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Die gemeinsame Reise

Man nennt es ein „Narrativ“: eine sinnstiftende, erklärende Erzählung. Einzelne Ereignisse, Hintergründe, Motive und Gründe werden in einen Zusammenhang erzählt und bekommen dadurch Zusammenhalt und Abfolge. Sinn eben. Werte werden auf diese Weise weiter gegeben.

Die meisten Narrative erkennt man daran, dass man sie gar nicht mehr wahrnimmt. Die Erzählung vom Wirtschaftswunder ist so ein Narrativ, es ordnete für Jahrzehnte das Selbstverständnis und die Werte nach dem Krieg, bis in den 68er Jahren auffiel, wo die Schatten waren. Die Shoah wurde thematisiert und das „Wunder-Narrativ“ geriet ins Wanken, weil die Fundamente nicht mehr hielten.

Der amerikanische Traum ist auch so ein Narrativ. Der ‚Erfinder’ der Begriffs in dieser Bedeutung, der Philosoph Jean-François Lyotard, nannte die zunehmende Selbstaufklärung des Menschen (Kant) und die Zielgerichtetheit der menschlichen Geschichte (Hegel) als zwei grundlegende Narrative, an denen wir die Welt erzählen.

 

Der Held auf seinem Weg

 

Aber auch Einzelschicksale haben ein Narrativ. Bei Papst Franziskus ist es zum Beispiel das des „Kämpfers im Vatikan“, das ein eher unterkomplex argumentierender Kollege gerne verbreitet und das sich in Abwandlungen gerne in der Öffentlichkeit findet. Guter und gutwilliger Außenseiter kommt in verkommene Strukturen, kämpft mit dem Drachen, ist auf der Seite der Schwachen, und so weiter. Aber zum Papst komme ich später noch einmal zurück.

Wird in festen Mustern erzählt: Papst Franziskus, hier bei einer Generalaudienz auf dem Petersplatz

Wird in festen Mustern erzählt: Papst Franziskus

Hinter dieser Form des Narrativs liegt eine Struktur, und zwar eine Struktur, in der wir gerne und immer wieder Geschichten und Sinn und Werte erzählen. Man kann sie bei jeder Heldenerzählung im Kino sehen, bei Romanen und im Fernsehen.

Die Beschreibung habe ich nicht erfunden, die habe ich vom Medienunternehmer Jeff Gomez. Er nennt es „The Way of the Hero“ (das hat er von einem Kommunikationstheoretiker) und wie gesagt funktioniert das ziemlich gut, wenn man sich umschaut. Jeff Gomez arbeitet in New York am storytelling für große Medienprodukte, für Serien und Filme, aber auch im Bildungsbereich. Soll heißen: er weiß wovon er redet. Und er fasst den „Weg des Helden“ so zusammen:

Ein Held bekommt widerwillig eine Aufgabe, überwindet sein Zögern, droht überwältigt zu werden, widersteht Prüfungen und Versuchungen, besiegt das auf eine Person konzentrierte Böse und kehrt mit dem Schatz oder der Gerechtigkeit oder was auch immer zurück und hat die Welt gerettet. Falls jemand sich hier an Frodo und den Herrn der Ringe erinnert fühlt, das ist ein wunderbares Beispiel. Andere Heldengeschichten tun es aber auch. Fast alle Geschichten sind Variationen dieser Abfolge, jedenfalls bis vor wenigen Jahren.

 

Immer nur mit Konflikt und Gewalt

 

Die Strukturelemente dieses Narrativs sind der Konflikt und die Gewalt – explizit oder implizit -, die Männlichkeit als Muster, Linearität von Anfang bis zur Auflösung, und vielleicht am Wichtigsten: der Sieg über den Bösen. Weiterlesen

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54 Sklaven

Für mich arbeiten 54 Sklaven. Kein Scherz, das kann man ermitteln. Sklaverei ist ja nicht nur, wenn man direkt involviert ist, sondern auch, wenn man von den Produkten und der Arbeit profitiert, und sei es indirekt. Über eine Webseite kann man ausrechnen, die der eigene „Fußabdruck“ beim Thema Sklaverei ist, Fußabdruck ist der Begriff, den man auch beim Klima benutzt, er bezeichnet da das eigene Erzeugen von Schadstoffen.

54 Sklaven also. Das klingt nicht gut. Einer ist zuviel, aber wenn ich mich umsehe, die Kleidung und Schuhe, die Dinge des täglichen Lebens, und dann die Preise dazu denke, dann wird das schon plausibel. Die Webseite macht natürlich Annahmen und peilt über den Daumen, aber selbst das reicht schon aus, um mir eine Idee zu geben.

Vor einigen Tagen kam ein Kollege aus Sizilien zurück und berichtete, wie dort Flüchtlinge unbezahlt in der Landwirtschaft arbeiten. Das ist Sklaverei. Sie können nicht weg, müssen arbeiten, die Gewinne streicht jemand anderes ein. Und ich habe keine Ahnung, ob von diesen Produkten nicht irgendwas bei mir auf dem Teller landet.

Papst Franziskus hat den Menschenhandel und alle damit verbundenen Phänomene immer wieder auf die Tagesordnung gesetzt. So eine kleine Aktion wie der Selbsttest im Netz zeigen mir, wie wichtig das ist, selbst wenn mir keine „gehandelten“ Menschen über den Weg laufen.

 

Strukturelle Sünde

 

Die Theologie hat dazu den Begriff der „strukturellen Sünde“ entwickelt, also der Sünde, in die ich verwickelt bin und aus der ich gar nicht heraus kann, weil ich mich hier in Wirtschaftsstrukturen bewege, in denen zum Beispiel Menschenhandel eine Rolle spielt. Natürlich fußt Sünde immer auf der Sünde Einzelner, aber die Komplexität unserer Welt führt eben zu Netzen, aus denen ich nicht heraus kann. Man lese zum Beispiel Papst Johannes Paul II. dazu, aber nicht nur Päpste haben sich dazu geäußert.

Die Umkehr – das ist ja das Gegenstück zur Sünde – muss aus dieser strukturellen Sünde gemeinsam passieren, einer alleine kann das gar nicht machen, dazu sind wir zu sehr vernetzt. Deswegen ist es richtig, immer wieder auf Menschenhandel hinzuweisen, aber es ist auch wichtig, das beim Namen „Sünde“ zu nennen und nicht nur bei wirtschaftlichen Kategorien zu belassen.

In der Kirche hat Sklaverei immer schon Licht und Schatten hervorgerufen, es gab Kämpfer gegen und Profiteure von Sklaverei. Um so wichtiger, hier eindeutig Stellung zu beziehen.

 

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Festtag, ganz gleich wann

An diesem Sonntag ist Fronleichnam. Falsch, an diesem Sonntag wird an vielen Orten Fronleichnam gefeiert, obwohl das Fest eigentlich am Donnerstag ist. Donnerstag muss es auch aus einem inneren Zusammenhang sein, denn es geht gewissermaßen um das Wiederaufgreifen des Gründonnerstages, der Eucharistie.

Nun feiert der Papst das zum ersten Mal selber nicht am Donnerstag, sondern am Sonntag. Die Prozession von San Giovanni in Lateran zu Santa Maria Maggiore, die Via Merulana rauf, findet nicht am Donnerstag statt. Das hat etwas Aufsehen erregt, nicht nur in Rom. Kalenderfragen kommen immer recht harmlos daher, sind es aber ganz und gar nicht.

Fronleichnam 2016 in Rom - noch auf einem Donnerstag

Fronleichnam 2016 in Rom – noch auf einem Donnerstag

Bislang war beim Fest immer auch etwas Protest dabei, eben weil in Italien Fronleichnam kein gesetzlicher Feiertag ist. Die Prozession fiel in den Berufsverkehr, eine wichtige Zone Roms wurde gesperrt und es wurde klar, dass man nicht nur an Sonntagen katholisch ist, sozusagen.

Dass Papst Franziskus jetzt entschieden hat, pragmatisch zu sein und diesen öffentlichen kleinen Protest zum Fest fallen zu lassen, tragen ihm einige nach. Zeitgeist nachgegeben und so weiter.

 

Gründonnerstag nach Pfingsten

 

Es ist zwar schade, dass wir den inneren Zusammenhang der Feste Gründonnerstag und Fronleichnam dadurch verlieren, aber der Papst schafft sich dadurch etwas Freiraum. Man kann sich auf das Fest konzentrieren und muss nicht nach einem Arbeitstag noch irgendwie zur Prozession kommen. Der Sonntag ist in Sachen Infrastruktur – wo Fronleichnam kein Feiertag ist – besser geeignet. Wie gesagt, es ist schade, dass es kein Feiertag in Italien ist, aber solange das so ist und bleibt, braucht es halt pragmatische Lösungen, und genau so eine hat der Papst nun gewählt.

Der Protest gegen den so genannten Zeitgeist und so weiter fällt weg. Das hat aber auch eine gute Seite. Wir können uns beim Feiern auf Christus konzentrieren. Und andere Kämpfe kämpfen, die viel wichtiger sind, wenn es um Kalender geht, etwa den um den arbeitsfreien Sonntag.

Fronleichnam ist eben eine Prozession und keine Demo.

 

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Die Armut und die Millionen

Es ist ein wenig ironisch, dass wir heute bei Radio Vatikan zwei Themen nebeneinander stehen haben, die widersprüchlicher nicht sein könnten und doch die Realität unserer Kirche ganz gut passen. Zum einen geht es um die „Arme Kirche für die Armen“, Papst Franziskus hat einen Text zum Welttag der Armen geschrieben, der in diesem Jahr erstmals begangen wird und zwar am 19. November, also dem vorletzten Sonntag vor dem Advent. Die Armen sind kein Problem, von den Armen kann man das Wesen des Evangeliums lernen, heißt es dort.

Nachricht Nummer Zwei: Gestern Abend aber hat das IOR – im Volksmund „Vatikanbank“ – seine Jahresbilanz vorgestellt: Der komplette Reingewinn, 36 Mio Euro, gehen an den Vatikan.

Die arme Kirche für die Armen bekommt also 36 Mio Euro überwiesen. Ironisch. Gott hat halt Humor. Als ich dann auch noch die Nachricht geschrieben habe, dass an diesem Donnerstag im Vatikan eine internationale Tagung zum Thema Korruption stattfinden wird, musste ich erst mal laut auflachen.

 

Einerseits 36 Millionen Euro …

 

Da ist also die Welt der Spiritualität, der Menschlichkeit, des Anspruchs Jesu an seine Kirche, da ist das Ideal, die Theologie, die Umkehr der Menschen und der ganzen Kirche. Und da ist andererseits die Welt der Pragmatik, des Bezahlens von Angestellten, der immer besser kontrollierten und risikoarmen Verwaltung von Geld. Beides auf derselben Seite.

Franziskus-Fresco in Subiaco

Erklären kann man das alles, aber das ist hier nicht mein Punkt. Beide Nachrichten haben eine Botschaft: Pragmatik ist wichtig, schließlich ist die Realität wichtiger als die Idee. Aufruf zur Umkehr ist wichtig, schließlich sind wir keine NGO. Um es ganz überspitzt zu sagen.

Die Kunst ist nun, beides zusammen zu tun. Klug zu sein um Umgang mit den Dingen der Welt, aber sich von denen nicht gefangen nehmen zu lassen. Es gehe um den „Maßstab, der es erlaubt, den korrekten Umgang mit den materiellen Dingen einzuschätzen“, wie es die Papstbotschaft sagt.

 

… andererseits Arme Kirche für die Armen

 

Das ist letztlich viel anspruchsvoller als die Radikale und letztlich einfache Forderung, schlicht alles wegzugeben. Die Dinge haben und sie so haben, als ob man sie nicht habe, um den Apostel Paulus zu paraphrasieren, gilt es immer wieder neu zu lernen. Immerhin ist die Kirchengeschichte – und die Geschichte des IOR – voll mit Ereignissen, wo das so richtig schief gegangen ist.

Aber irgendwas in mir schreit da auch „Vorsicht!“ Die beiden Nachrichten bleiben sperrig nebeneinander stehen, sie mögen sich gegenseitig nicht. Und drinnen bleibt das Gefühl, dass das auch gar nicht stimmen kann, dass das gar nicht stimmen will, dass man das eine nicht in das andere überführen kann, ohne dass die Sinnspitze verloren geht.

Es ist und bleibt widersprüchlich. Und vielleicht ist das auch ganz gut so: das nervt beim zu einfachen Sprechen über Armut und das nervt beim zu professionellen Verwalten der Güter. Das eine ärgert das andere. Da ist Dynamik drin und das ist ja nichts Schlechtes.

 

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Ekklesiologie des Internets

Demnächst werden wir hier im Vatikan die verschieden Medien zusammen legen und dabei auch gleich unsere Verfahren ändern. Dazu gehört zum Beispiel eine gemeinsame Linie im Umgang mit sozialen Medien. Bisher hat jede Institution und jede Redaktion das nach eigener Einschätzung gemacht, nun wollen wir gemeinsam vorgehen.

Eine Linie zum Beispiel ist die, dass der Vatikan nicht das Pfarramt der Welt ist. Anfragen zum Beispiel auf der Facebookseite bei uns sollen – so sie nicht Vatikanthemen sondern Konkretes angehen – an örtliche Kirchen weitervermittelt werden. Die Kirche sei eine, weltweit, aber sie bestehe eben als lokalen Kirchen und dort spiele sich das echte Leben ab.

Tut es das? Das Internet kennt ja keine Grenzen und ob ich nun auf einer österreichischen Webseite oder einer deutschen eine Frage stelle, sollte eigentlich egal sein. Leute erwarten Antworten von demjenigen, dem sie die Frage stellen.

 

Eine Zentrale, die lokal denkt

 

Auf der anderen Seite hat der Gedanke ja etwas für sich, nicht alles durch das Interesse am Papst an den Vatikan zu ziehen, sondern lokal zu denken. Eine Zentrale, die sich dem Lokalen verschrieben hat: Globalität in Lokalität, wenn es uns gelingt, das wirklich umzusetzen, dann hat das eine Chance, zu einer Ekklesiologie, also einer Theologie von Kirche, im Zeitalter des Internets zu werden.

Kirchen bei Second Life hat es schon gegeben, wenn ich mich richtig erinnere betrieben etwa vom Erzbistum Freiburg. Das ist aber mit dem Ding wieder untergegangen. Im Netz gibt es auch viele Initiativen und Meinungsseiten, die über alles Mögliche urteilen, auch wenn man die Umstände vielleicht gar nicht kennt. Genau das nicht zu tun, sondern die lokalen Kirchen (Bistümer oder Orden oder Initiativen oder anderes Kirchliches) einzubinden, das hat eine Chance, modern und global zu sein, ohne die Konkretheit zu verlieren. Weiterlesen

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qui consequitur sequitur

Mittwoch Abend, laue Sommernacht, ein Gartenlokal in der Villa Borghese, Roma. Zwei Jesuiten lassen den Tag ausklingen und unterhalten sich buchstäblich über Gott und Welt. Nur dass in diesen Tagen auch solche Gespräche unweigerlich bei einem einzigen Thema landen.

Ob das nun das Mittagessen nach einer Firmung am vergangenen Sonntag ist, ob ein Gespräch beim Ausflug in die Berge, ob die Redaktionskonferenz oder das gemeinsame Frühstück, seit Monaten ist es immer und immer wieder und immer nur Donald Trump.

An diesem Donnerstag blüht uns die Verschärfung dieser Debatte, wenn wir vor zwei Monaten auch nicht für möglich gehalten hätten, dass das überhaupt möglich wäre. Der ex-FBI Chef sagt aus und die Wahlen in Großbritannien und die in Frankreich am kommenden Sonntag verschwinden dahinter. Trump, Trump, immer wieder Trump.

Wir alle werden Trump. Wenn es stimmt, dass sich bei Donald Trump alles um Donald Trump dreht, dann werden wir, so auch wir uns um ihn drehen, selber auch ein wenig Trump. Im Ernst, diese Obsession ist vielleicht erklärbar, aber nicht unbedingt gesund.

Der andere Jesuit erwähnte die im Titel genannte lateinische Formulierung, die ich gar nicht kannte, wohl ein altes römisches Wort: Wer verfolgt, folgt. Soll heißen, dass jede obsessive Beschäftigung mit dem Phänomen uns zum Teil des Phänomens macht. Das sollte uns zu Denken geben.

 

Zaphod Trump

 

Die Versuche, das alles ja nicht normal werden zu lassen und die Unglaublichkeit immer wieder zu betonen, finde ich wichtig und richtig. Aber es gibt auch noch andere Themen, die im Augenblick so gar nicht vorkommen.

Kennen Sie Zaphod Beeblebrox? Das ist eine Figur aus der Romanserie Per Anhalter Durch Die Galaxis. ZB ist der Präsident der Galaxie und seine Aufgabe ist es, so viel Aufmerksamkeit wie möglich auf sich zu ziehen, so dass niemand merkt, wer wirklich die Macht hat und ausübt. Klingelt da was?

Verschwörungstheorien einmal beiseite, eines hat Trump mit Beeblebrox gemeinsam: sie ziehen alles an Aufmerksamkeit auf sich, was in der Galaxie zu haben ist. Und das kann – bei all den anderen Problemen die wir haben – nicht gesund sein.

Also hoffen wir mal, dass die Wahlen in GB eine stabile Regierung hervor bringen, dasselbe für Frankreich am kommenden Sonntag. Hoffen wir auf eine Lösung der Konflikte in Quasar/Türkei/Saudi Arabien, schauen wir mal wieder nach Nordkorea und natürlich auf die ausbrechende und sich entwickelnde Hungerkatastrophe in Afrika (soll keiner sagen können, davon hätten wir nichts gewusst). Von all dem lenkt Zaphod Trump ab.

Für das nächste Gespräch im Gartenlokal gilt einfach mal ein Themen-Verbot: No Trump!

 

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Erst Verschiedenheit, dann Einheit

Erst kommt die Verschiedenheit und die wird dann zu einer Einheit geformt: Es sind scheinbar unschuldige Sätze wie dieser aus der Pfingstpredigt des Papstes, die sich bei mir festhaken. Ist doch klar, könnte man denken, wie soll Einheit auch sonst entstehen? Erst sind alle eins und dann entsteht Verschiedenheit?

Wenn da nicht im Hintergrund eine Menge theologischer Debatten herumlaufen würden, die sich bei diesem Satz wieder melden. Die bekannteste ist die zwischen den beiden Kardinälen Joseph Ratzinger und Walter Kasper, ausgetragen vor allem in der Zeitschrift ‚Stimmen der Zeit’: Was war zuerst da, die Einheit der einen Kirche oder die Verschiedenheit der Ortskirchen? Dahinter lag leider auch immer die Frage nach Vorrang und Wichtigkeit, den beiden Protagonisten ging es aber vielmehr darum, wie man Kirche denken kann.

Es ging um Dialog und Communio, es ging um Einheit in Christus, es ging um das Gottesreich, dass in der Kirche angebrochen ist. Es geht darum, ob Kirche aus Christus oder aus dem Geist gedacht werden kann, soll oder muss.

 

Ratzinger und Kasper

 

Wenn man von Christus ausgeht, dann steht selbstverständlich die Einheit am Beginn. Denke ich historisch, dann ist eher das andere wahr. Aber beide Betrachtungsweisen schließen sich ja nicht aus, es ist alles eine Frage der Perspektive. Ich fand die Debatte damals – die ich im Studium dann noch einmal vorgelegt bekam – sehr inspirierend, wahrscheinlich gibt es gar nicht die eine alle anderen Argumente schlagende Antwort. In jedem Fall hat sie uns alle ans Nachdenken gebracht. Dass es die eine alles klärende Antwort vielleicht nicht gibt macht die Diskussion aber nicht unwichtig, im Gegenteil, so verstehen wir mehr was wir wissen und was wir nicht wissen.

Aber zurück zum Papst, der hat so gepredigt:

„Alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden« (Apg 2,3-4). So beschreibt das Wort Gottes das Walten des Geistes, das zuerst über jeden Einzelnen kommt und dann alle miteinander in Verbindung setzt. Jedem gibt er eine Gabe und alle versammelt er in der Einheit. Mit anderen Worten, derselbe Geist erschafft die Verschiedenheit und die Einheit und auf diese Weise formt er ein neues Volk, das vielfältig und geeint ist: die universale Kirche. Zuerst erschafft er einfallsreich und unvorhersehbar die Verschiedenheit; denn zu jeder Zeit lässt er neue und vielfältige Charismen aufblühen. Dann verwirklicht der gleiche Geist die Einheit: er verbindet, versammelt und stellt die Harmonie wieder her.“ Weiterlesen

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Die Herausforderung der Vielfalt

Österreich kennt einen „soliden und bewährten Religionsfrieden”: Es ist zwar schon einige Tage her – Mittwoch – aber da ich unterwegs war komme ich erst jetzt dazu, das aufzuschreiben. Kardinal Christoph Schönborn hat diese Worte gewählt, bei einem Empfang für Medien, Kultur und Wirtschaft, und daran die Warnung angeschlossen, denen nicht in die Hände zu spielen, die diesen Religionsfrieden nicht wollen.

Blick auf den Redner, von mir aus gesehen weit weg. Aber es kommt ja auf das Hören an

Blick auf den Redner, von mir aus gesehen weit weg. Aber es kommt ja auf das Hören an

Er nannte zum Beispiel die Reduzierung des Islam auf einige wenige Kontroversthemen, das sei ein Weg, die Spalter stark zu machen. Religionsfrieden sei zwar nicht mehr so einfach wie vielleicht früher, aber das sei kein Grund zur Panik.

Leben in Vielfalt sei eine Herausforderung: leicht versteckt lag hier die Aufforderung, sich nicht zurück zu sehnen oder zu glauben, mit einfachen Rezepten sei das Früher wieder herstellbar.

Interessant war auch, dass Kardinal Schönborn seine Gedanken ausdrücklich unter die Überschrift des „Tages des Lebens“ stellte. Er begann damit, an das Leben der Christen zu erinnern, die verfolgt werden, und er nannte ausdrücklich die Kopten Ägyptens. „Tag des Lebens“ ruft gleicht das Wort „Lebensschutz“ wach, und das ist leider von einigen kirchlichen Gruppen auf die Frage nach Abtreibung beschränkt worden. Auch hier helfen die Gedanken des Kardinals: Wer für das Leben eintritt, muss auch für das Leben der Christen im Nahen Osten eintreten wie überhaupt aller Verfolgten dort. Wer für das Leben eintritt, muss auch für den Religionsfrieden eintreten, siehe oben.

Der Religionsfrieden in Österreich und der Einsatz für Christen und alle Verfolgten im Nahen Osten: Das sind Anliegen des Lebensschutzes. Nur zwei kurze Eindrücke von einer sehr guten Veranstaltung.

 

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Der Papst, das Kirchenrecht und der Legalismus

Ihm sei eine verbeulte Kirche lieber als eine, die sich nicht aus dem Haus traut: Papst Franziskus nutzt gerne farbige Bilder und spricht vom Risiko, dass Kirche eingehen soll, wenn es um „vorangehen“ und „aufbrechen“ geht. Da kann man schnell auf den Gedanken kommen, dass Regeln dabei eigentlich nur stören und dass man auch ruhig mal an ihnen vorbei sehen kann. Das ist so schlicht gedacht natürlich nicht richtig.

Der Frage des Umgangs des Papstes mit dem Recht hat mich in diesem Monat umgetrieben, für das Radio habe ich eine kleine Reihe zum Thema gemacht, Anlass war der 100. Geburtstag des Kodex des Kirchenrechtes.

Wie der Papst genau zum Kirchenrecht steht, oder besser: wie er darüber spricht und wie er es anrät, das kann man ganz gut sehen, wenn man zum Beispiel auf die Schlussansprache der Synode von 2014 blickt, die erste der beiden Familiensynoden.

Der Papst bei der Ansprache in der Synodenaula

Der Papst bei der Ansprache in der Synodenaula

Der Papst sprach vom Verlauf der Synode, die ja nicht einfach gewesen war. Es hatte sich Widerstand formuliert, vor allem gegen den Zwischenbericht, es gab Gegenstimmen bei der Abschlussabstimmung und so weiter. Für den Papst war das eine Gelegenheit, auf die geistlichen Untergrundströmungen in der Synode einzugehen.

„Gelassen kann ich sagen, dass wir im Geist der Kollegialität und der Synodalität wirklich eine Erfahrung von ‚Synode’ gemacht haben, einen gemeinsamen Weg. Und weil es ein Weg war, gab es wie bei allen Wegen Momente von großer Geschwindigkeit, als ob man gleichsam die Zeit besiegen wollte und mit größter Geschwindigkeit zum Ziel kommen wollte. Es gab andere Momente der Müdigkeit, als ob man sagen wollte, dass es jetzt reicht“.

Seine ersten Gedanken galten also dem inneren Vorgehen, den Schritten und den inneren Bewegungen, nicht dem formalen Prozess. Diese Gedanken leitete der Papst über in eine kleine Liste von Versuchungen, wie wir sie bei ihm schon oft gelesen oder gehört haben. Die erste, bezogen auf die Synode:

„Die Versuchung der feindlichen Erstarrung: Das ist der Wunsch, sich im Geschriebenen einzuschließen und sich nicht von Gott überraschen lassen wollen, vom Gott der Überraschungen, dem Geist. Im Gesetz einschließen, in der Sicherheit dessen, was wir wissen und nicht dessen, was wir noch lernen und erreichen müssen. Das ist die Versuchung der Eifrigen, der Skrupulösen, der sogenannten ‚Traditionalisten’ und auch der Intellektualisten.“

Erstarrung im Legalismus

 

Diese erste von mehreren Versuchungen steht auch deswegen am Anfang, weil sie direkt auf die inneren Bewegungen zu antworten scheint. Wer sich denen nicht stellen will, wer die nicht warhnehmen mag, der schließt sich halt ein. Dort ist er sicher.

Das ist ein Thema, dem wir noch nachgehen werden, der aber bereits die Grundintention des Papstes deutlich macht: Gesetz, das einschließt und das nicht voran geht, das in sich selbst eingeschlossen ist. Wie gesagt, ich komme später noch einmal darauf zurück. Aber anschließend an diese Warnung zitiert der Papst in derselben Ansprache ausführlich und direkt den Kodex des Kirchenrechts. Es geht um die Rolle des Papstes in der Kirche und ganz besonders für die Synode:

„Wie ich zu Beginn der Synode gesagt habe, ist es nötig, das alles in Ruhe und innerem Frieden zu durchleben, damit die Synode cum Petro et sub Petro, also mit Petrus und unter der Leitung Petri, verläuft, und die Anwesenheit des Papstes ist für das alles Garantie. Die Aufgabe des Papstes ist es nämlich, die Einheit der Kirche zu garantieren; es ist seine Aufgabe, alle Gläubigen an ihre Pflicht zu erinnern, treu dem Evangelium Christi zu folgen; es ist seine Aufgabe, die Hirten daran zu erinnern, dass es ihre wichtigste Aufgabe ist, die Herde zu hüten, der Herr ihnen anvertraut hat und die verirrten Schafe zu suchen und willkommen zu heißen, in Väterlichkeit, Barmherzigkeit und ohne falsche Angst. Es ist seine Aufgabe, alle daran zu erinnern, dass die Macht der Kirche der Dienst ist. … Der Papst ist in diesem Sinn nicht der oberste Herr sondern vielmehr der oberste Diener, der Diener der Diener Gottes; er ist der Garant des Gehorsams, der Übereinstimmung mit dem Willen Gottes, mit dem Evangelium Christi und der Tradition der Kirche. Jede persönliche Willkür beiseite lassend ist er dem Willen Christi gemäß der „oberste Hirte und Lehrer alle Gläubigen“ (CIC 749), dazu hat er „die volle ordentliche Autorität, die oberste, volle, unmittelbare und universale in der Kirche“ (CIC 331-334).“

Das sind zwei Zitate aus dem Kirchenrecht, die der Papst hier anbringt. Um seine Autorität zu beschreiben nutzt er die Formulierungen, wie sie das Recht festlegt. Aber es sind Formulierungen, wie sie auf ein Konzil zurück gehen, und zwar auf das erste Vatikanische Konzil, auf den so genannten Jurisdiktionsprimat des Papstes. Weiterlesen

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Individuum

Allein schon das Gebäude ist ein Ereignis: Als Museum oder Ausstellungsgebäude nicht überragend groß, aber von Anlage, Licht und Räumen her einfach toll. Das Kolumba-Museum in Köln. Es drängt sich architektonisch nicht auf, als sei es wichtiger als das Ausgestellte, und bietet immer einen wunderbaren unterstützenden Rahmen.

Blick ins Museum

Blick ins Museum

„Über das Individuum“ heißt die Ausstellung, die derzeit dort läuft. Und irgendwie ist das witzig, denn der Bau an sich ist schon individuell und ein erster Kommentar.

Begrüßt wird man im Bau von Vitrinen voller Plastikroboter, denen – die 70er lassen grüßen – menschliche Gesichter aufgeklebt sind. Ein Individuum ist eben keins, auch wenn es vom Kind beim Spielen so behandelt wird.

Man schaut in Bildschirme sieht und hört Menschen, die von ihren Geschichten erzählen. Sie dürfen einfach berichten, ohne Thema, und das ganze ist sehr individuell, menschlich, manchmal skurril, sehr langwierig, authentisch. Manchmal hat das sogar was von Beichten oder Bekennen, hier ist eine Linie vom Thema Sünde oder Schuld zum Individuum zu spüren.

Es gibt jede Menge Andachtsbilder alter Zeit in Vitrinen zu sehen, früher einmal Gegenstände persönlicher Frömmigkeit, heute in ihre Ästhetik banal und niedrigsten Niveaus. Individualität bleibt eben nie, wie sie einmal war.

Es gibt auch eine Menge mittelalterliche Statuen, wahrscheinlich die spannendsten Exponate in der Ausstellung. Angeblich wurde das Individuum ja erst nach dem Mittelalter „erfunden“, hier sieht man aber bei stirnrunzelnden Bischöfen oder sich abwendenden Architekten, dass nicht ein Typus abgebildet wird, sondern tatsächlich ein bestimmter Mensch, oder eine bestimmte Rolle. Spannend ist hierbei auch, dass nicht etwa nur die Vorderseite dieser Statuen, also die sichtbare Seite, sondern auch die völlig unsichtbar bleibende Rückseite sorgfältig behauen wurde. Bei Büchern sieht man sogar die in Stein angedeuteten Seiten eingemeißelt, völlig unsinnig, weil das nach Anbringung in einer Kathedrale nie wieder jemand zu Gesicht bekommen hat. Unsinnig, könnte man denken. Ist aber nicht so, zeigt es doch die Sorgfalt und die Einstellung der Steinmetze zu ihrer Arbeit und zum Dargestellten. Zum Individuum halt.

Es ist eine Ausstellung, die leichtfüßig und sehr gekonnt Fragen stellt. In einer Gesellschaft, die so viel auf Individualität gibt und gleichzeitig Uniformität voran treibt, kann ein Besuch nur gut tun. Und Spaß macht es außerdem noch.

 

Und dann: Gerhard Richter

 

Eine Empfehlung: Dann nicht in Köln bleiben, sondern den Zug nach Essen nehmen, wenn man schon mal dabei ist, und ins Museum Folkwang gehen. Dort wird Gerhard Richter zur Zeit ausgestellt, vieles von dem, was man dort sieht, passt wunderbar zum Thema.

Gerhard Richter Ausstellung Essen

Gerhard Richter Ausstellung Essen

Wie etwa seine Portraits von berühmten Männern, sorgfältig gehängt und in der Anordnung irgendwie ihre Individualität verlierend. Oder das berühmte Bild seiner Tochter, die vom Betrachter weg schaut und nicht erkennbar ist, aber in ihrer Kopfhaltung die des Betrachters aufnimmt, man schaut also – irgendwie gemeinsam – in dieselbe Richtung.

Man muss nicht unbedingt beide Ausstellungen sehen, der Kölner würde ich in diesem Fall den Vorzug geben, aber für beide gilt das, was ich eben sagte: Schauendes Denken oder denkendes Schauen – Schaudenken? Denkschauen? – tut manchmal richtig gut.

 

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