Es ist angerichtet

Buch und Comic: Papst in jeder Form

Buch und Comic: Papst in jeder Form

Den größten Teil des Tages habe ich heute an der DMZ verbracht, der zynisch „demilitarisierte Zone“ getauften Trennlinie zwischen Nord- und Südkorea. Zynisch kommt es deswegen rüber, weil es hochgradig bewaffnet ist. Man will sich ja gegen den jeweiligen Gegner schützen.

Deswegen an dieser Stelle etwas Leichtes zum Ausgleich. Vorgestern hatte ich gepostet, dass man noch nicht so viel sieht vom Papstbesuch. Das hat sich geklärt. Mehrere Vertreter der Kirche haben mir gesagt, dass man das absichtlich so gemacht habe. Papst Franziskus wolle das bestimmt nicht, als Werbebotschaft an allen Wänden hängen. Eine sehr sympathische Erklärung für eine gute Entscheidung, wie ich finde.

Aber dafür sind die Medien voll. Nicht, dass ich das bestätigen könnte, Koreanisch kann ich nicht, aber meine Gesprächspartner bestätigen das. Zuerst natürlich die Tatsache an und für sich, dann die Störungen im Verkehr – nicht unwichtig, denn die Messe am Samstag findet auf einem der zentralen Verkehrsknotenpunkte statt – und dann die Frage, was zu erwarten ist.

Das gehen die Meinungen auseinander, wird mir versichert.

Vor der Kathedrale von Seoul

Vor der Kathedrale von Seoul

Rund um die Kathedrale von Seoul rüstet man sich ebenfalls aus. Der Vorplatz – ein kleiner Hügel – ist noch Baustelle, da wird noch gepflanzt und da werden noch Steine als Wege verlegt. Oben aber ist man bestens gerüstet für die Besucher, Pilger, Neugierigen und Menschen wie mich. Papst in Gips, als Comic, als Sammlung von Predigten, als Tuch.

Das gehört wohl dazu.

Und drinnen in der Kathedrale – Nun, vor den Event haben die Götter die Talk-Show gesetzt. Glastische mit Mikros daruf, davor Kameras: Ich nehme alles zurück, medial ist das Land voll eingestimmt. Was mich auch zu der zugegeben etwas schnippigen Überschrift verleitet hat.

Wie das halt so ist, wenn der Papst auf Reisen geht.

Die unvermeidbare Talkshow: Vorbereitungen

Die unvermeidbare Talkshow: Vorbereitungen

 

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Franziskus, Geschichte, Glaube und Gerechtigkeit, Papstreise | Verschlagwortet mit , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Gruß aus Seoul II, aus der Fremde

Seoul

Seoul

Ich bin fremd hier. Das ist jetzt nicht wirklich eine besonders intelligente Aussage von jemandem, der seit Tagen durch Seoul läuft und fährt. Aber an einer Stelle wird das ganz besonders aktuell: Fährt man auf einer der Hochautobahnen durch die Stadt, schaut man auf viele kleine Kirchen samt ihren Kirchtürmen, Neon-Kreuz oben drauf. Auf einigen findet sich aber ein anderes Zeichen: Ein Hakenkreuz. Und hier schlägt die Fremdheit zu.

Denn es ist natürlich kein Hakenkreuz, die Haken an den Kreuz-Enden gehen in die andere Richtung. Nur die in Deutschland aufgewachsenen Augen sehen darin ein Nazi-Zeichen. Trotzdem: In Europa, den USA und anderen Teilen der Welt könnte man dieses Zeichen nicht unbefangen benutzen. Hier schon. Hier ist es sogar auf den Stadtplänen das offizielle Zeichen für einen buddhistischen Tempel.

Denn genau da kommt es her, ein Sonnensymbol aus dem indischen Subkontinent, hier als Zeichen für buddhistische Zentren und Tempel genutzt.

Die Zeichensprache hier ist eine andere. Eine wertvolle Lektion, nicht zu glauben, zu wissen, was man da sieht. So sieht auch die Kathedrale von Seoul aus, als könnte Sie in einer deutschen Kleinstadt stehen: Neogotik pur. Kein einziges asiatisches Element, selbst die zwölf Apostel auf den Rentablen können ihre mitteleuropäische Herkunft nicht verleugnen.

Trotzdem muss man genauer hinsehen, will man den Glauben der Menschen hier kennen lernen. Das ist nicht ein aus Europa nach hier verpflanzter Katholizismus.

Das Fremde fasziniert mich eh, wer diesen Blog verfolgt, wird das schon bemerkt haben. Einen meiner Lieblingsautoren zum Thema, Francois Jullien, habe ich hier schon mal besprochen. Ich zitiere seine Methode des “Umweges”: Er will Denktraditionen brechen, er will das Denken „in Unordnung bringen“, wie er sagt. Er verlässt das Denken Europas, indem er eine Sprache lernt, die nichts mit der unsrigen zu tun hat [Mandarin in seinem Fall]. Abstraktionen, Konfrontation, all die Taktiken und Strategien unseres Denkens muss er verlassen, um sich – über seinen Umweg – neu dem Denken zu nähern.

Das Buddhismus-Zeichen war für mich ein echter Aufwecker, vielleicht noch nicht ein Umweg, aber der Anfang eines solchen. Ich hoffe, noch viel davon zu sehen zu bekommen.

 

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Franziskus, Glaube und Vernunft, Glaube und Welt, Papstreise | Verschlagwortet mit , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Gruß aus Seoul

Man kann es leicht übersehen: groß ist das Plakat nicht. Schon gar nicht verglichen mit der restlichen Werbung in Seoul

Man kann es leicht übersehen: groß ist das Plakat nicht. Schon gar nicht verglichen mit der restlichen Werbung in Seoul

Der letzte Besuch eines Papstes in Asien – und ich meine nicht den Nahen Osten – liegt einige Zeit zurück es war noch Johannes Paul II., der 2001 und 2002 Zentralasien besuchte. 1999 war Indien das Ziel, der ferne Osten lag zuletzt 1995 auf der Reiseroute des Papstes.

Wenn also jetzt Papst Franziskus nach Korea kommt, kann man das als eine Neuheit betrachten. Hier in Seoul merkt man aber noch nicht so viel davon. Ich laufe jetzt seit einigen Tagen durch die Stadt, besuche Leute und Orte und merke noch nicht viel vom anstehenden Großereignis. Einige wenige verlorene kleine Plakate finden sich, wenn man genauer hinschaut, aber neben all dem großflächigen Neon fällt das nicht weiter auf.

Das wird sich sicherlich ändern, wenn der Papst erst einmal hier ist, aber im Augenblick ist eher business as usual angesagt. Man sieht schon jede Menge Polizei dort, wo der Papst hinkommen wird. Aber wenn man nicht schon weiß, warum die da sind, könnte das alles Mögliche sein.

Das erste Mal seit über 1.000 Jahren ist kein Europäer Papst, ich weiß gar nicht, wen mal als letzten Nichteuropäer ansehen könnte. Auf jeden Fall ist das auch für Asien eine gute Nachricht: Die anderen Kirchen schließen auf. Ich hoffe, dass das auch hier sichtbar wird, wenn der Lateinamerikaner nach Asien kommt.

Herzlich willkommen, Papst Franziskus.

 

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Franziskus, Glaube und Welt, Papstreise | Verschlagwortet mit , , , | 3 Kommentare

Zeitreise ins 9. Jahrhundert: Man lernt Geduld

Im Campus Galli will Bert Geurten eine karolingische Klosterstadt bauen. Getreu nach Plan

Bert Geurten, “Klosterbauherr” vor dem Sankt Gallener Klosterplan

Der Mann muss ein wenig verrückt sein. Im sympathischsten Sinn des Wortes. Bert Geurten steht auf einem bewaldeten Gelände, vor ihm steht der Bauplan der Gebäude, die dort errichtet werden sollen. Nur: Der Plan ist nicht mehr so ganz frisch, er stammt aus dem 9. Jahrhundert: Dort auf der Tafel findet sich der Sankt Gallener Klosterplan, der selber in seiner Zeit nie umgesetzt wurde. Gemeinsam mit einem Verein, mit 30 Angestellten und etwa 15 freiwilligen soll dort das Ideal einer karolingischen Klosterstadt entstehen. Wir sind im Campus Galli.

Man baut dort aber nicht nur die Klosterstadt nach, Geurten betont auch, dass man das mit original Methoden, Werkzeugen, Kleidung, Pflanzen und so weiter machen will. Was sich etwas auf die Geschwindigkeit des Bauens auswirkt, ein Jahr sei man schon dabei, erzählt er, er rechne mit weiteren 39 Jahren Bau. Was mich eine Frage stellen lässt: Wie kommt man nur auf so eine Idee.

„Tja, Man sollte Karolinger sein“, antwortet Geurten. Er selber sei Aachener und sei mit Karl dem Großen aufgewachsen – auch wenn der selber mit dem Plan wenig zu tun gehabt habe. Bei einer Ausstellung habe er einmal ein Modell der Klosterstadt gesehen, damals war Geurten 17 Jahre alt. Die Faszination sei ihm seitdem geblieben.

Ein Jahr ist der Verein und sind die Mitarbeiter jetzt dabei, hobeln, weben, säen, bauen, insgesamt 40 Jahre lang soll das dauern. Was bedeutet, dass die meisten der Mitarbeiter das Ende gar nicht mehr erleben werden.

 

„Aber einer muss es beginnen“

 

„Ich nehme mich als Beispiel“, sagt Geurten. „Ich weiß genau, dass ich es selber nicht erlebe, aber das ist doch mittelalterlich gedacht. Ein Mensch, der im Mittelalter eine Kathedrale stiftete oder irgendein Bauwerk, der wusste genau, dass er das Ende nicht erleben wird. Aber einer muss es beginnen. Und das bin ich jetzt.“

Geurten betont immer und immer wieder, das es keine Art

Wie es sich für ein Kloster gehört: Das erste Gebäude wird eine Kapelle sein

Das erste Gebäude entsteht: Eine Kapelle

Disney-Land werden soll, mit Souvenirs und Fressbuden all-überall, es soll aber auch nicht dieses Mittelalter-Nachspielen werden, wo man sich in komischen Kleidern Schwerter in die Hand nimmt und Ritter spielt. „Das ist mir sehr wichtig!“ Was soll das dann sein? „Es soll den Menschen zeigen, dass das 9. Jahrhundert kein finsteres Mittelalter war. Es war ein schwieriges Jahrhundert, es hatte Kriege und Seuchen, es war hart. Das möchte ich aber zeigen, dass die Leute mit wenig Mitteln Großes geschaffen haben.“ Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein, Geschichte, Interview, Sommerreise, Unterwegs | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , | 1 Kommentar

Minis ante portas

(c) afj

(c) afj

Man spricht Deutsch. Wer im Augenblick durch Rom läuft, stößt in jeder Kirche, auf jedem Platz, in jeder Pizzeria und jedem Bus auf Deutsch sprechende Gruppen. Normalerweise sind die Sprachen gut verteilt und Deutsch kommt eher in der Bildungsreisen-Kleingruppen-Größe vor, in diesen Tagen ist die Stadt aber übernommen.

50.000 Menschen. Eine mittlere Kleinstadt. Und alle sind im Stadtzentrum Roms. Die Römer sind freudig überrascht, weil das alles so prima und geordnet abgeht. Es sind ja schließlich Jugendliche in Begleitung, die als Messdiener auch Benehmen gelernt haben.

Die anderen Touristen sind irgendwie nicht so glücklich, weil überall Gruppen Messe feiern, Beten, herein und heraus strömen, die Orte belagern und so gut organisiert sind, dass man sonst gar nicht dazwischen kommt.

Die deutschsprachige Kirche hat einige großartige Traditionen. Messdiener sein gehört dazu. Mich selber hat es zwölf Jahre lang geprägt, deswegen sehe ich die bunte mit Armtüchern und Sonnenhüten bestückte Schar mit viel Freude durch die Straßen ziehen.

Da zeigt sich unsere Kirche wirklich von der allerbesten Seite.

Fotos gibt es hier zu sehen

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Die deutschsprachige Kirche, Franziskus, Glaube und Welt, Glaubens-Funde, Rom, Vatikan | 2 Kommentare

Einsiedler

Im Kanton Solothurn in der Schweiz war im Frühjahr eine Einsiedelei zu vergeben. Wohl gemerkt, man suchte dort keinen Käufer, sondern einen Einsiedler oder eine Einsiedlerin, die die Tradition fortsetzt und dort lebt. Als ich das las, habe ich erst einmal mit dem Kopf geschüttelt und gedacht, wirklich viele Menschen wird das nicht interessieren.

Einsiedlerin im Kanton Sankt Gallen: Schwester Fabienne Boucher

Sr Fabienne Boucher

Weit gefehlt. Der Rat der Stadt musste viele Bewerbungen sichten und dann auswählen. Bekommen hat den „Job“, wie eine Schweizer Zeitung es schrieb, dann eine Frau, die davor ein Heim für Kinder in schwierigen Lebenssituationen betrieben hatte.

Ruhe ist ein Luxusgut, zum einen weil es immer weniger davon gibt und wir uns selber abhängig machen von allerlei pipsenden Bildschirmen und Mobiltelefonen, andererseits aber auch, weil wir verlernt haben, Ruhe zu genießen. Muten Sie einmal einer Gruppe Menschen zehn Minuten Stille zu, da ist dann richtig was los, das wird richtig unruhig.

 

Still zu sein ist nicht ganz einfach

 

Ruhe für das gesamte Leben zu suchen, das ist noch einmal ein riesiger Schritt. Es gibt Mönche und Schwestern, die kontemplativ leben und schweigen. Aber Einsiedlerin sein, seinen Lebensrhythmus selber gestalten müssen und sich nicht auf die Tradition und die Gemeinschaft der Mitschweigenden verlassen können, das ist noch einmal eine ganz andere Nummer.

Und ich hatte keine Ahnung, was das wirklich bedeutet, bis ich eine solche Einsiedlerin besucht habe. Auch im Kanton St. Gallen gibt es eine, Sr. Fabienne. Ihre Einsiedelei sieht zunächst einmal aus wie ein „normales“ Haus, sie hat auch einen Wagen und ein Mobiltelefon. Sie öffnet und empfängt Besuch. Es ist nicht so, wie ich mich das vorgestellt hatte, ganz und gar nicht. Berg Athos und so, in Höhlen und voller sichtbarer Askese. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein, Die deutschsprachige Kirche, Glaube und Welt, Glaubens-Funde, Interview, Sommerreise, Spiritualität / Geistliches Leben, Unterwegs | Verschlagwortet mit , , , , , | 4 Kommentare

1.400 Jahre Ideengeschichte des Islam

Bei Beiträgen, in dem es in in diesem Blog um Islam und Muslime geht, bin ich regelmäßig erschrocken über die Bereitwilligkeit vieler Kommentatoren, zu kruden, simplen und schwarz-weiß malenden Bildern und Vorstellungen zurück zu greifen. Deswegen an dieser Stelle eine Gegenvorstellung. Ich setze dazu außnahmsweise einen Beitrag aus einer Sendung von Radio Vatikan hier ein, nicht um ihn zu verdoppeln, sondern um Kommentare dazu zu ermöglichen.

Ausdrücklich soll das als Beitrag zur Vielfalt gemeint sein. Wir müssen Debatten führen und nicht gleich schließen. Der Wissenschaftler Mouhanad Khorchide – um den es hier geht – hat eine Perspektive, auch er hat nicht die wirkliche und wahre, aber es ist eine Sichtweise, die ich persönlich nicht missen möchte und auf die wir uns einlassen sollten (sie findet dankenswerterweise nicht nur hier statt). Widerspruch ist gut und erwünscht. Wenn sie Beiträge zur Debatte sein wollen.

 

Der Soziologe und Religionspädagoge Mouhanad Khorchide ist eine ungewöhnliche Stimme des Islam: Auch in seiner eigenen Religion umstritten spricht er von Barmherzigkeit und Gemeinsamkeiten mit dem Christentum. Im Augenblick sehen wir eher die Bilder von Christenverfolgung und –vertreibung, da ist seine Sicht auf den Islam ungewöhnlich. Ein Gespräch mit dem Professor aus Münster über „seinen“ Islam.

 

„Islam ist Barmherzigkeit“: So heißt das neueste Buch des muslimischen Theologen Mouhanad Khorchide. Doch der Professor aus Münster, der unter anderem künftige Imame ausbildet, wird aus den großen deutschen Islam-Verbänden nachgerade unbarmherzig kritisiert: Zu liberal sei er, zu sehr einem nicht-wörtlichen Verständnis des Korans zugeneigt. Khorchide, der in Beirut aufwuchs und lange in Österreich gelebt hat, lehrt seit 2010 Islamische Religionspädagogik am ‚Centrum für Religiöse Studien’ der Uni Münster. Er weist auf den Reichtum islamischer Tradition hin.

 

„Wir haben 1.400-jährige Ideengeschichte, da gibt es sehr viele Schulen, Traditionen, Positionen, unterschiedliche Argumente und Gegenargumente. Was nicht heißt, dass das eine besser oder schlechter ist, sondern nur, dass manche bestimmte Schulen, andere eben andere Schulen vertreten oder andere Positionen haben. Deshalb ist die Vielfalt im Islam – wie es der Prophet Mohammed und später auch die Gelehrten bestätigt haben – eigentlich ein Segen! „Eine Barmherzigkeit“ hat der Prophet Mohammed dazu gesagt. Es gibt keinen Anlass für Streitereien, jedenfalls nicht im Idealfall.“

 

Doch natürlich ist dieser Ideal- eher der Ausnahmefall. Das weiß auch Khorchide. Er wagt etwas, wovor viele muslimische Forscher warnen: den Koran nämlich durch die historisch-kritische Brille zu lesen, wie sich das bei der christlichen Bibel längst eingebürgert hat. Auch bei diesem Zugriff würden die wesentlichen Botschaften Mohammeds erhalten bleiben, glaubt Khorchide.

 

Für eine „Theologie der Barmherzigkeit“

 

„Ich versuche hier Aspekte der Barmherzigkeit im Islam herauszuarbeiten, als Kern der islamischen Botschaft, als Wesensattribut Gottes, als Motiv aller Motive in Gott, das aus seiner Barmherzigkeit agiert. Und daraus entwerfe ich eine Theologie, die ich „Theologie der Barmherzigkeit“ bezeichne. Im Sinne: Was sind die Konsequenzen daraus, wenn wir konsequent weiter denken, dass Gott in seinem Wesen die Barmherzigkeit ist? Was heißt denn das für alle anderen theologischen Fragestellungen?“ Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein, Die deutschsprachige Kirche, Glaube und Vernunft, Glaube und Welt, Glaubens-Funde | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | 46 Kommentare

Wider den Krieg, noch einmal und immer wieder

„Ich rufe alle auf, weiter zu beten, damit der Herr den Völkern und den Verantwortlichen dieser Gebiete die Weisheit und die notwendige Kraft schenkt, um entschlossen auf dem Weg des Friedens voranzugehen. Im Mittelpunkt aller Entscheidungen dürfen niemals Sonderinteressen stehen, sondern das Gemeinwohl und die Achtung eines jeden Menschen: Alles ist mit dem Krieg verloren, und nichts verliert man mit dem Frieden!“ Papst Franziskus, am vergangenen Sonntag auf dem Petersplatz. Mit diesem Zitat wiederholte er einen Ausruf von Papst Pius XII. vom 24. August 1939, wenige Tage vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Es komme darauf an, „jeden Streit mit beharrlichem Dialog und mit Verhandlungen und mit der Kraft der Versöhnung anzugehen“, so Franziskus weiter.

Es gibt eine lange und ehrenvolle Traditon von Päpsten, die sich gegen den Krieg wenden, den modernen, industriellen, maschinellen, von Ideologien und Fanatismen gefütterten Krieg. Johannes Paul II. hat mich in seinem Einsatz gehen den Krieg im Nahen Osten als Student fasziniert, das zornige „jamais plus la guerre, jamais plus la guerre“ Papst Pauls VI. Vor den Vereinten Nationen in New York habe ich erst hier in Rom kennen gelernt, als ich mich näher damit beschäftigt habe. Aber Paul VI. steht in der Tradition, in der vor ihm Johannes XXIII. in seinem Einsatz in der Kuba-Krise und nach ihm Johannes Paul II. standen.

Und da ist der erste in dieser Reihe, den ich hier an dieser Stelle noch einmal zitieren will, Benedikt XV. Das habe ich ja in meinem letzten Post schon getan. Aber zitieren wir nicht den Papst, sondern einen des Katholizismus unverdächtigen, den unvergleichlichen Karl Krauss. Er hat ein Stück geschrieben, „Die letzten Tage der Menschheit“. Entstanden direkt unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges hat dieser brilliante Polemiker und von mir hoch geachtete Sprachkritiker setzt in dem Stück Sätze und Szenen zusammen. Und er fügt O-Ton Benedikt XV. ein.

Die 27. Szene im Ersten Akt besteht ganz aus einem Text des Papstes, die Regieanweisung lautet: „Im Vatikan. Man hört die Stimme des betenden Benedikt.“

„Im heiligen Namen Gottes, unseres himmlischen Vaters und Herrn, um des gesegneten Blutes Jesu willen, welches der Preis der menschlichen Erlösung gewesen, beschwören wir Euch, die Ihr von der göttlichen Vorsehung zur Regierung der kriegführenden Nationen bestellt seid, diesem fürchterlichen Morden, das nunmehr seit einem Jahre Europa entehrt, endlich ein Ziel zu setzen.

Es ist Bruderblut, das zu Lande und zur See vergossen wird. Die schönsten Gegenden Europas, dieses Gartens der Welt, sind mit Leichen und Ruinen besät. Ihr tragt vor Gott und den Menschen die entsetzliche Verantwortung für Frieden und Krieg.

Höret auf unsere Bitte, auf die väterliche Stimme des Vikars des ewigen und höchsten Richters, dem Ihr werdet Rechenschaft ablegen müssen. Die Fülle der Reichtümer, mit denen Gott der Schöpfer die Euch unterstellten Länder ausgestattet hat, erlauben Euch gewiß die Fortsetzung des Kampfes. Aber um was für einen Preis? Darauf mögen die Tausende junger Menschenleben antworten, die alltäglich auf den Schlachtfeldern erlöschen.“

Der ebensowenig katholischer Sympathien verdächtige Kurt Tucholsky hat das dann 1931 gegen die Nazis und die Kriegsgefahr, die er dort witterte, angeschärft, so ist das berühmte Zitat entstanden „Soldaten sind Mörder“. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein, Franziskus | Verschlagwortet mit , , , , | 4 Kommentare

Pfingstliche Ökumene

„Ich kann einen Christen nicht verstehen, der stehen bleibt. Ein Christ muss sich bewegen!“ Eine oft gehörte Botschaft von Papst Franziskus, und auch beim ökumenischen Treffen in Caserta am vergangenen Montag legte er diese seine Sicht auf das Christentum wieder aus.

Es war ein bemerkenswertes Treffen. Die Klage lautet ja, dass in den ökumenischen Dialogen die evangelikalen Kirchen und Gemeinschaften nicht vorkommen, oft weil dort einfach kein Interesse besteht. Ökumene mit den Kirchen der Reformation ist da einfacher, wir teilen viel Tradition. Die Konflikte sind da, aber auch die Bereitschaft zum Dialog. Die Kirchen des Ostens und der Orthodoxie haben andere Anknüpfungspunkte, aber auch hier gibt es einen lebendigen Dialog.

Und jetzt hat uns Papst Franziskus gezeigt, wie ein Dialog mit Evangelikalen zu Stande kommt. Zuerst hat er vor einigen Monaten einem ihm bekannten Pastor eine Botschaft auf sein iPhone gesprochen, der Pastor Tony Palmer ist mittlerweile verstorben aber sein Auftritt mit der Papst-Botschaft ist nach wie vor bahnbrechend.

Und jetzt geht der Papst selber zu einem Treffen und spricht über Christentum. Und dann betet man gemeinsam das Vaterunser. Das macht nicht alles gut, die „Frohbotschaft vom Wohlstand“ und andere Variationen des Evangelikalen Credos sind für Katholiken nur schwer zu verdauen. Auch ist nicht damit alles falsch, was früher gesagt wurde. Die Wir haben in der Redaktion einige Anrufe bekommen, ob jetzt die Kirchen eins seien und nicht mehr gelten würde, was galt. Das stimmt natürlich nicht, es gibt sehr viele Probleme auch weiterhin zwischen den Gruppen und der Kirche, auch viel Trennendes – auch unter den Gruppen. Was den Papst aber nicht davon abhält, darüber zu sprechen, warum es die Trennungen gibt und einen Schritt auf die anderen zu zu tun.

Das gilt übrigend nicht nur für die katholische Kirche: Kurz vor dem Besuch hatte die Italienische Evangelikale Allianz noch öffentlich und deutlich die Lehre der katholischen Kirche kritisiert, eingeschlossen in die Kritik waren ausdrücklich evangelikale Gemeinschaften, die eine ökumenische Annäherung an die katholische Kirche wünschen. Kein wirklich höflicher Zug.

Man solle doch bitte anhand der Schrift genau unterscheiden, was die Begegnung bringen könne, das Ziel sei schließlich, Jesus Christus der Welt zu verkünden, so die Allianz.

Und genau das macht der Papst dann bei seiner Begegnung: Die Verkündung der Botschaft Jesu Christi. Er nimmt nicht den hingeworfenen Fehdehandschuh auf, sondern konzentriert sich auf Jesus, auf das „mit Jesus Gehen“, ausführlich wie wir es von ihm kennen.

Und dann spricht er von den Trennungen und davon, woher sie kommen.

 

„Wer stehen bleibt, vergeht“.

 

Sie entstehen durch Geschwätz. Das darf man jetzt nicht zu einfach verstehen, dahinter steht der Gedanke, dass jeder an sich denkt und jeder sich die Welt zurecht legt und die negativen Teile beim Nächsten sucht und das dann eben per Geschwätz in die Welt setzt. Man legt sich fest, bleibt stehen, Ich gehöre zu Apollo, ich zu Petrus, ich zu Paulus, zitiert der Papst die Schrift. „Und so beginnen vom ersten Moment der Kirche an die Spaltungen. Und es ist nicht der Heilige Geist, der die Spaltungen macht.“ Trennungen der Kirchen ist also nichts Göttliches, eine nicht unwichtige Aussage des Papstes. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein, Franziskus, Glaube und Vernunft, Glaube und Welt, Papstreise, Spiritualität / Geistliches Leben, Sprechen von Gott, Theologisches, Vatikan | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 2 Kommentare

Vom Frieden reden in Zeiten des Krieges

p5rn7vb

Julikrise und Ultimatum, all dem wird im Augenblick ausführlich gedacht. Vor 100 Jahren begann das große Schlachten. Ende Juni der Mord am österreichischen Thronfolger, dann am 27. Juli das österreichische Ultimatum und der Beistand für diese aggressive Politik. Am 1. August 1914 waren es deutsche Ulanen, die die Grenze zu Belgien überschritten und damit den großen Krieg begannen, den wir den Ersten Weltkrieg nennen, andere Sprachen nennen ihn schlicht den Großen Krieg.

Es begann aber auch das Ringen um den Frieden, Bertha von Suttner fällt als Name ein, auch wenn sie einige Wochen vor Kriegsbeginn bereits starb.

Papst Benedikt XV., Giacomo della Chiesa

Papst Benedikt XV., Giacomo della Chiesa

Während des Krieges war es eine andere Stimme, die immer wieder versuchte, dem Schlachten ein Ende zu setzen: Papst Benedikt XV. Buchstäblich in den ersten Tagen des Krieges – im September 1914 – zum Papst gewählt war Krieg und Frieden das Thema seines Pontifikates.

Vor einem Jahr habe ich zu diesem fast vergessenen Papst einen Beitrag gemacht, den ich zu gegebenem Anlass hier noch einmal einstelle. Aktuell bleibt er.

 

Eine untergehende Welt

 

„Es muss das Schwert nun entscheiden; Mitten im Frieden überfällt uns der Feind, darum auf, zu den Waffen!“ Kaiser Wilhelm II. spricht vom Schwert, aber was den Menschen, die 1914 voller Elan in den Krieg zogen, begegnete, das waren keine Schwerter, sondern ein voll industrialisierter Krieg. Die Maschinenwaffen, der Soundtrack für eine zu Ende gehende Welt, der den vorläufigen Höhepunkt der stetigen Aufrüstung bedeutete, die sich bereits im Jahrhundert davor abgezeichnet hatte.

Die Historiker nennen es „das lange 19. Jahrhundert“: Was mit französischer Revolution und Napoleon begann, setzte sich in den Nationalstaaten fort, in Industrialisierung und Militarisierung, in einem völlig überzogenen Egoismus der Nationen Europas, in Kolonialismus und in vielen, vielen Kriegen. Die in den 60er Jahren, Deutschland gegen Österreich und der Bürgerkrieg in den USA, zeigten zuerst, wie sehr die Industrie die Kriegführung bestimmte, Telegraf und Lokomotive wurden genauso wichtig wie Bajonett und Stiefel. In den Schützengräben des Ersten Weltkrieges dann übernahmen diese von der Hand des Nationalismus geführten Industriewaffen vollständig die Herrschaft, mit furchtbaren Ergebnissen.

„Nun will man uns demütigen. Man verlangt, dass wir mit verschränkten Armen zusehen, wie unsere Feinde sich zu tückischem Überfall rüsten.“ Wenn man Kaiser Wilhelm II. schwadronieren hört, kann man verstehen, wie sehr die Zeit in ihrem verblendeten Nationalismus verhakt war. Und man könnte in diesem Zusammenhang auch andere Staatschefs nennen: rund um den Krieg ertönte es stolz, martialisch, uniformiert, national. Wie anders liest sich da eine Stimme, die seit 1914 immer wieder erklang, die aber im Donner der Geschütze und angesichts der Taubheit der stolz geschwellten Brust kein Gehör fand:

„Im Namen des allmächtigen Gottes, im Namen unsres himmlischen Vaters und Herrn, … beschwören wir euch, euch von der göttlichen Vorsehung an die Spitze der kriegführenden Völker Gestellte, endlich dieser grauenhaften Schlächterei ein Ende zu setzen, die nun schon ein Jahr Europa entehrt.“ Es ist die Stimme des Papstes, Benedikt XV. Vom Beginn des Krieges an und dann immer wieder äußert er sich gegen den Krieg, schreibt und schreibt, denkt an den Frieden und will seinen Teil zum Ende der „grauenhaften Schlächterei“ beitragen.

 

Benedikt XV.

 

Was für ein Mensch sitzt da auf dem Papstthron? Als 2005 der Name des neuen Papstes Benedikt XVI. verkündet wurde, da haben wir uns alle gefragt, warum Benedikt? Wer war der letzte Papst dieses Namens? Und warum will gerade Joseph Ratzinger die Verbindung mit diesem fast unbekannten Papst? Hören wir den Papst selbst dazu. 2006, in seiner Friedensbotschaft, erklärt er seine Entscheidung:

„Der Name Benedikt selbst, den ich am Tag meiner Wahl auf den Stuhl Petri angenommen habe, weist auf meinen überzeugten Einsatz für den Frieden hin. Ich wollte mich nämlich sowohl auf den heiligen Patron Europas, den geistigen Urheber einer Frieden stiftenden Zivilisation im gesamten Kontinent, als auch auf Papst Benedikt XV. beziehen, der den Ersten Weltkrieg als ein ‚unnötiges Blutbad’ … verurteilte und sich dafür einsetzte, dass die übergeordneten Gründe für den Frieden von allen anerkannt würden.” (Friedensbotschaft 2006, 2)

 

„Gesegnet, wer als erster den Ölzweig erhebt“

 

Die „übergeordneten Gründe für den Frieden“: Benedikt XV. steht für Ausgleich, Versöhnung. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein, Geschichte, Glaube und Welt, Interview, Rom, Theologisches | Verschlagwortet mit , , , | 1 Kommentar