Liebe Frau Käßmann, was wollen Sie eigentlich?

Die frühere EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann hat es der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gesagt: Sie wünscht sich mehr Entgegenkommen von Seiten der katholische Kirche mit Blick auf das Martin-Luther-Jahr 2017. „Ich hoffe, dass es im Jahr des Reformationsjubiläums zwischen Protestanten und Katholiken zu einer Geste der Versöhnung kommt”, damit könne „ein Akzent gesetzt” werden, der dem Ereignis „eine neue Qualität“ gebe. So, in aller Nüchternheit, kann man das wiedergeben, was am Sonntag in der FAS stand und was heute durch die übrigen Zeitungen geht.

Mir bleiben mehr Fragen als Antworten, liebe Frau Käßmann:

  1. Warum eine Geste der Versöhnung und keine echte Versöhnung? Das ist ein Unterschied. Reicht Ihnen die Symbolik? Kopieren Sie hier die Politik?
  2. Und überhaupt: Warum müssen wir uns versöhnen? Wo genau ist der Konflikt oder der Streit oder die Spaltung? Ich sehe meine Glaubensbrüder und Schwestern der lutherischen Kirchen mit Respekt, und der Respekt gilt auch ihren Überzeugungen. Warum soll ich mich versöhnen?
  3. Wenn Sie die immer noch bestehenden theologischen Differenzen meinen: Soll sich da nur die katholische Kirche bewegen? Wäre nicht auch eine Bewegung der lutherischen Kirche auf die katholische zu eine Möglichkeit? Warum knüpfen Sie diese „Versöhnung“ an das Entgegenkommen der katholischen Kirche?
  4. Wenn Sie mit „Versöhnung“ Annäherung meinen: Hat es etwa Ihrer Meinung nach so etwas nicht gegeben? Das zeugt von grober Missachtung all der Anstrengungen aller Seiten, aufeinander zuzugehen. Siehe Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre, siehe gemeinsame Erklärungen zu fast jedem Thema, das in Deutschland in den letzten 30 Jahren relevant war.
  5. Wenn Sie „Versöhnung“ sagen, meinen Sie dann wirklich Versöhnung? Nicht etwa Mahlgemeinschaft? Was wäre so ein Symbol, dass Sie zufrieden stellen würde? Ein Händeschütteln kann es doch wohl nicht sein, oder?
  6. Was bitte soll ein „Akzent“ sein, der „gesetzt“ werden könne? Das ist Politikersprech und ist vollkommen inhaltsleer. Oder handelt es sich um Öffentlichkeitswirksamkeit? Wollen Sie nur den Event?

Noch einmal zusammengefasst: Was wollen Sie eigentlich, wenn Sie so etwas wünschen?

Mein Verdacht: Es geht nicht um die Botschaft, liebe Frau Luther-Botschafterin, sondern um die Vermarktung. Es soll Resonanz geschaffen werden und dazu braucht man symbolische Akte, Events, Lutherfiguren und Interviews in Zeitungen, die leider nicht viel hergeben (die Interviews, nicht die Zeitungen). Die „neue Qualität”, die sich sich für das Luther-Jahr wünschen, klingt mir zu sehr nach Werbewirtschaft und Aufmerksamkeitssuche.

Martin Luther ist zu wichtig, als dass man ihn zu einer solchen Marke verkommen lassen darf. Historisch ebenso wie theologisch ist unser Denken ohne ihn unvollständig. Deswegen würde sich eine gemeinsame Beschäftigung mit ihm sicher auch ökumenisch lohnen. Aber eine „Geste der Versöhnung“? Was soll das bitte sein?

Print Friendly
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.