Mein Synodentag

Morgens, früh, sehr früh. Aufstehen. In den Tagen der Synode bin ich früher auf den Beinen als sonst, das Jesuitenhaus in dem ich wohne ist voller Synoden-Gäste, wenn man in Ruhe frühstücken will – und das ist ein Muss für mich – dann muss das sehr früh sein. Kaffee ohne Thema, ohne Fragen, ohne Debatte. Außerdem will ich vorher noch die Zeitung lesen und meine Notizen für den Tag durchgehen. Da ist das Radio doch geruhsamer als Arbeitsort.

8.30 Uhr: Ankommen in der Synodenaula. Unten, im Foyer, trifft sich alles. Bischöfe und Kardinäle, Helfer und Auditoren. Eine gute Kontaktbörse, man fragt die Stimmung ab, informiert sich über die Arbeit, scherzt und macht Small-Talk. Manchmal aber erwische ich auch eine wirklich gute – wenn auch kurze – Unterhaltung. Und da man sich hier schon länger täglich sieht, kennt man sich auch besser.

8:50 Uhr: Ich mache mich auf nach oben, zwei Stockwerke rauf, zu meinem Platz. Zuvor noch ein Griff in mein Postfach – jeder Synodenteilnehmer hat ein Postfach – in dem immer eine Presseschau liegt. Der Vatikan stellt zusammen, was alles über Synode und Vatikan und sonstigen wichtigen Ereignissen veröffentlich wurde und stellt und das zur Verfügung. Meistens ziehe ich das dann aber abends mit schlechtem Gewissen aus der Tasche, „schon wieder nicht gelesen.“

 

Die Lobby ist der wichtigste Ort

 

9:00 Uhr: Gebet in der Aula. Vor der Sitzung wird gebetet, nicht kurz ein Vaterunser, sondern ein Teil des Stundengebetes. Dazu stehen wir Presse-Menschen hinten oben im Saal, unsere Plätze sind noch vom Chor der Sixtinischen Kapelle besetzt. Natürlich nicht vom ganzen Chor, aber von einigen Sängern, die das Gebet vortragen. Meistens sind auch andere Kollegen dabei, für die das die einzige Gelegenheit ist, während der Sitzung in die Aula zu kommen und zu filmen. TV braucht Bilder.

Dann beginnt die Sitzung. Wir gehen in unseren Pressebalkon, die Kollegen werden herausgebeten, die Blöcke werden gezückt, die Computer aufgeklappt. Kardinal Baldisseri, der Sekretär der Bischofssynode, erklärt das Programm für den Tag und einer der vier Präsidenten, die jeweils für einen Tag leiten, beginnt mit der Moderation.

Wir bekommen stapelweise Papier, die Beiträge der Synodalen zum mit- und gegenlesen. Einige lesen ab – sehr angenehm für uns – einige fassen ihre längeren Statements zusammen – da ist dann eifriges Blättern gefragt. Schnell verwandelt sich der Sitzplatz mit Rechner, Papier, Stiften, Blöcke und dergleichen in ein Abbild meines Schreibtisches im Radio: irgendwie ist da immer zu viel drauf.

Bischöfe betrachten die Fotoauswahl der Synode

„Ich und der Papst – das Foto muss doch irgendwo sein…“

10:30 Uhr: Kaffeepause. Siehe Ankommen in der Aula, ein wichtiger Kontaktort. Die Kollegen von Radio Vatikan streichen umher und sehen zu, wen sie interviewen können. Die Schlange vor dem Kaffee ist lang, die Kleinigkeiten zum Essen sind schnell weg.

Im Foyer hat auch der Foto-service einen Stand, einige Synodalen sind in die Bildschirme vertieft auf der Suche nach einem Foto von ihnen mit dem Papst. Das muss doch irgendwo sein …

Meistens stehe ich mit meinen Kollegen zusammen, wenigstens für einige Minuten, uns abzusprechen: Pater Federico Lombardi, unser Chef, Romilda Ferrauto (französisch), Manuel Dorantes (spanisch), Tom Rosica (englisch) und ich. Wir laden ja immer zu jeder Pressekonferenz Teilnehmer aus der Synode ein, das will koordiniert werden. Sind mehrere Kontinente vertreten? Haben die schon zugesagt?

 

Und noch Radio Vatikan

 

Dann ein Händeschütteln mit Kardinal Gracias aus Indien, ein großartiger Mann. Ein kurzer Schwatz mit dem Ehepaar Buch aus Deutschland, Erzbischof Kurtz aus den USA ist immer sehr freundlich, Kardinal Tagle winkt, und so weiter, und dann ist die Pause auch schon um.

11 Uhr: weiter geht’s. Zeit, mein Stück zu schreiben. Neben der Arbeit für den Pressesaal schreibe ich ja – fast täglich – auch etwas für Radio Vatikan. Mit Hilfe des Mobiltelefons wird das dann am Schluss der Sitzung aufgezeichnet und in die Redaktion geschickt. Für die Kolleginnen und Kollegen dort falle ich ja drei Wochen aus, da wollen die wenigstens das von mir haben. Und schließlich ist es exklusiv, wann hat Radio Vatikan das schon.

Ach ja, nicht vergessen, Kommentare auf dem Blog frei schalten. Und Twitter verfolgen. Und Kommentare der Kollegen im Netz lesen. Und alles schön brav gleichzeitig.

12:30 Uhr: Ende der Vormittagssitzung. Und während alle Synodenteilnehmer zum Mittagessen strömen, eilen wir mit den Eingeladenen des Tages rüber zum Pressesaal, einmal über den Petersplatz. Es gibt auch ein Auto, aber meistens ist das die einzige Möglichkeit des Tages, wenigstens kurz die Beine zu vertreten. Und es erinnert auch daran, dass es da noch eine Welt da draußen gibt.

Zentrum meines Tages: Die Pressekonferenz

Zentrum meines Tages: Die Pressekonferenz. Von links: Ferrauto, Hagenkord, Dorantes, Lombardi, Rosica

12:40 Uhr: Kurze Besprechung im Büro von Pater Lombardi, die Eingeladenen bekommen erklärt, wie das hier so geht und werden gefragt, ob sie nachher für Einzelinterviews zur Verfügung stehen. Die Bischöfe kennen das, aber die Auditoren und Fachleute sind nervös.

 

Die Pressekonferenz

 

13:00 Uhr: Pressekonferenz. Zeit, selber nervös zu sein. Meistens sitze ich ja unten, unter den Kollegen, aber ab und zu – und zunehmend – auch oben, um zu erklären, was denn in der Aula Sache ist. Auf Italienisch. Vor der Weltpresse. Jetzt bloß keine Versprecher. Hast du auch das richtige Wort dafür? Sagst du zu viel? Zu wenig? Wenn dann die anderen sprechen und ich durch bin, beruhigt sich das Ganze.

14:10 Uhr: Ende der PK, auf in einen Nebenraum mit allen deutschsprachigen Journalisten, die noch mehr Infos brauchen oder wollen. Meistens habe ich gar nicht viel mehr zu sagen, aber es gibt Klärungen, Nachfragen, Einschätzungen. Die meisten sprechen ja Italienisch oder hören per Simultanübersetzer bei der PK direkt zu, da sind die meisten Infos zu holen.

15:00 Uhr: Noch ein kurzer Blick ins Büro von Pater Lombardi, alles gut gelaufen? Noch Fragen? Und dann zurück nach Hause, Mittag essen. Wenn nicht vorher der BR noch ein Interview will. Oder der ORF.

16:30 Uhr: Weiter geht’s, der Nachmittag beginnt in der Aula. Ähnliches Prozedere wie zuvor, vorher trifft man sich in der Lobby, hält einen Schwatz oder reiht sich in die Schlange derer ein, die dem Papst – der wie immer früh kommt – die Hand schütteln wollen. Manchmal kann man sich dagegen auch gar nicht wehren, neulich musste ich ein Telefonat abbrechen, weil der Papst auf mich zukam und mir die Hand schüttelte. Hat man auch nicht jeden Tag.

 

Noch einmal Hände schütteln

 

18:00 Uhr: Ende der Sitzung, Beginn der Sitzung. Zum Abschluss eines Tages gibt es immer eine „freie Stunde“, d.h. Zeit für Statements, die nicht vorbereitet sind, sondern sich auf bereits gesagtes beziehen. Die beginnt um 18 Uhr. Da ist alles mögliche dabei: Synodale berichten von Erlebnisse, kritisieren, loben, korrigieren. Leider gibt es immer wieder einige, die dann doch vorbereitete Texte verlesen, zum Gegrummel der anderen. Immer gibt es mehr Meldungen als Zeit ist, aber bei drei Wochen Synode ist verständlich, dass man mit Zeit haushalten muss.

19:00 Uhr: Alles vorbei. Letzte Gespräche in der Lobby, und dann ab nach Hause. Noch schnell zusammen schreiben, was am nächsten Tag in die Pressekonferenz muss oder in mein Stück fürs Radio, mit schlechtem Gewissen auf die Presseschau blicken, die längst veraltet ist. Und dann geht es noch mal an den Computer. Blog schreiben. Schauen, was das Internet heute zur Synode sagt. Sich wundern, was wie Welt da draußen so macht. Emails beantworten.

21:00 Uhr: Der Arbeitstag endet. In gut italienischer Sitte gibt es ein spätes Abendessen, meist mit den Kollegen. Und dann ist Schluss für heute.

 

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20 Kommentare zu Mein Synodentag

  1. Hedwig Wetzel sagt:

    Das war richtig spannend erzählt,bitte mehr davon. Vielen Dank!
    Erwähnten Sie den indischen Bischof Gratian Grimm ,er muß schon sehr lange im Amt sein.Schon in der Papst-wahl nach dem Tod von Pius XII,war er in der Presse als Konklave-Teilnahmer abgebildet

    • Pater Hagenkord sagt:

      Oh nein, das ist ein anderer. Es gibt eine ganze Reihe von Bischöfen in Indien diesen Namens, Oswald Gracias ist der aktuelle Erzbischof von Bombay/Mumbay, Kardinal und Mitgied des engsten Beraterzirkels des Papstes.

  2. das ist ei technischer Test.
    es ist immer ein Glücksfall wenn eine mail gesendet wird..
    hab schon viele Mails geschrieben die in der „Versenkung gelandet sind.
    danke für Tipps (Windows 10)heute schon 2x gescheitert
    immer was mit captcha .obwohl ich mich immer an die Vorgaben halte

    • Harald Töpfer sagt:

      Das Problem kenne ich (glaube ich). Wenn man zu lange für seinen Beitrag braucht, gibt es die Meldung “ unreadable captcha file“. Meine Lösung: den geschriebenen Text in die Zwischenablage kopieren, ausloggen, neu einloggen, Text einfügen und mit dem jetzt aktuellen Spam-Schutz-buchstabencode nochmal schicken.
      So klappt es dann vielleicht.

      • Gabi sagt:

        Mein Verfahren: Wortmeldung in den Kasten schreiben, wenn abgeschlossen, das kleine runde Zeichen im aktuellen Verschlüsselungsfeld oben rechts anklicken, es erscheint ein neuer Verschlüsselungscode, den neuen Code einsetzen und dann sofort den Kommentar absenden; das klappt in der Regel…

  3. Paolo sagt:

    sehr toll geschrieben…man kann sich richtig reinversetzen..

    • Amica sagt:

      Ja, das war wirklich schön und sehr gut, lebendig, erzählt. Ein Blog ist doch sowas ähnliches wie ein Tagebuch, also kann ein Autor da ruhig auch mal Kleinigkeiten von sich selbst einbringen, lediglich Kleinigkeiten. Das macht es irgendwie menschlicher.

  4. Markus sagt:

    Wohl nicht viel Zeit und Raum für persönliche Dinge, in diesen Tagen. Ich hoffe, Ihnen bleibt noch genügend Möglichkeit für Gebet und Gottesdienst. Danke für Ihre Arbeit, für Ihren Blog und ich wünsche Ihnen Gottes Segen!

  5. ergänzende Gedanken zum Blog „Gerechtigkeit und Barmherzigkeit“

    BITTE KEINE GESCHLOSSENEN GLAUBENSSYSTEME…!

    uns jungen katholischen Internatszöglingen wurde die „Wahrheit“ teilweise mit körperlicher Gewalt eingebläut.

    Gerettet haben mich 2 Mönche. FRERE ROGER durfte ich 1969 persönlich in einer konzentriert geistlich-menschlich verdichteten OFFENHEIT begegnen , sein Segen, seine Augen und in Folge mehrere Retraiten vor Ort haben mich von dieser Gesetzesreligion befreit. Seine wesentlichen Aussagen kulminierten in der Erkenntnis: Gott KANN NUR LIEBEN! Und das hat er mit seiner Lebenshingabe beglaubigt

    der andere war THOMAS MERTON, jener Trappistenmönch aus Gethsemany(Kentucky), den Franziskus im US Kongress eindrucksvoll würdigte. er starb bereits 1968 und hat uns u.a. wesentliche Schriften, Essays und Gedichte hinterlassen. es gibt auch-antiquarisch-ein Herder TB-das ist eine gute Einführung mit wesentlichen Texten-HRSG B. Schellenberger .darin findet sich ein Text 1967! kurz vor seinem Tod geschrieben zur WAHRHEITSSUCHE ,den ich gerne mit der Blog Gemeinde teilen möchte:

    “ Kann ich dir sagen, dass auf die Fragen, die die Menschen unserer Zeit peinigen Antworten gefunden habe?

    Am Anfang , als ich Mönch wurde, ja da war ich mir sicherer über Antworten zu verfügen. aber je älter ich im Mönchsleben werde und je tiefer ich in die Einsamkeit eindringe, desto deutlicher werde ich mir dessen bewusst, dass ich erst damit angefangen habe, die FRAGEN ZU SUCHEN.
    und wie heißen die Fragen?
    Kann der Mensch in aller Ehrlichkeit seinem Leben allein dadurch Sinn geben,dass er eine bestimmte Reihe von Erklärungen übernimmt, die vorgeben,ihm plausibel zu machen, warum die Welt angefangen hat und wo sie enden wird, warum es darin Böses gibt und was man für ein gutes Leben unbedingt braucht?
    Mein Bruder, vielleicht bin ich in meiner Art von Einsamkeit ein Erforscher für Dich geworden, ein Sucher in Bereichen die zu betreten Du nicht in der Lage bist-ausgenommen vielleicht in Begleitung Deines Psychiaters.
    ich spüre die Berufung eine Wüstenzone des menschlichen Herzens zu erforschen, in der die Erklärungen nicht mehr ausreichen und in der man lernt,das einzig DIE ERFAHRUNG zählt.
    das ist ein dürrer, felsiger, finsterer Bereich der Seele, der zuweilen von fremdartigen Feuern erhellt wird ,vor denen sich die Menschen fürchten und in dem sich Gespenster tummeln, die die Menschen sorgfältig meiden und denen sie nur in ihren Alpträumen begegnen.

    UND IN DIESER ZONE HABE ICH GELERNT, DASS MAN DIE WIRKLICHE HOFFNUNG UNMÖGLICH KENNENLERNEN KANN,EHE MAN NICHT ERFASST HAT,WIE SEHR DIE HOFFNUNG Der VERZWEIFLUNG GLEICHT “

    Zwei sehr verschiedene Christen die aber beide den EXISTENZIELLE Weg gegangen sind. ich könnte mir vorstellen der große Dostojewski
    hätte beide gerne kennengelernt, auch weil die beiden beseelt waren WAHRHAFTIG(!) zu leben..

    SORRY ist doch etwas länger geworden.. LG Ulli H.

    • Rosi Steffens sagt:

      Ein sehr schöner Beitrag, auch ich bin der Auffassung, es ist viel wichtiger die richtigen Fragen zu finden als sich auf die Suche nach Antworten zu begeben. Leider neigt der Mensch heute eher dazu sich der bestehenden Antworten zu bedienen und damit oft auszuschließen, was diese Antworten in Frage stellt, um eigene Wege aufzuzeigen. Es ist unglaublich schwer seinen Glauben zu leben, ohne dabei sich selbst aus den Augen zu verlieren, um am Ende nicht an der alles umfassenden Frage zu scheitern „Wer bin ich?“ Die Wahrheit ist, jeder ist, was er sein kann, nicht mehr aber auch nicht weniger. Es wäre nicht fair Menschen aufgrund ihrer Lebensweise aus einer Gemeinschaft auszuschließen, oder in einen Stand zu erheben, nur weil sie vielleicht einen anderen Weg hinter sich haben als man selbst. Wichtig ist es zu wissen, dass jeder von uns Menschen die gleiche Chance von Gott erhält, neun Monate Entwicklung, um sich selbst ins Leben einzubringen. Einzig der Umgang miteinander hindert bei der Teilhabe am Leben. Wir, jeder von uns entscheidet sich einmal, entweder für das Leben oder dagegen und damit muss dann die Mitwelt umgehen lernen. Das Leben ist nicht für jeden gleich, doch es ist trotz alledem das gleiche Leben für alle, geteilt nur durch die zahllosen Inhalte, die sich durch Sensibilität und Kommunikation vermitteln können, um das Leben des Menschen zu bereichern.

      • Amica sagt:

        Ich weiß nicht, ob für das Leben die Frage nach dem „Wer bin ich“ wirklich die entscheidendste ist. Sie ist wichtig, keine Frage, aber nicht für jeden.
        Ich habe eine gute Freundin aber die ist innerlich tot: Sie kann sich über nichts mehr freuen. Ihre Augen reden nicht mehr, sind leer. Ihr würde die Beantwortung nach dem „Wer bin ich“ nichts bringen, vielleicht wäre die sogar verheerend für sie. Das einzige was ihr wohl gut tut, ist, dass man ihr ab und zu sagt, dass man sie lieb hat.
        Die philosophischen Fragen sind immer dann spannend, wenn es einem selbst (psychisch) gut geht. Wenn man selbst mal krank ist, haben die plötzlich keinen Wert mehr. Da ist dann Nähe wichtig. Vielleicht sind die einfachsten Fragen die besten, die Kinderfragen (und zwar für jeden Menschen und zu jedem Zeitpunkt des Lebens): „Auf wen kann ich bauen, vertrauen, wenn es mir wirklich mal schlecht geht?“ Und je älter man wird desto mehr wird man zu diesem Menschlich-Wesentlichen zurückfinden (müssen).

        • Rosi Steffens sagt:

          Ist nicht das Ich der wesentliche Bestandteil, der aus dem Selbst erwächst und einen im Leben begleitet, ohne zu viel zu erwarten? Ich kann nicht viel über dieses Ich sagen, denn ich beginne gerade es kennenzulernen, doch ich glaube ganz fest daran, dass es ein gutes Ich ist, denn ich musste es mir sehr hart erarbeiten. Dabei haben mir all die Menschen geholfen, denen ich mein Vertrauen schenkte. Es geht also nicht ohne einen selbst, das Ich zum Vorschein zu bringen und es braucht Menschen, die reflektieren was im Leben von Bedeutung sein kann, um daraus eine eigene Identität gewinnen zu können. Mitgefühl ist die größte Herausforderung, die an jemanden gestellt wird, denn nicht jeder ist dabei für jeden geeignet. Es gilt im Leben die Menschen zu finden, die einem das Gefühl geben richtig zu sein, auch wenn man Ecken und Kanten hat. Gerade wenn man den eigenen Ansprüchen nicht genügen kann, dann braucht man die Unterstützung derer, die dies erkennen können. Zwingend nötig ist dafür die Ehrlichkeit sich selbst und den anderen gegenüber, die aus dieser Wahrheit schöpfen, damit man sich einander näher kommen kann.

          • Amica sagt:

            Liebe Frau Steffens,

            Sie gehen darin auf, wenn Sie sich tiefer über etwas Gedanken machen können. Das ist sicherlich eine gute Eigenschaft. Das macht Ihnen Freude. Aber sich selbst richtig einzuschätzen ist sehr schwierig. Oft ist es so, dass die Meinung eines Du uns dabei mehr helfen kann. Manchmal sieht man vor lauter sicherlich kluger Gedanken den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr.
            Ich kenne jedenfalls keinen Menschen der in sich so gefestigt wäre, dass er genau sagen könnte wer er bzw. sie wirklich ist. Also, Ihre Frage ist, glaub ich, eine, die einer Sisyphosarbeit gleicht. Ich habe vor kurzem ein Buch gelesen, das Sie eventuelle kennen: Hermann Hesses „Siddharta“. Wunderbare Sprache und in Teilen sehr gehaltvoll geschrieben. Es geht der Hauptfigur darum den Sinn des Lebens zu verstehen. Am Schluss, nachdem Siddharta alles möglich ausprobiert hat um diesen Weg der Erleuchtung zu finden, bleibt aber ein Lächeln, das für Vollendung steht (vgl. den lächelnden Buddha). Wenn wir nicht mehr ehrlich lächeln können, dann ist, glaub ich, alles verloren. Und manchen Leuten geht es so, dass sie’s nicht mehr können. Aber für ein Lächeln brauch ich ein Du. Und deshalb ist meiner Meinung die wichtigste Frage nicht die nach dem Ich, sondern die nach dem Du – was vielleicht wiederum egoistisch ist. Ist das kompliziert.

          • Rosi Steffens sagt:

            Mir gefror das Lächeln mit der Zeit, in der ich am eigenen Leib erfahren musste, was es bedeutet, durch die harte Schule des Lebens gehen zu müssen, um allein durch den Glauben an Gott das Licht am Ende des Tunnels wieder zu erkennen. Heute kann ich dieses Lächeln schön langsam zurückgewinnen, indem ich nach schönen Erinnerungen suche und daraus lerne, wie man verzeihen kann, egal was einem wiederfahren ist, denn Erinnerungen können nicht zerstört werden. Man muss den Hass, den Schmerz und die Angst überwinden, um dahinter sich selbst zu finden, immer wieder, solange, bis die Liebe einen so zu erfüllen beginnt, dass sie das schenkt, was dem Menschen würdig ist. Als Geschenk Gottes fand Jesus als Mensch ins Leben und niemand kann etwas dafür dass sich daraus der heutige Stand entwickelt hat, das waren wir alle gemeinsam. Heute bin ich mir ganz sicher, dass nur die ganze Menschheit in diesem Leben die Macht hat, die das Böse in Vergessenheit geraten lässt und damit die Liebe zum Leben erweckt, die zwingend nötig ist, um das Leid zu lindern. Es tut mir leid, wenn ich mit dieser Überzeugung nicht ihrem Menschenbild entspreche, doch das bin ich, ein Mensch im Bewusstsein all der Eigenschaften, die mir als Mensch in die Wiege gelegt wurden, um sie im Namen Gottes zu verwirklichen. Das hört sich vielleicht arrogant an, doch ich muss mich dafür nicht schämen, denn ich habe gelernt, mit diesen Eigenschaften zu leben und sie durch meine Fähigkeiten für die Gemeinschaft einzusetzen. Das heißt nicht, dass ich mich für besser halte als andere Menschen, denn jeder kann nur nach seinen eigenen Vorgaben leben, das macht ja erst die menschliche Vielfalt und den Reiz des Lebens aus. Wenn man wie ich seinen Horizont nicht auf das Bekannte begrenzt sondern um das Unbekannte erweitern will, dann stößt man schnell an menschliche Grenzen. Ich danke Ihnen für den Versuch mir meinen Tiefsinn zu reflektieren, doch ich kenne mich so gut, dass ich weiß, dass ich hier in diesem Blog nur versuche das zu vermitteln, was ich in meinem Leben anders nicht umsetzen kann, weil es dort kaum jemanden interessiert. Das ist auch in Ordnung so, nur habe ich das Gefühl es ginge etwas verloren, wenn ich es nicht irgendwo loswerden kann.

    • chrisma sagt:

      @Ullrich Hopfener Danke für diesen Text. Gut dass Sie diese beiden wunderbaren Menschen „getroffen“ haben. Die Bücher von Thomas Merton haben auch mich auf meinem suchenden Weg begleitet. Ihnen einen gesegneten Sonntag.

      • @Chrisma und Amica.Danke für die Rückmeldungen. @Amica möchte ich noch ergänzend sagen, dass Thomas Merton alles andere wie ein weltflüchtiger Kauz gelebt hat; auch das Orakel von Delphi hat er nicht bemüht im Gegenteil er war-mit seinen Möglichkeiten- sehr nah am politisch- gesellschaftlichen Diskurs seiner Zeit engagiert.! gerade als kontemplativer Mönch hat er einiges auch in der damaligen amerikanischen Kirche bewegen können; die Brüder Berrigan, Dorothy Day(von Franziskus neben Merton, King und Lincoln gewürdigt) Joan Baez, die in Hanoi den Leidenden mit ihren Liedern Trost spenden konnte, als amerikanische Bomben Männer zugange waren.. Nein er war sehr „Dran“und der regelmäßige Rückzug in die Einsiedelei war lebensnotwendig, um „alles in seinem Herzen zu bewegen“

        gestern hab ich auf YouTube eine meditative Reportage über Taize von Michael Albus von (2004)entdeckt .indem der 90j.alters-reife Frere Roger auch zu Wort kommt-sehr berührend-
        Tipp: da es keine Info-film ist, eher in einer eher „Stillen“ Verfasstheit und mit Kopfhörer an-schauen. LG .Ulli Hopfener
        DOKU TAIZE-Wohnungen der Götter- (der irreführende Name ist der PHOENIX Redaktion geschuldet..)

      • @Chrisma,-FALLS Interesse;-googeln,-Thomas Merton: Website: Thomas Merton zum 100. Geburtstag. der CHRISTIAN MODEHN im“philosophischen Salon“ hat da einiges zusammengetragen.

        ACHTUNG: falls Sie dem “ Forum deutscher Katholiken“ oder Kath.Net nahe stehen .ist das vielleicht nicht so geeignet;

        was ich aber in Ihren-für mich anregenden Beiträgen-nicht entnehmen kann..würde gern den link bereitstellen, aber ich
        bin Musiker aber PC- technisch „unterbelichtet..“
        viel Kraft im Engagement für die Flüchtlinge! UND: WIR SCHAFFEN DAS! Die „Durcheinanderbringer“-Franziskus würde ein härteres Wort benützen..-können mich nicht davon abhalten,das jetzt Notwendige zu TUN

        • chrisma sagt:

          Lieber Ullrich danke für die aufmunternden Worte. Google ich. Nö mit den genannten hab ich nix am Hut, nö wirklich nicht……

  6. Pingback: Min dag på synoden | Signum

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