Die vernetzte Religion

Letzter Akt meiner Reise war in der vergangenenKAS Berlin Woche die Teilnahme am „Adenauer-Lab“, einer Veranstaltung der Adenauer Stiftung in Berlin. Sechs Leute sollten nicht länger als zehn Minuten über Wandel und Veränderung durch Internet und soziale Medien sprechen. Unter anderem auch ich. Meinen Text – ich musste ihm beim Lesen kürzen, damit er unter zehn Minuten blieb – war Folgender:

 

Vorweg: Sie haben jemanden aus dem Vatikan gefragt. Meine Perspektive ist hier und heute die des Christentums. Internet-Rekrutierung durch Islamisten etc. ist ein Thema, aber nicht meins, nicht hier und heute.

Ich möchte Ihnen aus meiner Praxis fünf Beobachtungen vorstellen, zusammen gefasst in 5 Thesen.

 

These 1, oder die Frank Schirrmacher These

Es gibt vor allem in den USA die Vorstellung, die Zunahme der Wichtigkeit des Internets führe gleichzeitig zu einer Abnahme der Wichtigkeit von Religion. Zahlen glauben, das auch belegen zu können. Die Begründung dahinter: Religion wird durch Wissen besiegt, Internet stellt Wissen unkontrolliert und unzensiert zur Verfügung, daraus folgt eben ein Mehr an Aufklärung. Hier interessiert mich die zweite Annahme: Internet stellt Wissen zur Verfügung. Das tut es nicht.

Sie buchen eine Reise, sind dann bei Amazon unterwegs und bekommen Bücher zum Reiseziel angeboten. Das Phänomen kennen wir alle. Algorithmen bestimmen, was wir zu sehen bekommen.

In den USA gibt es bereits Software, die Nachrichten schreibt. Nachrichten schreibt, für Webseiten.

Packen wir das eine mit dem anderen zusammen, dann gehört nicht viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, dass in nicht allzu langer Ferne jeder von uns spezifische Nachrichten generiert bekommt. Sprachstil und Inhalt, je nach eigenen Präferenzen.

Und die Orientierung ist der Konsum. Nicht die Aufklärung. Auf die Religion angewandt: Es entsteht im Netz eine marktgerechte und konsumorientierte Form von Religion und Religionsdiskurs.

 

These 2, oder die Blog-These

Seit 2011 betreibe ich meinen eigenen (diesen) Blog. Da versammeln sich in der Kommentar-Spalte alle möglichen Meinungen. Und wenn ich im Netz auf anderen Blogs herumlese, oder besser noch auf anderen sich mit Glauben und Kirche befassenden Seiten, dann zeigt sich ein Bild: Selten kommt es zu einer wirklich interessanten Debatte. Web 2.0 ist also noch weit weg, wirkliches Engagement wird nur von einer wirklich sehr kleinen Gruppe betrieben.

Eine kleine Begebenheit: Bezüglich der Friedensgebete für den Nahen Osten im Vatikan habe ich das Beten der Sure durch einen Imam verteidigt, worauf die üblichen Muslim-ist-böse Kommentare kamen. Ich habe einen Islamwissenschaftler gefragt, der das erklärt hat und darauf kam der Kommentar eines Users, die Zeit der akademischen Wissenschaft sei vorbei, sie werde abgelöst durch den Privatgelehrten (wörtliches Zitat), der sich seine Informationen selbst besorge und nicht im Elfenbeinturm lebe. Also: Keine wissenschaftlichen Standarts mehr, keine peer-control, jeder darf sich seine Welt und sein Wissen zusammen basteln. In Bezug auf die Religion: Alle sind wir auf einmal Fachleute. Begründungen, Wissen, Argument, rigoroses Denken, intellektuelle und akademische Ausbildung, das alles wird zunehmend weniger wichtig. Religion wird zu einer persönlichen Welt, widi-widi-wie sie mir gefällt. Und das ist schädlich.

 

These 3, oder die Freiheits-These

Früher haben Journalisten entschieden, was Nachricht ist und was nicht. Journalisten haben Kriterien, etwas kommt in die Sendung oder ins Blatt, etwas anderes nicht. Medien hatten früher die Hoheit über Themen, Selbstbefragung und Selbstauslegung der Religion in den Medien fand nach den Regeln der Journalisten statt. Das ist nicht mehr so.

Ein Beispiel: Als der Papstwechesel im vergangenen Jahr anstand, haben die meisten Redaktionen in Deutschland das nicht für wirklich interessant gehalten. Die Menschen aber schon, das Internet hat das Interesse widergespiegelt und die Redaktionen mussten hinterher laufen. Es gibt kein Leitmedium mehr, das die Menschen und ihr Interesse ignorieren kann, Religion ist interessant, egal ob es den Nerds bei diversen online-Medien passt oder nicht. Das schafft Freiräume für mehr Diskurs.

Sie sehen, nicht alle meine Thesen sind negativ.

 

These 4, der die Zoo-These

Es ist ein Zoo da draußen. Es gibt Kampagnen und reine Kampagnen-Webseiten zu Religion und vor allem Kirche im Internet, Pöbeleien, jegliche Form von Schmähungen. Es gibt die Erregung, die Lautstärke, die Irren und Wirren, all diejenigen, die uns nicht denken lassen wollen sondern irgendwelche Gefühle, vor allem Angst, ansteuern. Das gibt ihnen nämlich Macht.

Da gibt es Goodwin’s law auch in Bezug auf die Religion.

Da gibt es, was ich „Relevanzverwirrung“ nenne, also das Durcheinander von Bedeutungen. Was bedeutet was für was?, da wird gerne mal ein Kurzschluss für einen Geistesblitz gehalten.

Da wird souverän von Inhalt auf Person umgestellt, man spielt den Mann, nicht den Ball, um aktuell zu sein.

Das macht etwas mit Religion, das lässt uns in der Wahrnehmung wie komische, wirre, merkwürdige und manchmal bösartige Diskurse erscheinen.

Das macht etwas mit Religion, vor allem der organisierten Religion, vor allem auch mit inner-religiösen / interkirchlichen Diskursen.

 

These 5, oder die neue-Heiden These

Es entstehen neue Religions-Cluster, Verbindungen, Gruppen, Interessen, die sich nicht an den traditionellen Vergemeinschaftsungsmustern und Hierarchien orientieren. Christen, die an Reinkarnation glauben oder an Astrologie, Neuerfindungen des Heidentums mit Druiden und so weiter. Neue Religionsformen entstehen, allerdings ohne „Realität“, also ohne Gemeinschaft, ohne die Schwierigkeiten des Alltags, ohne all das, was Religion ausmacht.

Online-Rituale wie etwa Postings für Verstorbene sind zwar bislang nur ein Randphänomen, nehmen aber zu und werden prägender. Es gibt zum Beispiel die Möglichkeit, über das Netz einen „Tzetel“ in der Westmauer, der so genannten Klagemauer, in Jerusalem zu hinterlegen. Oder in einem online-Hindutempel kann man Rituale per Kreditkarte ordern.

Das wird Auswirkungen auf die realen Religionen haben. Welche genau, das wissen wir noch nicht. Das testen und probieren wir noch.

 

Die Druckerpresse Ende des 15. Jahrhunderts veränderte Religion, das Sprechen und das Nachdenken über Religion. Jeder konnte auf einmal eine Bibel in der Hand halten (wenn er oder sie das Geld dazu hatte), Wissen wurde in bis dahin unbekanntem Maß verbreitet.

Genau dasselbe geschieht nun durch das Internet. Europa reagierte damals auf diese Verbreitung des Wissens mit der „Erfindung“ der Schule, wie wir sie heute kennen. Dasselbe muss meiner bescheidenen Meinung nach heute geschehen.

Schlussthese: Die richtige Weise des Umgangs und damit der positiven Nutzung des Internets für Religion und darüber hinaus für Glauben ist Bildung, Bildung, Bildung.

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6 Kommentare zu Die vernetzte Religion

  1. Selber Journalist kann und muss und will ich Pater Hagenkord voll und ganz zustimmen. Alle seine 5 Thesen sind einleuchtend, beschreiben die Phänomene korrekt und sollten uns zum Nachdenken führen. Die Öffentlichkeit, die Medien, die Kirche…

    • S.G. sagt:

      Veränderung durch Internet:
      Meine Kinder (18 + 20 Jahre alt) hängen den ganzen Tag vor dem PC. Wenn ich sie mal in der Küche antreffe, ist das Handy dabei und mit mir wird so „nebenbei“ gesprochen – das Handy immer im Blickfeld (es könnte ja eine neue APP angekommen sein!). Als meine Töchter für das Abitur lernten, wurde die „Lernerei“ immer wieder durch das „Handychecken“ unterbrochen – da bleibt sicherlich nicht viel „Hängen“ vom Gelernten… Die jungen Menschen bekommen durch das Internet so viele Möglichkeiten angeboten, dass sie gar nicht mehr sich selber leben (durch aktives Handeln), sondern nur immer das Leben anderer „stalken“ und Vergleiche mit ihrem Leben ziehen. Sie beginnen nicht zu handeln, weil vielleicht noch etwas Besseres kommen könnte! Es kommt nicht mehr zu Entscheidungen. Leider kann sich die Jugend dem nicht entziehen, da man ohne Gruppen-APP von den Aktivitäten, Treffen ausgeschlossen ist (einer meiner Töchter wurde das Handy im Urlaub gestohlen, so dass sie momentan handylos ist und sie deshalb die kurzfristigen Verabredungen nicht mitbekommt: „Ich fühle mich wie auf einer einsamen Insel ausgesetzt“). Ich mache auch die Feststellung, dass meine Kinder ganz gut im Diskutieren sind. Sobald es aber an die Umsetzung eines Diskussionspunktes geht, ist nur noch heiße Luft vorhanden…. Ein Beispiel: Meine Tochter ist Mitglied bei ProAsyl (sie regt sich zu Recht über die EU-Polizei auf, die die Flüchtlinge abwehrt). Als die Caritas vor Ort Helfer für eine afghanische Mutter mit 6 Kindern suchte, meinte meine Tochter, dass sie das nicht könne….. Pater Hagenkord hat Recht, wenn er sagt, dass das Internet etwas mit der Religion macht: Das Evangelium wird nur noch diskutiert und individuell, wie es einem passt, ausgelegt (Kuschelreligion). Das Evangelium wird nicht mehr aktiv gelebt. Das Christentum ist aber eine Religion, die den Nächsten im Fokus hat, da im Nächsten Gott gefunden werden kann. Das Internet bewirkt, dass man nur noch um sich selbst kreist. Wenn ein Problem auftaucht, zappt man einfach auf eine andere Internetseite oder man wird ausfällig, da man im Internet so ziemlich anonym bleiben kann…

    • Otto sagt:

      So ganz mag ich Ihrem „voll und ganz“ nicht zustimmen. So stellt das Internet gewiß auch handfestes Wissen schnell und unaufwendig zugängig zur Verfügung, wenngleich das Gewußtwerden und Verstehen noch immer im Kopf geschieht (ad These 1). Man kann auch nicht wissenschaftliche Standards (peer-control/-reviews) anmahnen, selber aber nur einen einzigen Experten befragen und – bei einem sehr strittigen Sachverhalt – auf eine Zweit- oder gar Drittmeinung verzichten (ad These 2).
      Vielleicht ist das Internet und seine Technik selber nur eine relativ kurzfristige Erscheinung … man denke nur an seinen gigantischen Energie- und Rohstoffverbrauch. Die gedruckte Bibel oder ein anderes Buch kann man zum Glück noch in 1000 Jahren ganz konventionell bei Kerzenschein oder im Licht des Vollmondes lesen. http://www.youtube.com/watch?v=b4BouOjHe4E&feature=kp

  2. KRP sagt:

    Vielleicht möchte ja jeder so ein Journalist sein und seine eigene Meinung als die allgemein gültige sehen und sie dann auch selber auslegen. Gerade weil man es so lernt und man alles übernimmt was einem oft vorgemacht wird. Weil das eigene Denken von Meinungen der anderen abhängig ist und man sich den Massen anschließt. Man hört auf alles nur nicht auf sein Herz, seinen Verstand und sein Gewissen. Diskussionen sind „in“, wird einen ja in sämtlichen Medien gezeigt angefangen im Fernsehen, den vielen Diskussionsrunden, nur nicht die Umsetzung. Vielleicht sollte man mal wirklich sich am Handeln, dem Umsetzen machen und da gebe ich Ihnen voll Recht es braucht Bildung, Bildung, Bildung die zum eigenen Handeln führt und nicht nur im diskutieren bleibt. Z.B. nicht nur diskutieren was das Gebet auslösen könnte sondern selber sich dem anschließen und beten. Beten statt diskutieren. Im Gespräch miteinander bleiben heißt nicht nur diskutieren und SMS schreiben sondern miteinander verbunden sein auf einer viel tieferen Ebene, im Herzen und das geht nicht im Internet und nicht am Handy.

  3. ZITAT: aus These 2:
    „Eine kleine Begebenheit: Bezüglich der Friedensgebete für den Nahen Osten im Vatikan habe ich das Beten der Sure durch einen Imam verteidigt, worauf die üblichen Muslim-ist-böse Kommentare kamen. Ich habe einen Islamwissenschaftler gefragt, der das erklärt hat und darauf kam der Kommentar eines Users, die Zeit der akademischen Wissenschaft sei vorbei, sie werde abgelöst durch den Privatgelehrten (wörtliches Zitat), der sich seine Informationen selbst besorge und nicht im Elfenbeinturm lebe. Also: Keine wissenschaftlichen Standarts mehr, keine peer-control, jeder darf sich seine Welt und sein Wissen zusammen basteln. In Bezug auf die Religion: Alle sind wir auf einmal Fachleute. Begründungen, Wissen, Argument, rigoroses Denken, intellektuelle und akademische Ausbildung, das alles wird zunehmend weniger wichtig. Religion wird zu einer persönlichen Welt, widi-widi-wie sie mir gefällt. Und das ist schädlich.“

    Zu dieser Haltung werden aber auch viele Laien in ihren immer riesigeren Pfarrverbänden ganz praktisch vor Ort „gezwungen“, weil Hauptamtliche immer weniger zu sehen sind und Verkündigung und Seelsorge immer mehr Laiensache wird.

    Nicht falsch verstehen, ich bin sehr für eine starke Kirche durch jeden von uns. Aber viel zuoft müssen wir Laien doch mittlerweile die Hauptamtlichen ersetzen in Bereichen, die einfach auch viel theologisches Fachwissen brauchen oder wo man sich fragt, wenn wir Laien das mal schnell nach einer kurzen Schulung alles alleine machen, warum hat dann der Herr Pfarrer solange studiert?

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