Die Mühen der Ebene

Die Sommerpause hatte mit einem Paukenschlag begonnen. Erst verließ Kardinal Pell auf eigenen Wunsch den Vatikan – vorübergehend – um sich einem Prozess in Australien zu stellen. Und kurz darauf entschied der Papst, Kardinal Gerhard Ludwig Müller keine zweite Amtszeit als Chef der Glaubenskongregation zu geben, sondern diese Erzbischof Luis Ladaria SJ anzuvertrauen.

Was ist da nicht alles zu geschrieben worden! In den deutschsprachigen Medien eher zurück haltend, wenn ich das mit dem großen Aufreger vergleiche, genau fünf Jahre zuvor, als Papst Benedikt XVI. Müller ernannt hatte. Das gab jede Menge Beschwerden zur Berichterstattung dieses Ereignisses, das ZDF kann da ein Lied von singen. Wie gesagt: aufmerksam, ausführlich, aber trotz allem eher zurück haltend.

In anderen Medien war das ganz anders. Da wurde das hochstilisiert zum Finalen Kampf derer, welche die eine Lehre hoch halten und verteidigen, gegen die Anpasser und Zeitgeist-Priester. Müller habe Jesus gegen den Papst verteidigt und so weiter.

Und die Üblichen melden sich auch wieder, der Häretiker Müller sei vom Häretiker Papst gefeuert worden, und so weiter, fast schon amüsant. Amüsant ist auch zu beobachten, dass ausgerechnet die, welche sich damals – vor fünf Jahren – über die Nähe von Kardinal Müller zur Befreiungstheologie beschwert haben, jetzt seinen Weggang beklagen. Wenn es halt in den Kram passt, wir Menschen vergessen sowas halt gerne … .

 

Autoritär?

 

Das sei ein autoritärer Akt gewesen, wird dem Papst vorgeworfen. Von Menschen, die selber ein sehr autoritätshöriges Verständnis von Glauben und Kirche fordern, aber halt nur, wenn es ihnen selbst passt.

Das liegt jetzt alles zurück. Die Glaubenskongregation arbeitet weiter, Erzbischof Luis Ladaria hat sein Amt angetreten, und die Erde dreht sich weiter. Wir sind in den Mühen der Ebene, wir hüpfen nicht von Einzelaufreger zu Einzelaufreger.

Es ist schwierig, die Arbeit und die Entscheidungen des Papstes zu verstehen, wenn man Einzelstücke hochspielt. Das sind komplexe Stücke, die sich aus vielen Einzelfaktoren zusammen setzen. Das in ein schon fix und fertiges Weltbild einzubauen, mag bequem sein, geht aber an der Wirklichkeit vorbei.

Und das ist mein größter Vorwurf an all diejenigen, die immer wieder eine Verschwörung wittern, wie auch an all die, die jetzt die große Befreiung sehen: Der Glaube spielt in der Wirklichkeit, Wahrheit ist Begegnung, die Wirklichkeit ist wichtiger als die Idee; ganz egal, wie man das formuliert, aber wer sich in einfache Erklärungen flüchtet, weil die die Welt so schön einfach machen und ich mich so schön aufregen kann, der verpasst die Wirklichkeit. Und schadet sich selber.

 

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15 Kommentare zu Die Mühen der Ebene

  1. carn sagt:

    „Das sei ein autoritärer Akt gewesen, wird dem Papst vorgeworfen. Von Menschen, die selber ein sehr autoritätshöriges Verständnis von Glauben und Kirche fordern, aber halt nur, wenn es ihnen selbst passt.“

    Die Frage ist immer, welchen Maßstab man ansetzt. Setzt man den einiger Papst“kritiker“ an, dann war es natürlich völlig unproblematisch.

    Setzt man als Maßstab an, dass Papst Franziskus ein Papst sei auf den zuträfe:
    http://blog.radiovatikan.de/das-franziskus-paradox/
    „Ein Veränderer des Amtes

    Das macht ihn zu einem Veränderer des Amtes. Das mag unbequem sein, wenn man Klarheit erwartet, Autorität eben, aber es ist wahrscheinlich die einzige Weise, der Komplexität unserer Zeit zu begegnen.

    Die Autorität inne haben, sie aber nicht nutzen, sondern sie Prozessen, Entwicklungen und Schwächen zu unterwerfen, das ist das Franziskus-Paradox.“

    dann wäre das eventuell nach seinen eigenen Maßstäben nicht richtig gewesen; denn es war eine Nutzung der Autorität und zwar ganz ohne sie Prozessen, Entwicklungen und Schwächen zu unterwerfen, wie z.b. Kardinal Müller vielleicht einen Monat und nicht drei Tage vor Ende die Entlassung mitzuteilen oder gar in einen Dialog mit Kardinal Müller führen, damit der auch nachher weiß, warum er entlassen wurde, warum so kurzfristig, etc.

    Und hinsichtlich der „klassisichen“ Sichtweise von Gottes Stellvertreter auf Erden, der sich absolut niemanden in dieser Welt gegenüber zu rechtfertigen braucht, war es auch keine Veränderung des Amtes.

    Ist halt eine Frage, welchen Maßstab man anlegt.

    „Und das ist mein größter Vorwurf an all diejenigen, die immer wieder eine Verschwörung wittern, wie auch an all die, die jetzt die große Befreiung sehen: Der Glaube spielt in der Wirklichkeit, Wahrheit ist Begegnung, die Wirklichkeit ist wichtiger als die Idee; ganz egal, wie man das formuliert, aber wer sich in einfache Erklärungen flüchtet, weil die die Welt so schön einfach machen und ich mich so schön aufregen kann, der verpasst die Wirklichkeit. Und schadet sich selber.“

    Also einigen Verschwörungs“fans“ kann man absolut nicht vorwerfen, ihre Erklärung seien einfach; man denke z.b. an die Verschwörungen um 9/11; zwei riesige Türme über Wochen sauber mit Sprengladungen präparieren ohne dass irgendwer irgendwas mitbekommt, ist was ziemlich komplexes.

    Und auch die „kirchlichen Verschwörungstheorien“ sind teilweise komplexer Natur; aber ich mach mal keine Beispiele.

    • Pater Hagenkord sagt:

      Vielleicht hätte ich das präziser fassen sollen: Die Verschwörungen sind in der Tat teilweise hochkomplex, Ockhams Rasiermesser müsste man mal zur Anwendung bringen. Was ich mit „einfach“ meine ist, dass sie auf alles drauf passen. Was auch immer passiert, wird eingeordnet entweder als „fake“ oder als Beweis. Mein Lieblingsbeweis: Das Buch von Herrn Fittipaldi mit dem gefälschten Dokument zur 1983 entführten Vatikan-Bürgerin Emmanuela Orlandi. Eben weil es so offensichtlich eine Fälschung ist, muss die Geschichte wahr sein. So eine Logik raubt den Atem. Das meine ich mit „einfache Erklärung“, man muss sie nicht ändern, sie passt halt drauf.

    • Amadeus sagt:

      @carn: Wenn die Begriffe nicht stimmen, stimmt das Denken nicht. Wenn das Denken nicht stimmt, dann stimmt das Handeln nicht. Wenn das Handeln nicht stimmt, dann gerät die Welt in Unordnung – so oder so ähnlich irgendein guter Beobachter menschlichen Handelns. Die Nichtverlängerung eines Terminvertrages ist keine Entlassung. Niemals und nirgends.
      Ich jedenfalls bin froh, dass sich das Papstamt verändert. Als Treppenwitz der Geschichte betrachte ich das Verhalten reaktionärer Kreise, die bis B XVI dem Papst gegenüber eine unwürdige, ja geradezu peinliche Verehrung zeigten („Süßer Christus“)und nun durchaus handfest seine Position, weniger „kindlich“ eher kindisch, nach Kräften untergraben (wollen).

      • carn sagt:

        „Die Nichtverlängerung eines Terminvertrages ist keine Entlassung. Niemals und nirgends.“

        Ok.

        Ändert aber nichts daran, dass wenigstens bei meinen vielen Erfahrungen mit befristeten Verträgen es in jedem Fall ein absolutes Unding gewesen wäre, eine Entscheidung über die mögliche Verlängerung sehr kurzfristig mitzuteilen UND den anderen ziemlich im unklaren zu lassen, warum denn eine Verlängerung nicht drin war und arbeitsrechtlich ist bei befristeten Verträgen, die häufig verlängert werden, eigentlich Nebenpflicht des AG den AN nach Möglichkeit nicht erst kurzfristig über die Verlängerung zu informieren).

        Heißt nicht, dass der Papst das als absoluter Souverän nicht natürlich machen darf; darf er; und soll er meinetwegen auch; aber entspricht gerade nicht einer Veränderung hin zu einer nicht autoritären Führung des Amtes.

        Und, es soll auch kein Vorwurf sein, sondern:
        „Wenn die Begriffe nicht stimmen, stimmt das Denken nicht.“
        lediglich eine Frage der korrekten Begrifflichkeit.

  2. Franziska sagt:

    Wann wird der Papst endlich die Reaktionäre aus der Kirche entfernen?

    • Pater Hagenkord sagt:

      Erstens: wer sollen diese „Reaktionäre“ sein? Der Begriff ist viel zu generell und meistens als Schimpfwort gebraucht, so kann man mit Mitgliedern der Kirche nicht umgehen. Und zweitens: der Papst will offene Auseinandersetzung, Paresie nennt er das mit einem griechischen Wort. Das betrifft naturgemäß alle, auch diejenigen, die ihn selber zu etwas zwingen wollen. Ich finde das dem Christentum angemessen.

      • carn sagt:

        „Und zweitens: der Papst will offene Auseinandersetzung,“

        Dann müsste er ja eigentlich die Publikation der berühmt-berüchtigten Dubia gut gefunden haben; denn offener geht es kaum und dem Kriterium „Auseinandersetzung“ genügt der ganze Vorgang sowie die Gegenreaktionen sicherlich.

        • Pater Hagenkord sagt:

          Nun ja, ob das als „Auseinandersetzung“ durchgeht? Ich halte das nicht für eine solche, sondern für den Versuch, Zwang auszuüben.

          • Hardenberg sagt:

            Sehr richtig! Die Dubia-ersteller wollen doch gar keine Diskussion, erst recht keine Belehrung, sondern Recht behalten. Und das ist: Zwang ausüben.

  3. Actuarius sagt:

    Wenn aber der Selbstorganisation der Materie eine Idee, gleichsam ein göttlicher Funken, vorausgeht, ist diese Idee für die raumzeitlich-materielle Wirklichkeit, zu der auch wir gehören, das Wichtigste.

  4. Roswitha Steffens sagt:

    Autorität liegt für mich in der Würde, die ich durch meine Haltung zur Sprache vermitteln kann, indem ich mit ihrer Hilfe zum Ausdruck bringe, was sie als Einheit wirklich trägt. Wir sind durch die Zeit untrennbar miteinander verbunden und doch entfernen wir uns mit ihrer Hilfe immer weiter voneinander. Sprache sollte daran arbeiten durch ihre einzigartige Bestimmung das Herz anzusprechen, denn mit seiner Hilfe entdecken wir aus innerer Überzeugung die Selbstbestimmung, die sich aus ihrer täglichen Erneuerung begreifbar macht, was unendlichen Geist im Denken um die eigene Wiederkehr im Ich erzeugen kann.

    Solange das Leben nicht als Zeit aus einer unbekannten Größe gesehen wird, die uns mitteilt, was wir als Mensch daraus machen können bleibt Objektivität zwar der Eintritt in eine Geschichte, jedoch nicht in die, die im Auge des Betrachters, sondern in den Händen der Wissenschaft liegt. Gott ist Würde aus der Menschlichkeit, die uns angeboren ist, um aus ihrer Zeit zu erleben wie unsere Lage sich darstellt. Das bedeutet die Wiedergeburt Jesus ist unsere Geschichte, die sich aus ihrer gemeinsamen Annahme ergibt, und aus der Einheit spricht, die in Würde täglich erneuert, was durch sie erwächst.

    Erwachsene tauschen mit den Kindern ihre Stimmen aus, um darin zu entdecken, was im Auge des Betrachtens das gemeinsame Wort führt, um Wahrheit aus eigener Kraft anzusprechen, die sich als Selbstbewusstsein daraus ergibt. Jeder erwachsene Mensch sollte demnach sein größtes Bemühen darauf verlegen, dass Kinder ihre Würde nicht durch das Selbstbewusstsein erwachsener Menschen verlieren, sondern dass das Leben den Bedarf an fehlender Menschlichkeit aus dem eigenen Bewusstsein definiert und ausgleicht.

    Sich auf eine Ebene mit seinen Gesprächspartnern zu bringen ohne die Einheit zu verletzen, deren Bewusstsein alle Ebenen miteinander verbindet, das dürfte die wohl anspruchsvollste Aufgabe für jeden sein, der sich mit Würde als Teil des Universums auseinandersetzt. Menschen sind nur dann wirklich stark, wenn sie ihr Lebensspektrum so zu teilen vermögen, dass daraus individuell erwächst, was sich selbst ernähren kann.

    Es geht meines Erachtens heute nicht mehr darum eine globale Einheit für die Vielfalt zu finden, die das Leben bietet. Diese Vielfalt aus ihrem Bewusstsein heraus gesund zu halten, das erfordert zwingend den liebevollen Einsatz erwachsener Menschen durch die Geburt ihrer Kinder auch das eigene Lebensspektrum täglich neu zu entdecken.

  5. carn sagt:

    @Hardenberg

    Mich würde immer noch interessieren, wie jemand, der entsprechende Fragen hätte, diese stellen müsste, damit demjenigen dann nicht vorgeworfen wird, er/sie wolle gar nicht diskutieren. Und wen derjenige fragen sollte, öffentlich/nicht öffentlich, etc.

    Und das meine ich tatsächlich so: Wenn ich mich aufmachen wollte, um Antworten auf die Dubia zu finden, ich wüsste nicht wie ich irgendwen dazu fragen könnte, ohne dass derjenige gleich sonstwas vermutet.

    „sondern Recht behalten. Und das ist: Zwang ausüben.“

    Recht behalten zu wollen mit Zwang ausüben gleichsetzen, ist ein wenig merkwürdig.

    Z.b. vor Gericht will jeder Anwalt Recht behalten und muss das sogar aufgrund der Verpflichtung gegenüber dem Mandanten gegenüber; aber dadurch, dass beide Anwälte Recht behalten wollen, wird absolut gegen niemand Zwang ausgeübt; und für ein Gericht ist sowas völlig unproblematisch.

    Ist also eine merkwürdige Gleichsetzung.

    • Pater Hagenkord sagt:

      Aber es gibt doch jede Menge Debatten, akademische und auch außerhalb. Es ist doch nicht so, also ob sich damit niemand befassen würde.

      • carn sagt:

        Dann bin ich leider noch nicht auf die gestoßen, die ohne Beleidigungen ablaufen und die Argumente der jeweiligen Gegenseite auch tatsächlich erwiedern.

        Und um die Kurve zum Blogpost wieder etwas zu kriegen, das sieht Kardinal Müller eventuell ähnlich:

        http://www.ncregister.com/blog/edward-pentin/vatican-remains-silent-on-filial-correction

        “ the Holy Father to appoint a group of cardinals that would begin a “theological disputation” with his critics.“

        „with “some prominent representatives” of the dubia“

        „The Church needs “more dialogue and reciprocal confidence” rather than “polarization and polemics,” he continued, adding that the Successor of St. Peter “deserves full respect for his person and divine mandate, and on the other hand his honest critics deserve a convincing answer.”“

        • Hardenberg sagt:

          Pentin? Den halte ich nicht für seriös. Natürlich ist es Zwang ausüben, wenn man den Papst dazu zwingen will, durch öffentlichen Druck eine gute und richtige Position aufzugeben.

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