#Synod14, Nachtrag

Tagung der Bischofssynode am Mittwoch, ohne Papst Franziskus - der ist bei der Generalaudienz

Tagung der Bischofssynode am Mittwoch, ohne Papst Franziskus – der ist bei der Generalaudienz

Man mag Twitter mögen oder nicht: Ignorieren kann man es nicht, auch nicht in einer Bischofssynode. Bei den Beratungen gestern hat ein Kardinal die Wichtigkeit dieser Formen der Kommunikation betont. Nur einer, aber immerhin.

300.000 “Interaktionen” hat Twitter gestern unter @HolySeePress gehabt, also die offiziellen Tweets aus dem Vatikan über die Synode, kurz #Synod14. Das meint Retweets, Kommentare und so weiter. Es ist ein Experiment, aber offensichtlich ein gelungenes.

Aber lesen sie selbst.

Update: In den vergangenen fünf Tagen waren es

817.000 Besuche
2.244 klicks
3.380 retweets
1.549 Präferenzen
3.000 Follower

geografisch:

22% USA
13% Italien
12% Venezuela
6% Spanien
4% UK
4% Mexiko
29% “Andere”

61% der Follower sind männlich

 

 

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#Synod14

Die Versammlung der Bischofssynode hat begonnen, die erste so genannte Relatio, also Zusammenfassung, ist vorgestellt worden. Neu dieses Mal: Der Relator, also das Mitglied der Synode, das alle anderen Beiträge zusammen fasst, hat in sein erstes Statement bereits die eingereichten Beiträge eingearbeitet. Das Resultat: Man startet nicht bei Null, sondern gleich mitbringen ersten Überblick, wo die Synodalen den Schwerpunkt sehen.

Das beschränkt die Debatte nicht, gibt ihr aber Fokus.

Wer mehr wissen und auf dem Laufenden bleiben will: Twitter hilft. @HolySeePress – die Pressestelle des Vatikan – twittert laufend zur Synode. Der Hashtag dazu, unter dem auch andere ihre Tweets zum Thema abschicken: #Synod14.

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Eine neue Methode

Pressekonferenz im Vatikan

Pressekonferenz im Vatikan

Synodos – gemeinsam gehen. Nimmt man den griechischen Ursprung des Wortes für die anstehende Versammlung im Vatikan, dann kann man gar nicht anders als die immer wiederkehrenden Worte Papst Franziskus’ erinnern: Aufbrechen, gemeinsam gehen, losgehen, gemeinsam auf dem Weg sein.

Bischofssynode: Mit einer Pressekonferenz begann an diesem Freitag die heiße Phase der Beratungen. Bücher sind geschrieben, Fragebögen beantwortet und in ein Vorbereitungsdokument eingebracht, Erwartungen sind hoch und tief, je nachdem.

Nun traten also Kardinal Lorenzo Baldisseri, Sekretär der Bischofssynode, und Erzbischof Fabio Fabene, Untersekretär der Synode, vor die Presse, um Einzelheiten zu erläutern. Die üblichen meist italienischen Medien schreiben von einer verdeckten Synode und klagen, dass die einzelnen Texte, welche von den Bischöfen bis zum 5. September eingereicht wurden, nicht veröffentlicht werden. Sie klagen sozusagen, dass sie nicht mehr die Richter sein werden, was gut, schlecht, zukunftsweisen ist etc. Sie klagen, dass die Texte nicht für die Weltöffentlichkeit geschrieben sind, sondern für die Synode.

Es soll alles einer offenen Debatte dienen. Einer Debatte unter denen, die hier versammelt sein werden.

Bei der PK gab es jede Menge Aufregung darüber, das sei ein “Casino”, “Durcheinander”. Zwischenrufe, erregte und witzige Wortwechsel zwischen dem Kardinal und einigen Journalisten. Ein Kollege verglich die Synode mit einem US-Parteitag, mit Spin-Doktoren und so weiter.

 

Neues auch für mich

 

Man sieht, dass sich die Methode gewandelt hat. Die Themen werden einzeln abgehandelt, nicht danach, was der jeweilige Redner sagen will. Die Beratungen werden darüber hinaus nicht von Synodalen begonnen, den Aufschlag machen jeweils die Experten, also Laien. Diese werden dann auch in der zweiten Woche an den Arbeitskreisen teilnehmen, welche die Beiträge der ersten Woche weiterentwickeln. Und so weiter und so weiter, ich werde sicherlich über die Methode und den Ablauf noch berichten.

Nebenbemerkung für meine Leser hier im Blog: Während der Synode arbeite ich nicht (nur) für das Radio, sondern vor allem für den Pressesaal des Vatikan, d.h. ich übernehme die Pressebetreuung der deutschsprachigen Journalisten hier. Das ändert meine Rolle. Das wird auch Auswirkungen auf den Blog haben, aber ich versichere: Das wird nicht ein Forum des Pressesprechers. Vielleicht muss ich mehr schweigen, weil meine Aufgabe eine andere sein wird, aber gleichzeitig soll ja debattiert werden. Also ist nicht nur – in den Worten von Kardinal Christoph Schönborn – eine veränderte Methode, sondern auch für mich das Experiment einer veränderten Aufgabe.

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Ich bitte euch, Revolutionäre zu sein

Am kommenden Sonntag beginnt die außerordentliche papst-franziskus-rioGeneralversammlung der Bischofssynode – kurz aber nicht korrekt „Bischofssynode“ genannt – zum Thema Familie. Viel Tinte ist bereits verwendet worden, die Erwartungen sind entweder hoch oder man erwartet sich gar nichts, man spricht von „Krise der Familie“ oder davon, was das mit wiederverheirateten Geschiedenen zu tun hat, von Regeln gegen Seelsorge, Dogma gegen Pastoral und so weiter und so weiter.

Bevor es losgeht möchte ich eine Formulierung Papst Franziskus’ in Erinnerung bringen. So ähnlich gibt es das häufiger von ihm, aber beim Weltjugendtag hat er das besonders prägnant formuliert und eine Aufforderung zur Familie angeschlossen. Sein Anliegen: positiv sprechen. Etwas unternehmen, etwas tun, etwas wagen. Kurz: leben.

 

„Gott ruft zu endgültigen Entscheidungen, für jeden hat er einen Plan: Ihn zu entdecken und der eigenen Berufung zu entsprechen bedeutet, einer glücklichen Selbstverwirklichung entgegenzugehen. Gott ruft uns alle zur Heiligkeit; er ruft uns, sein Leben zu leben, doch für jeden hat er einen persönlichen Weg. Einige sind berufen, sich zu heiligen, indem sie durch das Sakrament der Ehe eine Familie gründen. Es wird gesagt, die Ehe sei heute „aus der Mode“ gekommen. Ist die Ehe aus der Mode gekommen? [Nein…]. In der Kultur des Provisorischen, des Relativen predigen viele, das Wichtige sei, den Augenblick zu „genießen“, sich für das ganze Leben zu verpflichten, endgültige Entscheidungen „für immer“ zu treffen, sei nicht der Mühe wert, denn man weiß ja nicht, was das Morgen bereithält. Ich hingegen bitte euch, Revolutionäre zu sein; ich bitte euch, gegen den Strom zu schwimmen; ja in diesem Punkt bitte ich euch, gegen diese Kultur des Provisorischen zu rebellieren, die im Grunde meint, dass ihr nicht imstande seid, Verantwortung zu übernehmen; die meint, dass ihr nicht fähig seid, wirklich zu lieben. Ich habe Vertrauen in euch junge Freunde und bete für euch. Habt den Mut, „gegen den Strom zu schwimmen“. Und habt auch den Mut, treu zu sein.“

 

Papst Franziskus, Rio de Janeiro am 28. Juli 2013

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Tötende Wirtschaft und die Mystik der offenen Augen

Skript eines Vortrages, den ich am 1. Oktober in Bad Honnef gehalten habe. Thema: Die Soziallehre von Papst Franziskus. Natürlich habe ich ihn nicht genau so gehalten, live ändern sich Texte bei mir immer. Aber als Angebot zum Nachlesen stelle ich das einmal ein.

Beginnen muss ich natürlich mit dem Satz, der wie kein anderer das soziale Denken dieses Papstes in der Öffentlichkeit bezeichnet hat: „Diese Wirtschaft tötet“. Ein Satz, der ein großes Echo gefunden hat, laut in den USA, fragend in den Wirtschaftsteilen der hiesigen Tageszeitungen, jubelnd in anderen Teilen der Welt.

„Diese Wirtschaft tötet“. Eine „Breitseite gegen die Marktwirtschaft“ sei dies, war die ersten Überschrift, die ich selber zu diesem Thema gelesen habe. In einem Kommentar – und es lohnt sich hier, besonders auf die USA zu schauen – kommentiert der Erzbischof von Philadelphia, Charles Chaput: „Wenn wir an ‚Wirtschaft‘ denken, denken wir Effizienz und Produktion. Wenn Franziskus an ‚Wirtschaft‘ denkt, denkt er an menschliches Leiden.“ Wir könnten hinzufügen: Wenn wir an ‚Wirtschaft‘ denken, denken wir an soziale Marktwirtschaft. An Balance, an Lehren aus den Ausbeutungen, an Mitbestimmung und so weiter. Da klingen die Klagen dieses Papstes fremd. Lateinamerikanisch halt.

 

Die Logik der Leistungsgesellschaft

 

In den „Stimmen der Zeit“ gab es vor einiger Zeit (8/2014) einen Artikel über das „unternehmerische Selbst“. Wir sollen uns als Unternehmerinnen und Unternehmer unserer selbst verstehen, dies sei die Logik unserer Leistungsgesellschaft. Die dem zu Grunde liegenden sozialen Prozesse werden als Individualisierung und Ökonomisierung beschrieben.

Ich nenne das nur um zu zeigen, dass so weit weg die Kritik des Papstes an unserer Wirtschaft dann doch nicht ist. Der Wirtschaftsteil der FAZ – nicht wirklich ein wirtschaftskritisches Blatt – hatte sogar einen Artikel unter der Überschrift „Wie wir lernten, die Banken zu hassen“. Eine Abrechnung mit der Unfähigkeit des Finanzsektors, sich selbst zu regeln. Maximalprofit ohne Rücksicht auf Verluste wurde dort angeklagt.

Ein anderer Artikel in derselben Zeitung beklagt, dass die Kirche die Reichen verachte. Den Armen sei dadurch aber noch längst nicht geholfen. Er unterstellt sogar der theologischen Tradition, aus der der Papst kommt, den Armen gar nicht helfen zu wollen, denn schließlich gehöre ihnen ja das Himmelreich. „Sozialistische Umwälzung“ wird befürchtet, nicht Hilfe sondern Almosen könne diese Sichtweise bieten. „Der Papst irrt“ hieß es in der Süddeutschen Zeitung, er bediene nur Ressentiments. Im selben Ton heißt es in einer christlichen Zeitung, der Appell des Papstes sei „christliche Brauchtumspflege“.

 

„Der Papst irrt“

 

Andere weisen auf eher einzelne Aussagen des Papstes hin, die in der allgemeinen Aufgeregtheit eher untergehen, etwa die positive Würdigung von Unternehmern, immer wieder, von Arbeit, von Wirtschaftswachstum. Ja, auch das gibt es von Papst Franziskus zu hören, wenn es auch meistens nicht durch die medialen Filter passt (außer natürlich bei Radio Vatikan).

Ich darf rein zur Belustigung noch Titel anfügen wie „would someone just shut up that pope?“ oder „Jesus Christ is a Capitalist“, oder historische Analysen, wie der Vatikan von Anti-Kommunismus unter Johannes Paul II. hin zu Anti-Kapitalismus geschwappt sei. Nur zum Vergnügen hier unter uns, denn wirklich ernst zu nehmen ist das nicht. Weiterlesen

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Leitung im Lärm

Ein Blick in die Aula der Bischofssynode

Tagung der letzten Versammlung der Bischofssynode

Die Erwartungshaltung an die Versammlung der Bischofssynode könnte kaum größer sein. Wenn sich die Bischöfe in den kommenden Wochen im Vatikan treffen, dann setzen sie eine Debatte fort, die offiziell seit dem vergangenen Konsistorium, also seit Februar, geführt wird, aber schon viel älter ist.

Nun werden aber schon seit einiger Zeit Klagerufe darüber laut, dass es ungebührlichen Einfluss auf die Beratungen gibt. An dieser Stelle nur ein Artikel dazu, der aber die Haltung sehr gut zusammen fasst: Eine überwältigende Erwartungshaltung würde die Ergebnisse verfälschen, weil sie Druck ausübe. Eine Synode solle im Heiligen Geist den Willen Gottes erforschen, nicht politisch zwischen Meinungen abwägen.

Es geht um veröffentlichte Bücher, um medial ausgetragenen Streit, es geht um das Hochschrauben von Erwartungen und so weiter.

Die Klage ist schon alt. Bereits das Erste Vatikanum hatte den Einfluss der damals neuen Massenmedien zu spüren bekommen, beim Zweiten Vatikanum war das schon Alltag geworden, die Vorgeschichte und Debatte von Humanae Vitae kann auch ein trauriges Lied davon singen.

Aber die Debatte ist müßig. Die Welt ist nun einmal so. Auch früher mussten sich die Theologen und Bischöfe vor Einfluss schützen, vor Fürsten und vor Geld, vor Druck von oben und von unten. Manchmal ist es geglückt, manchmal auch nicht, die Kirchengeschichte ist voll davon.

Jetzt quasi Laborbedingungen für die Debatte zur Familie zu verlangen, ist weltfremd. Von Bischöfen dürfen wir Leitung erwarten in der Welt, wie sie nun einmal ist. Leitung zeigt sich nicht unter Idealbedingungen, sondern konkret im Umgang mit all dem, was an Ideen und Kräften und Vorschlägen und Debatten nun einmal da ist. Leitung zeigt sich in der Moderation der Unterschiede der Kulturen. Sie zeigt sich im Umgang mit der Öffentlichkeit und mit den Erwartungen der Menschen. Wenn alles ideal wäre, bräuchten wir keine Leitung.

Macht Euch lieber schmutzig, geht auf die Straße, probiert was aus. Und wenn das schöne Gebäude der Kirche eine Beule bekommt, dann ist das immer noch besser, als wenn ihr es gar nicht versucht hättet. So etwa sagt es Papst Franziskus in Evangelii Gaudium. Er ist dafür, Dinge auszuprobieren, herauszugehen auf die Straße, an die Peripherie. Er will, dass Kirche was aufs Spiel setzt.

Das geht nicht heute und sofort und dass es Erwartungen gibt heißt noch nicht, dass man ihnen auch entsprechen muss. Aber sie gehören nun einmal zum Beratungsprozess dazu. Angst zu haben braucht man davor nicht.

 

 

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Im Namen des barmherzigen Gottes

Islamisten haben wir sie bislang genannt, Fachleute sind da spezifischer aber wer hört schon lange genug zu? Also: Islamisten. Das sind Terroristen, die Gewalt zur Unterdrückung und Einschüchterung und Ausbeutung und Vergewaltigung nutzen, das alles im Zeichen einer Weltreligion.

Nicht wenige Besserwisser auch hierzulande meinen nun, das sei nun mal so im Islam. Einschlägige Webseiten ernähren sich geradezu davon.

Nun will ich niemanden freisprechen, jede Religion, Gesellschaft, Gruppe muss sich mit ihren extremen Formen befassen, auch wenn diese schon gar nichts mehr mit ihnen zu tun haben. Das gilt auch für die Muslime. Und viele muslimische Gelehrte haben genau das nun getan.

Unsere Meldung von gestern: Mehr als 120 Islamgelehrte weltweit haben die Terrormiliz ‚Islamischer Staat’ (IS) verurteilt. In einem 18-seitigen Schreiben legen sie dar, warum die Organisation in eklatantem Widerspruch zum Koran stehe. Zu den Unterzeichnern zählen der ägyptische Großmufti Schawki Ibrahim Allam und hohe Vertreter der Al-Azhar-Universität in Kairo, der Jerusalemer Mufti Muhammad Ahmad Hussein sowie Gelehrte und Geistliche aus Arabien, Nordafrika, Asien, Europa und den USA. Das namentlich an den IS-Führer Abu Bakr Al-Baghdadi gerichtete Schreiben spricht den Islamisten die Kompetenz für Religionsurteile ab. Die Ausrufung eines Kalifats sei unzulässig. Unter den 24 Punkten des Dokuments bekräftigen die Gelehrten den vom Koran geforderten Schutz von Christen und anderen religiösen Minderheiten. Akte wie Folter und Leichenschändung, Versklavung, Zwangsbekehrungen und Unterdrückung von Frauen seien im Islam verboten. Der arabische Brief, der auch in einer englischen Übersetzung im Internet dokumentiert wird, ist in einer theologisch-technischen Fachsprache gehalten. Das Schreiben benutze jene klassischen islamischen Quellen, die auch von IS benutzt würden, um Nachfolger anzuwerben, sagte der Leiter des Rats für Amerikanisch-Islamische Beziehungen, Nihad Awad, dessen Institution in Washington das Dokument verbreitete. Es handle sich um eine Punkt-für-Punkt-Widerlegung der IS-Philosophie.

Das ist ein Schritt, aber auch nicht mehr, schreibt ein Mitbruder von mir bei Facebook, als ich den Link dazu gestern gepostet hatte. Das mag sein. Aber es ist ein wichtiger Schritt. Worte schaffen Realität und was das Schreiben tut ist den Terroristen das Recht abzusprechen, im Namen irgendeiner Religion zu sprechen. Auch das gehört zum Kampf gegen den so genannten IS.

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Dieses Mal nicht die Peripherie

Papstbesuch in Albanien

Papstbesuch in Albanien

Es gibt Erklärungen, die sind so einleuchtend, dass man gar nichts mehr weiter sagen muss. Oder kann. Wie etwa die Begründung für die Papstreise nach Albanien am vergangenen Sonntag: Er fährt an die Peripherien Europas.

Franziskus spricht sehr oft von diesen Peripherien, sie spielen in seinem Denken und auch in seiner Perspektive, die Welt zu sehen, eine große Rolle. Albanien wird stiefmütterlich behandelt, ist ein armes Land, ergo: Der Papst fährt an die Peripherien.

„Un-spinable“ sagt der Journalist, da kann man erklären wie man will, das ist dann einfach die Erklärung. Und ich habe das auch oft in der Berichterstattung zur Reise gehört.

Allein, es stimmt nicht. Oder zumindest nicht ganz. Papst Franziskus hat bei der Pressekonferenz auf dem Rückflug von Korea die Frage nach seiner Motivation beantwortet, und die hatte ganz und gar nichts mit Peripherie zu tun. Er nannte zwei andere Gründe: Albanien habe eine Regierung, die alle Volksgruppen berücksichtige, Muslime, Orthodoxe und Katholiken, mit einem interreligiösen Rat. Die Anwesenheit des Papstes in Albanien solle also alle Völker daran erinnern, dass Zusammenarbeit möglich ist, auch politisch. Zweitens sei Albanien von allen kommunistischen Ländern das einzige gewesen, das den Atheismus in der Verfassung festgeschrieben habe. 1.820 Kirchen seien zerstört worden. „Ich habe gespürt, dass ich da hingehen muss.“

Das hat Papst Franziskus in seinen Ansprachen, vor allem einer, auch noch einmal deutlich betont.

Vor allem die erste Erklärung – die politische Zusammenarbeit von Vertretern verschiedener Religionen – ist hoch aktuell. Gebete für den Frieden im Nahen Osten, Aufrufe zu Waffenstillstand, klare und unmissverständliche Verurteilung von Waffenhandel, der nur zu mehr Leid führt, das alles fügt sich ebenfalls in ein Bild. Da gehört diese Reise hinein.

Die Peripherien sind nicht das einzige Thema des Papstes. Und Albanien liegt so gesehen ganz und gar nicht an der Peripherie Europas.

 

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Das Bild als Last

Mit einem Beitrag über Bilder habe ich mich hier in den Urlaub verabschiedet, mit einem Beitrag über Bilder melde ich mich auch wieder zurück. Bevor nun der Anlauf zur Bischofssynode im Oktober beginnt, der mich sicherlich beschäftigen wird, ein Museumsbesuch: Marlene Dumas – The Image As Burden. Eine Ausstellung im Stedelijk Museum Amsterdam.

Typoskopie

Typoskopie

Vorweg: sehr sehenswert. Eine südafrikanische Künstlerin die in den Niederlanden lebt und auf dem Kunstmarkt sehr gefragt ist. Und in diesem Fall weiß der Markt, was er tut.

Gleich im Eingang schaut einen das Gesicht eines bärtigen glatzköpfigen Terroristen an – ein bekanntes Pressebild – mit der Unterschrift „Nachbar“. Es hat etwas von Typen, was auf den Bildern zu sehen ist. Und es ist immer etwas irritierend, spätestens beim Blick auf die Titel.

Dumas malt von Fotografien aus, aber vom Anspruch eines abbildenden Realismus bleibt wenig übrig. Wie auch bei Francis Bacon sind die Fotos nur Vorlagen, in ihren Bildern ist anderes zu sehen als eine Erkennbarkeit.

In einer Serie von Bildern zeigt sie eine „Typoskopie“, Bilder von Fotos weiblicher „verrückter“ Menschen, wie sie im 19. Jahrhundert klassifiziert wurden. Sie zeigt in der Serie „Modelle“ ganz und gar nicht die hochglanz-Vorstellungen der Modewelt.

Ulrike Meinhof

Ulrike Meinhof

Es geht Dumas immer um den menschlichen Körper, abgebildet fast immer ohne Umgebung, es geht um Bedeutung und Schwere, und vor allem geht es um das Betrachten, das Betrachtete und den Betrachter. Dieses Dreieck bildet sich geradezu physisch, wenn man vor einem ihrer Bilder steht.

Und natürlich geht es auch immer wieder um Apartheid, das biographische Thema bleibt nicht außen vor. Aber auch hier wird sichtbar, wie sehr Klassifizierungen in „weiß“ und „schwarz“ vom Betrachten abhängen, Dumas kann das wunderbar auflösen und die für die Unterdrückung wichtige Unterscheidung ad absurdum führen. Weiterlesen

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Wüsten bewässern, nicht Dschungel beschneiden

Es fing damit an, dass bei Facebook jemand das Experiment gepostet hat, von FB das Entfernen von gewalttätigen Bildern zu entfernen. Da waren geköpfte Menschen zu sehen. Dann – und seitdem immer wieder – haben wir in der Redaktion über die italienische Fernsehgesellschaft RAI diskutiert, obwohl diskutieren vielleicht nicht das richtige Wort ist, weil wir alle einer Meinung waren. Dort wurde nämlich das Video, das das Köpfen des Fotografen James Foley zeigt, ganz normal im Beitrag gezeigt. Das Köpfen selber nicht, aber die Momente davor, der zitternde Mann, in aller Grausamkeit. Die RAI spielt hier das Spiel der Islamisten, die Terror verbreiten wollen, so unsere einhellige Meinung.

Ganz ehrlich habe ich auch genug davon, in unserem Content-Management-System Fotos angeboten zu bekommen, die Kinder mit abgeschlagenen Köpfen in den Händen zeigen, aus Syrien natürlich. Wer nimmt so was auf seine Webseite?

Das schafft keine Information, nur Erregung. Und hier ist der Punkt: Der Terror, den die Machtmenschen im Nahen Osten verbreiten wollen, wird zu Konsumzwecken in unsere Kommunikation eingebaut, weil er eben Erregung schafft und damit Interesse. Man schaudert (fühlt ein Schaudern), ist entsetzt (fühlt Entsetzen) und schaut dann das Wetter.

Erregung ist ein Gefühl. Ein starkes Gefühl, dass uns sofort ganz einnimmt. Nun könnte man sagen, dass wir zu stark gefühlsgesteuert sind, dass zum Beispiel die Werbung Gefühle ansteuert, um uns etwas zu verkaufen. Wir fühlen uns besser, fitter, jünger, wenn wir nur dieses oder jenes Produkt sofort kaufen. Oder wir fühlen uns überlegener, wenn wir den TV-Beitrag schauen.

Ich bin aber mehr und mehr davon überzeugt, dass es nicht ein „zuviel“ an Gefühlt ist, an dem wir leiden. Sondern ein „zu wenig“.

Der große C.S. Lewis bringt das auf den Punkt. In einer Schrift über Pädagogik (The Abolition of Man) schreibt er: „For every one pupil who needs to be guarded from a week excess of sensibility there are three who need to be awakened from the slumber of cold vulgarity. The task of the modern educator is not to cut down jungles but to irrigate deserts. The right defence against false sentiments is to inculate just sentiments.”

Just sentiments, angemessene oder echte Gefühle und Empfindungen: Wo lernt man so was? Wo sind die Erzieher, von denen Lewis spricht? By the way, die Klage hat er in den 40er Jahren angestimmt, es ist also keine neue Frage.

Man lernt sie im Umgang mit Menschen. Nicht mit Bildschirmen, nicht mit dem Internet. Man lernst so was im Leben. Man muss sich verletztlich machen, Kontakt suchen, ertragen und dabei bleiben. Ich will hier nicht schon wieder Papst Franziskus zitieren, aber die Faszinazion, die von ihm ausgeht, hat sicherlich auch damit zu tun, dass er eben genau das zeigt: Menschlichkeit. Echte Empfingung. Keine Verhärtungen und kein sich Abschließen anderen Menschen gegenüber. Oder noch einmal in den Worten von C.S. Lewis: „A hard heart is no infallible protection against a soft head.”

 

Und damit verabschiede ich mich erst einmal in den Urlaub.

 

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