Jesus und Christus und menschliche Erfahrung

Menschwerdung ist viel schwerer als Auferstehung. Beides kennen wir nicht aus eigener Erfahrung, wir sind immer schon Mensch und was eine Auferstehung ist, entzieht sich unserer Welt.

Allenfalls haben Mütter vielleicht eine Ahnung, was Gott-wird-Mensch bedeuten kann, aber dazu muss ich selber natürlich schweigen.

Die Grotte von Greccio, Ort der ersten Krippe

Die Grotte von Greccio, Ort der ersten Krippe

Und trotzdem ist gerade diese Szene, die Grotte und die Nacht und die Engel und die Geburt, immer wieder eine Art Einstieg für den Kontakt zwischen unserer eigenen Erfahrungswelt und der Geschichte Jesu.

Nehmen wir das auffälligste Beispiel: Der heilige Franziskus hat mit Menschen das Geschehen nachgespielt, erstmals in einer Grotte in Greccio. Daraus ist dann unsere Krippe entstanden. Damals war das aber eher ein Nachspielen, ein sich in die Situation begeben, ein erspüren dessen, was da so alles passiert. Eben nicht ein Nachdenken, Philosophieren über Gott und Mensch und die unendliche Distanz zwischen Gott und Mensch, die im Kind überwunden wird. Sondern schlicht ein sinnliches Nachgehen.

 

Die Personen sehen

 

Ähnlich macht es mein Ordensgründer, Ignatius von Loyola. In seinen geistlichen Übungen heißt es in einer Übungsanleitung: „Die Personen sehen, nämlich unsere Her­rin sehen und Josef und die Magd und das Kind Jesus, nachdem es geboren ist; ich mache mich dabei zu einem kleinen armen und unwürdigen Knecht, indem ich sie anschaue, sie betrachte und ihnen in ihren Nöten diene, wie wenn ich mich gegenwärtig fände, mit aller nur möglichen Ehrer­bietung und Ehr­furcht.“ Dass Ignatius dabei Personen hinzuerfindet – die Magd und der Knecht – ist geistlich-pädagogische Freiheit, um dem Übenden einen Einstieg zu ermöglichen.

Darauf folgt bei Ignatius die Anweisung „Und danach mich auf mich selbst zurückbesinnen, um irgendeinen Nut­zen zu ziehen.“ Nutzen, das heißt in diesem Zusammenhang inneren geistlichen Bewegungen nachgehen.

Das Ganze ist wie bei Franziskus selber auch nicht isoliert zu sehen, das gehört in einen Kontext, aber es wird auch klar, dass gerade die Weihnacht einen Einstieg ermöglicht in das, was Jesus mit uns und für uns geworden ist.

 

Was Jesus mit uns und für uns geworden ist

 

Noch einmal Ignatius, wenn ich darf, in der dann folgenden Anweisung zur Übung: „Schauen und erwägen, was sie tun, wie etwa das Wan­dern und Sichmühen, damit der Herr in höchster Armut geboren werde und damit er am Ende so vieler Mühen in Hunger, in Durst, in Hitze und in Kälte, in Beleidigungen und Anfeindungen am Kreuz sterbe; und dies alles für mich. Danach, indem ich mich auf mich zurückbesinne, irgendei­nen geistlichen Nutzen ziehen.“ Das Kreuz ist nie fern, dieser Jesus ist also auch immer schon der Christus, wie können nicht so tun, als wüssten wir nicht, was dann geschieht.

Das gehört auch zur Krippe, die wir unter den Baum stellen oder sonstwo in Stadt oder Wohnung haben. Das Kind ist in Armut und Kälte geboren, sozialer Kälte vor allem, abgewiesen. Und das wird sich in der weiteren Geschichte Gottes mit den Menschen auch nicht ändern. Die Krippe, so heimelig sie auch tut, ist erst der Anfang.

Kein Grund, nicht zu feiern, Gott hat sich ja trotz allem entschieden, einer von uns sein zu wollen, das ist einer Feier würdig.

In diesem Sinn wünsche ich Ihnen allen eine gesegnete Weihnacht.

 

 

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Nicht wählbar

Es ist der einfachste Weg, maximale Aufmerksamkeit und Erregung zu erzeugen: ein Nazi-Vergleich. Alles regt sich auf, alle Tabus werden berührt. Genau das will Frau Weidel von der AfD, indem sie die Kirche in den Zusammenhang mit dem 3. Reich stellt.

Screenshot vom Tweet

Screenshot vom Tweet

Der Tweet ist von gestern, also vom 21. Dezember.

Natürlich kann man jetzt die Rolle der Kirchen unter den Nazis debattieren, das Raushalten, die Unterstützung, den Widerstand. Aber das ist ja gar nicht die Absicht von Frau W. Sie will diffamieren.

Sie will Erregung, Aufregung, stillschweigendes Kopfnicken all derer, denen kirchliche Positionen nicht passen oder zu anstrengend sind.

Das hat nichts aber auch gar nichts mit geschichtlichen Entwicklungen zu tun. Das hat mit heute zu tun und damit, dass sich Kirche nicht heraushalten will. Ich könnte jetzt böse sein und das zu einer Erfahrung erklären, die aus dem Dritten Reich stammt, aber das braucht es gar nicht. Wer aus christlicher Überzeugung und in Gemeinschaft die Gesellschaft prägen möchte, der darf das. Das hat nix mit Trennung von Kirche und Politik zu tun.

Die Kirchen sagen, dass die AfD für Christen nicht wählbar ist? Genau, Frau W. Und Sie liefern einen Grund mehr. Wenn es den noch gebraucht hätte.

 

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Von Eitelkeit und großem Einsatz

Rom zu reformieren ist wie die Sphinx in Ägypten mit einer Zahnbürste zu reinigen: Lockere Worte wieder einmal, die eine ernste Realität beschreiben. Papst Franziskus hat seine Weihnachtsansprache an seine Mitarbeiter (es war nur eine Frau dabei) dazu genutzt, grundsätzliches zu sagen. Und mit diesem Zitat eines belgischen Bischofs aus dem 19. Jahrhundert begonnen. Er weiß, wovon er redet.

Um eine Reform zu erreichen, brauche es deswegen „Geduld, Hingabe und Takt“, weil die Kurie eine „alte, komplexe, ehrwürdige“ Institution sei, in der Menschen aus sehr vielen Kulturen arbeiten, vielen Sprachen, vielen Mentalitäten.

Alle Jahre wieder: der Papst und seine Kurie

Alle Jahre wieder: der Papst und seine Kurie

Und warum gibt es die Kurie? Um dem Petrusdienst zu dienen. Eine Verwaltung, die in sich selbst abgeschlossen sei – ich übersetze: die um sich selbst kreist – verrät den Grund, warum es sie überhaupt gibt.

Soweit, so gut. Es gibt aber wohl keinen Beobachter, der nicht halb auf die vergangenen Weihnachtsansprachen geschielt hätte, vor allem auf die 15 Krankheiten der Seele und die Antibiotika im Jahr darauf. Der Papst hält sich ja bekanntermaßen nicht zurück, wenn er zu den engsten Mitarbeitern und über die engsten Mitarbeiter spricht.

Aber leider gebe es eben auch diejenigen, die sich von Ehrgeiz oder Eitelkeit korrumpieren ließen und die Größe ihrer Verantwortung in der Reform und im Dienst nicht erkannt haben. Und wenn diese dann „schonend entfernt“ werden, machten sie sich selbst zu Märtyrern des Systems und zu Opfern des „nicht-informierten Papstes“ oder der „alten Garde“. Anstatt also eigene Fehler zu sehen, suchten diese die Schuld nur beim anderen.

Es versteht sich von selbst, dass der Papst – wie immer – keinen Namen nennt.

 

Das Lob nicht vergessen!

 

Dann kam aber auch gleich das Lob für den außerordentlich großen Teil treu arbeitender Menschen mit „lobenswertem Einsatz, Treue, Kompetenz, Hingabe und viel Heiligkeit“. Bitte bei der Wahrnehmung der Papstworte diesen Teil nicht vergessen!

Denn diese Formulierungen erwartet man ja irgendwie, lobende Worte scheinen nicht des berichtens wert. Die ersteren aber scheinen direkt aus den vielen Mediengeschichten über den Papst entnommen, der nicht-informierte Papst ist ein gerne genommener Vorwurf, auch die „alte Garde“ und so weiter. Und das sich selbst zum Opfer erklären haben wir auch schon mal gelesen, nicht wahr?

Das Gegenmittel: Mea culpa. Also auf sich selber schauen, die eigenen Fehler und Schwächen sehen und anerkennen statt das auf andere zu projizieren. Es ist also weniger eine systemische denn eine spirituelle Kritik, welche der Papst da äußert.

Dass in einer Institution wie dem Vatikan nicht alles glatt läuft, wissen wir. Dass das auch immer menschliche Geschichten sind, auch. Dass man sich gerne gegenseitig kritisiert, vor allem auch gerne privat oder anonym Journalisten gegenüber, ist ein vatikanischen Phänomen. Dass direkt kritisiert wird, ist in diesem Pontifikat neu, aber so wirklich überraschend auch nicht.

 

Anonyme Kritik

 

Ich lese die Ansprache von diesem Jahr so: Der Papst weiß sehr wohl, wie es um die Kurie und ihre Mitarbeiter bestellt ist. Er sagt nicht immer was, was ja auch nicht seine Aufgabe ist, aber er nimmt wahr, was schief läuft. Und er sieht auch das Gute, was leider bei der Berichterstattung gerne durch den Rost fällt. Ich gehe jede Wette ein, dass in jeder Überschrift zur Ansprache die Kritik genannt wird.

An dieser Stelle müsste man eigentlich über die zweite Ansprache von heute sprechen, die er an alle Mitarbeiter des Vatikan gerichtet hat. Da bat er – wie in der Vergangenheit auch schon – um Vergebung für die eigenen Fehler und die Fehler der Kleriker im Vatikan und lobte den Einsatz. Außerdem sprache er sich sehr deutlich für Arbeitnehmerrechte im Vatikan aus, auch das manchmal ein etwas schwieriges Kapitel.

Es war wieder einmal der reflektierende Blick auf die Kurie und deren Aktivitäten und Mitarbeiter, welchen der Papst an diesem Donnerstag geliefert hat. Direkt, deutlich in den Sprachbildern, kritisch aber auch lobend. Damit kann ich selber als Vatikanmitarbeiter gut arbeiten.

 

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Beten im Wir-Modus

Es hört nicht auf. Immer noch geistert das Thema „Der Papst will das Vaterunser verändern“ durch die Gegend. Am Sonntag wieder, auf der Titelseite der FAZ. Einerseits toll, weil über Gebet und Gott und Versuchung und Vergebung gesprochen wird. Andererseits auch komisch, weil eine ganze Reihe werter Kollegen eben genau das behaupten, der Papst wolle das was ändern. Oder gar eine Umtextung, wie die FAZ munkelte, in einem früheren Artikel (und ja, ich lese auch andere Zeitungen).

Es hat mir spannende Gespräche beschert. Mit Mitbrüdern, Journalisten, Freunden, ich habe viele Stimmen gehört und immer wieder kam die Rede darauf, erstens was Versuchung genau ist, wenn wir von Gott sprechen und zweitens auf die Schwierigkeit, Gott um etwas zu bitten und Erfüllung zu erwarten.

 

Bitten und auf Erfüllung warten

 

Bei jedem Gespräch und auch bei jeder Lektüre entdecke ich wieder was Neues. Deswegen kann ich diese Debatte nur gut finden. Aber es gibt auch Dinge, die sich deutlicher bei mir selber als Frage herausstellen.

Da ist zum Beispiel das Bitten. Was passiert denn, wenn das, worum ich bitte, nicht eintritt und bei jemand anderem schon? Oder umgekehrt, ich werde verschont, sozusagen, der andere aber nicht? Was macht das mit dem Gebet?

Klar, ich kann Gott und seine Liebe nicht daran messen, ob es mir auch gut geht. Trotzdem ist es doch Teil unseres kleinen Einmaleins des Empfindens, Bitten mit Bekommen irgendwie zu verbinden. Wer um etwas bittet, lässt das nicht einfach so stehen. Das geht weiter.

 

Kein Singular-Gebet

 

Da kommt dann ein Wort ins Spiel, dass man vielleicht übersehen kann: „wir“. Das Vaterunser betet sich nicht im Singular, sondern im Plural. Ich kann es gar nicht beten, wenn ich etwas für mich will. Ich bitte um Dinge für alle, für das „uns“, für die Gemeinschaft all derer, die beten. Das nimmt nicht nur den Druck aus dem Gebet, was das Messen am Bekommen angeht, das rückt auch das Gebet als solches in Perspektive. Es ist ein Gemeindegebet, ein Gemeinschaftsgebet. Weiterlesen

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Goodbye Radio Vatikan, welcome Vatican News

Es ist soweit. Nach zwei Jahren von Reform und Planung kann man nun einige der Ergebnisse sehen. Seit heute ist unser neues Portal online, damit auch der neue Name, das neue Logo und überhaupt wird alles neu.

Das sind wir jetzt

Das sind wir jetzt

Wobei man klar sagen muss, dass sich Reform nicht in diesem Portal erschöpft. Das ist viel mehr.

Irgendwie ist es natürlich schade, dass wir unseren alten Namen verlieren, Radio Vatikan wird es „nur“ noch als italienischen Radiosender geben. Aber man kann eben nicht alles reformieren und gleichzeitig alles behalten wollen.

Das wird natürlich aus Auswirkungen auf diesen Blog haben, der wird sich nicht weiter RadioVatikanBlog nennen. Aber das darf gerne noch einige Tage dauern, nichts überstürzen, und schon gar nicht über Weihnachten. Aber wundern Sie sich nicht, wenn es irgendwann auch hier einen anderen Titel und dergleichen gibt.

Die drei Logos der drei verschiedenen Abteilungen

Die drei Logos der drei verschiedenen Abteilungen

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Entscheidungsgenerator? Mitnichten!

„Entscheidung“ oder „Unterscheidung“? Wenn man bei vatican.va, immerhin das offizielle Portal des Vatikan, das Vorbereitungsdokument für die nächste Versammlung der Bischofssynode aufruft, findet man den Titel „Die Jugendlichen, der Glaube und die Berufungsentscheidung“. Im Text selber findet sich als Titel für die Veranstaltung „Die Jugendlichen, der Glaube und die Berufungsunterscheidung“. Entscheidung oder Unterscheidung, das ist die Frage.

Auf einmal ist er ganz prominent: Der Begriff „Unterscheidung“, vorher nur spirituellen Spezialisten geläufig, wurde von Papst Franziskus ins Zentrum seiner Vorstellung von geistlichem Leben und von Seelsorge gestellt. Unter „Entscheidung“ kann man sich was vorstellen, bei „Unterscheidung“ ist das schon schwieriger.

Papst Franziskus am ersten Tag seines Pontifikates

Papst Franziskus am ersten Tag seines Pontifikates

Bei der Unterscheidung geht es um das, was Karl Rahner einmal als die „Konkretheit und Unableitbarkeit des menschlichen freien Handelns“ genannt hat. Soll heißen: man kann die Entscheidungen des Handelns nicht ins Allgemeine heben, vom allgemein Gültigen her klären, sonst wäre das „Konkrete zu einem bloßen Fall des Allgemeinen“ degradiert. Der Text Rahners stammt übrigens schon aus den 50er Jahren, „Zur Logik der existenziellen Erkenntnis“ ist aber immer noch lesenswert.

Die sich auf Ignatius von Loyola – den Gründer des Jesuitenordens – berufende Tradition will nichts weniger, als den Betenden in Kontakt zu bringen mit dem Willen Gottes. Nicht mit allgemeinen Prinzipien, nicht mir Allaussagen, wie die Logik das nennt. In Rahners eigener und sehr sperriger Sprache (aus einem anderen Artikel): „Diese Wahl aber ist für Ignatius dort (..) nicht einfach die Anwendung allgemeiner menschlicher, christlicher und kirchlicher Normen auf einen Einzelfall, der so nur, wenn vielleicht auch sehr komplex, die Einzelrealisation des Allgemeinen wäre, sondern die Wahl des über alle allgemeinen Normen hinaus je einmalig von Gott Gewollten und Zugeschickten“.

 

Keine Anwendung allgemeiner Prinzipien

 

Soll heißen: Eine Wahl – das Ergebnis der Unterscheidung – erfolgt in der Einmaligkeit der Begegnung zwischen Gott und Mensch.

Rahner besteht darauf, dass die Kirche als Handelnde in dem Gebetsprozess nicht vorkommt. Sie ist Rahmen, sie ist Ort, sie ist Vorgabe und Vermittlung, handelt selber aber nicht zwischen Gott und Mensch, wenn es um die Exerzitien und damit um die Unterscheidung geht. Das macht mich nicht zum Herrn über die Kirche, Rahmen und Ort bleiben Rahmen und Ort, es gibt kein „für mich ist …“. Aber es gilt auch die Unmittelbarkeit im Gebet. „Der Wille Gottes ist nicht einfach und restlos vermittelt durch die objektiven Strukturen von Welt, allgemeiner Gültigkeit des Christlichen und der Kirche“, um noch einmal Rahner zu zitieren.

Machen wir ein Beispiel und nehmen den Text, der so gerne und viel debattiert wird, Amoris Laetitia: „Die Geschiedenen in einer neuen Verbindung, zum Beispiel, können sich in sehr unterschiedlichen Situationen befinden, die nicht katalogisiert oder in allzu starre Aussagen eingeschlossen werden dürfen, ohne einer angemessenen persönlichen und pastoralen Unterscheidung Raum zu geben“. „Die Synodenväter haben zum Ausdruck gebracht, dass die Hirten in ihrer Urteilsfindung immer ‚angemessen zu unterscheiden‘ haben, mit einem ‚differenzierten Blick‘ für ‚unterschiedliche Situationen‘. Wir wissen, dass es ‚keine Patentrezepte’ gibt“ (298).

 

Kein Suchen von Zeichen

 

Dabei geht es nicht darum, Zeichen zu suchen, die Gott sendet. Das ist ein Missverständnis, das einem häufiger begegnet. Ein Zeichen würde ja die „Wahl“ aufheben, weil sich daraus eine Eindeutigkeit ergäbe. Es geht um Sorgfalt, um Gebet und immer wieder Gebet, es geht um Nuancen und innere Freiheit, es geht um das Handeln Gottes in mir, es geht um Erfahrung und Wahrnehmung.

Das kann Angst auslösen, weil es keine automatisch sich ergebenden Lösungen für Probleme gibt. Ich gebe also eine Situation in einen Entscheidungsgenerator und heraus kommt ein durch Ethik, Moral, Gesetz und Tradition gedecktes Ergebnis. Ohne eigenes Zutun. Genau das ist Unterscheidung eben nicht.

 

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Mehr als nur Worte

Da kommt man ja kaum noch nach, mit den Nachrichten in dieser Woche: Wieder einmal Amoris Laetitia, dieses Mal aber lehramtlich von Seiten des Papstes. Dann die Übersetzung des Vaterunser, keine triviale Sache. Der fünfte Geburtstag des Twitteraccounts des Papstes steht auch an, dann dasHochfest und der Advent.

In der täglichen Besprechung der Themen des Tages haben wir immer wieder gelacht. Die französische Redaktion hatte ein Interview mit dem Autor des Vaterunser ausgemacht, so stand es im Plan. „Also mit dem Heiligen Geist“, kam gleich der Einwurf, und damit das Lachen. Das Interview verschob sich und so kam Ankündigung und Witz noch zwei Mal.

Griechische Bibelschrift, 10. Jh. Quelle: Wikipedia

Griechische Bibelschrift, 10. Jh. Quelle: Wikipedia

Die anderen Sprachen haben sich nicht viel dabei gedacht, bis in Deutschland ein Bischof die französische Übersetzung kritisierte und dann der Papst diese Übersetzung lobte. Öffentlich. Auf einmal ist das ein Thema.

Keine triviale Sache, habe ich das genannt. Das Vaterunser ist ja nicht nur das Gebet, Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern beigebracht hat, so ist es überliefert. Es ist auch das Gebet, das die meisten noch im Halbschlaf erinnern. Dort ein Wort zu verändern wirft uns sozusagen aus der Bahn, ein Leben lang eingeübte Praxis zu ändern.

 

Wer führt in Versuchung?

 

Dass Gott uns in Versuchung führt sei keine gute Übersetzung, so der Papst. Und das beträfe ja auch unsere eigene, die deutsche. Mt 6:13 übersetzt in der Neuen Einheitsübersetzung sagt: „Und führe uns nicht in Versuchung, sondern rette uns vor dem Bösen!“ Genauso sagt es die Lutherbibel, mit dem Zusatz „erlöse uns von dem Bösen“.

Die Neue Genfer Übersetzung ist da schon näher an der neuen französischen und damit an der vom Papst gelobten: „Und lass uns nicht in Versuchung geraten, sondern errette uns vor dem Bösen.“ Dieselbe Übersetzung zu Lk 11: „Und lass uns nicht in Versuchung geraten“, während die Einheitsübersetzung auch hier sagt: „Und führe uns nicht in Versuchung!“. Die neue französische Übersetzung sagt: „Et ne nous laisse pas entrer en tentation.“

„εἰσενέγκῃς ἡμᾶς εἰς πειρασμόν” heißt es auf Griechisch bei Lukas, was „in etwas hinein führen“ bedeutet. Matthäus benutzt dasselbe Wort. Wobei ich einschränkend sagen muss, dass ich genaue moderne Exegese in diesem Punkt nicht kenne, da sind jetzt die Fachleute gefragt. Der Vatikan hat übrigens die neue französische Übersetzung schon 2013 approbiert.

 

Übersetzen ist kein trivialer Akt

 

In Versuchung führen oder in Versuchung geraten lassen, das ist schon etwas anderes und nicht schlicht Haarspalterei. Der Grund ist ganz einfach und theologisch fundiert: Ein Vater macht sowas nicht, jemanden in Versuchung führenm sagt der Papst. Und er sagt in seiner TV-Sendung auf Italienisch „battere“, klopfen, pochen, schlagen. Bildlich also. Der Vater schaut nicht einfach auf den, der gefallen ist. Der Vater – Gott – hilft wieder auf.

Bischof Voderholzer hatte in seinem Kommentar auf den Zusammenhang mit Erbsündenlehre verwiesen, es stehe dem Menschen nicht an, Jesus zu korrigieren. Zwar müsse man das Gebet erklären, aber nicht ändern, so lautete seine Kritik.

Wenn man es aber ändert, dann wird aus der Bitte an Gott, etwas nicht zu tun, eine Bitte um Schutz. Und trotz aller möglicher anderer Themen finde ich das das wichtigste: hier geht es um Gottesbild und um Gebet. Und wenn wir darüber nicht sprechen, dann ist eigentlich alles andere nicht mehr wichtig. Sprechen wir darüber, sprechen wir darüber was und wie wir beten, was wir meinen, wie wir es sagen, einzeln und in Gemeinschaft und in Liturgie.

Eine gute Debatte, finde ich.

 

Seite 3 der BILD von diesem Freitag

Seite 3 der BILD von diesem Freitag

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Spannungsfeld Papst

Mit meinem letzten Post habe ich mich weit aus dem Fenster gelehnt. Und falsch gelegen. Der Papst kann mit seiner Reise nach Myanmar und Bangladesch nicht gewinnen, habe ich gesagt. Und zu den Gründen stehe ich auch nach wie vor. Aber jetzt, da die Reise läuft, muss ich meine Schlussfolgerungen dann doch ändern.

Einen Schritt dazu habe ich schon gemacht, in einem Artikel für die Zeitung Die Zeit. Jetzt hat der Papst Bangladesch für die Aufnahme von muslimischen Flüchtlingen gelobt. Ohne das Wort ‚Rohingya‘ zu benutzen. Und er hat drei Familien von Rohingya auf die Bühne gegrüßt und sie so ins Rampenlicht gesetzt. Und um Vergebung gebeten. Und das Wort Rohingya gebraucht. Wer jetzt nicht versteht, dem ist auch nicht zu helfen.

Ankunft in Bangladesch: Begrüßung der Gläubigen vor der Messe an diesem Freitag

Ankunft in Bangladesch: Begrüßung der Gläubigen vor der Messe an diesem Freitag

Für die Zeit habe ich das „Methode Franziskus“ genannt, bewusst undiplomatisches Verhalten, das Unruhe schafft und Spielräume öffnet. Der Papst macht etwas, tut etwas, sagt etwas, und geht damit einen ungewohnten Weg. Er nutzt das Wort ‚Rohingya‘ im August, obwohl die Bischöfe des Landes schon im Juni gebeten hatten, das nicht zu tun. Dann sind alle aufgeregt, die Bischöfe, die Generäle, alle Journalisten wollen wissen ob er das durchhält, Druck auf Aung San Suu Kyi, auf die Machthaber, alle sind unter Spannung weil nicht alles nach fein abgezirkeltem Plan läuft.

In Myanmar wurde vor allen offiziellen Terminen erst einmal ein informelles Treffen mit den Generälen eingeschoben, danach außerdem ein interreligiöses Treffen. Da war auf einmal Bewegung drin.

 

Im Kern konstruktiv

 

Vorsicht: das ist kein Elefant-im-Porzellanladen verhalten. Also erst mal Schaden anrichten und dann sich als gegen-das-Establishment aufspielen, wie das der Herr im Weißen Haus drüben tut. Was der Papst macht ist im Kern konstruktiv, nur geht es eben über Spannung.

Und es geht – und das ist die ganz große Stärke – über Religion. Es sind religiöse Botschaften, die er bringt, auch die vom Frieden und das Sprechen von Flüchtlingen ist keine rein humanitäre Aktion, das ist mehr. Und das gibt ihm überhaupt erst die Möglichkeit, diese Spannungsfelder zu erzeugen.

Und damit untergräbt er auch nicht seine moralische Autorität. Das ist ja der Vorwurf, der ihm von unserer westlichen Seite aus gemacht wurde. Demnach hat man nur moralische Autorität, wenn man offen und ehrlich die Dinge anspricht und die Konsequenzen in Kauf nimmt. Das mag so sein, das bringt aber nicht das, wofür der Papst einstehen will: Frieden und Hilfe für die Menschen vor Ort.

 

Religiöse Autorität

 

Genauer betrachtet ist es also kein „Versuch“, den der Papst unternimmt, wie ich etwas ungenau im vergangenen Kommentar hier geschrieben habe. Ich habe dazu gelernt. Es ist seine Art des Beitrags zum Gemeinwohl. Er betet an der Trennmauer, die Israel baut, und schafft Unruhe im Land, was zu Reaktionen führt. Das heißt, man reagiert. Er fährt dahin, wohin schon keiner mehr fährt. Er spricht mit Leuten, mit denen keiner mehr spricht, weil ja eh klar ist, was die sagen. Und er schafft diese Spannungsfelder, in denen auf einmal etwas an Bewegung möglich ist, wo es vorher keine geben konnte.

Geistliche Politik, Beitrag von Religion zum Gemeinwesen und zum Frieden, man nenne es, wie man will. Aber es ist zutiefst päpstlich.

 

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Er kann nicht gewinnen

Er kann gar nicht gewinnen. Und probiert es trotzdem. So etwa mag ich das Projekt zusammenfassen, was der Papst in diesen Tagen unternimmt: die Papstreise nach Myanmar und Bangladesch.

Die große Frage ist natürlich die nach den Rohingya, der ethnischen Minderheit, die aus Myanmar fliehen und die von Bangladesch nicht aufgenommen werden. Das Problem ist natürlich viel größer, es betrifft auch noch andere Länder, aber die besuchten Länder sind sind die beiden Länder im Fokus. Und ein Papst, der sich die Flüchtlingsproblematik so sehr auf die Fahne geschrieben hat – siehe Papstbotschaft zum Friedenstag in der vergangenen Woche – der richtet ganz natürlich das Augenmerk auf die Situation der Menschen dort.

Der Papst ist wieder unterwegs: hier bei seiner bisher letzten Reise, in Kolumbien

Der Papst ist wieder unterwegs: hier bei seiner bisher letzten Reise, in Kolumbien

Warum kann er nicht gewinnen? Weil er in einer der berühmten Zwickmühlen steckt. Nehmen wir das Beispiel Aun Sang Suu Kyi, ihr wird vorgeworfen, nicht deutlich genug gegen die Verfolgung der Rohingya aufzustehen, obwohl sie das Land faktisch regiert. Dasselbe wird man dem Papst vorwerfen: Dass er nicht laut genug protestiert habe.

Die Kirche im Land hat wiederholt darauf hingewiesen, und das auch öffentlich, dass es viel mehr Minderheiten gibt als nur die eine und dass das Leben auch für die anderen mit Leid verbunden ist.

Die Bischöfe haben den Papst sogar direkt gebeten, auf den Begriff „Rohingya“ zu verzichten. Schon im Juni, also weit im Vorlauf, hätte man das Anliegen vorgebracht, so Erzbischof Alexander Pyone Cho, zu dessen Bistum auch das Krisengebiet Rakhine gehört. Die Agentur Ucanews zitiert ihn: „Wir haben gesagt, dass das Wort Rohingya im Land immer noch ein sensibler Punkt ist und daher während der Reise besser nicht benutzt wird“. Die Konzentration auf die Rohingya verdränge andere Probleme und gebe außerdem den Militärs die Macht und die Legitimität, wieder einzugreifen.

Wenn er also den Hinweisen der Ortskirche folgt, dann macht er es uns Westlern nicht recht, wenn er es uns Westlern recht macht, dann richtet er vielleicht im Land selber mehr Schaden an als Nutzen.

 

Schaden oder Nutzen?

 

Das meinte ich damit, dass er nicht gewinnen kann. Aber er probiert es trotzdem. Ich muss kein Prophet sein um vorauszusagen, dass es um Frieden, Frieden und Frieden gehen wird. Religionen tragen zum Frieden bei, wenn es echte Religionen sind, das war und ist sein Thema.

Gespräch mit den Religionen überhaupt ist wichtig, das kann man mit Blick auf das Programm sehen. Ob es dann aber tatsächlich zu mehr Frieden beiträgt, hängt vor allen an den Menschen vor Ort.

Natürlich darf man nachfragen, ob die Tatsache, dass etwas im Land ein sensibler Punkt ist, ausreicht für die Begründung eines Verzichts. Aber das ist eine Debatte, die vor allem im Land geführt werden muss.

Und: Der Papst hat eine starke geistliche Autorität. Das ist etwas, was wir im weitgehend säkularisierten Westen fast nicht mehr spüren. In einer geistlich starken Region wie Südasien spielt das aber eine große Rolle. Ob nun Buddhisten in Myanmar oder Muslime in Bangladesch, gemeinsam mit den vielen Minderheiten: es wird sehr wohl wahrgenommen, was er sagt. Dass er also nicht gewinnen kann, muss ich an dieser Stelle zurück nehmen.

Es ist eine diplomatisch schwierige Reise in eine Konfliktzone, von der wir hier lange nichts haben mitgekommen wollen. Es ist eine geistlich anspruchsvolle Reise.

Unsere westlichen und medialen Erwartungen in Bezug auf die Flüchtlingskrise sind enorm. Aber er hat keine Angst, sich den Vorwurf zuzuziehen, er habe mit irgendwem paktiert. Der Papst fährt hin und versucht sich am Dialog, diplomatisch, menschlich, geistlich.

 

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#aufdemwegzurarbeit

Jeden Morgen ein Bild: Seit einigen Monaten habe ich ein kleines Projekt, das irgendwie so nebenbei entstanden ist. Jeden Morgen gehe ich zur Arbeit, was nicht weiter verwunderlich ist. Aber jeden Morgen mache ich und poste ich ein Bild von meinem Weg zur Arbeit. Erst als Spaß und dann, weil Fotografie mir Spaß macht, mit ein wenig Ehrgeiz.

Spiegelbild

Spiegelbild

Der Weg zur Arbeit ist kurz und nach zehn Monaten wird es langsam interessant, ich muss schon genauer hinsehen, wenn sich nichts Besonderes in den Weg stellt, um fotografiert zu werden. Auch sind die Bilder mittlerweile schwarzweiß geworden, diese Ausdrucksform lag mir immer schon näher.

Meistens sind es Bilder aus Rom, naturgemäß. Aber ich bemühe mich, das auch unterwegs zu machen, was das Ganze dann etwas auflockert. Aber das Herz liegt dann doch bei den Rom-Bildern.

Das hier ist natürlich ein Werbe-Stück. Aber warum auch nicht? Es ist ein kleiner Beitrag zur Schönheit der Welt, der Kultur, manchmal auch der Natur, aber da bin ich nicht so gut.

Mein Weg ist natürlich reiner Luxus. Ich habe hier Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die jeden und auch wirklich jeden Morgen im Stau stecken, Wohnraum der Nähe zur Innenstadt ist rar und teuer und meistens an Touristen vergeben. Ich habe es also gut mit meinem kurzen sieben-Minuten-Gang vom Haus zum Büro. So gut, dass ich ab und zu einfach einen Umweg mache, ab und zu muss man sich halt bewegen.

Wenn Sie also Lust haben: einfach mal vorbei schauen. Und ich freue mich auch über ein Like…

#aufdemwegzurarbeit
Spiegelbild
Bahnhof Termini
Über den Dächern
Selbstbildnis
Sonnenaufgang
Engelsburg
Wolkenhimmel
Erst mal Sportnachrichten, auch wenn es weh tut
Via della Conciliazione
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