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Primat der Politiker

Rede von Papst Franziskus vor den Delegierten des Europaparlamentes

Der Papst und die Politiker: im Plenarsaal des Europaparlamentes

Elf Mal wurde Papst Franziskus bei seiner Rede vor dem Europaparlament durch Applaus unterbrochen. Warum applaudiert wurde ist nicht eindeutig zu benennen, aber als Daumenregel für „hier trifft er die Menschen“ kann das schon ein guter Indikator sein. Also, elf Mal. Wobei? Ich habe eine Liste gemacht:

#1: Arbeit hat mit Würde zu tun. Auch mit Geldverdienen, aber vor allem mit Würde. Das ist übrigens auch #8
#2: Egoistische Lebensstile, die zur Gleichgültigkeit gegenüber den Armen führen.
#3: Das Aussortieren von Menschen, die nichts mehr „nützen“.
#4: Schweigen gegenüber den Grausamkeiten von Terroristen.
#5: Menschenwürde ist Geschenkt und kann nicht Gegenstand von Handel oder Verkauf sein.
#6: Familie ist Keimzelle der Gesellschaft.
#7: Wegwerfen so vieler Lebensmittel, während Menschen hungern.
#8: siehe oben
#9: Das Mittelmeer darf kein Massengrab werden.
#10: Auf die Ursachen der Migration einwirken und nicht nur auf die Folgen.
#11: Die Heiligkeit der menschlichen Person.

Wie gesagt, das ist alles sehr umrissartig. Aber es entwirft ein Bild. Der Papst kam nicht als Politiker daher, und doch ist alles, was er sagt, eminent politisch. Alles, wofür er Applaus bekommen hat, hat direkte Auswirkungen für die Art und Weise, wie Europa gestaltet wird, wirtschaftlich, rechtlich, politisch.

In der ARD – für die ich während der Übertragung im Studio war – kamen vor der Rede zwei Parlamentarier zu Wort, ein Antikapitalist und ein Konservativer. Beide konnten in den Aussagen des Papstes bisher viel finden, dem sie zustimmen. Und doch: der Papst ist kein Parteipolitiker.

Vor dem Parlament, nicht vor der Regierung

 

Aber dass er so viel Applaus bekam ist ein Zeichen dafür, dass das, was er vorgebracht hat, nicht als Moralin angekommen ist, nicht sauer und von oben herab in der Haltung dessen, der es besser weiß. Sondern der Papst hat auch im Parlament so gesprochen, dass die Zuhörer ihm auf Augenhöhe begegnet sind. Sie haben die politischen Aussagen erkannt und darauf reagiert, das ist meine Lesart der Rede.

Also kein Parteipolitiker, aber auch nicht von oben herab. Der Papst so gesprochen, wie er es immer tut: direkt und persönlich an die Menschen gerichtet, die vor ihm sitzen. Keine versteckte Botschaften, keine gelehrten Ausflüge, offen und authentisch.

Er hat es dem Parlemant gesagt, nicht den Regierungen. Das ist eine Wertschätzung der Demokratie. Er betont durch seine Ansprache den Primat der Politik. „Es ist Ihre Aufgabe …“, eine der für mich bedeutsamsten Formulierungen. Da gibt es kein „man muss“ oder „Europa muss“, das ist ganz direkt denen gesagt, die das Mandat dafür haben, die Verantwortung zu tragen. Das ist ganz klar ein Votum für den Primat der Politik.

Oder noch besser: Ein Votum für den Primat der Politiker.

Die Rede vor dem Parlament, mein Beitrag und die ganze Rede.

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Die Idee Europas wiederbeleben

Zwei Veranstaltungen, nicht mehr: Papst Franziskus hat schon durch die Planung seiner Reise nach Europa klar gemacht, dass er ein Anliegen hat, das er vorbringen will, und weder ein Kathedral-Jubiläum (das Münster wird .1000 Jahre alt) noch etwas anderes soll davon ablenken. In Straßburg hat er vor dem Europaparlament und dem Europarat gesprochen, also vor der EU und vor der Vertretung des gesamten Kontinents.

Lange Reden waren es, die der Papst gehalten hat. Vom Duktus her sind sie am ehesten vergleichbar mit einigen Ansprachen, die er in Rio de Janeiro gehalten hat, der vor den Vertretern von Kultur und Gesellschaft aber auch denen vor den Bischöfen.

Am Ende der zweiten Rede fällt der Ausdruck, mit dem sich die Motivation des Papstes, zu und vor Europa zu sprechen, am besten fassen lässt. Papst Franziskus zitiert einmal mehr Papst Paul VI: Die Kirche sei „Expertin in Menschlichkeit“. Das soll nicht anmaßend sein, aber ausdrücken, dass die gesamte Tradition der Kirche und des Glaubens für Europa hilfreich sein kann. Nicht nur, weil es das Erbe ist, Europas Wurzeln, ob es passt oder nicht. Sondern auch, weil es – und das betonen beide Reden in Straßburg – für die Zukunft helfen kann.

 

Expertin in Menschlichkeit

 

Einige Beobachtungen möchte ich teilen. Zunächst fällt auf, dass der Papst in beiden Ansprachen eine Dynamik wachruft. Wir kennen das aus Evangelii Gaudium und seinen Predigten, hier geht es aber nicht um den Glauben, sondern um die Gesellschaft Europas, um Einheit und Freiheit und Werte. Auch hier spricht der Papst von Weg, von einem andauernden Prozess.

Diese Dynamik hat eine Richtung: Die Wiederentdeckung dessen, was die Politiker gerne die „europäische Idee“ nennen.

 

Rechte des Einzelnen, Rechte der Familie

 

Zweitens betont der Papst in beiden Reden die Menschenrechte, sagt aber auch, dass man diese gut verstehen müsse. Einzelrechte gehen nicht über die Rechte von Familien oder Gruppen. Gerade beim Thema ‚Familie’ ist das besonders bedeutsam. Der Mensch sei ein Beziehungswesen, Rechte kommen ihm nicht nur einzeln zu, sondern auch als Gemeinschaft.

Drittens warnt der Papst vor dem Auseinanderbrechen der Idee von einem geeinten Europa. Das ist um so spannender, als er selber kein Europäer ist. Hier spricht also jemand mit der „Erfahrung von draußen“, wie ich es nennen möchte. Spaltungen und Abgrenzungen sind scheinbar einfache Lösungen, der Papst wendet sich dagegen und betont die Wichtigkeit der Einheit. Daran hängt dann indirekt auch die Wertschätzung für die Demokratie, auch das Thema in beiden Ansprachen. Weiterlesen

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Was sagt der Papst Europa?

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Ein Papst vom Ende der Welt: Genau der wird am kommenden Dienstag Europa besuchen, also das Europaparlament und den Europarat. Papst Franziskus hat bereits einige Male auf Europa Bezug genommen, das erste Mal bei seiner Reise nach Lampedusa. Die Schande und die Globalisierung der Gleichgültigkeit gilt für den gesamten Planeten, aber ganz konkret vorgefunden hat er es im Süden unseres Kontinentes, an der Grenze zu Afrika, am Mittelmeer.

Dann spricht er immer wieder über Jugendarbeitslosigkeit, besonders in Europa, zuletzt Ende Oktober dieses Jahres. Hier geht es nicht nur um Jobs, sondern um Würde.

Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin hat im Interview angekündigt, dass es um den Schutz der Umwelt und um Solidarität gehen wird, wenn der Papst sprechen wird. Also in etwa um das, was auch schon als Thema für die kommende Enzyklika des Papstes verkündet wurde: die „Ökologie des Menschen“, von der Vernichtung und der Unterwerfung der Schöpfung bis zur Entwürdigung des Menschen durch den Primat des Marktes.

Es würde mich aber sehr überraschen, wenn der Papst nicht grundsätzlichere Dingen einflechten würde. Er wird sicherlich nicht nach Straßburg fahren, um Europa politische Vorschläge oder gar Vorhaltungen zu machen. In den Worten von Johannes Paul II.: es geht um Freiheit und es geht um Würde. In den Worten von Benedikt XVI.: es geht um das Erbe Europas, um Rechte und um Glaube und Vernunft. Was wird Franziskus anfügen?

Es wird die kürzeste Auslandsreise eines Papstes sein, aber eine der interessantesten: Ein Papst vom Ende der Welt kommt in die politischen Vertretungen eines Kontinents, der sich gerne immer noch als Zentrum der Welt versteht. Es wird spannend.

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Zeremonie und Liturgie

Papstmesse in Santa Marta

Papstmesse in Santa Marta

Ein Gedanke aus einem Vortrag und einer Diskussion von gestern hier in Rom, der ziemlich gut zusammen fasst, was mir seit einiger Zeit im Kopf herum geht: theologisch hat die Art und Weise dieses Papstes, sein Pontifikat zu gestalten und auszuüben, Konsequenzen. Es ist nicht einfach nur „seine Art“ und „irgendwie argentinisch“, es will und muss auch unser Denken in Gang setzen.

Der Papst ist nicht der Lebenswirklichkeit heute entrückt. Dieser Papst baut Distanzen ab, wo er nur kann: Das Auto, die Umarmungen, die Sprache, all das ist kein Hof und nicht die Sprache der Vatikan, die sich in 150 Jahren etabliert hat. Man muss sehr genau hinschauen, er ist nicht der Priester, der sich einfach so eine Stola über den Pulli wirft wie das die Unsitte noch in meiner Jugend war. Er weiß sehr wohl, was Gott gebührt und was den Menschen. Aber er als Papst lebt nicht in einer anderen Welt. Die Folgen: Priester und Bischöfe sind wie der Papst ebenfalls nicht entrückt.

 

Was ist ein guter Papst?

 

Nun braucht man das den meisten Priestern nicht zu sagen, im Gegenteil, die werden mir den Vogel zeigen, wenn ich sie von Rom aus aufrufe, mehr unter den Menschen zu sein. Und das mit Recht. Aber es gibt eben ein grundsätzliches Verstehen von Priester als irgendwie anders. Von Bischof mal ganz zu schweigen. Und das wird durch den Papst in Frage gestellt.

Theologisch hat das Folgen für die Begründung: Was ist ein guter Bischof? Was ist ein guter Priester? Was ist ein guter Papst? Weiterlesen

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Knotenlöserin

Die Abbildung der Maria Knotenlöserin aus Augsburg

Maria Knotenlöserin, Mayross, Limerick, Irland

Die irische Stadt Limerick ist um eine katholische Attraktion reicher: In der Pfarrei Corpus Christi, Moyross, gibt es seit vergangenem Sonntag eine Kopie des Marienbildes aus Augsburg: Maria Knotenlöserin. Das wäre nicht wirklich eine Nachricht hier, wenn es nicht einen sehr starken Papst Franziskus Bezug gäbe. Der damalige Pater Jorge Bergoglio hatte das Bild in Augsburg in Sankt Peter am Perlach gesehen, nach seiner Ernennung zum Weihbischof dann auch im Bistum Buenos Aires eingeführt, in die Pfarrei San José del Talar, wo es sich großer Beliebtheit erfreut. Jeder 8. des Monats ist dort der Tag der Knotenlöserin, tausende Menschen kommen in die Kirche.

Der britische Journalist Paul Vallely hat das Bild bzw. seine Botschaft – das Lösen der Knoten – sogar zu einer Art roten Faden in seiner Biographie des Papstes werden lassen.

Seit der Wahl Erzbischof Bergoglios gewinnt dieses Bild nun auch anderswo Beliebtheit, unter anderem also in Limerick. Auch in der Casa Santa Marta, wo der Papst lebt, hängt eine Kopie des Bildes.

Dass der päpstliche Nuntius Charles Brown das Bild beim

Vatikan, Santa Marta: Im Hintergrund hängt die Kopie des Augsburger Bildes (c) OssRom

Vatikan, Santa Martha: Im Hintergrund hängt die Kopie des Augsburger Bildes (c) OssRom

Gottesdienst am vergangenen Sonntag gesegnet hat zeigt auch noch einmal, dass es mehr ist als eine Verbindung mit Augsburg, es ist eine Verbindung mit dem Papst. Wie der Pfarrer der Gemeinde Pater Tony O’Riordain mir sagte: Let’s build a link.

Das schöne an dem Link, der Verbindung mit dem Papst: Es ist kein Personenkult. Die Statue, die das Bistum Buenos Aires von Bergoglio aufstellen wollte und gegen die sich der Papst gewehrt hat, was kein guter Stil. Wenn die Verbindung mit dem Papst aber darin besteht, gemeinsam zu beten und das mit der Hilfe eines Bildes zu tun, dass eine eigene Botschaft hat, dann finde ich es wunderbar.

 

Nicht die schnelle Lösung suchen

 

Die Botschaft des Bildes hat mit den Verwirrungen des Lebens zu tun, mit Komplexität, vielleicht auch damit, keinen Ausweg zu wissen. Irgend ein Band oder ein Bund ist nicht glatt, sondern in sich verhakt. Wer schon einmal mit Telefonkabeln gekämpft oder einfach nur ein Seil weggelegt hat weiß, dass der Knoten irgendwie der Naturzustand alles Seins wird, wenn man die Dinge mal alleine lässt. Weiterlesen

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Päpstliche Rauferei

„Wenn du was gegen deinen Bruder hast, sag’s ihm ins Gesicht. Vielleicht endest du in einer Rauferei, aber besser dies als der Terror des Geschwätzes“. Es sind solche Sätze, die Papst Franziskus immer wieder äußert und die immer noch Aufsehen erregen.

Recht hat er ja, der Papst, und er hat es auch schon vielfach gesagt, nur tut er das normalerweise nicht mit der farbigen Metapher einer Schlägerei.

Das Zitat stammt übrigens aus einer Ansprache vor Ordensleuten in der vor-vergangenen Woche.

Hier kam eines seiner Lieblingsthemen zum Tragen: Der Tratsch. Dabei geht es nicht um leichte Lästerei, der Papst sieht darin eine schwere geistliche Verformung. Wer über andere rede, verborgen und nie wirklich der Wahrheit verpflichtet (= Tratsch), der stellt sich selbst in den Mittelpunkt. Tratsch ist nicht nur eine schlechte Form der Kommunikation, sie ist eine Selbstrechtfertigung, ohne Scham, ohne Freundschaft.

Zu viel gibt es davon unter uns Menschen, und das zersetzt Gemeinschaften.

Aber zurück zur farbigen Formulierung einer „Rauferei“. Den Bericht über die Rede des Papstes habe ich so angelegt, dass diese Formulierung gar nicht vorkam. Es geht in der Ansprache um das zeugnishafte Leben von Ordenschristen, individuell und als Gemeinschaft. Natürlich ist die oben genannte Formulierung packend und drückt den Gedanken sofort verstehbar aus. Aber darüber hinaus hat der Papst noch mehr zu sagen, und das gerät dann etwas in den Hintergrund.

Denn die Botschaft ist letztlich unbequem: Ordensleben sei prophetisch in dem Sinn, als es als Widerspruch zum Zeitgeist zu verstehen sei, wie auch Jesus Widerspruch gewesen sei.

Und er spricht davon, dass man die Charismen der Orden nicht wie destilliertes Wasser behandeln kann, also sichern und abdichten, sondern dass sie sich ausschließlich in der herrschenden Kultur und Realität voll entfalten können, ein Plädoyer wider den Rückzug.

Das sind Botschaften, die wichtig sind.

Bei der Berichterstattung bleibt es spannend – und es ist fast täglich eine Debatte in der Redaktion hier bei uns – wie stark die bunten Formulierungen und wie wichtig die eher trockenen Inhalte in der Berichterstattung sind. Eine abstrakte Lösung gibt es nicht, wir sind Journalisten, wir wollen irgendwie beides.

Auch das gehört zum Spannenden in diesem Pontifikat.

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Das kann mir niemand abnehmen

Zum Thema meines letzten Textes hier möchte ich noch einmal nachlegen. Ich bin angesprochen worden auf eine Bewegung, die man historisch eigentlich an den Beginn des 20. Jahrhunderts legt, deren Grundmuster aber auch heute noch halten: Der Integralismus. Hier könne man viel von dem finden, was sich jetzt gegen Papst Franziskus und seine gemutmaßte pastorale Ausrichtung richtet. Deswegen wage ich einige Zeilen dazu.

Kirche Christus, Hoffnung der Welt - Wien: Das ewig Wahre immer neu ausdrücken

Kirche “Christus, Hoffnung der Welt” – Wien: Das ewig Wahre immer neu ausdrücken

Als Freund des gedruckten Buchstaben greife ich zum Lexikon für Theologie und Kirche. Dort lese ich: „Integralismus: Vor dem Hintergrund einer negativen Sicht der Welt, besonders der modernen Welt, lehnt der Integralismus das Bemühen, den christlichen Glauben mit dem Denken der jeweiligen Zeit zu verbinden, als Modernismus ab [und] sucht auch profane Lebensbereiche weitestmöglich kirchlicher Entscheidungsgewalt zu unterstellen (..).“

Natürlich gibt es den Integralismus so in der abstrakten Reinform gar nicht, losgelöst von Menschen, die mehr oder weniger in diesen Mustern die Welt wahrnehmen. Es geht also nicht um irgendwelche –Ismen. Das einmal vorweg.

Dann aber gibt uns der oben zitierte Satz zwei Elemente, die ich bezeichnend finde. Das Ablehnende der modernen Welt und damit einhergehend das Bemühen, sich den Glauben ohne diese Welt zu Recht zu legen (meine Interpretation) und zweitens im Umkehrschluss die Kontrolle der Lebenspraxis in der Welt Regeln zu unterwerfen, die diesem zu Recht gelegten Glauben entsprechen.

Wie alle Zirkelschlüsse ist auch dieser – aus der Ablehnung folgt der Glauben und aus dem Glauben eine Praxis, die sich abschließt – letztlich unangreifbar. Wer sich innerhalb dieser Logik bewegt, ist in seinen eigenen Augen immer auf der sicheren Seite.

Dabei sind die ewigen Wahrheiten etwas, was immer neu ausgedrückt werden muss. Die Ausdrucksform der Wahrheit kann und muss vielgestaltig sein (Papst Franziskus, Evangelii Gaudium 41, der an dieser Stelle Papst Johannes Paul II. zitiert).

 

Eigenverantwortung

 

Der zentrale Punkt der Debatte liegt aber noch woanders. Ich zitiere noch einmal das LThK, den letzten Satz aus dem Artikel ‚Integralismus’: „Auch hier geht es wieder um die Frage der Eigenverantwortung des Christen, die sich jeder Generation neu stellt.“ Weiterlesen

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Hermeneutik der Reform

Ohne dass jemand am Steuer stünde: Diesen unglücklichen Vergleich meinte ein prominenter Kardinal gebrauchen zu sollen, als er die Ergebnisse der Bischofssynode im Oktober beschrieb. Wir sind also angekommen, Teile der Kirche sehen in Papst Franziskus das Übel und sprechen ihm entweder den Willen oder die Fähigkeit ab, die Kirche zu leiten.

Was heißen soll: So zu leiten, wie sie es für richtig halten. Auch wenn ich ein großer Fan davon bin, die Konflikte nicht in den Mittelpunkt der Kirche zu rücken, braucht es doch einen klaren Blick darauf, um was es geht, damit wir uns nicht ins Boxhorn jagen lassen. Also: Die sich selber traditionsverbunden oder konservativ nennenden Katholiken wittern ein Ändern der Lehre und damit einen Abfall vom tradierten Glauben.

Eine der Annahmen der Kritik am Papst ist, dass die Begriffe „konservativ“ und „orthodox“ austauschbar sind. Diesen Gedanken habe ich bei Pater John O’Malley SJ gefunden, der damit in eine Debatte in den USA eingreift. Eine kluge Beobachtung, die ich mir gleich zu Nutzen mache.

 

Konservativ ist nicht automatisch gleich rechtgläubig

 

Nicht wandeln wollen und rechtgläubig sein – so darf ich die beiden Begriffe übersetzen – seien sozusagen zwei Seiten derselben Medaille. Mir scheint aber, und da stimme ich John O’Malley zu, dass das in diesem Automatismus nicht stimmt. Blicken wir nur zurück auf das Zweite Vatikanum, da gab es eine ganze Reihe von damals so genannten Progressiven – verstanden als Gegensatz zu konservativ – bei denen sich herausgestellt hat, dass sie und ihre Meinungen, Stellungnahmen und Texte sehr rechtgläubig waren.

Es hat Wandel stattgefunden, in vielen Punkten, nehmen wir nur das Verhältnis zu den Juden oder die Ökumene. Rechtgläubigkeit, die getreue Weitergabe des Glaubens an die nächste Generation, hat im Wandel stattgefunden. Die selbsternannten Wahrer der Lehre sehen sich also als orthodoxer, der Lehre näher, als die zu diesem Zweck geweihten Bischöfe. Das finde ich einen erstaunlichen Befund.

Da gibt es Theologen, die so päpstlich sind, dass sie aus all dem Wandel den Schluss ziehen, wir könnten einen neuen Papst brauchen. Man ist nur dann treu, wenn der Papst das macht, was man selber will. Das hat Untertöne, nämlich die der Spaltung. Das will keiner zugeben, aber logisch gesehen ist das die Drohung, die folgt. Das ist weder orthodox noch konservativ. Weiterlesen

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„Aber das Wort kann man doch nicht lieben!“

Kennen Sie den Film ‚Breaking the Waves’? Lars von Trier, 1996? Es geht um Schuld, um Opfer, um Sexualität, um all die Themen, die von Trier immer wieder in seinen Filmen behandelt. Und es ist ein theologischer Film. Die Hauptperson Bess wird darin von ihrer calvinistischen Gemeinde exkommuniziert. In einer Versammlung der Gemeinde – bei der nur Männer das Wort führen dürfen – wird ihr das Wort Gottes vorgehalten, worauf sie ruft: „Aber das Wort kann man nicht lieben. Man kann nur einen Menschen lieben.”

Eine aufgeschlagene Bibel aus Taiwan, gedruckt 1933

Auch die Bibel: Chinesich.

Diese Formulierung ist mir hängen geblieben. Sie ist ja auch einprägsam und passt wunderbar zum Satz: Die Wahrheit des Christentums ist keine Sammlung von Sätzen, sondern eine Person: Jesus Christus. Aber da wollte ich gar nicht hin. Ich will etwas anderes sagen.

Immer wieder – auch und gerade in den Kommentaren hier im Blog – wird auf das Wort Gottes Bezug genommen. Da steht dies drin und das und danach müssen wir uns richten. Felsenfest und klar seien die Aussagen, wir seien nicht Herren über das Wort Gottes und so weiter. Und das ist auch alles richtig.

Bess’ Ausruf lässt mich aber noch mal nachschlagen: Wie gehen wir eigentlich mit dem Wort Gottes um?

Schauen wir einfach mal nach. Zum Beispiel in eine der wichtigsten Enzykliken zum Thema, „Divino Afflante Spiritu“, 1943 von Papst Pius XII. veröffentlicht. Der Umgang mit der Heiligen Schrift war in der katholischen Kirche ja nicht immer einfach. Vor allem das Aufkommen der Textkritik als Methode hatte zu Streit geführt, Pius XII. beendet diesen Streit zu Gunsten der historisch-kritischen Methode, wenn sie denn richtig angewandt wird. Das macht diese Enzyklika so wichtig und für heute noch – wo gerne einmal mit dem Wort Gottes wewedelt wird, ohne nachzudenken – so wichtig.

 

Zwei Straßengräben

 

Die wichtigste Aussage der Enzyklika: Was macht die Bibel zur Heiligen Schrift? Die Inspiration durch den Heiligen Geist. Das klingt erst einmal selbstverständlich, ist es natürlich auch, aber daraus folgen ja einige Dinge, die es zu beachten gilt.

Es hat vor allem Folgen für diejenigen, die sich mit der Schrift beschäftigen.

Was soll der Bibelwissenschaftler und jeder, der sich um die richtige Lektüre der Schrift tun? Versehen mit der Kenntnis der biblischen Sprachen und dem Instrument der Textkritik „die Auffindung und Erklärung des wahren Sinnes der heiligen Bücher“. Dabei gilt es, zwei Straßengräben zu vermeiden. Der eine ist die Beschränkung auf den „Literalsinn“, wie der Papst es nannte, also das Festhalten an der Wortwörtlichkeit, ohne Verstehen zu suchen. Dagegen hilft das Lernen der Sprachen der Bibel, dagegen hilft auch die Einsicht, dass wir ja gar keinen Urtext der Schrift haben, nur verschiedene Textzeugen, die teilweise Unterschiedliches, manchmal auch sich widersprechendes berichten. Es ist also an den Exegeten, nach bestem Wissen und Gewissen immer wieder die plausibelste Version des Textes zu erarbeiten. Allein das hilft schon gegen einen zu schlicht verstandenen Literalsinn. Weiterlesen

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Mauerfall und Mauerbau

Es ist nicht sonderlich originell, aber auch ich will mich hier den vielen Berichten anschließen, die anlässlich des Jahrestages des Falls der Mauer all die anderen Mauern aufzählen, die wir haben oder gerade errichten. Zwei besonders brutale habe ich in diesem Jahr selber gesehen, die zwischen den beiden Koreas und die zwischen Israel und Palästina. Dann gibt es die gegen die Flüchtlinge aus Mexiko in die USA, Triton – die Ablösung von Mare Nostrum im Mittelmeer – könnte auch eine Mauer werden. Und dann könnte ich auch noch die Mauern in den Köpfen anfügen, aber das können Sie selber auch.

Berlin 20100303 17

Nachdenken über Grenzen: Berlin, 2003

Die Ereignisse, die zum Mauerfall geführt haben, die Demonstrationen und Proteste, der Mut und so weiter, das alles sind die Ereignisse, an die wir uns erinnern sollten. Nicht an die großen Männer der Geschichte, die sich selber große Bedeutung zuschreiben, sondern an die vielen, die Veränderung wollten und dafür aufstanden und auf die Straße gingen. Die Namen, die kaum mehr jemand kennt. Die haben das geschafft, was wir gedenken: Die Mauer steht nicht mehr.

Und das hat dann über reine Gedenktage hinaus auch noch Wirkung für heute: Für Korea, Palästina, das Mittelmeer … .

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