einem Vorschlag widersprechen, sagt er. Das ist ja auch gut so, wenn es denn so wäre. Ist es aber nicht. Es ist ein massiver Vorwurf, der hier im Raum steht. Unbelegt.

 

Barmherzigkeit? Gebote?

 

Über die Familie und die Frage nach der Ehe und so weiter kann und muss man sprechen, Jesu Worte sind auch keine einfach zu schluckenden Lebens-Verbesserer, da hat Spaemann Recht. Es ist prophetisches und herausforderndes Sprechen, man lese nur den großen, sich über einige Kapitel hinziehenden Konflikt im Johannesevangelium. Aber das kann und muss man auslegen. Es reicht nicht, sich Zitate um die Ohren zu hauen, denn da gibt es zu viele von.

Die einen betonen Barmherzigkeit, die man aber nicht gegen Gottes Gebot ausspielen darf. Die anderen die Gebote, die aber nicht Gottes unendliche Liebe schmälern dürfen. Sich mit Zitaten zu bewaffnen reicht nicht, ein Philosoph sollte das wissen. Da muss man schon mehr tun.

Für jede kluge und philosophisch untermauerte Beteiligung daran – auch und gerade wenn es kritisch ist – sind wir alle dankbar. Aber den Widerspruch des Papstes zu den Worten Jesu zu konstatieren, ist unverschämt.

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Die deutschsprachige Kirche, Franziskus, Glaube und Vernunft | Verschlagwortet mit , , , , , , | 23 Kommentare

Die universalistische Sicht des Gemeinwohls

Es ist der Tag der Brexit-Abstimmung. Als bekennender Anglophiler lässt mich ratlos zurück, wie in den vergangenen Wochen dort auf der Insel debattiert wurde und was für grober Unfug bis hin zu Verstellungen und Fehlinformationen über Europa offen behauptet werden durften. Aber mehr noch als die Inhalte hat mich die Selbstverständlichkeit irritiert, mit der ohne jede Vorstellung einer gemeinsamen Zukunft gewettert wurde.

Die einen schüren die Angst vor der Migration, das ist schlicht das Rückgrat der Brexit-Kampagne. Die anderen schüren die Angst vor wirtschaftlichen Nachteilen. Alle sind gegen etwas, kaum einer ist für etwas. Nun ist der Pragmatismus der Insel ja legentär, trotzdem hätte ich ihnen etwas mehr Vorstellungsvermögen zugetraut.

Johannes Paul II. im Jahr 2004

Johannes Paul II. im Jahr 2004

Und weil das Ganze ja auch hier bei uns nicht so wirklich selten ist und die Argumente – vor allem gegen die Migration und die Flüchtlinge – salonfähig zu werden drohen, habe ich noch mal ein wenig geblättert. 1999 hatte es eine Bischofssynode im Vatikan zum Thema Europa gegeben, 2003 veröffentlichte Papst Johannes Paul II. sein Abschlussdokument, „Ecclesia in Europa“. Da stehen viele Dinge drin, einiges ist mir aber besonders ins Auge gefallen.

Was mir besonders aufgefallen ist, ist die Begründung: Die universalistische Sicht des Gemeinwohls fordert die Dinge, welche der Papst aufzählt. Und: Man darf nicht in Gleichgültigkeit gegenüber den universalen menschlichen Werten verfallen. Das ist ein wenig die „Globalisierung der Gleichgültigkeit“, wie wir sie auch von Papst Fanziskus vorgehalten bekommen. Universal, nicht partikular. Gemeinsam, nicht getrennt. Zusammen, nicht auseinander. Das lese ich in den Zeilen von Johannes Paul II.

 

Lesen wir beim Papst:

  1. Zu den Herausforderungen, die sich heute dem Dienst am Evangelium der Hoffnung stellen, zählt auch das wachsende Phänomen der Zuwanderungen, das von der Kirche die Fähigkeit verlangt, jede Person, welchem Volk oder welcher Nation sie auch angehört, aufzunehmen. Es spornt auch die gesamte europäische Gesellschaft und ihre Institutionen zur Suche nach einer gerechten Ordnung und nach Weisen des Zusammenlebens an, die alle respektieren, sowie nach der Legalität in einem Prozeß möglicher Integration.

In Anbetracht des Zustandes von Elend, Unterentwicklung oder auch unzureichender Freiheit, der leider noch immer in verschiedenen Ländern herrscht und viele zum Verlassen ihres Landes treibt, bedarf es eines mutigen Einsatzes von seiten aller für die Verwirklichung einer gerechteren internationalen Wirtschaftsordnung, die in der Lage ist, die wirkliche Entwicklung aller Völker und aller Länder zu fördern.

  1. Angesichts des Migrationsphänomens steht für Europa die Fähigkeit auf dem Spiel, Formen einer intelligenten Aufnahme und Gastfreundschaft Raum zu geben. Die »universalistische« Sicht des Gemeinwohls fordert das: Man muß den Blick weiten, um die Bedürfnisse der ganzen Menschheitsfamilie im Auge zu haben. Das Phänomen der Globalisierung fordert Öffnung und Teilen, wenn es nicht Wurzel von Ausschließung und Ausgrenzung sein soll, sondern vielmehr von solidarischer Teilnahme aller an der Produktion und am Austausch der Güter.

Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein, Die deutschsprachige Kirche, Franziskus, Geschichte, Glaube und Gerechtigkeit, Glaube und Vernunft | Verschlagwortet mit , , , , , , | 48 Kommentare

Sommerreise die vierte

Alle Jahre wieder …

Angefangen hatte es als Idee für den ereignisarmen August, gerne auch als „Sommerloch“ bezeichnet. Wir bei RV wollen schöne Sendungen machen, aber wenn nix passiert und damals Papst Benedikt XVI. in Castelgandolfo urlaubt, was dann?

Also habe ich mich auf gemacht in die „echte“ Kirche, vor Ort, in Pfarreien und Initiativen, zu interessanten Geschichten, die normalerweise nicht das Licht der medialen Öffentlichkeit sehen. Und habe das dann als Sommerreise berichtet, im August, jeden Tag ein Beitrag, als Serie. Jahr eins war ich in Österreich unterwegs, Jahr zwei in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen und in Jahr drei in der Schweiz. Laudatio Si‘ hat mir im vergangenen Jahr einen Strich durch die Rechnung gemacht, es war schlicht keine Zeit, aber in diesem Jahr war ich wieder unterwegs.

Genauer: heute ist der letzte Tag meiner Reise.

Kapelle aus Schalke

Kapelle aus Schalke

Wuppertal, Düsseldorf, Bottrop, Dortmund, Essen. Diese Namen reichen um zu sagen, wo ich alles war. Vier bis fünf Treffen pro Tag plus An- und Abreisen ist kein Pappenstiel, aber es macht riesen Spaß,  Menschen zu begegnen und kleine Geschichten zumachen. Und das kann auch nur Radio: Kopfkino, ohne dass irgendwie eine Kamera und Licht und so weiter gebraucht würde und ich irgendwie lächelnd durch die Landschaft ginge. Es zählt die Geschichte und wie sie erzählt wird, nicht das Bild.

die Kapelle auf Schalke war dabei, Essen und Lernen in der Dortmunder Nordstadt, eine Kirche in einem Bunker, Staatskirchenrecht und Medien, Flüchtlingsinitiative und Urlaub. Wunderbar bunt.

Ab Ende Juli dann bei Radio Vatikan zu hören, über die Sendungen, die Seite, die App, bei Facebook … .

Veröffentlicht unter Allgemein, Die deutschsprachige Kirche, Glaube und Welt, Kirche und Medien, Neulich im Internet, Sommerreise, Unterwegs | Verschlagwortet mit , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Dialog der Freundschaft

Papst Franziskus kann mit anderen Religionen. Das ist nichts neues, ist aber immer wieder beeindruckend. Der zweite Mann im Dialograt hat dazu neulich ein Interview gegeben, Bischof Miguel Ángel Ayuso Guixot bezeichnete die Absicht des Papstes als „Brücken bauen“ und benutzte ein Wort, das immer wieder in Bezug auf den Papst benutzt wird: Koalition. Dieser Papst baut Koalitionen um Themen wie Frieden und Versöhnung, weil die wirklich wichtigen Themen nur gemeinsam angegangen werden können. „Dialog kennt keine Verlierer“: es sind Zitate wie dieses, das man immer wieder von Papst Franziskus hören kann, es ist aber weniger das formale „Dialogprozess“, wie wir es kennen, es ist ganz praktisch, hat mit Besuchen und Umarmen zu tun, mit Betonen der Gemeinsamkeiten etc. So auch unlängst mit dem Scheich der Al-Azhar Moschee in Kairo, einer der wichtigsten theologischen Institutionen des Islam. Das Treffen selbst sei die Botschaft, sagte der Papst dabei.

Damit sind die Probleme nicht gelöst. Sie werden auch nicht unter den Teppich gekehrt. Aber ohne solche Begegnungen passiert gar nichts.

Der Papst mit Ahmad Mohammad al-Tayyeb, dem Scheich der al-Azhar Uni Kairo

Der Papst mit Ahmad Mohammad al-Tayyeb, dem Scheich der al-Azhar Uni Kairo

Franziskus könne man als Papst beschreiben, der auf einen Dialog der Freundschaft setze, sagt Ayuso dazu.

Analytisch ist das nicht, muss es auch gar nicht sein, es beschreibt aber den Schwerpunkt recht gut. Freundschaft bedeute nicht, einfach nur nett zu sein. Im Gegenteil, man braucht dafür eine eigene Identität und Durchhaltevermögen. Dann komme man zu Brücken und überwinde die Mauern, so Ayuso.

Johannes Paul II. hatte um den Frieden gerungen und um Freiheit, Paul VI. hat vielleicht den Dialog mit der Welt der Wissenschaft und Kunst neu geschaffen, so hatten alle Päpste eigene Dialog-Schwerpunkte. Aber in einer Welt, die zunehmend auseinander driftet und auf das „Eigene“ setzt, ist es um so wichtiger, dieser Tendenz Freundschaft – Verbindung, Verbindlichkeit, Gespräch, Offenheit – entgegen zu setzen.

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Franziskus, Glaube und Gerechtigkeit, Glaube und Vernunft, Rom, Spiritualität / Geistliches Leben, Vatikan | Verschlagwortet mit , , , | 8 Kommentare