Ökumene dauert

Wir Menschen sind viel besser darin, etwas kaputt zu machen, als etwas heil zu erhalten. Kinderzimmer können Geschichten davon erzählen, aber auch die große Politik schafft das immer wieder. Und auch das Christentum. Streit zwischen Gläubigen und zwischen Gemeinschaften, auch innerhalb einer Gemeinschaft, sind leider immer wieder Anlass zu Trennungen. Abfinden wollen wir uns damit nicht, dürfen wir ja auch gar nicht, wenn wir das Ernst nehmen, was wir glauben. Aber der Weg dahin ist komplex.

Feier einer orthodoxen Liturgie in Mailand

Moskau? Konstantinopel? Jerusalem? Nein: Mailand.

Papst Franziskus und Patriarch Kyrill haben einen Schritt auf diesem Dauer-Weg gemacht, in Havanna mit einer Begegnung und einer gemeinsamen Erklärung.

Nun ist eine Begegnung nur das, eine Begegnung, so symbolisch sie auch ist. Und Papier ist geduldig. Und dennoch loht es sich, genauer hin zu schauen. Denn da finden sich interessante und hilfreiche Feststellungen. So sagt die Erklärung, dass die Trennungen durch historische Konflikte und „von den Vorfahren ererbte Gegensätze“ entstanden und gepflegt würden. Die Historisierung ist immer ein guter Schritt, sie hilft die Dinge in Perspektive zu sehen und nicht gleich moralisch zu werden, Geschichte wenn man sie richtig betreibt hat nichts von Schuldzuweisungen.

Lesen wir etwas in der Erklärung: „Orthodoxe und Katholiken müssen lernen, in Bereichen, wo es möglich und notwendig ist, ein einmütiges Zeugnis für die Wahrheit zu geben. Die menschliche Zivilisation ist in eine Zeit epochalen Wandels eingetreten. Unser christliches Gewissen und unsere pastorale Verantwortung erlauben es uns nicht, angesichts der Herausforderungen, die eine gemeinsame Antwort erfordern, untätig zu bleiben.“

Wir sollen also lernen, heißt es in der Erklärung. Um aus den historischen Konflikten heraus zu kommen, hilft keine einzige Entscheidung. Da gibt es keinen Schalter, den man umlegen kann, keinen Text, keine einzelne Vereinbarung, die das alles lösen könnte.

 

Es geht nicht auf die Schnelle

 

Das kann auch bei den anderen Feldern der Ökumene, den mit den Kirchen der Reformation, helfen: es ist nicht einfach nur eine Entscheidung, die getroffen werden müsste, und dann ist alles gut.

Zurück zum Umgang mit der Geschichte. Wie das gehen kann und wie schwierig das ist, erläutert der Text mit Bezug auf die mit Rom unierten Kirchen: „Heute ist klar, dass die Methode des „Uniatismus“ aus der Vergangenheit, der als Vereinigung einer Gemeinschaft mit der anderen durch ihre Loslösung von ihrer Kirche verstanden wurde, nicht eine Weise ist, die es ermöglicht, die Einheit wiederherzustellen. Dennoch haben die kirchlichen Gemeinschaften, die unter diesen historischen Umständen entstanden sind, das Recht zu existieren und alles zu unternehmen, was notwendig ist, um die geistlichen Ansprüche ihrer Gläubigen zu befriedigen, bei gleichzeitigem Bemühen, mit ihren Nachbarn in Frieden zu leben. Orthodoxe und Griechisch-Katholische haben es nötig, sich miteinander zu versöhnen und Formen des Zusammenlebens zu finden, die beiderseitig annehmbar sind.“ 1993 bereits hat die Kirche eingestanden, dass das Gründen von „Gegenkirchen“ keine Lösung ist. Trotzdem gibt es jetzt diese Traditionen und sie haben ein eigenes Recht, zu leben und zu existieren. Die Konsequenzen aus den Fehlern der Vergangenheit kann man nicht einfach eliminieren oder ignorieren, auch nicht in Erklärungen herunter spielen. Sie sind da.

Es braucht Versöhnung, um richtig mit ihnen umgehen zu lernen. Auf die Schnelle geht das nicht. Und das bedeutet, dass man das wollen muss, dass man das auch durchhalten muss. Die politischen Implikationen, die etwa die Begegnung auch hatte und die sich im Dokument mit Bezug etwa auf die Ukraine auch widerspiegeln, haben ihr eigenes Recht, aber darüber sollten wir die tiefer liegenden Entwicklungen nicht übersehen. Es braucht noch viel Zeit.

 

Abwerben verboten

 

Noch ein anderer Aspekt, der mir im Text aufgefallen ist: „So darf man nicht zulassen, dass unlautere Mittel eingesetzt werden, um die Gläubigen zum Übertritt von einer Kirche zur anderen zu bewegen, und so ihre Religionsfreiheit und ihre Traditionen verneint werden.“ Das klingt wie ein harmloser Satz. Wenn man aber bedenkt, dass es etwa im Nahen Osten üblich ist, die katholische Eheschließung nicht anzuerkennen und dass bei gemischt konfessionellen christlichen Paaren eine orthodoxe Ehe von der orthodoxen Kirche vorgeschrieben ist, dann bekommt dieser Satz sehr viel Inhalt. Manchmal gehen also auch Erklärungen Schritte, die man vielleicht erst einmal nicht vermutet. Ich hoffe, dass es in Zukunft noch mehr zu entdecken geben wird.

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2 Kommentare zu Ökumene dauert

  1. Rosi Steffens sagt:

    Könnte die Erde zwischen Religionen wählen, so würde sie sich sicher für die Geschichte aller Religionen entscheiden, denn erst die gemeinsame Geschichte führte die Menschheit in den derzeitigen Stand ihres Daseins. Was wäre die Menschheit ohne eine Differenzierung über ihre Glaubenswege, deren zeitlicher Werdegang doch erst all das ausmacht, was wir heute bewusst/unbewusst erleben können. Das Bewusstsein führt Ökumene auf ihren menschlichen Stand, denn die Erde fordert dieses Bewusstsein für ihre eigene Existenz. Es geht nicht darum welcher Religion die Erde angehört oder wessen Leid sie trägt und mit wem sie ihre Freuden teilt. Im innersten wünscht sich die Erde nur eins, und das ist der Frieden unter den Menschen und Ehre dem, der sie selbst erschaffen hat. Es ist so ermüdend zu kämpfen ohne Rücksicht auf die zu nehmen, die ohne Kampf bereits im Frieden miteinander leben. Was trennt den Frieden vom Krieg? Menschen trennen was Gott bereits vor allen Zeiten vereint hat. Es liegt also am Menschen die Dinge in Sachverhalte zu führen, die ein friedliches und freies Miteinander ermöglichen, ohne dafür den Glauben an das zu verlieren, was zu diesem Leben motiviert. Macht ist der falsche Weg, denn sie liegt allein in Gottes Hand. Was fehlt sind Menschen, die im Auftrag ihrer Völker ein Leben für die ganze Menschheit in ein Bewusstsein führen, das für die Ökumene arbeitet. Es gibt nicht die richtige Religion, es gibt nur den Glauben an die göttliche Transzendenz, der wir Menschen uns beugen müssen, um dadurch uns selbst zu finden. Wir sind das Wesen, das es schaffen kann zu leben und das Erlebte bewusst so aufzuarbeiten, dass daraus nachfolgende Generationen ein Bewusstsein aus der gelebten Menschlichkeit fortführen können. Der Heilige Geist begleitet die Ökumene auf ihrem Weg in Sinn und Verstand, um sich wie eine Mutter durch unsere Herzen zu tragen. Ich danke den beiden Kirchenoberhäuptern für ihre Entscheidung zu dieser gemeinsamen Erklärung und hoffe, diese Geste findet ihre Nachahmer in Politik und Wirtschaft, um auch dort die Differenzen durch die Aufarbeitung ihrer gemeinsamen Geschichte zu überwinden. Wir alle brauchen ein aufeinander zugehen in diesen Zeiten der Zerrissenheit dieses Lebens. Ich wünschte Menschen fänden die richtigen Worte, um die Herzen derer zu öffnen, die durch das Leben so verhärtet sind, dass sie nur Krieg oder Trennung als Lösung ihrer Differenzen finden.

  2. Amica sagt:

    Wer genau verfasst diese Erklärung eigentlich vorab? Der Patriarch und der Papst haben sich wohl kaum vor dem Treffen zusammengesetzt und an dem Text gefeilt.
    Und:
    Was hat so eine „Erklärung“ denn genau für einen Sinn? Was genau bedeutet es, wenn sie von beiden Parteien unterzeichnet wird? Sie ist deshalb doch noch kein Gesetz oder ein Vertrag – oder etwa doch? Was ändert sich mit so einer Erklärung? Dieses Unterzeichnen eines Papiers zeigt es nur auf, dass die beiden Kirchenoberhäupter beziehungsweise deren Kirchen mit dem Text übereinstimmen oder bedeutet das noch was? Und wenn Franziskus unterzeichnet, heißt das dann, dass nur er als Papst dieses Dokument gutheißt oder aber auch, dass das Papstamt ab dem Zeitpunkt der Unterzeichnung (also auch sein Nachfolger) hiermit übereinstimmt? Mir ist nicht ganz klar, was dieser juristische Terminus „Erklärung“ genau meint.

    Dann etwas sehr Allgemeines – vielleicht kann mir jemand hier weiterhelfen: Wieso ist es so wichtig, dass Christen in den Ursprungsländern des Christentums bleiben? Die Frage betrifft aber irgendwie alle Religionen. Jerusalem ist zum Beispiel so ein Ort um den sich Moslems, Juden und Christen in der Geschichte immer gestritten haben, Kriege geführt haben. Wieso hängt der Glaube mit solchen heiligen bzw. eher historischen Stätten so stark zusammen? Würde sich etwas verändern, wenn die Christen zum Beispiel nicht mehr in Jerusalem bzw. auch nicht mehr in Syrien oder dem Irak leben würden, dort beten würden? Sind nicht die viel bedeutenderen Wallfahrtsorte für die Christen mittlerweile Rom, Lourdes, Santiago de Compostela oder auch Guadalupe?
    Wallfahrtsorte für Maria sind das beste Beispiel: es gibt keine Stätten auf der Welt wo Reliquien von Maria aufbewahrt werden könnten – das hängt mit ihrer Himmelfahrt zusammen, nicht? Das Gleiche gilt übrigens auch für Jesus. Naja, aber es gibt diese Wallfahrtsorte die Maria ehren und Wunderkräfte besitzen sollen. Aber Wunder können überall geschehen, nicht nur in Jerusalem. Also, woher kommt diese religiöse Versessenheit einen bestimmten Ort besitzen zu wollen, bzw. dort leben zu müssen?

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