Kleriker all-überall

Es ist das ultimative Schimpfwort des Tages: klerikal. Früher, als ich jung war, meinten wir wilden 80er Jahre Jugendlichen damit Priester, die mit einem Priesterkragen herum laufen, sich für etwas besseres halten und Abstand brauchen zum normalen Volk. Das war damals.

Heute ist es ein inhaltsleeres Versatzstück geworden im Kampf um die Deutungshoheit der Empörungskultur. Beispiel Sybille Lewitscharoff. Jemand, der um die eigene Meinung ausdrücken zu können andere erniedrigen muss, erniedrigt sich selbst, schreibt Jens Bisky in der Süddeutschen Zeitung. Ein kluger weil zurückhaltender Artikel über eine völlig indiskutable Rede.

Wer aber die Empörung sucht, der erwähnt den Kleriker und zwar hüben wie drüben. Georg Diez bei SPON wittert in der Rede von Frau L. „die Blaupause für einen neuen Klerikalfaschismus“.

Ulf Poschardt in der Welt dagegen sieht in den Kritikern von Frau L einen „Intoleranzismus“ am Werk, der eine „klerikale Facette erhalten [hat], die zunehmend enthemmt eine Diktatur des Mainstreams für sich entwirft.“

Wie gesagt, es geht um Empörung, es geht um mediale Lautstärke und damit um Erregung und Angst. Und da passt der Klerikalfaschist bestens ins Bild, weil keiner so genau weiß, was das sein soll. Auch die klerikale Facette, hinter der sich wohl hohepriesterlich-bewahrendes hochmütiges Verhalten vermuten lassen soll, geht in diese Richtung.

Als glaubender Mensch verwahre ich mich dagegen, meine Religion für derlei Stuss von Frau L mit Beschlag belegen zu lassen. Das vorweg.

Aber das Rollenspiel der Chef-Empörer, hüben wie drüben, geht mir auch ziemlich auf den Geist. Werdet intelligenter, analysiert, nehmt diesen Pseudo-Diskurs auseinander, aber hört auf, euch Schlagworte um die Ohren zu hauen! Spätestens jetzt, wo dasselbe Schlagwort als Hülse in der Rhetorik aller Beteiligten vorkommt – jeweils gegen den anderen – , sollte jedem klar werden, dass das nicht mehr zieht.

 

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8 Kommentare zu Kleriker all-überall

  1. Spaß am verbalen Rumgekeile und Spaß an Diffamierungen und am ein-bisschen- Quälen, Spaß an Kirchenschelte mal sowieso und diese durch Wort-Neuschöpfungen in die Wesens-Nähe zu Faschismus oder ein anderes Mal zu Pädophilie oder zu Frauenfeindlichkeit uvm. zu bringen, bewusste und unwissentliche Unterstellungen und Zusammenhänge machen, Verdächtigungen erfinden und streuen, unermüdlich Sein im Bananenschalen-Auslegen und Stöcke-zwischen-die-Beine-Werfen und Bullying und so weiter und so weiter: Krisotainment halt (hab den Erfinder dieses unverzichtbaren Begriffes leider vergessen.), ob mit oder ohne Krise, die wird dann schnell erfunden.

    Ich verwahre mich auch als gläubiger Mensch dagegen, aber erkenne auch, naja, den Allesverwirrer, den Gegenspieler Gottes hier auf Erden darin. Das ist eben sein modernes Gesicht oder mal seine Fratze.

  2. Gast auf Erden sagt:

    Georg Diez bei SPON wittert in der Rede von Frau L. „die Blaupause für einen neuen Klerikalfaschismus“.

    Könnte das daran liegen, dass die Stossrichtung, in die Frau L.’s Ausfälle gegangen sind, dieselbe ist, in die der Kampf der römisch katholischen Klerikalhierarchie geht, wenn von In Vitro Fertilisation oder ganz allgemein Reproduktivmedizin, oder gar reproduktiver Gesundheit (vor allem bei Frauen!) die Rede ist?
    Der römisch-katholische Klerus wittert auf diesem Gebiet ja immer gleich Abgründe und äußert sich dem entsprechend. Auch wenn die Tonlage der Vertreter des katholischen Lehramtes inzwischen etwas gemäßigter erscheinen, als die Rabulistik von Frau L., die Musik ist dieselbe.
    Und einzelne Vertreter sind doch auch immer wieder für Ausfälle bekannt, die eindeutig eines Kirchenmannes unwürdig sind. Was wundert Sie da die Äußerung eines Journalisten, der es schafft, die Dinge auf den Punkt zu bringen, wie es auch die Kardinäle Meisner und Müller ganz exzellent vermochten?

    • Pater Hagenkord sagt:

      Es gibt immer einen Unterschied zwischen Widerspruch und Erniedrigung des Anderen, Frau L ist eindeutig auf der falschen Seite. Wenn Sie meinen, jetzt alles über einen Kamm scheren zu sollen, bitte, aber einer Debatte wird das nicht helfen.

      • Gast auf Erden sagt:

        Nein Pater, ich will das alles auf keinen Fall über einen Kamm scheren. Ich will nur aufzeigen, dass die römisch katholische Kirche und Frau L. auf der selben Seite der Front stehen, auch wenn Frau L. sich im Ton vergriffen hat; was sie jetzt anscheinend auch selbst eingesehen hat.
        Und der römisch katholische Klerus hat noch NIE einen Menschen erniedrigt, ganz im Gegenteil!

        • Pater Hagenkord sagt:

          Ich glaube, dass sich niemand – weder Institution noch Individuum – davon selber freisprechen kann. Und ich widerspreche entschieden, dass „die Kirche“ auf Seiten von Frau L steht, von „Front“ ganz zu schweigen.

  3. Rumpelstilzchen sagt:

    Ich wünsche Ihnen, dass Sie morgen, am Tag des Herrn, von von keinem Schimpfwort heimgesucht werden.

    • Rumpelstilzchen sagt:

      Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Sie morgen, am Tag des Herrn, von keinem Schimpfwort heimgesucht werden.

      • Beim lesen des obigenTextes ensteht ein Bild in meinem Kopf: eine Gruppe von Zeitgeistinfizierten demonstriert vor einer verschlossenen Kirchentür mit singen und tanzen und begehrt Einlass. Die Kirchentür bleibt aber verschlossen. Da werden sie ärgerlich und rufen: ihr da drinnen, ihr seid ja klerikal, ja, ihr seid klerikal! Niedlich.

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