Gruß aus Seoul II, aus der Fremde

Seoul

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Ich bin fremd hier. Das ist jetzt nicht wirklich eine besonders intelligente Aussage von jemandem, der seit Tagen durch Seoul läuft und fährt. Aber an einer Stelle wird das ganz besonders aktuell: Fährt man auf einer der Hochautobahnen durch die Stadt, schaut man auf viele kleine Kirchen samt ihren Kirchtürmen, Neon-Kreuz oben drauf. Auf einigen findet sich aber ein anderes Zeichen: Ein Hakenkreuz. Und hier schlägt die Fremdheit zu.

Denn es ist natürlich kein Hakenkreuz, die Haken an den Kreuz-Enden gehen in die andere Richtung. Nur die in Deutschland aufgewachsenen Augen sehen darin ein Nazi-Zeichen. Trotzdem: In Europa, den USA und anderen Teilen der Welt könnte man dieses Zeichen nicht unbefangen benutzen. Hier schon. Hier ist es sogar auf den Stadtplänen das offizielle Zeichen für einen buddhistischen Tempel.

Denn genau da kommt es her, ein Sonnensymbol aus dem indischen Subkontinent, hier als Zeichen für buddhistische Zentren und Tempel genutzt.

Die Zeichensprache hier ist eine andere. Eine wertvolle Lektion, nicht zu glauben, zu wissen, was man da sieht. So sieht auch die Kathedrale von Seoul aus, als könnte Sie in einer deutschen Kleinstadt stehen: Neogotik pur. Kein einziges asiatisches Element, selbst die zwölf Apostel auf den Rentablen können ihre mitteleuropäische Herkunft nicht verleugnen.

Trotzdem muss man genauer hinsehen, will man den Glauben der Menschen hier kennen lernen. Das ist nicht ein aus Europa nach hier verpflanzter Katholizismus.

Das Fremde fasziniert mich eh, wer diesen Blog verfolgt, wird das schon bemerkt haben. Einen meiner Lieblingsautoren zum Thema, Francois Jullien, habe ich hier schon mal besprochen. Ich zitiere seine Methode des „Umweges“: Er will Denktraditionen brechen, er will das Denken „in Unordnung bringen“, wie er sagt. Er verlässt das Denken Europas, indem er eine Sprache lernt, die nichts mit der unsrigen zu tun hat [Mandarin in seinem Fall]. Abstraktionen, Konfrontation, all die Taktiken und Strategien unseres Denkens muss er verlassen, um sich – über seinen Umweg – neu dem Denken zu nähern.

Das Buddhismus-Zeichen war für mich ein echter Aufwecker, vielleicht noch nicht ein Umweg, aber der Anfang eines solchen. Ich hoffe, noch viel davon zu sehen zu bekommen.

 

 

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