So Abram rose …

Barmherzigkeit – schon wieder? Ja, schon wieder. Oder besser: immer noch. Diese Themenjahre haben es ja leider so an sich, dass man sich irgendwie satt hört, so wichtig das Thema auch sein mag.

William Blake: Abraham and Isaac

William Blake: Abraham and Isaac

Deswegen nur noch mal kurz eine Erinnerung, wie das ganze ohne Barmherzigkeit aussehen würde. Nehmen wir die Abrahamsgeschichte: wie wäre die wohl ausgegangen, wenn der Mensch mit seinem Opfergedanken und seinem Messer nicht auf die Stimme gehört hätte? Im War Requiem erzählt das Benjamin Britten. Das Offertorium erzählt die Abrahamsgeschichte nach:

 

So Abram rose, and clave the wood, and went,
And took the fire with him, and a knife.
And as they sojourned both of them together,
Isaac the first-born spake and said, My Father,
Behold the preparations, fire and iron,
But where the lamb for this burnt-offering?
Then Abram bound the youth with belts and straps,
And builded parapets and trenched there,
And streched forth the knife to slay his son.
When lo! and angel called him out of heaven,
Saying, Lay not thy hand upon the lad,
Neither do anything to him. Behold,
A ram, caught in a thicket by its horns;
Offer the Ram of Pride instead of him.
But the old man would not so,
but slew his son, –
And half the seed of Europe, one by one.

 

Abraham behandelt seinen Sohn als Eigentum, bis zu jenem Moment, wo der Engel einschreitet. Bilderbuchartig hält uns die Bibel vor, wie Gewalt etwas ist, was wir ohne weiteres einsetzen, gepaart von diesem Verhältnis zum Anderen, das jenen verdinglicht. Britten reflektiert damit natürlich den Zweiten Weltkrieg, „And half the seed of Europe, one by one.“ Aber es ist mehr. Wir sind immer noch bereit dazu, andere drauf gehen zu lassen, damit alles gut wird.

Das ist die Welt ohne die Barmherzigkeit.

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Es muss mehr geredet werden

Eine vielleicht merkwürdige Überschrift, habe ich mich doch erst kürzlich dazu bekannt, dass Reden überbewertet ist. Aber hier ziele ich auf eine andere Idee, in etwa in dieselbe Richtung wie der Papst wenn er sagt, Dialog kenne keine Verlierer. Also denn.

„Öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten“ ist ein wunderbar altmodischer Begriff. Aber ich mag es gerne mal altmodisch und immerhin ist auch Radio Vatikan so eine öffentlich-rechtliche Anstalt. Und seit Gründung mit dabei bei der Union der Europäischen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, der EBU. Nie gehört? Dann kennen Sie aber eine der Unterabteilungen, und zwar die für TV: Die Eurovision. Das sind die mit dem Song-Contest.

Vergessen Sie das schnell wieder, hier geht es um Radio. Und zwar gibt es eine ganze Menge von Arbeitsgruppen innerhalb der EBU, einer darf ich vorsitzen und da geht es um Journalismus & Radio. Was gibt es Neues? Was muss diskutiert werden? Wie geht das live mit Apps? Wo gibt es Erfahrungen mit Zusammenlegungen von Radio und TV? Und so weiter.

Die Dächer von Bukarest: Blick aus dem Fenster bei Radio Romania

Die Dächer von Bukarest: Blick aus dem Fenster bei Radio Romania

Gerade frisch komme ich von solch einer Tagung zurück, einer sehr guten. Radio Romania war der Gastgeber, BBC und ORF waren da, Belgien und Litauen, Spanien und Schweden und so weiter. Und letzteres Radio hat uns ein neues „Projekt“ vorgestellt, wir hatten nämlich Alice Peltrén zu Gast, die bislang einzige „migration correspondent“ Europas. Eine volle Stelle nur für dieses Thema.

Klingt ja auch vernünftig, das Thema ist das größte, das uns im Augenblick beschäftigt und nichts weist darauf hin, dass es in Kürze verschwinden oder zu einem B-Thema relegiert würde, dazu sind zu viele Menschen weltweit unterwegs.

 

Korrespondent für Migration

 

Sie reist viel, besucht Lager und Ursprungsländer, aber sie arbeitet auch viel mit anderen Korrespondenten in Europa und in Schweden selber zusammen, um Geschichten rund um dieses Thema zu machen. Gesendet und als Twitter, online und als Expertin.

Wir alle haben sie beneidet darum, 100 Prozent Zeit zu haben und vor allem Reporter zu sein. Ihre Erzählung hat uns aber auch die Gelegenheit gegeben, an einigen Punkten herumzunagen, die sie uns geboten hat.

  • So zum Beispiel die Frage der „emotionalen Sicherheit“: wie nah lässt man leidende Menschen an sich heran, um noch berichten zu können und nicht selbst zu sehr mitgenommen zu werden? Kein empathischer Mensch kann ja Tag für Tag harten Schicksalen begegnen, ohne dass ihn das verändert. Auf der anderen Seite will man auch nicht zynisch werden.
  • Unter dieselbe Überschrift, wenn auch aus anderer Perspektive, gehört die Hate-Mail, gehören die Kommentare und eine immer brutaler werdende Sprache Journalisten gegenüber (nicht nur denen, aber das war nicht Thema). Auch das lässt einen ja nicht kalt, auch hier braucht es einen Umgang, den Journalisten vielfach erst lernen müssen.
  • Ein Kollege warf ein, dass wir noch viel mehr über unsere Hörer/Leser sprechen müssen, weil wir ja offenbar viel zu sehr an denen vorbei senden. Wenn es wie in Österreich 50 Prozent abgegebene Stimmen für Herrn Hofer gibt, Brexit an der Migrationsfrage mit entschieden wird, Frankreich und Polen und Ungarn und die Tschechei … . Es kann doch nicht sein, dass wir die Sorgen und Ängste so wenig aufnehmen, dass man uns als „Lügner“ und unglaubwürdig einstuft. Das liegt nicht nur aber vielleicht auch, an uns selbst.
  • Wichtig auch das Thema Sprache: Wann nennt man eine Situation „Krise“? Wann nicht? Wann ist ein Mensch ein Migrant, wann ein Flüchtling, obwohl diese Unterscheidung in anderen Sprachen wichtiger ist als in der deutschen. Es gibt Sender, die ganz klare Entscheidungen dazu getroffen haben. Sind Menschen eine Last? Auch hier braucht es noch mehr Aufmerksamkeit als bisher auf die Sprache, das Aufrufen von schlichten Aufklebern war immer schlechter Journalismus, aber gerade jetzt wird es noch einmal wichtig, sich den Vokabelkasten noch mal anzusehen.

Wie die Themenvielfalt zeigt, das ist alles offen und braucht noch mehr Debatte, auch über kleine Kreise hinaus. Wir werden noch viel häufiger darüber und über andere Dinge sprechen müssen, um uns Lösungen anzunähern. Und vielleicht – oder wahrscheinlich – gibt es ja auch gar nicht die eine große Lösung für die Fragen, sondern man muss immer wieder darüber reden, um die richtigen Lösungen für konkrete Probleme zu bekommen.

Kurz: Es muss mehr geredet werden.

 

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Doing the right thing for the wrong reasons

„Eine Versuchung kann sich durchaus auch auf eine Wahrheit gründen“: Es ist ein Satz aus einer Fußnote, leicht zu übersehen, aber er hat es in sich. Zu einem Beitrag neulich hat ein Kommentar diese Fußnote zitiert, und das will ich als Gelegenheit nicht verstreichen lassen. Danke also an den Kommentator.

Der Satz stammt von Jorge Mario Bergoglio aus dem Buch „Über die Selbstanklage“. Und in der Fußnote geht es darum, dass eine Versuchung daraus entstehen kann, dass eine Wahrheit aus einer falschen Gesinnung heraus gelebt wird.

Das Beispiel, das der heutige Papst wählt, entnimmt er dem Tagebuch des von ihm verehrten und heilig gesprochenen Jesuiten Peter Faber. Der spricht über Kirchenreform – damals im Zeitalter der Reformation ein drängendes Thema – und davon, dass „Unser Herr es wohl nicht liebt, wenn diese oder jene Reform in der Kirche auf Begehren der Irrlehrer vorgenommen wird.“ Subtrahiert man die theologische Sprache jener Zeit, bleibt die Überzeugung, dass auch das Gute – die Reform – nicht vom Schlechten – der Irrlehre – gewollt werden darf, sonst wird auch das Gute schlecht.

Wenn man sich auf die Suche nach Aussagen zum Verhältnis von ‚Gutes Tun’ und der Motivation dahinter macht, findet man alles Mögliche. Das Verhältnis von ‚richtig’ und ‚falsch’ in der Motivation auf der einen Seite und ‚richtig’ und ‚falsch’ im Tun auf der anderen ist komplex.

Für geistliche Lehrer war dieses Verhältnis immer schon ein wichtiges Thema. Dahinter steht die erst einmal schlichte Einsicht, dass nicht aus der Richtigkeit einer Tat die Güte der Motivation geschlossen werden kann.

In der Welt des Politischen nennt man das „doing the right thing for the wrong reason“, man will also etwas erreichen, aber der Grund dafür verdirbt das Ganze dann.

Verwandt damit ist eine geistliche Einsicht, wie wir sie bei Ignatius von Loyola und aus seinem Exerzitienbuch kennen. Dort heißt sie „Versuchung unter dem Anschein des Guten“: Etwas Gutes wird mir vor Augen gestellt, aber dahinter verbirgt sich in Wirklichkeit eine Versuchung. Ein klassischer Fall aus der Geschichte des Ordens ist das Gebet: Die ersten Generationen von Jesuiten vor allem in Spanien wollten mehr beten und feste Gebetszeit, und wer kann schon was gegen das Beten haben? Aber Ignatius hat das als Versuchung erkannt und geantwortet, dass das nicht die Aufgabe sei, erst einmal sei Studieren, dann die Arbeit dran. Gebet muss sein, aber das darf die anderen Weisen, Gott zu dienen, nicht verdrängen.

 

Doch nur gut gemeint

 

Umgekehrt wird daraus das Prinzip „ich habe es doch nur gut gemeint“. Man wollte etwas Gutes, hat das aber nicht geschafft sondern das Schlechte oder etwas in der Art. Es gibt also eine Trennung zwischen dem, was ich wirklich tue, und der dahinter liegenden Haltung oder konkreten Motivation. Beides ist getrennt anzusehen, es reicht offensichtlich nicht, nur gut zu wollen oder das richtige zu tun, der jeweils andere Aspekt gehört auch dazu.

Das entscheidende Wort ist dabei das Wort „Versuchung“, das der Papst in der Fußnote ja auch verwendet. Ich muss „unterscheiden“, um ein anderes klassisches Wort aus der Spiritualität zu benutzen, das gerade wieder neu Aktualität erlangt. Also: ich muss mir genau ansehen, was etwas ist und wohin es führt, um bewerten zu können, ob es gut oder schlecht oder zu lassen oder so ist.

Merke: Nur weil jemand Glaubensvollzüge in richtiger Reihenfolge machen oder Glaubenssätze ohne Fehler aufsagen kann, sagt das noch nichts über die Intention. Und nur gut wollen reicht auch nicht, man muss auch die konkrete Umsetzung einschätzen können. Noch nicht einmal das Reklamieren des Wortes „Wahrheit“ ist dagegen ein Schutz.

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Markenkern und Alleinstellungsmerkmal

Nach dem Katholikentag ist vor dem nächsten. Oder zumindest mitten in den Überlegungen, wie es weiter gehen kann und soll. Neben allem möglichen Lob gab es und gibt es auch kritische Stimmen, anmerkende und vorschlagende, aber auch klarere und deutlichere Kritik. Alles gehört dazu. Schließlich gab es und gibt es auch ganz grundsätzliche, und eine solche möchte ich hier aufgreifen, einen Artikel unter der Überschrift „Schamlos Paternalistisch“. Schon der Titel gibt hier die Musik vor.

Mit etwas Abstand bietet der Autor Christian Geyer in seinem Artikel in der FAZ seine Analyse an. Der Kern dieser Überlegungen ist eine „inklusive Gottessuche“, ich übersetze das für mich als ein Denken und Reden von Gott in der Welt, das auf möglichst große Breite setzt. In den Worten des Autors: Wer gibt nun wem das Maß vor, die Welt der Kirche oder umgekehrt? Papst Benedikt XVI. hat in seinem Sprechen von der „Entweltlichung“ einen Vorschlag gemacht, der Autor hier geht aber einen anderen Weg. Er wendet sich dem Theologisieren zu. Wie ist die Sache mit Gott und den Menschen zu sehen? (Ich benutze hier „theologisieren“ bewusst nicht im akademischen Zusammenhang, sondern weiter, als das reflektierende und reflektierte Sprechen und Suchen nach Gott)

Kreuzgang in einem österreichischen Kloster

Links der rechts? Abgrenzung oder Inklusion? Wohin gehen mit meiner Gottsuche?

Was Theologie zu sein hat, kann man ganz gut in einer Kritik an besagtem Artikel entdecken. So vereinnahmt der Autor gleich ganze Kontinente gegen den Papst („die afrikanischen, nordamerikanischen und viele asiatische Bischöfe“). Man sei verstimmt, spätestens seit der autoritativen Führung der Synode. Wenn ich selber während der Synode Kritik gehört habe, dann die, dass der Papst zu wenig das Heft in die Hand genommen und zu viel auf Prozess gesetzt habe. Und selbst wenn es die andere Kritik auch gibt, eine derartige Vereinnahmung ist grob und schädigt letztlich das Argument. Deswegen kann man sagen: Theologie muss im Gegensatz zu den Thesen im Artikel differenzieren. Nicht über einen Kamm scheren. Oder wie mein erster Theologie-Lehrer sagte: Der Teufel liegt im Detail, Gott auch. Das etwas grob geschnitzte und deswegen fehl gehende Argument des Kontinente übergreifenden Aufbegehrens gegen die Theologie des Papstes verführt, erklärt aber nichts.

 

Auch mal prophetisch sein

 

„Es gibt eine gesellschaftliche Suchbewegung nach Alleinstellungsmerkmalen“ sagt Geyer weiter und wendet diesen Satz gegen das theologische Sprechen von der Inklusion. Erstens ist diese Suche zunächst noch wertneutral. Sie kann auch kräftig nach Hinten losgehen, die Wirklichkeiten verachten, ein sich Abschließen von Realität sein. Kann, nicht muss. Das nur als Bedenken. Theologisches Sprechen bedeutet hier eben, auch mal dagegen zu sein. Prophetisch wäre vielleicht schon zu stark, aber man muss den Geist der Zeit auch hier unterscheiden und feststellen, wo man mitgehen kann und wo man widersprechen muss, mit Blick auf den eigenen Glauben und auf Jesus Christus.

Das „Begehren“ nach Christus führt nämlich genau nicht zu Ausschluss, und wenn der Autor einen Jesuiten zitiert, dann tue ich das auch: „Die Welt ist Gottes so voll“, sagt Alfred Delp. Wenn man sich entschieden hat, Gott zu suchen und diese Entscheidung auch in seinem Leben durch trägt, dann lernt man, Gott in allen Dingen zu suchen und zu finden. Das ist keine Verwässerung des Gottesgedankens, das ist eine geistliche Präzisierung der Suchbewegung. Nicht alles ist deswegen gleich gut, Sünde bleibt Sünde, aber im Erkennen der Sünde erkenne ich eben auch den vergebenden Christus.

Der Artikel ist letztlich ein Plädoyer für „kirchliche Identität“. Das hat durchaus einen taktischen Zug: „Der Markenkern der Kirche wird unscharf, wenn sie ihre Marketingstrategen „Ecce homo“ mit „ja zur gesamten Wirklichkeit des Menschen“ übersetzen lässt.“ Markenkern, das ist so ein Begriff, der irgendwie modern klingt, aber einen Gedanken ins theologische Reden einführt, der da eigentlich nichts zu sagen hat. Kirche ist nicht um ihrer selbst willen Kirche, sondern um Gottes und der Menschen willen. Das Volk Gottes ist nichts in sich, es ist Volk Gottes, weil es als solches gerufen und berufen ist.

Wir könnten der Kirche gar keine Identität geben, selbst wenn wir uns noch so sehr bemühten. Das kann nur Christus. An uns bleibt es, in der menschlichen Wirklichkeit zu entdecken, wo wir seinen Auftrag erfüllen und seine Kirche aufzubauen helfen und auf seine Stimme hören können. Das geht nur durch das Hören, das geht nicht durch Alleinstellungsmerkmal und Markenkerne.

 

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Wir und wir

ZdK Präsident Sternberg hält sich informiert, natürlich am Stand von Radio Vatikan

ZdK Präsident Sternberg hält sich informiert, natürlich am Stand von Radio Vatikan

Mit der Abschlussmesse heute in Leipzig geht der 100. Katholikentag zu Ende. Ein schöner Erfolg, würde ich mal sagen. Der Geburtstag stand zwar überhaupt nicht im Vordergrund, darfür aber Leipzig als Stadt.

An ein Fazit traue ich mich nicht so richtig heran, dafür habe ich vor allem von den thematischen Dingen zu wenig mitbekommen. Drei vorläufige Schlüsse möchte ich aber dann doch ziehen.

Erstens war es ein Katholikentag für Katholiken. Das hört sich irgendwie selbstverständlich an, aber was ich damit meine ist, dass es sehr viel Selbstvergewisserung war. Was ja nichts Schlechtes sein muss. Die ganze Breite und Buntheit katholischen Lebens war da und zeigte sich, man war nicht in den Kampfzonen der Pfarrei-Zusammenlegungen oder Finanz-Reformen unterwegs, sondern positiv, im Sonnenschein, immer wieder interessanten Dingen und vor allem Menschen begegnend. Daran hat auch nichts geändert, dass wir in Leipzig sind. Die Stadt hat uns freundlich aufgenommen, interessiert, aber sobald man drei Meter aus der Innenstadt – wo großartigerweise alles konzentriert war – raus war, war man wirklich raus.

Zweitens war die Entscheidung richtig, die AfD nicht aufs Podium einzuladen. Am Samstag hat eine der Vorsitzenden der Partei einem Radiosender ein Interview gegeben, in Leipzig, am Rande des KathoTages. Da konnte man im Kleinen besichtigen, was im Großen passiert wäre. Natürlich haben auch katholische Medien sofort ein Interview mit ihr gemacht und ihr schön viel Öffentlichkeit gegeben. Alle Kameras wären auf diesem einen „Schaukampf“ – wie ZdK Präsident Sternberg es nannte – gerichtet gewesen, wenn die Partei offiziell da gewesen wäre und ihren Krawall und Konflikt veranstaltet hätte, alles andere wäre verdrängt worden. Es mag sein, dass das mal dran ist, aber nicht bei einer Vielfalts-Veranstaltung.

Wo immer es um das Flüchtlingsthema ging, ist offen und differenziert gesprochen worden. Das wäre alles den Bach abgegangen, hätte man eine Arena gebildet.

 

Über das Wie reden

 

Stefan Heße, EB in Hamburg, im Interview

Kollegin Pia Dyckmans interviewt den Erzbischof von Hamburg, Stefan Heße

Drittens müssen wir uns Gedanken um die Formate der Veranstaltungen machen. Wir von Radio Vatikan haben zum Beispiel an einem Infostand gestanden, das war gut, da konnte man auch Leuten begegnen, aber bei aller Arbeit meiner Mitarbeiter, für die ich tief dankbar bin, würde ich mir doch etwas mehr Interaktion wünschen. Auch finde ich das Besichtigen von Meinungsinhabern auf der Bühne nicht wirklich spannend, das gibt es in Talkshows schon, das muss man meiner Meinung nach nicht noch verdoppeln. Am Abschlussabend gab es zum Beispiel eine Veranstaltung „Theologie an der Theke“, im informellen Rahmen. Wie wichtig das genommen wurde sieht man daran, dass das Mikro nicht funktionierte und so weiter. Sowas ist gut, kleinere Sachen, mehr Interaktion. Münster als Ort des nächsten Katholikentages wird sich da hoffentlich was einfallen lassen und kreativ sein.

Aber jetzt geht es erst einmal wieder zurück in den Alltag.

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Zur Wiedervorlage: Macht Unruhe!

Eine Debatte ist schwierig, wenn alle Teilnehmer irgendwie gleicher Meinung sind. Eine Podiumsdiskussion unter diesen Umständen ist noch schwieriger. So was Ähnliches hatte ich gestern, zum Thema Laudato Si‘, der Papstenzyklika, die vor ungefähr genau einem Jahr veröffentlicht wurde.

Auf dem Podium

Auf dem Podium. Mein Nachbar: Bischof Hanke

Nachher habe ich einem Journalisten-Kollegen gefragt, wie er das fand. Ich hätte noch etwas mehr Radau machen sollen, war die Antwort. Ich gestehe, ein wenig habe ich mich im Widerspruch geübt. Nicht zu viel, aber immer nur einer Meinung zu sein, bringt wenig.
Un das ist ja auch ein Teil des Problems unserer kirchlichen Debatten: wir sind irgendwie schnell einer Meinung, aber übersehen, dass viele andere diese Meinung nicht teilen. Viel vom kirchlichen Konsens ist nämlich in Wirklichkeit gar kein Konsens.

Und was die Themen von Umwelt, Gerechtigkeit und Schöpfung angeht, müssen wir handeln, wenn wir der Wissenschaft Glauben schenken, dann sogar sehr bald. Wie können wir das aber, wenn der Konsens nicht mehr trägt? Wie kommen wir aus der Debatte heraus, in der alle irgendwie einer Meinung sind wenn, sie auf der Bühne sitzen, aber draußen, im Alltag, irgendwie nicht das Nötige passiert?
Indem wir Unruhe machen. Paris macht es vor, mit den neuen Debatten- und Demo-Formen. Ohne Banner, ohne Moral, ohne Protest-Hierarchie. Auch wir Christen müssen mehr Lärm machen, wie Papst Franziskus immer wieder betont. Dinge in Unruhe bringen, nicht die eingefahrenen Wege der Debatten gehen, die letztlich kaum noch interessieren.

Ein Punkt, wo ich mich widersprechend zu Wort gemeldet hatte, war die Frage nach der Wertedebatte. Wir bräuchten eine solche, hatte es geheißen. Im Gegenteil, habe ich gesagt, da schlafen ganze Generationen von jungen Menschen spontan ein. Wertedebatten sind alt. Wir brauchen neue Unruhe, wir brauchen Identitätsdebatten, wie sie der Papst führt, wir brauchen nichts weniger als die abstrakten Begriffe und Papiere und Strukturen.

Wir müssen mehr Unruhe wagen. Und zwar bald.

 

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Alarmsignal?

Ganz wichtig beim Katholikentag: Empfänge. Da trifft man sich, netzwerkt, entspannt, erfährt, informiert, tauscht aus. Noch wichtiger: Stammtische. Also kleinere Gruppen, die sich schon kennen und wo das alles auch passiert, nur intensiver.

Was offensichtlich aber gar nicht mehr wichtig ist: Podien. Zumindest politische. Die katholischen Journalisten beim Stammtisch gestern wussten zu berichten, wie leer die Podien mit Politikern hier in Leipzig sind. Und dann das: Heute sprach Innenminister de Maizière spricht über „Willkommenskultur“, immerhin eines der großen Streitthemen vor dem Katholikentag und nicht nur hier. Und die Kollegen schätzen 100 Teilnehmer. Einhundert.

(C) Joachim Frank

Der Innenminister und der fast leere Saal (C) Joachim Frank

Der Kollege Joachim Frank hat das Bild gemacht und fragt „Alarmsignal?“

Am Thema kann es nicht liegen. Aber offenbar wollen die Besucher der KathoTages nicht mehr Politiker auf der Bühne diskutieren sehen. Andere Veranstaltungen sind voll, geistliche wie auch thematische. Die Veranstaltung zur größer werdenden sozialen Ungerechtigkeit etwa – auch ein Podium – oder das zu christlich – muslimischen Dialog, alle sehr gut besucht bis übervoll. Auch mein eigenes Podium zu Laudato Si‘ war voll, oder besser: die Organisation hat uns einen Saal gegeben, der so groß war, dass alle die wollten rein konnten und das Ding voll war.

Liegt es also an der Form „Podium mit Politikern“? Kann schon sein, ist sogar wahrscheinlich. Aber ein Alarmsignal ist es trotzdem, dass wir die, die wir ja gewählt haben, nicht Rede und Antwort stehen lassen wollen. Das gilt auch für Katholiken- oder Kirchentage.
An den Themen scheint es nicht zu liegen, also sollte man da mal mit den Formaten experimentieren. Christen sollen, wollen und können sich einmischen und beteiligen, schließlich wollen wir ja die Welt verändern. Wir müssen wohl neue Wege finden, das organisiert zu bekommen. Und hoffen, dass es tatsächlich ein pädagogisches oder organisatorisches Problem ist, und nicht ein zunehmendes Defizit an demokratischer Kultur. Denn das wäre dann wirklich ein Alarmsignal.

 

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Zu Gast in Leipzig – in Familie und in Leichtbauhalle

Da treffe ich gestern auf dem Katholikentag in Leipzig einen Mitbruder. „Wo bist du denn untergebracht? Nicht bei den Jesuiten, oder?“ „Nein“, antwortet er. „Ich habe mich in einer Familie einquartieren lassen. Und ich habe festgestellt, die sind Agnostiker und haben sich freiwillig gemeldet, um mal einen Katholiken kennen zu lernen.“ Wunderbar, vor allem von der Familie. Beide – der Mitbruder aus dem Jesuitenorden und die Familie – werden einen ganz besonderen Katholikentag erleben.

Leipzig, Markt, bevor es los geht

Leipzig, Markt, bevor es los geht

Überhaupt passiert hier in Leipzig in Sachen Begegnung Einiges. Nicht der eine große Event, und auch noch nicht einmal die eine große Mediengeschichte, auch wenn die Kolleginnen und Kollegen immer wieder auf die Nichteinladung an die AfD zurück kommen. Aber es sind die kleinen Geschichten, die was ausmachen. Oder auch die gar nicht so kleinen.

Vor Beginn des Katholikentages habe ich mal gestöbert und die Geschichte von den 300 Katholiken gefunden, die in Hallen für Flüchtlinge untergebracht sind.

Da – abgesehen von der neugierigen Familie – zu wenige Leipziger sich bereit erklärt hätten, Gäste aufzunehmen (eine neue Erfahrung für Katholikentage) hat man 800 Dauerteilnehmer angeschrieben und ihnen gesagt, dass für sie nur Platz in Gemeinschaftsunterkünften sei. 300 von ihnen in Leichtbau-Hallen, die als Erstaufnahme für Flüchtlinge gedacht sind, aber nicht in Betrieb sind, weil immer weniger nach Sachsen kommen. Und von den 800 angeschriebenen haben nur 10 das abgelehnt. Grandios.

Diese 300 machen wahrscheinlich eine ganz besondere Erfahrung auf dem Katholikentag. Und für die Öffentlichkeit in der Stadt ist das das, wovon wir Christen immer so gerne sprechen: ein kleines Zeugnis. Auch das ist Katholikentag.

 

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Gegen religiöse Gewalt. Geht doch.

Es geht also doch. Während die AfD das Treffen mit einer der muslimischen Vertretungen hat platzen lassen, schreiben ZDK und muslimische Theologen gemeinsam einen Text über die Gewalt und die Religion.

„Als Christen und Muslime verurteilen wir jedweden Fundamentalismus, Radikalismus, Fanatismus und Terrorismus, seien sie religiös oder anders begründet“, heißt es in dem Text. Soweit, so selbstverständlich. Man bleibt aber nicht dabei, sondern geht an die Gründe. Das könne geschehen, wo Religionen „ein straff hierarchisch-autoritäres System entwickeln, der allgemeine Bildungsstand niedrig und die ‚Hörigkeit‘ gegenüber Anführern aller Art hoch ist, sowie mündige und kritische Reflexion unterdrückt oder gar nicht erst entwickelt wird.“

Die Geschichte kennt noch andere Gründe, aber es ist richtig, das vor allem die deutlich genannt sind. Es geht um Verführung unter einem Deckmantel zu etwas, was mit Religion nicht mehr viel zu tun hat.

Das Papier zeigt, dass man nicht nur auf Konfronotation setzen muss. AfD setzt darauf, ihre vermeintliche Klarheit und „das wird man doch sagen dürfen“ Rhetorik baut darauf, eben keine gemeinsamen Papiere zu verabschieden.

Es ist gut, dass gerade jetzt, nach der Österreich-Wahl, nach Flüchtlings-Debatte und brennenden Asylheimen, nach Terror in Paris und Brüssel, so ein Papier kommt. Ein Schritt nur, ein Stein, aber ein wichtiger.

„Die Begegnung ist die Nachricht“ sagte Papst Franziskus am Montag, als er sich mit einem Vertreter einer der wichtigsten islamischen Institutionen traf. Das Papier hier in Leipzig ist mehr.

 

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Lebensschutz

Was ist eigentlich mit dem Schutz des Lebens passiert? Irgendwie haben wir es zugelassen, dass die Bezeichnung „Lebensschützer“ einen negativen Beiklang bekommen hat. Das hat vor allem mit den USA zu tun, wo Teile der Kirche(n) sich vor allem auf einer Plattform artikulieren: gegen die Abtreibung.

Da gibt es eine ganze Reihe von Organisationen, die sich „for life“ oder „pro life“ nennen, aber das auf „gegen Abtreibung“ beschränken. Was im derzeitigen Wahlkampf ganz besonders zum Vorschein kommt. Da wird Donald Trump gelobt, dass er sich in den vergangenen Tagen öfters zum Thema geäußert hat und außerdem ankündigt hat, für den Obersten Gerichtshof nur Richter zu ernennen, die Rote vs. Wade revidieren wollen. Für alle, die damit nicht vertraut sind: Die gegenwärtige Rechtspraxis umkehren und Abtreibung ohne Ausnahme verbieten.

Dass Trump sich für Folter ausgesprochen hat, was man ja irgendwie auch ins Thema Schutz des Lebens einbeziehen kann, war egal. Selbst als konservativ bezeichnete Katholiken hatten hier einen deutlichen Strich gemacht, für Katholiken sei Trump deswegen nicht wählbar. Das sehen die Lobbyisten der „pro-life“ Plattformen anders.

Lebensschutz ist aber mehr. Um die Trias des Papstes zu zitieren: Schutz des ungeborenen Lebens, Schutz des jungen Lebens, Schutz des alten Lebens. Das bedeutet zum Beispiel auch Sorge für die Perspektiven der heranwachsenden Generation, damit sie nicht ausgeschlossen ist von Leben, Wirtschaft und Gesellschaft. Das bedeutet ein nicht ausschließen der „nutzlosen“ weil wirtschaftlich nur belasteten älteren Generation.

Und weil er diese Trias immer gemeinsam nennt, können die „ein-Thema-Plattform“ Lobbyisten damit nichts anfangen.

 

Reduktion auf nur ein Thema

 

Ein anderes Thema ist Krieg. Krieg anfangen zu wollen ist nicht wirklich im Sinne des Lebensschutzes. Trotzdem findet man auf den einschlägigen Plattformen – vor allem in den USA – dazu rein gar nichts. Wenn ein überzeugter Christ wie der ehemalige Präsidentschaftskandidat Ted Cruz sagt, er wolle „bombardieren bis der Sand glüht“, dann finde ich es schon sehr fragwürdig, dass das als christlich durchgehen kann.

Noch ein Thema ist die Manipulation, die wir zulassen. Immer mehr kleine erste Schritte werden getan, welche die Manipulation von Erbgut, das sich Aussuchen von Kindern etc. möglich machen können. Damit wird viel Geld verdient, aber auch hier höre ich wenig aus der Lobbyisten Ecke. Aber auch dieses Thema ist ein Lebensschutz-Thema, und genau so sollte es genannt werden.

Also, was ist eigentlich mit dem Schutz des Lebens passiert? Gefährdungen gibt es genug, in allen Lebenslagen. Aber wenn wir das Thema nur den Lobbyisten der einen Frage überlassen, verdrängen wir das in eine Ecke.

In diesen Tagen jährt sich die Veröffentlichung von Laudato Si’ zum ersten Mal. Beim Katholikentag in Leipzig darf ich dazu auf einem Podium sitzen. Dem Papst geht es um eine „ökoliogische Umkehr“, weil „alles mit allem zusammen hängt“ und wir zum „hüten“ berufen sind, nicht zum beherrschen. Das gilt für das menschliche Leben, das gilt für alles Leben.

Zeit, den Schutz des Lebens als umfassende Aufgabe wieder zu entdecken.

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