Gott ist nicht in Middelburg

Klaas Hendrikse war Pfarrer. Für die reformierte Kirche in den Niederlanden hat er eine Gemeinde in Middelburg geleitet. Aber er glaubt nicht an Gott. Präziser formuliert: Er glaubt an einen Gott, den es nicht gibt. Und er bezeichnet sich als einen atheistischen Pfarrer.

Quelle: BBC

Quelle: BBC

Er war Pfarrer: Er hat nicht etwa sein Amt aufgegeben, nein er ist im Ruhestand, nachdem er 2008 ein Verfahren zur Amtsenthebung durch seine Kirche überstanden hatte. Sein 2007 auf Niederländisch erschienenes Manifest ist nun auf deutsch erschienen und weil ich vor einigen Jahren einmal einen Radiobericht über Hendrikse gemacht habe, habe ich das Buch gelesen: „Geloven in een God die niet bestaat“ heißt es im Original.

Das Ganze könnte man als Skurrilität abtun, aber da sich hier etwas zeigt, was so unverbreitet gar nicht ist, möchte ich mir das Buch einmal vornehmen.

 

Es gibt nur den Menschen

 

„Ich glaube nicht, dass es Gott gibt; ich glaube aber an Gott“. (Seite 21) Das klingt wie ein Paradox, steigt aber direkt ein in den Glauben à la Hendrikse. Glauben ist eine Form von Leben, erklärt er, und hat nichts mit einem Gegenüber zu tun. Im Gegenteil, Hendrikse empfiehlt einem Glaubenden, Gott, Kirche und Religion zu meiden. „Es gibt nur eine Wirklichkeit und darüber oder dahinter gibt es keine andere oder höhere Wirklichkeit.“ (88)

 

Gott gibt es nicht, die Theologen der Kirchen haben unrecht. Hendrikse ist vorsichtig genug, auch diejenigen einzuschließen, die er „Etwasisten“ nennt, die also an etwas glauben, es aber nicht Gott nennen oder wollen. Auch die haben Unrecht. Er bestreitet, dass Gott oder irgendetwas anderes existiert. Das tut er nicht wirklich auf intellektuelle Weise, er sagt einfach, dass die Begriffe, die wir haben, Gott nicht fassen können und wir von uns aus nicht zu Gott vordringen. Das ist nicht sonderlich originell, aber er schreibt es wenigstens klar und deutlich auf, ohne herablassend zu wirken.

 

Nur das eigene Leben zählt

 

Außer dem Menschen und seiner Erfahrungswelt gibt es also nichts. Das gilt auch und besonders für die Bibel und deren Erzählungen von Gott, als Reformierter räumt Hendrikse naturgemäß der Schrift viel Platz ein. Erstmal räumt er damit auf, dass die Bibel etwas offenbare, was über die Welt hinaus gehe. Eine Geschichte, wie sie die Bibel erzählt, werde erst zur Offenbarung, und zwar immer dann, wenn man sich selber darin erkenne und sie etwas über den Menschen erzählt (153).

 

Daran schließt sich gleich der Vorwurf an: „Die Autoren der Bibel hatten von Gott (…) in Bildern gesprochen. Mit dem Aufkommen der Theologie verschwand das Wörtchen ‚wie’.“ (58) Er hält theologisches Sprechen über Gott für „Tatsachenberichte“. Das muss eine unendlich schlechte Theologie sein, die Hendrikse studiert hat, denn ich kenne eine ganze Batterie von Theologen – auch Reformierte – die genau das nicht tun, zum Beispiel den großen Karl Barth, um nur den bekanntesten Reformierten Theologen des Wortes Gottes zu nennen. Aber ich will hier kein Name-Dropping veranstalten, gehen wir zurück zum Buch.

 

„Um an Gott glauben zu können, ist Jesus an sich nicht nötig. Ich betrachte das Christentum als ein Gleis (neben anderen), auf das wir als Westeuropäer mehr oder weniger zufällig gestellt sind.“ (19) Also kein Jesus und kein Christus, keine Erlösung und kein Heiliger Geist, schon gar kein ewiges Leben: „Nach meiner Überzeugung ist der Tod das definitive Ende des Lebens.“ (164) Auferstehungsglaube habe etwas von theologischem Zurechtbiegen, fügt er an.

 

Und dann ist es konsequenterweise auch unsinnig, zu beten: „Unter der sogenannten Kraft des Gebetes verstehe ich: dass da etwas geschieht mit dem Menschen, was nicht ohne Folgen ist für das, was danach zwischen den Menschen geschieht.“ (159) Nicht Gott handelt also auf ein Bitten hin, sondern etwas geschieht dadurch, dass jemand betet.

 

Mehr als nur Esoterik

 

Wie gesagt, das ist alles nicht sonderlich originell. Letztlich ist das Buch sogar ziemlich banal. Seine Grundthese ist, dass sich alles im Leben ereignet, in der persönlichen Erfahrung. Man kann das alles als Psychologismus abtun, man kann diese Thesen als Weltbild sehen, in dem außer dem Menschen nichts vorkommt. Ein wenig Philosophiestudium würde auch gut tun.

Das Spannende ist aber, dass ein Pfarrer dieses Buch schreibt, einer der einer christlichen Gemeinde vorstand.

Das Buch ist deswegen mehr als nur ein weiterer Titel in der Esoterik-Sektion des nächsten Buchhandels. Das Buch zeigt eine Form von Christentum, die so oder auch weniger ausgeprägt gar nicht so ungewöhnlich ist. Es gibt sie häufiger auch unter gläubigen Katholiken, als man denkt. Oder vielleicht sollte ich sagen: Ich bin ihr oder Teilformen von ihr häufiger begegnet, als mir lieb wäre. Hendrikse schreibt das auf, was viele denken oder in ihren Glauben oder ihre Religion einbauen. Das entschärft diesen Glauben dann und macht ihn weniger herausfordernd. Macht ihn „moderner“.

Schließlich gibt es ja Gott nicht; über die Welt unserer Erfahrungen hinaus ist nichts. Da braucht man alten Formen des Sprechens und Glaubens nicht hinterherweinen, der moderne Mensch setzt sich selbst ins Zentrum.

 

Andere Hendrikse

 

Nur der Vollständigkeit halber: Klaas Hendrikse ist nicht der einzige. Vor einigen Tagen erst hat die Kirchenleitung der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn sich hinter die Pfarrerin Ella de Groot gestellt. Diese hatte im Radio gesagt, sie glaube nicht an einen personalen Gott, diese Vorstellung sei ein menschliches Konstrukt. „Ich brauche Jesus nicht, um an Gott zu glauben, sondern als Vorbild von jemandem, der Gott ‚gelebt’ hat“ wird sie von der Agentur Kipa zitiert. Da die reformierten Kirchen keine Dogmen kennen, stehe man hinter der Pfarrerin, heißt es von der Kirchenleitung. Sie suche ihren Auftrag zu erfüllen, „das Evangelium nach bestem Wissen und Gewissen zu verkünden.“

 

Christentum ohne Christus. Ostern ohne Auferstehung. Schöpfung ohne Gott. Glaube ohne Kreuz. Schuld ohne Sünde. Alles bleibt schön bei uns, außer uns Menschen gibt es nichts, was relevant wäre.

 

Vielleicht ist es gar nicht mal die geistige Flachheit dieser Argumente, die mich so irritiert, sondern vielmehr die unendliche menschliche Überheblichkeit, alles abzuschaffen, was uns in die Schranken weist. Es ist der vollständige Mangel an Demut, der sich in der Reduktion von Gott auf den Menschen zeigt.

Die Folgen einer solchen überheblichen Menschheit mag ich mir gar nicht ausmalen.

 

 

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14 Kommentare zu Gott ist nicht in Middelburg

  1. Arnd sagt:

    Die Folgen einer solchen Gruppe von Menschen haben wir im 20. Jahrhundert (mindestens) zweifach erlebt.

  2. Claudia sagt:

    Sie sind aber schnell mit Ihrem neuesten Blog.:)) Vor 25 Jahren ließ ich mich in der evang. Kirche taufen und trat ihr bei. Schon damals ließen mich merkwürdige Erfahrungen wohl mit Gott innerlich sehr unruhig werden. Vor einigen Monaten konvertierte ich dann endgültig zum katholischen Glauben,. Er war die Folge eines sehr merkwürdigen Ereignisses, dass ich im Kloster Himmerod in der Eifel erfuhr. Es betraf meine Einstellung zu Gott und Jesus Christus. Ich brauchte einige Tage, um zu begreifen. dass mein Ego unter dieser Erfahrung mit Gott zusammen gebrochen war. Und genau dieser Zusammenbruch war gewaltig und veränderte mich total. Ich weiß nicht, ob ich dieses für mich so existentielle Geschehen verständlich vermitteln kann. Übrigens, heute bin ich Rentnerin. Davor lebte ich lange Zeit als Psychotherapeutin in einem psychotherapeutischen Team. Und ich hatte nie eine Psychose. Der Begriff „Gott“ war natürlich in der dort praktizierten Tiefenpsychologie nicht präsent und auch nicht erlaubt. Doch bei vielen Patienten erlebte ich einen Hunger und eine Sehnsucht nach etwas, was sie nicht formulieren konnten. So konnte ich meine Kollegen für eine Meditationsform gewinnen und die meisten Patienten machten in der geführten Meditation Erfahrungen, die ihnen halfen, ihr Leben gestärkter zu führen.
    Der Zustand der heutigen Welt belegt gerade eine gründliche, existenzielle Krise der Menschen – aber vielleicht löst sie sich in Heilung.

    • Gertraud Neldner sagt:

      Es ist wunderbar, was Sie da vor Jahren erfahren durften.
      Auch wenn diese Erfahrung zunächst mit einem Zusammenbruch einherging.
      Sie haben sehr gut nachvollziehbar geschildert, was Ihnen widerfahren ist.
      Dafür danke!
      Auch ich kam erst durch einen sehr schlimmen Unfall zu einem lebendigen Glauben.
      Dieses Ereignis bedeutete einen Wendepunkt, alles hat sich verändert.
      10 Jahre ist das mittlerweile her.
      Seitdem gibt es für mich ein „Vorher“ und ein „Nachher“ und am 8. Dezember darf ich meinen „10. Geburtstag“ feiern.

      Das, was Sie erzählt haben und was in anderer Form auch ich erfahren habe, kann man anderen nicht erfahrbar machen, nur davon erzählen.
      „Erfahren“ geht nur am eigenen Leib und im eigenen Herzen.

      • veruschka sagt:

        Demut erlangt man am besten dann, wenn man einmal richtig schön am Boden war (siehe auch den lateinischen Begriff hierfür: „humilitas“. Das leitet sich doch sicherlich von „humus“, dem Boden, ab).
        Ich hatte vor etwas mehr als einem Jahr ein wirklich surreales Erlebnis. Eine Art Nervenzusammenbruch und das auch noch in einer mir völlig fremden Großstadt, in Berlin (in der ich drei Tage alleine umherirrte und nur wenige Stunde schlief… es war wie eine Art Jakobsweg in extremo und ich war so was von hellwach). Körperlich gesehen ist mir bei diesem Tripp nichts passiert (es hätte mich ja auch ein Auto tot fahren können oder Anderes und Schlimmeres eintreten können).
        Ein Psychologe, den ich danach für vier Sitzungen konsultieren musste, erklärte alles naturwissenschaftlich einwandfrei: Ich hatte mich mehrere Jahre einfach zu sehr unter Druck gesetzt, mit etwas, was ich eigentlich gar nicht wollte, und mich völlig von meiner Umgebung isoliert. Da muss man ja zwangsläufig durchdrehen… also wir nennen es mal „Burn out“. (Das stimmte ja auch, aber vielleicht nicht nur)
        Heute ist wieder alles in Ordnung und ich fang‘ nochmal total neu an (neue Ausbildung etc.).
        Nur die Sache ist die, dass diese drei Tage zugleich das schrecklichste und das schönste Erlebnis waren, das ich je gehabt habe.
        Ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll, aber es war so, als wäre die Welt in allen ihren Detail von einer höheren Macht durch und durch geordnet. Als könnte man jede Kleinigkeit entschlüsseln, wenn man dafür nur die richtigen Sinnesfähigkeiten hätte (und ich bilde mir zumindest ein, dass ich sie da für drei Tage hatte).
        Wissen Sie, der Psychologe sagt Nervenzusammenbruch oder sonst etwas dazu, aber wer weiß.
        Ich kann ihnen auch jede Straße mit Namen nennen, wo ich dort überall war… (in Berlin kenne ich mich jetzt wirklich sehr gut aus 🙂 ) Ich hab‘ das im Nachhinein mit einer Karte überprüft… die Namen stimmten alle.
        Was dem allerdings vorangegangen war, waren mehrerer Tage während denen ich mich mit der damals für mich wichtigsten Frage meines Lebens beschäftigte: Was man denn beachten müsste, um einen Menschen ewig lieben können (nie verletzen zu müssen bzw. nie verletzt zu werden). Ich konnte einfach nicht mehr aufhören dieses Problem von allen Seiten zu betrachten (ich dachte rund um die Uhr und selbst nachts darüber nach). Und schließlich glaubte ich, die Lösung gefunden zu haben und das machte mich innerlich sehr überheblich. Ich war so verdammt selbstsicher wie nie zuvor in meinem Leben, ich war hochmütig (was ich gar nicht von mir kannte)… und Hochmut kommt bekanntermaßen vor dem Fall.
        Heute finde ich das alles einfach nur grandios und ich fühle mich dadurch sehr gereift bzw. viel ruhiger. Ich denke mir einfach nur immer: Wie es kommt, so kommt es und dass ich manche Dinge einfach nicht kontrollieren oder planen kann… das macht eben Gott oder Jesus für mich.

  3. Klaus Lutterbüse sagt:

    Agnostische Genügsamkeit

    Es gibt agnostische Distanz,
    der nichts zu fehlen scheint;
    sie fühlt sich heiter, heil und ganz,
    dem Hier und Jetzt geeint.

    Sie ist der Mitwelt zugewandt,
    fügt sich dem Lebenskreis,
    sie sucht im Diesseits ihren Stand,
    gibt gern das Jenseits preis.

    Klaus Lutterbüse

  4. Claus Gras sagt:

    Interessante Aspekte, die nicht zu verachten sind…

  5. Danke fürs Lesen und Kommentieren – so erspare ich mir die (offensichtliche) Mühe.

  6. Wolfgang Ernst Giese sagt:

    Das unredliche dabei ist, dass der Pfarrer im Ruhestand sich Christ nennt, aber auf Christus verzichtet.

    • herzbua sagt:

      Das ist nicht nur unredlich sonders dreist! Ich hatte vor vieen Jahren die zweifelhafte Ehre an einer Konfirmation in einem sehr reformierten und dogmenarmen (dogmenlosen) Eck unseres Landes teilzunehmen. Der Vorsteher des Gottesdienstes ( das Wort Pfarrer komt mir nur schwer über die Tasten ) hatte den Konfirmanden aufgegeben, das Credo zu überarbeiten. Das Erghebnis hat er dann in seiner Predigt vorgestellt. Außer ich glaube an Gott (auch wenn es ihn vielleicht gar nicht gibt!) und ein wenig an Jesusu Christus. Das ganze Brimborium mit Maria und der Geburt Christi ( Originalton ) ist ja ohnehin unglaubwürdig und frommes Theater und unter einem hl. Geist könne er sich nichteinmal als Pfarrer etwas vorstellen. Und das wars dann auch schon. So hings dann auch an der Wand. Fehlte nur nich, daß er statt an die Auferstehung an die Wiedergeburt als irgend ein anderes Lebenswesen glaubte. Also eigentlich nichts neues worüber hier berichtet wird, aber für mich unverändert erschreckend.

    • Hans sagt:

      Gott steht in fester Verbindung mit uns und klärt auf! Das kann er aber nur sehr schlecht, denn wir normalen Menschen sind ja leider-noch- fast völig blind und taub. Deshalb helfen auch die sogenannte Zwiegespräche, das Beten nur sehr wenig. Das Wort von alten und neuen Propheten ist auch nicht perfekt. Aber es gab und gibt immer wieder prophetische Botschaften. Religionen hören da aber leider nicht mehr hin und verbieten sich alle Zweifel, die weiter Suche und das logische Denken Also Religion nein danke…Aber traut man dem Glaubensgefühl und sucht, so wird man fündig. Hören und Sehen, was man bis dahin NICHT WUSSTE bleibt einem dann allerdings nicht erspart!

    • Jasmin sagt:

      gerade das finde ich ja so spannend (werde das Buch bald lesen, da ich heute darauf aufmerksam wurde). Ich finde die Idee sehr interessant zu sagen „ich bin Christ aber an Christus glaube ich nicht“. ich denke, damit könnte ich mich identifizieren!

  7. Hans sagt:

    Falls es Gott gibt, so wissen wir nur von Ihm durch seine Propheten. Wir können diese kosmische Gesetzt/Energiewesen im Menschsein nicht direkt wahrnehmen. Unser Hauptproblem! Deshalb nutzte „Ich Bin“ ja auch die Boten und Propheten – und er nutzt sie natürlich immer noch. Fast alle Religionen beruhen auf solchen Botschaften, hören dann aber keinem mehr zu. Effekt :Religionen verwirren und radikalisieren, weil sie beschlossen haben in der Grundschule sitzen zu bleiben.

  8. Jasmin sagt:

    Also mich hat dieses Rezension hier sehr neugierig auf das Buch gemacht. Ich werde es bald lesen. ich finde genau den Ansatz „Glaube, ohne Gott“ sehr interessant, weil es mir denke ich sehr entspricht! Ich bin schon sehr gespannt. Vielen Dank für diesen Tipp, ich freue mich schon auf das Buch!

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