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Das Beispiel des Jona

Und noch einmal einige Gedanken zu Gaudete et Exsultate, einen ersten Beitrag hatte ich ja schon eingestellt.

„Wie der Prophet Jona sind wir immer latent in der Versuchung, an einen sicheren Ort zu fliehen, der viele Namen haben kann: Individualismus, Spiritualismus, Einschließen in kleine Welten, Abhängigkeit, Sich-Einrichten, Wiederholung bereits festgelegter Schemata, Dogmatismus, Nostalgie, Pessimismus, Zuflucht zu den Normen“ (GE 134) ist ein Abschnitt, der sehr viel von dem zusammenfasst, was der Papst immer wieder über die Versuchungen sagt.

Hinaus gehen? Oder in Sicherheit bleiben? Oude Kerk, Amsterdam

Hinaus gehen? Oder in Sicherheit bleiben? Oude Kerk, Amsterdam

Es wird deutlich, dass es eben keine moralischen Urteile sind, die der Papst fällt. Es geht ihm um die Alternative entweder hin zu Gott oder weg von Gott, also letztlich um eine geistliche Wahl.

Viele der Debatten um die starken Worte und Aufforderungen des Papstes drehen sich um die Frage, was man jetzt tun müsse oder dürfe, eben um moralische Fragen.

Gaudete et Exsultate ist ja so etwas wie die Aktualisierung und Fortschreibung von Evangelii Gaudium (veröffentlicht 2013), also schauen wir in diesen älteren und ausführlichen Text hinein. Auch da spricht der Papst von den Versuchungen. „Heute kann man bei vielen in der Seelsorge Tätigen, einschließlich der gottgeweihten Personen, eine übertriebene Sorge um die persönlichen Räume der Selbständigkeit und der Entspannung feststellen“ (EG 78).

Oder er spricht von der Versuchung, die eigene Identität und Überzeugung zu verbergen (EG 79). Oder vom „praktischen Relativismus“, der darin besteht „so zu handeln, als gäbe es Gott nicht“ (EG 80). Oder: „Die Isolierung, die eine Version des Immanentismus ist, kann sich in einer falschen Autonomie ausdrücken, die Gott ausschließt und die doch auch im Religiösen eine Art spirituellen Konsumismus finden kann, der ihrem krankhaften Individualismus entgegenkommt“ (EG 89).

 

Im Problem liegt schon der Kern der Lösung

 

Und in diesem Sinn geht es weiter. Der oben zitierte Abschnitt nimmt das auf. Jona soll aufbrechen und verkünden, stattdessen flieht er. Aber auch hier liegt wie auch in dem im vorhergehenden Blogeintrag beschriebenen Thema im Problem auch der Kern für seien Lösung.

Der Papst schreibt weiter: „Die Schwierigkeiten können jedoch so etwas sein wie der Sturm, wie der Wal, wie der Wurm, der den Rizinusstrauch des Jona vertrocknen ließ, oder wie der Wind und die Sonne, die Jona auf den Kopf brannten; und ebenso wie für ihn, so können sie für uns die Funktion haben, uns zu diesem Gott zurückkehren zu lassen, der Zärtlichkeit ist und der uns auf eine ständige und erneuernde Wanderung mitnehmen möchte“ (GE 134). Weiterlesen

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Der Junge und der Papst

Eine Geschichte geht um die Welt: Am vergangenen Sonntag hatte Papst Franziskus eine Pfarrei besucht, als erstes durften einige Kinder Fragen stellen.

Der Papst und der Junge in Corviale

Der Papst und der Junge in Corviale

Ein Junge wollte, brach dann aber in Tränen aus. Es stellte sich später heraus, dass sein Vater gestorben war und er jetzt wissen wollte, ob er – obwohl kein Christ – im Himmel sei. Er weinte also, der päpstliche Zeremonienmeinster reagierte fantastisch, und der Papst dann auch. Er rief den kleinen Jungen zu sich, lies sich die Frage ins Ohr flüstern, fragte dann ob er die Geschichte erzählen dürfe und tat das dann. Und während er dann die Frage beantwortete, bewegte er die Aufmerksamkeit behutsam weg von dem Jungen, um nicht noch mehr Druck aufzubauen. Eine fantastische Geschichte, die in vielen Kurzfilmen bei vielen Plattformen, von ORF bis zu katholischen Häusern, zu sehen ist.

 

Aufmerksamkeit auf einem traumatisierten Jungen

 

Bei uns nicht. Jedenfalls nicht in der deutschsprachigen Ausgabe, bei den anderen schon. Ich selber hatte den Bericht am Sonntag geschrieben und entschieden, diese Geschichte nicht zu erzählen. Vielleicht bin ich ja über-sensibel, aber mir kam das sehr übergriffig vor. Ein traumatisierter Junge, der von wem-auch-immer zum Fragenstellen vor die Kameras der Welt geschoben wird, das hätte auch schiefgehen können. Wenn Mons. Sapienza und der Papst nicht so wunderbar reagiert hätten.

Dass die Geschichte wunderbar ist, steht außer Frage. Selbst Zeitungen, die normalerweise gegen Papst Franziskus wettern, haben das als „besser als 1.000 Predigten“ bezeichnet. Und das war es irgendwie auch.

Aber: Ich werde zunehmend nervös, wenn Kinder so involviert werden. Wir Medien sind da gnadenlos. Es ist eine Sache, wenn ein Junge auf dem Papststuhl klettert oder sich am Papst festklammert, während der spricht. Es ist eine andere, wenn es um den Tod des Vaters geht.

Mag schon sein, dass ich da über-sensibel bin, das wiederhole ich hier gerne. Vielleicht liege ich ja mit meiner Einschätzung falsch. Aber bei mir hinterlässt dieses Vorführen von Trauma und Leid einen schalen Beigeschmack.

Wer das Video dazu sehen mag, kann das hier tun. Auf die Rückmeldungen bin ich gespannt.

 

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Raus aus der verbalen Gewalt

Die Zeit ist schnell über das jüngste Papstschreiben hinweggegangen, was eigentlich schade ist. Es liest sich wie eine Aktualisierung und Fortschreibung von Evangelii Gaudium, was immer noch die Programmschrift für die Reform der Kirche ist. Und deswegen nutze ich diesen Ort hier, um einige Aspekte noch mal aufzugreifen.

„Der Heilige verschwendet seine Energien nicht damit, über fremde Fehler zu klagen; er kann über die Schwächen seiner Brüder und Schwestern schweigen und vermeidet verbale Gewalt, die zerstört und misshandelt“ (GE 116): Wir Christen haben ein Problem. Wir sind seit einiger Zeit fixiert darauf, festzustellen, was der jeweils andere falsch macht.

Installation in der Oude Kerk, Amsterdam

Wer sind die anderen, in der Kirche, die ich gar nicht kenne? Wie verhalte ich mich denen gegenüber? Bild: Installation in der Oude Kerk, Amsterdam

Vor der Seligsprechung von Papst Johannes Paul II. habe ich hier im Büro mal das Archiv durchgeblättert, was mir mein Vorgänger hinterlassen hat. Artikel in christlichen Zeitschriften – vor dem Internet – aus den 80er Jahren. Die Sprache von damals war nicht weit weg von der, die sich heute im Netz findet: ad personam, unterstellend, spekulativ, immer die schlimmste mögliche Lesart annehmend und dann gegen jemanden richtend. Und Urteile fällend.

So völlig neu ist das Phänomen also nicht, und es kommt auch nicht nur aus einer bestimmten Richtung.

Der Papst spricht in Gaudete et Exsultate von der verbalen Gewalt, die auch Christen benutzen. Verleumdung, üble Nachrede, ohne Respekt, alles schlimmer gemacht dadurch, dass die Sprache eine Härte hat, die man sich im „echten“ Leben nie trauen würde zu benutzen. Seine Analyse: hier wird „im wütenden Abladen von Rachegelüsten die eigene Unzufriedenheit“ kompensiert. Und wieder von der Analyse weg schaut er auf das Geistliche und setzt noch einen drauf: „Es ist auffällig, dass unter dem Vorwand, andere Gebote zu verteidigen, das achte Gebot – ‚Du sollst kein falsches Zeugnis geben‘  – zuweilen komplett übergangen und das Ansehen anderer gnadenlos zerstört wird.“ (GE 115)

 

„Nein zum Krieg unter uns“

 

In Evangelii Gaudium hieß das „Nein zum Krieg unter uns“, dort zitiert er auch das Johannesevangelium, in dem die Wirksamkeit des christlichen Zeugnisses an die gegenseitige Liebe geknüpft wird (EG 99). Hier fügte der Papst aber auch eine Erklärung an, die im neuen Schreiben fehlt: „Für diejenigen, die durch alte Spaltungen verletzt sind, ist es schwierig zu akzeptieren, dass wir sie zur Vergebung und zur Versöhnung aufrufen, weil sie meinen, dass wir ihren Schmerz nicht beachten oder uns anmaßen, sie in den Verlust ihrer Erinnerung und ihrer Ideale zu führen“ (EG 100). Weiterlesen

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Papst-Sprache

Papst Franziskus hat einen Brief geschrieben, gerichtet an die Bischöfe Chiles. Die Geschichte ist bekannt, es geht um Vorwürfe gegen einen Bischof, er habe einen Missbrauchstäter gedeckt. Und Papst Franziskus decke nun diesen Bischof. Der Papst hatte sich im Januar sehr deutlich geäußert – Verleumdung war das Wort – und musste schnell zurück rudern, auch Kardinal O’Malley, der die Missbrauchskommission im Vatikan leitet, hat sich schnell und differenziert geäußert.

Und jetzt hat sich der Papst wieder geäußert:

„Soweit es mich betrifft, erkenne ich an, und möchte Sie bitten es getreu zu übermitteln, dass ich bei der Beurteilung und Wahrnehmung der Situation schwerwiegende Fehler gemacht habe, insbesondere aufgrund eines Mangels an wahrheitsgemäßen und ausgewogenen Informationen. In diesem Augenblick entschuldige ich mich bei allen, die ich beleidigt habe, und ich hoffe, ich werde es in den kommenden Wochen persönlich bei den Treffen mit Vertretern der befragten Personen persönlich tun können.“

Fehler bekennen: Papst Franziskus, hier beim Kreuzweg am Kolosseum

Fehler bekennen: Papst Franziskus, hier beim Kreuzweg am Kolosseum

Es braucht sicherlich noch Zeit, einsinken zu lassen, was das genau bedeutet. So eine Sprache aus dem Mund eines Papstes, dieses Papstes. Als ich den Bericht gestern gemacht habe, habe ich zuerst meinem Spanisch nicht über den Weg getraut.

Aber einen Eindruck habe ich jetzt schon: Die deutlichen und harten Worte, die er gegenüber anderen verwendet, die ist er auch bereit auf sich selber anzuwenden. Respekt!

Bei Facebook hat jemand unter dem Stück kommentiert, Ehrlichkeit sei die Schwester der Gerechtigkeit. Es gehört geistliche Reife dazu, das so öffentlich und in so einer Rolle auch sagen zu können.

Hoffen wir, dass es für diejenigen, die daran leiden mussten, ein Schritt in die richtige Richtung ist.

 

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Papstschreiben: Christsein für das 21. Jahrhundert

Wem beim Lesen von Gaudete et Exsultate, dem neuen Papstschreiben, vieles bekannt vorkommt, der hat in den vergangenen Jahren Papst Franziskus viel zugehört oder viel gelesen. Von Tag Eins an hat der Papst seine Themen wieder und wieder vorgelegt, getreu dem pädagogischen Prinzip dass der Mensch durch Wiederholung lernt, nicht durch Abwechslung.

Dass diese Themen aber mehr sind als Betrachtungen und Ratschläge eines Seelsorgers, das wurde bereits in seinem ersten Schreiben deutlich, der richtigerweise als Programmschrift bezeichneten Apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium vom November 2013. Nun gibt es wieder ein solches Schreiben, „Freut euch und jubelt“ heißt der Titel übersetzt.

Papst Franziskus auf dem Petersplatz - inmitten von zur Heiligkeit Berufenen

Papst Franziskus auf dem Petersplatz – inmitten von zur Heiligkeit Berufenen

Damit tragen alle diese großen Schreiben ‚Freudentitel’: Evangelii Gaudium – Freude des Evangeliums; Laudato Si’ – Gelobt seist du Gott; Amoris Laetitia – Freude der Liebe und nun Gaudete et Exsultate. Da steckt System dahinter.

Für Vatican News habe ich eine ausführliche Einführung oder Zusammenfassung geschrieben.

An dieser Stelle möchte ich auf drei Dinge hinweisen, die mir besonders aufgefallen sind.
Erstens ist da die Praxis. Er will den Ruf zur Heiligkeit heute „mit seinen Risiken, Herausforderungen und Chancen Gestalt annehmen lassen“, schreibt er. Er schreibt nicht über etwas, er schreibt Leute an. Er schreibt uns an. Dieses Aufrüttelnde und direkt Ansprechende ist ja immer schon ein Markenzeichen seiner Schreib- und Sprechweise gewesen, hier wird es noch einmal besonders deutlich.

 

Christsein, ganz konkret

 

Und es wird System: Mit Thomas von Aquin setzt er die Werke der Barmherzigkeit vor das Gebet und den Gottesdienst, die Heiligkeit für heute – ich übersetze: das Christsein für das 21. Jahrhundert – zeigt sich in Barmherzigkeit. Und da hat er sehr deutliche Worte, etwa in Sachen Flüchtlinge und Migranten, etwa in Sachen sprachliche Gewalt in sich katholisch nennenden Webseiten, etwa in Sachen Verzerrung des Christlichen durch ein zu starkes Bauen auf die eigenen Fähigkeiten und Anstrengungen. Das sind Textstellen, die auch sprachlich sehr an Evangelii Gaudium erinnern, die Verve und die Stärke der Aussagen lassen direkt spüren, wie wichtig ihm diese Anliegen sind.

Ich war einige Male an das Diktum „Es gibt nichts Gutes außer man tut es“ erinnert, in dem Sinn, dass es natürlich ein philosophisches Gutes gibt, das wir Gott nennen, dass Gott aber völlig draußen bleibt, wenn der Glaube an Gott und Gottes Ruf an den Menschen nicht praktisch wird. In die Welt kommt. Das scheint mir der rote Faden dieses Schreibens zu sein.

 

Übung in Unterscheidung

 

Zweitens sind da die Gegner, die Versuchungen: Das ganze Schreiben kann man als eine Übung in „Unterscheidung der Geister“ lesen, „vor Gott die Wege des Lebens prüfen“. „Der Unterscheidung bedarf es nicht nur bei außergewöhnlichen Ereignissen, wenn es schwierige Probleme zu lösen gilt oder wenn eine wichtige Entscheidung getroffen werden soll. Sie ist ein Mittel im Kampf (sic!), um dem Herrn besser zu folgen. Wir brauchen sie immer, um fähig zu sein, die Zeiten Gottes und seiner Gnade zu erkennen, um die Inspirationen des Herrn nicht zu verpassen, um seine Einladung zum Wachstum nicht vorbeigehen zu lassen“ (Nr 169). Weiterlesen

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Tu-Papst

Bei diesem Papst muss man was tun. „Macht Lärm!“ ruft er Jugendlichen zu, „geht aus euch heraus!“ allen Christen und „macht die Türen auf und lasst Jesus heraus!“ vor seiner Wahl den versammelten Kardinälen. Gerade erst ist ein einem Artikel in der Herder Korrespondenz auch darauf hingewiesen worden, dass selbst die scheinbar unschuldig daher kommende Formulierung „vergesst nicht, für mich zu beten!“ eine Aufforderung zum Tun enthält.

Der Autor, Volker Resing, nennt den Papst deswegen einen „Papst des Imperativs“: „Macht!“

Selber auch immer wieder in Action. Hier: Papstbesuch in Albanien

Selber auch immer wieder in Action. Hier: Papstbesuch in Albanien

Dahinter steckt aber kein Aktivismus, das muss man an dieser Stelle betonen. Dahinter steckt ein anderer Gedanke, den der Papst in seiner Predigt zu Osternacht meditativ vorgelegt hat.

Der erste Schritt ist die Einsicht in die eigene Schwäche, die Einsicht dass mein eigenes Handeln immer zu kurz greift. Das ist schon allein deswegen wichtig, weil man nie vergessen darf, dass wir hier nicht die Macher sind, sondern dass Gott in uns handelt. Ostern ist das besonders offensichtlich, in die Schwäche, die Ohnmacht, die Verwirrung der Jünger hinein klingt das „ER ist auferstanden!“.

 

Drei Schritte

 

Der zweite Schritt ist das Hören auf diese Botschaft, die in uns zur Hoffnung wird, zur Zuversicht. Wieder etwas, was nicht wir selber ‚machen‘ können, wir können Optimisten sein, Hoffnung gründet sich aber auf etwas was nicht unser Eigenes ist.

Und drittens folgt dann das Handeln. Die Hoffnung wird schöpferisch, wie er das in der Predigt nannte, sie setzt sich in „konkrete Handlungen der Liebe“ um.

Eben kein Aktivismus. Eben kein auf sich selber und seine eigenen Stärken bauen. Das Handeln baut auf Gott und nicht auf unsere eigenen Kräfte. Das macht den „Papst des Imperativs“ einen Papst, der in all dem Tun den tieferen Halt sucht, in der Hoffnung und mit der Kraft. Natürlich äußert er sich in Aufforderungen, mehr als andere, aber die gehen eben zurück auf eine Verwurzelung, die über das reine Tun weit hinaus gehen.

 

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Höllen-Diskussion

Es war ein wenig wie beim Vaterunser: Der Papst macht eine Bemerkung und plötzlich stürzen sich die Medien drauf. Oder besser: es wird behauptet, der Papst habe eine Bemerkung gemacht, und dann stürzen sich die Medien drauf.

Der neueste „Fall“ ist die Hölle und deren Existenz oder Nichtexistenz. Zu Ostern war in der Zeitung La Repubblica ein als wörtliches Interview abgedrucktes Gespräch mit dem Gründer der Zeitung erschienen, der den Papst sagen lässt, dass es keine Hölle gibt. Der Vatikan hat das dementiert, es habe gar kein Interview gegeben sondern nur eine kurze informelle Begegnung der beiden, aus der der sogenannte Journalist dann ein wörtliches Interview gemacht habe, aber da war es schon zu spät.

 

Mal wieder ein so genanntes Interview

 

Die Hölle war Thema. Und das nicht nur bei den üblichen Verdächtigen im Netz, auch große Zeitungen und das Fernsehen griffen das auf. Bis hin dazu, dass Kardinal Vincent Nichols (London) in der BBC im Today Program die katholische Lehre der Hölle erläutern durfte.

Den Geist fliegen lassen - 3.333 goldene Vögel, Liebfrauen Überwasser in Münster

Den Geist fliegen lassen – 3.333 goldene Vögel, Liebfrauen Überwasser in Münster

Wie gesagt, es war ein wenig wie beim Vaterunser: Plötzlich war ein Thema da und alle haben darüber geredet. Es war kein geplantes Thema und die Medienhäuser der Bistümer haben sicherlich auch andere Themen gehabt, die sie gerne gesetzt hätten – Ostern zum Beispiel – die aber in den Hintergrund traten.

Nun ist sowohl eine angebliche Änderung der Übersetzung des Vaterunsers wie auch die „Abschaffung“ der Hölle, was irgendwie den Papst als Revolutionär, als unkalkulierbar und als ein wenig wild erzählt. Weswegen das dann auch zum Thema wurde, jedenfalls erkläre ich mir das so.

 

Wir lernen zwei Dinge

 

Zwei Dinge können wir aber daraus lernen: es ist möglich, konstruktiv und ernsthaft über theologische Themen zu spreche, welche nicht nur Insider interessieren. Vaterunser und Hölle haben das gezeigt. Man muss nur etwas seinen Geist fliegen lassen und die destruktiven Kräfte links – oder rechts – liegen lassen, dann findet man viele Fragen und kluge Beiträge, zu theologischen Themen, auch von außerhalb der Kirche.

Zweitens: wenn es uns als Kirche nicht gelingt, öffentlich mit unseren theologischen Themen wahrgenommen zu werden, dann mag das an uns und an unseren Themen liegen. Interesse jedenfalls wäre da. Vielleicht nicht da, wo wir es vermuten, aber es ist da.

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„Auf Wiedersehen“

Ein ganz schlichter Wunsch. Irgendwie klingt das ein wenig wie das „Buongiorno“ des Papstes, „auf Wiedersehen“. Nur dass der Schlussgruß von Kardinal Karl Lehmann war. Es ist der Abschluss seines geistlichen Testaments. Gesprochen mit dem Blick auf den Tod, aber dann auch darüber hinaus.

Die zwei Worte haben mich nachhaltig beeindruckt, und nicht nur mich. Aus ihnen spricht als erstes eine Zuversicht und ein Glauben, der mit beiden Beinen auf der Erde steht. Zweitens aber hat Karl Lehmann damit auch Worte gefunden, die wir verstehen.

Petersdom am Morgen: Manchmal ist der Glaube groß und abstrakt

Petersdom am Morgen: Manchmal ist der Glaube groß und abstrakt

Für Theologen ist es oft nicht einfach, Glauben zu erklären, vor allem wenn es um Dinge geht, von denen wir in unserer Erfahrungswelt keine Ahnung haben. Auferstehung etwa. Keiner von uns hat je einen Auferstandenen gesehen, wir wissen nicht, wie wir uns das vorstellen sollen. Das Glauben daran ist eben das, ein Glauben. Und ein Hoffen, und ein Lieben. Anders kann man das nicht glauben.

Aber auch Nichttheologen finden nicht immer die richtigen Worte, obwohl in meiner Erfahrung hier das unbeholfene Ausdrücken manchmal näher an meinem Glauben ist als abstrakte Aussagen aus den Lehrbüchern.

 

Etwas ganz Normales

 

Und deswegen haben die Lehmann-Worte solche Resonanz: das ist der Gruß, den wir täglich verwenden. Etwas ganz Normales. Und angewendet wird er auf etwas ganz und gar nicht Normales, auf die Auferstehung. Anders ergeben die Worte ja keinen Sinn.

Unser Glaube kommt manchmal sehr abstrakt daher. Muss er auch, Gott, Schöpfung, Erlösung sind ja nicht Dinge, die sich sofort jedem erschließen. Das so weiter zu geben, dass es jeder versteht, ist eine Kunst. Unser Papst kann das. Und Kardinal Lehmann eben auch.

Innerkirchlich nennt man das oft ‚herunter brechen‘ auf die konkrete Wirklichkeit. Aber genau das machen diese Worte nicht. Sie bleiben auf der Höhe der Theologie, sie nehmen von Zuversicht und Hoffnung nichts weg, und sprechen doch unsere Alltagssprache. Das ist das, was mich daran so packt.

Es ist ein Glauben, der auf dem Boden steht. Eine Zuversicht, die im hier und heute und jetzt gründet. Eine Hoffnung, die keine Vertröstung auf ein Jenseits ist sondern mit den Menschen hier um uns herum zu tun hat: Das ist die Brücke, welche der Gruß zur Auferstehung schlägt.

In diesem Sinne Ihnen allen ein gesegnetes Osterfest.

 

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Brutalität der Sünde

Karfreitag, die Trauer und die und Verehrung des Kreuzes. Aber nicht nur das: Papst Franziskus hat 2015 beim traditionellen Kreuzweg am Kolosseum ein Gespräch mit dem Gekreuzigten geführt, ein Gebet in ignatianischer Tradition:  „Wie ein Freund mit einem Freund spricht“, wie Ignatius sagt. Ein wunderbarer Text der Meditation und offensichtlich Frucht eines lebenslangen Betens. Zur geistlichen Begleitung dieses Tages stelle ich diese Meditation/dieses Gebet hier ein weiteres Mal ein.

 

Papst Franziskus beim Kreuzweg 2015

Papst Franziskus beim Kreuzweg 2015

„O gekreuzigter und siegreicher Christus, dein Kreuzweg ist die Synthese deines Lebensweges und das Abbild deines Gehorsams gegenüber dem Willen des Vaters. In ihm wird deine unendliche Liebe für uns Sünder Wirklichkeit und zum Erweis deines Auftrags und zur endgültigen Erfüllung der Offenbarung und der Geschichte des Heils.

Das Gewicht deines Kreuzes befreit uns von all unseren Bürden. In deinem Gehorsam gegen den Vater verringert sich unser Auflehnen und unser Ungehorsam.

In dir, verkauft, verraten und gekreuzigt von deinem Volk und von denen, die du liebtest, sehen wir unseren alltäglichen Verrat und unsere gewöhnliche Untreue.

In deiner Unschuld, unbeflecktes Lamm, sehen wir unser Verschulden. In deinem geschlagenen, angespuckten und entstellten Antlitz sehen wir die Brutalität unserer Sünden. In der Grausamkeit deines Leidens sehen wir die Grausamkeit unseres Herzens und unseres Handelns. In deinem Verlassenen sehen wir alle von den Familien, der Gesellschaft, von Aufmerksamkeit und Solidarität Verlassenen. In deinem geopferten Leib, durchbohrt und zerrissen, sehen wir die Körper unserer am Weg liegen gelassenen Brüder und Schwestern, entstellt von unserer Achtlosigkeit und unserer Gleichgültigkeit. Weiterlesen

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„Kreuzige ihn, kreuzige ihn!“

Es waren mal wieder harte Worte, welche Papst Franziskus in seiner Predigt am Palmsonntag wählte. Und die mich in den letzten Tagen auch begleitet haben.

„Und so erhebt sich der Schrei dessen, der sich nicht scheut, „Kreuzige ihn!“ zu rufen. Es ist nicht ein spontaner Schrei, sondern ein aufgesetzter und inszenierter Schrei, der die Erniedrigung und die Verleumdung begleitet, die durch falsche Zeugenaussagen herbeigeführt werden.

Es ist der Schrei, der aus dem Übergang von der Tatsache zur Berichterstattung entsteht, er entsteht aus der Berichterstattung. Es ist die Stimme dessen, der die Realität manipuliert, eine Geschichte zu seinem Vorteil erfindet und kein Problem damit hat, andere „in den Dreck zu ziehen“, um selbst davonzukommen.

Dies ist eine [falsche] Berichterstattung. Der Schrei dessen, der kein Problem damit hat, die Mittel zu suchen, um sich selbst zu stärken und die dissonanten Stimmen zum Schweigen zu bringen.

Es ist der Schrei, der aus dem „Frisieren“ und Schönfärben der Wirklichkeit entsteht, so dass sie schließlich das Antlitz Jesu entstellt und ihn zu einem „Missetäter“ macht. Es ist die Stimme dessen, der die eigene Position verteidigen will, indem er insbesondere denjenigen in Verruf bringt, der sich nicht verteidigen kann. Es ist der Schrei der in Szene gesetzten Selbstgefälligkeit, des Stolzes und des Hochmuts, der problemlos ausruft: „Kreuzige ihn, kreuzige ihn!“.“

Ich gebe offen zu, dass auch mir sofort die Ereignisse in den vergangenen Wochen einfielen. Hier im Blog und auch auf anderen Webseiten – sogar englischer und spanischer Sprache – meinten viele, mich anbrüllen zu müssen. Ich bin selber ja auch nicht immer zimperlich, aber ich war schon verblüfft, wie viele von so genannten Berichten im Internet erregt meinten, urteilen zu müssen.

 

Richter-Katholiken?

 

Ein Segen sollen wir sein. Keine Beschimpfung

Ein Segen sollen wir sein. Keine Beschimpfung

Und auch jetzt gibt es natürlich die Richter-Katholiken, die nichts lieber tun, als die Worte des Papstes gegen ihn selber in Stellung zu bringen. Die nichts lieber tun als spalten, Aggression schüren, Menschen gegeneinander ausspielen. Und das selbstverständlich unter dem Anschein, für Kirche und Christus zu stehen.

Das lässt auch mich nicht kalt. Auch ich spüre dann in mir die Aggression und möchte am liebsten zurück brüllen. Die Aggression ist ansteckend. Aber dann hätte ich schon verloren, wenn ich dem nachgeben würde. Dann würde ich den Aggressoren überassen, zu bestimmen, wie die Debatte auszusehen hat. Oder in biblischer Sprache: „Wer zum Schwert greift …“.

Nur kommt mir dabei immer die Frage des Papstes in Evangelii Gaudium in den Sinn: „Wen wollen wir mit diesem Verhalten evangelisieren?“ (EG 100). Was für ein Zeugnis über Christsein gibt das ab, wenn die inszenierten Gegnerschaften laut im Internet ausgetragen werden? Wenn wir gar nicht genug davon bekommen können, mit dem Finger auf andere zu zeigen?

 

Reflexion

 

Deswegen schlage ich für die Kar-Tage eine andere Lesart der Papstworte vor, nicht gegen irgendjemanden gerichtet, nicht als Waffe, nicht als Urteil. Sondern als Reflexion:

Was spricht er da in mir an?
Wen würde ich gerne verurteilen?
Wo ist meine Stimme im Ruf „kreuzige ihn“?
Auf welche Rufe höre ich gerne und ohne nachzufragen?

Einmal nicht mit dem Finger gleich auf andere Zeigen. Das wäre doch mal was, mindestens für die Kar-Tage. Ich nehme es mir jedenfalls vor.

 

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