‚Die Wahrheit, mein lieber Sohn, richtet sich nicht nach uns‘

Vor einiger Zeit hatte ich Gelegenheit, den Philosophen Robert Spaemann zu interviewen. Während der Bischofssynode war wenig Zeit, nebenbei alles zu bloggen, was eigentlich des Bloggens Wert gewesen wäre, also erscheint dieses Gespräch erst heute.

Robert Spaemann – ein Vernunft aber auch ein Freund des Glaubens. Dass die beiden zusammen gehören, ist eines seiner großen Themen. Aber es ist auch eines der großen Themen Benedikt XVI.. Sein ‚Jahr des Glaubens‘ ist noch jung. In einem philosophischen Gespräch habe ich Robert Spaemann also gefragt, ob dieses Jahr des Glaubens auch ein Jahr des Denkens ist.

 

„Ich glaube ja. Der Mensch muss letztenendes mit sich im Einklang sein und wenn seine Vernunft ihm etwas sagt und sein Glaube sagt ihm das Gegenteil, dann kann er das nicht einfach stehen lassen. Er kann auch nicht entweder den Glauben oder die Vernunft einfach gewaltsam niederbügeln. Er muss versuchen, zu einer Einheit zu finden. Diese Einheit gibt es von Anfang an. Der Apostel Paulus nennt den Glauben ein rationale obsequium, einen vernünftigen Gehorsam.

Professor Robert Spaemann, aufgenommen in Rom

Robert Spaemann

Es gab in der frühen Neuzeit das Problem, dass es so schien, dass die aufgeklärte Vernunft den Glauben unmöglich mache. Heute ist die Situation eigentlich umgekehrt: Der Szientismus, also die Wissenschaftsgläubigkeit der Gegenwart, führt eigentümlicherweise dazu, dass der Vernunft nicht mehr vertraut wird. Das heißt, so etwas wie Wahrheit soll es nicht geben. Das letzte Wort soll der Relativismus sein, denn die Vernunft ist eigentlich ohnmächtig, die Wahrheit zu erkennen.

Jetzt sind es die Gläubigen, die paradoxerweise die Fähigkeit der Vernunft verteidigen. Wenn sie heute jemanden finden, der mit Nachdruck die Wahrheitsfähigkeit der Vernunft behauptet, dann können sie beinahe schon annehmen, dass es ein Katholik ist.“

 

Nietzsche rettet die Aufklärung – mit Gott

 

Glaube und Vernunft sind also nicht nur kein Widerspruch, sondern aufeinander angewiesen, auch die Vernunft auf den Glauben?

 

„Da wo Gott geleugnet wird, bricht am Ende auch die Vernunft zusammen. Wer das im 19. Jahrhundert am deutlichsten gesehen und ausgesprochen hat, war Friedrich Nietzsche. Er schreibt einmal, dass auch ‚wir Aufklärer, wir freien Geister des 19. Jahrhunderts noch unser Feuer nehmen von dem Brand, das der Christenglaube entzündet hat, der auch der Glaube Platons war‘: das Gott Wahrheit und dass die Wahrheit göttlich ist.

Dann sagt Nietzsche: Wenn dieser Glaube an die göttlichkeit der Wahrheit schwindet, dann zerstört sich die Aufklärung selbst, denn diese Aufklärung war mit dem Pathos der Wahrheit angetreten. Sie will die Menschen darüber aufklären, wie es in Wahrheit ist. Nietzsche sagt, dass es wenn es Gott nicht gibt es keine Wahrheit gibt, sondern nur die individuellen Perspektiven jedes einzelnen Menschen, ohne Wahrheitsanspruch. Das bedeutet die Selbstzerstörung der Aufklärung, dann gibt es keine Aufklärung mehr. An die Stelle tritt dann ein Zeitalter neuer Mythen.“

 

Eine Abdankung des Denkens also?

 

„Ja, eine Abdankung des Denkens, ein Zusammenbruch des Denkens. Entweder ist das Universum und ist der Mensch ein Wesen, hinter dem eine Absicht steht, oder es ist alles ein Zufallspropdukt. Dann ist aber auch unser Denken nur ein Zufallsprodukt und hat mit Wahrheit nichts zu tun.“

 

Ein Widerspruchsgeist

 

In den Vorbereitungen auf dieses Gespräch habe ich eine Charakterisierung von Ihnen gelesen, sie seien ein „fröhliches Skeptiker“. Finden Sie sich darin wieder?

 

„Es ist nicht ganz falsch. Skeptiker ja, das schon. Ich zweifle aber nicht grundsätzlich an der Wahrheitsfähigkeit der Vernunft. Im Gegenteil. Aber das, was behauptet wird, erregt bei manchen Menschen Widerspruch. Goethe schreibt einmal: „Jedes ausgesprochene Wort ruft den Gegensinn hervor“. Ich war immer schon ein Widerspruchsgeist und wenn der herrschende Geist der Zeit ein atheistischer ist, dann bin ich fast reflexartik kein Atheist mehr. Was heißt ‚mehr’: Eigentlich war ich nie Atheist, muss ich dankbarerweise sagen.“

 

Sie sind also skeptisch gegenüber den Hintergrundüberzeugungen, die sich in der Kultur und im Denken eingeschliffen haben?

 

„Ja, genau, ja.“

 

„Die Wahrheit richtet sich nicht nach uns“

 

Also dem gegenüber, was Benedikt XVI. manchmal als ‚Verhärtungen des Relativismus in unserer modernen Kultur’ bezeichnet.

 

„Ja, das kann man so bezeichnen. Zum freien Denken gehört nun mal eine Demut. Mathias Claudius schreibt einmal in seinem berühmten Brief an seinen Sohn Johannes ‚Die Wahrheit, mein lieber Sohn, richtet sich nicht nach uns. Wir müssen uns nach ihr richten.’

Wenn es nur darauf ankommt, dass jeder das denkt, wonach ihm zumute ist, dann gibt es kein rationales Gespräch mehr, sondern es gibt dann nur noch Befindlichkeiten. Es ist ja ein Denken, das sich heute auch bei vielen Christen ausbreitet, die eigene Befindlichkeit für das Letzte zu halten. Da fällt mir immer das Wort von Karl Krauss ein: ‚Ich interessiere mich nicht für meine Privatangelegenheiten’.“

 

Denkt unsere Gesellschaft zu wenig oder glaubt unsere Gesellschaft zu wenig?

 

„Beides. Weil sie nicht glaubt, hört sie auch auf zu denken. Nein, sie denkt schon, es ist falsch zu sagen, dass sie nicht denkt. Es geht nicht darum, dass sie nicht denkt, sondern darum, dass dieses Denken leer läuft und dass es sich sich weigert, an berstimmten Punkten weiter zu denken.

Es gibt ein schönes Beispiel. Daniel Dennett – ein Neurowissenschaftler und Philosoph – schreibt in einem Buch über das menschliche Bewußtsein, das ein großes Plädoyer für den Materialismus ist, „ich möchte hier erklären“ – ungefähr wörtlich – „dass ich einen Dualismus, also das Glauben auf der einen und das Denken auf der anderen Seite, nicht akzeptieren werde und dass auch kein Argument mich davon abbringen wird, an dem materialistischen Standpunkt festzuhalten.“ Das ist ein Glaubensbekenntnis zum Materialismus und zur so genannten naturalistischen Erkenntnistheorie, und zwar ein Glaubensbekenntnis eines Wissenschaftlers, der ehrlicherweise sagt, dass er überhaupt nicht bereit ist, sich irgend ein Argument anzuhören, das gegen den Materialismus spräche. Das nenne ich Kapitulation des Denkens.“

 

Die Natur und der eigene Wille

 

Sprechen wir über aktuelle Debatten, in die sich Ihr Widerspruchsgeist auch immer wieder einmischt. Sie sprechen wiederholt von einer „Schicksalslosigkeit als Lebensqualität“, also der Annahme, dass jeder Mensch angeblich das Recht darauf habe, alles selber zu entscheiden, erst so entstehe ein moderner Lebensentwurf.

 

„Ich meine damit eine Tendenz, alles, was uns vorgegeben ist, von vorneherein in Frage zu stellen und zum Gegenstand unseres freien Willens zu machen. Natürlich haben wir die Freiheit als Menschen, uns auch gegen die Natur zu entscheiden. Irgendetwas Vorgegebenes müssen wir aber letztenendes immer akzeptieren und wenn man Schicksallosigkeit als das Ideal betrachtet, also die Freiheit von jedem und allem was ist, ohne das wir es gewollt haben, dann verwickelt sich das Leben ins Absurde.

Natürlich kann man sagen, dass die Natur uns einen dringenden Vorschlag macht. Die Wahl besteht immer darin, ob wir einen Vorschlag der Natur annehmen wollen oder nicht.

Ein Beispiel: Ich habe Hunger und gehe zum Essen oder mache mir in der Küche etwas zu Essen. Jemand würde mich fragen, warum geht du jetzt essen? Weil ich Hunger habe. Er würde weiter fragen: Das ist gut, aber warum gehst du essen? Weil ich Hunger habe! Hunger sei doch nur ein natürliches Faktum, aber aus dem Sein folgt nach David Hume kein Sollen. So funktioniert das nicht!

Es gibt Fälle, wo ich den Vorschlag der Natur nicht akzeptieren kann, zum Beispiel ist Fastenzeit oder ich habe eine Diät oder etwas ganz Wichtiges zu tun. Das gibt es, oft sogar.

Aber wenn ich keinen bestimmten Grund habe, gehe ich essen, weil ich Hunger habe. Das heißt, wir akzeptieren die Vorgaben der Natur.

Bei der Beschneidungsdebatte habe ich gesagt, dass es eigentlich die Vorgabe der Natur ist, das Kind nicht zu beschneiden, weil die Natur keine Beschneidung vorsieht. Aber die Sitte der Beschneidung, die ja in gewisser Weise das Abraham-Opfer ablöst, hat ein solches religiöses Gewicht für Juden und Moslems, dass demgegenüber der geringfügige Eingriff, den die Beschneidung darstellt, gerechtfertigt werden kann. Das ist eine Abwägungssache. Man muss auch hier die Vernunft walten lassen.“

 

Im Frieden mit mir selbst

 

Sie sprechen aber von Lebensqualität der Schicksalslosigkeit, nach dem Motto wir richten es uns bequem ein, weil die Willensentscheidungen unserem Wohlergehen dienen sollen.

 

„Ja, nur ist es so, dass wenn ein Mensch glücklich leben will, und ein gutes Leben ist immer irgendwie auch ein glückliches Leben, dann muss er sich in Einklang setzen mit dem, was er nicht ändern kann. Der Mensch kann viel ändern und wenn ich sage ‚Schicksallosigkeit als Lebensqualität’ dann meine ich nicht als Gegenprogramm ‚alles so lassen wie es ist’.

Aber wir müssen uns klar sein, dass der Spielraum dessen, was wir ändern können, ziemlich klein ist. Das Leben ist kurz. Wenn ich mich nicht irgendwie anfreunde mit dem, was ist wie es ist, dann kann ich eigentlich nicht im Frieden mit mir selbst leben. Das ist eine tragische Situation.“

 

Anfreunden mit dem Unabänderlichen

 

Wenn wir diesen Gedanken auf das Christentum übertragen: Ist das so etwas wie das Christentum ohne Kreuz?

 

„Ja, kann man sagen. Die Annahme dessen, was geschieht. Dein Wille geschehe. Auch bei Jesus rebelliert in gewissem Sinne auch die Natur wenn er sagt „lass diesen Kelch an mir vorüber gehen“, aber dann fügt er eben hinzu „aber nicht mein, sondern Dein Wille geschehe“. Das ist eigentlich der Kern des Christentums.

Übrigens: Martin Luther sagt hier einmal etwas sehr Schönes. Er erzählt von einem Missionar, der ein Land bekehren will und Jahrzehnte dort verbringt und keinen einzigen Menschen bekehrt. Dann hadert er mit Gott und zweifelt am Sinn seines ganzen Tuns. Da sagt Luther, dass das nicht gut sei. Sondern es sei das sichere Zeichen eines schlechten Willens, „dass er nicht leiden kann seine Verhinderung“. Das heißt, wenn er er alles getan hat und es gelingt ihm nichts, dann muss er auch das als Willen Gottes akzeptieren und sich damit anfreunden.“

 

Projekt Vernunft: Auflösung von Ideologien

 

Sie bezeichnen sich als Freund der Vernunft, aber doch wohl eher als jemand, der skeptisch suchend der Vernunft auf die Sprünge helfen will.

 

„Ja, ich bin dafür, dass die Vernunft Ideologien auflöst. Zum Beispiel wird das Wort ‚Fortschritt’ bei uns häufig im Singular benutzt. Das sei ein Fortschritt oder dies sei ein fortschrittlicher Mensch. Das finde ich absurt, denn da wird heimlich etwas eingeschmuggelt, nämlich dass es Fortschritt nur mit Bezug auf ein bestimmtes Zeil geben kann.

Es gibt Fortschritt in der Entwicklung von Autos, dass sie leiser werden. Es gibt einen Fortschritt in der Narkosetechnik. Es einen Fortschritt in Foltermethoden, die keine Spuren hinterlassen. Es gibt einen Fortschritt in der Konstruktion von Atombomben. Das sind alles Fortschritte, die einen sind gut, die anderen sind schlecht. Es kommt immer auf den Bezug des Fortschritts an.

Wo diese Frage nicht zugelassen ist und wo man nur von Fortschritt spricht, da würde ich sagen will man betrügen, denn da unterstellt man stillschweigend irgendwelche Ziele, die gut sein sollen, und andere, die nicht gut sein sollen. Aber man sagt es nicht, weil es dann zu einer Kontroverse führen könnte. Stattdessen redet man emphatisch von ‚dem Fortschritt’. Das ist Unsinn.“

 

Wenn sie Freund der Vernunft sind, dann sind sie für die Demaskierung von Unausgesprochenem.

 

„Das scheint mir eine der wichtigsten Aufgaben der Vernunft heute zu sein.“

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6 Kommentare zu ‚Die Wahrheit, mein lieber Sohn, richtet sich nicht nach uns‘

  1. Stefan Ahrens sagt:

    Wie immer kluge Worte des großartigen Philosophen Robert Spaemann. In der Tat könnten man mit ihm sagen: „Wenn heutzutage jemand die Existenz der Vernunft und objektiven Werten betont, dann muss der jenige schon fast zwangsläufig Katholik sein!“

    • H.Sattel sagt:

      Die Frage steht aber im Raum, was der Mensch als Wahrheit.
      definiert. Ein Teil der erkannten Wahrheit ist ebenso wenig die (ganze und unteilbare) Wahrheit, wie eine „Halbwahrheit“, d.h. wenn der Mensch ein Teil der erkannten Wahrheit unterschlägt und somit eben die „bezeugte Wahrheit“ eben nicht die ganze Wahrheit ist. Oder wenn der Mensch der Wahrheit etwas hinzufügt und somit die Wahrheit verändert zur Lüge hin, weshalb schon von Beginn der Heilsgeschichte an, von einem eigenmächtigen Hinzufügen oder Weglassen gewarnt wird mit den dann eintretenden Konsequenzen.

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