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Leitung im Lärm

Ein Blick in die Aula der Bischofssynode

Tagung der letzten Versammlung der Bischofssynode

Die Erwartungshaltung an die Versammlung der Bischofssynode könnte kaum größer sein. Wenn sich die Bischöfe in den kommenden Wochen im Vatikan treffen, dann setzen sie eine Debatte fort, die offiziell seit dem vergangenen Konsistorium, also seit Februar, geführt wird, aber schon viel älter ist.

Nun werden aber schon seit einiger Zeit Klagerufe darüber laut, dass es ungebührlichen Einfluss auf die Beratungen gibt. An dieser Stelle nur ein Artikel dazu, der aber die Haltung sehr gut zusammen fasst: Eine überwältigende Erwartungshaltung würde die Ergebnisse verfälschen, weil sie Druck ausübe. Eine Synode solle im Heiligen Geist den Willen Gottes erforschen, nicht politisch zwischen Meinungen abwägen.

Es geht um veröffentlichte Bücher, um medial ausgetragenen Streit, es geht um das Hochschrauben von Erwartungen und so weiter.

Die Klage ist schon alt. Bereits das Erste Vatikanum hatte den Einfluss der damals neuen Massenmedien zu spüren bekommen, beim Zweiten Vatikanum war das schon Alltag geworden, die Vorgeschichte und Debatte von Humanae Vitae kann auch ein trauriges Lied davon singen.

Aber die Debatte ist müßig. Die Welt ist nun einmal so. Auch früher mussten sich die Theologen und Bischöfe vor Einfluss schützen, vor Fürsten und vor Geld, vor Druck von oben und von unten. Manchmal ist es geglückt, manchmal auch nicht, die Kirchengeschichte ist voll davon.

Jetzt quasi Laborbedingungen für die Debatte zur Familie zu verlangen, ist weltfremd. Von Bischöfen dürfen wir Leitung erwarten in der Welt, wie sie nun einmal ist. Leitung zeigt sich nicht unter Idealbedingungen, sondern konkret im Umgang mit all dem, was an Ideen und Kräften und Vorschlägen und Debatten nun einmal da ist. Leitung zeigt sich in der Moderation der Unterschiede der Kulturen. Sie zeigt sich im Umgang mit der Öffentlichkeit und mit den Erwartungen der Menschen. Wenn alles ideal wäre, bräuchten wir keine Leitung.

Macht Euch lieber schmutzig, geht auf die Straße, probiert was aus. Und wenn das schöne Gebäude der Kirche eine Beule bekommt, dann ist das immer noch besser, als wenn ihr es gar nicht versucht hättet. So etwa sagt es Papst Franziskus in Evangelii Gaudium. Er ist dafür, Dinge auszuprobieren, herauszugehen auf die Straße, an die Peripherie. Er will, dass Kirche was aufs Spiel setzt.

Das geht nicht heute und sofort und dass es Erwartungen gibt heißt noch nicht, dass man ihnen auch entsprechen muss. Aber sie gehören nun einmal zum Beratungsprozess dazu. Angst zu haben braucht man davor nicht.

 

 

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Im Namen des barmherzigen Gottes

Islamisten haben wir sie bislang genannt, Fachleute sind da spezifischer aber wer hört schon lange genug zu? Also: Islamisten. Das sind Terroristen, die Gewalt zur Unterdrückung und Einschüchterung und Ausbeutung und Vergewaltigung nutzen, das alles im Zeichen einer Weltreligion.

Nicht wenige Besserwisser auch hierzulande meinen nun, das sei nun mal so im Islam. Einschlägige Webseiten ernähren sich geradezu davon.

Nun will ich niemanden freisprechen, jede Religion, Gesellschaft, Gruppe muss sich mit ihren extremen Formen befassen, auch wenn diese schon gar nichts mehr mit ihnen zu tun haben. Das gilt auch für die Muslime. Und viele muslimische Gelehrte haben genau das nun getan.

Unsere Meldung von gestern: Mehr als 120 Islamgelehrte weltweit haben die Terrormiliz ‚Islamischer Staat’ (IS) verurteilt. In einem 18-seitigen Schreiben legen sie dar, warum die Organisation in eklatantem Widerspruch zum Koran stehe. Zu den Unterzeichnern zählen der ägyptische Großmufti Schawki Ibrahim Allam und hohe Vertreter der Al-Azhar-Universität in Kairo, der Jerusalemer Mufti Muhammad Ahmad Hussein sowie Gelehrte und Geistliche aus Arabien, Nordafrika, Asien, Europa und den USA. Das namentlich an den IS-Führer Abu Bakr Al-Baghdadi gerichtete Schreiben spricht den Islamisten die Kompetenz für Religionsurteile ab. Die Ausrufung eines Kalifats sei unzulässig. Unter den 24 Punkten des Dokuments bekräftigen die Gelehrten den vom Koran geforderten Schutz von Christen und anderen religiösen Minderheiten. Akte wie Folter und Leichenschändung, Versklavung, Zwangsbekehrungen und Unterdrückung von Frauen seien im Islam verboten. Der arabische Brief, der auch in einer englischen Übersetzung im Internet dokumentiert wird, ist in einer theologisch-technischen Fachsprache gehalten. Das Schreiben benutze jene klassischen islamischen Quellen, die auch von IS benutzt würden, um Nachfolger anzuwerben, sagte der Leiter des Rats für Amerikanisch-Islamische Beziehungen, Nihad Awad, dessen Institution in Washington das Dokument verbreitete. Es handle sich um eine Punkt-für-Punkt-Widerlegung der IS-Philosophie.

Das ist ein Schritt, aber auch nicht mehr, schreibt ein Mitbruder von mir bei Facebook, als ich den Link dazu gestern gepostet hatte. Das mag sein. Aber es ist ein wichtiger Schritt. Worte schaffen Realität und was das Schreiben tut ist den Terroristen das Recht abzusprechen, im Namen irgendeiner Religion zu sprechen. Auch das gehört zum Kampf gegen den so genannten IS.

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Dieses Mal nicht die Peripherie

Papstbesuch in Albanien

Papstbesuch in Albanien

Es gibt Erklärungen, die sind so einleuchtend, dass man gar nichts mehr weiter sagen muss. Oder kann. Wie etwa die Begründung für die Papstreise nach Albanien am vergangenen Sonntag: Er fährt an die Peripherien Europas.

Franziskus spricht sehr oft von diesen Peripherien, sie spielen in seinem Denken und auch in seiner Perspektive, die Welt zu sehen, eine große Rolle. Albanien wird stiefmütterlich behandelt, ist ein armes Land, ergo: Der Papst fährt an die Peripherien.

„Un-spinable“ sagt der Journalist, da kann man erklären wie man will, das ist dann einfach die Erklärung. Und ich habe das auch oft in der Berichterstattung zur Reise gehört.

Allein, es stimmt nicht. Oder zumindest nicht ganz. Papst Franziskus hat bei der Pressekonferenz auf dem Rückflug von Korea die Frage nach seiner Motivation beantwortet, und die hatte ganz und gar nichts mit Peripherie zu tun. Er nannte zwei andere Gründe: Albanien habe eine Regierung, die alle Volksgruppen berücksichtige, Muslime, Orthodoxe und Katholiken, mit einem interreligiösen Rat. Die Anwesenheit des Papstes in Albanien solle also alle Völker daran erinnern, dass Zusammenarbeit möglich ist, auch politisch. Zweitens sei Albanien von allen kommunistischen Ländern das einzige gewesen, das den Atheismus in der Verfassung festgeschrieben habe. 1.820 Kirchen seien zerstört worden. „Ich habe gespürt, dass ich da hingehen muss.“

Das hat Papst Franziskus in seinen Ansprachen, vor allem einer, auch noch einmal deutlich betont.

Vor allem die erste Erklärung – die politische Zusammenarbeit von Vertretern verschiedener Religionen – ist hoch aktuell. Gebete für den Frieden im Nahen Osten, Aufrufe zu Waffenstillstand, klare und unmissverständliche Verurteilung von Waffenhandel, der nur zu mehr Leid führt, das alles fügt sich ebenfalls in ein Bild. Da gehört diese Reise hinein.

Die Peripherien sind nicht das einzige Thema des Papstes. Und Albanien liegt so gesehen ganz und gar nicht an der Peripherie Europas.

 

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Das Bild als Last

Mit einem Beitrag über Bilder habe ich mich hier in den Urlaub verabschiedet, mit einem Beitrag über Bilder melde ich mich auch wieder zurück. Bevor nun der Anlauf zur Bischofssynode im Oktober beginnt, der mich sicherlich beschäftigen wird, ein Museumsbesuch: Marlene Dumas – The Image As Burden. Eine Ausstellung im Stedelijk Museum Amsterdam.

Typoskopie

Typoskopie

Vorweg: sehr sehenswert. Eine südafrikanische Künstlerin die in den Niederlanden lebt und auf dem Kunstmarkt sehr gefragt ist. Und in diesem Fall weiß der Markt, was er tut.

Gleich im Eingang schaut einen das Gesicht eines bärtigen glatzköpfigen Terroristen an – ein bekanntes Pressebild – mit der Unterschrift „Nachbar“. Es hat etwas von Typen, was auf den Bildern zu sehen ist. Und es ist immer etwas irritierend, spätestens beim Blick auf die Titel.

Dumas malt von Fotografien aus, aber vom Anspruch eines abbildenden Realismus bleibt wenig übrig. Wie auch bei Francis Bacon sind die Fotos nur Vorlagen, in ihren Bildern ist anderes zu sehen als eine Erkennbarkeit.

In einer Serie von Bildern zeigt sie eine „Typoskopie“, Bilder von Fotos weiblicher „verrückter“ Menschen, wie sie im 19. Jahrhundert klassifiziert wurden. Sie zeigt in der Serie „Modelle“ ganz und gar nicht die hochglanz-Vorstellungen der Modewelt.

Ulrike Meinhof

Ulrike Meinhof

Es geht Dumas immer um den menschlichen Körper, abgebildet fast immer ohne Umgebung, es geht um Bedeutung und Schwere, und vor allem geht es um das Betrachten, das Betrachtete und den Betrachter. Dieses Dreieck bildet sich geradezu physisch, wenn man vor einem ihrer Bilder steht.

Und natürlich geht es auch immer wieder um Apartheid, das biographische Thema bleibt nicht außen vor. Aber auch hier wird sichtbar, wie sehr Klassifizierungen in „weiß“ und „schwarz“ vom Betrachten abhängen, Dumas kann das wunderbar auflösen und die für die Unterdrückung wichtige Unterscheidung ad absurdum führen. Weiterlesen

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Wüsten bewässern, nicht Dschungel beschneiden

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Es fing damit an, dass bei Facebook jemand das Experiment gepostet hat, von FB das Entfernen von gewalttätigen Bildern zu entfernen. Da waren geköpfte Menschen zu sehen. Dann – und seitdem immer wieder – haben wir in der Redaktion über die italienische Fernsehgesellschaft RAI diskutiert, obwohl diskutieren vielleicht nicht das richtige Wort ist, weil wir alle einer Meinung waren. Dort wurde nämlich das Video, das das Köpfen des Fotografen James Foley zeigt, ganz normal im Beitrag gezeigt. Das Köpfen selber nicht, aber die Momente davor, der zitternde Mann, in aller Grausamkeit. Die RAI spielt hier das Spiel der Islamisten, die Terror verbreiten wollen, so unsere einhellige Meinung.

Ganz ehrlich habe ich auch genug davon, in unserem Content-Management-System Fotos angeboten zu bekommen, die Kinder mit abgeschlagenen Köpfen in den Händen zeigen, aus Syrien natürlich. Wer nimmt so was auf seine Webseite?

Das schafft keine Information, nur Erregung. Und hier ist der Punkt: Der Terror, den die Machtmenschen im Nahen Osten verbreiten wollen, wird zu Konsumzwecken in unsere Kommunikation eingebaut, weil er eben Erregung schafft und damit Interesse. Man schaudert (fühlt ein Schaudern), ist entsetzt (fühlt Entsetzen) und schaut dann das Wetter.

Erregung ist ein Gefühl. Ein starkes Gefühl, dass uns sofort ganz einnimmt. Nun könnte man sagen, dass wir zu stark gefühlsgesteuert sind, dass zum Beispiel die Werbung Gefühle ansteuert, um uns etwas zu verkaufen. Wir fühlen uns besser, fitter, jünger, wenn wir nur dieses oder jenes Produkt sofort kaufen. Oder wir fühlen uns überlegener, wenn wir den TV-Beitrag schauen.

Ich bin aber mehr und mehr davon überzeugt, dass es nicht ein „zuviel“ an Gefühlt ist, an dem wir leiden. Sondern ein „zu wenig“.

Der große C.S. Lewis bringt das auf den Punkt. In einer Schrift über Pädagogik (The Abolition of Man) schreibt er: „For every one pupil who needs to be guarded from a week excess of sensibility there are three who need to be awakened from the slumber of cold vulgarity. The task of the modern educator is not to cut down jungles but to irrigate deserts. The right defence against false sentiments is to inculate just sentiments.”

Just sentiments, angemessene oder echte Gefühle und Empfindungen: Wo lernt man so was? Wo sind die Erzieher, von denen Lewis spricht? By the way, die Klage hat er in den 40er Jahren angestimmt, es ist also keine neue Frage.

Man lernt sie im Umgang mit Menschen. Nicht mit Bildschirmen, nicht mit dem Internet. Man lernst so was im Leben. Man muss sich verletztlich machen, Kontakt suchen, ertragen und dabei bleiben. Ich will hier nicht schon wieder Papst Franziskus zitieren, aber die Faszinazion, die von ihm ausgeht, hat sicherlich auch damit zu tun, dass er eben genau das zeigt: Menschlichkeit. Echte Empfingung. Keine Verhärtungen und kein sich Abschließen anderen Menschen gegenüber. Oder noch einmal in den Worten von C.S. Lewis: „A hard heart is no infallible protection against a soft head.”

 

Und damit verabschiede ich mich erst einmal in den Urlaub.

 

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Katholische Medien

Für einen Kongress des Hilfswerkes Renovabis bin ich gebeten worden, einige Gedanken zum Selbstverständnis katholischer Medien zu formulieren, bei einer Pressekonferenz an diesem Mittwoch durfte ich die auch vorstellen. Meine Gedanken dazu, auch hier vorgelegt:

 

 

Vor eineinhalb Jahren war ich zu einem Seminar in Lviv eingeladen, gemeinsam mit einem Kollegen von Radio Vatikan waren wir bei der griechisch-katholischen Uni an der Schule für Journalismus, um ein Einführungsseminar zu geben. Eines meiner Themen war die Frage nach Ethik im Journalismus. Fragestellung: „Ist Ethik nun die Basis oder eher ein Hindernis?“

Direkt daran angeschlossen hat sich in der Diskussion gleich die Frage: Müssen, sollen und dürfen kirchliche Medien „nur“ den journalistischen ethischen Regeln folgen oder gibt es da noch andere? Sind kirchliche Medien nicht deswegen ethisch besser, weil sie sich an einen Kodex halten, anders als die von der Medienwirtschaft bestimmten Medien?

Sind sie nicht. Kirchliche Medien berichten meistens aus der Kirche, nicht nur über sie. Sie haben einen Standpunkt und eine Überzeugung, die sie nicht verheimlichen. Radio Vatikan zum Beispiel ist ein Instrument des Vatikan, das weiß jeder, der uns hört oder im Netz liest. Und wir folgen nicht nur journalistischen, sondern auch kirchlich-ethischen Maßstäben.

Trotzdem spielen wir nicht außerhalb der Medien. Die Mechanismen gelten auch hier wie bei allen anderen auch. Und das ist nicht schlimm, im Gegenteil. Auch kirchliche Medien müssen sich den Marktmechanismen stellen. Es gibt Kriterien für Qualität und für Relevanz, die wir nicht ignorieren können. Sonst hört uns keiner zu.

Katholische Medien, um es etwas thesenhaft zu formulieren,

–      brauchen Loyalität. Wer nicht zur eigenen Katholizität steht, wird nicht ernst genommen. Das bedeutet aber nicht, gleich einen eingebauten Filter zu haben und offizielle Sprachregelungen schlicht zu kopieren.

–      brauchen Professionalität, was die Standards angeht. Natürlich ist ein Pfarrblatt etwas anderes als die Pressestelle der DBK, aber jeder muss das seine gut und richtig machen, je auf eigene Weise.

–      brauchen eine klare Trennung zwischen Information und Verkündigung. Informationen, die sich nur Nutzern erschließen, die ein Vorverständnis teilen, führen in Sonderwelten.

Außerdem muss sich Kirche von zwei heiß geliebten Vorstellungen verabschieden, will sie katholische Medien unterhalten. Die eine ist die, dass der ideale Journalist ein sachverständiger Schreiber von langen Artikeln in überregionalen Blättern ist. Und die zweite ist die, Information hierarchisch kontrollieren zu können. Beides ist nicht mehr unsere Welt.

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Die Schwachen

Rotherham: Sprachlos stehen wir vor der Entdeckung, dass 1.400 Kinder – sprich eintausendvierhundert – Opfer sexualisierter Gewalt geworden sind. Die Details sind grausam. Mindestens so grausam sind aber auch die Umstände: Die Täter hielten weiße Mädchen für ‚benutzbar’, die wegschauenden Behörden im Klassendünkel wollten für diesen ‚white trash’, wie die US-Amerikaner das nennen, nichts tun.

Und das alles fast zwanzig Jahre, nachdem die ersten Missbrauchdebatten in Großbritannien geführt wurden, ähnlich wie bei uns nach 2010. Keiner kann also sagen, er oder sie hätte nichts gewusst.

In einem Schweizer Bericht habe ich folgenden Satz gelesen, den ich hier einfach unkommentiert wiedergeben möchte:

„Die alte Weisheit gilt unverändert: Wer eine Gesellschaft verstehen möchte, tut gut daran zu untersuchen, wie sie ihre schwächsten Mitglieder behandelt. Das wirft einen Schatten auf alle.“

Eine Mahnung. Mal wieder.

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Die Welt gibt es nur auf dem Bildschirm

2005

2005

Die britische Zeitung The Guardian hat diese Bilder das erste Mal gebracht, der Spiegel hat das dann aufgegriffen, wenn ich richtig recherchiert habe. Und dann sind sie durchs Internet gewandert: Die Via della Concialiazione mit acht Jahren Unterschied.

Im Vatikan hält sich das Gerücht, man hätte gemessen, dass der Applaus für den Papst abgenommen habe, obwohl die Anzahl der Menschen zunehme. Der Grund: Die Pilger auf dem Peterplatz haben nur noch eine Hand frei, in der anderen halten sie Smartphone, Tablet, irgendwas um den Augenblick „festzuhalten“. Vielleicht ist es nur „gut erfunden“, wie man in Italien sagt: Si non è vero, è ben trovato. Es ist auf jeden Fall plausibel und gibt die Stimmung wieder: Alle schauen auf den Bildschirm, immer weniger auf das Ereignis selber.

2013

2013

Mir ist das bei der Papstreise ins hochtechnisierte Korea noch einmal aufgefallen, und zwar sehr negativ. Wie viele Menschen wollen den Papst gar nicht sehen, sondern nur durch den Bildschirm. Sie sind einen Meter nah dran, vielleicht etwas weiter, und wollen festhalten. Oder die Steigerung: Ein Selfie. Sie drehen sich weg und fotografieren sich selbst mit dem Papst im Hintergrund.

Von der fotografischen Qualität will ich gar nicht anfangen, das ist alles unterirdisch. Aber es dient ja auch einem anderen Zweck: Dem vermeintlichen Festhalten eines Augenblicks.

 

Was ist eigentlich aus dem Erzählen geworden?

 

Es geht gar nicht darum, dabei zu sein, den Moment zu erleben. Die Konzentration wird auf den Bildschirm gelenkt, man bekommt die Nachbarn und ihre Reaktion nicht mit, man bekommt die Nähe nicht mit, man achte auch nicht auf sich selber und die eigenen Reaktionen, es geht nur um das vermeintliche „Festhalten“.

Als begeisterter Fotograf weiß ich, was die Kamera in der Hand macht: sie trennt vom Ereignis. Wer durch die Linse schaut, das Objektiv, macht das Ereignis wortwörtlich zum Objekt. So sehen wir von hinten auf die kleinst-Bildschirme auf hunderte und tausende von Trennschirmen.

Auf der Skala ganz unten steht bei dem allen die Osternacht. Es wird im dunklen Petersdom darum gebeten, beim Einzug des Papstes mit der Osterkerze nicht zu fotografieren. Woran sich natürlich keiner hält, man will den Augenblick ja „festhalten“. Und jedes Jahr dasselbe Schauspiel: Der Papst wird taghell erleuchtet. Blitzlich auf Blitzlicht, das zerstört die Stimmung und die Dramaturgie der Liturgie, auf die es gerade in der Osternacht so sehr ankommt. Man scheitert nicht nur damit, diesen Augenblick „festzuhalten“, man zerstört ihn damit auch. Weiterlesen

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Klarheit, Sanftmut, Vertrauen und Klugheit

Dialog ganz praktisch: Paul VI. war auch der "Erfinder" der Papstreisen

Dialog ganz praktisch: Paul VI. war auch der “Erfinder” der Papstreisen

Es war der Geburtstag des innerkirchlichen Dialoges: Die Antrittsenzyklika Papst Pauls VI., „Ecclesiam Suam“. Wenn wir heute das Wort vor lauter Übernutzung nicht mehr hören können oder es als Statthalter für allerlei herhalten muss, dann war das vor genau 50 Jahren noch anders. Damals war das Wort ein Fremdwort im Sprachgebrauch der Kirche.

Noch während des Konzils veröffentlichte der Papst sein Schreiben, da er aber den Ergebnissen des Konzils bewusst und ausdrücklich nicht vorgreifen wollte, ist es nicht eines der sonst üblichen thematischen Schreiben geworden, sondern nachdenklich, fast meditierend. Sie wurde am 6. August 1964 veröffentlicht, dies ist also eine etwas verspätete Geburtstagswürdigung.

Kirche dürfe kein Selbstzweck sein. Kirche muss gesprächsbereit sein. Aber auch: Dialog darf nicht in der Aufgabe der eigenen Identität bestehen. Alles Aussagen, die so das erste Mal gemeinsam und gesammelt fallen. Als Kriterien für den Dialog der Kirche nennt der Papst Klarheit, Sanftmut, Vertrauen und Klugheit. Paul VI. will aber auch, dass dieser Dialog nicht nur von der Kirche, sondern auch innerhalb der Kirche geführt wird.

Für uns heute klingt es befremdlich, dass das etwas Neues gewesen sein soll, aber damals war es ein großes Türen Öffnen, während und für das Konzil. Die Kirche, wie sie durch das Konzil geprägt wurde, findet auch hier ein Fundament.

Die Konzilsdokumente haben den Text überschattet, vielleicht Zeit für eine Relecture in Zeiten, in denen Papst Franziskus innerkirchlich – in der Bischofssynode – und außerhalb – in Begegnungen und Friedensgebeten – ganz klar und deutlich auf den Dialog setzt.

Den offiziellen Text des Schreibens gibt es im Internet leider nicht auf deutsch, hier die englische Überstzung.

 

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Mit dem Papst unterwegs

Der Schicksalsgöttin in Form des Programmdirektors von Radio Vatikan habe ich es zu verdanken, dass mich die Papstreisen als Korrespondenten und Begleiter kreuz und quer verschickt haben. Viele sind es noch nicht, erst sechs, aber dafür sind sie gut verteilt: Eine inneritalienische – Assisi – dann Deutschland 2011 und Großbritannien 2010, Kuba, das Heilige Land und jetzt Korea.

Mauer 1: Die beiden Koreas

Mauer 1: Die beiden Koreas

In diesem Jahr waren es zwei, ich war in Jerusalem und jetzt in Seoul. Und bei der zweiten habe ich immer wieder flashbacks aus der ersten gehabt. Bei beiden war ich an einer hochmilitarisierten Grenze, bei beiden war ich unter Menschen, die ohne ihr Feindbild nicht leben können. Nein, das ist ungerecht, das muss ich anders formulieren: Es gibt in beiden Fällen Menschen, die nach zig Jahrzehnten bewaffneten Kampfes ohne den Feind nicht leben können. Wer so lange von Feind spricht und unter der Bedrohung lebt, wer in der Sprache aufwächst, die von Feindbildern lebt, für den wird das einfach ein Teil der Linse, durch welche die Wirklichkeit wahrgenommen wird.

In beiden Regionen steht eine Demokratie gegen nicht demokratische Staaten, um es vorsichtig zu formulieren. Aber in beiden Regionen ist die Demokratie auch in Krise.

Der große Unterschied, der sofort ins Auge fällt: Im Nahen Osten hat alles mit Religion zu tun, in Asien überhaupt nicht. Die Teilung des Landes ist rein militärisch-weltpolitisch-ideologisch. Ohne Religion scheint es mir irgendwie einfacher zu verstehen, wenn Religion ins Spiel kommt, ist es viel komplexer. Fast bin ich versucht zu sagen: Wenn Religion in den Krieg kommt, ist die Aussicht auf Heilung und Versöhnung noch geringer als ohne.

Mauer 2: Israel - Palästina

Mauer 2: Israel – Palästina

Ich will hier die beiden Regionen der Welt nicht über einen Leisten ziehen, ich habe sehr stark abstrahiert, um den Vergleich anstellen zu können. Aber es gibt Punkte, wo die Krisen und Konflikte – und ich bin mir sicher, man könnte noch andere Weltgegenden anfügen – sich begegnen.

Mir geht es hier um die Beobachtung, dass sich Situationen dermaßen ineinander verhaken, dass die Gegner eins werden. Der eine kann gar nicht mehr ohne den anderen. Der Verstand begreift das schnell, auch von zu Hause aus mit der Zeitung in der Hand, das aber vor Ort zu sehen und die tiefe Hoffnungslosigkeit von Menschen mitzubekommen – oder die Verbohrtheit anderer – das nehme ich aus diesen beiden Reisen mit.

 

Geistlich politisch

 

Es hilft mir aber auch, den Papst zu verstehen. Wenn der in Rom bei den Morgenmessen über “aus sich selbst heraus gehen” spricht, immer wieder von Versöhnung und dem “sich nicht in sich selbst verschließen”, dann hat das für mich geistlichen Wert. Es ist herausfordernd, wenn man sich darauf einlässt

Wenn man aber in Jerusalem auf die Mauer blickt oder in der so genannten Demilitarisierten Zone auf die Zäune schaut, dann bekommt das noch einmal eine ganz eigene Wucht. Es wird im besten Sinn des Wortes politisch, es hat etwas mit Einmischen zu tun. Und damit, dass wir etwas daran tun können, das sich die Welt ändert. Und zwar genau dadurch, dass wir uns ändern.

Nur so ein Eindruck, von den Grenzen dieser Welt.

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