„Das für euch und für viele vergossen wird“

„Nehmet und trinket alle daraus: das ist der Kelch des neuen und ewigen Bundes, mein Blut, das für euch und für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.“ So wird es in Zukunft auch in deutschsprachigen Messfeiern heißen. Papst Benedikt XVI. hat in einem Brief an die deutschsprachigen Bischöfe seine Entscheidung mitgeteilt. Aber der Brief ist mehr als eine Entscheidung, er ist Katechese, Einladung zum Mit-Denken, Theologie und Mystagogie, also Einführung in den Glauben über die Sakramente.

 

„Dass Jesus Christus als menschgewordener Sohn Gottes der Mensch für alle Menschen, der neue Adam ist, gehört zu den grundlegenden Gewissheiten unseres Glaubens.“

So heißt es im Papstbrief. Jesus ist „für alle hingegeben“ (Röm 8:32), „für alle gestorben“ (2 Kor 5:14, ähnlich 1 Tim 2:6). Ausführlich zitiert Benedikt XVI. in seinem Brief an die deutschsprachigen Bischöfe Schriftstellen, die deutlich sagen, dass Christi Hingabe allen gilt. Trotzdem will Papst Benedikt, dass bei der Neuübersetzung des Messbuches die Einsetzungsworte geändert werden, wo bislang „für alle“ gesagt wurde, soll nun „für viele“ gesagt werden. Warum?

In der Vergangenheit hatte dieser Streit nicht nur in den deutsprachigen Überstzungskommissionen zu Diskussionen geführt. Auch die Bischöfe waren unter sich nicht einig und haben diese Uneinigkeit auch dem Papst bei einem Besuch mitgeteilt, auch das erwähnt der Papst in seinem Brief. Anlässlich der bevorstehenden Herausgabe des neuen Gotteslobes – in dem wie beim alten auch die Messtexte enthalten sein werden – möchte der Papst nun Klarheit. Es ist erstaunlich, dass der Papst durch diese einleitenden Bemerkungen Einblick gewährt in die Diskussionen zwischen ihm und den Bischöfen. Er möchte, dass seine Entscheidung nachvollziehbar wird. Der Brief ist für die Bischöfe geschrieben, aber seiner Form nach für alle bestimmt, denen die Messfeier ein Anliegen ist. Er wirbt darum, dass wir seine Entscheidung nachvollziehen.

 

Ein Brief im Katechesestil

 

Der Papst ist eindeutig, er wünscht das „pro multis“, also die Übersetzung „für viele“. Der Brief ist seinem Stil nach aber sehr katechetisch gehalten, nicht belehrend, nicht bestimmend, sondern erläuternd.

Benedikt XVI. beginnt damit, dass er erklärt, dass das „für alle“ der Vergangenheit eine gute und richtige Entscheidung war. Aber er ordnet sie auch unter „Interpretation“ ein. Diese sei gerechtfertigt gewesen, aber bei einer Neuübersetzung habe man sich nun für andere Grundsätze entschieden. Abwägend sind seine Worte und Argumente, er wendet sich beiden Seiten zu und findet auf beiden Seiten auch Plausibilitäten. Sein Brief ist keine Entscheidung von Oben über die Köpfe hinweg. Er will seine Leser mitnehmen in den Entscheidungsprozess.

Den Grund dafür nennt er auch: Es geht um das Innerste des Christlichen, um das gemeinsame Gebet. Hier dürfe es keine Spannungen geben.

 

Der Kern der Argumentation

 

„Auch die einfühlsamste Übersetzung kann die Auslegung nicht ersetzen: Es gehört zur Struktur der Offenbarung, dass das Gotteswort in der Auslegungsgemeinschaft der Kirche gelesen wird, dass Treue und Vergegenwärtigung sich miteinander verbinden. Das Wort muss als es selbst, in seiner eigenen vielleicht uns fremden Gestalt da sein; die Auslegung muss an der Treue zum Wort selbst gemessen werden, aber zugleich es dem heutigen Hörer zugänglich machen.“

 

Der Papst möchte also eine Übersetzung, keine Auslegung. Die Auslegung liegt dann bei der feiernden Gemeinde, die aber gleichzeitig der Überlieferung – der heiligen Schrift – treu sein will.

Diese Umstellung wird Kritik hervorrufen, so der Papst. Er sei sich bewusst

„dass sie eine ungeheure Herausforderung an alle bedeutet, denen die Auslegung des Gotteswortes in der Kirche aufgetragen ist. Denn für den normalen Besucher des Gottesdienstes erscheint dies fast unvermeidlich als Bruch mitten im Zentrum des Heiligen. Sie werden fragen: Ist nun Christus nicht für alle gestorben? Hat die Kirche ihre Lehre verändert? Kann und darf sie das? Ist hier eine Reaktion am Werk, die das Erbe des Konzils zerstören will? Wir wissen alle durch die Erfahrung der letzten 50 Jahre, wie tief die Veränderung liturgischer Formen und Texte die Menschen in die Seele trifft; wie sehr muss da eine Veränderung des Textes an einem so zentralen Punkt die Menschen beunruhigen.“

Diese Passage zeigt, wie sehr den Papst die Vorwürfe treffen, er wolle hinter das Konzil zurück. Und sie zeigt, dass er darauf reagiert. Die Grabenkämpfe, so unvermeidbar sie manchmal sind, dürfen bei dieser Entscheidung nicht im Wege stehen.

 

Nur mit liturgischer Einführung

 

Dem Entspricht auch die Verpflichtung, vor der Umstellung eine Katechese zu verlangen:

„Das Vorausgehen der Katechese ist die Grundbedingung für das Inkrafttreten der Neuübersetzung. … Die Absicht meines Briefes ist es, Euch alle, liebe Mitbrüder, dringendst darum zu bitten, eine solche Katechese jetzt zu erarbeiten, um sie dann mit den Priestern zu besprechen und zugleich den Gläubigen zugänglich zu machen.“

Es folgt eine geistliche und theologische Auslegung der Wandlungsworte, es geht um die verschiedenen Schriftzeugen, um die feiernde Gemeinde, es geht um Verständnis und Treue. Das mag ich hier nicht zusammenfassen, hier lohnt sich wirklich die Lektüre des nicht allzu langen Briefes.

 

Papst Benedikt persönlich

 

Ein abschließendes Wort: Der Brief des Papstes hat eine ungewohnte Form. Ich erinnere mich nur an zwei Briefe, die ähnlich klangen. Der erste war der Brief im März 2009 als der Papst auf Vorwürfe antwortete, die ihm im Verlauf der Williamson-Krise entgegengebracht wurden. Ähnlich persönlich, aber auch ähnlich im Verstehen und Verständnis werbend. Der zweite war der Brief an die irische Kirche im vergangenen Jahr. Vielleicht kann man auch noch die Predigt des Papstes während der Chrisam-Messe anführen, auch hier geht er ähnlich werbend und denkend vor.

Er nimmt uns – die Leser – mit in seinen Gedankengang. Er tut dies in ungewöhnlicher Form, normalerweise sind Texte von Benedikt XVI. sehr linear aufgebaut, Argument folgt Argument, die Gedanken bauen aufeinander auf, was dem Lesen sehr entgegen kommt. Dass er Rückgriffe macht, noch einmal einen vorherigen Gedanken aufgreift, das klingt ungewöhnlich, verfehlt aber nicht seine Wirkung.

 

Wen es interessiert, was der theologische Hintergrund hinter den Einsetzungsworten der Messe ist, für den ist der Papstbrief eine wunderbare Mystagogie.

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