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„Call it anything!“

Ich weiß es noch wie heute: Ich saß mit zwei Freunden in der Bretagne in einem Café, abends. Ich hatte eine Woche Rucksack-Wandern dort hinter mir und die beiden waren mit dem Auto gekommen, gerade angereist, wir wollten weiter um mit einigen Kommilitonen zusammen in einem Haus im Norden, an der Küste, Urlaub zu machen. Es muss in Concarneau gewesen sein, oder in Quimper, das Detail habe ich vergessen, aber das Café sehe ich noch vor mir.

Miles Davis 1986 in Den Haag

Miles Davis 1986 in Den Haag

Das war der Tag vor genau 25 Jahren, der Tag an dem Miles Davis starb. Wir haben in der Jukebox nachgesehen und tatsächlich gab es mehrere Stücke von Davis da drin, also spielte die Box zur großen Verwunderung der anwesenden Franzosen „Kind of Blue“. Als Hommage.

Damals hätte ich mich in den Hintern treten können. Ich hatte noch die Gelegenheit gehabt, Miles Davis live zu sehen, war damals aber nicht ins Konzert gegangen, weil zu Hause was anderes stattfand. Und so ging der Mann, dessen Musik mir so viel sagt wie kaum eine andere, ohne dass ich ihn jemals habe live hören können.

Seine Kollegen habe ich dann alle in Concert gehört, Wayne Shorter, John McLaughlin, Herbie Hancock, Chick Corea, und so weiter. Nur eben Miles Davis selber nicht.

Der Mann war die perfekte Synthese aus Markt und Genie. Jede Platte war ein Schritt weiter, der Mann ist nie stehen geblieben. Und wie bei den Beatles kamen die Platten oft in atemberaubend kurzen Abständen. Und immer was Neues. Die Story ist ja eigentlich, dass aus den Kulturen und Traditionen der Schwarzen der Jazz entstand, dann vermarktet wurde – von Weißen – bis er schließlich im Mainstream, damals bei Glen Millers Gedudel, heute bei norwegischen Sängerinnen in immer schnellerer Abfolge, endgültig marktkonform ist. Bei Davis stimmt das nicht. Seine großen Werke wie Bitches Brew und In a Silent Way sind erst durch die Zusammenarbeit mit der Plattenfirma Columbia überhaupt möglich geworden. Er wollte Pop und Rock einbeziehen, er wollte Musik nicht für die Oberklasse-Elite der Jazzversteher machen, sondern für alle (Schwarzen, das muss man dazu sagen). Und das würde dann die Synthese von Markt und Genie. 

Fachleute sagen, dass er nicht gerade ein genialer Techniker an der Trompete war. Sein Genie lag woanders. Vor allem darin, Musiker zusammen spielen zu lassen. Er hat aus allen das Beste heraus geholt. Und wenn auch andere die Stücke geschrieben haben, er hat daraus in seinen wechselnden Besetzungen Musik gemacht.

 

Immer neu: Probierer oder Verräter?

 

Seine Musik ist herrlich unpathetisch, ohne Romantik, so gar nicht verspielt. Sie ist anders als so viel Anderes Zeug in den Jazz-Regalen nicht Gehörgang – angepasst. Sie besteht immer aus vielen Stimmen, nie nur der Trompete, die Trompete antwortet und übernimmt, sie ist der Chef aber lässt den Rest der Truppe nicht als Untermalung auftreten.

Zuletzt schrien sie dann alle „Verrat“, als er mit Pop experimentierte. Er wollte halt kein Archivar des klassischen Jazz sein, sondern von den Leuten gehört werden. Schon Ende der 60er und dann heftig in den 70ern mit „Bitches Brew“ und so weiter hat er Massentaugliches in seine Musik aufgenommen, auch wenn das heute völlig schräg klingt. Er wollte den Anschluss an die Menge, an die Vielen, aber ohne Kompromisse zu machen. Mal gelang es ihm, mal weniger, vor allem in den letzten Jahren ist er Wege gegangen, die nur noch weniger Jazzer mitgehen wollten.

War das noch Jazz? Seine Antwort: „Call it anything!“

Bis heute höre ich die alten Scheiben genauso gerne wie die neuen, die unbekannten genauso wie die Stars unter den Platten „Kind of Blue“ oder „Filles de Kilimanjaro“.

Musik ist eine Sprache. Und wenn man sie nicht dauern im Hintergrund dudeln lässt und zu einem Ambient-Wohlfühl-Geräusch herabwürdigt, dann kann sie auch was erzählen. Und gute Musik tut das auch, wenn man ein Stück zum x-ten Mal hört. Und genau deswegen mag ich Miles Davis.

Also schiebe ich heute, am 25. Todestag, seine beste Scheibe in den Player, „In A Silent Way“. Und freue mich, dass seine Musik immer noch zu mir spricht.

 

 

PS: Da ich in diesen Tagen unterwegs bin und nicht ständig Zugang zum Netz habe, kann es mit dem Freischalten von Kommentaren etwas länger dauern. Ich bitte um Nachsicht.

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„Ich nicht fromm!“

Während meines Studiums in München habe ich einmal mit einem Mitbruder aus einem asiatischen Land zusammen gelebt, der sehr gut inkulturiert war. Eines Tages nun hatten wir Besuch und er bekam – idiotischerweis – eine Frage auf Englisch gestellt, irgendwie traute der Gast ihm kein richtiges Deutsch zu, typisch. Also die Frage war: „Where are you from?“ Seine spontane Reaktion: „Ich nicht fromm, ich nicht fromm!“ Nervös, wie er war, vergaß er das Verb im Satz, um klar und deutlich zu sagen, dass „fromm“ auf keinen Fall für ihn zutreffe; ignorierend, was eigentlich die Frage war.

Fromm sein, das ist bei uns immer noch sehr oft ältere Menschen mit Kerzen oder ein Rosenkranzgebet im Altenkreis oder traditionelle Innerlichkeit oder alte Gebetbücher. In jedem Fall würden sich die meisten Christen in Deutschland, sollten sie sich selber beschreiben sollen, nicht „fromm“ auf ihre Karte schreiben. Oder? Hand aufs Herz!

Fromm sein hört sich an wie harmlos sein, wie klein beigeben, wie alles über sich ergehen lassen. Das will man nicht sein, man lebt seinen Glauben ja schließlich selbstbewusst. „Es ist ruhig das Alter und fromm“, dichtete Hölderlin (‚meiner verehrungswürdigen Großmutter zum 72sten Geburtstag‘, zitiert übrigens auf Deutsch von Papst Franziskus bei seiner allerersten Audienz), da will man sich nicht vor der Zeit einreihen.

 

„Es ist ruhig das Alter und fromm“

 

Die Geschichte meines Mitbruders fiel mir wieder ein, als mir neulich eine meiner Aufzeichnungen zu den vielen Papstthemen wieder in die Hand gerät. Ich bin nicht unbedingt ein großer Fanatiker in Sachen Ordnung, da kann schon mal ein Thema liegen bleiben. Reifen, sozusagen.

Was ist das also nun, die Frömmigkeit?

Auch das ist 'Frömmigkeit': Michelangelos Pietà im Petersdom

Auch das ist ‚Frömmigkeit‘: Michelangelos Pietà im Petersdom

Viel ist aus der lateinischen Sprachwelt zu uns gekommen, früher bedeutete Frömmigkeit/Pietas eine Art Unterordnung unter die Götter, eine Verehrung und Achtung. Pietas, das war auch die Achtung der Kinder vor den Eltern samt Unterwerfung unter das Urteil des Vaters, kein Wunder, dass die deutsche Entsprechung, Frömmigkeit, nicht wirklich beliebt ist.

Versuchen wir also den Begriff zu umgehen. Nennen wir das „innere Haltung des Glaubens“. Das kann dann selbstbewusst sein, ohne die Unterwürfigkeit mit zu transportieren.

Pietas hat aber als Wort einen Vorteil, den weder ‚fromm’ noch die von mir gerade formulierte Haltung wettmachen kann, Pietas bedeutet auch Erbarmen, Barmherzigkeit. Wie es im liturgischen Ruf heißt: „Ten piedad de nosotros!“ auf Spanisch, „abbi pieta di noi!“ auf Italienisch, und auf Deutsch: „Erbarme dich unser!“.

Wenn wir also „innere Haltung des Glaubens“ sagen, oder unsere Haltung Gott gegenüber irgendwie anders ausdrücken, dann müssen wir sicher gehen, dass diese Dimension zumindest mitgedacht wird. Weiterlesen

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Dafür sein

„Mir gefällt es nicht, von islamischer Gewalt zu sprechen, denn ich sehe Gewalt jeden Morgen, wenn ich die Zeitung aufschlage, hier in Italien“: Es sind Sätze wie diese, welche die Emotionen ausschlagen lassen. Was sagt er da nur? Vergleicht er häusliche Gewalt oder Mafia-Gewalt mit den Gewaltorgien des sog. Islamischen Staates?

Mit Papst Franziskus fährt am Dienstag jemand zum Friedenstreffen nach Assisi, der immer und immer wieder sehr deutlich macht, dass Gewalt und Religion nichts miteinander zu tun haben und dass Versuche, Religion für Gewalt und deren Legitimation heran zu ziehen, Blasphemie sind. So weit, so gut.

Aber ist das mehr als nur ein hilfloses Zeichen, oder abgespulte Gedenk-Trefferei?

Symbolort Assisi

Symbolort Assisi

Auf jeden Fall. Der Papst – und all die anderen – können gar nicht genug nach Assisi fahren, um dem Dröhnen der Gewalt etwas entgegen zu setzen. Dort hat sich so etwas wie eine gemeinsame Basis herauskristallisiert, seit 1986, mehr noch in den Treffen danach.

Die Assisi Erklärung von 2002 – noch ganz unter dem Eindruck der Terroranschläge in New York von 2001 – wurde anlässlich es Papstbesuches beim Treffen von 2011 wieder aufgegriffen und nennt die Eckpunkte dieser Basis. Da ist erstens der Charakter der Verpflichtung. Das ist keine Übereinkunft, das ist mehr.

„Irrtümer und Vorurteile in Vergangenheit und Gegenwart“

 

Dann spricht man von „Kultur der Dialogs“, von „Recht auf ein würdiges Leben“, von „Verzeihung“ in Bezug auf „Irrtümer und Vorurteile in Vergangenheit und Gegenwart“. „Wir, Angehörige von unterschiedlichen religiösen Traditionen, werden nicht müde, zu verkünden, dass Frieden und Gerechtigkeit nicht voneinander zu trennen sind“, heißt es abschließend.

Der Verweis auf 2001 ist dabei nicht unwichtig: Damals schon standen die Zeichen auf Konfrontation, auf „Achse des Bösen“ und Einmarsch in Irak und so weiter. Auch heute passt das, der Terror ist kleiner geworden, aber dafür zielt er nicht auf große Gebäude, sondern auf den Alltag hier in Europa. Auch hier steht viel auf Mauer bauen, ausgrenzen, Sicherheit, bis hin zu Gewalt.

Dagegen richten sich die Treffen von Assisi seit nun 30 Jahren.

Die Polemiken dagegen haben seitdem nicht nachgelassen, die ignoriere ich hier einmal, vor einigen Tagen habe ich ja schon was dazu gepostet.

 

Keine Sofortresultate

 

Stattdessen will ich dafür sein. Was ja schwerer zu sein scheint als dagegen zu sein. Natürlich gibt es keine Sofortresultate, was man ja auch daran sieht, dass 30 Jahre nach dem ersten Treffen die Welt noch immer nicht gerettet ist. Trotzdem ist es wichtig, dass sich auch diejenigen zeigen und treffen, die für etwas sind, die keine politischen Pragmatiker sind. Und das an dem symbolischen Ort Assisi tun. Weiterlesen

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Dem Unfrieden ein „Nein“!

Es war vorauszusehen. Als wir auf unserer Facebook-Seite das Gebetstreffen von Assisi in diesem Jahr (18.-20. Sept) ankündigten, kamen gleich die üblichen Kommentare, ob es denn helfe, wenn Götzen angebetet würden und so weiter. Es gibt immer irgendwelche Menschen, die von sich selber so sehr überzeugt sind, dass sie nur auf andere herab schauen können. Und das dann auch noch sagen müssen, Facebook ist voll davon.

Dabei verlangt die Kirche Respekt, auch und gerade vor anderen Religionen. Die Frage nach der Wahrheit unseres eigenen Glaubens bleibt davon unberührt. Natürlich gehen wir davon aus, dass Jesus Christus der Retter der Menschen – aller Menschen – ist, der einzige Retter. Aber genau so gehen Muslime von ihrer Wahrheit aus, Buddhisten, Hinduisten und andere Religionen von ihrer Religion und in ihrem Verständnis von Wahrheit.

Das erste Gebetstreffen in Assisi mit Papst Johannes Paul II.

Das erste Gebetstreffen in Assisi mit Papst Johannes Paul II.

Das als „Götzendienst“ abzutun hat nicht die Absicht, den eigenen Anspruch auf Wahrheit zu betonen. Das kann man auch anders tun, ohne respektlos zu sein. Diese Vokabel hat nur den Zweck, zu beleidigen.

Warum ich derlei hier aufgreife? Und damit noch mehr Aufmerksamkeit schenke, als so was verdient?

Ich greife das auf, weil ich glaube, dass wir derlei beleidigendes Reden nicht einfach durchwinken können mit der Begründung, dass sich ein Streit gar nicht lohnt. Das mag schon sein, dass der nicht lohnt, aber trotzdem muss hier und an anderer Stelle mal „Nein“ gesagt werden.

Wenn in Assisi Menschen beten, nach ihren Riten und Religionen, und es allen gemeinsam um Frieden geht, dann ist das etwas Gutes. Wer kleingeistig und letztlich menschenverachtend gleich „Götzendienst“ ruft oder „Sorgen“ um die Integrität christlicher Altäre äußert, dem ist offenbar der Frieden nicht wichtig. Das muss man mal so sagen.

Frieden ist nicht nur nachgeben. Frieden heißt auch, nicht allen alles durchgehen zu lassen. Dem Unfrieden ein „Nein“! Und genau deswegen fährt auch Papst Franziskus in vier Tagen dorthin.

 

 

PS: Da ich in diesen Tagen unterwegs bin und nicht ständig Zugang zum Netz habe, kann es mit dem Freischalten von Kommentaren etwas länger dauern. Ich bitte um Nachsicht.

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„Mut zur Weite der Vernunft“

Es ging um Dialog. Wenn man heute irgendwo im kirchlichen oder journalistischen Kontext die „Regensburger Rede“ von Papst (mittlerweile emeritus) Benedikt XVI. erwähnt, ist das Urteil klar: das war Konflikt, Beschwerde, Beleidigung des Islam und danach musste der Papst zu seiner schwierigsten Reise antreten, zu der in die Türkei. Genau zehn Jahre ist das nun her.

Dabei ging es in Wirklichkeit um Dialog. Das ist ironisch und vielleicht sogar tragisch. Man könnte jetzt nachzeichnen, mit wie viel Verspätung den meisten erst aufgegangen ist, wie skandalös das eine Zitat angeblich gewesen ist. Viel von der Aufregung war nachträglich inszeniert, vor allem in den Medien, man hatte einen Griff, mit dem man den Papst mal so richtig schön packen konnte.

Papst Benedikt in Regensburg

Regensburger Rede

Das geht schon damit los, dass der Papst den alten Gedanken der „universitas“ lobt, Fachleute aller Studien- und Lehrrichtungen treffen aufeinander, etwas was der Papst damals schon in der Vergangenheitsform beschrieb. In einer modernen Hochspezial-Universität mit wirtschaftlicher Förderung gibt es so was ja nicht mehr.

Es geht ihm um Dialog, und zwar ganz in seinem Denken verankert. Während Papst Franziskus ebenfalls ein Papst des Dialoges ist, lebt er ihn ganz anders, als „Dialog der Freundschaft“, während des Benedikt XVI. um das nicht minder wichtige Denken geht. Und deswegen hat er wohl diese Gedanken auch an einer Universität geäußert.

 

„Gott hat kein Gefallen am Blut”

 

In diesen universitären Dialog hinein gehört – so fährt die Vorlesung, wie es der Papst selber nennt, fort – auch das Fragen nach der Vernunft und dem Glauben: Das Thema von Papst Benedikt.

Und dann fällt das Zitat, das er selber als „für uns unannehmbar“ bezeichnet, was ihn aber nicht vor Kritik geschützt hat. Ob zu Recht oder nicht, das soll hier erst mal nicht das Thema sein.

Ich zitiere aus der Vorlesung: „Der Kaiser [Manuel II. Palaeologos von Byzanz] begründet, nachdem er so zugeschlagen hat, dann eingehend, warum Glaubensverbreitung durch Gewalt widersinnig ist. Sie steht im Widerspruch zum Wesen Gottes und zum Wesen der Seele. „Gott hat kein Gefallen am Blut”, sagt er, „und nicht vernunftgemäß, nicht „σὺν λόγω” zu handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider“.“ Wer mag da widersprchen? „Wer also jemanden zum Glauben führen will, braucht die Fähigkeit zur guten Rede und ein rechtes Denken, nicht aber Gewalt und Drohung”, um noch ein Zitat des Kaisers, das der Papst anführt, zu nennen.

Und dann beginnt der Papst seine Ausführungen zur Frage, ob vernunftmäßiges Handeln und das Wesen Gottes zusammen zu denken sind oder nicht. Er argumentiert theologisch, er argumentiert vor allem auch biblisch, er zeichnet kurz Entwicklungslinien im Christentum nach. Letztlich sagt er, dass das Aufeinandertreffen von griechischer und christlicher Welt kein Zufall war, dass sich Vernunftdenken und biblische Tradition ergänzen und gegenseitig befruchten, dass auch in der Bibel „Aufklärung“ zu finden ist.

 

Plädoyer für den Dialog von Glauben und Vernunft

 

Sehr kritisch geht der Papst mit der Reformation um, die durch „sola scriptura“ die Schrift wieder vom sie auslegenden Denken trennen wollte, so der Papst, das gehört in eine lange Debatte, in die sich Joseph Ratzinger immer wieder eingeschaltet hat.

Damit hat er die beiden Grundpositionen markiert: Gehören Logos-Denken, vernunftgemäßes Denken, und Bibel und Glaube zusammen? Oder nicht? Wie steht es mit der Wissenschaftlichkeit, um den Ort der Vorlesung – die Universität – wieder mit ins Spiel zu bringen? Weiterlesen

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Fran: lehm-glück der rhani, ran, komponente f contra Zahl: 6,9

Immer wieder eine Überraschung: man macht den Rechner an und schaut in den Posteingang, man liest die Kommentare bei Facebook oder hier im Blog, man schaut ins Fax oder am besten noch öffnet einen Briefumschlag – immer und immer wieder schlagen einem da kleine Kunstwerke entgegen.

Meist wie ich annehmen muss verwirrte Menschen schicken uns Meinungen, Aufforderungen, Texte deren Sinn und Zweck sich nicht sofort erschließen, wenn überhaupt. Sie schicken überhaupt alles, was einem in den Sinn kommen kann. Oder was einem selber nie in den Sinn kommen würde. Jedenfalls hoffentlich nicht.

Das Leben ist zu kurz, sich mit all dem zu beschäftigen, aber einiges davon kommt in meinen Lieblingsordner im Büro, „Best of Zuschriften“ genannt. Den pflege ich jetzt seit ich hier bin, also seit 2009. Sehr voll ist der nicht, man muss sich also schon was einfallen lassen, um da hinein zu kommen.

Die Aufforderung zum Beispiel, doch zu kontrollieren, ob der Papst wirklich Papst ist und ob er „korrekt die Personen aus der Bibel mit Vor- und Nachname in den Fußnoten genannt hat.“ Ist ja wirklich ein wichtiges Kriterium.

 

„Best of Zuschriften“

 

Oder der Mensch, den man nicht in Rom hat studieren lassen, weil das die Wahl Joseph Ratzingers zum Papst verhindert hätte. Da waren wohl finstere Kräfte am Werk.

imageOder die Interpretation des Namens Franziskus: „Fran: lehm-glück der rhani, ran, komponente f contra Zahl: 6,9 / Zis: c# musik aus zisterne lehm und wasser nach ignatius Vitaminsäuren zur Wasserreinigung Zahl 7 / Kus: kosen, küssen, Küste, alteuropäisch für Tangente Zahl 28″. Dankenswerterweise hat der Schreiber uns die Rechte zur Nutzung zugestanden. Puh, wäre das also auch gelöst.

Oder es schreibt uns Jesus Christus, der endlich zur Kenntnis genommen werden will. Der Erlöser ruft auch manchmal an, aber das ist ein anderer. Wie ignorant wir doch sind. Oder einfach nur verwirrt von so viel Jesus. Also muss dieser Jesus Christus nun eine neue Kirche gründen.

Oder da sind die Kreativlinge im Beschimpfen. Eigentlich mag ich so was ja gar nicht, aber wenn man uns „Irrationalismusheiten“ nennt, dann kann man nicht anders als schmunzeln. Mindestens.

 

„bin jetzt frei … Grüße an Papa“

 

Oder es ist etwas leicht und locker Geschlagenes: „Spielt ihr was für uns … Jazz aus den 30er Jahren … bin jetzt frei … Grüße an Papa.“ Das ist alles. Es reicht aber irgendwie auch. Weiterlesen

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„Den Menschen aber möchte ich nicht in die Hände fallen“

Und gleich noch mal das Thema Barmherzigkeit: Es ist halt das Thema des Heiligen Jahres. Und die Debatten hier auf dem Blog haben gezeigt, dass das ganz und gar kein harmloses Thema ist.

Im Oktober werden sicherlich zu den Herbstferien noch einmal viele Pilger nach Rom kommen, unter anderem ganze Bistumsfahrten, etwa aus den Bistümern Köln und Essen. Und sich die Frage stellen, was es denn in ihrem Leben mit der Barmherzigkeit so auf sich hat.

Im Sommer habe ich einfach mal herum gelesen, Autoren, Theologen, und natürlich in der Bibel. Bei einer Stelle musste ich laut auflachen, sie ist mir fast zufällig in die Hände gerutscht, als ich das Wort „Barmherzigkeit“ nachgeschlagen habe.

Albrecht Dürer: König David tut Buße

Albrecht Dürer: König David tut Buße

David hat mal wieder gesündigt, ein nicht wirklich seltene Situation. Statt auf Gott zu setzen hat er das Volk zählen lassen, er hat kalkuliert statt zu vertrauen. Volkszählungen sind – das wissen wir nicht erst seit Big Data – Machtfragen, und hier hat er dann doch lieber auf seine eigene als auf die Gottes vertraut, berichtet die Bibel.

Nun bekommt er es mit dem Propheten Gad zu tun (2 Samuel 24:11-14): „Als David am Morgen aufstand, war bereits folgendes Wort des Herrn an den Propheten Gad, den Seher Davids, ergangen: Geh und sag zu David: So spricht der Herr: Dreierlei lege ich dir vor. Wähl dir eines davon! Das werde ich dir antun. Gad kam zu David, teilte ihm das Wort mit und sagte: Was soll über dich kommen? Sieben Jahre Hungersnot in deinem Land? Oder drei Monate, in denen dich deine Feinde verfolgen und du vor ihnen fliehen musst? Oder soll drei Tage lang die Pest in deinem Land wüten? Überleg dir sehr genau, was ich dem, der mich gesandt hat, als Antwort überbringen soll. Da sagte David zu Gad: Ich habe große Angst. Wir wollen lieber dem Herrn in die Hände fallen, denn seine Barmherzigkeit ist groß; den Menschen aber möchte ich nicht in die Hände fallen.” Also entscheidet er sich für die Pest.

 

Lieber die Pest als der Mensch

 

Eine krasse Stelle. Aber die Sinnspitze ist eindeutig – und auch ein wenig ironisch. Lieber auf Gott setzen, denn auf die Barmherzigkeit der Menschen. Denn auf die kann man nicht bauen, meint David. Wenn die Feinde einen erst einmal verfolgen und dazu drei Monate Zeit von Gott bekommen, dann ist es abschließend mit der Barmherzigkeit nicht weit her.

Barmherzigkeit ist ein „Name Gottes“, wir vermuten beim Nächsten eher weniger davon. Einsicht in das menschlich-allzu-Menschliche? Lebensweisheit? Oder wie bei David Angst? Immerhin geht es ja auch bei Gott um Strafe, oder um eine Konsequenz aus dem eigenen Fehlverhalten, die David sich „auswählen“ muss.

Vielleicht liegt hier die eigentliche Ironie der Geschichte. Er, der auf sich selbst – also einen Menschen und menschliche Fähigkeiten und Macht – gebaut hatte, will was die Konsequenzen seines Tuns angeht dasselbe lieber nicht haben. Bloß nicht! möchte man mit ihm ausrufen. Als er sich stark fühlt, streckt er die Brust raus und lässt die Macht spielen. Als das schief geht, geht es kleinlaut Heim zu Gott.

Der Welt ginge es besser, wären wir barmherziger, so viel ist sicher. Bei Gott hingegen kann man auf diese Barmherzigkeit bauen, wie der Psalmist sagt: „Sei mir gnädig, Gott, nach deiner Gnade; tilge meine Vergehen nach der Größe deiner Barmherzigkeit!“ (Psalm 51,3)

 

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Gott im Menschen suchen und verehren

Heiligsprechung ist keine Beförderung. Diesen Satz habe ich 2011 das erste Mal benutzt, bei der Seligsprechung von Papst Johannes Paul II. Wir haben halt kaum noch Verständnis dafür, was das eigentlich ist, so eine Heiligsprechung, da muss man halt bunte Bilder malen.

Verehrung für eine große Heilige

Verehrung für eine große Heilige

Mit einer Heiligsprechung wird nicht alles gutgeheißen, was ein Mensch im Laufe seines Lebens alles getan und gesagt hat. Das gilt auch für Mutter Teresa von Kalkutta, die am 4. September heilig gesprochen wird. Es ist kein historisches Urteil. Eine Heiligsprechung sagt schlicht, dass die Kirche glaubt, in einer Person das Wirken Gottes in der Welt erkennen zu können und dieses Wirken verehrt. Wir beten keine Menschen an, wir schauen nicht über Schwächen und Sünden hinweg, wir blicken auf Gott, wenn wir Heilige verehren.

Dass wir alles Sünder sind, brauche ich nicht extra zu betonen. Dass das aber auch für die Heiligen gilt, vielleicht schon. Die sind nicht makellos, nur weil wir die Unsitte haben, sie auf Säulen zu stellen. Die sind gar nicht makellos rein. Unter den Heiligen und Seligen der Kirche gibt es sogar ausgemachte Schlitzohren und Menschen, die wir da gar nicht vermuten würden.

 

Gott entdecken, nicht um den Menchen kreisen

 

Aber zurück zu Mutter Teresa: Ihre Heiligsprechung sagt weniger über die Frau aus als über uns. Ihre Heiligkeit wird durch den kirchlichen Akt nicht verändert, das ist allein Gottes Sache.

Eine Heiligsprechung sagt etwas über uns, nicht über die Heilige aus. Das ist der Clou. Bei einer Heiligsprechung geht es um die Verehrung durch die Kirche, nicht um die Veränderung eines metaphysischen Status im Himmelreich. Dafür ist der Papst nun wirklich nicht zuständig.

Ein Heiliger oder eine Heilige ist nicht wichtiger oder wichtiger als jemand anders, es sind keine zu verleihenden himmlischen Dienstgrade, um die es hier geht. Es geht um die Kirche und ihre Verehrung.

So sieht das aus, wenn auf dem Petersplatz heilig gesprochen wird

So sieht das aus, wenn auf dem Petersplatz heilig gesprochen wird

Die Kirche schaut genau hin, ob es bei dieser Verehrung mit rechten Dingen zu geht. Ob die Menschen jemandem aufsitzen oder ob es genuin ist. Deswegen gibt es die Heiligsprechungsverfahren. An deren Ende verkündet dann der Papst im Namen der gesamten Kirche, jawoll, hier erkennt die ganze Kirche das Wirken Gottes in der Welt.

Mutter Teresa war nicht nur eine großartige Helferin, sie war auch ein schwacher Mensch. Wer die unglaublichen Aufzeichnungen aus ihren letzten Lebensjahren zu ihrer empfundenen Gottesferne gelesen hat, ist erschüttert, ich war es jedenfalls. Da ist mehr zu entdecken als die resolute Ordensgründerin und Menschenfreundin. Wie gesagt, mit der Heiligsprechung befördern wir Mutter Teresa nicht im Himmel, aber sie lädt ein, doch einmal mehr hinzuschauen, wo genau da überall Gott zu entdecken ist.

 

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Papstvideo: Der Ball liegt in unserem Feld

Barmherzigkeit hat eine innere Dynamik: Sie beginnt bei der Erinnerung an die selbst empfangene Barmherzigkeit, und dann geht es vom Herzen in die Hände, zu selbst konkret gelebter Barmherzigkeit. Auf dem Weg dahin gibt es einige Hindernisse, zum Beispiel die Unfähigkeit, sich an die empfangene Barmherzigkeit zu erinnern. Dann beginnt man zu urteilen, man spaltet und trennt, und das ist das genaue Gegenteil der Barmherzigkeit.

Aufzeichnung einer Videobotschaft

Aufzeichnung einer Videobotschaft

Es ist eine sehr zugespitzte Zusammenfassung der Botschaft, die der Papst an diesem Samstag in einem langen Video nach Lateinamerika schickte. Ein ausführlicher Text, der im Wesentlichen eine Auslegung einer Textstelle aus dem ersten Timotheus-Brief ist. Ein Text auch, der wunderbar das Denken des Papstes zu diesem Thema zusammen fasst. Von dem Text gibt es keine deutsche Übersetzung, also habe ich mich an eine Arbeitsübersetzung gemacht, eben weil ich es für eine sehr gute Darlegung der Papstgedanken halte.

Das hier ist nun eine leicht gekürzte Version, gekürzt lediglich um die ausschließlich lateinamerikanischen Teile, etwa den Verweis auf die Bischofsversammlung von Aparecida etc.

Der Papst – soviel Amerika muss sein – beginnt mit der Tatsache, dass zu dem Event beide Amerikas versammelt sind, der Norden wie der Süden.

 

Der Text der Videobotschaft (übers. aus dem Spanischen Original)

Ich begrüße die Initiative von CELAM [Vereinigung der Bischofskonferenzen Lateinamerikas] und des CAL [Päpstlicher Lateinamerikarat], gemeinsam mit den Bischöfen der USA und Kanadas – was mich an die Synode für Amerika denken lässt – diese kontinentweite Möglichkeit zu schaffen, das Jahr der Barmherzigkeit zu feiern. Mich freut es, dass alle Länder Amerikas teilnehmen können, wenn man auf die vielen Versuche der Fragmentierung, der Trennung und der Gegeneinansersetzung unserer Völker sieht, dann helfen solche Ereignisse, unseren Horizont zu weiten uns weiter die Hände zu reichen, es ist ein Zeichen, das uns in Hoffnung ermutigt.

 

Den Horizont weiten

 

Ich möchte beginnen mit den Worten des Apostels Paulus zu seinem geliebten Jünger [Timotheus]:

„Ich danke dem, der mir Kraft gegeben hat: Christus Jesus, unserem Herrn. Er hat mich für treu gehalten und in seinen Dienst genommen, obwohl ich ihn früher lästerte, verfolgte und verhöhnte. Aber ich habe Erbarmen gefunden, denn ich wusste in meinem Unglauben nicht, was ich tat. So übergroß war die Gnade unseres Herrn, die mir in Christus Jesus den Glauben und die Liebe schenkte. Das Wort ist glaubwürdig und wert, dass man es beherzigt: Christus Jesus ist in die Welt gekommen, um die Sünder zu retten. Von ihnen bin ich der Erste. Aber ich habe Erbarmen gefunden, damit Christus Jesus an mir als Erstem seine ganze Langmut beweisen konnte, zum Vorbild für alle, die in Zukunft an ihn glauben, um das ewige Leben zu erlangen“. (1 Tim 1:12-16)

Indem Paulus zu Timotheus spricht, spricht er auch zu jedem von uns. Seine Worte sind eine Einladung, ich würde sogar sagen, sie sind eine Provokation. Es sind Worte, die Timotheus und alle, die sie durch die Geschichte hören würden, motivieren sollten. Es sind Worte, die uns nicht gleichgültig lassen können; im Gegenteil, sie bringen uns innerlich in Bewegung.

Paulus nimmt kein Blatt vor den Mund: Jesus Christus kam in die Welt, um die Sünder zu retten, zu denen sich Paulus selbst als den Schlimmsten zählt. Deutlich sieht er ein, wer er ist, er verbirgt seine Vergangenheit nicht, auch nicht die Gegenwart. Aber er beschreibt sich selbst auf diese Weise nicht um sich zu entschuldigen oder zu rechtfertigen, und schon gar nicht um anzugeben.

Wir sind ganz am Beginn des Briefes, und Paulus hat Timotheus bereits jetzt [in den Versen davor] vor den „Fabeleien und endlosen Geschlechterreihen“ und vor „leerem Geschwätz“ gewarnt. Er warnte ihn davor, dass das alles „nur Streitfragen“ mit sich bringt, Streit. Zunächst könnten wir meinen, dass es vor allem um seine eigene Sündigkeit geht, aber er sagt das, damit Timotheus und damit jeder und jede von uns sich mit ihm identifizieren kann.

 

Paulus spielt uns den Ball zu

 

Um in der Sprache des Fußballs zu sprechen könnten wir sagen: Er spielt den Ball in die Mitte, so dass jemand anders ihn annehmen kann. Er spielt uns den Ball zu um uns zu ermöglichen, an seiner Erfahrung teilzuhaben: trotz meiner vielen Sünden „habe ich Erbarmen gefunden“.

Wir können hier versammelt sein, weil wir mit Paulus sagen können „wir haben Erbarmen gefunden“. Wegen all unserer Sünden, unserer Begrenzungen, unserer Fehler, für all die vielen Male in denen wir gefallen sind, hat Jesus uns angesehen und uns zu ihm gezogen. Er hat uns die Hand gereicht und Barmherzigkeit erwiesen. Wem? Mir, dir, jedem.

Wir können alle zurückdenken und uns an die vielen Male erinnern, in denen der Herr uns angeschaut hat, nahe war und uns Barmherzigkeit erwiesen hat. All die vielen Male, in denen der Herr uns immer vertraut hat, weiter auf uns gesetzt hat. Ich denke da an das sechszente Kapitel des Buchs Hesekiel und daran, dass der Herr immer auf jeden von uns setzt. Das ist es, was Paulus „gesunde Lehre” nennt – interessant, nicht wahr – „gesunde Lehre“ ist dies: dass uns Barmherzigkeit erwiesen wurde. Das ist das Herz des Briefs Paulus an Timotheus.

Während des Heiligen Jahres tut es uns gut, diese Wahrheit zu reflektieren und nachzudenken, wie der Herr durch unser ganzes Leben hindurch uns immer nahe gewesen ist und Barmherzigkeit erwiesen hat; uns nicht auf unsere Verdienste, sondern auf unsere Sünden zu konzentrieren, demütig zu werden und in einem schuld-freien Bewusstsein all der Zeiten zu wachsen, in denen wir uns von Gott abgewandt haben – wir, nicht jemand anderes, nicht der Menschen neben uns, schon gar nicht ‚die Leute’ – und dadurch immer mehr vor Gottes Barmherzigkeit zu staunen. Das ist eine gute Botschaft, das ist gesunde Lehre, und niemals leeres Geschwätz.

 

Das ist die gesunde Lehre

 

Im Brief des Paulus gibt es eine besondere Sache, die ich mit euch teilen möchte. Paulus sagt nicht „der Herr hat zu mir gesprochen und gesagt“, oder „der Herr hat mir gezeigt oder mich gelehrt“. Er sagt „er hat mir Barmherzigkeit erwiesen“ [spanische Bibelübersetzung der Stelle: „Dios tuvo misericordia de mí“, „Dios fue misericordioso conmigo“].

Für Paulus wurde seine Beziehung mit Jesus durch die Art und Weise besiegelt, wie dieser mit ihm umgegangen ist. Es ist keine Idee, kein Wunsch, keine Theorie, schon gar keine Ideologie, sondern Barmherzigkeit ist eine konkrete Art und Weise, Schwäche zu „berühren“, sich mit anderen zu verbinden, einander näher zu kommen. Sie ist eine konkrete Art und Weise, Menschen zu begegnen, wenn es ihnen schlecht geht. Sie ist eine Art und Weise des Handelns, das uns unser Bestes an andere verschenken lässt, so dass sie durch diesen „Umgang“ spüren, dass in ihrem Leben das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. Dadurch fühlen Menschen, die sich von der Last ihrer Sünden niedergedrückt wissen, die Erleichterung durch eine neue Chance. Weiterlesen

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Monsignore Pope bittet zum Krieg

Es sind Blockhaus-Christen. Eine nicht sehr große aber sehr laute Gruppe von Katholiken – es gibt sie auch in anderen Konfessionen – zieht sich aus dem Dialog zurück, aus der Kultur zurück, um in einer Art geistigem Blockhaus zu leben.

Zitieren wir ein sehr deutliches Beispiel, nicht weil ich es für den Durchschnitt halte, sondern weil daran viel deutlich wird. „We are at war for our own souls and the souls of people we love. We are at war for the soul of this culture and nation. And like any soldier, we must train to fight well.” (Ich lasse das unübersetzt, das muss man einfach im Original genießen) Monsignore Charles Pope – der Autor dieser Zeilen – ist nicht irgendwer, ein prominenter Blogger auf einer katholischen Webseite, ehemaliges Mitglied des Priesterrates des Erzbistums Washington D.C., Pfarrer dort und Dekan und so weiter. „Preparing people for war — a moral and spiritual war, not a shooting war — should include a clear setting forth of the errors of our time, and a clear and loving application of the truth to error and light to darkness.” Und so weiter, und so weiter. Immerhin spricht er nicht von echtem Krieg, immerhin etwas.

Lackmustest Barmherzigkeit: Der Papst öfftet die heilige Pforte in Bangui

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Pope meint damit nicht etwa, dass die Kultur, die er beklagt, Krieg in die ganze Welt getragen hat, dass Länder ausgebeutet werden und so weiter. Er meint damit auch nicht die Lügen der Politik oder die Scheinheiligkeit von Rechtssprechung, welche die Abtreibung verbieten aber Todesstrafe behalten will. Nein, ihm geht es um „Wahrheit“. Da wird es immer gefährlich.

Kritik ist ja immer gut, aus dem Glauben heraus soll man die Kultur um uns herum immer auch kritisch sehen, das ist unbestritten. Darum geht es hier aber nicht. Sondern um die reine Wahrheit. Wie gesagt, da wird es immer gefährlich.

 

Spirituelle Militäreinsätze

 

Der Aufruf, sich nicht in die Komfortzonen des Glaubens zurück zu ziehen und irgendwie die Gemeinschaft toll und sich in ihr wohl zu fühlen ist ja ganz schön, das trifft sich Pope mit dem Papst (eine kleiner Wortwitz sei mir erlaubt). Aber die Kriegsmethaphorik ist schon übel.

Man könnte das über den Atlantik abschieben und einer Gesellschaft zuordnen, die mit Militäreinsätzen weniger Probleme hat und in der überhaupt Gewalt eher zum Alltag gehört als bei uns – die Attentate auf Schulen und die vielen Toten durch Schusswaffen erzählen eine traurige Geschichte. Aber das greift zu kurz.

Die Worte von Pope mögen extrem sein, drücken aber eine Einstellung aus, die sich in schwächerer Form häufiger findet, auch hier. Es ist der Traum der Aufrechten, die sich um die Fahne ihrer Identität sammeln und die geschwellte Brust des Recht-Habens vorstrecken. Weiterlesen

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