Und im Zentrum der Erlöser

„Das wahre Heil des Menschen besteht nicht in Dingen, die er von sich aus erlangen könnte“: Es muss mal wieder gesagt werden. An diesem Donnerstag hat der Vatikan einen Brief veröffentlicht, der von der Glaubenskongregation an alle Bischöfe der Welt geschickt wird, approbiert vom Papst. Und mir scheint dieser Satz (Nr. 6) das Zentrum des Textes zu sein.

Kreuz auf der Halde: die Moderne und der Glaube

Kreuz auf der Halde: die Moderne und der Glaube

Sollte uns das überraschen? Ist das was Neues? Nein, ist es nicht. Aber im Licht all dessen, was Papst Franziskus in den nun fünf Jahren seines Pontifikates immer wieder predigt und lehrt, ist es gut, das einmal systematisiert zu lesen. Und genau das tut der Text.

Der Text buchstabiert zwei Tendenzen des modernen Menschen durch, zwei Moden oder Versuchungen, ganz wie man will, die auch immer wieder vom Papst zitiert werden. Auch das ist so neu nicht, hier im Blog habe ich das auch schon einmal besprochen, ist noch gar nicht so lange her. Es geht um die neo-ismen, den neo-Pelagianismus und den neo-Gnostizismus.

 

Individualismus und Moderne

 

Ein Verständnis von Erlösung, das auf dem Einzelnen fußt, auf seinen Kräften und seinem Tun, bleibt individualistisch: das ist der neo-Pelagianismus. Ein Verständnis von Erlösung, das innerlich bleibt, verpasst die Ganzheit des Menschen, die Körperlichkeit, das Geschaffenensein als Mensch in der Welt: das ist der neo-Gnostiziemus. Beides – Individualismus und reine Innerlichkeit – führen an Christus vorbei.

Der Text weist darauf hin, dass es hier nicht um alte und antike Häresien geht, die wieder aufgekocht werden, sondern um moderne Tendenzen, die an die alten Versuchungen und Irrwege erinnern. Und so liest der Text die Moderne sozusagen durch diese Brille, er wendet unser Verständnis von Erlösung auf die Umstände und Denkweisen heute an.

Der kurze Text kommt dabei völlig ohne Zeigefinger aus, er verliert sich nicht in theologischen Details, das ist nicht seine Absicht. Seine Absicht ist es, gelesen zu werden, meditiert zu werden. Das ist ein Text, der in die Hand genommen werden kann und will.

Und es ist ein Text, der vielleicht nicht alleine gelesen werden will, er lädt geradezu zum Austausch ein. Die Kirche – die Gemeinschaft die auf Jesu Erlösermission zurück geht – ist eine essenzielle Hilfe dabei, jegliche individualistische Tendenz in sich zu erkennen und zu überwinden, heißt es im Text. Wenn das keine Einladung zum Austausch ist, weiß ich auch nicht.

 

Ein positiver Text

 

Die beiden Ismen werden nicht als Gegner vor sich hergetragen, nicht als Feinde aufgebaut. Sie sind vielmehr als Versuchungen behandelt, die irgendwie in allen von uns drin stecken, und die es zu entdecken und im Licht von dem, was Jesus uns gebracht hat, zu betrachten gilt.

Und so bleibt dieser Text ein durch und durch positiver, nicht defensiver, kein deklamatorischer, apodiktischer, sondern ein werbender, das Geglaubte für heute wiederholender Text.

Nichts Geschaffenes kann den Menschen ganz und gar erfüllen und zufrieden stellen, denn wir sind von Gott auf Gott hin geschaffen, heißt es. Und genau da will der Text hin: zu Gott. Für dieses zentrale Thema unseres Glaubens genau das richtige Ziel. Es muss mal wieder gesagt werden.

 

Wer das noch einmal im O-Ton Franziskus nachlesen mag, bitte sehr:

„Wir wissen jedoch, dass es Versuchungen gibt; es gibt viele Versuchungen, denen wir begegnen müssen. Ich nenne euch wenigstens zwei davon. Die erste Versuchung ist die pelagianische. Sie drängt die Kirche, nicht demütig, uneigennützig und selig zu sein. Und sie tut es mit dem Anschein des Guten.

Der Pelagianismus bringt uns dazu, auf Strukturen, Organisationen, perfekte – da abstrakte – Planungen zu vertrauen. Oft bringt er uns auch dazu, einen kontrollierenden, harten, normativen Stil anzunehmen. Die Norm gibt dem Pelagianer die Sicherheit, sich überlegen zu fühlen, eine genaue Orientierung zu besitzen. Darin findet er seine Kraft, nicht im sanften Hauch des Geistes. Angesichts der Missstände oder der Probleme der Kirche ist es nutzlos, im Konservativismus und Fundamentalismus, in der Wiederherstellung überkommener Verhaltensweisen und Formen, die nicht einmal auf kultureller Ebene bedeutsam sind, nach Lösungen zu suchen.

Die christliche Lehre ist kein geschlossenes System, das keine Fragen, Zweifel, Probleme hervorbringen kann, sondern sie ist lebendig, sie kann Menschen in Unruhe versetzen, kann sie beseelen. Sie hat kein starres Gesicht, sie hat einen Leib, der sich bewegt und entwickelt, sie hat zartes Fleisch: Die christliche Lehre heißt Jesus Christus. Die Reform der Kirche – und die Kirche ist ‚semper reformanda‘ – steht außerdem dem Pelagianismus fern. Sie erschöpft sich nicht im x-ten Plan, die Strukturen zu verändern. Sondern sie bedeutet, in Christus eingepfropft und verwurzelt zu sein und sich vom Heiligen Geist leiten zu lassen. Dann wird alles möglich sein, mit Verstand und Schöpfergeist.

Eine zweite Versuchung, die es zu überwinden gilt, ist der Gnostizismus. Diese Versuchung führt dazu, auf logische und klare Argumente zu vertrauen, die jedoch das zarte Fleisch des Bruders zurücklassen.

Der Gnostizismus ist die Faszination ‚eines im Subjektivismus eingeschlossenen Glaubens, bei dem einzig eine bestimmte Erfahrung oder eine Reihe von Argumentationen und Kenntnissen interessiert, von denen man meint, sie könnten Trost und Licht bringen, wo aber das Subjekt letztlich in der Immanenz seiner eigenen Vernunft oder seiner Gefühle eingeschlossen bleibt‘ (Evangelii gaudium, 94). Der Gnostizismus ist nicht fähig zur Transzendenz. Der Unterschied zwischen der christlichen Transzendenz und jeder Form eines gnostischen Spiritualismus liegt im Geheimnis der Menschwerdung. Das Wort nicht in die Praxis umzusetzen, es nicht in die Wirklichkeit zu führen bedeutet, auf Sand zu bauen, in der reinen Idee verhaftet zu bleiben und in Formen von Innerlichkeitskult zu verfallen, die keine Frucht bringen und die Dynamik des Wortes zur Sterilität verurteilen.

Ansprache von Papst Franziskus am 10. November 2015 in Florenz

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4 Kommentare zu Und im Zentrum der Erlöser

  1. Theodoros sagt:

    Wie geht der Inhalt von ‚Placuit Deo‘ mit dem jesuitischen Anspruch „Gott in allem suchen und finden“ zusammen? Wäre das ‚in allem‘ nicht richtiger als ein ‚in vielem‘ zu verstehen? Denn offenbar findet man Gott nicht im Pelagianismus und Gnostizismus und deren Neuformen.

    • Pater Hagenkord sagt:

      Gott in allem suchen und finden: das bedeutet nicht, das alles gleich gut ist, weil ja eh Gott drin ist. Beim Suchen und Finden kann man auch schief liegen, man kann fehl gehen, das ist kein Automatismus.
      Wenn Sie wollen: Gott durch die neo-ismen finden zu können führt durch die Überwindung dieser -ismen.

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