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Obdachlos am Petersplatz

Der Papst will die „Umkehr der Strukturen“: In Evangelii Gaudium haben wir das zum ersten Mal gehört, auch wenn es da leider als „Neuausrichtung“ übersetzt ist, geschrieben hat der Papst „Umkehr“. Oder gar „Bekehrung“, „conversión“.

Wie schwierig das sein kann, sehen wir hier gerade in Rom. Der Aufreger des Tages ist die Tatsache, dass die Vatikanpolizei gemeinsam mit anderen Autoritäten wie der etwa der Stadtverwaltung Roms veranlasst hat, dass die vielen Obdachlosen, die unter den Kolonnaden des Petersplatzes schlafen, diesen Ort morgens, und zwar sehr früh morgens verlassen müssen.

Rückblick: Papst Franziskus und vor allem auch sein für Almosen zuständiger Erzbischof Krajewski haben in den vergangenen Jahren Aktionen für Obdachlose in Rom gestartet. Weil es hier in der Stadt warm ist und viele Touristen kommen, gibt es davon sehr viele. Für sie gibt es einen Friseur und eine Duschmöglichkeit, dem Papst geht es nicht nur ums Überleben, sondern auch um die Würde der Männer und Frauen. Und mit einigen von ihnen gemeinsam hat der Papst deswegen auch die Sixtinische Kapelle besichtigt.

Direkt um die Ecke vom Petersplatz: Die Betten der Obdachlosen

Direkt um die Ecke vom Petersplatz: Die Betten der Obdachlosen

Das erhöht natürlich die Attraktivität des Vatikan für Menschen auf der Straße. Auch in den Nebenstraßen leben jetzt viele, jede Nische wird zum Schutz vor dem Wetter genutzt.

Man sieht: Je mehr der Vatikan hilft, desto schwieriger wird es aber auch, wie die Entscheidung in dieser Woche zeigt.

In dem Jesuiten-Haus, in dem ich wohne, sind unten im Erdgeschoss Schlafmöglichkeiten für Obdachlose geschaffen worden, gemeinsam mit dem Vatikan. Es gibt eine Gruppe von Männern, die das gerne in Anspruch nehmen, Frauen finden woanders Unterkunft. Dann gibt es aber auch Männer, die das gar nicht wollen. Und es kommt Alkohol und dergleichen ins Spiel. Und damit Streit und Aggression, was einer der konkreten Auslöser der Entscheidung war, dass morgens um fünf Uhr die Schlafstätten geräumt werden müssen.

 

Sicherheit und Hygiene

 

Die Straßenreinigung muss putzen, hygienisch kann man das sonst nicht den Touristen und Pilgern zumuten. Ungesund für alle ist es auch, wenn man die Kolonnaden sich selbst überlassen würde. Außerdem ist der Petersplatz der Petersplatz, es geht auch um ein gewisses Dekorum. Das ist keine Show, es gehört aber zu einem Kirchplatz hinzu, dass er nicht aussieht wie eine Toilette.

Und dazu kommt auch die Sicherheit, wie uns der Chef der Vatikanpolizei, Domenico Giani, gesagt hat. Wenn die Obdachlosen unter Tage ihre Pappen und Kisten, unter denen sie schlafen, zurück lassen, dann ist das gefährlich. Wer sagt denn, dass ein Terrorist eine Bombe nicht genau da versteckt? Es sei den italienischen Kollegen nicht zuzumuten, dass dort so viele uneinsichtige Berge von Material lägen, die müssten die alle kontrollieren und sichern, sagt Domenico Gianni.

 

Ort der Zuflucht

 

Nachts dürfen die Männer – es sind vor allem Männer – dann wieder zurück, um dort zu schlafen. Auch haben sie Broschüren bekommen, in denen drin steht, wo man noch in Rom sicher unterkommen kann und wo man auch bleiben kann. Denn einer der attraktiven Punkte ist ja, dass der Petersplatz sicher ist, hier gibt es viel Polizei, hier werden Obdachlose nicht ausgeraubt und Opfer von Gewalt. Sicherheit ist wichtig.

Ich erzähle das so ausführlich, weil es eben ein Beispiel für den Prozess der Umkehr der Strukturen ist. Man macht einen Schritt, dann einen weiteren, und dann tauchen völlig neue Probleme auf. Probleme, die man ohne die Schritte vielleicht so nicht hätte.

Und trotzdem: Was kann dem Zentrum der katholischen Kirche besseres geschehen, als dass die am Rand unserer Gesellschaft Lebenden dort eine Zuflucht suchen und finden? Eigentlich ist das ein gutes Zeichen. Das muss nur jetzt in den Alltag übersetzt werden. Duschen und Friseur waren ein Schritt, jetzt braucht es weitere Schritte, um das umzusetzen.

Schrei-Kritik, wie wir sie hier in italienischen Medien hören, hilft da wenig. Als Christ freut mich, dass den Männern geholfen wird. Als Anwohner freut mich, dass es hygienisch bleibt. Und sicher. Das alles zusammen zu bekommen, ist nicht ganz einfach. Aber dass es einfach würde, hat auch nie jemand behauptet.

 

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Wir sind weiter dabei

Es ist nur ein kleines Kapitel in der Geschichte des Vatikan und der Vatikanreform, aber ein viel beachtetes, jedenfalls wenn man misst, wie viele Journalisten sich im vergangenen Jahr dafür interessiert und bei mir angerufen haben.

An diesem Donnerstag hat der Jesuitenorden jedenfalls eine Übereinkunft mit dem so genannten Sekretariat für Kommunikation des Vatikan getroffen, also der Institution, welche alle Medien des Vatikan unter einem Dach vereint. Pater Juan Antonio Guerrero, unser Oberer hier in Rom, und Don Dario Viganò, Präfekt des Sekretariats, haben die Übereinkunft unterschrieben, ich konnte sogar dabei sein, wenn auch ein wenig zufällig.

Pater Guerrero (l) und Don Dario Viganò (r) bei der Unterschrift

Pater Guerrero (l) und Don Dario Viganò (r) bei der Unterschrift

Bis dahin war ein Teil der Medien – nämlich Radio Vatikan – vom Orden geleitet worden, Papst Pius XI. hatte Techniker gesucht und war bei den Jesuiten bei einem Ingenieur fündig geworden. Und der technische Aspekt war lange vorherrschend, das Journalistische kam erst allmählich dazu.

Mit der Reform war mein Orden nun auf einmal nicht mehr verantwortlich und die Frage entstand, wie er angebunden ist. Und das hatte ganz praktische Fragen: Wer bestimmt, ob ein Jesuit und welcher Jesuit dort arbeitet? Der Orden? Das Sekretariat? Wie sieht es mit Versetzungen etc. aus? Ganz praktische Fragen, die geregelt sein wollen.

Das sind sie jetzt. Jedenfalls fürs Erste, wir werden in einigen Jahren schauen müssen, was gut und was weniger gut funktioniert und dann nachjustieren, auch dieses Verfahren ist Teil der Reform.

Die Vatikanmedien brauchen Reform, da hat der Papst und da haben all die Fachleute angefangen von Lord Chris Patten und seiner Kommission von 2013/14 völlig recht. Dazu gehören auch neue Formen der Zusammenarbeit. Und eine Solche haben wir heute getroffen.

Wie gesagt, nur ein kleines Kapitel, aber ich stoße heute Abend drauf an.

 

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Bischöfe, revisited

„Wenn [der Papst] vor den Bischöfen spricht, dann ist das meistens die Übersetzung seiner Vorstellung von Kirche in die pastorale Wirklichkeit eines Landes, und das wie gesagt gerne in aller Deutlichkeit.” Vor eineinhalb Jahren hatte ich schon einmal darüber geschrieben, wie sich Papst Franziskus Bischöfe und die Ausübung des Amtes vorstellt,

Der Papst und sein Bischof: Beim Treffen mit den Neugeweihten im Vatikan

Der Papst und sein Bischof: Beim Treffen mit den Neugeweihten im Vatikan

Nah am Volk, keine „Prinzen-Psychologie“, Geruch der Schafe, das sind die Stichworte, die einem dazu einfallen. Und wenn das stimmt, wenn seine Bischofs-Ansprachen die Umsetzung seiner Vorstellung von Kirche in die pastorale Wirklichkeit übersetzen wollen, dann haben wir gerade Glück, denn der Papst hat innerhalb kurzer Zeit drei solcher Ansprachen gehalten.

Die jüngste an die neu geweihten Bischöfe, die in Rom zu einem Kurs versammelt waren, und davor zwei in Kolumbien.

 

Nicht die eigenen Projekte und Ideen

 

Fangen wir an mit der Ansprache am 14. September: Das erste, was bei der Ansprache an die Jungbischöfe ins Auge fällt, ist dass es auch hier wieder um die innere Haltung geht. Nicht überraschend, aber vielleicht muss es gerade deswegen noch einmal betont werden.

Zunächst dreht sich alles um die Kunst der geistlichen Unterscheidung und der inneren Einstellung dazu: wer sie als erworbenes Recht betrachtet, also meint das sei jetzt seine und nur seine Aufgabe, bleibe unfruchtbar in seinem Dienst. Bei Unterscheidungen ginge es um menschliche Schwäche, psychologische Bedingungen, und vor allem und zuerst um viel Gebet, denn der Heilige Geist sei der Hauptakteur dabei. „Die Unterscheidung ist eine Gabe des Geistes an die Kirche, dem wir durch Zuhören antworten.“ Das ist die Grundhaltung: Hören auf Gott. Und das heißt: seinen eigenen Standpunkt aufgeben können, um die Perspektive Gottes zu finden.

Die geistliche Unterscheidung wird dann weiter ausbuchstabiert: sie ist immer eine Gemeinschaftshandlung, nicht isoliert sozusagen am Schreibtisch gemacht. „Wer nicht mehr auf die Schwestern und Brüder hört, der hört auch nicht mehr auf Gott“, eine kleine Warnung des Papstes. „Euer Auftrag ist nicht, eigene Ideen und Projekte voran zu bringen, und auch nicht abstrakt erdachte Lösungen.“

 

Evangelium, Lehre, Kirche, Normen

 

Als Anker: Unterscheidung heißt aber auch nicht, alles frei entscheiden zu können, Hören auf den Geist heißt auch Hören auf das Evangelium, „das letzte Kriterium“, auf die Kirche, die Lehre und die Normen. Trotzdem sei es ein „kreativer Prozess“, der sich nicht darauf beschränke, feste Schemata umzusetzen. Also: Anwendung von Lehre und Evangelium ist kein Anwenden abstrakter Ideen auf die Wirklichkeit, und pastorale Entscheidungen entstehen nicht im Augenblick und rein charismatisch, sondern immer mit Bezug auf Evangelium und Kirche. So lese ich das. Weiterlesen

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Theologie nach Missbrauch

Immer und immer noch und immer wieder müssen wir – Kirche, Gesellschaft, Familien – uns dem Schmutz stellen, vor dem wir eigentlich und verständlicherweise fast automatisch lieber die Augen verschließen wollen. Sexuelle Gewalt ist ein Thema geworden, Prävention auch, und doch fehlen immer noch Dimensionen am Verstehen dessen, was Menschen angetan wurde, und an dem, wie darauf reagiert wurde. Oder nicht reagiert wurde.

An diesem Samstag war ich bei einer eindrucksvollen Veranstaltung. Daniel Pittet, jahrelang als Jugendlicher Opfer sexueller Gewalt, hatte im Februar ein Buch mit seiner Geschichte veröffentlicht, es ist ein brutales, explizites Buch geworden, wie eben auch seine Geschichte brutal und explizit ist. Papst Franziskus hatte ein Vorwort beigesteuert.

Daniel Pittet bei der Buchvorstellung, im Vordergrund Pater Zollner

Daniel Pittet bei der Buchvorstellung, im Vordergrund Pater Zollner

Dieses Buch ist nun auch in Rom vorgestellt worden, im Beisein des Autors. Und was ich einleitend angemerkt habe, ist das was ich aus dem Vormittag mitgenommen habe. Da war einerseits Daniel Pittet selbst, im Interview ist das auf unserer RV-Webseite nachzulesen. Ein Mann, der keine Angst hat, der frei ist, wie er sagt. Den seine Vergebung für den Täter frei gemacht hat. So frei, dass es einem den Atem nimmt. Der überhaupt nich moralisch rüber kommt, keine Forderungen stellt, keine Anklage erhebt. Der nur sein ganzes restliches Leben sich gegen Pädophilie einsetzen will, wie er sagt, und dabei eine erstaunlich Empathie für die Täter hat. Ein ganz außergewöhnlicher Mann, der dafür betet, dass er einmal gemeinsam mit seinem Peiniger im Himmel sein wird.

 

Mit dem Täter gemeinsam in den Himmel kommen

 

Andererseits war da aber auch eine Einleitung, Pater Hans Zollner von der Gregoriana, Leiter des Kinderschutzzentrums dort und auch Mitglied in der päpstlichen Einrichtung mit dem gleichen Ziel, sprach über seine Weise, Missbrauch in der Kirche heute zu sehen.

Und das kam ganz und gar nicht ohne Forderungen aus. Klagend, anklagend, irgendwo dazwischen lag die Absicht hinter den mit nicht wenig Ärger und Mahnung vorgebrachten Sätzen. Wobei ich selber nicht den Eindruck hatte, dass da Selbstgerechtigkeit im Spiel war.

Seine Frage am Samstag war die nach der Theologie. Wo sei die Theologie mit ihren Antworten auf den Missbrauch? Kirchenrecht, Psychologie, Pastoraltheologie, Bistumsorganisation, all das hat auf den Missbrauch reagiert. Aber die Theologie?

 

Der Anruf Gottes in all dem

 

In den Worten von Pater Zollner: „Wo ist der Anruf Gottes in all dem?“ Gerade im Zuhören oder Lesen von Daniel Pittets Geschichte wird das eine notwendige Frage, denn Bittest Geschichte ist auch ein Glaubenszeugnis. Er ist ein Mann des Gebets, nach all den Vergewaltigungen, dem Verrat durch die Oberen, dem Kreuzweg betet er für seinen Peiniger. Was sagt das über Gott in der Welt? Über Leiden?

Und verschärft, wie Pater Zollner es formuliert, was sagt es über das Priestertum und das Amt, wenn wir es als Vermittler zu Gott, an Christi statt während der Messe, begreifen, wenn diese Menschen andere missbrauchen und ihnen so zu allem anderen auch noch den Weg zu Gott verstellen? Es sei befremdlich, so Zollner, wie wenig Stellungnahme es aus der Kirche zur spirituellen und theologischen Dimension von Missbrauch gebe.

Sein Vorschlage war, hier mehr auf Gott zu vertrauen, mehr auf Gott zu schauen denn auf den Menschen. Nach dem Hören der Geschichte von Daniel Pittet gebe ich zu, dass mir das im Augenblick schwer fällt, die leichte Schwere seiner Erzählung ist noch ganz bei mir. Aber Zollner hat schon recht, hier ist noch was, was zu tun ist.

Also denn, Theologen, seid ermutigt! Lest und hört und dann denkt. Pittet und andere haben Zeugnis abgelegt, ein Zeugnis unter Zittern unter der Gefahr der Re-Traumatisierung, wie Zollner es nennt. Wie steht es da um Erlösung? Um die Anwesenheit Gottes in der Welt?

 

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Jede Hilfe zählt

Ein Text des Dalai Lama in der FAZ

Der Dalai Lama Text

Langa habe ich nichts mehr von ihm gehört. Der Dalai Lama war jahrelang immer wieder präsent, in den letzten vielleicht zehn Jahren hat das nachgelassen. Am Montag war er wieder einmal in Deutschland zu lesen, weil er ein buddhistisches Zentrum in Frankfurt einweihte und einige Veranstaltungen abhielt, erschien ein Text von ihm in der FAZ.

Zunächst hatte ich den Autor überlesen und ertappte mich beim Kopfnicken: Innere Abrüstung ist eine schöne Formulierung für ein wichtiges Anliegen.

Kurz: Es beginnt halt drinnen, in uns, wenn es um Gewalt und Frieden geht. Ob das die Sprachwahl im Internet oder das Verghalten draußen ist: die innere Haltung des Friedfertigen will eingeübt und dann ausgeübt sein.

Mit gefällt das Wort „kultiviere“. Mein Ordensgründer hätte „einüben“ gesagt, was strenger klingt, aber denselben Effekt hat: Etwas zum Teil des Lebens werden lassen klingt an. Auch Sorgfalt und Aufmerksamkeit, wenn man den Begriff aus der Pflanzenzucht herüber bringt.

Auch dass er so unbeschwert von einer „Erziehung des Herzens“ redet, das trauen wir Christen uns schon gar nicht mehr, weil es so schräg klingt. Das Herz? Irgendwie kitschig. Und dann noch „erziehen“? Aber er hat recht, wenn man es im Zusammenhang mit dem Wort „kultivieren“ sieht. Es kommt nicht von selber, es braucht liebevollen Einsatz und Aufmerksamkeit auf sich selbst.

 

Große Worte, große Ideen

 

Mir gefällt auch sehr der Ehrgeiz, der hinter den Worten steckt. Ehrgeiz deswegen, weil der Dalai Lama nicht nur von unseren eigenen Leben  spricht, sondern von den „Krisen der Menschheit“. Das ist groß gedacht, er hat keine Angst, die ganz dicken Fische anzugehen. Eine vollständig demilitarisierte Welt: das ist eine Vorstellung, die ich gerne teile. Hier geht es nicht nur – wie ihm oft vorgeworfen wird – um love, peace and happieness, hier geht es um viel mehr.

Es geht um die grundsätzliche Gleichheit aller Menschen. Etwas, was man heute wieder sagen muss, weil nicht alle das im Herzen haben, um in der Sprache zu bleiben. Es geht – und an dieser Stelle muss ich einfach den Papst anführen – um die falsche Vorstellung, Wirtschaftswachstum mache die Menschen glücklich und führe zu mehr Gleichheit. Das Gegenteil sei der Fall. Und so weiter, und so weiter.

Man muss kein Buddhist sein, um im Dalai Lama und in diesem Text einen Verbündeten zu sehen.

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Die Sache mit dem Frieden

„Die Bischofkonferenz von XZ ruft zum Frieden auf“: Das sind so Meldungen, die wenn sie auf meinen Schreibtisch kommen ich gerne ‚in die runde Ablage lege’, weil es so selbstverständlich klingt. ‚Bischofskonferenz spricht sich gegen Frieden aus’, das wäre eine Meldung. Eine unsinnige, aber sie würde Aufmerksamkeit erregen.

Was ich damit sagen will: Wenn Kirche für Frieden ist, wenn sie für Frieden spricht, dann kann das gerne ins Selbstverständliche und abstrakte abgleiten. Für Friedern, Toleranz, Geschwisterlichkeit ist man immer.

Vor Tätern und Opfern: Papst Franziskus in Villavicencio

Vor Tätern und Opfern: Papst Franziskus in Villavicencio

Nun ist Papst Franziskus in ein Land gereist, wo Frieden auf der Tagesordnung steht. Ein Abkommen dazu ist geschlossen, eine weitere Rebellengruppe scheint zumindest bereit zum Frieden zu sein. Der Papst hatte da seinen Anteil dran, das gab auch Staatspräsident Santos zu: Kolumbien scheint auf einem guten Weg, auf einem Weg zum Frieden.

In all seinen Reden hat Papst Franziskus während seiner Reise durch das Land vom Frieden gesprochen. Und er hat noch einen drauf gelegt, denn Frieden allein bleibt ja wie gesagt abstrakt. Der Weg dahin, das ist das Schwierige. Und den hat der Papst mit ‚Versöhnung’ benannt.

 

Frieden ist abstrakt, Versöhnung nicht

 

Frieden ist einfach, da sind wir alle für. Bei Versöhnung ist das schon anders. Nehmen wir etwa das, was der Papst am Freitag in Villavicencia, einer früher stark umkämpften Stadt, vor Tätern und Opfern der Kämpfe gesagt hat: Es ist schwer zu akzeptieren, dass die Täter, die mit den Waffen, jetzt Frieden finden und nicht Bestrafung. Das war ja auch das Problem und ist noch das Problem bei der Akzeptanz des Friedensprozesses im Land, viele wollen Bestrafung, und dafür gibt man natürlich nicht seine Waffen ab. „Es ist schwer, den Wandel derer zu akzeptieren, die grausame Gewalt angewendet haben“, ein klarsichtiger Satz der vielen sicherlich aus dem Herzen spricht.

Der Papst hat dazu etwas Bemerkenswertes, aber auch Gewagtes gesagt: Alle sind Opfer, „schuldig oder unschuldig, aber alle Opfer. Alle vereint in diesem Verlust von Menschlichkeit, den die Gewalt und der Tod mit sich bringen.“ Das ist gewagt, weil der Satz natürlich missverstanden werden kann, Täter und Opfer tragen eben nicht dieselbe Verantwortung für die Gewalt. Aber der Nachsatz, der Verlust an Menschlichkeit, hier stimmt der Satz eben und diese Einsicht ist der Kern für Versöhnung.

 

Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Wahrheit

 

„Auch wenn Konflikte, Gewalt oder Rachegefühle fortbestehen, dürfen wir nicht verhindern, dass Gerechtigkeit und Barmherzigkeit sich umarmen und so die Leidensgeschichte Kolumbiens auffangen.” Also: die Konflikte gibt es weiter, auch die Rachegefühle sind da, sie sind verständlich. In sich sind sie aber noch kein Hindernis für den Versöhnungsprozess, sondern erst dann, wenn man ihnen nachgibt und sie die Realität und Mentalität beherrschen lässt, so verstehe ich den Papst. Weiterlesen

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Jesus ist kein Angst-Macher

Es war ein langer Text. Papst Franziskus hat an diesem Donnerstag – für uns Europäer in der Nacht – die Bischöfe Lateinamerikas angesprochen und eine Art Grundsatzrede gehalten. Eine Art? Es war irgendwie eine Fortsetzung der Rede, die er vor vier Jahren vor denselben Bischöfen in Rio de Janeiro gehalten hat, und das hat er auch genau so formuliert.

Der Papst ist in Kolumbien, und Kolumbien ist auch das Thema, selten spricht der Papst in Predigten so konkret über die Situation eines Landes wie er es gestern Nacht bei der Messe getan hat. Die Ansprache vor dem Lateinamerikanischen Bischofsrat CELAM aber war an alle gerichtet. An ganz Lateinamerika, und überhaupt an die Kirche.

Während ich den Text bei der Live-Übertragung vorlas, war es aber weniger der Gesamt-Text, der mich gepackt hat. Vielleicht lag es an der nächtlichen Stunde, aber bei mir haben sich dieses Mal vor allem einzelne Sätze festgehakt.

 

Perlen-Sätze

 

Papst Franziskus und die CELAM Bischöfe: Donnerstag Abend in Bogotá

Papst Franziskus und die CELAM Bischöfe: Donnerstag Abend in Bogotá

Er sprach gegen die Ideologisierung der Botschaft des Evangeliums, gegen den kirchlichen Fundamentalismus, den Klerikalismus, es sind Sätze wie aus Evangelii Gaudium. Und auch dieser Satz, hätten im Papstschreiben stehen können, und vielleicht tut er es auch in leichter Variation: „Denn ohne Freude zieht man niemanden an“. All die Griesgrämigkeit, die Verbissenheit, das Besserwissertum haben auf einmal keine Kleider mehr an.

Da kann er noch so sehr gegen „Sakralfunktionäre“ sprechen, gegen „Konzeption der Kirche als einer Bürokratie“ oder die Kirche als „eine nach modernen Unternehmenskriterien durch eine klerikale Kaste geleitete Organisation“, das alles ist richtig und wahr und wie in Evangelii Gaudium, aber die Dramatik steckt in anderen Sätzen.

Satz Zwei zum Beispiel, den mein Stift noch beim Vorlesen umrahmt hat, begründet sein drastisches Sprechen von all diesen Versuchungen, die ich gerade aufgezählt habe. Die Begründung ist einfach: „Weil die Erlösung, die Christus uns bringt, immer auf dem Spiel steht.“ Da schweigt der Kritiker. Die schlichte, wahre Aussage: Es kann auch schief gehen. Der Triumph Christi ist nicht gleich auch der Triumph der Kirche, nicht gleich auch unser Triumph, wir können das – einzeln und als Gruppe – verspielen. Weiterlesen

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Unterwegs: Kolumbien

Papst Franziskus ist an diesem Mittwoch nach Kolumbien aufgebrochen, zu dem Zeitpunkt zu dem ich diese Zeilen schreibe, ist er in der Luft. Die Landung wird gegen Mitternacht unserer Zeit sein.

Im Papstflieger, danke an die Kollegen für das Bild

Im Papstflieger, danke an die Kollegen für das Bild

Kolumbien – das bedeutet eine Vergangenheit der Gewalt, es bedeutet ein katholisches Land, es bedeutet aber auch einen Aufbruch gen Frieden.

Zweit Themen stehen deswegen im Vordergrund, beide beginnen mit „Versöhnung“, und beide haben mit Gott zu tun.

Erstens ist da die Versöhnung untereinander, mit dem Nächsten, weil wir alle Kinder Gottes sind. Politischer Frieden ist ein erster Schritt und der Präsident Kolumbiens, Santos, hat lange für diesen Frieden gearbeitet und auch Widerstände im eigenen Land überwinden müssen. Für seine Anstrengungen hat er den Friedensnobelpreis bekommen. Zurecht. Aber jetzt geht es eben weiter, Menschen die gestern noch gegeneinander gekämpft haben, begegnen sich nun im Parlament. Ehemalige Rebellen, die nichts mehr haben, kommen in ihre Dörfer zurück. Das Land muss Versöhnung lernen und der Papst kommt nach Kolumbien, um seinen Beitrag zu leisten.

 

Frieden und Schöpfung

 

Zweitens ist da die Versöhnung mit der Schöpfungt. Schon in seiner Videobotschaft vor der Reise hat er diese Dimension betont. Es ist ja nicht so, also ob das überragende Thema Frieden andere Thema unwichtig machen würde. Es geht um die Urwälder, es geht um Wasser, um Bergbau, und immer um die dem Menschen anvertraute Schöpfung Gottes.

Beides hat mit Namen Gottes zu tun, Gott ist der Frieden und die Versöhnung, Gott ist der Schöpfer. Kolumbien hat nach Jahren und Jahrzehnten der Gewalt einen bemerkenswerten Schritte getan, jede Hilfe zu weiteren Schritten ist dort willkommen.

¡Buen viaje!, Papst Franziskus.

 

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Liturgie: Vergiftetes Thema

Es ist wie ein Schlag auf ein Wespennest. Kaum ein Thema schafft auf einen Schlag so viel Erregung wie das Thema Liturgie. Selbst das Thema Flüchtlinge muss da zumindest im innerkirchlichen Bereich etwas zurück stecken, obwohl auch das gerne Aufreger bringt. Liturgie ist da viel Erregungs-geladener. Wie jetzt wieder, als Papst Franziskus in aller Deutlichkeit „mit lehramtlicher Autorität“ die Liturgiereformen des Zweiten Vatikanischen Konzils für unumkehrbar erklärte.

Papstmesse: immer klar und keine Spielchen

Papstmesse: immer klar und keine Spielchen

Was ist es nur, dass einige Menschen vor allem bei Facebook komplett aus der Bahn fahren lässt? Ich verstehe es schlicht nicht. Dass es da viel Wirrnis gibt und Leute, die sich im echten Leben nie begegnet sind, aufeinander eindreschen und Sprache benutzen, die einen schlucken lässt, ist ja leider traurige Realität, aber ausgerechnet beim Thema Liturgie?

Da wird über Gottesdienst und Feierlichkeit gesprochen und gleichzeitig lässt die Wortwahl eine Angemessenheit völlig vermissen. Was ist es nur, dass das Thema Liturgie so vergiftet hat?

Blicken wir kurz zurück: Papst Benedikt XVI. hatte versucht, das Thema etwas aus der Schussbahn zu nehmen. Speziell durch die Zulassung der außerordentlichen Form des Ritus, zum anderen aber auch allgemeiner durch das Sprechen von der Hermeneutik der Reform, die kein Bruch sei.

 

Reformbemühungen

 

Sein Ziel hat er dadurch nicht erreicht, die außerordentliche Form des Ritus – der nicht etwa wie einige Traditionalisten sagen ein eigener Ritus ist, sondern nur eine Form des einen Ritus – hat die Lage nicht beruhigt. Siegesgeheul auf der einen, Depression oder Ärger auf der anderen Seite.

Schon hier kann man sehen, wie viele Emotionen im Spiel sind.

Jüngster Anlass, wie gesagt, war die für Papst Franziskus sehr ungewöhnliche Wortwahl von „lehramtlicher Autorität“. Das ist selten bei ihm, so selten, dass es sofort auffällt. Im Gedächtnis geblieben ist vielleicht die Schlussansprache bei der ersten Familiensynode, da hat er Kirchenrecht und Erstes Vatikanum zitiert. Jetzt also zum Thema Liturgie, die Reformen des Zweiten Vatikanums seien unumkehrbar. Das passt dazu, dass der Papst schon mehrfach hat bestätigen lassen, dass es keine „Reform der Reform“ geben werde, was Liturgie angeht. „Reform der Reform“ ist Code geworden für ein Zurückdrehen der Reformen.

Aber was hat der Papst denn betont? Erstens dass die Gemeinde keine Zuschauer sind, sondern aktiv teilhaben, direkt aus dem Konzilstext entnommen (Sacrosanctum Concilium 48). Zweitens betont er den Respekt vor gesunder Tradition und legitimem Fortschritt, auch das direkt aus dem Konzilstext. Die Umsetzung des im Konzil begonnenen brauche aber noch Zeit, liturgische Bücher seien das eine, der Wandel der Mentalität das andere, das ist sein dritter Punkt, „liturgische Bildung von Hirten und Gläubigen ist eine Herausforderung, die immer neu angegangen werden muss“.

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Der Papst und die Bombe

Ob Nordkoreas Diktator Kim Jong-un sich speziell den UNO-Tag gegen Atomwaffentests ausgesucht hat, um wieder einmal eine Rakete fliegen zu lassen, können wir nicht wissen. Wissen tun wir aber, dass es bei all diesen Provokationen und Machtspielen immer um Nuklearwaffen geht.

Erst im vergangenen Jahr hat Nordkorea zwei Atomwaffentests durchgeführt, oder besser: behauptet, sie durchgeführt zu haben. Messungen woanders beweisen nicht unbedingt, dass die auch ein Erfolg waren.

Papst Franziskus 2015 vor der UNO

Papst Franziskus 2015 vor der UNO

Die UNO wollte 2009 durch einen Beschluss der Generalversammlung erreichen, dass nukleare Tests eingestellt werden. Solche Tests braucht man, um die Waffe auch einsatzbereit zu machen. Ein Teststopp würde also letztlich zum Abschaffen dieser Waffen führen. Also ein guter Plan.

Wenn jetzt wieder Raketen fliegen und bei jeder neu entdeckten Rakete die Frage auftaucht, ob die nicht vielleicht einen nuklearen Sprengkopf nach Nordamerika tragen könnte, dann wird diese Frage und damit der Tag gegen Atomwaffentests wieder aktuell.

 

So kann man keinen Frieden machen

 

Die „Androhung wechselseitiger Zerstörung“ könne nicht die Grundlage friedlichen Zusammenlebens zwischen Völkern und Staaten sein. So hat sich Papst Franziskus bereits 2014 in die Debatte eingeschaltet. Die Jugend von heute und morgen verdiene eine friedliche Weltordnung. „Jetzt ist die Zeit, auf die Logik der Angst mit der Ethik der Verantwortung zu antworten“. Kling wie auf die aktuelle Situation gemünzt: „Logik der Angst“, das sieht man dauernd im TV.

In seinem Statement damals an die ‚Konferenz über die humanitären Auswirkungen von Nuklearwaffen’ in Wien schraubt der Papst auch sozusagen das Weitwinkelobjektiv vor die Problematik, es geht halt nicht nur um diese Waffen. „In Atomwaffen zu investieren, verschwendet den Wohlstand der Nationen“, schreibt Franziskus. Die Mittel wären weit besser investiert in menschliche Entwicklung, Bildung, Gesundheit und den Kampf gegen extreme Armut. Es seien die Armen und die Schwachen am Rand der Gesellschaft, die für atomare Hochrüstung den Preis bezahlen würden. Auch das gehört in die Debatte von heute hinein.

Und ja, der Papst blickt auch ganz konkret auf die Situation in Korea. Weiterlesen

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