Der Franziskus-Effekt: Diese Wirtschaft tötet

Teil 3 einer kleinen Reihe

Als drittes Element des Franziskus-Effektes möchte ich ein Thema nennen, was dem Papst die meiste Kritik eingebracht und die meisten Debatten entzündet hat: Diese Wirtschaft tötet. Das reichste Prozent der Weltbevölkerung wird im kommenden Jahr mehr besitzen als die restlichen 99 Prozent zusammen. Nochmal: Das reichste Prozent der Weltbevölkerung wird im kommenden Jahr mehr besitzen als die restlichen 99 Prozent zusammen. Die Zahlen stammen von Oxfam, einer großen britischen Hilfsorganisation. Die Schere zwischen reich und arm klafft immer weiter auseinander. Oder so: Die reichsten 85 Menschen besitzen genau so viel wie die ärmere Hälfte der Menschheit zusammen: 85 Menschen einerseits, 3,5 Milliarden Menschen andererseits. Und so weiter.

Das ist die Perspektive, mit der der Papst auf die Güter der Welt blickt. Er tut das nicht als einziger, in einem ausführlichen Interview für ein Buch neulich hat er darüber gesprochen und sehr viel Wert darauf gelegt, dass das, was er sagt, alte Kirche ist. „Imperialismus des internationalen Kapitals” stammt von Pius XI., für Benedikt XVI. stand das sich Annehmen des Armen und der Glaube an den einen Gott im AT auf gleicher Stufe, Paul VI. sagt, dass es kein absolutes unbedingtes Recht auf Eigentum gibt, aber nicht nur Päpste: Lesen Sie mal die Kirchenväter, 1.800 Jahre her, zum Beispiel Basilius von Caeserea. Das ist starker Tobak, wenn der Papst seine Thesen vorstellt. Aber man darf sich nicht vertun, hier geht es nicht um eine ausführliche und tiefe Analyse wirtschaftlicher Verhältnisse. Hier geht es um die Armen. Oder präziser: die ausgeschlossenen, die nicht teilnehmen können. Es geht um die, die keine Funktion im Konsum-Kapitalismus erfüllen und weggeworfen werden. Das ist die zentrale Vokabel beim Papst-Wegwerf-Kultur. Er malt das drastisch aus, da ist die “Kultur des Todes”, die Past Johannes Paul II. beklagte, fast schon im Ausdruck zurückhaltend.

 

Es geht um die Perspektive der Armen

 

Die Opfer sind die Kinder, ungeborene und solche ohne Perspektive, und es sind die Alten Menschen. Das ist die Trias, die er immer wieder nennt: ungeborene, perspektivlose junge und allein gelassene alte Menschen.

Lesen Sie die Reaktionen auf einen Blogeintrag von mir: wenn es um Eigentum geht, hört bei uns hier im Westen der Spaß auf. Da geht es ums Eingemachte. Eigentum verpflichtet, sagt unsere Verfassung, aber wenn der Papst (Paul VI. und jetzt Franziskus) die Absolutheit des Rechts auf Eigentum bezweifelt, dann geht das gar nicht. Protest! Soziale Marktwirtschaft! Wir sind doch nicht Argentinien! Weiterlesen

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Der Franziskus Effekt: Reform

Teil 2 einer kleinen Reihe

Das zweite Element, das ich unter dem Begriff des Franziskus Effektes sehe, ist die Reform, das Lieblingsthema unsere Medien, wenn es um den Papst geht. Damit wird meist die Kurienreform gemeint, Kardinäle, Vatileaks, Bürokratie, Vatikanbank und so weiter. Und das ist auch alles richtig und wichtig und gut. Aber es geht an der eigentlichen Absicht des Papstes vorbei.

Lesen Sie die Rede von Kardinal Bergoglio beim Vorkonklave: Wir müssen die Türen der Kirchen aufmachen, um Jesus hinaus zu lassen, hatte er damals gesagt.

Hören Sie nach, was er auf Lampedusa gesagt hat: 20.000 Menschen sterben, und wir weinen noch nicht einmal mehr. Oder jetzt, vor einigen Tagen, auf den Philippinen: nur mit Augen, die von Tränen gereinigt sind, erschließt sich die Welt. Das klingt in unseren Ohren vielleicht sprachlich pathetisch, ist aber nicht von der Hand zu weisen. So in etwa hat er sich auch letztes Jahr in Yad Vashem ausgedrückt.

Oder nehmen wir das jüngste Reform-Beispiel: Die 15 Krankheiten. Nehmen wir gleich die erste, nämlich die, sich für unentbehrlich zu halten, keine Selbstkritik zu üben. Ich zitiere den Papst: „Ein gewöhnlicher Friedhofsbesuch könnte uns dazu verhelfen, die Namen vieler Menschen zu sehen, von denen einige vielleicht auch meinten, unsterblich, immun und unentbehrlich zu sein!“.. und so weiter. Abgesehen davon, dass ich mehrere Beichtväter kenne, die einen Friedhofsbesuch gerne empfehlen, um den eigenen Hochmut zu kurieren und der Papst hier also eine pastorale Perspektive hat, und abgesehen von dem Witz, der auch da drin steckt, sieht man deutlich, wo Reform ansetzt: Bei mir. Nicht in bei denen, nicht dort, nicht da wo wir immer schon das Üble vermutet haben, sondern bei mir. Das gilt auch für die Kurie, das gilt auch für Klerikalismus und so weiter.

 

Jenseits bürgerlicher Religion

 

„Deshalb sollten wir auch jenen Mangel an Bußfertigkeit und Selbstkritik, den wir in der Kirche, speziell bei unseren kirchlichen Amtsträgern, beklagen, wenigstens bei uns selbst überwinden.“ Das ist nicht Papst Franziskus, das ist Johann Baptist Metz 1980, also europäische Theologie. Oder hier: „Das eucharistische Tischtuch zwischen und und den armen Kirchen (ist) zerrissen, weil wir ihnen in ihrem Elend und ihrer Unterdrückung nicht mit unserer Umkehr beistehen und weil wir uns weigern, auf das zu hören, was als Prophetie des gemeinsamen Aufbruchs aus diesen armen Kirchen zu uns dringt.“ Wieder Johann Baptist Metz aus seinem Buch „Jenseits bürgerlichen Religion“. Das klingt wie O-Ton Franziskus und fasst das auch sehr gut zusammen: Wer Jesus nicht mit den Augen der Armen sieht, versteht ihn nicht, versteht Gottes Selbstoffenbarung nicht. Wir müssen auf all die Dinge achten, die uns daran hindern, das zu tun.

Als da sind: Karrierismus, Korruption, Neo-Gnostizismus, Neo-Pelagianismus, Marta-ismus also Aktivismus ohne Geist, Versteinerung, Ästhetizismus, Funktionalismus, NGO-sein, und die Lieblingssünde des Papstes: Gerede, Klatsch und Tratsch. Weiterlesen

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Der Franziskus Effekt

Teil 1 einer kleinen Reihe

Sechs Millionen Menschen in Manila. Eine Million mehr oder weniger spielt schon keine Rolle mehr. In Rom bricht regelmäßig Mittwochs, wenn der Papst auf dem Petersplatz Generalaudienz hält, der Verkehr vollständig zusammen. In den Medien steht – fast – nur Interessiertes, man interessiert sich wieder nach all den Negativ-Titeln zu Benedikt XVI.

Und dann all die Überraschungen: Reisen und Papiere wie Evangelii Gaudium sind das eine, aber wenn ich dann die Kardinalsernennungen von diesem Jahr sehe und die Rede vor der Vatikanischen Kurie höre – Sie wissen schon, die 15 Krankheiten – dann ist das manchmal mehr Überraschung, als man verkraften kann. Oder will.

Was uns Medienschaffende besonders beeindruckt ist, dass ihm Fehler verziehen werden. Manche von seinen Sätzen oder Bildern sind so drastisch, Benedikt XVI. wäre das um die Ohren geflogen worden.

Der Franziskus-Effekt. Aber was genau ist das für eine Wirkung? Wenn man in Rom bei den Vatikan-Verstehern herumfragt, dann weiß keiner so genau, was dabei heraus kommt. Viel ist bereits über den Papst geschrieben worden, zum Teil sehr gute Bücher und Biographien, aber wenn man diese Autoren fragt, dann sind auch die überrascht von all dem, was der Papst tut und macht und will. Also: Was sind die Wirkungen dieses Papstes?

Ich möchte Ihnen vier Wirkungs-Felder vorstellen, von denen ich meine, dass sie zusammen ein ganz gutes Bild abgeben. Das alles ist noch work in progress und ich hoffe, dass ich in den Kommentaren noch von Ihnen Neues und interessante Perspektiven mitbekomme, aber als Zusammenfassung möchte ich Ihnen diese vier Punkte schon einmal anbieten.

Ich werde das in vier Folgen tun, um die einzelnen Felder auch getrennt für Kommentare anzubieten. Geboren wurden die Gedanken als Vorträge, dies hier ist eine überarbeitete schriftliche Version.

 

Der Argentinier: Vom Ende der Welt

 

Da ist erstens der Ausdruck, den Franziskus selbst geprägt hat, in der ersten Minute seines öffentlichen Wirkens: Er sei ein Papst vom Ende der Welt. Vor der Wahl war viel über einen nichteuropäischen Papst spekuliert worden, ob nicht auch mal der Rest der Welt dran sei. Lateinamerika natürlich, allen vorweg Kardinal Scherer von Sao Paolo, weil er schon Rom-Erfahrung hat. Oder der Kanadier Quellet, der sich bestens dort auskennt und auch kein Italiener ist.

Und dann kam Bergoglio.

Direkt nach dem Konklave habe ich einige Kardinäle interviewen können, Toppo aus Indien, Napier aus Südafrika und Tagle von den Philippinen. Die Frage war immer, ob nicht die Wahl eines Nicht-Europäers ein gutes Zeichen auch für ihre Kirchen sei, was Selbstbewusstsein und so weiter angeht? Die Antwort war immer dieselbe, auch wenn die Interviews nicht gemeinsam geführt wurden: Das mag schon sein, aber wir wollten den Mann, wir wollten Bergoglio.

Bergoglio bringt natürlich seine eigene Geschichte mit, das Leben in einer Diktatur, die lateinamerikanische Kolonialgeschichte, die desaströs Wirtschaftspolitik des Landes. Kirchlich bringt  er vor allem zwei Dinge mit: Aparecida und Theologie des Glaubens des Volkes Gottes. Weiterlesen

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Vom Ende der Welt und voller Dynamik

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Für eine Reihe von Vorträgen habe ich meine Sicht auf den Papst und das, was er von der Kirche will, einem update unterzogen. Kurz: Was ist das eigentlich, der Franziskus-Effekt? In vier Teilen stelle ich das hier ein.

Ein erster Teil befasst sich mit dem „Papst vom Ende der Welt“ und der Frage, was es bedeutet, dass Europa nicht mehr die erste Geige in der Kirche spielt.

Der zweite Teil wendet sich der Frage der Reform zu: Wo ist sie anzusiedeln und welche geistliche Dimension hat sie? Und: Wo beginnt sie eigentlich?

Der dritte Teil greift den Satz von der Wirtschaft, die tötet auf und fragt nach der Perspektive der Armen, die wir einnehmen sollen.

Im vierten Teil geht es um den Werkstatt-Charakter des Ganzen Unternehmens: Zeit ist wichtiger als Raum, sagt Papst Franziskus. Den Schluss der Reihe bilden dann einige kurze Gedanken zur Dynamik dieses Papstes, denn dort laufen all die Gedanken zum “Effekt” schlußendlich zusammen.

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Online-Talk-Show

Es hat einige Tage gedauert, aber da bin ich nun wieder online im Blog. Ab und zu braucht man halt mal eine Auszeit, sonst werden die eigenen Texte fad. Genau so eine Auszeit habe ich mir genommen, gelesen, Vorträge gehalten – von denen hier auch einiges zu lesen sein wird – und so weiter.

Es gab aber auch einen zweiten Grund für die Pause: Ich wollte, dass die die Gemüter ein wenig abkühlen. Wieder einmal habe ich länger beobachtet, was bei mir so alles als Kommentar gepostet wird. Ich habe danach einige eMails bekommen mit Verweis darauf, dass es gut wäre, noch einmal auf die Netiquette hinzuweisen, so geschockt waren einige.

Mein Blog will ein Angebot sein, sich mit Gedanken auseinander zu setzen, Meinungen zu bilden und zu widersprechen, und so weiter. Leider scheint das ein großer Teil der Internetöffentlichkeit nie gelernt zu haben. Auch hier im Blog nicht (eine unfaire Bemerkung meinerseits, wissen Sie doch nicht, was ich alles nicht frei schalte, Sie müssen mir hier einfach glauben).

Geschimpfe ist ja noch relativ einfach zu erkennen. Aber auch das arrogant-herablassende Belehren ist nicht eine Einladung zur Debatte, auch wenn es sich in diesen Mantel kleidet.

Was mich immer wieder den Kopf schütteln lässt ist der aggressive Verweis darauf, als Priester müsste ich doch … . Dass ich Meinungen habe und die auch vertrete, gerne auch klar und deutlich, wird den Lesern des Blogs nicht entgangen sein. Dass das gegen mich verwendet wird, dass einige Herrschaften meinen, persönlich werden zu müssen oder zu sollen, ist sehr bedauerlich.

Ich kann nur vermuten, dass sich andere dann abschrecken lassen, hier zu kommentieren, weil sie dann von den üblichen Verdächtigen unter die Tastatur genommen werden. Also werde ich in Zukunft noch mehr ein Auge drauf haben, wie konstruktiv Beiträge sind. Das hier ist kein „Speakers Corner“, wo jeder sagen kann, was er oder sie will. Ich verstehe das eher als Gesprächsrunde, oder wenn Sie wollen als Talk-Show mit Moderation. Da muss jemand halt mal still sein, damit jemand anders reden kann. Wenn das bedeutet, dass aktiver moderiert wird, dann sei das so.

Auch das ist ein Ergebnis meiner kleinen Pause. Meinungsfreiheit ist, wenn jeder seine Meinung haben und sagen kann. Meinungsfreiheit ist nicht, dass ich mir das auch alles anhören muss.

 

 

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Pause

Der Blog macht Pause, ich melde mich im Februar wieder zurück. Bis bald!

 

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Kirche ohne Grenzen

Wenn internationale Gedenktage begangen werden, fallen Botschaft und Ereignis gerne einmal auseinander, vor allem wenn die Texte zu den Gedenktagen vorab veröffentlicht werden. Papst Franziskus zum Beispiel hat zum Weltflüchtlingstag an diesem 18. Januar bereits im September seine Gedanken vorgelegt. Damit das nicht verloren geht, stelle ich den Text hier noch einmal ein.

 

Papstbotschaft zum Weltflüchtlingstag am 18. Januar 2015

Kirche ohne Grenzen, Mutter aller

 

Liebe Brüder und Schwestern,

Jesus ist »der Evangelisierende schlechthin und das Evangelium in Person« (Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 209). Seine Sorge, besonders für die am meisten Gefährdeten und an den Rand Gedrängten fordert alle auf, sich der Schwächsten anzunehmen und sein leidendes Angesicht vor allem in den Opfern der neuen Formen von Armut und Sklaverei zu erkennen. Der Herr sagt: »Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt, und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank, und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen« (Mt25,35-36). Aufgabe der Kirche, der Pilgerin auf Erden und Mutter aller, ist es daher, Jesus Christus zu lieben, ihn anzubeten und ihn zu lieben, besonders in den Ärmsten und den am meisten Vernachlässigten; zu ihnen gehören gewiss die Migranten und die Flüchtlinge, die versuchen, harte Lebensbedingungen und Gefahren aller Art hinter sich zu lassen. Darum hat der Welttag der Migranten und Flüchtlinge in diesem Jahr das Thema: Kirche ohne Grenzen, Mutter aller. Weiterlesen

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Kein unbedingtes Recht auf Eigentum

Wenn man von Widerständen gegen Papst Franziskus spricht, dann meint man meistens vermutete Gegner im Vatikan. Die meisten Widerstände gegen den Papst finden sich aber gar nicht hier, sondern außerhalb des Vatikan. Und die meisten dieser Widerstände – zumindest in unserer westlichen Welt – haben mit seiner Denkweise zu Wirtschaft und Gesellschaft zu tun. Stichwort: „Diese Wirtschaft tötet“.

„Die Kirche verachtet die Reichen“, wusste eine Zeitung, „Kapitalismuskritik ist katholische Brauchtumspflege“ eine andere, dazu noch christliche Zeitung. „Jesus Christ is a Capitalist“ tönte es aus den USA herüber, ziemlich absehbar und nicht wirklich originell. Aber es wird durch die Bank „The Vatican’s Journey from Anti-Communism to Anti-Capitalism“ beklagt. „Would someone please shut that Pope up?“ ist die notwendige Konsequens solcher Art Fundamentalopposition.

Zwei italienische Journalisten haben jetzt ein Buch dazu veröffentlicht, in dem Buch ist auch ein Interview mit Papst Franziskus zum Thema enthalten, das ich für RV zusammengefasst habe. In einer kurzen Variante findet es sich auch auf der Webseite, für die die beiden Autoren arbeiten.

 

Verwurzelt in der Tradition der Kirche

 

Zwei Dinge möchte ich hervorhzeben: Zum einen, wie wichtig die Tradition für den Papst ist. Die ganzen Vorwürfe gegen ihn wurzeln ja meistens darin, dass man meint, der Papst würde Neuerungen einführen, vom Papst der Freiheit (Johannes Paul II.) zum Papst der Bevormundung (Franziskus) und so weiter, wie oben im „journey from …“ angedeutet. Der Gipfel war während und nach dem Treffen mit den Volks-Bewegungen im vergangenen Jahr zu spüren, von denen einige wirklich politisch sehr links anzusiedeln sind.

Dagegen führt der Papst aber die Tradition der Kirche an. Es ist schon ein wenig witzig: All denen, die den Papst mit Blick auf die Tradition zurechtweisen wollen, sagt Papst Franziskus, dass es durchgehend durch die Geschichte eine klare Linie in Bezug auf den Umgang mit Armen gegeben habe. Er beginnt im zweiten und dritten Jahrhundert und arbeitet sich sozusagen bis Benedikt XVI. durch.

Unsere Wirtschaft mag sich in den vergangenen Jahrhunderten gewandelt haben und die Kritik heute anders klingen, aber sie geht zurück auf die frühe Kirche, ja auf das Evangelium selbst. Wer will, dass der Papst die Klappe hält, wie ein unerleuchteter US-katholischer Journalist zu meinen glaube, möchte schicht dass die gesamte Tradition der Kirche die Klappe hält und nicht beim Geldverdienen stört.

Das zweite, was ich betonen möchte: Die klare Aussage, dass es kein unbedingtes Recht auf Eigentum gibt. Wichtig ist die Qualifikation „unbedingt“, Eigentum ist also ein Recht, aber es steht nicht alleine und absolut, sondern bezieht sich auf die Anderen, das Gemeinwohl oder wie auch immer man das definieren will. In der deutschen Verfassung findet sich der Gedanke, dass „Eigentum verpflichtet“, aber die Gedanken, die Papst Franziskus von Papst Paul VI. übernimmt, gehen um einiges weiter. Es geht darum, dass niemand das Recht haben kann, Güter für sich zu behalten, wenn jemandem anderen etwas fehlt. Dort endet das Recht auf Eigentum. Weiterlesen

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Es lebe die Meinungsfreiheit!

Es waren zwei Polizisten. Wir trauern um die Toten von Paris und das ist auch richtig und wichtig so. Aber ein kleines Unwohlsein habe ich dabei schon, denn es werden immer nur die Namen der vier Karikaturisten genannt. Bei dem Anschlag sind aber zum Beispiel auch zwei Polizisten umgekommen. Außerdem eine Reinigungskraft.

Mir scheint das deswegen wichtig, weil Teile der Medien beginnen, sich selbst zu umkreisen. So gibt es bei Zeit-Online einen Artikel darüber, dass Journalisten jetzt Angst bekommen oder zumindest ein Unbehagen sich einschleicht. Über diese Auswirkungen der Morde muss man auch sprechen, aber ich wiederhole, was ist mit den anderen? Die da waren, um zu schützen?

 

Meinungsfreiheit

 

Wenn Journalisten um sich selber kreisen, drehen leider immer wieder Kommentare ab. Zum Beispiel dieser: „Eines der meistbenutzten Instrumente dieser Dogmen-Verteidiger ist das religiöse Gefühl. Wer den Schutz religiöser Gefühle für sich markiert, erhebt seine persönliche Weltanschauung über den kritischen Diskurs, er erklärt Teile seines Glaubenssystems für heilig, ihr Hinterfragen zum Affront.”

Ein Teil des Problems um den Fundamentalismus ist der Mangelnde Respekt vor dem Anderen. Den will ich beachtet wissen, mir gegenüber wie den anderen gegenüber. Hier wird einem sich aufklärerisch gebenden Brutalismus das Wort geredet, der nicht viel übrig hat für Respekt. Weiterlesen

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Das doppelte Verbrechen

Religion und Gewalt ist wieder Thema, die Brutalität von Paris hat das neu auf die Tagesordnung gesetzt. „Eine doppelte Verurteilung“ hätte der Vatikan, betonte Vize-Pressesprecher des Vatikans Ciro Benedettini vor Journalisten: einerseits für den „schrecklichen Akt der Gewalt“ an sich und andererseits für das Attentat auf die Pressefreiheit, die genauso wichtig sei wie die Religionsfreiheit. Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit auf Augenhöhe, bereits einige Male hat der Vatikan das so gesagt, die beiden Päpste Franziskus und Benedikt vorweg, aber nie war dieser Satz so wichtig wie heute.

Einige Leute meinen nun, das Attentat mit den veröffentlichten Mohamed Karikaturen in Charlie Hebdo in Verbindung bringen zu können. Aber damit hat das nichts zu tun. Die Mörder haben sie Menschen nicht umgebracht, weil Charlie Hebdo Karikaturen veröffentlicht hat. Die Mörder haben Menschen umgebracht, weil sie „niedere Beweggründe“ hatten, wie das Juristendeutsch das eindeutig zuordnet. Die Morde sind nicht zu begründen und schon gar nicht zu rechtfertigen.

Wobei ich bei einer Rede wäre, auf die uns heute der Vatican Insider noch einmal aufmerksam gemacht hat, eine Papstrede über Religion und Gewalt und die Moderne und die Vernunft. Benedikt XVI. hat sie gehalten und sie ist als „Regensburger Rede“ in die Geschichte eingegangen, schnell zerrissen und dann vergessen.

 

Dem Wesen Gottes zuwider

 

Das Argument finde ich aber gerade jetzt bedenkenswert: Zuerst sprach Benedikt davon, dass „Glaubensverbreitung durch Gewalt widersinnig ist. Sie steht im Widerspruch zum Wesen Gottes und zum Wesen der Seele“. „Gott hat kein Gefallen am Blut … und nicht vernunftgemäß, nicht „σὺν λόγω” zu handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider“, zitiert Benedikt XVI. einen byzantinischen, klassisch-griechisch gebildeten oströmischen Kaiser, um dann fortzufahren: „Der Glaube ist Frucht der Seele, nicht des Körpers. Wer also jemanden zum Glauben führen will, braucht die Fähigkeit zur guten Rede und ein rechtes Denken, nicht aber Gewalt und Drohung… Um eine vernünftige Seele zu überzeugen, braucht man nicht seinen Arm, nicht Schlagwerkzeuge noch sonst eines der Mittel, durch die man jemanden mit dem Tod bedrohen kann…”.

Der entscheidende Satz in dieser Argumentation gegen Bekehrung durch Gewalt lautet: „Nicht vernunftgemäß handeln ist dem Wesen Gottes zuwider,“ eine theologische Aussage.

Benedikt XVI. fährt dann fort, über das in diesen Gedanken sichtbare Fundament zu sprechen, nämlich die in der griechischen Philosophie gegründete Vorstellung von Vernunft. Die Sorge, die er in der Rede zum Ausdruck bringt, ist die, dass die Forderung der Moderne, den Glauben zu „enthellenisieren“, Religion ins Subjektive verlegt. Weiterlesen

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