Dankeschön

In Rom am Flughafen gehört es mittlerweile zum guten Ton, oben beim Warten auf das Abfliegen genauso wie unten beim Warten aufs Gepäck: Musik. Ein Flügel – oder wahlweise ein Klavier, aber meistens tatsächlich ein Flügel – steht in einem Wartebereich und bittet per Schild darum, gespielt zu werden.

Und viele wartende Gäste setzen sich dran und spielen. Hobby-Spieler, Jugendliche die ihre Klavier-Lektion wiederholen, aber häufig genug auch Menschen, die deutlich mehr können als nur ein wenig vom Blatt spielen.

Flughafen Rom Fiumicino

Flughafen Rom Fiumicino

Und alle spielen öffentlich. Und überall bleiben Leute stehen und hören einfach zu. Andere Flughäfen kennen es auch. Am Bahnhof Den Haag habe ich es gesehen und gehört, da war es wirklich eine Könnerin. In Seoul an einem Museum war es ein Klavier, Jugendliche versuchten sich da an europäischen Sonaten.

Sie werden – so sie ab und zu verreisen und nicht das Auto nehmen – Ihre eigenen Orte hinzu fügen können.

Es ist Zeit, einmal Dank zu sagen. Dank den vielen anonymen Musikern, die ihr Talent, Hobby oder Können einfach so verschenken. Die uns Wartenden die Sterilität dieser Reise-Umschlagsplätze etwas menschlicher machen, sei es mit gekonnten Läufen, sei es auch mit dem einen oder anderen schiefen Ton.

Es wird wirklich menschlicher dort. Für kurze Augenblicke werden die zielstrebigen Schritte langsamer, die quängelnden Kinder auf dem Weg zum Boarding sind abgelenkt, die Rollkoffer bleiben stehen statt sich gegenseitig anzurempeln. Was so ein wenig Mozart alles bewirken kann.

Danke, liebe Musiker, möget ihr euch reichlich vermehren. Ich kann leider nichts dazu beitragen, aber ich genieße es. Bis bald, beim nächsten Flughafen, Bahnhof oder Reiseort eurer Wahl.

 

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Weiter träumen

Was kann man dem Papst zum Geburtstag schreiben? Was über ihn anlässlich dieses Tages? 80 Jahre alt wird er heute, herzliche Glück- und Segenswünsche an ihn.

Papst Messe in der Jesuitenkirche il Gesù, Rom, im Januar 2014

Träumen und träumen lassen.

In ZEIT, in Kirchenzeitungen und der Neuen Passauer Presse habe ich mich schon über den Papst geäußert, Domradio und andere Sender mit Interviews versorgt, sozusagen. Also was sagen?

Ein Satz ist mit als Mantra im Kopf, der viel über diesen Papst sagt und den ich an diesem Tag noch mal erinnern möchte. Den Obdachlosen, die zum Ende des Heiligen Jahres nach Rom gekommen waren, sagte er: „Vergesst das Träumen nicht!“

Das ist Papst Franziskus: ein 80-Jähriger, der träumt, von einer Kirche die missionarisch ist und sich bewegt, der diese Träume in Menschen entstehen lässt von einer Kirche für unsere Zeit.

Das ist mein Satz für diesen Tag. Das Träumen nicht vergessen. Nicht als 80-jähriger, nicht als Christ der die Kirche verkündender und aktiver sehen will, nicht als Christ der sich um die Ränder und Peripherien sorgt und versucht, aus deren Perspektive auf die Welt zu blicken.

„Vergesst das Träumen nicht!“ Papst Franziskus, ad multos annos und alles, alles Gute, bleiben Sie uns noch lange erhalten!

 

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Von Fußnoten im Eheleben

Der Papst ändert die Lehre oder die Tradition der Kirche in einer Fußnote. Immer wieder – auch jetzt erst wieder hier im Blog – wird dergleichen gesagt und geschrieben.

Meine erste Frage: Haben Sie diese Fußnote selber gelesen oder wissen Sie das nur von anderen, die Ihnen das gesagt haben? Ich frage deswegen, weil mir oft in Gesprächen genau das passiert: Ich frage zurück, um welche Fußnote es eigentlich geht, „na die mit den wiederverheirateten Geschiedenen“, aber das dazu gehörige Kapitel (es ist Kapitel 8) und den Zusammenhang, die genaue Aussage ganz besonders, die können die wenigsten nennen.

Das ist schade. Ich möchte an dieser Stelle aber eine Anregung aus den Kommentaren heraus aufgreifen und die Debatte vom Negativen ins Positive wenden, und beim Wenden soll mir jemand helfen: Das Dokument wurde ja im Vatikan unter anderem von Kardinal Christoph Schönborn vorgestellt, dessen Einführung der Papst ja auch ausdrücklich gelobt hat, beim Rückflug von Lesbos. Damals, am 8. April war das, konnte ich den Kardinal auch ausführlich dazu interviewen, ein Auszug daraus:

Kardinal Schönborn im Interview bei RV

Kardinal Schönborn im Interview bei RV, am Tag der Veröffentlichung von AL

RV: Ich vermute, ich liege nicht ganz falsch, wenn ich sage, die meisten Menschen erwarten sich dann doch etwas anderes. Es sind ja viele Diskussionen geführt worden über wiederverheiratete Geschiedene und ihr Zugang zur Kommunion. Das ist glaube ich das Stichwort dafür, und dazu steht nichts im Dokument. Da wird es Enttäuschung geben. Was sagen Sie diesen Menschen?

Schönborn: „Lest das Dokument. Manche Enttäuschungen entstehen dadurch, dass wir auf einen bestimmten Punkt hinschauen und völlig fixiert sind und nicht das Wunderbare sehen, was rund herum ist. Und was eigentlich auch die Antwort auf diesen einen Punkt gibt. Ich denke, eine vor allem in unserem Sprachraum, aber auch unter vielen Theologen viel zu einseitig auf eine Frage hin konzentrierte Aufmerksamkeit bei diesen Synoden und jetzt bei diesem abschließenden Dokument des Papstes birgt in sich die Gefahr, dass man blind wird für den ganzen Reichtum des Themas. Ich denke, dem wollte Papst Franziskus entgegenwirken, indem er zuerst einmal von der Schönheit und Lebendigkeit von Ehe und Familie gesprochen hat. Ich kann nur daran erinnern und darum bitten, lest das Kapitel 2,3,4 und 5, die zentralen Kapitel des Textes. Ich weiß schon, die meisten stürzen sich sofort auf das 8. Kapitel. Weiterlesen

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Gereizte Reaktionen

Seit Tagen und Wochen ziehen vermehrt Kommentare zum Amoris Laetitia ihre Bahnen durchs Netz. Es war nicht erst der Brief der vier Kardinäle, oder besser dessen Veröffentlichung, die vermehrte Aufmerksamkeit datiert davor und hält auch noch an.

Amoris Laetitia: um den Text will es einfach nicht ruhig werden. Was ja auch Absicht des Papstes ist, er will Prozesse in Gang setzen, und die Debatte darum ist einer. Er will Freimut, und viele sprechen hier mit Freimut. Dagegen kann man nichts haben.

Er verweigert das Machtwort: Papst Franziskus

Er verweigert das Machtwort: Papst Franziskus

Wogegen man schon etwas haben kann, ist der Versuch, mit Bezug auf eben genau diesen Freimut – den man für sich selber in Anspruch nimmt – denselben bei anderen zu bestreiten.

So halte ich zum Beispiel den Brief der vier Kardinäle für völlig in Ordnung, Berater des Papstes dürfen selbstverständlich dem Papst Briefe schreiben, auch kritische, das gehört wie ich finde zum normalen, menschlichen Umgang miteinander. Dass dieser Brief dann aber veröffentlicht wurde, das gehört sich wiederum nicht. Da wird Druck ausgeübt, und wie ich vermute auch ganz bewusst.

 

Befremdliche Verschiebungen der Debatte

 

Da gibt es zum Beispiel Leute, die glauben, dass ein Schisma drohe, wenn der Papst auf den Brief der vier Kardinäle nicht antworte. Was schon irgendwie befremdlich ist, dreht das doch die Beweislast um und schiebt die Verantwortung für eine Spaltung – die reine Phantasie ist – dem Papst zu. „Der da ist Schuld“, schreit das Kind im Sandkasten.

Nebenbemerkung: es hat immer an Päpsten Kritik gegeben, an Form wie Inhalt. Ich kann mich an lange Debatten in den 80er Jahren erinnern, in denen es gerade aus Deutschland viel Kritik an Papst Johannes Paul II. gegeben hat. Aber damals hat keiner mit einem Schisma gedroht. Das war überhaupt kein Thema. Irgendwie zeigt es auch die inhaltliche Schwäche der Positionn, wenn sie mit dieser schäfsten Waffe versehen werden muss, dem Zerbrechen der Einheit.

Da gibt es weiterhin den Versuch, den Rahmen der Debatte zu verschieben. Anstatt über die Verheißung Gottes, über das Geschenk des Lebens und der Gemeinschaft zu sprechen, will man zu einem bestimmten Satz Regeln kommen. Ich meine hier nicht, dass unser Glauben und unsere Religion nicht für das Leben ganz konkret Folgen haben muss und dass man diese auch reflektieren und aufschreiben soll, darum geht es nicht. Es geht darum, dass das Gespräch verändert werden soll.

Der Papst „verweigere“ eine Klärung, heißt es es weiter von (wenigen) katholischen Philosophen und Promis, vor allem aber nicht nur aus den USA. Dem liegt eine Fehlinterpretation zu Grunde: Das öffnen von Räumen, das nicht-Besetzen von Positionen, ist per se noch keine Verweigerung. Verweigerung wäre es nur, wenn die Pflicht bestünde, man sich dem aber nicht beuge. Es gibt nun einige, die wollen vom Papst klare Sätze hören, klare Definitionen. Das wäre ein Ausüben von Macht. Genau das will der Papst aber nicht, er will aus dem Denken in Regeln und klaren Vorschriften – eben dem Macht-Diskurs – heraus. Es mag anstrengend sein, das auszuhalten, es ist aber keine „Verweigerung von Klärung“.

Skurril wird es dann, wenn zwei Philosophen in den USA eine Liste von Positionen veröffentlichen und verlangen, dass alle Bischöfe sich zu diesen Positionen öffentlich verhalten. Die verlangen einen Unterwerfungsgestus, auch das ist der Versuch, Macht auszuüben.

 

Die „Lehre“ und die „Botschaft“

 

Sie merken was: dauernd benutze ich hier das Wort „Macht“. Und ich glaube, dass es genau darum geht: um das Bestimmen dessen, was hier eigentlich das Thema sein soll. Sollen wir als Kirche und Gemeinschaft Klarheit und Kante zeigen, sollen wir Regeln aufstellen, die dann entscheiden, ob man katholisch ist? Oder sollen wir versuchen, die Versprechungen und Anweisungen Jesu für das Leben neu zu entdecken? Letzteres heißt eben nicht, dass „Lehre“ aufgegeben wird. Es heißt lediglich, dass man neu entdeckt und formuliert. Und vielleicht haben wir ja auch in der Vergangenheit durch die gewünschte Klarheit bei Regeln vergessen, dass das Leben sich eben nicht nach Regelungen richtet. Um treu zu sein, müssen wir neu und kreativ denken.

Was mich zu einem letzten Gedanken bringt, der mich seit der ganzen Debatte um Amoris Laetitia immer wieder umtreibt: Da gibt es viele, die sich zu Anwälten der Lehre der Kirche machen. Dabei hat uns Jesus keine Lehre hinterlassen. Er hat uns einen Auftrag hinterlassen, eine Sendung. Wenn das Insistieren auf einer Lehre diesem Auftrag in die Füße gerät, dann haben wir ein Problem.

Deswegen ist es wahrscheinlich ganz gut, dass diese Debatte im Augenblick geführt wird, es macht sehr viel sichtbar. Allein das macht das Verhalten des Papstes, eben keinen Machtgestus zu führen, so wichtig.

 

 

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Post-post-faktisch

Die Redaktion von Radio Vatikan gratuliert dem Wort „postfaktisch“ zur Wahl zum Wort des Jahres. Auch wenn wir damit eigentlich selber lieber nichts am Hut haben wollen. Mit der Erkenntnis, dass „gefühlte Wirklichkeit“, die sich von Tatsachen nicht verwirren lassen, unsere Welt zunehmend bestimmen, sind wir dann auch in der Wirklichkeit von heute angekommen. So ist das, Meinung und Gefühl regieren die Welt.

Ganz so neu ist das aber nicht, wenn ich das an dieser Stelle einwerfen darf. Schon lange halten wir das Mittelalter für ‚dunkel’ und lassen da alle möglichen Dinge stattfinden, die sich – in Wirklichkeit – zu anderen Zeiten abgespielt haben, Hexenverfolgung zum Beispiel. Da fühlt man sich selber gleich viel aufgeklärter.

Postfaktisch? Gibt es schon lange.

Noch nie hatten wir so viele Daten über die Welt um uns herum wie jetzt, das Problem ist aber dasselbe geblieben: wie ordnen? Und was sagt das dann über uns? Wenn das Gefühl das Steuerruder in die Hand nimmt und Fakten, die ihm widersprechen, nicht mehr heran lässt, dann helfen uns auch all die Daten nicht mehr.

Durch unsere Gefühle interagieren wir mit der Welt, aber mit dem Gefühl ist es wie mit dem Gewissen: es muss gebildet sein, informiert, trainiert, erfahren, sich selber auch mal in Frage stellend. Nur dann funktioniert es auch gut.

Also, ran an die Wirklichkeit. Und das Wort „post-faktisch“? Das lassen wir dann hoffentlich mit dem Jahr 2016 zurück.

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„Vision der Kirche der Zukunft“

Wie wird in der Kirche was entschieden? In den vergangenen Wochen war es wieder einmal zu Verwirrung in dieser Frage gekommen. Ein Brief von vier Kardinälen an den Papst war veröffentlicht worden, dass Kardinäle dem Papst schreiben, ist ja nichts ungewöhnliches, aber die Veröffentlichung war als Versuch gesehen worden, Druck auszuüben in Fragen der Moral und der Lehre.

Nun hat der Papst aber in dieser Frage seine Bischöfe – die Synode der Bischöfe – um Beratung gebeten, sogar zwei Jahre lang, und dann ein Dokument dazu veröffentlicht. Ist jetzt nicht alles klar? Scheinbar nicht.

Wo genau die Konflikte sind, ist hier nicht mein Thema, ich will auf etwas anderes hinaus, und zwar noch einmal auf die Frage der Synodalität. Also: Wie wird in der Kirche was entschieden?

Während der genannten Versammlungen der Bischofssynode und darum herum hatte er der Papst immer wieder den Begriff der „Synodalität“ aufgegriffen, er ist auch sonst immer wieder auf dieses Thema zurück gekommen.

An dieser Stelle habe ich das mal so formuliert: „[Der Papst] will keine Parlamentarisierung der Synode, sie soll kein Entscheidungsgremium der Weltkirche werden. Er verlagert nicht Autorität auf ein Kollektivgremium. Zu Beginn der Synode hatte er ja noch einmal sehr deutlich gesagt, dass die Beratungen kein Parlament sind, ja nicht sein können, weil es um die Unterscheidung des Willens Gottes gehe, nicht um Kompromisse. Gemeinsam hören, beraten, sich verändern lassen, auf dem Weg sein, um die wörtliche Übersetzung des griechischen Wortes Synodos zu verwenden.”

 

Papstinterview: Pyramide vs Synode

 

Es geht um ein Strukturprinzip von Kirche, soziologisch wie theologisch. Jetzt ist Papst Franziskus wieder auf diese Synodalität angesprochen worden, und zwar in einem Interview, die Frage der Zeitschrift Tertio formuliert die Synodalität sogar als „Vision der Kirche der Zukunft“.

Der Papst antwortet nicht theologisch, sondern zunächst soziologisch: „Die Kirche entsteht aus Gemeinschaften, entsteht von unten, aus der Gemeinschaft, entsteht aus der Taufe, und sie organisiert sich um einen Bischof herum, der sie zusammen ruft. Der Bischof ist der Nachfolger der Apostel. Das ist die Kirche.“

Er stellt dann zwei Formen von Kirche gegenüber, die „pyramidale“, wo alle das machen, das der Bischof oder der Papst sagen, und eine „synodale“, in der Petrus Petrus bleibt, wie Papst Franziskus sagt, aber wo dieser Petrusdienst darin besteht, der Kirche beim Wachsen und Hören zu helfen. Weiterlesen

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„Betet für mich“

Es ist der Papstsatz schlechthin, unspektakulär und dauerpräsent, dass er schon gar nicht mehr groß auffällt. Irgendwie selbstverständlich, aber dann doch nicht so markant, dass er eine eigene Marke geworden wäre. „Betet für mich“, oder die Variante „vergesst nicht, für mich zu beten“ schließt immer Papstansprachen ab, Predigten, Grußworte, und wenn er Menschen vor sich hat, die nicht aus einem christlichen Kontext kommen, dann bittet er darum, dass sie ihm Gutes wünschen.

Aber was tun wir da eigentlich, wenn wir beten? Verändern wir da was?

Als Kind und vor allem Jugendlicher habe ich mich immer darüber aufgeregt, dass beten als etwas bezeichnet wurde, was uns selber ändert. Das mag schon sein, dass das auch der Fall ist, aber das kann es doch nicht sein, als selbstoptimierungs-Strategie. Andererseits, direkte Auswirkungen auf die Realität sind auch nicht messbar.

Unser Ordensgründer sagt, wir sollen alle Mittel einsetzen, die natürlichen wie auch die übernatürlichen, zu letzteren gehört das Gebet. Was verändern wir damit genau?

Das mal als Frage hier in den Blog gestellt, was tun wir, wenn wir mit Gott sprechen und Gott um etwas bitten?

 

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Der Tiger im Busch

Wir waren mal Jäger. Also nicht wir persönlich, sondern als Mensch. Wir haben gejagt, um uns ernähren zu können. Und das war gefährlich, denn andere meist vierbeinige Wesen sind auf dieselbe Idee gekommen. Da wir aber schwächer und langsamer sind als die meisten anderen Jäger, haben wir uns anders angepasst, durch Werkzeuge etwa. Was uns geblieben ist, sind die Fähigkeiten, Gefahren schnell zu erkennen. War ja auch lebensnotwendig.

Ein Geräusch im Gebüsch? Könnte ein Tiger sein oder sowas, also schnell weg. So in etwa. Damit das auch wirklich funktioniert und wir den Hinweis aus dem eigenen Körper vielleicht wegen großen Hungers ignorieren, haben wir uns einen Trick einfallen lassen. Gefahren werden schlicht vergrößert wahrgenommen. Das soll sicherstellen, dass wir wenn wir mal abgelenkt sind die Gefahrensignale garantiert nicht ignorieren.

Früher hat man geglaubt, dass dafür ein Teil des Hirns zuständig sei, der „Mandelkern“ genannt wurde, heute weiß man, dass die Amygdala zumindest nicht alleine für Angst zuständig ist. Wir kommen dem ganzen also nur langsam auf die Spur. Andere Menschen, die sich mit der Frage der Bedeutung von Angst bei der Wahrnehmung befassen, nennen es einfach einen Instinkt, so etwa der Statistiker Hans Rosling.

Wie dem auch sei, wir reagieren stärker auf etwas, was uns Angst macht, als auf etwas, was potentiell positiv ist. Einfach weil das, wovor wir Angst haben, uns fressen könnte. Das führt aber dazu, dass wir Angstmachendes viel stärker wahrnehmen oder dessen Bedeutung und Rolle in der Welt viel stärker einordnen.

Ganze Zeitungskonzerne haben darauf ihre Verkaufsstrategie ausgerichtet, Hollywood fährt damit ganz gut und Politiker haben das nicht erst jetzt mit Trump entdeckt, das ist viel älter.

 

Gefährlich aber nicht wichtig

 

Dabei gilt es aber eine Regel zu beachten, die der schon zitierte Hans Rosling anbringt: Haie sind gefährlich, aber nicht wichtig. Soll heißen: wovor wir Angst haben ist tatsächlich nicht harmlos, umbringen tut uns aber nicht der Hai (auch wenn das viel Aufmerksamkeit in den Medien bekommt), sondern das Rauchen und der Autounfall. Oder die Erderwärmung. Oder der Krebs.

Der Tiger – um im Bild meiner Überschrift zu bleiben – lauert also woanders im Busch, als wir das vermuten. Und so die Angst bewusst geschürt wird, lenkt sie von wirklich drohenden Gefahren ab.

Warum ich das schreibe? Weil ich mich gerade durch jede Menge Beträge und Bücher zum Thema Hass und Internet bewege. Nicht unbedingt vergnügungssteuerpflichtig, aber notwendig. Ein wichtiges Instrument der Kommunikation ist vergiftet, jedenfalls zum Teil, da muss man doch was tun können.

Viel Angst gibt es da, mir scheint das jedenfalls so zu sein und deswegen interessiert mich das Thema besonders. Ängste, so sagt der Soziologe Heinz Bude, lassen sich aber nicht überzeugen, dass sie unbegründet seien. Sie lassen sich nur „binden und zerstreuen“. Man muss sich also unterhalten und nicht weglaufen.

OK, manchmal ist ein Tiger eben ein Tiger, das kommt in unseren Breiten aber eher selten vor. Ein wenig mehr Ruhe und Gelassenheit würden schon helfen, den vielen falschen Tigern die Klauen zu ziehen.

 

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„Generalverurteilung mit der Geschmacksrichtung ‚Verschwörung’“

Wenn es etwas gibt, was meinen „Reisemonat“ November als gemeinsamen Nenner verbindet, dann ist es Medienkritik. Unter Journalisten redet man im Augenblick – Trump-Wahl sei dank – über das Thema, ich habe mich selber hier ja auch schon mit „Niederlage des Journalismus“ gemeldet, außerdem war ich bei mehreren Tagungen zum Thema und habe mir auch mächtig Widerspruch eingefangen. Alles hilft, um zu verstehen, was im Augenblick eigentlich passiert.

Gestern Abend, bei der letzten Lektüre im Netz, ist mir dann ein Artikel aufgefallen, der schon vorweg richtig liegt. Es ist nur ein Satz, und er erklärt so viel. „Wer ‚Lügenpresse’ schreit, will nicht bloß auch seine Meinung in den Medien sehen, sondern ausschließlich seine Meinung.“ Sehr lange habe ich mich ins Bockshorn jagen lassen, Debatten mit Kolleginnen und Kollegen geführt und auch hier geschrieben, aber dieser Satz aus dem Antexter eines Artikels von Sasha Lobo führt auf den richtigen Verstehensweg. Wie es Lobo sagt: es geht gar nicht um Medienkritik, es geht um autoritäre Gesellschaft.

Wobei Lobo mit Medienkritik nicht hinterm Berg hält, die muss auch sein und ist eigentlich auch Teil des journalistischen Selbstverständnisses. Eigentlich. Aber der Kern der Schwierigkeiten liegt nicht dort, und das macht die Lobo-These, so möchte ich das nennen, klar. Ein empfehlenswerter Text.

 

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Menschheit? Menschheit!

„Wer Menschheit sagt, will betrügen“. Ein Satz von Carl Schmitt, der in den letzten Jahren fröhliche Urständ erlebt hat. Universalimus steht unter Verdacht, da würde eine Verschwörung der Mächtigen in der Welt das Bergende, Eigene, Bekannte wegnehmen wollen.

Margret Thatcher ist berühmt geworden mit dem Satz „Society, no such thing“: Gesellschaft, das gibt es nicht. Das einende Gesamt, das über Interessen hinaus gehende das mehr ist als die Summe der Teile, hat sie verneint. Was Schmitt Thatcher voraus hat ist die Verdachts-Hermeneutik, „will betrügen“ sagt er. Das macht aus dem Irrtum eine böse Absicht.

Ich erlebe das gerade all-überall, und nicht nur beim Lesen von News über Europa, auch in anderen Organisationen, in denen es um Solidarität geht, vor allem um Solidarität zwischen groß und klein, arm und reich, und so weiter. Zu sehen, dass Werte schnell aus dem Fenster gehen mit Verweis auf das Eigene, das Nicht-Universale, ist traurig.

 

Katholisch

 

Schon allein das Wort „katholisch“ widerspricht dem. „Christlich“ auch. Wenn wir von einer universalen Kirche sprechen, dann ist das noch mal etwas anderes als eine weltweite Kirche, universal bedeutet eben nicht nur global, es bedeutet einen inneren Zusammenhalt, der auch über Eigeninteressen hinweg geht.

Gehen wir noch einen Schritt weiter: Die Bibel spricht von dem Menschen, der geschaffen wurde. Die Vertreibung, die Zersplitterung beim Turmbau, die Arche und die Flut negieren das nicht oder heben das nicht auf.

Wir sagen also weiter „Menschheit“. Das hebt die Unterschiede nicht auf, das macht uns nicht alle irgendwie kulturell gleich, aber das gibt allen eine Würde und das nimmt das Argument weg, wir seien nur für eine Kultur oder gar eine Nation zuständig.

Wer „Menschheit“ sagt, will nicht betrügen. Wer so spricht, schaut nur weiter als bis zum nächten Horizont.

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