Die Religion und der liberale Staat: Jürgen Habermas meldet sich zu Wort

Religion darf auch in einer liberalen Gesellschaft nicht in die Privatsphäre verbannt werden. Mit dieser Aussage meldet sich der Philosoph Jürgen Habermas in der aktuellen Debatte um Beschneidung und die Berechtigung von religiösen Traditionen in der säkularen Gesellschaft zu Wort. In einem in der Neuen Züricher Zeitung veröffentlichen Vortrag betont er, dass die Antwort des Laizismus, nämlich die Zurückdrängung des Religiösen, unbefriedigend sei. Die Mehrheitskultur dürfe „ihre Mitglieder nicht in der bornierten Vorstellung einer Leitkultur gefangen halten“, so Habermas mit Bezug auf das Kölner Urteil zur Zulässigkeit der Beschneidungspraxis. Der grundrechtliche Schutz gelte gerade auch für die weltanschauliche Identität der Mitglieder wie auch für deren Ausdruck. Das Kölner Gericht habe verkannt, dass „zusammen mit den eingebürgerten Muslimen auch der Islam zu Deutschland gehört.“

Gleichzeitig sei es Aufgabe der Glaubensgemeinschaften, die Grundsätze von Rechtsstaat und Demokratie „in den Kontext ihrer religiösen Hintergrundüberzeugungen“ einzusetzen. Die katholische Kirche habe dies zum Beispiel im Zweiten Vatikanischen Konzil vollzogen, so Habermas. Diese Einbeziehung säkular begründeter Werte in die Religion seie eine „Zumutung“, ohne die die Gesellschaft nicht auskommen könne.

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4 Antworten auf Die Religion und der liberale Staat: Jürgen Habermas meldet sich zu Wort

  1. Thomas sagt:

    … die Grundsätze von Rechtsstaat “in den Kontext ihrer religiösen Hintergrundüberzeugungen” einsetzen – was soll diese verschwurbelte Diskurs-Rhetorik, wenn es doch um nichts anderes (aber auch um nichts weniger!) geht, als dass die Gesetze des Rechtsstaats bitteschön eingehalten zu werden haben, von welcher Glaubensgemeinschaft auch immer.

  2. alex sagt:

    @ Thomas: Nein, es geht darum, dass in einem liberalen Staat keine wie auch immer geartete Mehrheit einer Minderheit das praktizieren ihres Glaubens verbieten darf- zumindest nicht, wenn es ein liberaler Staat bleiben soll. Es geht darum, dass ein Rechtsstaat nicht per se liberal ist, und darum ob wir in einem liberalen Staat leben wollen, oder in einem demokratischen Saudi Arabien, in dem eine säkularistische Mehrheit religiösen Minderheiten ihre Vorstellungen aufzwingt.

    • Thomas sagt:

      @ Alex: Ich kann nicht recht nachvollziehen, wo Sie in Saudi Arabien Spuren einer Demokratie entdecken und inwiefern die dort praktizierte Scharia auf eine “säkularistische Mehrheit” hindeutet. Ich bin ganz zufrieden, in einem Staat zu leben, in dem BGB und StGB das Miteinander regeln, und ich bin dankbar dafür ist, dass diese Regeln auch gegen konträr dazu stehende Vorstellungen religiöser Minderheiten durchgesetzt werden. Wenn wir damit anfangen würden, Verstöße gegen geltendes Recht mit irgendeiner Glaubenspraxis zu legitimieren, bekommen wir nicht etwa ein “mehr” an Liberalität, sondern bewegen uns auf sehr dünnem Eis: Ich brauche keine neue Variante eines Kulturkampfes.

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