Loyalität auf Theologisch

Vortrag, gehalten vor dem Katholischen Medienverband, Hamburg, 27. Juni 2012

Wenn eine Gruppe Radio Vatikan besucht und ich ihnen vorstelle, wer wir sind und was wir tun, kommt unweigerlich jedes mal die Frage, wie „kritisch“ wir sein dürfen. Das ist das Wort, das immer vorkommt: „kritisch“. Kritik zu üben wird als der Lackmustest gesehen für freies Denken und Handeln. Ist das, was ihr da macht, authentisch und Information, oder ist es „Spin“? Unterdrücken wir und lassen besser aussehen, als es ist, oder wollen wir informieren? Bestimmt das Berichtsobjekt – der Vatikan – was berichtet wird, oder bestimmen wir das?

Meine Antwort darauf ist immer, dass wir nicht über den Vatikan berichten, sondern aus dem Vatikan. Bereits hier also unausgesprochen der Begriff „Loyalität“.

Er kommt dann ins Spiel, wenn es um den Willen geht, um den eigenen und dem der Anderen, und damit, was passiert, wenn die beiden in Widerspruch geraten.

Loyalität ist letztlich die Frage nach Freiheit und Autonomie.

Ich bin eingeladen, darüber zu sprechen, wie das theologisch aussieht, wenn sich diese beiden Willen widersprechen. Die Gretchenfrage: Wie hältst du es mit der Loyalität?

 

Die Bibel

Das Problem mit dem Begriff ,Loyalität‘ ist, dass es kein theologischer Begriff ist. Der Denzinger Hünermann (die Sammlung von Lehrdokumenten der Kirche) kennt ihn nicht, das LThK kennt ihn nicht und die Bibel kennt ihn auch nicht. Über die Bibel können wir uns vielleicht am ehesten nähern, denn hier ringt das theologische und geistliche Denken des Volkes Israel durch fast alle Bücher mit dem Königtum, vor allem mit dem eigenen. Königtum: Das ist die Sozialform, die Autorität, das Dazu-Gehören und im Zweifelsfall der Zwang. Beginnen wir also hier.

Israel will einen König, und zwar bereits in der Richterzeit. Es sind lose Stämme, die das Volk bilden, ein Richter oder eine Richterin ist charismatischer Schlichter oder auch Anführer, wenn so jemand gebraucht wird, aber ohne Institutionalisierung.

Der erste, der König werden soll, ist Gideon.

Es ist das Volk, dass einen König will, der Ursprungsimpuls geht nicht vom Machtinhaber aus.

Gideon lehnt ab unter Verweis darauf, dass „Gott der wahre König Israels ist“ (Ri 8:22-27). In einem Satz haben wir die ganze Problematik: Es wird alles abgelehnt, was dem Königtum Gottes etwas wegnehmen könnte. Um hier den Begriff Loyalität einmal einzuführen: Loyalitäten einem König gegenüber dürfen auf keinen Fall von der Loyalität Gott gegenüber etwas wegnehmen.

Diese Geschichte wiederholt sich dann mit Jesus, der nach der Brotvermehrung bemerkt, dass die Leute ihn ergreifen wollen, um ihn zum König zu machen. Dem entzieht er sich (Joh 6: 15)

Was das bedeutet, wird in den Folgegeschichten ausgebreitet:

Der erste König, Abimelech, macht sich selbst zum solchen und scheitert (Ri 9). Abimelech war der Sohn Gideons: Hier bereits eine erste Kritik an den Versuchungen des dynastischen Machtdenkens, also einer Loyalitätsverpflichtung, die andere mir auf Grund von Geburt schulden, Macht, die Macht gebiert.

Die Bedrohung von außen ist es dann, die die Propheten, namentlich Samuel, zustimmen lassen: Saul wird erster richtiger König. Vorher warnt Samuel das Volk: Die Institution Königtum werde Folgen haben. Die Söhne werden in den Kriegsdienst des Königs gezwungen, die Töchter in den Haushalt, die Erträge des Ackers müssten abgegeben werden. Er werde als Machthaber immer mehr Macht wollen und sich nehmen. Das Buch Deuteronomium, das 5. Buch Mose, kennt das „Königsgesetz“. Darin ist festgelegt, was der König tun muss. Er muss sich dem Gott Israels unterwerfen und darf nicht wie die anderen Gottkönige Mesopotamiens und Ägyptens werden. Er darf nicht viele Frauen und viel Gold besitzen, weil sonst sein Herz auf Abwege gerät: Also ein „Dienstkönigtum“. Die Schrift hat an dieser Stelle bereits die Psychologie der Macht durchschaut: Wer Autorität hat, ist immer in der Versuchung, mehr davon zu wollen und Macht um der Macht willen.

Der König darf außerdem das Volk nicht zurück nach Ägypten führen, die Freiheitsgeschichte Israels mit seinem Gott darf nicht umgekehrt werden.

 

Erste Thesenversuche auf dem Weg zu einem Verständnis von Loyalität im theologischen Zusammenhang: Die Sozialform, die vom Menschen gewollt ist, widerspricht – biblisch – dem Willen Gottes für sein Volk. Wie auch immer die Loyalitäten aussehen, sie dürfen Gott nicht im Wege stehen.

 

Loyalität selbst findet sich nicht in der Schrift. Der Begriff, dem wir stattdessen dauernd begegnen, ist ein anderer: Treue. Das ist nicht dasselbe, denn Treue nimmt ihren Ausgang bei Gott. ,Treu‘ ist eine Eigenschaft Gottes, „Gott ist treu“, „Jahwe ist ein treuer Gott“, Formulierungen wie diese finden sich durch die ganze Schrift. Treue beschreibt eine dauerhafte Beziehung, und zwar beginnend bei Gott: Gott ist treu, Treue ist ein Name Gottes. „Ich werde dein Gott sein, und du wirst mein Volk sein.“ Das ist die berühmte Hochzeitsformulierung, die für die Beziehung Gottes zu seinem Volk benutzt wird.

Der Gegenbegriff dazu ist nicht etwa, das Israel auch treu sein muss, obwohl sich diese Formulierung auch immer wieder einmal findet. Der Gegenbegriff für den Menschen als Haltung und Verhalten gegenüber Gottes Treue ist ,Gehorsam‘. ,Gehorsam‘ ist etwas anderes als ,Loyalität‘. Letzteres gehört in den innermenschlichen Bereich, in die psychologischen Seiten der Sozialformen. Gehorsam hat mit der Schöpfungsordnung zu tun und mit Gottes Willen für uns. Die Grundidee ist letztlich die, dass Gott mit uns etwas vorhat und dass wir letztlich nur dann wir selber sind, wenn wir der oder die werden, als die Gott uns geschaffen hat.

Wir wollen davon weg, siehe Gold und Frauen und Machtwillen der Könige.  Unsere Natur treibt uns davon weg, wir selber sein zu wollen. Und auch wenn unser Begehren und Wünschen uns Dinge zeigen und haben lassen will, so ist es das Hören auf Gottes Wort – der Gehorsam – der uns wirklich zu uns selbst führt.

 

These: Loyalität muss sich einpassen in das, was Gott von uns will: Freiheit. Im Gehorsam gegen Gott liegt unsere Freiheit, alles andere will uns gefangen nehmen, besitzen. Und: Es geht um Beziehung zu Gott, nicht um ein Herrschaftsverhältnis. Das Gleiche soll auch für sein Volk – heute die Kirche – gelten.

 

Nun ist es eine Versuchung, diesen Gehorsam mit der Loyalität zusammen fallen zu lassen. Ein Beispiel ist das Problem mit dem 13. Kapitel des Römerbriefes:

„Jeder leiste den Trägern der staatlichen Gewalt den schuldigen Gehorsam. Denn es gibt keine staatliche Gewalt, die nicht von Gott stammt; jede ist von Gott eingesetzt. Wer sich daher der staatlichen Gewalt widersetzt, stellt sich gegen die Ordnung Gottes, und wer sich ihm entgegenstellt, wird dem Gericht verfallen.“

 

Wir sehen eine Gleichsetzung, die wir nicht erst seit dem letzten Jahrhundert atemberaubend finden, Herr Assad und seine Kollegen hätten heute ihre Freude. Ist ist Illoyalität also gleich Ungehorsam Gott gegenüber?

 

Vers 3: „Vor den Trägern der Macht hat sich nicht die gute, sondern die böse Tat zu fürchten; willst du also ohne Furcht vor der staatlichen Gewalt leben, dann tue das Gute, sodass du ihre Anerkennung findest.“

 

Ich soll also auf jeden Fall mitmachen. Gleich wie das System, ich soll nach dessen moralischen und sittlichen und juristischen Vorgaben leben. Denn dass jedes Verhalten dem Staat gegenüber moralische Konsequenzen hat, dass wird niemand mehr bestreiten können.

 

Vers 4 u 5: „Sie steht im Dienst Gottes und verlangt, dass du das Gute tust. Wenn du aber Böses tust, fürchte dich! Denn nicht ohne Grund trägt sie das Schwert. Sie steht im Dienst Gottes und vollstreckt das Urteil an dem, der Böses tut. Deshalb ist es notwendig, Gehorsam zu leisten, nicht allein aus Furcht vor der Strafe, sondern vor allem um des Gewissens willen.“

 

Als ob der Abschnitt nicht problematisch genug wäre, wird hier auch noch das Gewissen mit aufgenommen. Es geht also nicht um Anpassung, es geht um Einverständnis. Auf Jesuitisch heißt das ,Gewissensgehorsam‘: Ich soll also nicht nur tun, was mir aufgetragen ist, ich soll das auch noch wollen.

 

Ein ganz bedenklicher Text. Und es ist schwer, herauszufinden, was Paulus genau damit sagen will.

Die meisten Kommentare zum Römerbrief stolzieren um das Thema herum. Sie versuchen, den Sätzen Paulus die Spitze zu nehmen. Es ist ja auch schwer erträglich, vom „Wort des lebendigen Gottes“ das Verhalten einem Unrechtsstaat gegenüber kommentiert zu bekommen. Si tacuisses, wollen wir sagen, ach, wenn du nur geschwiegen hättest, lieber Paulus.

Den besten Kommentar entnehme ich Erik Peterson, 1890 hier in Hamburg geboren. Ich mag diese Überlegungen, weil Peterson den Text erst einmal ernst nimmt und nicht Sinnspitzen umdeutet, dann aber sehr genau nachliest, was eigentlich da steht. Im Text steht ἐξουσία, also nicht das Wort, das für Autorität oder staatliche Macht steht. Petersen verbindet es mit Freiheit und Potentialität, einem Vermögen, etwas machen zu können. Die Fähigkeit, öffentlich-rechtlich zu denken und zu handeln, ist in den Augen Petersons nach Paulus ohne Gott nicht denkbar. Weder die Freiheit, noch soziales Handeln seien ohne Gott denkbar.

Daneben trete dann die empirische Feststellung der Ordnung der faktischen ἐξουσίαι, die Ausüber. Hierfür lässt Petersen aber nur den relativen Geltungsbereich des römischen Reiches und die Briefsituation, den berühmten theologischen „Sitz im Leben“, zu. Es bleibt aber die grundsätzliche Aussage, dass Freiheit und auch Autorität, und hier auch staatliche, ohne den Gottesgedanken nicht denkbar sind.

Um den Gedanken etwas weiter zu drehen: Hier würden auch die Widerstandskämpfer gegen die Nazis keinen Widerspruch sehen. Denn letztlich ist auch Widerstand eine Frage Gottes. In den Worten von Pater Alfred Delp: „Brot ist wichtig, Freiheit ist wichtiger, aber am wichtigsten ist die unverratene Anbetung.“

 

Thesen in Richtung Loyalität: Loyalität, Treue, Gehorsam – im ganzen Gedankenkomplex ist keine Trennung zwischen geistlich und weltlich und gesellschaftlich möglich. Die Dinge gehören zusammen, das Schreiben eines Kommentars und das Sprechen des Credos müssen zusammen gehen.

Und: Loyalität ist immer konkret, sie gehört in den Bereich der Ethik, sie entscheidet sich im Verhalten, also in einem Prozess.

 

Eine andere Perspektive

Wenn ich Zug fahre, besorge ich mir immer Dinge zu lesen, die ich in Rom nicht in die Hände bekommen. Mein erster Griff im Bahnhofskiosk geht dabei fast immer zur Zeitschrift „BrandEins“. Ein Wirtschaftsmagazin, dass aber tolle Geschichten macht, wie ich finde, und in dem ich selber immer Anregungen finde. Für heute habe ich zwei Ausgaben, die für uns interessant sind:

Heft Januar 2012: „Nimm dir die Freiheit. Schwerpunkt Nein sagen.“

Heft Mai 2012: „Du bist nicht allein. Schwerpunkt Loyalität.“

Es hilft vielleicht, zu sehen, wie die Anderen mit diesen Begriffen umgehen, die wir im kirchlichen Kontext so leichtfertig benutzen.

 

Beginnen wir mir der Freiheit. Interessant ist auf den ersten Blick, dass „Nein-Sagen“ als Erklärung für Freiheit gilt. Das sich Trennen, die eigene Entscheidung, das Individuum mit seinen Wünschen und seinem Willen.

Aber so freiheitsliebend sind wir dann auch wieder nicht, auch wir wollen unsere Könige haben: Zu nennen wäre etwa das Milgram-Experiment. Wo macht man mit? Wo steigt man aus. Milgram hat entdeckt, dass wir zu Unglaublichem fähig sind, nimmt man uns nur die Verantwortung ab, und sei es nur scheinbar. ,Nein‘ sagen ist gar nicht so einfach. Menschen, die bereit sind, anderen auf Kommando Stromstöße zu versetzen, sollten besser nicht Römer 13 lesen.

Auf der anderen Seite sei ,Nein‘ das neue ,Ja‘. Während in der Vergangenheit vielleicht zu viele Menschen Jasager waren, ist heute das ,Nein‘ zum Pop geworden. Der Wutbürger ist so ein Phänomen, letztlich ein Transformationsverweigerer, der der nächsten Generation die Zukunft verbaut.

 

Soweit einige Schnipsel aus dem Umweg.

Andere Schnipsel zum Thema Loyalität: Es ist nicht überraschend, dass ein Wirtschaftsmagazin darunter vor allem Loyalität des Kunden versteht. Loyalität übersetzt sich als Kaufbereitschaft, als Markenbindung. Es gibt einen ganzen Zweig von Professionellen, den CRM, den Customer Relations Managern, die Kaufverhalten methodisch erfragen und so berechenbar machen. Wenn wir also über Loyalität sprechen, sprechen die über Bindung, über Marken, über Konsum.

Voraussetzung für diesen Zugang zu Loyalität ist die Moderne, Loyalität ist überhaupt ein Kind der Moderne, der Demokratie und des Marktes. Sie setzt auf Vielfalt und Auswahl.

Gegen die Vielfalt setzt der Betrieb die Kundenkarte, den Rabatt, die Marke, die in mir eine Emotion auslösen soll und die mich dadurch binden soll.

Interessant zu beobachten ist dabei, dass Loyalität nicht automatisch über Zufriedenheit gewonnen werden kann. Auch zufriedene Kunden wechseln die Marken, scheinbar ohne Auslöser.

 

Thesen in Richtung Loyalität: Freiheit ohne Verantwortung lässt uns furchtbare Dinge tun.

Und: Gegen den Gehorsam, der mich frei macht, treten die Bindungswünsche durch andere, die unfrei machen. Das will unterschieden werden. Es gibt eine Loyalität – zur Marke – die bindet. Die ist falsch.

 

Zurück zum Thema

„Wir aber, dein Volk, die Schafe deine Weide, danken dir ewiglich und verkünden deinen Ruhm von Geschlecht zu Geschlecht“ (Ps 79, 13).

Den Willen Gottes zu tun, das hat den Geschmack des Unfreien, schließlich sagt das ja aus, dass ich nicht meinen Willen tue, sondern den Gottes, im Zweifel sogar den eines andern. Wenn wir also über Loyalität sprechen, hat das ein Geschmäckle. Uns wird eingeredet – und eine ganze Branche von Menschen, deren Bauchbinden in Talkshows „Kirchenkritiker“ lautet lebt davon – dass Kirche genau so funktioniert. Leider hilft das Sprechen von Hirten nicht wirklich, aus diesem Bild heraus zu kommen.

 

Loyalität und Bindung brauchen eine freie Zustimmung. Natürlich hat das mit dem Wirken des Heiligen Geistes zu tun, aber auch mit unserer freien Zustimmung. Gnade setzt die Natur voraus.

 

Wie kann und soll und muss ich nun als Journalist Loyalität verstehen? Oder noch einmal anders formuliert: Kann ich gleichzeitig einen Kommentar und das Credo sprechen? Auch das Credo Pauls VI., dass die gesamte Konzilstheologie versucht zu fassen, einschließlich der Unfehlbarkeit des Papstes unter bestimmten Bedingungen?

Oder ist das schon Unterwerfung, nicht mehr frei gegebene Loyalität? Oder mache ich dabei einen inneren Vorbehalt? Oder drücke ich meine Loyalität durch Kritik aus, die sich ,loyaler Widerstand‘ nennt?

 

Bleiben wir so konkret wie möglich, und da ,Loyalität‘ ein Konfliktwort ist, bleiben wir bei Konflikten.

 

Anwendungen für einen katholischen Journalisten

Erstens: Loyalität ist immer konkret. Über Treue und Gehorsam können wir theoretisch und theologisch sprechen, Loyalität ist etwas, was sich erweisen muss. Sie ist eine Haltung in einer Situation.

 

Aufruf zum Ungehorsam

Gehen wir gleich in die Mitte der aktuellen Auseinandersetzung: Der Aufruf zum Ungehorsam. Die Aufrufer nehmen für sich Loyalität in Anspruch, und selbst der Papst unterstellt ihnen, das Beste zu wollen. Gut gemeint. Wir treffen hier aber auf den Wutbürger. Auf den Transformationsverweigerer. Ich sehe in der Pfarrerinitiative etwas sehr Strukturkonservatives.

Wir sind in einer Krise, sagen die Aufrufer. Aber ich finde es merkwürdig, von einer Krise zu sprechen, wenn die Welt einfach nur anders ist als gestern. Das war schon immer so. Natürlich bin ich in einer Krise, wenn ich die Gegenwart an den Maßstäben von gestern messe. Natürlich kann ich Statistik nach Statistik füllen mit dem, was es nicht mehr gibt.

Dazu kommt eine sehr kirchlich gewordene Einstellung: Wir rechnen fast gar nicht mehr mit der Rückkehr Gottes, sind vielleicht sogar ganz zufrieden, wie wir uns in der säkularen Moderne eingerichtet haben. Aber das ist zu wenig, mindestens ist es zu wenig für das Morgen und für die Generationen, die mehr erwarten als die Selbstverständlichkeiten des Gestern und die Zufriedenheit im Heute.

Der Aufruf zum Ungehorsam klingt in meinen zugegeben nicht österreichischen Ohren als kirchliche Verteidigung von Stellungen. Nichts darf sich an den Strukturen ändern, deswegen geben wir alles auf, was die säkulare Moderne uns als Ballast definiert.

Meine Loyalität als katholischer Journalist ist beim Denken. Dabei, genau hinzuschauen, um was es eigentlich geht. Schaue ich auf die Ungehorsamsdebatte, sehe ich eben nicht den Rückzug der Kirche von den Menschen, sondern ich sehe unvermeidliche Transformationsprozesse, denen man sich stellen muss.

Ich will gar nicht sagen, dass jeder Denkende automatisch bei meinen Schlüssen ankommen muss. Ich will nur sagen, dass das Nachsprechen in unserem Beruf ein zu Vermeidendes ist. Denken hilft.

Wenn Benedikt XVI. bei der Chrisammesse über die Pfarrerinitiative predigt, dann schaue ich auf den Stil, ich vergleiche und höre den ganzen Text. Das im Gegensatz zu denen, die einen Beitrag unter dem Titel „Benedikt gegen Reformer“ machen. Meine Loyalität gehört dem ganzen Text, der Erklärung, der Einordnung, den theologischen Hintergründen.

Sie mögen das nun normal und professionell nennen. Wenn wir uns aber die modernen Produktionsmethoden von Medien vor Augen führen, ist das alles ganz und gar nicht selbstverständlich.

 

These zur Loyalität: Echte Loyalität ist da, wo gedacht wird.

 

„kritisch“

Ich hatte es zu Beginn bereits erwähnt, ich werde immer danach gefragt, wie ,kritisch‘ Radio Vatikan eigentlich sein darf. Gemeint ist natürlich Abweichung von der Lehrmeinung, überhaupt eine eigene Meinung haben, was selbstverständlich nur als Abweichung gemeint sein kann. Die Freiheit, zuzustimmen, scheint es gar nicht mehr zu geben. Da heißt es dann „das müssen Sie ja so sagen“.

Auch im Raum der Kirche lautet „Freiheit“ übersetzt immer „Kritik“, und zwar nicht unterscheidend, wie es geistlich heißt, sondern kritisierend. Die Unabhängigkeit scheint so bedroht, dass sie sich nur noch in Abgrenzung und Kritik zeigen kann. Freiheit kann auch im Erweis der Loyalität liegen, es ist ein durch unsere Mediennutzung gefördertes Missverständnis, dass nur in der (sich selber distanzierenden) Kritik Freiheit liegen kann.

Hier führt mich meine Loyalität in Widerspruch zu vielen Kolleginnen und Kollegen, die ganz in der Verdachtslogik davon ausgehen, dass ,Kritik‘ verstanden als Abweichung immer richtig liegt. Oder von denen, die nur den Kontrast berichten wollen, können oder dürfen, weil nur das gekauft oder geschaut wird. Die also Kaufanreize für ihr Produkt schaffen.

Opus Dei wird immer gerne genommen. „Mittelalterlich“ ist mein persönlicher Lieblingsbegriff. Er sagt rein gar nichts aus, schafft aber ein diffuses Bild, dass den Leser sich um so moderner fühlen lässt.

Zurück zur Freiheit: Das darf alles sein. Aber das ist dann keine Kritik mehr, da geht es um Verkaufszahlen und da geht es um Kundenbindung, in dem latent vorhandene Vorurteile bedient und damit dem Leser ein gutes Gefühl gegeben wird, damit der Leser / Hörer / Zuschauer sein Geld und seine Zeit in eben dieses Medium investiert. Mediale Tütensuppen.

Die Reaktion „Das müssen Sie ja sagen“ höre ich oft, vor allem, wenn ich loyal bin. Dieselbe Reaktion hören wir aber nie, wenn ich mir eine kritische Meinung dem Vatikan gegenüber erlauben.

Gibt Ihnen das zu denken? Mir schon.

 

These: Loyalität will Kritik im Sinne der Unterscheidung, nicht im Sinn der Absetzung. Loyalität will Einmischung und Beteiligung, nicht kommentierende Sofa-Politiker.

 

Sprache

Hier gehört meine Loyalität aber auch der deutschen Sprache. Wir Journalisten nutzen sie ab: Jeder Kritiker gerät in der Überschrift zum Rebellen, James Dean lässt grüßen. Hier schleift sich Bedeutung ab, hier schafft sich Sprache ab. Es wird nicht mehr kritisiert, es wird immer und in allen Meldungen und Überschriften nur noch ,scharf kritisiert‘. Die Worte und auch die Bilder verschleifen sich und verlieren jegliche Aussagekraft, weil sie auf Dinge geklebt werden, die zu klein sind für sie. Und wenn nur doch die Klischees bedient werden, dürfen wir uns nachher nicht wundern, dass man uns nicht mehr zuhört, die Zeitungen nicht mehr kauft und das Qualitätsfernsehen nicht mehr anschaltet.

Was im Übrigen auch für die Binnensprache der Kirche gilt. „Ein Stück weit gemeinsam ins Gespräch kommen“ und dergleichen ist genau so schlimm wie das dauernde Abnutzen.

Sprache nimmt Menschen ernst. Wenn wir Sprache nicht mehr Ernst nehmen, dann merken unsere Hörer und Leser und Zuschauer das. Eine Lektion, die ich hier in Hamburg als Jugendseelsorger gelernt habe.

 

These: Loyalität gilt auch der Sprechsituation, gilt auch den Menschen, die ich mit Sprache ernst nehme und respektiere. Loyalität ist immer dialogisch, nie nur eine Einbahnstraße.

 

Vatileaks

Vatileaks habe ich bereits angesprochen.

Hier ließe sich viel über Loyalität sprechen, hier nur ein kleiner Punkt: Herr Nuzzi spricht von „falsch verstandener Loyalität“ derer, die ihm seine Version der Geschichte nicht abkaufen. Loyalität wird zum Schimpfwort und die Loyalen in die Nähe der Intriganten gerückt. Oder sie werden als Ahnungslos dargestellt.

 

These: Loyal sein muss man aushalten. Es ist nicht einfach, gegen den Strom zu schwimmen und dann auch noch keine Leidenshaltung daraus zu machen.

 

Womit wir beim letzten konkreten Punkt sind.

 

Vulgärplatonismus

Dem, der sich auf eine größere Loyalität beruft oder der nach einer Abwägung einer simplen Form der Gruppenloyalität widerspricht, der zieht sich den Vorwurf des Verrates zu. Loyalitätsvertreter in der Gruppe – meistens selbst ernannte – können nicht dulden, dass andere eine andere Loyalität für sich beanspruchen. So wird Loyalität wird besonders im sich selbst katholisch nennenden Internet zu einem Kampfbegriff umgeformt. Vulgärplatonisch wird Konkretes am Ideal gemessen, es entstehen notwendigerweise Widersprüche und dann werden Kampagnen gefahren oder ohne das Denken oder die Urteilsfähigkeit des Lesers zu fördern wird Emotion gemacht. Und diese Emotionalisierung bindet. Damit sind wir wieder beim Verlust der Freiheit: Bindung hier durch Erregung der Emotion. Niemals ist ein Mensch so stark, wie wenn er sich als Opfer fühlen darf.

These: Was als Loyalität plakativ ins Feld geführt wird, ist meistens keine, weil sie bindet und das Denken und die Unterscheidung unterbindet.

 

Was das nun mit Theologie zu tun hat

Loyalität ist immer konkret. Jedes Loyalität fordernde System – Israels Könige – hat seine Eigenlogik, die ich prüfen muss, ob das Ganze noch etwas mit Gott zu tun hat.

Loyalität setzt auf Verantwortung. Wenn ich die abtrete, ist das eine „Sünde wider den Heiligen Geist“.

Loyalität macht frei. Was bindet und die freie Zustimmung unterläuft, unterläuft auch die Loyalität.

Loyalität ist nicht dasselbe wie Treue. Treue ist in der Beziehung zu Gott, zu anderen und zu sich selbst wichtig. Loyalität ist das Ergebnis einer Unterscheidung der Geister.

 

 

Schlussbemerkung

Aber wem gegenüber soll ich dann loyal sein?

Fragen wir die Systemtheorie, fragen wir Niklas Luhmann: Religion ist das einzige System, das man daran erkennt, dass es Selbstreferenz durch Fremdreferenz ersetzt. Wir schauen in die Zeitung um zu wissen, wie es um Kirche und Glauben steht. Oder wir als Medienmacher wollen selber die Rolle des Referenzgebers einnehmen. Wir beziehen uns auf uns selbst nach Art der anderen. Da ist Enttäuschung vorprogrammiert.

Wenn sich Religion nach Art der Umwelt auf sich selbst bezieht, sich nur durch mediale postsäkulare Weise selbst wahrnimmt, löst sie sich allmählich in der Umwelt auf. Wer jetzt hinter diesen Gedanken den Begriff der „Entweltlichung“ vermutet, der liegt richtig. Loyalität fällt hier mit Freiheit zusammen. Nur in der Freiheit des Denkens, die eben nicht die medialen Kategorien – und andere natürlich – bedingungslos spiegelt, kann ich loyal sein.

Loyalität bedeutet, sich nicht einen Bären aufbinden lassen von scheinbaren Selbstverständlichkeiten, sondern das Denken nicht aufzugeben, die Sprache, die Freiheit, die Pädagogik und alle Fähigkeiten, die mir mein Schöpfer zur Verfügung gestellt hat. Oder, um es in den Worten des Papstes zu sagen: „Erschafft euch die Welt, Erneuert euer Denken!“

Ich ende mit einem Zitat von Steve Jobs: In einer Debatte mit Rupert Murdoch über Medien sagt er, was auch wir in den lästigen innerkirchlichen Auseinandersetzungen auf der Suche nach unseren eigenen Loyalitäten beherzigen sollten:

„Der Bruch verläuft nicht zwischen liberal und konservativ, sondern zwischen destruktiv und konstruktiv.“

 

 

 

Nachtrag: Der Dank für viele Gedanken, Anregungen und Zitate geht an: Erik Peterson, Michael Hochschild, Francois Jullien, John Ziesler, Steve Jobs und meine Redaktion.

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