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Wie kriege ich Gott ins Netz?

Die bunte, schöne Welt des Digitalen und die Medien: Katholische Kirche ist da nicht unbedingt vorne mit dabei, damit das aber in den Blick kommt und wie wir das vielleicht ändern können, dazu haben zwei Tage lang katholische Medienschaffende gesprochen. Beim zweiten Katholischen Medienkongress, in Bonn.

Man kann sowas natürlich nicht in wenigen Sätzen zusammen fassen, aber einige Beobachtungen auch für die nicht-teilnehmende Welt kann man schon teilen. Das will ich hier mal tun.

Eröffnung des Kongresses, es spricht BILD-Chefredakteurin Koch

Eröffnung des Kongresses, es spricht BILD-Chefredakteurin Koch

Auffällig war, wie wenig Priester dabei waren. Das ist bei katholischen Veranstaltungen gerne mal anders. Wo waren die Priester? Das ist deswegen schade, weil Medien etwas sind, was man nicht auf Stabsstellen in Ordinariaten oder auf Journalisten abwälzen darf. Wir alle sind Medien, in unser digitalen Welt. Die neuesten Entwicklungen zu besprechen sollte Anliegen aller in der Kirche sein, da fällt die Unterrepräsentanz der Priester besonders schmerzlich auf.

Dann fiel mir auf, wie sehr die Freiheitsdebatte im Vordergrund stand. Paul Kirchhof sprach über „formatierte Freiheit“, das war von der Person geprägt juristisch gedacht und nicht uninteressant. Aber immer dann, wenn nicht die Ruheständler sprachen, sondern die Aktiven und damit die sehr viel Jüngeren, dann wurde es spannend. Da ging es dann nicht um die abstrakte Freiheit, sondern um die Frage nach Social Bots und darum, ob die überhaupt regulierbar sind. Alle Fragen offen, auch nachher noch, aber eine gute Debatte.

 

BILD und „formatierte Freiheit“

 

Schnell untergegangen ist die Frage nach der Teilhabegerechtigkeit. Wessen Internet ist es eigentlich? Zuerst hieß es kritisch, dass die Gewinner der Digitalisierung sich wenig für die Verlierer interessieren, zu wenig. Um dann über die Gewinner und mit den Gewinnern zu sprechen. Da müssen wir nachjustieren.

Meine persönliche Suchfrage bei allen Panels und Debatten war immer auch, wie wir eigentlich „Gott ins Netz“ bekommen. Wie kann katholische Kirche die Digitalisierung nutzen um zu verkünden und Dialoge führen und sich engagieren? Wie von einer christlichen Perspektive her kritisch begleiten? Zu letzterem gab es einiges und wichtiges und gutes zu hören. Zu ersterem noch wenig. Das muss sich ändern.

Ich bin immer noch überzeugt davon, dass man journalistisch über Religion als Religion sprechen kann, das kam noch zu wenig vor. Digitalisierung kennt Religion nicht so, wie wir sie verstehen und leben, das muss Debatte werden. Wo ist Glaube digital, wo ist die theologische Reflexion von Digitalisierung? Bisher nur in kleinen Kreisen, das muss in die Öffentlichkeit.

Einen sehr spannenden Beitrag gab es auch von der Chefredakteurin der BILD-Zeitung. Tanita Koch warb für den Boulevard, weil der die Themen aufgreifen, die den Leuten am Herzen liegen. Aus der BILD von heute Morgen: der Chef von Air Berlin bekommt alles, die Angestellten nichts, das greift fundamentales Gerechtigkeitsempfinden auf. Und Kirche muss das auch können, sie muss lokal sein und relevant. „Nähe“ ist auch digital das Stichwort. Gefährlich ist dabei die Einstellung, ja von vornherein auf der Seite der Richtigen zu stehen. Das blendet zu viel aus.

 

Erst der Anfang

 

Das sind natürlich nur kurze Schlaglichter, einiges davon will ich hier gerne auch noch mal ausführlicher aufgreifen, aber das lohnt sich. Denn das Thema des Kongresses wird bleiben: „Es ist erst der Anfang … Gesellschaftliche Herausforderungen in der digitalen Welt“.

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Schon wieder „nie wieder“

Wir haben es nach der Gewalt in Ruanda gehört: „nie wieder“ wollte die Weltgemeinschaft zusehen, wie Menschen sich gegenseitig in solcher Menge und Grausamkeit umbringen. Und dann hieß es etwas später wieder „nie wieder“, als die Grausamkeit im Sudan und dann in Syrien bekannt wurde. Die Weltgemeinschaft schafft es aber nicht, diesem „nie wieder“ auch Taten folgen zu lassen.

Denn was jetzt in Myanmar passiert, die Verfolgung der Rohingya, das ruft auch nach einem „nie wieder“.

Die internationalen Organisationen rufen seit Monaten um Hilfe, bis hin zur UN. Aber die Rohingya werden weiter verfolgt, vertrieben, und wenn man den Berichten aus dem unzugänglichen Land glaubt vergewaltigt, umgebracht, isoliert und nicht mit Lebensmitteln versorgt.

 

Wie soll man das berichten?

 

Wie soll man über so etwas schreiben? Wie das berichten? Ende November wird der Papst in dieses Land fahren, danach in das Land, in das viele der Rohingya fliehen, nach Bangladesh. Ganz bewusst hat dieser Blogeintrag kein Bild, irgendwie gaukeln uns Bilder vor, dass wir etwas wüssten und sehen könnten, was sich uns aber entzieht.

Zum einen warnt die Kirche in Myanmar davor, sich zu sehr auf die Rohingya zu konzentrieren. Es gebe sehr viele Minderheiten im Land (über einhundert), die ebenso von national-buddhistischen Bewegungen und vom Militär verfolgt würden. Diese bekämen aber nicht die mediale Aufmerksamkeit.

Außerdem helfe die vom Militär verursachte Krise dem Militär, das dürfe sich dann die Macht im Land wieder nehmen, das hatten sich die Generäle in die Verfassung geschrieben, als das Land langsam zur Demokratie überging. Weiterlesen

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Die alte Wolldecke des Glaubens

„Man kann die Lehre nicht bewahren ohne ihre Entwicklung zuzulassen. Man kann sie auch nicht an eine enge und unveränderbare Auslegung binden, ohne den Heiligen Geist und sein Handeln zu demütigen.“ Etwas unerwartet hat Papst Franziskus am 11. Oktober grundsätzlich zu Glaube und Lehre und vor allem zur Entwicklung von Glaube und Lehre Stellung bezogen, Anlass war der 25. Geburtstag des Katechismus der Katholischen Kirche. Und der hier zitierte Satz vom Ende der Ansprache gibt eigentlich die Idee schon gut wieder.

Papst Franziskus bei der Ansprache, gehalten in der Synodenaula

Papst Franziskus bei der Ansprache, gehalten in der Synodenaula

Italienische Medien – und nicht nur die – hatten im Vorfeld der Ansprache gemunkelt, dass es um die Dubia und die 62 Theologen ging, die dem Papst Häresie vorwarfen. Aber nichts davon. Die Ansprache war grundsätzlich, aber auch konkret, ohne auf Kontroversen direkt einzugehen, die im Augenblick gerne in Blogs verhandelt werden, bis hierher, in diesen Blog, wo man offiziellen Papstschreiben die Lehramtlichkeit abspricht.

Papst Franziskus spricht mit den Worten von Johannes XXIII. aus der Eröffnungsansprache beim Konzil: „Unsere Aufgabe ist es nicht nur, diesen kostbaren Schatz zu bewahren, als ob wir uns nur um Altertümer kümmern würden. Sondern wir wollen uns mit Eifer und ohne Furcht der Aufgabe widmen, die unsere Zeit fordert.“ Und später in der Rede: „Die Tradition ist eine lebendige Realität und nur eine begrenzte Sicht kann sich das „depositum fidei“, das Glaubensgut, als etwas statisches, unbewegliches vorstellen. Man kann das Wort Gottes nicht einmotten als wäre es eine alte Wolldecke, die man vor Schädlingen bewahren müsste. Nein! Das Wort Gottes ist eine dynamische Wirklichkeit, stets lebendig, und es entwickelt sich und wächst, denn es ist auf eine Erfüllung hin angelegt, die die Menschen nicht stoppen können.“

 

Ein neues Verständnis des Glaubens

 

Das sich-heraus-Stellen des Glaubens versteht der Papst dabei als auf der einen Seite Verkündigung, auf der anderen Seite als Verlangen nach der Nähe und Liebe Christi. „Wer liebt, will die geliebte Person immer besser kennenlernen, um den in ihr verborgenen Reichtum zu entdecken, der täglich neu in Erscheinung tritt,“ sagt der Papst.

„Darum genügt es nicht, eine neue Sprache zu finden, um den ewig gültigen Glauben zu formulieren. Es ist vielmehr dringend notwendig, angesichts der neuen Herausforderungen und Aussichten, vor denen die Menschheit steht, dass die Kirche die noch neu zu entdeckenden Wahrheiten des Evangeliums erschließt, die zwar im Wort Gottes enthalten sind, die aber noch nicht ans Licht gekommen sind.“ Johannes Paul II. hatte das als „Entfaltung der Lehre“ bezeichnet, es sind nicht nur neue Worte für alte Einsichten, sozusagen, sondern um das Erschließen „neu zu entdeckenden Wahrheiten des Evangeliums“. Der Papst sagt das nicht, aber das geht natürlich nur, wenn ich den Glauben und den Glaubensinhalt nicht an einzelne Definitionen festbinde, sondern Raum lasse, um dieses Erschließen möglich zu machen.

 

Keinerlei Widerspruch

 

Aufmerksamkeit erregt hat medial vor allem das Beispiel, das der Papst wählt, um das deutlich zu machen, nämlich die Todesstrafe. Diese widerspreche in ihrem Wesen dem Evangelium (erstens), leider wurde aber auch im Kirchenstaat auf diese Maßnahme zurückgegriffen und damit hat man den „Primat der Barmherzigkeit über die Gerechtigkeit vernachlässigt“ (zweitens), „wir übernehmen die Verantwortung für die Vergangenheit“ (drittens), das bedeute aber „keinerlei Widerspruch zu früheren Lehraussagen“ (viertens). Die Anwendung der Todesstrafe etwa im Kirchenstaat war eben eine Verfehlung der Lehre Jesu. Und dann der Satz, der das systematisiert: „Die harmonische Entwicklung der kirchlichen Lehre gebietet es, Positionen zu vermeiden, die an Argumenten festhalten, die längst eindeutig einem neuen Verständnis der christlichen Wahrheit widersprechen.“

Da steckt viel drin, was wir in den nächsten Jahren werden besprechen müssen. Der Name Amoris Laetitia fällt nicht einmal und ich glaube auch nicht, dass die Ansprache ein versteckter Kommentar zur Debatte war. Aber natürlich geht es auch darum, immerhin ist das Teil des Lehramtes des Papstes. Die Ansprache des Papstes will helfen, den Umgang mit der Lehre verstehbar zu machen.

 

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„Nur“ pastoral? Der Papst und sein Lehramt

Papst Franziskus spricht. Er spricht frei und liest ab, er twittert und predigt, er schreibt Enzykliken und gibt Interviews, ganz beliebt sind seine Videobotschaften. Aber was von all dem ist eigentlich Lehramt?

So sieht der Papst die Welt. Zumindest einen Teil ...

So sieht der Papst die Welt. Zumindest einen Teil …

Die Frage kam neulich bei uns in der Redaktion auf, als wir über die sich ändernde Rolle der Vatikanmedien gesprochen haben. Was ist Lehramt, was ist verbindlich, was ist dagegen persönlich oder pastoral oder eben nicht lehramtlich?

Die Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten, beginnen wir deswegen an den Rändern. Es gibt ganz klar lehramtliche Aussagen. Die beiden Enzykliken zum Beispiel oder die postsynodalen Schreiben Amoris Laetitia und Evangelii Gaudium. Auf der anderen Seite sind da Interviews mit Zeitungen oder Gespräche im Flugzeug, die genau das sind: Medienereignisse. Denen wird niemand Lehramtlichzeit zuschreiben wollen.

Obwohl das so klar scheint, muss selbst das noch mal gesagt werden, weil es ja auch Leute gibt, die etwa Amoris Laetitia die Lehramtlichkeit absprechen wollen. Das sei „nur“ pastoral.

 

Kanon lehramtlicher Aussagen

 

Aber was ist dazwischen? Welche Äußerung geht in den Kanon der lehramtlichen Aussagen ein und welche nicht?

Zunächst glaube ich müssen wir etwas die Luft heraus lassen aus der Frage. Die Frage nach der Lehramtlichkeit ist nicht die wichtigste Frage, wenn es darum geht, dem Papst zuzuhören. Der Papst ist kein idealisierter Monarch, dessen sämtliche Äußerungen Gesetz und Regel sind. Der Papst ist in seinem Selbstverständnis zunächst ein Hirte, ein Seelsorger, ein Prediger, und so weiter.

Natürlich ist er auch für das Lehramt zuständig, er spielt diese Dimension seines Amtes auch nicht herunter, im Gegenteil, er hat sie mehrfach ausdrücklich betont, etwa am Ende der ersten Versammlung der Bischofssynode, wo er die Kanones des Kirchenrechts dazu aufgezählt hat. Das richtet sich aber auch gegen all diejenigen, welche die eigenen Äußerungen für Lehramt halten.

 

Kirchenrecht und Interview

 

Es bleibt trotzdem die Frage, das vor allem bei dem freien Sprechen des Papstes lehramtlich sein soll und was nicht. Weiterlesen

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Lieber Kathechismus …

Herzlichen Glückwunsch, Katechismus! Du wirst heute fünfundzwanzig Jahre alt! Ich kann mich noch gut an die Kontroverse um deine Geburt erinnern, an das eine oder andere Gefecht, um das es mittlerweile auch still geworden bist. Mittlerweile bist du wie wir alle in die Jahre gekommen, ein wenig alt, ein wenig immer noch frisch, wie das halt so ist.

Neulich bin ich gefragt worden, ob nicht jede Manifestation von Glauben – und das bist du sicherlich – nicht gleichzeitig auch der Tod dieses Glaubens ist. Wenn du die Kommentare hier im Blog verfolgt haben solltest, weißt du, was ich meine. Aufschreiben und damit Festlegen verfehle den Glauben und damit den Geist Gottes, so heißt es in einem Kommentar.

Über den Glauben kann man schreiben, gehen muss ihn aber jeder selber: Kreuzgang in Steingaden

Über den Glauben kann man schreiben, gehen muss ihn aber jeder selber: Kreuzgang in Steingaden

Ich höre dich schon zitieren: „Zwischen Schöpfer und Geschöpf gibt es keine so große Ähnlichkeit, dass nicht noch eine größere Unähnlichkeit feststellbar wäre.“ Das vierte Laterankonzil hat uns einen wunderbaren Schlüssel für dein Verständnis geliefert, und das ist noch viel älter als du, einige hundert Jahre sogar.

Was uns – und da gebe ich dir recht – nicht von der Verantwortung enthebt, Rechenschaft abzulegen über den Grund der Hoffnung, die uns trägt. Dein Vorgänger haben das ja schon lange getan, nach der Reformation zunächst die lutherischen Theologen und dann mit Petrus Canisius und anderen auch katholische. Frage und Antwort war das, was darauf hindeutete, dass wir damals nicht mehr genau wussten, was das ist, Glauben, und was der Inhalt des Glaubens eigentlich ist. Du erinnerst dich aus dem Schulunterricht an die vielen Formen des Aberglaubens und Vermischungen, die immer und immer wieder beklagt wurden und dann irgendwann zum Aufschreiben geführt haben. In Frage-und-Antwort-Form, zum besseren Verständnis. Leider auch zum Aufsagen, was deine Vorgänger nicht wirklich beliebt gemacht hat.

 

Nicht mehr Frage und Antwort

 

Du gibst mir nun keine Antworten mehr auf meine Fragen. Zugegeben, das ist eine Erleichterung, denn beim Lesen deiner Vorfahren hatte ich immer ein wenig den Eindruck, dass die Antworten auf Fragen haben, die keiner stellt. Oder so stellt. Oder nicht mehr stellt. Weiterlesen

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Jugend forscht und Synode tagt

Gute Nachrichten von der Jugend-Synode der Bischöfe im kommenden Jahr: Es wird eine Vor-Synode geben, und zwar unter Teilnahme der jungen Menschen, um die es ja im Herbst gehen soll. Bereits beim Vorbereitungsseminar vor einigen Wochen hatte sich ja herausgestellt, dass die Einladung von jungen Menschen (‚Jugend‘, wie man international sonst sagt, trifft es in der dt. Sprache nicht wirklich) Folgen hat. Da musste zur Mitte der Woche das Programm umgestellt werden, um auf die Wünsche angemessen reagieren zu können, die waren halt nicht nach Rom gekommen, um fünf Tage lang Ansprachen von Fachmenschen zu hören.

Das kann dann im März kommenden Jahres nur noch besser werden. Wenn die Ausrichter – wonach es aussieht – gelernt haben, dass man die Jugend einbeziehen muss und dass das nicht gefährlich oder giftig wird, sondern im Gegenteil produktiv und hilfreich, dann ist das ein wichtiger Schritt in Richtung echte Synodalität, und zwar nicht nur unter Bischöfen.

Übrigens: Von denen, die nach Ausfüllen des Fragebogens angeben, in Kontakt bleiben zu wollen, gibt es fast genau so viele deutschsprachige wie englischsprachige. Spanisch und Italienisch liegen weit dahinter. Das ist statistisch noch nicht belastbar, man ist mit dem Zählen noch nicht durch, aber es ist immerhin ein Signal, dass sich die sonst so gerne international geschmähten Katholiken deutscher Sprache zumindest hier nicht zu verstecken brauchen.

Alles gute Zeichen.

 

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Der Papst und seine Jesuiten

Es ist mittlerweile Teil der Reisetätigkeit: Papst Franziskus trifft auf allen Auslandsreisen (fast) immer seine Mitbrüder aus dem Jesuitenorden. Mal ist es eine kleine Kommunität wie in Havanna auf Kuba, mal ist es wie zuletzt in Kolumbien die ganze Ordensprovinz. Immer ist es ganz vertraulich, selbst für die teilnehmenden Jesuiten, erst im Abstand von einigen Wochen gibt es dann einen Bericht. Und zwar ebenfalls von einem Jesuiten, vom Italiener Antonio Spadaro, der immer dabei ist und für den Papst diese Treffen organisiert.

Im Allgemeinen betont der Papst seine Zugehörigkeit zum Orden nicht zu stark. Die Ernennungen von Jesuiten zu Bischöfen etwa ist eher noch zurück gegangen, auch gibt es derzeit keinen einzigen wahlberechtigten Jesuitenkardinal (obwohl sich das wohl mit Luis Ladaria SJ ändern wird, der seit kurzem die Glaubenskongregation leitet). Das finde ich gut, als Papst einen Orden und sei es den eigenen zu bevorzugen darf auch nicht sein.

Papst Franziskus, umgeben von den Jesuiten Kolumbiens

Papst Franziskus, umgeben von den Jesuiten Kolumbiens

Und doch haben diese Treffen etwas Familiäres. Zu Beginn, 2013 und 2014 hatte Papst Franziskus mit uns römischen Jesuiten einige Male die Messe gefeiert, ab und zu schaut er auch auf ein Mittagessen in der Generalskurie vorbei (aber nicht in den anderen Häusern des Ordens). Ständiger Fixpunkt der Orden-Papst-Treffen sind aber die Begegnungen bei den Reisen.

In Polen zum Beispiel hatte er uns auf den Weg mitgegeben, sich um „Unterscheidung“ zu kümmern. Beim Papst ist dieses Wort ganz neu in den Vordergrund getreten, auch weil es in der Spiritualität der Jesuiten eine große Rolle spielt. Es sei nun an den Jesuiten, das zu verbreiten und zugänglich zu machen.

In Kolumbien hat er auf eine Frage zur Theologie sein Mantra wiederholt, Theologie dürfe man nicht im Labor betreiben, sie müsse im Dialog und im konkreten Leben geschehen. Theologie sei ein Weg, kein festes System.

 

Was er uns auf den Weg gibt

 

Solche Sachen sind zwar für alle Christinnen und Christen richtig und wichtig, dass er es aber uns sagt bedeutet uns viel. Damit gibt er uns keine Richtung vor. Er greift nicht ein in den Orden und regiert ihn sozusagen irgendwie mit. Vor einem Jahr etwa tagte in Rom die Generalkongregation des Ordens, die oberste Versammlung, und da erwartete man vom Papst so etwas wie eine Richtung für die Beratungen, wie sie Papst Paul VI. dem Orden gegeben hatte durch den Auftrag, sich vor allem im Dialog mit dem Atheismus einzusetzen. Das geschah aber nicht. Papst Franziskus greift nicht ein, gibt uns nicht vor.

Das ist gut, weil wir dadurch diesem Papst nicht näher stehen als vorher Benedikt oder nachher seinem Nachfolger. Wir sind ein besonders dem Papstamt verbundener Orden, immer schon gewesen, das darf aber nicht zu sehr an einer bestimmten Person oder einer anderen hängen.

Das hat aber auch den Nachteil, dass vor allem die deutschsprachigen Jesuiten in meinen Augen zu wenig tun, um diesen Papst und seine Spiritualität zu erklären. Da könnten wir einen großen Dienst leisten, aber der Wunsch, nicht zu sehr papistisch zu werden (oder zu wirken), wiegt schwer.

Der Papst ist Jesuit, trifft Jesuiten, bevorzugt Jesuiten aber nicht. So soll es sein. Aber am „Projekt Franziskus“, der Reform von Kirche und Glaubensleben, dürften wir uns durchaus noch etwas sichtbarer beteiligen. Meine jedenfalls ich persönlich.

 

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Vater der Lüge

Der Papst selber hat sich das Motto ausgesucht: „Die Wahrheit wird euch befreien“: Fake News und Journalismus für den Frieden. Die Kirche begeht einmal im Jahr den Tag der Medien, immer am Gedenktag des heiligen Franz von Sales (die deutsche Kirche weicht im Termin davon ab). Und dazu gibt es immer ein Motto.

Dass der Papst dieses Thema nun heute per Tweet verkündet hat, überrascht also nicht, auch nicht das Thema selber, es klingt uns ja seit Monaten in den Ohren.

Der Papst im Radio-Interview

Der Papst im Radio-Interview

Wobei er im Titel schon zwei Aussagen macht: Erstens gibt er dem – nicht überraschenderweise – eine geistliche Drehung. Er beginnt mit einem Jesuszitat und möchte also die Welt der Medien aus dem Blickwinkel der Schrift und des Glaubens betrachten.

Zweitens aber spricht er auch vom „Journalismus für den Frieden“. Das ist ein Bekenntnis. Von HaJo Friedrichs stammt das Motto, Journalisten dürften sich mit keiner Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten. Der Papst ist da offensichtlich anderer Meinung. Wie alle menschliche Aktivität soll auch Journalismus nützen. Dem Frieden, was Fake News offensichtlich nicht tun.

Spannender aber finde ich den ersten Dreh. Es geht um Freiheit. Im Johannesevangelium (8:31)  klingt das so: „Wenn ihr in meinem Wort bleibt, seid ihr wirklich meine Jünger. Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch befreien.“ Martin Luther übersetzt „frei machen“, was irgendwie noch aktiver klingt.

 

Freiheit

 

Der Satz fällt inmitten einer erhitzten Debatte Jesu mit „den Juden“, wie Johannes sagt, was bei ihm Code ist für die etablierten Religionsvertreter, welche die Wahrheit nicht kennen und nicht erkennen. Es ist der Höhepunkt des Streits, der sich über Kapitel angestaut hatte und der schließlich am Kreuz enden wird.

In diesem Streit fallen noch andere Sätze, welche das Motto für dieses Jahr so treffend machen. „Ihr habt den Teufel zum Vater und ihr wollt das tun, wonach es euren Vater verlangt. Er war ein Mörder von Anfang an. Und er steht nicht in der Wahrheit; denn es ist keine Wahrheit in ihm. Wenn er lügt, sagt er das, was aus ihm selbst kommt; denn er ist ein Lügner und ist der Vater der Lüge.“ Alles dreht sich in diesem Stück um Glauben, Wahrheit, Lüge. Und um Mord, das Thema „Journalismus für den Frieden“ findet sich also auch hier. Weiterlesen

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Die Mühen der Ebene

Die Sommerpause hatte mit einem Paukenschlag begonnen. Erst verließ Kardinal Pell auf eigenen Wunsch den Vatikan – vorübergehend – um sich einem Prozess in Australien zu stellen. Und kurz darauf entschied der Papst, Kardinal Gerhard Ludwig Müller keine zweite Amtszeit als Chef der Glaubenskongregation zu geben, sondern diese Erzbischof Luis Ladaria SJ anzuvertrauen.

Was ist da nicht alles zu geschrieben worden! In den deutschsprachigen Medien eher zurück haltend, wenn ich das mit dem großen Aufreger vergleiche, genau fünf Jahre zuvor, als Papst Benedikt XVI. Müller ernannt hatte. Das gab jede Menge Beschwerden zur Berichterstattung dieses Ereignisses, das ZDF kann da ein Lied von singen. Wie gesagt: aufmerksam, ausführlich, aber trotz allem eher zurück haltend.

In anderen Medien war das ganz anders. Da wurde das hochstilisiert zum Finalen Kampf derer, welche die eine Lehre hoch halten und verteidigen, gegen die Anpasser und Zeitgeist-Priester. Müller habe Jesus gegen den Papst verteidigt und so weiter.

Und die Üblichen melden sich auch wieder, der Häretiker Müller sei vom Häretiker Papst gefeuert worden, und so weiter, fast schon amüsant. Amüsant ist auch zu beobachten, dass ausgerechnet die, welche sich damals – vor fünf Jahren – über die Nähe von Kardinal Müller zur Befreiungstheologie beschwert haben, jetzt seinen Weggang beklagen. Wenn es halt in den Kram passt, wir Menschen vergessen sowas halt gerne … .

 

Autoritär?

 

Das sei ein autoritärer Akt gewesen, wird dem Papst vorgeworfen. Von Menschen, die selber ein sehr autoritätshöriges Verständnis von Glauben und Kirche fordern, aber halt nur, wenn es ihnen selbst passt.

Das liegt jetzt alles zurück. Die Glaubenskongregation arbeitet weiter, Erzbischof Luis Ladaria hat sein Amt angetreten, und die Erde dreht sich weiter. Wir sind in den Mühen der Ebene, wir hüpfen nicht von Einzelaufreger zu Einzelaufreger.

Es ist schwierig, die Arbeit und die Entscheidungen des Papstes zu verstehen, wenn man Einzelstücke hochspielt. Das sind komplexe Stücke, die sich aus vielen Einzelfaktoren zusammen setzen. Das in ein schon fix und fertiges Weltbild einzubauen, mag bequem sein, geht aber an der Wirklichkeit vorbei.

Und das ist mein größter Vorwurf an all diejenigen, die immer wieder eine Verschwörung wittern, wie auch an all die, die jetzt die große Befreiung sehen: Der Glaube spielt in der Wirklichkeit, Wahrheit ist Begegnung, die Wirklichkeit ist wichtiger als die Idee; ganz egal, wie man das formuliert, aber wer sich in einfache Erklärungen flüchtet, weil die die Welt so schön einfach machen und ich mich so schön aufregen kann, der verpasst die Wirklichkeit. Und schadet sich selber.

 

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Obdachlos am Petersplatz

Der Papst will die „Umkehr der Strukturen“: In Evangelii Gaudium haben wir das zum ersten Mal gehört, auch wenn es da leider als „Neuausrichtung“ übersetzt ist, geschrieben hat der Papst „Umkehr“. Oder gar „Bekehrung“, „conversión“.

Wie schwierig das sein kann, sehen wir hier gerade in Rom. Der Aufreger des Tages ist die Tatsache, dass die Vatikanpolizei gemeinsam mit anderen Autoritäten wie der etwa der Stadtverwaltung Roms veranlasst hat, dass die vielen Obdachlosen, die unter den Kolonnaden des Petersplatzes schlafen, diesen Ort morgens, und zwar sehr früh morgens verlassen müssen.

Rückblick: Papst Franziskus und vor allem auch sein für Almosen zuständiger Erzbischof Krajewski haben in den vergangenen Jahren Aktionen für Obdachlose in Rom gestartet. Weil es hier in der Stadt warm ist und viele Touristen kommen, gibt es davon sehr viele. Für sie gibt es einen Friseur und eine Duschmöglichkeit, dem Papst geht es nicht nur ums Überleben, sondern auch um die Würde der Männer und Frauen. Und mit einigen von ihnen gemeinsam hat der Papst deswegen auch die Sixtinische Kapelle besichtigt.

Direkt um die Ecke vom Petersplatz: Die Betten der Obdachlosen

Direkt um die Ecke vom Petersplatz: Die Betten der Obdachlosen

Das erhöht natürlich die Attraktivität des Vatikan für Menschen auf der Straße. Auch in den Nebenstraßen leben jetzt viele, jede Nische wird zum Schutz vor dem Wetter genutzt.

Man sieht: Je mehr der Vatikan hilft, desto schwieriger wird es aber auch, wie die Entscheidung in dieser Woche zeigt.

In dem Jesuiten-Haus, in dem ich wohne, sind unten im Erdgeschoss Schlafmöglichkeiten für Obdachlose geschaffen worden, gemeinsam mit dem Vatikan. Es gibt eine Gruppe von Männern, die das gerne in Anspruch nehmen, Frauen finden woanders Unterkunft. Dann gibt es aber auch Männer, die das gar nicht wollen. Und es kommt Alkohol und dergleichen ins Spiel. Und damit Streit und Aggression, was einer der konkreten Auslöser der Entscheidung war, dass morgens um fünf Uhr die Schlafstätten geräumt werden müssen.

 

Sicherheit und Hygiene

 

Die Straßenreinigung muss putzen, hygienisch kann man das sonst nicht den Touristen und Pilgern zumuten. Ungesund für alle ist es auch, wenn man die Kolonnaden sich selbst überlassen würde. Außerdem ist der Petersplatz der Petersplatz, es geht auch um ein gewisses Dekorum. Das ist keine Show, es gehört aber zu einem Kirchplatz hinzu, dass er nicht aussieht wie eine Toilette.

Und dazu kommt auch die Sicherheit, wie uns der Chef der Vatikanpolizei, Domenico Giani, gesagt hat. Wenn die Obdachlosen unter Tage ihre Pappen und Kisten, unter denen sie schlafen, zurück lassen, dann ist das gefährlich. Wer sagt denn, dass ein Terrorist eine Bombe nicht genau da versteckt? Es sei den italienischen Kollegen nicht zuzumuten, dass dort so viele uneinsichtige Berge von Material lägen, die müssten die alle kontrollieren und sichern, sagt Domenico Gianni.

 

Ort der Zuflucht

 

Nachts dürfen die Männer – es sind vor allem Männer – dann wieder zurück, um dort zu schlafen. Auch haben sie Broschüren bekommen, in denen drin steht, wo man noch in Rom sicher unterkommen kann und wo man auch bleiben kann. Denn einer der attraktiven Punkte ist ja, dass der Petersplatz sicher ist, hier gibt es viel Polizei, hier werden Obdachlose nicht ausgeraubt und Opfer von Gewalt. Sicherheit ist wichtig.

Ich erzähle das so ausführlich, weil es eben ein Beispiel für den Prozess der Umkehr der Strukturen ist. Man macht einen Schritt, dann einen weiteren, und dann tauchen völlig neue Probleme auf. Probleme, die man ohne die Schritte vielleicht so nicht hätte.

Und trotzdem: Was kann dem Zentrum der katholischen Kirche besseres geschehen, als dass die am Rand unserer Gesellschaft Lebenden dort eine Zuflucht suchen und finden? Eigentlich ist das ein gutes Zeichen. Das muss nur jetzt in den Alltag übersetzt werden. Duschen und Friseur waren ein Schritt, jetzt braucht es weitere Schritte, um das umzusetzen.

Schrei-Kritik, wie wir sie hier in italienischen Medien hören, hilft da wenig. Als Christ freut mich, dass den Männern geholfen wird. Als Anwohner freut mich, dass es hygienisch bleibt. Und sicher. Das alles zusammen zu bekommen, ist nicht ganz einfach. Aber dass es einfach würde, hat auch nie jemand behauptet.

 

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