Tischgemeinschaft

Vielleicht war es einfach zu verführerisch: Ein katholisches Internetportal hat seinen Bericht über den ökumenischen Gottesdienst in Lund mit folgendem Satz begonnen: „Papst Franziskus hat in Lund eine Erklärung zum gemeinsamen Abendmahl mit den Lutheranern unterzeichnet – und damit Geschichte geschrieben.“ Was natürlich Unsinn ist.

Zum einen ist das genau die Haltung, welche durch Dokument und Feier überwunden werden soll. Beide Partner haben unterschrieben, nicht nur der Papst. Die einseitige Profilierung auf Kosten der anderen ist von gestern.

Der Papst in Lund: rechts Bischof Younan, links Martin Junge vom LWB

Der Papst in Lund: rechts Bischof Younan, links Martin Junge vom LWB

Zweitens ist es schon ziemlich sportlich, das Dokument als „Erklärung zum gemeinsamen Abendmahl“ zu bezeichnen. Es ist insgesamt etwa zwei Seiten lang, nur ein Absatz handelt von der Eucharistie. Der ist wichtig, aber keineswegs das Schwergewicht. Und wenn man selber das Dokument liest, wird das auch schnell deutlich.

Solche Schnellschüsse machen es sehr schwer, die Rolle der Eucharistie-Frage hier richtig einzuschätzen. Ich will das trotzdem mal probieren.

 

Gemeinschaft oder Gastfreundschaft

 

Zum einen war das die eine Frage, die bei allen Pressekonferenzen und in allen Medien immer genannt wurde, mehrfach. Selbst wenn die gemeinsame Erklärung das nicht erwähnt hätte, wären Katholiken und Lutheraner um diese Frage nicht herum gekommen.

Zweitens ist die Reiseplanung des Papstes, erst die Ökumene zu feiern und danach heilige Messe, bei den Lutheranern Schwedens nicht wirklich gut angekommen. Die Messe ist nun mal der Punkt, wo die Trennung sichtbar und schmerzhaft ist, das direkt nach der Ökumene-Veranstaltung zu machen erzeugt Reibung. Aber so ist Ökumene eben. Wir dürfen uns nichts vormachen oder das Problem kleinreden.

Drittens ist das nicht nur einfach eine Frage, ob Katholiken andere zulassen oder nicht. Der schwarze Peter liegt nicht nur bei uns. Kardinal Koch hat bei der Pressekonferenz am Montagabend noch einmal Stellung bezogen. Er hoffe, selber einmal ein Dokument unterzeichnen zu können, das die Fragen löst. Wenn das man kein Zeichen der Hoffnung ist. Und dann weiter: „Wir müssen einen Unterschied machen zwischen eucharistischer Gastfreundschaft für Einzelne und eucharistischer Gemeinschaft“. Diese Unterscheidung allein zeigt schon, dass das Ganze nicht einfach nur schwarz und weiß ist. Weiterlesen

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Die Mühen der ökumenischen Ebene

Die Kathedrale von Lund ist nicht wirklich groß, wunderschön aber nicht groß. Die versammelte ökumenische Prominenz musste sich etwas drängeln, um Platz zu finden. Und es waren wirklich alle da: Nur um mal einige Namen ins Feld zu werfen die deutschen Bischöfe Bode und Feige, Frère Alois von Taizé, mit den Kardinälen Koch und Parolin vatikanische Schwergewichte, koptische, orthodoxe und evangelikale Vertreter in bunt, die ökumenische Theologie in Vollstärke und natürlich sehr viele lutherische geistliche Trachten.

Papst Franziskus bei seiner Ansprache in Lund

Papst Franziskus bei seiner Ansprache in Lund

Und das aus gutem Grund: es war ein historisches Ereignis. Lutherische und katholische Kirche laden gemeinsam zu einem Gottesdienst im Gedenken an die Rerformation ein. Noch mal, falls das zu schnell ging: an die Reformation. Das klingt so normal, dass man vergessen kann, wie unwahrscheinlich so etwas noch vor wenigen Jahren gewesen wäre, jedenfalls mit Anwesenheit des Papstes.

Und dennoch: Man muss genauer hinsehen und hinhören. Wer nicht hier ist und die Begeisterung nicht teilt, die alle Papstevents nun einmal an sich haben, der wird sich fragen, was das denn nun gebracht hat. Und genau dazu habe ich meinen Kommentar für RV heute geschrieben:

 

Es war nicht die große ökumenische Vision, die an diesem Montag in Lund zu sehen war. Wer das große Zeichen, den bahnbrechenden Schritt, die großen Worte erwartet hatte, der wurde enttäuscht. Stattdessen war viel vom Weg die Rede, „die große Reise fortsetzen“ nennt es die unterzeichnete gemeinsame Erklärung. Es war vom Bekenntnis der eigenen Fehler die Rede und vom gemeinsamen Zeugnis für Christus.

Nur in der schon erwähnten gemeinsamen Erklärung wird die Trennung in der eucharistischen Gemeinschaft genannt, sie wird festgestellt und beklagt, kein revolutionärer Akt wird vollzogen.

Nichts Spektakuläres, aber vielleicht ist ja gerade das das Zeichen der Ökumene heute. Viel ist erreicht, vor allem mit der lutherischen Kirche, so dass sich Ökumene jetzt neu orientieren muss. Der Wunsch nach Einheit tritt oft hinter dem Wunsch nach Profilierung zurück, das muss sich wieder ändern. Ökumene ist nicht nur für die Kirchen da, sondern soll auch nach außen wirken, ein neuer Gedanke, der Fuß fassen muss. Die eucharistische Trennung ist Realität, Konvergenzen in der Theologie werden festgestellt, aber ganz da sind wir noch nicht, da braucht es – um in der Wegmetapher zu bleiben – viele kleine Schritte, nicht die große Geste.

Die Liturgie in Lund war geprägt von Gebet, Dank, von Ausdrücken der Reue und von der Versicherung, gemeinsam Zeugnis ablegen zu wollen. Noch einmal: das ist alles nicht spektakulär. Aber genau das ist heute Ökumene: die berühmten Mühen der Ebene. Das ist die Botschaft, die von Lund ausgeht, für die nächsten Schritte auf dem Weg.

 

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Schwarz

Die Schuhe, die Schuhe

Die Schuhe, die Schuhe

Jeder darf mal. In Italien und Deutschland haben sich die Geschichten zu päpstlichen roten Schuhen ziemlich ausgeschrieben, kein Redakteur hebt das mehr ins Blatt, irgendwie langweilig.

Jetzt ist Schweden dran. Keiner erinnert sich mehr daran, was für eine Farbe die Schuhe von Johannes Paul II. bei seinem Besuch 1989 gehabt haben, aber sei’s drum. Alle haben in der Vergangenheit über Schuh-Farbe geschrieben, jetzt also auch Schweden.

Anspruchslose Schuhe seien das, so der Kommentar am Bild in dieser Zeitung. Auf einer Doppelseite wird alles aufgeschrieben, was irgendwie Papst ist, wo er hinfährt und anderes Nützliches.

Aber während die Farbe der Schuhe früher ein Weg war, über den Papst zu schreiben und zu sagen, wie fremd der doch der Welt der Normal-Schuh-Farb-Tragenden ist, versteht das heute kaum noch wer. Wer nichts vom Papst weiß – und das sind in Schweden viele – der wird sich verwundert die Augen reiben, weswegen ausgerechnet eine Schuhfarbe wichtig sein soll.

Mit der Geschichte ist es wie mit dem Grund, weswegen Päpste früher Rot getragen haben: Es versteht keiner mehr.

 

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Titelseite

Eine vertraute Ansicht: Papst Franziskus auf der Titelseite einer führenden Tageszeitung. Tage vor einer Reise ist das normal geworden und irgendwie auch richtig, das Interesse ist da, journalistisch ist es eine gute Geschichte, auch wenn es wie in diesem Fall eine Zeitung betrifft, die sonst eher um Religion einen Bogen gemacht hat.

Dagens Nyether heute, Samstag

Dagens Nyether heute, Samstag

Das Besondere bei dieser Zeitungsausgabe an diesem Samstag ist natürlich, dass da ein Interview mit dem Papst drin ist (hier die englische Version). Kein eigenes, von der Redaktion der Zeitung selbst gemachtes und verantwortetes Interview, sondern die Übernahme eines Interviews, dass der Jesuitenpater Ulf Jonsson mit dem Papst geführt hatte.

Dazu gibt es aber gleich auch eine Einordnung durch die Redaktion, die fast schon wie eine Entschuldigung klingt. Man nimmt das Interview – eine Kurzform des Interviews, wie es in der Jesuitenzeitschrift Schwedens ‚Signum‘ erschienen ist – obwohl es nicht von der eigenen Redaktion ist, obwohl es kein journalistischer Text sondern ein religiöser ist und obwohl man das sonst nicht macht. Interessant, dass es dann nicht nur zur Übernahme des Textes, sondern gleich auch zur Titelseite gereicht hat.

Es ist halt ein Scoop, den will sich eine Zeitung nicht entgehen lassen.

Die Erklärung zum Abdruck ist aber auch sonst interessant. Man habe sich selber auch um ein eigenes Interview bemüht, aber keins bekommen, deswegen die Übernahme. Und selber hätte man auch viel kritischere Fragen gestellt. Und drei Fragen werde dann auch gleich angegeben: Korruption, Pädophilie, katholische Sexuallehre. Das hätte die Zeitung gerne gefragt.

Da bin ich doch gerade mal froh, dass die Zeitung nicht selber hat fragen können. Diese Fragen wurden schon zig Mal gestellt und beantwortet, das sind nur Versuche, sich als Journalist kritisch zu profilieren. Das jetzt abgedruckte Interview ist sehr persönlich und für Leute, die den Papst verfolgen auch vielleicht nichts allzu Neues, aber für die Zeitungsleser in Schweden bietet es doch einen Blick, den man sonst so nicht hat. Eben auch deswegen, weil Journalisten immer dieselben Fragen stellen.

Nicht falsch verstehen: Die kritischen Fragen sind und bleiben kritische Fragen und das ist auch gut so. Aber wenn ein stark säkularisiertes Land verstehen lernen will, was das ist: Kirche und wer das ist: Papst, dann hilft es nur bedingt, die üblichen Kampfgebiete zu bedienen.

Da ist das Interview von P Ulf Jonsson schon wieder sehr journalistisch.

 

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Das Gesetz durchlaufen

Das Reich Gottes ist nicht fix, sondern es entsteht, täglich. Viel deutlicher kann der Papst den Grundzug seines Denkens gar nicht machen: Die Dynamik des Glaubens und Lebens. Der Satz oben stammt aus der Predigt vom Dienstag, aber die Idee dahinter hat er schon öfters formuliert. Sie findet sich in fast allen, was der Papst sagt. Vom Aufstehen, Losgehen, Aufbrechen und aus sich heraus Gehen über die Dynamik der Reform, über die Ökumene der Begegnung zu all den anderen Dimensionen, in denen Dynamik eine Rolle spielt. Ich habe das hier schon ausführlicher besprochen, ich belasse es deswegen mal mit einem Link.

Eine Geschichte möchte ich Ihnen aber nicht vorenthalten. Und zwar haben wir das auch beim Abendessen diskutiert und dabei hat ein Mitbruder eine witzige Geschichte erzählt.

Immer auf dem Weg: Der Papst

Immer auf dem Weg: Der Papst

Also: Die Firma Xerox will wissen, wie sie noch besser Fotokopierer herstellen kann, was die können müssen und wie sie eingesetzt werden. Also engagieren die einen Ethnologen, der sich in Büros umsehen soll, Bürokultur und –abläufe studieren und dann seine Einsichten unterbreiten soll. Ethnologie hieß früher mal Völkerkunde und vergleicht Kulturen, Verhaltensweisen und Gesellschaften der Menschen.

Der Ethnologe macht aber etwas anderes, als seine Auftraggeber zunächst dachten, etwas viel Spannenderes. Und zwar fährt er ein Jahr lang mit Menschen umher, die diese Groß-Kopierer reparieren. In großen Städten gibt es immer einen Pool dieser Mechaniker, wenn so ein Gerät streikt, legt es ja den Betrieb lahm und das muss schnellstens abgestellt werden. Ein Jahr also fährt er mit, beobachtet die Techniker bei der Arbeit und dann schreibt er darüber ein Buch. Diese Menschen sind alles keine Ingenieure, die meisten kommen von Farmen irgendwo in den USA, findet der Ethnologe heraus. Und Menschen vom Land wissen, dass man nichts wegwirft, sondern dass man kreativ reparieren kann.

Schäden richten sich nicht nach dem Manual

 

Also – so beschreibt es der Wissenschaftler – sitzen sie beim Kaffee zusammen, um auf den nächsten Ruf zur Reparatur zu warten, und erzählen sich derweil, was für Probleme sie neulich mit welchem Modell hatten und wie sie das gelöst haben. Es entsteht also ein Wissens-Pool auf Erzählbasis, mündlich tradiert. Gleichzeitig gibt es aber auch das mehrer hundert Seiten lange Manual, das genau vorschreibt, was wie zu machen ist. Nur richten sich die entstehenden Schäden meistens eher nicht nach den Vorgaben des Buches, die Maschinen gehen nicht nach Vorschrift kaputt, sozusagen. Und so entsteht eben das Wissen der Techniker vor Ort.

Und die Moral von der Geschicht’? Der die Geschichte erzählende Mitbruder meint, diese Dualität von Manual und Schraubenzieher entspreche in etwa dem, wie wir als Christen mit Leben und Text umgehen. Wir haben Vorschriften und Leitlinien, das Leben in seinen Brüchen und Freuden richtet sich aber selten danach, was im Buch steht und so entsteht eben auch gelebter Glaube, neben dem aufgeschriebenen. Das eine geht ohne das andere nicht, auch die Techniker brauchen die Grundlage. Weil das Leben aber komplexer ist, wird es halt so gelebt, wie es nun mal geht.

Und bevor jetzt wieder einige Menschen hyperventilieren und „Verrat an der Lehre“ oder dergleichen in die Tasten hauen: Die Geschichte dient nur dazu, humorvoll das aufzugreifen, was der Papst gesagt hat. Ich zitiere einmal unseren Bericht von der Predigt am Dienstag:

 

Das Reich Gottes macht man, täglich

 

Nichts ein für allemal Festgesetztes sei das Reich Gottes, sagte Franziskus dazu, sondern es befinde sich im Werden, im Wachsen, „auf dem Weg“. „Was ist das Reich Gottes? Nun ja – vielleicht eine richtig gut gemachte Struktur, wo alles geordnet ist, durchdachte Organigramme, und was da nicht hineinpasst, ist nicht Reich Gottes? Nein. Mit dem Reich Gottes verhält es sich vielmehr wie mit dem Gesetz… Es ist dafür da, es zu durchlaufen, das Reich Gottes ist unterwegs. Es steht nicht still. Mehr noch: Das Reich Gottes macht man, täglich.“

Das Gesetz ist dafür da, es zu durchlaufen. So habe ich das noch nie gehört und selber auch noch nie gesehen. Die beiden Dinge werden doch sonst eher als Gegensatz formuliert. Aber der Papst und die Erfahrungen der Firma Xerox zeigen, dass es ineinander gehört.

Nicht das Haben des Buches in der Hand zählt, sondern das Leben des Glaubens, täglich neu und meistens anders, als man sich selbst das so gedacht hat. Glauben ist halt spannend.

 

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Das Verhalten der anderen kontrollieren

Es ist kein Besuch beim Psychologen und kein Arztbesuch, wenn der Papst von Krankheiten spricht. Es sind geistliche Einsichten, die in die Sprache von Medizin verpackt sind. Aus aktuellem Anlass, hier ein Zitat von der Papstmesse am Montag, der Papst sprach über die Strenge in Glaubensdingen. „Hinter der Strenge versteckt sich etwas im Leben eines Menschen. Die Strenge ist keine Gabe Gottes. Die Milde sehr wohl; auch die Güte, das Wohlwollen, auch das Vergeben. Aber die Strenge nicht! Hinter der Strenge versteckt sich immer etwas; in vielen Fällen ist das ein Doppelleben, aber da ist auch etwas Krankhaftes. Wie sehr leiden doch die Strengen! Wenn sie ehrlich sind, dann merken sie, dass sie leiden. Weil es ihnen nicht gelingt, die Freiheit der Kinder Gottes zu haben. Weil sie nicht wissen, wie man im Gesetz des Herrn voranschreitet. Weil sie nicht selig sind. Sie leiden so sehr! Sie scheinen nach außen gut zu sein, weil sie das Gesetz befolgen; aber dahinter steckt etwas, das dafür sorgt, dass sie nicht gut sind. Entweder sind sie bösartig und heuchlerisch, oder sie sind krank. Sie leiden…“ (Papstmesse am 24. Oktober 2016).

Kein Mann der Strenge: Papst Franziskus

Kein Mann der Strenge: Papst Franziskus

Bei den berühmt-berüchtigten fünfzehn Krankheiten der Seele sind wir diesem Phänomen bereits ausführlich begegnet, der Ausdruck des „spirituellen Alzheimer“ zieht immer wieder Kritik auf sich, aber hier kann man noch einmal sehen, wie der Papst medizinische Metaphern verwendet. „Sie leiden, sie sind krank“ ist genau so zu verstehen.

Abgesehen davon ist dieses kleine kurze Stück eine ganz starke Aussage. So etwas Ähnliches habe ich neulich aus dem Mund von John Cleese gehört. Der sagt in einem kurzen Video „Wenn Menschen ihre eigenen Emotionen nicht im Griff haben, beginnen sie damit, das Verhalten anderer zu kontrollieren.“ Das ist die Strenge, die der Papst beklagt.

Wenn er also über die Gesetzeslehrer schimpft oder die Gesetzes-Religion beklagt, die in der Bibel zu finden ist, dann ist das nicht gegen die historischen Figuren von damals gerichtet. Das ist schlicht die geistliche Einsicht, dass es diese Haltungen heute gibt und dass man sie mit den Erzählungen der Bibel fassen kann, weil genau sie gemeint sind.

Keine Kontrolle also über den anderen, keine Strenge, sondern der ehrliche Blick auf sich selber. Denn dann merkt man, dass Barmherzigkeit das Gebot der Stunde ist.

 

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Christus in der Mitte

Was man so hört waren die Vorbereitungen nicht so einfach. Die Lutherische Kirche Schwedens, der Lutherische Weltbund, die katholische Kirche Schwedens und der Vatikan haben eine Papstreise vorbereitet, ein Tag wird ökumenisch sein, ein Tag für und mit den Katholiken des Landes. Aber auch wenn es nicht einfach war, das Ergebnis kann sich sehen lassen. Zumindest auf dem Papier oder dem Bildschirm, stattfinden wird er ja erst ab dem kommenden Montag.

Ökumene der Begegnung: Der Papst zu Besuch in der lutherischen Gemeinde in Rom

Ökumene der Begegnung: Der Papst zu Besuch in der lutherischen Gemeinde in Rom

Vor einigen Tagen hatte ich hier ja schon betont, wie wichtig dem Papst die Dimension des gemeinsamen Betens in der Ökumene ist. Das wird am Montag wieder sehr deutlich werden.

Aber was will der Papst in der Ökumene erreichen? Begegnung. Er will vor allem anderen ein Miteinander der Christen, das Trennung zwar nicht wegwischt, das aber die größeren Gemeinsamkeiten zeigt, nämlich den Glauben an Christus. Das hat alles mit Zeugnis zu tun, mit dem Verkünden durch das Leben, nicht durch Worte. Trennung um der Trennung willen, um des eigenen Profils willen, um der Tradition willen nimmt er nicht hin. Aber das Wichtigste ist, dass die Begegnungen auf Augenhöhe und echt passieren.

 

Nicht die kleine, heiligere Herde suchen

 

Das Ganze findet auch mit Blick auf 500 Jahre Reformation statt, da ist es um so besser, dass wir nicht gegenseitig mit dem Finger zeigen und betonen, warum wie eigentlich die bessere Theologie haben oder so. Es geht um Christus und das, was wir gemeinsam glauben.

Es gibt immer wieder die Versuchung, sich eine kleinere aber heiligere Herde zu wünschen, dann wäre alles viel besser. Das ist mit dem klaren Profil gemeint. Dass diese gewünschte  Heiligkeit aber genauso im aufeinander Zugehen und gemeinsamen Beten liegen kann und nicht nur im buchstrabengetreuen Erfüllen von Regeln, dass geht dabei verloren.

Der Papst fährt nach Schweden, um das Christliche zu betonen, das Gemeinsame, den Weg und das Zeugnis. Und das in einem Land, das zu den säkularisiertesten in Europa zählt. Die Kirchen dort sind gut vorbereitet. Und ich freue mich auf Schweden.

 

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Hilfe zum Sterben, Hilfe beim Sterben

Es ist eines der Hauptargumente der Freunde der aktiven Tötung von Kranken, allgemein Sterbehilfe genannt: Es sei nur unter strengen Regeln möglich. Aber immer und immer wieder werden diese ach so strengen Regeln danach – nach einer Einführung – aufgeweicht. So ist es zum Beispiel in Belgien möglich, Minderjährige zu töten. Und in den Niederlanden gibt es jetzt den Vorschlag, auch Nichtkranke sollten das in Anspruch nehmen können.

Eine Spritze: Ist das ein Mittel fürs erfüllte Leben?

Ist das ein Mittel fürs erfüllte Leben?

Wohlgemerkt: Der Vorschlag kommt nicht von irgendwelchen Aktivisten, sondern aus dem Kabinett. Die wollen das wirklich. Wahrscheinlich heißt es auch hier dann, dass das nur unter strengen Regeln möglich sein soll, mal wieder.

Vor Kurzem war der deutsche Gesundheitsminister in Rom, Hermann Gröhe sprach über genau dieses Thema. Eigentlich ist das in Deutschland doch durch, dachte ich damals. Weit gefehlt. Vorstöße wie der in den Niederlanden zeigen, dass das Thema bleiben wird und dass wir immer und immer wieder den Schutz und die Würde des Menschen verteidigen müssen.

Gröhe sagte in seinem Vortrag, dass man die Würde des Menschen nur verteidigen kann, wenn man sein Leben verteidigt. Außerdem sei er gegen den Begriff „Sterbehilfe“. Ich zitiere noch einmal, was er mir ins Mikrophon gesagt hat: „Wer möchte nicht einem Schwerkranken und einem Sterbenden helfen? Die Frage ist aber, ob es richtig ist, unter ‚Sterbehilfe‘ zu verstehen, dass einem Sterbenden durch das Reichen eines Giftbechers und das Ausstellen eines Sterbescheins geholfen wird, oder durch das Pflegen und Schmerzen-Lindern.“ Die Menschen brauchten Hilfe beim Sterben, nicht Hilfe zum Sterben.

 

Angst vor dem Druck

 

Auch sei es falsch, Suizid als einen Akt der Freiheit und Selbstbestimmung zu überhöhen. Aber genau das ist jetzt das Thema in den Niederlanden. Es wird mit ebendieser Selbstbestimmung argumentiert, die auch ältere Menschen hätten.

Dabei ist die Realität anders: Von Freunden aus den Niederlanden weiß ich, dass dort viele ältere Menschen Angst haben, getötet zu werden, oder dass sie sich dem Druck ausgesetzt sehen, jetzt doch vielleicht endlich Schluss zu machen. Das mag als Gefühl eine übertriebene Reaktion sein, aber es zeigt, was für ein Klima entsteht. Es ist wie beim „Neusprech“: Man sagt „Selbstbestimmung“, erzeugt aber Druck, dass Menschen doch bitte anderen nicht mehr zur Last fallen mögen.

Es gibt gute und menschliche und würdevolle Wege, mit dem Sterben umzugehen, auch mit dem Sterben anderer Menschen. Die Forderung, dass Selbsttötung zu den Optionen für ein selbstbestimmtes Leben gezählt werden soll, gehört nicht dazu. Sie ist lebensfeindlich und damit die Würde verletzend.

 

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Das ging aber schnell!

Mal zur Abwechslung was eher Belangloses. Der Papst spielt Tic Tac Toe. Auf einer Leiter stehend macht er ein Kreuz in das Linienfeld an der Häuserwand, ein Schweizergardist steht Schmiere und passt auf, dass er dabei nicht erwischt wird. Ein eher witziges Graffiti erschien an diesem Mittwochmorgen an einer Häuserwand im Borgo Pio in Rom, nicht weit vom Petersplatz entfernt. Wie alle diese Graffitis war es nicht gemalt, sondern auf Papier aufgebracht und dann schnell an die Wang geklebt, viel Zeit hat man halt nicht für so ein Gemälde.

Das Graffiti, als es noch da war

Als es noch da war

Es ist nicht das erste. Der Papst als Supermann, der Papst auf dem Fahrrad, immer wieder gibt es nette Wand-Gemälde zum Papst. Aber alle teilen dasselbe Schicksal wie der Spieler an der Wand: Der Tag ist noch nicht um, da ist das schon abgekratzt und die Wand übermalt. So auch am Mittwoch.

Morgens wurde es entdeckt und machte seine Runde im Internet, erste Kommentatoren vermuteten eine nichtchristliche Symbolik in den gemalten Kreuzen und Zeichen, aber als ich dann gegen Mittag dort vorbei kam, was es weg. Die Besitzerin des Ladens, wo ich oft ein Sandwich auf die Hand beziehe, stand ganz betreten dabei, während ihr Mann die Scheibe an der Auslage putzte, welche die Abkratz-Aktion natürlich nicht gesäubert hatte. „Wenn es wichtig ist, dann ist die Stadt Rom nicht so schnell.“ Wie weise.

Warum nur? Warum bleiben tiefe und gefährliche Schlaglöcher für Monate unbeachtet und so eine Zeichnung hält nur wenige Stunden? Warum sind die Graffiti an anderen römischen Wänden – teilweise sehr geschmacklos – nach Wochen noch zu sehen und brauchen eine eigene ehrenamtliche Aktion, um weggemacht zu werden, diese eindeutig als Kunst zu erkennende Aktion überlebt aber nicht mal eine Arbeitsschicht? Fragen über Fragen. Wir, die wir in Rom leben, schütteln nur noch den Kopf. Und dann ist das Ganze doch wieder nicht so belanglos, wie es am Anfang schien.

Abgekratzt und übermalt: einige Stunden später

Abgekratzt und übermalt: einige Stunden später

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Barmherzigkeit, ökumenisch

Beten, helfen, bezeugen: Der Papst mag seine Dreischritte, und auch zum Thema Ökumene hat er einen solchen, vorgelegt bei einer kleinen Audienz am Mittwoch vergangener Woche, bei der er Vertreter einer der internationalen Gruppen empfing, in der sich viele Christliche Gemeinschaften versammeln, katholisch, evangelikal, Adventisten, Orthodoxe und so weiter.

Aber zurück zum Dreischritt: Erstens muss man gemeinsam beten, können wir gemeinsam beten. Das ist gar nicht so einfach, wenn man etwa den Streit um ein eventuelles gemeinsames Gebet mit den Orthodoxen denkt. In Jerusalem, so erinnere ich mich, hatte der dortige Patriarch 2013 noch darauf bestanden, dass man in der Auferstehungskirche nicht gemeinsam ein Gebet spreche, sondern lediglich parallel, sozusagen.

Dann gibt es – ich überspringe kurz einen Schritt – die Ökumene des Blutes. Der Feind kennt keine Konfessionen sondern tötet Christen. Das ist offensichtlich und macht die Unterschiede irgendwie weniger wichtig.

Und dann ist da der zweite Schritt, das gemeinsame Helfen. Wenn wir barmherzig sind, dann sind wir bereits vereint, in den Worten des Papstes. Das war ihm so wichtig, dass er es am Tag darauf vor 1.000 Jugendlichen aus Deutschland – Aktion „Mit Luther nach Rom“ – wiederholt hat.

Das ist jetzt nicht das verzweifelte Umbiegen des Barmherzigkeits-Themas auf alles, was ihm vor das Mikro kommt. Das zeigt nur, wie grundsätzlich Barmherzigkeit ist.

Ende des Monats geht es nach Lund, Schweden, um da gemeinsam mit dem Lutherischen Weltbund der Reformation zu gedenken. Der Papst ist nicht als Gast dabei, sondern als Einladender, gemeinsam wird gebetet. So viel zum ersten Schritt.

Meine Vermutung ist, dass er im Augenblick sozusagen „Ökumene testet“, dass er seine Gedanken ausprobiert, bevor er dann entscheidet, was er genau in Schweden sagen wird. Wir bekommen also einen Vorgeschmack, wenn ich denn recht haben sollte.

Mehr dann in etwas über einer Woche aus Lund.

 

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