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„Vision der Kirche der Zukunft“

Wie wird in der Kirche was entschieden? In den vergangenen Wochen war es wieder einmal zu Verwirrung in dieser Frage gekommen. Ein Brief von vier Kardinälen an den Papst war veröffentlicht worden, dass Kardinäle dem Papst schreiben, ist ja nichts ungewöhnliches, aber die Veröffentlichung war als Versuch gesehen worden, Druck auszuüben in Fragen der Moral und der Lehre.

Nun hat der Papst aber in dieser Frage seine Bischöfe – die Synode der Bischöfe – um Beratung gebeten, sogar zwei Jahre lang, und dann ein Dokument dazu veröffentlicht. Ist jetzt nicht alles klar? Scheinbar nicht.

Wo genau die Konflikte sind, ist hier nicht mein Thema, ich will auf etwas anderes hinaus, und zwar noch einmal auf die Frage der Synodalität. Also: Wie wird in der Kirche was entschieden?

Während der genannten Versammlungen der Bischofssynode und darum herum hatte er der Papst immer wieder den Begriff der „Synodalität“ aufgegriffen, er ist auch sonst immer wieder auf dieses Thema zurück gekommen.

An dieser Stelle habe ich das mal so formuliert: „[Der Papst] will keine Parlamentarisierung der Synode, sie soll kein Entscheidungsgremium der Weltkirche werden. Er verlagert nicht Autorität auf ein Kollektivgremium. Zu Beginn der Synode hatte er ja noch einmal sehr deutlich gesagt, dass die Beratungen kein Parlament sind, ja nicht sein können, weil es um die Unterscheidung des Willens Gottes gehe, nicht um Kompromisse. Gemeinsam hören, beraten, sich verändern lassen, auf dem Weg sein, um die wörtliche Übersetzung des griechischen Wortes Synodos zu verwenden.”

 

Papstinterview: Pyramide vs Synode

 

Es geht um ein Strukturprinzip von Kirche, soziologisch wie theologisch. Jetzt ist Papst Franziskus wieder auf diese Synodalität angesprochen worden, und zwar in einem Interview, die Frage der Zeitschrift Tertio formuliert die Synodalität sogar als „Vision der Kirche der Zukunft“.

Der Papst antwortet nicht theologisch, sondern zunächst soziologisch: „Die Kirche entsteht aus Gemeinschaften, entsteht von unten, aus der Gemeinschaft, entsteht aus der Taufe, und sie organisiert sich um einen Bischof herum, der sie zusammen ruft. Der Bischof ist der Nachfolger der Apostel. Das ist die Kirche.“

Er stellt dann zwei Formen von Kirche gegenüber, die „pyramidale“, wo alle das machen, das der Bischof oder der Papst sagen, und eine „synodale“, in der Petrus Petrus bleibt, wie Papst Franziskus sagt, aber wo dieser Petrusdienst darin besteht, der Kirche beim Wachsen und Hören zu helfen. Weiterlesen

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„Betet für mich“

Es ist der Papstsatz schlechthin, unspektakulär und dauerpräsent, dass er schon gar nicht mehr groß auffällt. Irgendwie selbstverständlich, aber dann doch nicht so markant, dass er eine eigene Marke geworden wäre. „Betet für mich“, oder die Variante „vergesst nicht, für mich zu beten“ schließt immer Papstansprachen ab, Predigten, Grußworte, und wenn er Menschen vor sich hat, die nicht aus einem christlichen Kontext kommen, dann bittet er darum, dass sie ihm Gutes wünschen.

Aber was tun wir da eigentlich, wenn wir beten? Verändern wir da was?

Als Kind und vor allem Jugendlicher habe ich mich immer darüber aufgeregt, dass beten als etwas bezeichnet wurde, was uns selber ändert. Das mag schon sein, dass das auch der Fall ist, aber das kann es doch nicht sein, als selbstoptimierungs-Strategie. Andererseits, direkte Auswirkungen auf die Realität sind auch nicht messbar.

Unser Ordensgründer sagt, wir sollen alle Mittel einsetzen, die natürlichen wie auch die übernatürlichen, zu letzteren gehört das Gebet. Was verändern wir damit genau?

Das mal als Frage hier in den Blog gestellt, was tun wir, wenn wir mit Gott sprechen und Gott um etwas bitten?

 

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Der Tiger im Busch

Wir waren mal Jäger. Also nicht wir persönlich, sondern als Mensch. Wir haben gejagt, um uns ernähren zu können. Und das war gefährlich, denn andere meist vierbeinige Wesen sind auf dieselbe Idee gekommen. Da wir aber schwächer und langsamer sind als die meisten anderen Jäger, haben wir uns anders angepasst, durch Werkzeuge etwa. Was uns geblieben ist, sind die Fähigkeiten, Gefahren schnell zu erkennen. War ja auch lebensnotwendig.

Ein Geräusch im Gebüsch? Könnte ein Tiger sein oder sowas, also schnell weg. So in etwa. Damit das auch wirklich funktioniert und wir den Hinweis aus dem eigenen Körper vielleicht wegen großen Hungers ignorieren, haben wir uns einen Trick einfallen lassen. Gefahren werden schlicht vergrößert wahrgenommen. Das soll sicherstellen, dass wir wenn wir mal abgelenkt sind die Gefahrensignale garantiert nicht ignorieren.

Früher hat man geglaubt, dass dafür ein Teil des Hirns zuständig sei, der „Mandelkern“ genannt wurde, heute weiß man, dass die Amygdala zumindest nicht alleine für Angst zuständig ist. Wir kommen dem ganzen also nur langsam auf die Spur. Andere Menschen, die sich mit der Frage der Bedeutung von Angst bei der Wahrnehmung befassen, nennen es einfach einen Instinkt, so etwa der Statistiker Hans Rosling.

Wie dem auch sei, wir reagieren stärker auf etwas, was uns Angst macht, als auf etwas, was potentiell positiv ist. Einfach weil das, wovor wir Angst haben, uns fressen könnte. Das führt aber dazu, dass wir Angstmachendes viel stärker wahrnehmen oder dessen Bedeutung und Rolle in der Welt viel stärker einordnen.

Ganze Zeitungskonzerne haben darauf ihre Verkaufsstrategie ausgerichtet, Hollywood fährt damit ganz gut und Politiker haben das nicht erst jetzt mit Trump entdeckt, das ist viel älter.

 

Gefährlich aber nicht wichtig

 

Dabei gilt es aber eine Regel zu beachten, die der schon zitierte Hans Rosling anbringt: Haie sind gefährlich, aber nicht wichtig. Soll heißen: wovor wir Angst haben ist tatsächlich nicht harmlos, umbringen tut uns aber nicht der Hai (auch wenn das viel Aufmerksamkeit in den Medien bekommt), sondern das Rauchen und der Autounfall. Oder die Erderwärmung. Oder der Krebs.

Der Tiger – um im Bild meiner Überschrift zu bleiben – lauert also woanders im Busch, als wir das vermuten. Und so die Angst bewusst geschürt wird, lenkt sie von wirklich drohenden Gefahren ab.

Warum ich das schreibe? Weil ich mich gerade durch jede Menge Beträge und Bücher zum Thema Hass und Internet bewege. Nicht unbedingt vergnügungssteuerpflichtig, aber notwendig. Ein wichtiges Instrument der Kommunikation ist vergiftet, jedenfalls zum Teil, da muss man doch was tun können.

Viel Angst gibt es da, mir scheint das jedenfalls so zu sein und deswegen interessiert mich das Thema besonders. Ängste, so sagt der Soziologe Heinz Bude, lassen sich aber nicht überzeugen, dass sie unbegründet seien. Sie lassen sich nur „binden und zerstreuen“. Man muss sich also unterhalten und nicht weglaufen.

OK, manchmal ist ein Tiger eben ein Tiger, das kommt in unseren Breiten aber eher selten vor. Ein wenig mehr Ruhe und Gelassenheit würden schon helfen, den vielen falschen Tigern die Klauen zu ziehen.

 

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„Generalverurteilung mit der Geschmacksrichtung ‚Verschwörung’“

Wenn es etwas gibt, was meinen „Reisemonat“ November als gemeinsamen Nenner verbindet, dann ist es Medienkritik. Unter Journalisten redet man im Augenblick – Trump-Wahl sei dank – über das Thema, ich habe mich selber hier ja auch schon mit „Niederlage des Journalismus“ gemeldet, außerdem war ich bei mehreren Tagungen zum Thema und habe mir auch mächtig Widerspruch eingefangen. Alles hilft, um zu verstehen, was im Augenblick eigentlich passiert.

Gestern Abend, bei der letzten Lektüre im Netz, ist mir dann ein Artikel aufgefallen, der schon vorweg richtig liegt. Es ist nur ein Satz, und er erklärt so viel. „Wer ‚Lügenpresse’ schreit, will nicht bloß auch seine Meinung in den Medien sehen, sondern ausschließlich seine Meinung.“ Sehr lange habe ich mich ins Bockshorn jagen lassen, Debatten mit Kolleginnen und Kollegen geführt und auch hier geschrieben, aber dieser Satz aus dem Antexter eines Artikels von Sasha Lobo führt auf den richtigen Verstehensweg. Wie es Lobo sagt: es geht gar nicht um Medienkritik, es geht um autoritäre Gesellschaft.

Wobei Lobo mit Medienkritik nicht hinterm Berg hält, die muss auch sein und ist eigentlich auch Teil des journalistischen Selbstverständnisses. Eigentlich. Aber der Kern der Schwierigkeiten liegt nicht dort, und das macht die Lobo-These, so möchte ich das nennen, klar. Ein empfehlenswerter Text.

 

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Menschheit? Menschheit!

„Wer Menschheit sagt, will betrügen“. Ein Satz von Carl Schmitt, der in den letzten Jahren fröhliche Urständ erlebt hat. Universalimus steht unter Verdacht, da würde eine Verschwörung der Mächtigen in der Welt das Bergende, Eigene, Bekannte wegnehmen wollen.

Margret Thatcher ist berühmt geworden mit dem Satz „Society, no such thing“: Gesellschaft, das gibt es nicht. Das einende Gesamt, das über Interessen hinaus gehende das mehr ist als die Summe der Teile, hat sie verneint. Was Schmitt Thatcher voraus hat ist die Verdachts-Hermeneutik, „will betrügen“ sagt er. Das macht aus dem Irrtum eine böse Absicht.

Ich erlebe das gerade all-überall, und nicht nur beim Lesen von News über Europa, auch in anderen Organisationen, in denen es um Solidarität geht, vor allem um Solidarität zwischen groß und klein, arm und reich, und so weiter. Zu sehen, dass Werte schnell aus dem Fenster gehen mit Verweis auf das Eigene, das Nicht-Universale, ist traurig.

 

Katholisch

 

Schon allein das Wort „katholisch“ widerspricht dem. „Christlich“ auch. Wenn wir von einer universalen Kirche sprechen, dann ist das noch mal etwas anderes als eine weltweite Kirche, universal bedeutet eben nicht nur global, es bedeutet einen inneren Zusammenhalt, der auch über Eigeninteressen hinweg geht.

Gehen wir noch einen Schritt weiter: Die Bibel spricht von dem Menschen, der geschaffen wurde. Die Vertreibung, die Zersplitterung beim Turmbau, die Arche und die Flut negieren das nicht oder heben das nicht auf.

Wir sagen also weiter „Menschheit“. Das hebt die Unterschiede nicht auf, das macht uns nicht alle irgendwie kulturell gleich, aber das gibt allen eine Würde und das nimmt das Argument weg, wir seien nur für eine Kultur oder gar eine Nation zuständig.

Wer „Menschheit“ sagt, will nicht betrügen. Wer so spricht, schaut nur weiter als bis zum nächten Horizont.

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Ein Blick vom Ende der Welt – Europa und der Papst

Vortrag vor der Kommende in Dortmund, 23. November

Angela Merkel war erbost. So erbost sogar, dass sie zum Telefonhörer griff, um Papst Franziskus anzurufen. Im November 2014 war das, nach der Rede des Papstes vor dem Europaparlament. Ob es wahr sei, dass er – der Papst – Europa mit einer „unfruchtbaren Frau“ verglichen habe. Der Papst habe sie dann beruhigt. Europa habe immer noch tiefe Wurzeln, in den dunkelsten Momenten habe Europa immer noch ungeahnte Ressourcen gezeigt.

Als Journalist muss ich meinen Beitrag heute Abend einfach mit dieser kleinen Episode aus dem Leben des Papstes beginnen. Einen kleinen Fehler hat diese Episode allerdings, sie ist schlicht erfunden. Nicht wahr. Hat nie stattgefunden. Leider sind in italienischen Medien die Grenzen zwischen Belletristik und Berichterstattung manchmal fließend, selbst in der selbsterklärten Spitze des Qualitätsjournalismus, im Corriere della Sera. Und leider leiden einige deutsche Kolleginnen und Kollegen darunter, zu schnell zu glauben, was andere Journalisten schreiben.

Der Papst und Europa: Besuch in Straßburg

Der Papst und Europa: Besuch in Straßburg

Aber es gilt ja auch das Sprichwort „si non è vero, e ben trovato“, wenn es auch nicht wahr ist, so ist es doch treffend erfunden. Was da Frau Merkel in den Mund gelegt wurde, ist etwas, was als Einwand nicht von der Hand zu weisen ist. Und so fand sich die Bemerkung von der „unfruchtbaren Frau“ in vielen Überschriften, zum Glück nicht bei Radio Vatikan. Wir haben mit dem Thema des Papstes getitelt: „Das europäische Projekt darf nicht scheitern“.

Dieses kleine Schattenboxen zu Beginn zeigt schon, wie komplex das wird, sich darüber zu unterhalten, was der Papst von Europa hält, will, erwartet. Wie übrigens bei anderen Themen auch, seine manchmal für europäische Ohren blumige Metaphorik schafft es in die Überschriften – samt erfundener Episoden – das was dahinter steht ist dann schon schwieriger zu umreißen.

 

„Das europäische Projekt darf nicht scheitern“

 

An dieser Stelle möchte ich das einmal etwas überblickshaft anschauen. Dazu darf ich Ihnen erst einmal ein Raster anbieten. Beginnen möchte ich mit den Klassikern, den Europa-Reden des Papstes, zwei in Straßburg und eine in Rom anlässlich der Entgegennahme des Karlspreises. Dann möchte ich zweitens über den politischen Papst Franziskus sprechen. Drittens soll es dann um das Ende der Welt gehen.

Der Papst beginnt seinen Blick auf Europa mit der Feststellung einer Wahrnehmung: „Einer ausgedehnteren, einflussreicheren Union scheint sich jedoch das Bild eines etwas gealterten und erdrückten Europas zuzugesellen, das dazu neigt, sich in einem Kontext, der es oft nüchtern, misstrauisch und manchmal sogar argwöhnisch betrachtet, weniger als Protagonist zu fühlen“. Er spricht über die Union, weil der Adressat das Europaparlament der EU ist. Diese Verunsicherung überträgt sich auch auf die Menschen, sie ist nicht nur abstrakt: „Eine der Krankheiten, die ich heute in Europa am meisten verbreitet sehe, ist die besondere Einsamkeit dessen, der keine Bindungen hat. Das wird speziell sichtbar bei den alten Menschen, die oft ihrem Schicksal überlassen sind, wie auch bei den Jugendlichen, die keine Bezugspunkte und keine Zukunfts-Chancen haben; es wird sichtbar bei den vielen Armen, die unsere Städte bevölkern; es wird sichtbar in dem verlorenen Blick der Migranten, die hierher gekommen sind, auf der Suche nach einer besseren Zukunft“.

Die EU hält sich also zurück. Sie ist verunsichert, wer oder was sie sein soll. Und die Menschen spüren das, vor allem die Schwachen.

 

Auf der Suche nach Zukunft

 

Dann folgt in der ersten Rede das Hohelied auf die Förderung und den Schutz der Würde des Menschen, einer Antriebsfeder aller europäischen Zusammenarbeit und Identität. Und dann weiter, zurück zur Diagnose: „unhaltbarer Überfluss“, der „den Nächsten gegenüber gleichgültig ist“, Steigerung des Misstrauens der Bürger in die Institutionen Europas, und die Betrachtung des Menschen als Teil einer Wohlstands-Maschine: „Der Mensch ist in Gefahr, zu einem bloßen Räderwerk in einem Mechanismus herabgewürdigt zu werden, der ihn nach dem Maß eines zu gebrauchenden Konsumgutes behandelt, so dass er – wie wir leider oft beobachten – wenn das Leben diesem Mechanismus nicht mehr zweckdienlich ist, ohne viel Bedenken ausgesondert wird“. Mir selber – wenn ich diese persönliche Bemerkung einfließen lassen darf – ist das in den 90er Jahren aufgefallen, als man in der Politik gar nicht mehr über Deutschland sprach, sondern fast nur noch über den ‚Wirtschaftsstandort Deutschland‘. Eine tief gehende Entmenschlichung, deren Gift wir auf den Plätzen Dresdens und anderswo Wirkung zeigen sehen. Weiterlesen

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Sind wir jetzt alle barmherziger?

Die Frage muss am Ende des Heiligen Jahres zur Barmherzigkeit erlaubt sein: Sind wir jetzt alle barmherziger geworden? Ich persönlich, wir in der Gemeinde vor Ort oder in der Ordensgemeinschaft oder sonstwo in unserer Glaubensgemeinschaft? Wir als Bistum, als Kirche insgesamt? Ist da jetzt, nach dem Heiligen Jahr, mehr Barmherzigkeit?

Papst Franziskus beichtet in Sankt Peter

Papst Franziskus beichtet in Sankt Peter

Theoretisch auf jeden Fall ja. So viel ist geschrieben, gesagt, reflektiert worden, das Thema ist wirklich zurück im Bewusstsein der Glaubenden. Das ist auch deswegen bemerkenswert, weil schon Johannes Paul II. die Barmherzigkeit zurück ins Zentrum führen wollte, das Projekt hat aber irgendwie nicht abgehoben, jedenfalls nicht weltweit.

Das können wir also schon einmal als „Erfolg“ abbuchen. Aber die Eingangsfrage bleibt ja, sind wir jetzt alle barmherziger geworden? Drüber reden ist ja gut, aber hat es auch Wirkung gezeigt?

Das ist eine Frage, die wir uns alle selber stellen müssen. Und wie der Papst das Heilige Jahr dezentralisiert hat, in alle Bistümer mit eigenen Heiligen Pforten, so ist diese Frage letztlich auch nur dezentral zu beantworten, letztlich bei uns selber.

Barmherzigkeit lässt sich nicht statistisch erheben. Nicht messen. Nicht abrechnen. Sie ist auch kein Argument, wie viele meinen. Sie ist eine Haltung, die Christen qua Christsein ausmachen soll.

Aber das soll es an dieser Stelle auch sein mit dem Reden über Barmherzigkeit. Ob dieses Jahr ein „Erfolg“ war und ob „Erfolg“ überhaupt eine Kategorie ist, das müssen wir jetzt alle selber entscheiden.

 

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Der Bekennermut der Anderen

Und doch mit Kreuz: Besuch in Jerusalem

Nanu? Seit Tagen köchelt die Geschichte durch die Medien, dass Kardinal Reinhard Marx und Bischof Bedfors-Strohm auf dem Tempelberg in Jerusalem ihre Kreuze nicht getragen hätten. Wut und Häme goss sich aus, von Unterwerfung war die Rede, Christen würden für ihren Glauben im Nahen Osten sterben und die beiden Promis würden ihn so einfach verleugnen.

Und nun ein Foto, dass sie mit den Kreuzen zeigt, vor dem Felsendom. Es gibt auch andere Bilder, richtig, wo die beiden kein Kreuz umhaben, direkt an der Mauer des muslimischen Gebetshauses. Sie haben die Kreuze abgenommen. Aber mindestens dieses Bild zeigt doch, dass es ganz so einfach nicht war.

Überhaupt: die ersten Stellungnahmen waren von einer Aufrichtigkeit des Glaubens geprägt, die vor allem von Ferne zum Geschehen geprägt war. Am 20. Oktober waren die Bischöfe da, erst im November erregte dich die mediale Welle. Wobei es dabei schon irgendwie komisch zuging: der Vorwurf bei Spiegel-Online war, dass die Abnahme des Kreuzes eine Demutsgeste gewesen sei. Wohlgemerkt: Die haben das als Vorwurf verstanden.

 

Wer bin ich, zu urteilen?

 

Leider waren die meisten Meinungsinhaber nicht von allzu viel Recherche getragen, wie das Foto oben zeigt. Außerdem: von hier aus, aus dem sicheren Mitteleuropa, eine explosive Lage wie die zwischen den Religionen auf dem Tempelberg zu beurteilen halte ich für mindestens fahrlässig.

Es hat dann doch einige Artikel gegeben, die vor Ort nachfragen, bei Beteiligten oder Kennern, wie heute in der FAZ. Aber das sind alles Mitspieler, die sind Partei und sollen es auch sein.

Am schlimmsten sind aber tatsächlich diejenigen, die „Bekennermut“ verlangen. Von hier aus. Bei aller Wichtigkeit des christlichen Zeugnisses: Wer zahlt bitteschön dafür den Preis? Christen hier fühlen sich dann vielleicht besser, aber damit geht auch ein wenig Hochmut einher, wenn man für das heimische Publikum seine Überzeugung zeigt und dann den Schaden den dortigen Menschen überlässt, wenn man selber schon wieder im Flugzeug sitzt.

Unterwerfung unter den Islam, welch ein Unfug. Es ging um das Vermeiden eines Konfliktes an einem Ort, wo normalerweise keine Christen hinkommen.

Vielleicht hat es ja keine perfekte Lösung gegeben. Wie man es macht, macht man es falsch. Aber das ist im gesamten Nahen Osten so, seit Jahrzehnten. Zu viele Bekenner, zu viele Interessen, zu viel Konflikt, zu viel Gewalt, die sich auf Religion beruft. Die deutschen Bischöfe wollten mit allen reden – und haben mit allen geredet – und wollten gemeinsam pilgern, als Zeichen der Gemeinsamkeit. Ich habe keine einzige Stimme von vor Ort gehört, die sich beschwert hätte, dass das nicht gelungen sei.

Also bitte, wenn der Preis für gelungenen Dialog – wenn auch in kleinen Schritten – ein wenig Irritation zu Hause ist, dann soll das so sein. Mögen all die Kommentatoren und Blog-Schreiber doch bitte von ihren Richterstühlen herunter klettern.

 

 

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La-la-la, La! La! La! – Leonard Cohen, R.i.P

Seine wunderbare und einzigartige Stimme habe ich irgendwann als Kind das erste Mal gehört. Leonard Cohen sagte mir nichts aber der WDR brachte ein Konzert. Sein Markenzeichen schon damals: vor jedem Song sprach er eine Strophe des Textes, quasi als Gedicht. Und das sind seine Texte ja auch, Poesie.

Seitdem war ich Fan dieser großen Künstlers.

Seine wunderbare und einzigartige tiefe, volle Stimme geht einem nie mehr aus dem Kopf. Dass Cohen nun gestorben ist, überrascht bei seinem hohen Alter nicht, ist trotzdem sehr schade. Seine letzte Platte ist frisch auf dem Markt, 2008 habe ich ihn noch im Konzert gesehen, vier Stunden Gesang, ohne dass die Stimme schwankte, und er war damals schon mitte 70.

Seine wunderbare und einzigartige Stimme war immer vorne. Aber was in seinen Liedern dahinter passierte, war mindestens so spannend. Dunkel waren die Texte, ironisch, körperlich, sexuell aufgeladen, frei, poetisch. Dahinter gab es aber immer noch mehr zu hören.

Ich bin erklärter Gegner des Hintergrund-Saxophon Gedudels, das seit den 80er Jahren in alle Popsongs eingedrungen ist. Seltsamerweise funktioniert es bei Cohen. Und auch die von ihm musikalisch zu einer eigenen Kunstform erhobenen Schubiduh-Girls machen das Ereignis nicht flach oder platt, es passt. Auf der Bühne spielt er damit, die Damen stehen nicht einfach hinten, sie sind wichtiger Teil der Performance, sind Grundierung, Spielgefährte, Partner des Sängers Cohen.

„Love is the only engine of survival“: Es sind Sätze wie dieser, die hängen bleiben. Immer leicht ironische packende Lebensweisheiten haben uns geprägt. Einem Lied über ein Orchester in einem KZ den Titel „Dance me to the end of Love“ zu geben, das konnte nur ehr.
Überhaupt, die Liebe. Die war immer sehr körperlich bei ihm, nie ideal. Die war gebrochen, vorbei, hoffend, immer voller Dynamik. Man konnte in seinen Liedern nie sicher sein, was da als nächstes um die Ecke kam.

Auf der Bühne trug er zuletzt Anzug und Hut, wie ein in die Jahre gekommener Gentleman Typ Humphrey Bogart. Den Hut zog er immer wieder, zur vollendeten aber nie zu tiefen Verneigung. Diesen Hut ziehe ich jetzt auch. Danke, Sir, dass sie so lange bei uns waren.

 

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Niederlage des Journalismus

Und was lernen wir daraus? Donald Trump ist zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt. Vor eineinhalb Jahren, vor drei Monaten, ja Vorgestern hätte das keiner für möglich gehalten. Der Populismus siegt, die Lüge siegt, inhaltsfreies Faust-in-den-Himmel recken siegt, und was nun? Ich wiederhole: Was lernen wir daraus?

Keiner hat es voraus gesehen: Analysten vor einem Fernsehschirm

Keiner hat es voraus gesehen

Erstens: Die USA-Versteher hatten alle Unrecht. Als ich vor einem Jahr anlässlich des Papstbesuches dort war gab es bereits einige erste Journalisten, die sich vorsichtig in den Medien äußerten und sagten, dass sie mit Trump falsch gelegen hätten und der doch vielleicht Kandidat der Republikaner werden könnte. Jetzt ist er zum Präsidenten gewählt und dieselben Gesichter wie immer erklären uns das Warum. Das kann doch wohl nicht sein! Mich beschleicht da schon ein wenig Zorn, dass die Niederlage des Journalismus, die dieser Wahlsieg auch darstellt, keine Folgen hat. Vielleicht liege ich ja falsch, ich werde jedenfalls in den kommenden Tagen genau hinsehen, was sich da tut.

 

Vier Lehren

 

Das erinnert mich an den Kollegen, der im März 2013 Sekunden vor dem weißen Rauch im TV erklärte, er habe mit den Sekretären der Kardinäle gesprochen, es sei klar, dass Kardinal Scola Papst würde. Am nächsten Morgen durfte er bereits live im Frühstücksfernsehen erklären, was die Gründe für die Wahl von Bergoglio waren. Überhaupt keine Scham, und in den Medien wird er herum gereicht. Kein Wunder, dass man uns Medien nicht mehr glaubt. Liebe Kollegen, habt doch bitte die Größe zu sagen, dass ihr falsch gelegen habt, statt jetzt wieder rumzuanalysieren, warum „die Medien“ hier falsch lagen.

Zweitens: Das Instrument der Meinungsumfrage taugt nicht. Beim Brexit nicht und jetzt auch wieder nicht. Damit ist die wichtigste politische Währung zwischen den Wahlen – die Beliebtheit in der Bevölkerung – entwertet. Die Versuchung, auf Umfragewerte zu schielen, ist menschlich nachvollziehbar. Jetzt braucht es aber Rückgrat, auf Umfragen kann und darf man sich nicht mehr verlassen. Liebe Politiker: das geht an euch.

Drittens: Wer demokratische Prozesse achtet, muss auch deren Ergebnisse achten. Trump ist jetzt zum Präsidenten gewählt. Das ist jetzt erst einmal so. Weiterlesen

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