werch ein illtum!

Es ist irgendwie eine falsche Alternative, aber es entscheidet sich dann doch mehr daran, als man vielleicht meint: Legt man die Priorität auf das Individuum, seine Rechte und Freiheiten, oder auf die Gemeinschaft, die zusammen haltenden Regeln und Tradition?

Gerade in letzter Zeit häufen sich die Kommentare, in denen auf diese Unterscheidung Bezug genommen wird. Gerne auch mit den von mir nicht gemochten politischen Etiketten: persönliche Freiheit = links, Gemeinschaft und Regeln = rechts. Man könnte auch sagen, die einen sind optimistisch, was die menschliche Natur angeht, die anderen pessimistisch oder zumindest vorsichtig.

Freiheit für Sicherheit aufgeben oder Sicherheit für Freiheit? ist eine Erscheinungsform der Debatte. Auch innerkirchlich gibt es viel davon, wenn es um „die Lehre“ geht (in Anführungszeichen, weil der Begriff nie gefüllt, sondern immer nur als Wurfgeschoss gebraucht wird). Regeln und Tradition? Oder Gewissen und Freiheit?

 

lechts und rinks

 

Ich halte die Alternative für falsch, weil das eine ohne das andere nicht zu haben ist, in beide Richtungen. Gewissen und Freiheit ohne Regeln und Tradition geht nicht, wie auch umgekehrt. Vielleicht mache ich es mir ja zu einfach, aber es braucht Regeln, um die Freiheit vieler gegen die Macht Einzelner zu schützen, was die Vertreter von „rechts“ gerne übersehen. Und es braucht Freiheiten gegen das Überregeln, was den Vertretern von „links“ immer mal wieder gesagt werden muss.

So sind die Vertreter von Tradition und dem Vorrang der Gemeinschaft gerne liberal und auf Freiheiten aus, wenn es zum Beispiel um Wirtschaft geht. So sind die Vertreter der Priorität der persönlichen Freiheit gerne auf Regeln aus, wenn irgendwo ein Problem entsteht das eine einzelne persönliche Freiheit einzuschränken scheint, und aus einem Problem wird dann eine Regel für alle. Das wird gerne in Verbindung mit Toleranz verwendet.

Verwirrend. Oder wer es ironisch mag: „manche meinen // lechts und rinks // kann man nicht // velwechsern. // werch ein illtum!“ (Ernst Jandl: Lichtung)

 

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Schnell berichtet

Tote und Verletzte bei schwerem Erdbeben nahe Rom: Das war Spiegel-Online heute Morgen (um 8:22 Uhr). Das Beben hat mich geweckt, immerhin so nahe war es, aber „nahe Rom“? Der Artikel selber sagt dann später: 180 Kilometer, südöstlich von Norcia (also in Umbrien, wer sich auskennt). Ist das „nahe Rom“? Wenn ich da hin fahre, fühlt sich das nicht so an. München – Nürnberg sind etwa 170 Kilometer voneinander entfernt, liegt nun Nürnberg „nahe“ an München?

Näher als Rom liegt etwa l’Aquila, das 2009 ein schweres Beben erlebt hat.

Die Zeit online wusste (um 8:23 Uhr), dass das Epizentrum 150 Kilometer Nordwestlich von Rom lag. 150 Kilometer nordwestlich von Rom das Meer oder die Küste, was ihr meintet war nordöstlich. Details.

Viele Medien bieten live-video-Blogs an, verwackelte Handy-Videos und so. Das italienische Fernsehen wiederholt heute Morgen immer und immer wieder dieselben Bilder, zu viele davon scheint es noch nicht zu geben, die Gegend des Epizentrums ist auch nicht einfach zu erreichen.

Es geht um Menschen und Schicksale, es ist verständlich, dass wir wissen wollen, was passiert ist. Aber die Bilder sind das eine, ein doch recht kurzatmiger Umgang mit Fakten ist etwas anderes. Bitte, bitte, schaut auf eine Karte, bevor ihr Richtungsangaben macht. Die Leute, die den Schlag heute Nacht erlitten haben, sind es wert, dass man sorgfältig berichtet und nicht schnell, damit möglichst schnell möglichst viele Leute hinschauen.

 

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Wenn Geschichten Kreise ziehen

Soso, Kardinal Müller soll also nach Mainz. So wollen es einige Zeitungen und Internetmedien wissen. Seit etwa einem Monat zieht diese Meldung irgendwie ihre Kreise, und alle schreiben ab oder wenn sie klug sind nehmen das zumindest als Anlass, allgemein über Kardinal Müller zu schreiben.

Wenn man sich aber mal die Mühe macht, den Ursprung dieser Meldung anzusehen, dann kommt man schnell ins Lachen. Eine malaysische (!) Zeitung hatte so ziemlich alle herumschwirrenden Gerüchte in einen Artikel gepackt, Versetzungen innerhalb des Vatikan und so. Papst Franziskus habe da machen wollen, dann aber nicht getan.

Italienische Agenturen haben das dann übernommen, dabei aber geflissentlich den Unterschied zwischen Vergangenheitsform und Zukunft übersehen, aus der Meldung wurde also: Papst Franziskus will das machen. Und das wurde dann der Ursprung von allerlei Zeugs in den Medien, zum Glück vor allem außerhalb der deutschen Sprache.

 

Wirkliche Wirklichkeit

 

Recherche ist halt manchmal Glückssache.

Die neueste Geschichte dreht sich um Synode und Zölibat. Ein US-Amerikanischer Journalist, an sich sehr klug nur in Vatikan-Sachen nicht immer treffsicher, hatte herumvermutet, der Papst wolle die kommende Bischofssynode zum Thema Priester veranstalten und dabei den Zölibat debattieren. Um Unterton: dessen Abschaffung bzw. Modifizierung.

Und so zieht auch diese Geschichte nun ihre Kreise, wird kommentiert, wechselt auch gerne mal ihre Konsistenz, wird um Papstsätze – wirkliche und angebliche – angereichert und erhält so ihre eigene Realität.

Es gibt noch keine Anzeichen dafür, dass der Papst entschieden hat, worum es gehen wird, wir wissen noch nicht einmal, wann die nächste Synode stattfinden wird. Aber nehmen wir einfach mal an, es geht um irgendwas mit Priestern. Dann wird sofort diese Karte gezückt werden, der Papst wolle die Abschaffung des Zölibats debattieren. Ganz gleich, was wirklich Absicht oder Idee sein sollte, sollte das wirklich Thema werden.

Die Eigenrealität schafft dann Erwartungshaltungen, welche die tatsächliche Debatte prägen werden. Die Wirklichkeit wird sich an den Erwartungen messen lassen müssen. Irgendwie schade. Dabei ist die wirkliche Wirklichkeit interessant genug.

 

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Einbahnstraße und innere Erweiterung

Ich gestehe: Auch ich habe vor einem Jahr das Thema das vom Papst ausgerufenen heiligen Jahres, also Barmherzigkeit, für ein „weiches“ Thema gehalten. Irgendwie klar, irgendwie zentral christlich, durchaus anspruchsvoll, aber nicht so wirklich auf der kirchlichen Tagesordnung. Und halt weich.

Wie falsch ich doch lag. Nicht nur durch die Flüchtlinge wird klar, wie hart das Thema verhandelt wird. Man wagt nicht zu widersprechen, wer will schon bewusst unbarmherzig sein? Aber auch hier in den Kommentarspalten des Blogs wird deutlich, dass es zur Sache geht.

Menschen, die nicht barmherzig sein wollen, das vor sich selbst aber nicht zugeben können und deswegen von Selbstschutz oder Kosten oder dergleichen sprechen, als Schutzschild gegen den großen Anspruch.

Menschen, denen Gesten des Papstes oder das Sprechen über Barmherzigkeit offensichtlich zu nahe an sie selbst heran rücken, weswegen sie es von sich weisen.

Oft ist es nur eine kleine Geste: Beim Papstbesuch im Haus für ehemalige Zwangsprostituierte

Oft ist es nur eine kleine Geste: Beim Papstbesuch im Haus für ehemalige Zwangsprostituierte

Aber auch Menschen – vor allem Berichterstatter über den Vatikan – die gar nicht begreifen, wie zentral der Begriff für alles ist, was derzeit in der Kirche passiert. Die reden lieber über Reform und Kardinals-Versetzungen (meistens angebliche), verpassen dabei aber die große Geschichte, nämlich ob sich oder ob sich nicht Kirche auf die eigene Botschaft einlässt. Ob Kirche und Glaube modern sind entscheidet sich hier, bei diesem Thema, nicht bei Strukturreformen.

Deswegen kann und will ich hier auch nicht aufhören, darüber zu schreiben. Einige Male habe ich das schon getan, einige Male werde ich das noch tun.

 

Der entscheidende Punkt für die Kirche

 

Liebe ist Geben und Nehmen, Barmherzigkeit dagegen ist eine Einbahnstraße: Der Gedanke stammt von Martin Walser, der das in einem Sammelband zum Thema aufgeschrieben hat. (Titel des Buches: Jenseits der Ironie). Diese Abgrenzung ist wunderbar! Und genau das sind so Sätze, die mir zeigen, dass das angeblich so „weiche“ Thema mittendrin steckt, in uns, es gehört zu den ganz großen Begriffen, Walser setzt ihn neben die Liebe.

Die immer kluge Carlin Emcke hat auch so einen Satz, gefunden in der SZ: „Bei einem Blick auf die furchtbare Schlacht um Aleppo, die wir, zeitgleich, tatenlos miterleben, zeigt sich: Die Moral hat nicht Schritt gehalten. Der ungeheuren Erweiterung der Handlungsräume entspricht keine Erweiterung des Mitleids.“ (SZ vom 13. August) Besonders der zweite Teil ist mir eine Woche lang im Kopf herum gegangen: wir halten innerlich nicht Schritt mit den Entwicklungen um uns herum, was eine Erklärung für alle möglichen Phänomene sein kann. Unsere Ethik, unsere Moral, unsere Sicht auf die Welt hält nicht stand, trotz aller Medienüberfütterung. Papst Franziskus würde das nun die Peripherien nennen, von denen man auf die Welt schauen muss, das würde dem gerecht. Aber die Anfrage von Emcke finde ich gerade mal praktischer, handhabbarer. Hier ist Barmherzigkeit eine Antwort, die wir nicht geben, weil uns das schlicht nicht nahe geht.

Ich sage noch mal: An diesen Fragen entscheidet sich, ob die Kirche der Welt noch was zu sagen hat. Und deswegen bleibt das hier Thema. Auch über Dezember hinaus.

 

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Aus Information wird Wirklichkeit

Kommunikation ist immer dann gut, wenn Worte und Erfahrungen zusammen passen. Eine Binsenweisheit, die aber leider nicht immer zum Tragen kommt. Und wenn sie es doch tut, dann hat es erstaunliche Ergebnisse.

Oft haben wir hier schon das Sprechen von Papst Franziskus verhandelt, zu viel, zu wenig, direkt, verwirrend, alles mögliche wurde da genannt. Aber eines stimmt auf jeden Fall: Er schafft es immer wieder, mit seinen Worten die konkreten Erfahrungen der Menschen vor ihm aufzugreifen.

Packend sprechen: Papst Franziskus

Packend sprechen: Papst Franziskus

Beispiel Krakau, Weltjugendtag. Vor ihm ist eine große Menge von jungen Menschen, die seine Worte direkt in Übersetzung im Ohr haben, und die gleichzeitig gerade begeisternde Tage hinter sich haben. In den Bistümern, in einer von jungen Menschen gefluteten Stadt. Die haben erlebt, dass man sich irgendwie mit Händen und Füßen verständigen kann, mit jedem, und dass alle irgendwie aus dem gleichen Grund hier sind.

Hier über Krieg zu sprechen, ist nicht so einfach, aber der Papst kann das wunderbar einfangen, ich zitiere aus der Ansprache bei der Vigilfeier am Samstag des WJT: „Wir kommen aus verschiedenen Teilen der Welt, aus unterschiedlichen Kontinenten, Ländern, Sprachen, Kulturen und Völkern. Wir sind „Söhne“ und „Töchter“ von Nationen, die vielleicht über verschiedene Konflikte diskutieren oder sogar im Krieg miteinander sind. Andere von uns kommen aus Ländern, die im „Frieden“ sein mögen, die keine kriegerischen Auseinandersetzungen erleben, bei denen viele der schmerzlichen Ereignisse, die in der Welt geschehen, nur Teil der Nachrichten oder der Presse sind.“ Und dann spricht er die konkrete Erfahrung an: „Doch wir sind uns einer Sache bewusst: Für uns hier und heute, die wir aus verschiedenen Teilen der Welt kommen, sind der Schmerz und der Krieg, den viele Jugendliche erleben, nicht mehr etwas Anonymes, sie sind keine Zeitungsnachricht mehr; sie haben einen Namen, ein Gesicht, eine Geschichte, eine Nähe.“

 

Immer positiv

 

Aus der Information, aus etwas Abstraktem, wird angeschlossen an etwas Konkretes, an die Erfahrung der Menschen vor ihm, etwas Positives. Und das ist der Clou: es ist eben positiv, auch wenn man über Krieg spricht wird der Papst nicht oberlehrerhaft, belehrend oder gar moralisierend. Er spricht „Namen, Gesichter, Nähe“ an, also genau die Erfahrungen, welche die jungen Leute gerade gemacht hatten.

„Es gibt Situationen, die sich für uns als weit entfernt erweisen, bis wir irgendwie mit ihnen in Berührung kommen.“ Das haben die Jugendlichen erlebt, und das holt der Papst ein.

„Wir fangen jetzt nicht an, gegen irgendjemanden zu schimpfen. …Und unsere Antwort auf diese Welt im Krieg hat einen Namen: sie heißt Geschwisterlichkeit, sie heißt geschwisterliche Verbindung, sie heißt Gemeinschaft, sie heißt Familie. Wir feiern die Tatsache, dass wir aus verschiedenen Kulturen kommen und uns zusammenfinden, um zu beten. Unser bestes Wort, unsere beste Rede soll sein, uns im Gebet zu vereinen.“

Und so wird das, was die Jugendlichen leben und erleben, eine Antwort auf all die Herausforderungen „draußen“. Sie können sich und ihre Erfahrungen in einem größeren Raum sehen, bekommen Bedeutung und Relevanz geschenkt. Das wirkt. Das ist gute und echte Kommunikation.

 

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Es herrscht kein Krieg in Europa

Vor vielleicht eineinhalb Jahren war ich zu einem Vortrag geladen, ich sollte in Nürnberg über Papst Franziskus sprechen. Der Saal war voll, das Interesse – am Papst, nicht an mir – war groß, auf dem Pult stand eine kleine witzige Papstfigur, die Stimmung war gut.

Bis es in der anschließenden Fragerunde zu einer Frage nach „Christenverfolgung in Europa“ kam. Ich weiß nicht mehr genau, was der Anlass war, es waren auf jeden Fall Belästigungen von Christen, oder sogar Gewalt. Jedenfalls meinte im Saal jemand, dass jetzt ja schon in Europa Christen verfolgt würden.

Das war vor der Debatte um Flüchtlinge und Merkels „wir schaffen das“, das war aber Mitten in der Debatte um die Situation der Christen in Syrien und im Irak, in Ägypten, Libyen und anderen Ländern.

Seitdem ebbt diese Frage nicht mehr ab. Auch hier im Blog meinen einige kommentieren zu sollen, dass Krieg herrsche, und zwar gegen Christen.

Meine Antwort damals in Nürnberg ist geblieben, auch heute. Den Begriff „Verfolgung“ zu benutzen, ist obszön. Im Syrien und im Irak gibt es Verfolgungen, von Christen, von Jesiden, aber auch von Muslimen, die sich dem Terrorregime nicht unterwerfen. Dort kann man ernsthaft von Verfolgung sprechen.

Dass ein Priester brutal ermordet wird, dass es Beschimpfungen gibt, das darf man alles nicht verharmlosen. Aber das ‚Verfolgung’ zu nennen – ich wiederhole – ist obszön und wird dem Leiden der Tausenden nicht gerecht, die unter unglaublichen Umständen alles verlieren, Haus, Zukunft, Familie, die eigenen Kinder oder Eltern, und deren Leben unter der Gewalt des so genannten „IS“ oder Boko Haram oder sonst wem zusammen bricht.

Gewalt ist schlimm, auch hier. Wenn es sich gegen Christen richtet genau so wie die Gewalt, die unter den Türken in Deutschland gerade wächst, gegen-Gülen und so weiter. Aber es gilt Verhältnismäßigkeit.

 

Es gilt Verhältnismäßigkeit

 

Der so genannte IS möchte natürlich mächtig aussehen und Angst machen, den Gefallen müssen wir ihm nicht tun. Genau hinsehen, Gründe herausfinden, Menschen schützen, das ist alles wichtig. Nicht aber Panikmache und damit die Arbeit der Terror-Bringer selber noch unterstützen.

Es herrscht kein Krieg in Europa. Und keine Christenverfolgung. Und auch wenn die üblichen Webseiten schon schwadronieren, dass es nicht nur Pflicht sei, für Feinde zu beten, sondern auch, diese zu bekämpfen, dann hat der so genannte „IS“ der Rest dieser Mörderbanden schon einen Sieg errungen.

Ein Nachtrag: Immer mehr Leute weisen in Kommentarspalten – auch hier – auf „das Schweigen“ hin, des Papstes, der Kirche, der Christen. „Gutmenschen“ ist allgemein das Stichwort, „Appeaser“ und so weiter. Weiterlesen

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Zahlenalarm?!

Die Zahlen sind schlimm. Kirchenbesuch, Sakramentenempfang, und schlicht die Austrittszahlen zeichnen kein schönes Bild der katholischen Kirche in Deutschland. Die Bischofskonferenz hat Zahlen vorgelegt, wie jedes Jahr, dazu gab es vor einiger Zeit noch eine wissenschaftliche Studie zu etwa Beichte und Sakramenten.

In Deutschland klingen die Worte von Kardinal Marx dazu verständlich. „Die Statistik 2015 zeigt, dass die Kirche in Deutschland nach wie vor eine starke Kraft ist, deren Botschaft gehört und angenommen wird”, wird er auf der Webseite der Bischofskonferenz zitiert. Und das stimmt ja auch, mit 29 Prozent der Gesamtbevölkerung ist das viel, weltweit gesehen. Und der Respekt vor der Kirche und ihrem Tun – interessanterweise trotz des Missbrauchs und trotz einzelner Geschichten wie der von Limburg – ist nach wie vor sehr groß.

Aber außerhalb von Deutschland sieht das anders aus. Bereits um die Synoden herum gab es immer wieder das Argument, warum denn eine Kirche, die im Zusammenbruch begriffen sei, sich anmaße, anderen Kirchen Verhalten vorschreiben zu wollen. Gemeint waren natürlich Kardinal Kasper und die Wiederverheirateten Geschiedenen.

 

Prozente und Messungen

 

Das Argument kommt jetzt wieder, genereller und weniger auf ein Thema gelenkt. So etwa bei CruxNow, einer us-amerikanischen Webseite, die eigentlich sehr aufgeklärt daher kommt.

Bleibt leer, auch wenn er modern daher kommt: der Beichtstuhl

Bleibt leer, auch wenn er modern daher kommt: der Beichtstuhl

Da hab es vor einiger Zeit einen Artikel, der sich neben der Information die Wertung nicht verkneifen konnte. Oder wollte. Da werden die Worte des Kardinals mit der Zahl von knapp 200.000 Menschen kontrastiert, welche die Kirche verlassen haben. „Während die Bischofskonferenz die leichte Zunahme von Taufen und Ehen im Vergleich zum Vorjahr betont, zeigen die langfristigen Zahlen einen steilen Abwärtstrend“. Das ist knapp davor, die Bischöfe der Lüge zu bezichtigen. Mindestens meint der Autor ein Schönreden der Wirklichkeit.

Über die Hälfte der Priester gehe nur einmal im Jahr oder seltener zur Beichte, bei den pastoralen Mitarbeitern seien es sogar über 90 Prozent. Das ist dann die Killerzahl, die den Niedergang besiegelt.

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Barmherzigkeit. Oder: Es geht uns was an

„Da stelle mer uns mal janz dumm…“; Um Penälern das Funktionieren einer Dampfmaschine zu erklären, fängt man ganz vorne an. Erklären beim Unwissen zu beginnen, ist ein gutes pädagogisches Mittel. Schritt für Schritt und ganz einfach baue ich die Einzelteile zusammen, die ich so für das Ding brauche, was ich da erkläre.

Was aber, wenn wir alle schon meinen zu wissen, was das ist? Also nicht die Dampfmaschine, sondern zum Beispiel das Thema dieses Kirchenjahres, die Barmherzigkeit? Irgendwie vermuten wir ja, das zu kennen oder zu wissen, was das ist.

Dankenswerterweise erscheint gerade jede Menge Reflexion zum Thema. Ohne meinen Stuhl zu drehen sehe ich auf meinem Schreibtisch alleine religionspädagogische Materialien, die Zeitschrift „Communio“, mehrere Bücher, Auszüge und Kopien von Artikeln die ich immer noch mal lesen wollte und so weiter.

Die wichtigste Aussage dazu kommt für mich aber vom Papst selber, der uns das Nachdenken dazu ja aufgegeben hat. Und zwar spricht er vom Tun, von den so genannten Werken der Barmherzigkeit. Barmherzigkeit ist nicht so sehr eine Haltung, als mehr ein Verhalten. Oder besser: beides zusammen.

Vor einiger Zeit hatte ich in der Zeitung „Der Falter“ einen Artikel dazu, ich war angefragt worden. Dreizehn Menschen – vom Falter netterweise „Experten“ genannt – schrieben über Europas größte Katastrophe, und dazu war auch ich geladen. Meine Perspektive auf die Barmherzigkeit kommt da von der anderen Seite, von der Frage nach der Verantwortung. Weil wir eben nicht über Barmherzigkeit sprechen können – oder theologisch verantwortet sprechen dürfen – ohne praktisch zu werden.

 

Wer trägt für das Sterben im Mittelmeer Verantwortung?

 

„Kain, wo ist dein Bruder?“ Gottes Frage im Buch Genesis lässt den Menschen etwas entdecken, was grundmenschlich ist, weil es grundgöttlich ist, nämlich die Verantwortung. Wir sind nicht als Einzelwesen geschaffen, perfekt nur dann wenn wir uns um uns selbst drehen. Wir sind als Menschen geschaffen, alle „Brüder und Schwestern“, wie wir es in Familiensprache ausdrücken. Daraus erwächst die Verantwortung füreinander. Die Frage Gottes nach dem Mord Kains an Abel wird im Kopf Kains – und unserem als Leser der Geschichte – zu einem Vorwurf, weil Kain um die Verantwortung und damit Schuld weiß, die er auf sich genommen hat.

Papst Franziskus hat den großen Feind dieser Verantwortung ausgemacht: Die Gleichgültigkeit. Oder noch präziser: eine globalisierte Gleichgültigkeit. Wie er es bei einer Predigt in Lampedusa 2013 ausgedrückt hat: Auf dem Meer sterben Tausende und wir trauern noch nicht einmal mehr. Uns geht das irgendwie nichts an. Wir lassen es nicht an uns heran. Zig-tausende Kinder verschwinden auf der Flucht, jährlich, ohne dass jemand weiß, wo sie landen. Menschen landen in Sklaverei, werden auf ihrer Flucht buchstäblich gekauft und verkauft, erpresst, und wir sorgen uns nicht.
Wir sind nicht in Völkern und Nationen geschaffen, wie es einige neu-Rechte Politiker in theologischer Verwirrung meinen. Wir sind eine Menschheit, über die Kontinente und durch die Jahrhunderte hindurch.

Wir hier im reichen Europa drehen um uns selbst, wollen das „Eigene“ gegen das „Fremde“ schützen, schön zu sehen an Wahlergebnissen über den ganzen Kontinent hinweg. Aber dabei übersehen wir, dass wir als Kinder Gottes Verantwortung tragen.
Die große Gleichgültigkeit vergiftet uns. Der Gegenentwurf dazu ist die Barmherzigkeit, die auch dann gilt, wenn ich an einer Situation gar nicht Schuld trage. Die Bibel ist bis zu den Deckeln voll von Geschichten von Jesu Barmherzigkeit: Der Vater, der seinen Sohn zurück nimmt, der Samariter, der alles Mögliche tut, um einen ihm völlig Unbekannten zu helfen und so weiter. Barmherzigkeit hilft, weil sie es kann, nicht weil sie es muss. Es ist kein moralischer Auftrag, sondern freies Geben. Und sie beginnt damit, dass wir hinschauen, keine Grenzen und Zäune vor unsere Augen und Ohren bauen und uns nicht gleichgültig werden lassen.

 

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[RETURN] for more

Die erste Webseite im WWW

Die erste Webseite im WWW

Das WWW wird 25 Jahre alt. Wie bitte, gab es das nicht irgendwie schon immer?

Die Ästhetik ist wunderbar, da wird man doch glatt etwas nostalgisch, dieses Grün auf Schwarz. Meinen ersten Rechner habe ich auch vor 25 Jahren gekauft, der konnte schon Ockerfarbe!

Das mit dem Netzt musste ich mir damals erklären lassen, Emails, Bookmarks, Browser, Netscape (wir erinnern uns), und so weiter.

Seitdem hat es einiges an Beschleunigung gegeben und man muss kein Prophet sein, um zu meinen, dass das noch zunehmen wird und dass man auf die doch schlichten Web-Sachen aus 2016 mal lächelnd herab blicken wird, wie wir das gerade mit dem Jahr 1991 tun.

Aber da wir uns ja ihr in den weiten Räumen des Netzes bewegen, soll dem WWW ein herzlicher Geburtstagsgruß gelten. Ad multos annos!

 

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Gen Osten!?

Kardinal Robert Sarah hat offenen Widerspruch von seinem Chef geerntet, und das auch noch öffentlich, über seinen Pressesprecher. Eine der letzten Amtshandlungen von Pater Federico Lombardi war es mitte Juli, mitzuteilen, dass der Papst und der Kardinal überein gekommen sind, dass es nicht so klug sei, von einer „Reform der Reform“ zu sprechen, wenn es um die Liturgie geht.

Anstoß durch Kardinal Robert Sarah

Anstoß durch Kardinal Robert Sarah

Das klingt harsch. Nun hatte der Kardinal ja nichts anderes gemacht als vorgeschlagen, ab dem 1. Advent doch auch wieder gemeinsam in eine Richtung die Messe zu feiern. Er hat betont, dass dies keine Anweisung aus seiner Vatikan-Behörde sei – immerhin ist er für Sakramente und Liturgie zuständig – aber als ernst gemeinter Vorschlag doch auf die Tagesordnung gehöre.

Er hat nicht für die so genannte „Alte Messe“ Stellung bezogen. Es geht nicht um das Messbuch von 1963, also vor der Liturgiereform. Das muss man als erstes sagen, denn leider haben das nicht alle Kommentatoren begriffen. Es geht um die Frage der Gebetsrichtung.

Leider ist das alles hochgradig ideologisch besetzt. „AzV“ nennen es die einen, wenn man gemeinsam in eine Richtung schaut. „Alleinunterhalter“ die anderen, wenn man als Priester auf die Gemeinde schaut. Und wir haben ja alle schon erlebt, dass sowas grob unwürdig ablaufen kann, ich erinnere mich da an einen Priester, der im Messgewand mit der Gitarre um den Hals hinterm Altar stand.

 

Ideologie hilft nicht

 

Liturgie scheint sowieso das ideologiebelastedste Feld in der Kirche zu sein, man kann gar keinen Vorschlag machen, ohne in Schubladen zu geraten. Aber Ideologie hilft nicht.

Das Anliegen von Sarah ist schlicht die Frage nach der Würde der Feier. Der Priester betreibt eben keine Kommunikation mit den Menschen, wenn er das Hochgebet spricht, sondern er betet. Da muss man die Frage stellen, wie in Kirchen, die für andere Weisen des zelebrierens gebaut waren, das nun rüberkommt. Da gibt es architektonisch gute Varianten und eben auch Altarräume, die wie eine Bühne wirken, auf der jemand in bunten Gewändern die Menschen unterhält.

Das Gleiche gilt übrigens auch umgekehrt: Nur weil man gemeinsam in eine Richtung schaut ist das Ganze nicht schon gleichzeitig würdiger. Das ist ein Vorurteil, mit dem man schnell aufräumen muss.

Auch muss ein lautes Nachdenken über die Weise des Messe Feierns nicht automatisch ein „zurück“ bedeuten. Nicht alles, was ist, ist deswegen schon Fortschritt.

Man kann für Würde sorgen, indem man die Gemeinde mit einbezieht und ihnen das Gesicht zuwendet, um den Altar versammelt, auch wenn das der Einrichtung der Kirchen nach meistens eher ein Klassenzimmer ist. Man kann aber auch machen, indem man mit der Gemeinde gemeinsam in eine Richtung schaut.

Ich trete hier nicht für eine Änderung der Zelebrationsrichtung ein. Meine theologische Präferenz liegt woanders. Aber ich werbe dafür, das Anliegen zu verstehen und einmal genauer hin zu schauen, was gemeint war und – und hier liegt der Hase im Pfeffer – was wir unter einer würdigen Messe verstehen. Was in uns reagiert eigentlich irritiert oder beruhigt – je nachdem – wenn der Priester umgedreht am Altar steht?

Die Richtigstellung durch den Vatikan war nötig, weil die Spekulationen Sekundenbruchteile nach dem Vortrag Sarahs in London wild durch die Gegend schossen. Das heißt aber nicht, das Nachdenken verboten ist.

 

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