Fastenzeit und Tauferneuerung: Die Würde bewahren

Gedanke Nr. 4 zum Fasten in diesem Jahr

Die Aufforderung in der Taufe „Bewahre dir diese Würde für das ewige Leben!“, über die ich in den letzten Tagen hier geschrieben habe und die so wichtig ist für das Ritual der Tauferneuerung in der Osternacht, sie hat einen zweiten Teil. Nachdem wir darauf geschaut haben, worin unsere Würde besteht, müssen wir uns auch einmal die Zeit nehmen, auf die Schattenseiten zu schauen. Die Aufforderung „bewahre“ heißt ja auch, dass wir Würde verlieren können, aufgeben, würdelos werden.

Und das kann ganz schnell passieren. Wir können Würde ganz schnell verlieren. Selten geht das auf einmal, meistens geht das Stück für Stück. Hier ein Kompromiss, dort ein wenig zu viel oder zu wenig, hier dann und noch mal dort und schon haben wir sie einmal aufgegeben. Die Lüge ist dabei wohl das beliebteste Mittel gegen die eigene Würde, Lust und Unlust, Geld und Neid und all das andere, wo wir nicht wir selber sind und so, wie Gott uns will. Und es sind immer zuerst die kleinen Dinge, wo wir Würde abgeben.

Wir schauen gerne nach außen, auf die Menschen, die auf der Straße leben, auf die Slumbewohner und die gebrochenen Menschen. Alte Menschen in unterfinanzierten Pflegeheimen. Menschen mit Demenz und anderen Krankheiten. Von denen sagen wir dann, dass die Umstände würdelos seien. Es wird dann auch zum Argument, wenn es um das Sterben geht, um Sterbehilfe im Besonderen. „Ich möchte nicht würdelos leben“ ist eines der Argumente, die genannt werden. Es liegt uns etwas an Würde.

 

„Ich möchte nicht würdelos leben“

 

Es ist nicht so leicht erkennbar, wenn wir die Würde der Taufe aufgeben. Aber dennoch tun wir es. Und es sind keine Krankheiten oder keine Armut, die uns dazu zwingen, wir tun es aus eigener Entscheidung.

Es werden keine Idealwesen getauft, sondern Menschen, jeder und jede ganz individuell. Und mit unseren je eigenen Charakteren und Erfahrungen bringen auch Dinge mit an den Taufstein, die nicht getauft werden wollen. Nicht alles in unserem Leben lässt sich mit unserem Glauben vereinbaren. Weiterlesen

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Tauferneuerung in der Fastenzeit: Bilder Gottes

Gedanke Nr. 3 zum Fasten in diesem Jahr

Bewahre dir die Würde für das ewige Leben, wurde uns in der Taufe gesagt. Wir haben Würde, die Würde des Christseins. Das weiße Kleid und der weiße Schal bedeuten dies, die weiße Albe, die der Priester stellvertretend für die Gemeinde bei jeder Messe als Untergewand trägt, weist auch darauf hin. Diese Würde sollen wir in uns erneuern, sie bewusster machen, sie mehr und immer mehr in unser Leben einbinden.

Es gibt keine Bilder Gottes, es darf sie nicht geben, weil nichts unserem Gott gleicht. Jedes Bild Gottes verzerrt unser Sehen. Das zweite Gebot spiegelt das wider. Nur ein Bild Gottes gibt es auf dieser Welt: den Menschen: „als sein Abbild schuf er ihn, als Mann und Frau schuf er sie“ heißt es im Buch Genesis. Wir sind füreinander Abbilder Gottes. Und deswegen haben wir eine Würde. Als Bilder Gottes, als von Gott geliebt und geschaffen haben wir eine Würde. Und die Taufe bestärkt diese Würde. In der Taufe wird diese Würde zur unauslöschbaren Eigenschaft unseres Lebens.

In der Taufe werden aber keine Idealwesen getauft, sondern Menschen mit ganz individuellen Anlagen und Voraussetzungen. Und wir, die wir das Versprechen zur Tauferneuerung jedes Jahr machen, haben bereits unsere Geschichte, wir haben einen Charakter, von Erfolgen und Misserfolgen, von anderen Menschen und von unserem gesamten Leben geprägt. Das lässt sich nicht ablegen, das bringe ich mit in meine Taufe. Und das gehört auch zu unserer Würde hinzu. So, wie wir sind, sind wir Abbilder Gottes füreinander. Nicht nur einige besondere Menschen, wie etwa Mutter Theresa oder Frérè Roger, wie Franziskus oder Ignatius, Klara oder Teresa, diejenigen, die wir als Heilige verehren, sonder jeder und jede von uns.

 

Was will getauft werden?

 

Es ist Fastenzeit, also Zeit, sich das alles einmal genauer anzuschauen. Was sind die Dinge, die ich in die Kirche Jesu Christi mitbringe? Meine Talente, Gaben, Erfahrungen, meine Geschichte, meine Freundinnen und Freunde? Wo liegen meine Interessen, meine Neugierde, meine Antworten für andere? Wo liegt das, was getauft ist? Worin drückt sich ganz besonders bei mir die Würde aus?

Und es schließt sich gleich die Frage an: was will ich tun, um besonders diese Dinge, die Talente, die mir geschenkt sind und die zu mir gehören, noch mehr ans Tageslicht zu bringen? Jesus gibt sich nie zufrieden. Weiterlesen

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Die Hoffnung Gottes – Und das Lachen im Beichtstuhl

Papst im BeichtstuhlDass der Papst beichtet, ist vielleicht nicht erstaunlich. Dass er es aber öffentlich tut, in Sankt Peter, vor laufenden Kameras – in gebührendem Abstand – das war doch erstaunlich zu sehen.

Während desgBußgottesdienstes am Freitag Abend ging er nicht wie vorgesehen in den Beichtstuhl, um Beichte abzunehmen, sondern ging erst einmal nach Gegenüber, kniete sich vor dem dort sitzenden Priester nieder und beichtete selbst, “offen vor dem ganzen Volk” in den Worten des Psalmisten.

In einer Morgenmesse hatte er einmal davon gesprochen,dass der Beichtstuhl keine Folterkammer sein dürfe, den Beweis könnten wir sehen. Die Kamera fing auf, wie die beiden, Beichtvater und Papst, lachten.

Zuvor hatte Franziskus in seiner Predigt von der “Hoffnung Gottes” gesprochen. Also von der Hoffnung, die Gott hat, dass wir umkehren. Der Vater wartet auf den verlorenen Sohn, das Rembrandt-Bild dieser Szene hing im Beichtstuhl des Papstes.

Die Freude des Evangeliums, die Freude der Sakramente.

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Fastenzeit und Tauferneuerung: Nützlichkeitserwägungen

Gedanke Nr. 2 zum Fasten in diesem Jahr

Rituale sind schön. Ergreifend. Berühren uns. Oder sie sind beruhigend oder geben Sicherheit.

Aber gibt es etwas hinter den Ritualen? Irgendwie sind sie doch wie die Kirchen in unserem Stadtbild und die Kunst in den Museen: es ist gut, dass es sie gibt, aber was das alles bedeutet ist was für Spezialisten. Oder drücken sie mehr aus?

Ist die Taufe in unsrem Leben wichtig? Ist sie in meinem eigenen Leben wichtig? Und wie bei Kirchen in der Stadt und Museen und anderem auch könnte ich die Frage stellen: Nützen sie unserem Leben, meinem Leben?

Sprechen wir also einmal vom Nutzen. Alles hat einen Nutzen. Jedenfalls haben wir uns die Welt so eingerichtet, dass dies so ist. Was keinen Nutzen hat, hat es schwer, sich zu rechtfertigen.

Selbst Glauben hat Nutzen, wenn man einmal einen Blick auf die Spiritualitäts-Wellness Angebote wirft.

 

Nutzen oder Würde

 

Unter einer gewissen Rücksicht passt die Taufe in dieses Nutzens-Denken hinein. Jahrhunderte lang hat es den Streit gegeben, wann denn ein Christ zu taufen sei. Soll man warten, bis er oder sie sich freiwillig und selbst für die Taufe entscheiden kann, oder sollen bereits die Kleinkinder getauft werden?

 

Wir glauben, dass mit dem Geschenk der Taufe das Geschenk des ewigen Lebens einhergeht, das nicht mehr zu nehmen ist. Und unter dem Druck einer hohen Kindersterblichkeit, die noch nicht allzu lange her ist, hat man sich für die Kindertaufe entschieden, um den Kindern diese Gnade nicht vorzuenthalten.

Also ist die Taufe gut für das ewige Leben, sie hat den Nutzen uns zu Gott zu stellen.

Aber dieser Nutzen bezieht sich nicht auf diese Welt. Er bezieht sich auf das, was wir das ewige Leben, das Himmelreich nennen. Und da verbieten sich eigentlich Nutzenserwägungen.

Ja, mit der Taufe gehören wir zu Gemeinschaft Gottes, zur Kirche Jesu Christi. Aber Nutzen bedeutet doch eigentlich etwas anderes, etwas Verwertbares, etwas, was sich messen, zählen, einschätzen lässt. So gesehen ist die Taufe ohne Nutzen.

So vollziehen wir in der Osternacht also etwas, was sich den Nützlichkeitsüberlegungen des Alltags entzieht. Mit der Erinnerung an unsere Taufe treten wir aus den Gesetzen des Alltags heraus. Weiterlesen

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Fastenzeit – Vorbereitung auf die Tauferneuerung

Stephansdom in Wien, Tastenlicht

Stephansdom in Wien, Fastenlicht

Wir sind wieder mittendrin, in der Fastenzeit. Es hat einen Besuch im Stephansdom in der vergangenen Woche gebraucht, bis mir das so richtig klar wurde. Mit Erschrecken habe ich festgestellt, dass Fastenzeit fast schon was Normales geworden ist. Die Lichtinstallation als Fastentuch dort hat mir die Zeit gegeben, mit zu korrigieren und das auch zu merken. Es ist Zeit zu Fasten. Die innere Vorbereitung auf Ostern steht auf dem Programm. Und damit auf ein Element von Ostern, das mir ganz besonders teuer ist.

Die Feier der Osternacht hat viele dramatische Höhepunkte: das Feuer, die Lichter, die Orgel, die Schrifttexte, die feierlichen Fürbitten. Da kommt ein Element gerne zu kurz, dass diese Feier mit der Fastenzeit verbindet wie keines sonst: die Tauferneuerung.

In der Osternacht werden wir erneut gefragt ob wir glauben und ob wir widersagen, ob wir Gott in unserem Leben suchen und ihm in seiner Gemeinde angehören wollen, ob wir den Mächten dieser Welt unterliegen wollen oder frei sein.

Will ich das eigentlich?

 

Die Tauferneuerung hat ihren Platz von der Tradition her in der Osternacht neue Christen aufzunehmen, sie zu taufen. Und die Fastenzeit war die Vorbereitungszeit für die Taufbewerber. Mit dem auferstandenen Herrn wurde die Geburt seiner Gemeinschaft, der Kirche, gefeiert; genau die richtige Zeit und der richtige Ort, neue Mitglieder aufzunehmen.

Nun sind die meisten von uns schon getauft, aber die Vorbereitung auf die Osternacht und die Erneuerung des Taufversprechens könnte unser Thema sein für diese Fastenzeit. Schauen wir uns das also noch einmal an.

Taufe, das ist der Eintritt in die Gemeinde Jesu. Damit gehöre ich Christus an, ich „ziehe Christus an“, wie Paulus sagt und wie wir im Zeichen des weißen Taufkleides oder Taufschals bei jeder Taufe deutliche machen. Will ich das eigentlich? Weiterlesen

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Zwei Galileos

Galileo Galilei gibt es zwei Mal: Zum einen die historische Gestalt (deren 350. Geburtstag wir in diesem Frühjahr feiern), zum anderen den Mythos, den wir alle kennen. Beide haben recht wenig miteinander zu tun, in unseren Sendungen an den Dienstagen in diesem Monat haben wir uns ausführlich damit befasst.

Schlussworte spricht in meiner Sendung heute der Theologe und Psychiater Manfred Lütz, der sich viel mit den Mythen befasst hat, die einem gesunden Verstehen von Glaube und Kirche populär im Wege stehen. Wenn man Menschen in einer x-beliebigen Fußgängerzone zu Galileo fragen würde, wären 80% aller Antworten historisch falsch, sagt Lütz.

Erst neulich hatte ich eine Debatte im privaten Kreis, wo mich jemand fragte, warum auf einmal Katholiken triumphierend Galilei niedermachen würden, das sei alles ganz anders gewesen, Galilei habe wissenschaftlich Unrecht gehabt und so weiter. Meine Antwort heute darauf ist, dass es eine Art Befreiungserlebnis ist. Der Mythos wird als solcher erkannt, die historische Wissenschaft darf forschen, ohne von festgefügten falschen Meinungen daran gehindert zu werden und für viele ist das wirklich befreiend.

Natürlich ist es jetzt falsch, triumphal aufzutreten, aber Recht – Unrecht und Opfer – Täter ist nicht ganz so einfach verteilt, wie es das kulturelle Gedächtnis – die Menschen in der Fußgängerzone – wissen wollen.

Das ist aber nicht die Lehre, die wir aus dem „Fall Galileo“ ziehen können. Die Lehr ist eine andere. Ich darf noch einmal aus meiner Sendung Manfred Lütz zitieren:

 

„Ich finde, dass die Kirche daraus lernen muss, dass nicht unbedingt das, was wirklich passiert ist, sondern das, was die Menschen darüber denken, relevant ist für die Wirkung. Man muss viel zeitiger sehen, wie das, was wir tun, wirkt. Das ist kein Nebeneffekt nach dem Motto ‚ist egal wie es wirkt ich muss es tun‘. (..) Wie wir Dinge rüber bringen, in welcher Sprache wir sie rüber bringen, wie differenziert wir damit umgehen ist wichtig.“

 

Soll heißen: Sich selbstgerecht zurücklehnen, weil man ja das richtige tut, bringt nichts. Als Kirche, als Verkünder muss ich mich auch um das Verstehen kümmern. Das liegt nicht in unserer Kontrolle, und das ist gut so, man kann Kommunikation aber lernen. Man muss Situationen nicht außer Kontrolle laufen lassen. Kommunikation ist kein Nebeneffekt. Sie ist Wirklichkeit.

 

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Der Beginn des Weges

Leseschlüssel zu Evangelii Gaudium, Teil 1

Es ist für ein kirchliches Dokument nicht normal, dass es auch nach einigen Monaten noch Interesse weckt. Anders ist es bei Evangelii Gaudium. Papst Franziskus hatte es als programmatisches Schreiben veröffentlicht, und anders etwa als seine Enzyklika weckt der Text nach wie vor Interesse.

In den vergangenen Wochen war ich unterwegs, vor verschiedenen Gruppen und in unterschiedlichen Formaten Evangelii Gaudium zu erklären, Einkehrtage zu geben, Gruppen zu moderieren und so weiter. Dabei habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, den Text nicht in seinem gesamten Umfang zu analysieren, sondern einen geistlichen Leseschlüssel anzubieten, mit dem man dann selber den Text lesen kann.

Hier möchte ich so etwas wie eine Synthese dieser verschiedenen Veranstaltungen anbieten, nicht der Beiträge der Teilnehmer, aber eine Zusammenschau des Leseschlüssels.

 

Nicht das Vielwissen sättigt die Seele

 

Beginnen will ich einleitend mit einem der geistlichen Prinzipien des Ignatius von Loyola, des Gründers des Jesuitenordens. Er warnt davor, sich alles an geistlicher Nahrung aneignen zu wollen, was sich vielleicht anbietet. Nicht das Vielwissen sättigt die Seele, sagt er.

Natürlich hilft es, den gesamten Text zu lesen und sich von ihm anregen zu lassen. Genau das will der Papst ja auch ganz ausdrücklich: „Ich rufe alle auf, großherzig und mutig die Anregungen dieses Dokuments aufzugreifen, ohne Beschränkungen und Ängste.“ (EG 22)

Man muss das Ganze aber nicht auf einmal schlucken. Bei dem stehen bleiben was einen anspricht – positiv oder auch als Widerspruch – hilft beim Verstehen mehr, als das souveräne Umgehen mit dem ganzen Text, bei dem alles irgendwie gleichwertig bleibt. Weiterlesen

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Was heißt hier “Schmutz”?

Es ist selten, dass ein vatikanisches Dokument so viel Aufsehen erregt, und noch seltener, dass eines ein halbes Jahr nach seinem Erscheinen noch gelesen, studiert und zitiert wird. Mit Evangelii Gaudium ist das der Fall. Nicht nur, weil Papst Franzskus das Schreiben “programmatisch” genannt hat, sondern auch der Sprache wegen, des Stils, der Anregunge , der Fülle der Themen und der offensichtlichen Tatsache, dass er Dinge anspricht, die Weltweit von Interesse sind.

So bin ich zur Zeit unterwegs mit Vortrag, Einkehrtag und Studientag, alles mit verschiedenen Gruppen, alles zu Evangelii Gaudium. Ich lerne sehr viel dabei, vor allem, weil die offene Diskussion mehr Einblick in die Reaktionen auf den Text und damit auf den vom Papst angestoßenen Dialog verschafft als das Lesen in der Studierstube allein.

Gestern gab es ein ganz besonderes Aha-Erlebnis. Nach einer Dikussion meldete sich eine Teilnehmerin bei der Auswertung und wollte noch mal was Grundsätzlicheres sagen zu einer Stelle im Text, die sie nicht so unkommentiert stehen lassen wolle. Und zwar spreche der Papst von der “verbeulten Kirche”, vom “Schmutz der Straße” dem man sich aussetze und so weiter. Damit meine er den Einsatz für die Peripherie und die Armen und allgemein diejenigen, die in der “sauberen” Kirche nicht vorkämen. Weiterlesen

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Limburger Spekulationen

Die Unruhe ist verständlich, wenn wir auf den Medienhype schauen, der im vergangenen halben Jahr zum Bischof von Limburg und dem Umgang mit Finanzen und Entscheidungen um den Bau des Bischofshauses gemacht wurde. In dieser Woche steht mein Telefon nicht still, viele Kollegen wollen wissen, ob ich etwas zum “wann” einer Entscheidung weiß und wie die dann aussehen wird.

Liebe Kollegen, ich weiß es nicht. Und das ist gut so. Der Papst will ein Verfahren und daran haben sich die Beteiligten gehalten. Das ist für mich aussagekräftiger als alles Verurteilen auf den Titelblättern.

Bei den Vorbereitungen für einen Vortrag bin ich noch einmal auf einen Text des Papstes gestoßen, der bei mir eifriges Kopfnicken ausgelöst hat. Papst-Weisheit für Journalisten, sozusagen.

 

Mutmaßungen sind wie Spekulationen: immer eine Versuchung. In ihnen ist Gott nicht gegenwärtig, denn Er ist der Herr der wirklichen Zeit, der feststellbaren Vergangenheit und der erkennbaren Gegenwart. Was die Zukunft betrifft, ist er der Herr der Verheißung, dem wir rückhaltlos vertrauen dürfen.

 

Aus: Jorge Mario Bergoglio – Über die Selbstanklage. Nr. 3. Das Buch ist bei Herder erschienen.

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Reform – zwei Überlegungen

Der Papst will Reform. Aber wie wird die dann aussehen? Und einmal abgesehen von der Tatsache, dass der Papst nicht alleinzuständig für die gesamte Reform der gesamten Kirche ist – die Kirche ist immer zu reformieren, ecclesia semper reformanda – sind wir doch gespannt, was von Franziskus ausgehen wird.

Ich bin ganz schlecht, wenn es um Wahrsagerei geht, und will mich auch gar nicht mit dem Blick in die mediale Kristallkugel beschäftigen. Nur zwei Überlegungen:

Das Besondere an einer Reform der Kirche ist, dass zwei Ebenen zusammen fallen, die normalerweise etwa bei Unternehmen oder im Staat getrennt sind: Die strukturelle Ebene und die persönliche. Schmerzlich ist das bei den in den deutschsprachigen Bistümern ablaufenden Gemeindereformen: Strukturell mögen die notwendig sein, aber sie greifen auch in persönliche Beziehungen ein, in Erinnerungen und Emotionen, in Erwartungen und in das Verständnis dessen, wie wir Gemeinde und Gemeinschaft leben wollen.

Außerdem ist die Kirche auf ganz besondere Weise dem “Gründer” verpflichtet. Das ist beim Staat anders: Auch wenn wir noch so oft auf die so genannten Väter Europas verweisen und die Gründungsidee hochhalten, so geht es doch – und muss es gehen – um die Praxis heute, um Anforderungen heute, die in der Gründung noch gar nicht vorgesehen waren. In der Kirche handeln wir aber in der Vollmacht, die von Jesus kommt. Jesus kann nicht bloß für die Sonntagsreden übrig bleiben, deswegen ist ist jede Reform von Kirche immer auch theologisch zu betrachten, nicht nur organisatorisch und soziologisch. Ich würde sogar sagen: Sie hat primär theologisch zu sein. Die Gemeinschaft, die Jesus Christus gestiftet hat, braucht unter uns eine Form. Und diese Form muss der Botschaft Jesu entsprechen: Liebe, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Wahrheit, nur um einige der wichtigen Begriffe zu nennen.

Also: noch wissen wir nicht, in welche Richtung genau es gehen wird. Aber mit einem Blick auf diese beiden Überlegungen – vielleicht gibt es noch mehr – können wir uns zumindest geistlich vorbereiten und unseren Teil zu dieser Reform zun.

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