Einunddreißig mal Gleichgültigkeit

Wenn man wissen will, was Papst Franziskus wichtig ist, dann reicht es manchmal, einfach mal die Worte zu zählen, zum Beispiel in der Botschaft des Papstes zum Weltfriedenstag an diesem 1. Januar. Einunddreißig Mal kommt das Wort „Gleichgültigkeit“ in diesem Text vor. Das ist eindeutig. Dazu noch andere Begriffe wie Mangel an Aufmerksamkeit, Gewöhnung, Lauheit, Teilnahmslosigkeit. Bei der Lektüre dieser Friedens-Botschaft des Papstes wird sofort deutlich, worum sich seine Gedanken in diesem Jahr drehen.

Mitgefühl: Ein Kranz für die Toten im Mittelmeer. Lampedusa 2013

Mitgefühl: Ein Kranz für die Toten im Mittelmeer. Lampedusa 2013

Dabei ist das nicht neu. Der Zentralbegriff, die „Globalisierung der Gleichgültigkeit“, ist bereits zu Beginn des Pontifikats von Papst Franziskus geprägt worden, auf Lampedusa war das bei seinem ersten Besuch außerhalb von Rom. Er war auf der Flüchtlingsinsel um genau auf diese Gleichgültigkeit aufmerksam zu machen. Und auch seitdem kommt der Begriff immer mal wieder vor. Nun also in einem längeren Text, ausführlich und von mehreren Seiten beleuchtet.

Zwei Dinge macht der Papst dabei klar: Erstens geht es nicht um einen Mangel an Informationen. „Es gibt Menschen, die gut informiert sind, Radio hören, Zeitungen lesen oder Fernsehprogramme verfolgen, das aber mit innerer Lauheit tun, gleichsam in einem Zustand der Gewöhnung. Diese Leute haben eine vage Vorstellung von den Tragödien, welche die Menschheit quälen, fühlen sich aber nicht betroffen, spüren kein Mitleid“, so der Papst. Oder man will gar nichts wissen: „In anderen Fällen zeigt sich die Gleichgültigkeit in Form eines Mangels an Aufmerksamkeit gegenüber der umliegenden Wirklichkeit, besonders der weiter entfernten.“ Gleichgültigkeit könne viele Wurzeln haben, und wie wir es von Papst Franziskus kennen führt er einige genauer aus.

 

Geistliche Haltung, nicht Analyse

 

Es ergeben sich in diesem Text Wortgruppen, die wir gewissen Haltungen zuordnen können und aus denen sich auch genauer erschließt, was der Papst genau meint.

So gehören zur Gegenhaltung zur Gleichgültigkeit Geschwisterlichkeit, Solidarität, Verantwortung, Mitgefühl und die Fähigkeit sich zu öffnen. Das sind keine präzise definierten Begriffe, aber dadurch, dass sie in diesen Wortgruppen auftauchen, ergänzen sie sich gegenseitig. Der hier am häufigsten genutzte Begriff ist der der Barmherzigkeit, und da wird auch noch einmal klar, was das „Heilige Jahr der Barmherzigkeit“, in dem wir uns im Augenblick befinden, soll. Die Barmherzigkeit leben und sie bezeugen ist das wichtigste Mittel gegen die Gleichgültigkeit, die beiden schließen sich gegenseitig aus und jeder muss sich entscheiden, wo er oder sie hin will.

Wieder gibt uns der Papst Kategorien, die weniger analytisch sind als vielmehr eine Art Gewissensrechenschaft ermöglichen. Die Frage ist weniger die der Sozial-Psychologie als vielmehr die der geistlichen Haltung. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein, Franziskus, Glaube und Gerechtigkeit, Glaube und Welt, Spiritualität / Geistliches Leben, Theologisches, Vatikan | Verschlagwortet mit , , , , , , | 43 Kommentare

2016 in Europa

Irgendwann vor gar nicht allzu langer Zeit hat ein Historiker in den USA das „Ende der Geschichte“ ausgerufen. Mit dem Fall der Mauer hätten sich endgültig Demokratie und Marktwirtschaft durchgesetzt, das Zeitalter des Liberalismus sei da.

Schon damals hat es Kritik gehagelt, aber heute kann man sich nur die Augen reiben. Wir schauen uns heute, kurz vor Beginn des Jahres 2016, in Europa um und fragen uns, wo das alles denn geblieben ist.

In Frankreich ist der Front National stark wie nie zuvor, in Italien retten sich die Wähler zur anarcho-nationalen Bewegung „Fünf Sterne“, die nur Obstruktion betreibt. Polen und Ungarn währen Wege und vor allem nationalistische Stimmungen, die mir den Atem nehmen. Russland hat einen Teil eines Nachbarstaates einfach annektiert, die Armeen überall setzen wieder mehr auf Panzer. Und das sind nur die schlagzeilenträchtigen Entwicklungen.

Das ist nicht gerade das Zeitalter der Demokratie und der Marktwirtschaft, wo sich alles irgendwie friedlich und liberal regelt.

Aber das ist 2016. Gefährlicher als die Jahrzehnte zuvor, auch hier, im wohlhabenden, fortschrittlichen Europa. Wenn wir wirklich all das behalten wollen, was unsere Gesellschaften prägen, Toleranz und Werteakzeptanz, Demokratie und Länder ohne Grenzen, dann werden wir wohl aufstehen müssen. In den Schoß wird uns das nicht mehr gelegt, das hat uns 2015 beigebracht. Jetzt werden wir sehen, ob es uns gelingt, das zu behalten, auf das wir so stolz sind und ob wir fähig sind, die nötige Energie und Bereitschaft dazu aufzubringen. 2016 wird anstrengend in Europa.

 

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 3 Kommentare

Gesegnete Weihnachten

Mosaik von Marco Ivan Rupnik SJ, Kapelle der Jesuitenkommunität Petrus Canisius Rom.

Mosaik von Marco Ivan Rupnik SJ, Kapelle der Jesuitenkommunität Petrus Canisius Rom.

Bei aller Christbaum-, Kerzen und Liederromantik, die unser Weihnachtsfest umgibt, ist des dann doch die Frage nach Flucht und Vertreibung, die sich über dieses Jahr gelegt hat. Hier gehört unser Herr hin, nicht in die golden leuchtenden Kirchen. Nicht in die Glühwein-Stand-Wüsten in den Städten. Nicht in Brauchtum und Tradition.

Mich lassen die Bilder dieses Jahres nicht los, weder die Fliehenden, noch die Dresdener Bilder der Menschen, die sich gegen die Flüchtlinge wehren zu müssen glauben und dazu irrerweise auch noch Weihnachtslieder singen und sich christlicher Symbolik bemühen.

Das Fest der Menschwerdung ist das Fest der Schwäche, der Machtlosigkeit, der Kleinheit. Für mich jedenfalls mehr noch als in den vergangenen Jahren. Ich wünsche mir, dass sich das bei mir auch auswirkt, im kommenden Jahr. Diese Umkehr brauchen wir, diese Umkehr brauche ich, immer wieder.

In diesem Sinne Ihnen allen ein gesegnetes Weihnachtsfest und alles Gute.

Ihr P Bernd Hagenkord

 

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Spiritualität / Geistliches Leben, Sprechen von Gott, Theologisches | 7 Kommentare

Reform – Antibiotika

Das Sprachspiel war einfach zu schön, um es liegen zu lassen. Während er im vergangenen Jahr eine „Liste kurialer Krankheiten“ aufgezählt habe, bringe er in diesem Jahr die Antibiotika dazu mit. Aber auch ohne diese spontan eingefügte Bemerkung wird bei der Ansprache vor der Kurie in diesem Jahr klar, dass die diesjährige und die letztjährige zusammen gehören. Die fünfzehn Versuchungen und die 24 Tugenden, aufgeteilt in 12 Paare, die sich gegenseitig stützen, würde ich sagen. Jeweils eine Tugend sorgt für die Schwächen oder Übertreibungen der anderen. Geistlich sehr klug.

Der Papst unter seinen Mitarbeitern

Weihnachtsansprache 2015

Nun geht es bei beiden Reden um eine Reform. Weniger um die Reform der Strukturen, obwohl natürlich auch die folgen muss. Es geht dem Papst um eine Reform der Haltung, einzeln und als Arbeitsgemeinschaft. Und die muss sich ständig ändern, es wäre falsch jetzt eine Diagnose für heute zu erstellen und dann an den Stellschrauben zu drehen, damit in Zukunft alles besser wird. Wir Menschen sind Menschen und brauchen immer diesen Aufruf zur Reform. Oder christlich gesprochen: zur Umkehr.

Und das ist auch die diesjährige Ansprache: ein Aufruf zur Umkehr. Vielleicht ist es sogar einfacher, den eigenen Schwächen – anhand der Liste vom vergangenen Jahr – nachzugehen als Idealen und Stärken zu suchen und nach denen zu streben, vielleicht ist das auch eine Charakterfrage.

In jedem Fall aber zieht sich ein roter Faden durch die Reden an die Kurie. Die Tugenden, von denen er spricht, zeigen sich erst im Konkreten. Allgemein sind sie schön und nett und bewundernswert, aber erst wenn sie die Zusammenarbeit prägen, dann sind sie echt. Und das ist dann Reform.

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Franziskus, Glaube und Vernunft, Glaube und Welt, Rom, Spiritualität / Geistliches Leben, Sprechen von Gott, Vatikan | Verschlagwortet mit , , , , , , | 3 Kommentare

Die 15 Krankheiten der Seele, revisited

„Anweisungen zur Behandlungen der Krankheiten der Seele“. Kommt das bekannt vor? Es kommt bekannt vor! Es klingt nach dem, was Papst Franziskus vor einem Jahr seiner Kurie mit auf den Weg gegeben hat. Wir waren alle beim Hören und Nachlesen erstaunt, dass er nicht bei seinen gewohnten drei Punkten blieb, sondern immer weiter machte. Aber warum waren es fünfzehn? Und was für eine Art Beichtspiegel war das? Als Beichtspiegel hat das mir gegenüber Kardinal Walter Kasper bezeichnet, der damals vor einem Jahr dabei war.

Vor einem Jahr: Ansprache des Papstes an die Kurie

Vor einem Jahr: Ansprache des Papstes an die Kurie

Schließlich habe ich – dank meiner klugen Mitbrüder – einen Text gefunden und gelesen, der mich erstaunt hat. Eben weil er „Anweisungen zur Behandlungen der Krankheiten der Seele“ heißt und genau fünfzehn solcher Krankheiten beschreibt. Er stammt vom damaligen Generaloberen der Jesuiten Pater Claudio Aquaviva und stammt aus dem Jahr 1600. Ja, richtig gelesen, der Text ist über 400 Jahre alt.

Nun geht das auf eine lange und reiche Tradition zurück und Aquaviva war nicht der erste und nicht der letzte, solche Listen zu schreiben. Aber die Zahl fünfzehn lässt mich dann doch aufhorchen. Nun mag ich nicht behaupten, Papst Franziskus habe den Text angewandt oder auch nur gekannt, aber dass es eine Tradition gibt, wird dieser Kenner der geistlichen Tradition des Jesuitenordens Pater Jorge Mario Bergoglio wissen. Er hat in Argentinien einiges dazu publiziert, er kennt also die Tradition. Wer den Text selber nachlese möchte, kann das in der Reihe „Geistliche Texte SJ“ tun, Pater Thomas Neulinger SJ hat 2002 eine deutsche Übersetzung herausgegeben, aus der ich hier auch zitiere.

 

Pater Claudio Aquaviva

 

Der Text war jahrhundertelang so bekannt, dass er in die Regelbücher des Ordens eingegangen ist. Bekannt ist vor allem die Überzeugung „fortiter in re, suaviter in modo“, „stark in der Sache und milde in der Art“, die dem zweiten Kapitel „Die Verbindung von Milde und Wirksamkeit“ entnommen ist. Wörtlich heißt es dort „damit wir sowohl stark sind im Verfolgen des Zieles als auch mild in der Art und Weise, [es] zu erreichen“. Man merkt, es geht Aquaviva vor allem um Leitung, nicht um Selbstreflexion des Einzelnen.

„Die Kurie ist gerufen, sich zu bessern, immer zu verbessern und in Gemeinschaft, Heiligkeit und Weisheit zu wachsen, um ihre Aufgabe ganz und gar erfüllen zu können. Und wie jeder menschliche Körper ist sie auch Krankheiten ausgesetzt (..) Hier möchte ich einige dieser möglichen Krankheiten nennen, kuriale Krankheiten.“ Originalton Papst Franziskus am 22. Dezember 2014. Aquaviva geht es 1600 aber um das Individuum, nicht um eine Gruppe. Und es geht ihm um Leitung, wie ich schon gesagt habe. So wie das Exerzitienbuch des Ignatius nicht für den Beter gedacht ist sondern für den Begleiter, so sind diese Regeln für den Oberen und den Beichtvater gedacht.

Was den alten Text von seiner Adaption durch Papst Franziskus außerdem unterscheidet ist die Tatsache, dass auf die ‚Krankheiten‘ selber kaum eingegangen wird. Pater Claudio Aquaviva nennt sie in den Kapitel-Überschriften und setzt sie dann als erkannt voraus. Seine Kapitel befassen sich dann mit den Rezepten, wie ihnen zu begegnen ist, sehr konkrete Anweisungen ganz im Sinn der Unterscheidung der Geister, wie wir sie auch in der Tradition des Exerzitienbuches des heiligen Ignatius von Loyola finden, und wie sie auf die Kirchen- und Wüstenväter zurück gehen. Ich zitiere: Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein, Franziskus, Geschichte, Glaube und Vernunft, Kirche und Medien, Rom, Spiritualität / Geistliches Leben, Sprechen von Gott, Vatikan | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 36 Kommentare

Schöpfergott Internet

Facebook ist ein komisches Wesen. Dass es eine Datenkrake ist, ist bekannt, immer wieder kursieren Geschichten darüber, dass FB auch über Leute, die gar nicht dabei sind, viel weiß. Es weiß jedenfalls viel über mich, das ist halt so, wenn man das Ding benutzt.

Vor einiger Zeit bin ich umgestiegen, Bernd Hagenkord hat nun keine eigene Seite mehr, die Seite ist eine Radio Vatikan Seite geworden, und das Ding funktioniert auch sehr gut. Ich selber tauche bei FB gar nicht mehr auf. Dachte ich . Das liege ich aber falsch.

Screenshot

Screenshot

Eine Freundin hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass es mich sehr wohl noch gibt. Sie hat mich bei FB gesucht und die hier per Screenshot abgebildete Seite gefunden. FB generiert also eigene Seiten für Menschen, die zwar gesucht werden, aber selber gar nicht dabei sind.

Man kann sich also gar nicht dagegen wehren, irgendwie bei FB dabei zu sein. FB gebiert sich wie ein Schöpfergott, wie jemand der selber entscheidet, was in seinem Universum zu existieren hat und was nicht. Das ist schon skurril. Es geht gar nicht mehr darum, dass FB davon lebt, was Teilnehmer dort kommentieren, hochladen und schreiben. FB generiert selbst Personen und Infos dazu.

Das ist bloß ein Infoartikel, den man zu meinem Namen findet, direkt vom Algorithmus aus Wikipedia kopiert, also nicht weiter schlimm. Ich hoffe nur, dass die nicht auch noch andere Infos aus anderen Tätigkeiten im Netz irgendwann dort einstellen. Aus dem Fundus der Datenkrake, zum Beispiel. Bestellte Bücher bei Amazon, Reise-Interessen, solcherlei Dinge. Es mag „Interesse“ geben, wie es unter meinem Namen steht. Mein Interesse jedenfalls wäre das nicht.

Veröffentlicht unter Allgemein, Neulich im Internet | Verschlagwortet mit , , | 5 Kommentare

War da was?

Historisch war es. Das konnte man in den vergangenen zwei Tagen fast überall lesen. Ob im dt. Internet oder italienischen Zeitungen, das Klima-Abkommen wird hoch eingeschätzt. Auch wenn man sich nicht einig ist, ob das auch schon wirklich hilft, dass es so ein Abkommen gegeben hat, dass es zu neuen Koalitionen gekommen ist, dass man die 1,5 Prozent-Erwärmungsmarke anpeilt, das alles wird gewürdigt.

Nur geschieht das kaum wahrgenommen. Gleich ob auf deutschen Seiten oder in den genannten italienischen Zeitungen, das Thema landet weit unten. Und wenn ich annehme, dass die Webseiten auf Interesse antworten und ein viel geklicktes Thema oben bleibt, dann kann ich nur annehmen, dass das Interesse daran auch nicht so groß ist.

War da was? Seit Monaten wird darüber gesprochen, was passieren könnte, sollte sich die Welt nicht einigen und sollte die Welt die Mittel nicht finden, die Einigung umzusetzen. Klimaerwärmung würde mehr Flüchtlinge produzieren als die Kriege in Syrien und Irak, und so weiter. Und jetzt interessiert das keinen mehr?

Ok, ich übertreibe, es gibt gute Analysen und Frankreichs politischer Rechtsruck ist ein wichtiges Thema, aber wenn es um Klimawende, Zugang zu sauberem Wasser für alle, um versinkende Inseln und versteppende Gegenden geht, um Umweltdesaster wie jüngst das in Brasilien etc., dann sollte da doch etwas mehr Aufmerksamkeit für heraus springen. Oder bin ich da naiv?

Laudato Si’, die Enzyklika des Papstes, hat im Untertitel ein Wort, was mir dazu einfällt: Sorge. Die Sorge um das gemeinsame Haus, gemeint ist der Planet.

Mir scheint bei der Lektüre der Medien gestern und heute, dass wir weiterhin sorglos sind. Selbst wenn zwei Wochen lang in Paris debattiert wird, wenn die Erwartungen vorher hoch waren, wenn wir wissen, was auf dem Spiel steht. Und diese Sorglosigkeit scheint mir die größte Umweltgefahr zu sein.

Veröffentlicht unter Allgemein, Franziskus, Glaube und Gerechtigkeit, Kirche und Medien, Neulich im Internet | Verschlagwortet mit , , , , , | 26 Kommentare

Durch die Heiligen Pforten

Der Papst hat ein großes Projekt vor: „Warum heute ein Jubiläum der Barmherzigkeit begehen? Ganz einfach, weil die Kirche in dieser Zeit großer epochaler Veränderungen gerufen ist, die Zeichen der Gegenwart und Nähe Gottes vermehrt anzubieten. Dies ist nicht die Zeit für Ablenkung, sondern im Gegenteil um wachsam zu bleiben und in uns die Fähigkeit, auf das Wesentliche zu schauen, wieder zu erwecken. Es ist die Zeit für die Kirche, den Sinn des Auftrags wieder neu zu entdecken, den der Herr ihr am Ostertag anvertraut hat: Zeichen und Werkzeug der Barmherzigkeit des Vaters zu sein (vgl. Joh 20,21-23),“ so hat Papst Franziskus in einer Predigt seine Motivation für die Einberufung deises Jahres erklärt. Und ganz schlicht in einem Tweet vom 30. November: „Das Jubiläum der Barmherzigkeit erinnert uns daran, dass Gott uns mit offenen Armen erwartet, so wie der Vater den verlorenen Sohn.“

Vorpremiere: Papst Franziskus öffnet die Heilige Pforte in Bangui

Vorpremiere: Papst Franziskus öffnet die Heilige Pforte in Bangui

Und dieses große Projekt beginnt heute.

Drei Dinge scheinen mir wichtig zu sein, um bei all dem Pilgeransturm und den Papstevents den Kern nicht zu übersehen. Bereits beim Papstbesuch in der Zentralafrikanischen Republik, wo er eine „Vorpremiere“ für das Heilige Jahr hat stattfinden lassen, ist offenbar geworden, wie wenig wir eigentlich mit diesem Konzept „Heiliges Jahr“ anfangen können. Irgendwie schön, irgendwie religiös, Barmherzigkeit ist wichtig aber wie das mit den realen Problemen der Kirche zu verbinden ist, das bleibt mit Fragezeichen verbunden.

Aus dem Zitat scheint mir die „Nähe Gottes“ der erste Punkt zu sein, der wichtig ist. Wo ist die? Oder besser, wie kann ich heute in unserer modern gewordenen Welt neu davon sprechen? So viel von unserem Sprechen ist noch der Vergangenheit entnommen, unsere Vorstellungen sind noch nicht „updated“, sind noch von unserer vergangenen Welt geprägt. Vorstellungswelten und Horizonte prägen unseren Glauben, wie sollte es auch anders sein, in ihnen formuliert sich das, was wir glauben, formulieren sich unsere Gebete und unser Kirche-Sein. Aber wie geht das heute?

Die Theologie macht sich seit Jahren Gedanken dazu, ich kenne einige gute Artikel und Bücher, die genau mit dieser Frage streiten. Jetzt wird es Zeit – scheint uns der Papst zu sagen – und breiter dazu zu verhalten. „Nähe Gottes – machen Sie mal ein Beispiel“, sozusagen. Nichts einfacher als das: Barmherzigkeit. Das klingt jetzt sehr vereinfacht, ist aber der Eckstein dessen, was der Papst vorhat. Er spricht von den epochalen Veränderungen auf der ganzen Welt. Wir mögen uns noch so sehr an der alten Welt festhalten, die uns ein gutes Leben erlaubt hat und die unsere Erwartungen prägt. Aber diese Welt ändert sich. Mal wieder. Und dazu braucht es das update.

 

„Nähe Gottes? Machen Sie mal ein Beispiel!“

 

Mein zweiter Punkt sind die „Wachsamkeit“ und die „Fähigkeit, auf das Wesentliche zu schauen“, welche der Papst in seinem Schreiben nennt. Damit beschreibt er geistliche Haltungen. Sie sind sehr jesuanisch, tief in den Evangelien verankert, es gibt eine ganze Reihe von Erzählungen Jesu dazu. Kluge und törichte Jungfrauen etwa oder der Herr, der wiederkommt, wenn wir ihn nicht erwarten.

Dieses Kommen Jesu ist aber in der Gegenwart zu erwarten, scheint der Papst zu sagen. Nicht als endzeitliches Geschehen, sondern als Jesus hier unter uns. Wo ist er zu entdecken? Dem komme ich nur auf die Spur, wenn ich wachsam bin. „Aufmerksam“ als Wort funktioniert nicht ganz so gut, damit könnte man auch meinen, schon zu wissen, auf was man aufmerksam sein muss. Bei „wachsam“ scheint mir das nicht zu sein, das ist weiter, genereller, eine Grundhaltung.

„Das Wesentliche“ klingt ein wenig altmodisch und ich selber vermeide das Wort auch eher. Aber damit ist der Kern gemeint, das was dem, was ich gerade beobachte oder wo ich gerade drin stecke, zu Grunde liegt. Da braucht es Klugheit, glaubende Augen, den Blick aus dem Evangelium heraus auf die Dinge und Menschen, all das. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein, Franziskus, Glaube und Welt, Rom, Spiritualität / Geistliches Leben, Sprechen von Gott, Vatikan | Verschlagwortet mit , , , , | 47 Kommentare

Heiliges Jahr: Von Bonifaz VIII bis zu Franziskus

Es war zunächst einmal ein Verkehrsproblem: Als Papst Bonifaz VIII., Nachfolger des zurück getretenen Papstes Coelestin, für das Jahr 1300 das erste Mal überhaupt ein Heiliges Jahr ausrief, war das erst einmal genau das: ein Verkehrsproblem. Die alte leoninische Mauer Roms musste an einigen Stellen eingerissen werden und die damals einzige Brücke über den Tiber – die Engelsbrücke – bekam ein Einbahnstraßensystem, um der Pilgermengen Herr zu werden. Nichts Neues also, die Stadtverwaltung Roms heute kann ein Lied davon singen, dass auch in diesem Jahr Verkehrsprobleme zu lösen sind. Nur liegt das nicht an Mauern, sondern an einer kaputten Infrastruktur in der Stadt. Aber das ist ein anderes Thema.

Johannes Paul II. öffnet im Jahr 2000 die Heilige Pforte des Petersdoms

Johannes Paul II. öffnet im Jahr 2000 die Heilige Pforte des Petersdoms

Papst Bonifaz wollte damals genau das feiern, was Franziskus heute auch feiern will: Die Vergebung Gottes, Gottes Barmherzigkeit. Bis dahin war die einzige Möglichkeit, im Mittelalter eine vollständigen Ablass zu bekommen, ein Kreuzzug oder eine lange Pilgerreise etwa nach Santiago. Nun ging das also auch in Rom, was eine Aufwertung des Zentrums der Kirche bedeutete und eben auch eine neue Institution, das Heilige Jahr.

Den italienischen Dichter Dante hat das so beeindruckt, dass er Teile seiner Göttlichen Komödie genau in dieser Osterwoche des Heiligen Jahres 1300 spielen lässt. Was ihn aber auch nicht davon abhielt, den zuständigen Papst in den achten Ring der Hölle zu versetzen.

Das Heilige Jahr heißt ursprünglich Jubeljahr oder Jubiläum und geht zurück auf Levitikus 25:8, dort wird jedes 50. Jahr die Befreiung der Sklaven, Erlass von Schulden und Rückgabe von Grund und Boden angeordnet. Deswegen spricht man im Italienischen hier auch von Giubiuleo, was verwirrend sein kann für unsere Ohren, denn das Wort bedeutet bei uns etwas anderes.

 

Verkehrsprobleme auf dem Weg zum Heil

 

Immer wieder wurden diese Jahre auch für aufsehenerregende Gesten genutzt, die das Grundthema der Jahre – die Vergebung durch Gott – ausdrücken, zuletzt die großen Vergebungsbitten Papst Johannes Paul II., die er in einer Liturgie zum Heiligen Jahr 2000 aussprach.

Zunächst ließ man es alle 100 Jahre stattfinden, dann verkürzte man auf 50, später 33 und zuletzt 25 Jahre. So hat das letzte Jubeljahr 2000 stattgefunden. Immer wieder hat es aber auch außerordentliche Jahre gegeben, zuletzt 1983, so dass auch hier Papst Franziskus eine Tradition aufgreift.

Das Jahr beginnt mit dem Öffnen der Heiligen Pforten – der symbolischen Öffnung neuer Wege zum Heil – und endet mit deren Schließung. Die Pforten in Sankt Peter sowie in Johannes im Lateran, Santa Maria Maggiore und Sankt Paul vor den Mauern sind normalerweise zugemauert.

Seit Einführung der Heiligen Jahre ist die Vorbereitung auf die Pilgerströme auch ein Anlass für bauliche Maßnahmen in der Stadt, wie gesagt auch das eine Tradition die wir Bonifaz VIII. verdanken, von damals an bis zu den Schnell-Baumaßnahmen heute. Rom ist von den Heiligen Jahren geprägt, brachten die Pilger doch immer Votivgaben mit, welche die vielen Kirchen der Stadt schmücken. Auch einige Brücken sind für Pilgermassen gebaut, Julius II. zum Beispiel war das Einbahnsystem der Engelsburg nicht geheuer, er ließ 1500 eine zweite Brücke bauen, den Ponte Sisto.

Aber abgesehen von den vielen äußeren Dingen wollen diese Jahre Zeiten der Neuentdeckung zentraler Glaubensinhalte sein und diese mit ganz konkreten Handlungen, eben einer Pilgerfahrt nach Rom, verbinden.

An diesem 8. Dezember ist es wieder soweit, das Jahr beginnt. Das nächste reguläre Heilige Jahr wird dann 2025 stattfinden.

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Franziskus, Geschichte, Glaube und Welt, Rom, Spiritualität / Geistliches Leben, Unterwegs, Vatikan | Verschlagwortet mit , , , , , , | 3 Kommentare

Die Kirche von morgen

Mich gibt es nicht nur hier. Im Blog. Mich gibt es auch in echt, wenn ich ab und zu mal unterwegs bin und Vorträge halte oder anderswie über den Papst spreche. Wie zum Beispiel vorgestern, da war ich bei Ordensleuten in Salzburg, genauer bei den Medienverantwortlichen der Orden. Und weil die medial gut drauf sind, haben die meine Worte auch mitgeschnitten und online gesetzt.

Man kann das hier nachhören.

Die Ideen werden den Lesern hier nicht unbekannt sein, das ist aber mal auf 20 Minuten komprimiert gesprochen. In Kurzversion nachzulesen ist das hier.

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Die deutschsprachige Kirche, Franziskus, Glaube und Vernunft, Glaube und Welt | Verschlagwortet mit , , , , , , | 23 Kommentare