Ausgezehrt

„Ausgezehrt“: Ein Wort, das ich in einem der vielen Artikeln zu den Angriffen auf Christen in Ägypten gelesen habe, es soll die Situation der christlichen Gemeinden dort beschreiben. Leider trifft es nicht nur auf Ägypten zu, sondern viel mehr vielleicht noch auf andere Länder des Nahen Ostens, auf Syrien nach sechs Jahren Bürgerkrieg, auf den Irak nach noch viel mehr Jahren Krieg und Bürgerkrieg, auf durch Flucht und Vertreibung eben ausgezehrte Gemeinden.

Diese Kirchen sind uralt und traditionsreich. Und sie verschwinden. Es ist wie mit der Umwelt: wenn etwas erst einmal weg ist, dann ist es weg, für immer.

Hier trifft es Menschen, Familien und Gemeinschaften. Hier trifft es Traditionen, die es noch nie leicht hatten, die aber – das bestätigen uns immer wieder Bischöfe im Interview – eine Art Zusammenleben mit den anderen Religionen entwickelt haben. Das war nie problemlos, es ließ sich aber leben, irgendwie. Und das geht jetzt zu Ende. Oder eigentlich: wird jetzt zu ende gegangen, durch nihilistische Bombenwerfer und Mörder, deren verdrehte Vorstellungen von Macht und Unterwerfung lose mit dem Mantel von Religion umhüllt sind. Und wie das bei Ideologien immer ist: je fadenscheiniger die Begründung, um so lauter muss man brüllen.

 

Es trifft uralte Traditionen

 

Ich muss mir selber auch an die Brust klopfen, erst seit ich hier in Rom arbeite und die Nachrichten über die Christen in Nahost täglich auf dem Schreibtisch habe, wird mir das Ausmaß erst bewusst. Vorher habe ich das am Rand der Aufmerksamkeit wahrgenommen, aber nicht wirklich beachtet. Das hat sich geändert.

Frieden: Logo der Papstreise

Frieden: Logo der Papstreise

Wenn der Papst nun nach Ägypten aufbricht, dann gibt das dem Geschehen noch einmal vermehrt Aufmerksamkeit. Muslime haben für die christlichen Opfer der Bomben vor Ostern Blut gespendet, tätige Solidarität. Ähnliches hört man aus syrischen Städten und auch aus dem Irak. Aber es braucht halt den Aufmerksamkeitsmagneten eines Papstbesuches, um wirklich Geschichten wie diese ans Licht zu bringen.

Leider wird auch der Papstbesuch an der Ausgezehrtheit der Kirchen nicht viel ändern können. Die Mörder werden sich nicht beeindrucken lassen. Trotzdem ist der Besuch wichtig. Jedes Quentchen Mut und Zuversicht, jede Aufmerksamkeit und Wertschätzung, intern und international, sind wichtig für diese Gemeinschaften und die Menschen.

Die inneren Zerstörungen werden wir nicht wieder gut machen können, viel von dem, was über Jahrtausende gewachsen ist, ist dem Ansturm von Gewalt nicht gewachsen gewesen. Daran ist auch die westliche Welt nicht unschuldig, vieles geht auch auf unsere Kappe.

Umso wichtiger, jetzt nicht innerlich Mauern hoch zu ziehen und so zu tun, dass uns das alles nichts anginge, über einige Überschriften und schreckliche Nachrichten hinaus. Der Papst macht einen wichtigen Schritt, innerlich zumindest sollen wir alle ihn auch tun.

 

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Thesen 2017

Luther Bombons gibt es. Eine Playmobil-Figur, die fast schon wieder witzig ist und die bestverkaufte Einzelfigur, sagt die evangelische Kirche. Es gibt Socken mit „Hier stehe ich und kann nicht anders“ drauf. Und Kondome, obwohl die Aktion schon wieder eingestellt wurde.

Alles irgendwie nervig oder banal oder glatt am Thema vorbei.

These der Bahn

These der Bahn

Aber was mich wirklich geärgert hat, warum auch immer, war die Werbung im Fahrplan der Bahn AG. Dort hat man eine These zum Reformationsjubiläum: Entspannter ankommen.

Ich bin mir sicher, dass auch nach zehn Jahren Vorbereitung und der Hälfte des Feier-Jahres immer noch die meisten Christen, lutherisch oder andere, die Thesen Luthers nicht kennen.

Irgend wie weiß man, dass das gegen Ablasshandel war und an eine Tür genagelt war, aber sonst ist da wenig Wissen. Behaupte ich.

Deswegen gönne ich uns hier mal einige der Originalthesen, zur Meditation, meinetwegen während der Bahnfahrt:

These 92 Darum weg mit allen jenen Propheten, die den Christen predigen: „Friede, Friede“, und ist doch kein Friede.
These 93 Wohl möge es gehen allen den Propheten, die den Christen predigen: „Kreuz, Kreuz“, und ist doch kein Kreuz.
These 94 Man soll die Christen ermutigen, dass sie ihrem Haupt Christus durch Strafen, Tod und Hölle nachzufolgen trachten
These 95 und dass die lieber darauf trauen, durch viele Trübsale ins Himmelreich einzugehen, als sich in falscher geistlicher Sicherheit zu beruhigen.

Gar nicht so einfach zu schlucken, das alles. Da ist viel Kreuz drin, wenig Frieden. Nachfolge durch Strafe, Tod und Hölle, Trübsal und falsche geistliche Sicherheit.

Luther ging es ums Heil der Seele, um Vergebung durch Gott. Bei all der Banalisierung droht das leider völlig vergessen zu werden.

 

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Konzentrationslager?

Und es ist wieder ein Papstzitat: Dieses Mal echauffiert sich die Presse darüber, dass der Papst Flüchtlingslager mit Konzentrationslagern verglichen hat, offensichtlich – wer es gesehen hat – aus persönlicher Betroffenheit, aber auch aus eigener Anschauung heraus.

Ja, er hat das Wort benutzt. Aber ich behaupte einmal, dass nicht die ganze Welt dem Wort und dem historischen Phänomen dieselbe Bedeutung beimisst. Wir sagen Konzentrationslager, aber was wir meinen sind Vernichtungslager. Die Briten haben das Wort erfunden, für ihre eigenen Lager in Afrika. Das ist eine ganz eigene Sache und noch keine Verharmlosung der deutschen Geschichte, geschweige denn eine Verhöhnung der Opfer.

Nicht gemeint: Auschwitz

Nicht gemeint: Auschwitz

Wir Deutschen reagieren sensibel auf den Gebrauch des Wortes, zu Recht. Es hat einen so genannten Historikerstreit gegeben um die Frage, ob die Verbrechen der Nazis nun einmalig waren oder nicht, jede Relativierung der Geschichte ist Anlass zu Aufregung.

 

Es geht nicht um deutsche Geschichte

 

Der Papst hat aber nicht deutsche Vernichtungslager, nationalsozialistische Massenmorde, Shoah und dergleichen verharmlosen wollen, indem er sie relativiert. Schon gar nicht in einem Gottesdienst, wo ein Sohn eines NS-Opfers quasi neben ihm stand.

In der ihm eigenen Art hat er eine drastische Sprache gewählt, um die Phänomene dieser Lager zu beschreiben und die emotionale Wucht, die diese erzeugen. Wir tun hier ja so, als ob alles in Ordnung wäre, solange die Flüchtlinge in der Türkei und in Griechenland bleiben und bloß nicht zu uns kommen. Kaum jemand fragt nach, wie es in diesen Lagern, ohne Perspektive, voller Gewalt, ohne Ausgang, wie in einem Druckkessel zugeht.

Einen Gang zurück schalten, bitte, mit der Erregung. Die wäre besser angebracht für den Blick auf das Schicksal, in das wir – wir reichen Europäer – Flüchtlinge zwingen.

 

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Christenverfolgung

Es ist eine lange und grausame Liste: Christen, die wegen ihres Glaubens in den vergangenen 100 Jahren verfolgt und getötet wurden. Von Armenien über den Bürgerkrieg in Spanien zu Nazideutschland, über den Nahen Osten und viele Länder Afrikas nach El Salvador, nach Chile und Argentinien. Ein Angriff auf ein Kloster, Vertreibungen und Versklavungen, das Köpfen von Christen: Selten ist das auch heute nicht geworden

Papst Franziskus beim Gottesdienst für christliche Märtyrer

Papst Franziskus beim Gottesdienst für christliche Märtyrer

Während eines Gottesdienstes würdigte Papst Franziskus diese Glaubenszeugen. Und er sprach davon, dass die Kirche immer schon eine Kirche der Märtyrer gewesen sei. Freilich sei das kein Heldenmut gewesen, sondern Gnade Gottes. Oder anders ausgedrückt: Sie hätten lieber leben wollen anstatt sterben, sind ihrem Glauben und ihren Überzeugungen aber treu geblieben.

Grausame Geschichten sind das. Zum Glück gibt es das bei uns heute nicht mehr. Nicht? Nein, nicht.

Bei einem Vortrag in Deutschland im vergangenen Jahr ist mir in der Fragerunde danach erstmals direkt die Denkfigur begegnet, die ich sonst nur im Netz lese, nämlich dass es auch bei uns Christenverfolgung gebe. Erst vor einigen Tagen habe ich das wieder gefunden, es ging darum, dass ein Kirchenvertreter wegen einer homophoben Aussage angezeigt wurde, das nannte ein Kommentator im Netz schon Christenverfolgung.

Welch Zynismus! Wie kann man die Treue und das Leiden all der Christen nur so mit Füßen treten, in dem man sie gleichstellt mit solchen Aktionen? Wir hier sind frei, unsere Gesetze schützen unsere Rechte und die Rechte der anderen, es gibt keine Christenverfolgung bei uns.

Bei dem Vortrag habe ich in meiner Antwort das Wort „obszön“ gebraucht, und auch nach Reflexion finde ich es immer noch treffend. Es ist eine schlimme Form von Selbstgerechtigkeit, sich mit diesen Menschen zu vergleichen, die einen unglaublichen Preis zahlen, sie und ihre Familien. Und es ist noch einmal schlimmer, das Zeugnis der Christen für seine eigene Zwecke zu gebrauchen, ja zu missbrauchen.

 

Es gibt bei uns keine Christenverfolgung

 

In seinem Gebet zum Abschluss des Kreuzweges am Karfreitag sprach der Papst von Scham und Schande: „Scham wegen all des unschuldigen Blutes, das tagtäglich vergossen wird, das Blut von Frauen, Kindern, Migranten und von Menschen, die verfolgt werden wegen ihrer Hautfarbe, wegen ihrer ethnischen oder sozialen Zugehörigkeit oder wegen ihres Glaubens an dich.“ Das Wort Schande gebrauchte er auch wieder während der Gedenk-Liturgie für die Glaubenszeugen der vergangenen 100 Jahre, ganz zum Abschluss seiner Predigt.

Es gibt viel zu tun, wenn wir das Zeugnis ernst nehmen, gegen Krieg, Verfolgung, Ungerechtigkeit und all die Dinge, die Menschen zu Opfern machen. All dieser Dinge wurde während des Gottesdienstes mit dem Papst ganz ausdrücklich gedacht.

Selbstgerechtes Jammern gehört nicht dazu.

 

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Große Namen

Eigentlich wollte man ja Papst Franziskus dabei haben. Wenn in diesem Jahr der Reformation gedacht wird und die evangelische Kirche Kirchentag hält, wäre ein Papstbesuch gerne gesehen gewesen: Papst Franziskus zu Gast bei der deutschen evangelischen Kirche.

Daraus wird nichts, der Papst hat bereits die Ref0rmation gewürdigt, aber nicht mit den deutschen evangelischen Christen, sondern mit den weltweiten evangelischen Christen. Und zwar in Lund, in Schweden.

Berlin: Die Gedächtniskirche ist Werbefläche für den Kirchentag

Berlin: Die Gedächtniskirche ist Werbefläche für den Kirchentag

Also kommt Barack Obama nach Berlin zum Kirchentag. Nun kann man nicht behaupten, das sei eine Ersatzlösung, Obama ist selber bedeutend genug, um eingeladen zu werden.

Nur frage ich mich leise „warum“? Dass so eine berühmte Gestalt sich gut macht vor dem Brandenburger Tor um dort mit Angela Merkel zu diskutieren, steht außer Frage. Nur: ist das das Bild, das der Kirchentag von sich sehen will? Berühmte Gestalten, eingeflogen, reden miteinander?

Medienberichten nach erwartet Kirchentagspräsidentin Christina Aus der Au vom Besucher aus den USA Worte, „die in diesem Jahr nicht schon tausendmal gesagt und gedruckt“ worden seien. Und das kann Obama ja wirklich, es hat also das Potential, eine gute Veranstaltung zu werden. Nur was das mit Reformation zu tun hat, erschließt sich mir nicht wirklich auf den ersten Blick. Muss es aber auch nicht, ich lasse mich gerne überraschen.

Nur leider wird das dann die Berichterstattung über diesen Kirchentag dominieren. Ich hoffe, dass das Jesusfest, was es ja sein soll, auch noch irgendwo sichtbar ist.

 

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Ostern in Moll

Es sind sehr nachdenkliche Worte, die Papst Franziskus in diesen Tagen wählt. Zum Gründonnerstag, dem Tag der Hingabe und des Verrats, und am Karfreitag, dem Tag des Todes, war das noch verständlich, dass Papst Franziskus viel vom Leiden und von Opfern sprach, in deren Gesicht wir Christus erkennen können.

Aber auch am Ostersonntag, in der Predigt auf dem Petersplatz, und bei der Osterbotschaft zum Segen Urbi et Orbi danach war das Thema eher in Moll gesetzt. Eigentlich predigt der Papst am Ostersonntag nicht, Johannes Paul II. hatte meines Wissens nach einmal eine Ausnahme gemacht, aber Papst Franziskus ist es offenbar so wichtig, dass er frei predigte.

Der Papst auf der Loggia

Der Papst auf der Loggia

Und auch hier lag das Schwergewicht auf dem Leiden: Wie könne man angesichts von Menschenhandel, Krieg, Korruption und so weiter Ostern Feiern?

„Wie können so viel Unglück, Menschenhandel, Kriege, Zerstörungen, Verstümmelungen, Rache und Hass sein? Wo ist der Herr?“ Der Papst berichtete von einem Telefonat am Samstag mit einem kranken jungen Mann, der mit seinem Schicksal hadere. Das alles in einer Osterpredigt.

Das waren die Gedanken, denen er nachging. Und die er nicht auflöste. Die Osterbotschaft in diesem Jahr war froh, aber nicht triumphierend. Das Leiden bekommt nicht nachträglich einen Sinn, sondern bleibt erst einmal Leiden. Die Hoffnung sagt uns nur, dass die Auferstehung uns einen Horizont sehen lässt, keine Mauer, wie der Papst sagte.

Man merkt, dass ihm die vielen Konflikte, auf die er nicht müde wird hinzuweisen, ans Herz gehen. Auch die, von denen wir wenig mitbekommen: erst langsam dringen der Hunger in Teilen Afrikas und die Situation im Sudan, im Süd-Sudan, im Kongo in unsere Medien. Und über den Jemen hören wir gar nichts. Der Papst nennt es und nennt es immer wieder.

Auch am Osterfest.

Ostern macht auch 2.000 Jahre danach nicht einfach alles gut. Auch das ist eine Dimension des Festes. In diesem Jahr bei Papst Franziskus stärker als sonst.

 

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Papst zwischen den Zeiten

„Ich gehöre nicht mehr zur alten Welt, aber die neue ist auch noch nicht wirklich da“: Der emeritierte Papst Benedikt XVI. selbst hat diesen Satz gesagt, im Buch „Letzte Gespräche“. Er sei ein Papst „zwischen den Zeiten“ gewesen, sagt er. Um dann anzufügen, dass man immer erst nachträglich Zeiten und Zeitenwenden erkennen und einschätzen könne.

Zum 90. Geburtstag des emeritierten Papstes an diesem Ostersonntag kann man da nur zustimmen. Einer, der am Konzil teilnahm und der aktiv die kirchliche und theologische Welt prägte, wird alt. Ein Papst, der viele Entwicklungen seiner Vorgänger aufgriff und weiter führte, der in seinen Worten das Alte noch kannte und auf das Neue zuging.

Papst emeritus Benedikt XVI.

Papst emeritus Benedikt XVI.

Aber es ist der zweite Teil des Satzes, den ich beachtlich finde. „Die neue Welt ist noch nicht da“. Es ist der Verdienst des Theologen, Kardinals und Papstes Joseph Ratzinger, sich nie mit Festlegungen auf das, was „das Neue“ bitte zu sein habe, zufrieden zu geben. Oft genug ist er damit angeeckt, auch und vielleicht besonders in den Kirchen deutscher Sprache.

Nehmen wir die Frage nach dem Konzil: dessen Umsetzung ist noch lange nicht fertig, es wäre schädlich, nicht weiter zu fragen und zu entdecken. „Hermeneutik der Reform“ hatte Papst Benedikt das genannt, und gegen die „Hermeneutik des Bruchs“ gesetzt.

 

Das Neue bleibt zu entdecken

 

Viel von dem wird uns weiter beschäftigen, sei es von ihm inspiriert, sei es durch seinen Nachfolger oder Theologen oder andere Quellen. Er hatte als Theologe, Kardinal und Papst seinen Anteil daran, dass das Neue zu entdecken blieb.

Der Satz von der alten und der neuen Welt ist prophetisch. Er kommt unschuldig daher, wie vieles vom Papst gesagte, vor allem in seinen geistlichen Texten und Predigten. Es hat aber eine theologische und spirituelle Dynamik. Die Zeiten wandeln sich, sie lassen sich nicht festhalten, weder in einem Neuerfinden des „Alten“, wie die Traditionalisten es gerne hätten, noch in einem Erfinden des „Neuen“, in dem aber wirklich neue Dinge keinen Platz finden dürfen.

Papst emeritus Benedikt XVI. hat eine gesunde Selbsteinschätzung, wenn er sich dazwischen platziert und doch sich selbst nicht festlegen lässt. Veränderung: das hat er erlebt und dafür steht er. War er deswegen ein Übergangspapst?

Genau nicht. Weil er der Übergang ist, wird er Spuren hinterlassen. Übergänge sind wichtig, er hat dem kirchlichen, dem päpstlichen Übergang seinen Stempel aufgedrückt. Die Kirche wird davon noch lange zehren können.

An diesem Wochenende aber erst einmal ganz herzliche Glück- und Segenswünsche.

 

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Trauer

Jesus „ist in vielen unserer Brüder und Schwestern gegenwärtig, die heute, ja heute Leiden wie er ertragen: Sie leiden unter Sklavenarbeit, unter familiären Dramen, unter Krankheiten … Sie leiden aufgrund von Kriegen und Terrorismus, aufgrund von Interessen, welche die Waffen in Bewegung setzen und sie zuschlagen lassen. Betrogene Männer und Frauen, die in ihrer Würde verletzt und ,weggeworfen‘ wurden … Jesus ist in ihnen, in jedem von ihnen, und mit jenem entstellten Antlitz oder mit jener gebrochenen Stimme bittet er darum, angesehen zu werden, anerkannt, geliebt zu werden.“ Damit gab der Papst den Tenor für die kommenden Tage vor, während der Predigt zum Palmsonntag war das. Es war der Tag, an dem die Anschläge in Ägypten verübt wurden, auf zwei Kirchen. Und es war ein Tag, an dem Stockholm trauerte.

Stockholm ist uns Nahe. Wie Nizza, Paris und Brüssel. Wie Berlin, das auch einen LKW-Anschlag erlebt hat. Ohne das alles in einen Topf werfen zu wollen: Diese Art von Morden gehört jetzt zu unserer Welt.

Für Ägypten galt das schon lange, auch für den Libanon, für den Irak und Syrien sowieso. Dort leben Menschen – müssen leben – mit ganz anderen Dimensionen von Schrecken und Angst. Wie gesagt, ich will das nicht gegeneinander ausspielen, sondern nur auf deren Trauer hinweisen, die uns vielleicht nicht so nahe ist, die aber nicht weniger tief geht.

Trauerkerzen an der Gedächtniskirche, Berlin

Trauerkerzen an der Gedächtniskirche, Berlin

Die Trauer bei uns drückt sich in Kerzen aus, in Blumen, in Trotz und Wut. Die ganze Bandbreite der menschlichen Emotionen. Leider auch die Bandbreite üblicher politischer Plattitüden, „Im Namen von XV verurteile ich den tödlichen Anschlag auf koptische Christen in Ägypten auf das Schärfste“, um nur eine der vielen Pressestatements zu zitieren, die bei uns angekommen sind. „Auf das Schärfste“, das suggeriert Stärke, wo eigentlich Trauer, also Schwäche, angesagt wäre.

Die vielen Menschen in Nizza und Brüssel und Berlin und Paris und so weiter zeigen das.

 

Jesus erkennen

 

Für die christliche Erfahrung gibt uns der Papst noch einen zusätzlichen Schlüssel. Damit wird die Trauer und die Angst und die Verwirrung nicht umgedeutet und „gelenkt“, der Schrecken und der Tod bekommen dadurch auch keinen „Zweck“. Damit muss man sehr vorsichtig umgehen, um nicht übergriffig zu werden.

Damit wird uns Jesus aktuell. Das Kreuz, das wir am Karfreitag in die Kirche tragen, ist nicht mehr Vergangenheit, das Leiden nicht mehr nur auf Gemälden und in Skulpturen sozusagen abstrahiert und gedenkbar gemacht, es hat Gesicht und Leiden und Trauer und Angst heute.

Diese Menschen zu sehen und in ihnen Jesus, in Stockholm wie in Ägypten, zeigt uns in diesem Jahr den Karfreitag. Jesus ist erkennbar. Im Leiden, in den Menschen, in den Bitten. Lassen wir ihn an uns heran.

 

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Plakataktion, die Zweite

Wer hat die Lufthoheit an Roms Hauswänden? Ist es der Widerstand gegen den Papst oder die Freude über ihn? Die Gegner haben vorgelegt, im Februar waren Plakate aufgetaucht, welche die Barmherzigkeit des Papstes offen in Frage stellten. Offen: das meint nur den Ton, nicht die Autoren, die blieben anonym und klebten auch wild, was die Polizei gleich Ermittlungen anstellen ließ.

Das neue Plakat an Roms Hauswänden

Das neue Plakat an Roms Hauswänden

Anders bei den Plakaten, die in diesen Tagen in Rom auftauchen und die ein wenig wirken wie eine Antwort auf die erste Aktion. Diese tragen aber den Stempel der Behörden und auch eine Internet-Adresse, so dass es bekannt wird, wer das ist. Danke, Papst Franziskus – so heißt es da – für dein christliches Engagement, voller Liebe und Barmherzigkeit. Stichwort Antwort auf die erste Aktion: auch hier geht es um Barmherzigkeit.

Und dann eine Aufforderung: Mögen alle Kardinäle, Bischöfe und Priester die Heilige Schrift mit offenen Geist lesen und so weiter. Die englische Version weicht von der italienischen etwas ab, aber der Sinn ist ungefähr derselbe, Sie sehen ja selbst.

Mit einem denkenden Herzen und einem liebenden Verstand wolle man für den Papst beten. Bemerkenswert, denn dahinter steht keine katholische Gruppe. Dahinter steht ein deutscher Philanthrop und seine Organisation Love is Tolerance. Unabhängig sei die Organisation, heißt es auf der Webseite, was den Schlusssatz, dem mit dem Gebet, um so bemerkenswerter macht.

Dass der Papst und seine gelebte Botschaft bei Nichtchristen oder Unabhängigen genauso ankommt wie bei Christen ist nichts Neues. Jetzt haben wir es auf Plakaten an den Wänden Roms.

Und was die anderen, die ersten Plakate angeht: Der Papst fand die ja witzig, ich eher nicht. Dafür fand ich wieder den gefälschten Osservatore witzig, er aber – laut Interview in der Zeitung Die Zeit – eher nicht. Was uns zeigt, dass Geschmäcker verschieden sind, Ironie und Satire nicht immer gleich wirken und dass es sich lohnt, darüber zu wirken.

Sich dafür römische Hauswände auszusuchen, mag etwas schräg sein, so viel Text ist man auf Werbetafeln gar nicht mehr gewohnt. Aber wenn es hilft, die Debatte in Ganz zu halten, dann bitte sehr, Rom hat noch viele Wände zu vergeben.

 

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Stephen Fry’s Frage nach dem Leiden

Knochenkrebs bei Kindern; Krankheiten, die nicht Schuld des Menschen sind: Seid wir denken und beten und beides versuchen gemeinsam zu tun, gibt es die Frage nach dem „Warum?“. Wenn man aber nicht mehr fragt, sondern bereits den Schluss gezogen hat, dann kann man sich mit Stephen Fry verbrüdern. Er würde – so es denn Gott gibt – sich diesen gründlich zur Brust nehmen, diesen „launischen, kleingeistigen, dummen Gott“, wie er dem Sender RTÉ schon vor einiger Zeit gesagt hat. Die Sendung ist zwar schon zwei Jahre alt, hört aber nicht auf, mich immer wieder neu zu überraschen.

„Meaning of life“ heißt die Serie, in denen in langen Interviews sehr grundsätzlichen Fragen nachgegangen wird. Und die letzte Frage lautet immer, was man denn Gott sagen würde, wenn man Gott nach dem Tode begegnen würde. Und mich lässt die Antwort nicht los, die der Schauspieler gegeben hat.

Fry’s Problem ist, dass Gott eben nicht menschlich sei, sondern allmächtig, allgütig, und so weiter. Das lasse sich einfach nicht mit dem Übel in der Welt übereins bringen. Was für ein Gott schafft so etwas? „Quite clearly a maniac“, sagt Fry.

Das hätten wohl auch die Dinosaurier gesagt, die Hunderte von Millionen von Jahren gebraucht haben, um zu entstehen und sich zu entwickeln, nur um auszusterben. Wir Menschen – die Krone der Schöpfung, wie wir betonen – sind vergleichsweise sehr, sehr jung.

 

Wuchtige Kritik, wuchtige Fragen

 

Die Frage nach dem Leiden gehört zu den schwersten, die sich uns stellen. Theologisch gibt es viele Wege, sich dem zu nähern, auch Papst Franziskus tut das immer wieder. Ihm helfe der Blick auf das Kreuz, auf den leidenden und liebenden Gott.

Stephen Fry wird das nicht besonders beeindrucken. Im Gegenteil, seiner Logik nach wäre es sogar zynisch, erst eine Welt zu erschaffen, in der es so viel unschuldiges Leiden geben kann – vor allem bei Kindern – und dann erwarten, dass man Zuflucht genau bei diesem Schöpfer sucht.

Was mich an den wuchtigen Worten von Stephen Fry beeindruckt ist ihre bedingungslose Ehrlichkeit und tiefe Menschlichkeit. Er macht keine Kompromisse und versucht nicht, zu Verschleiern. Das Leiden von Kindern kommt genau so rüber, wie es rüber kommen muss: ungeschönt. Er lässt das Leid an sich heran kommen und geht nicht durch Erklärungsversuche auf Distanz.

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