Sprachfähig

Der Papst spricht viel. Auf dem Petersplatz, in Videos an Aktionen oder Personen, bei Twitter, gedruckt oder im Audio, der Papst kommuniziert. Und er tut es auf viel mehr Wegen, als wir das im Vatikan bislang gewohnt waren, und er tut es spontaner. Jemand zückt sein Mobiltelefon, der Papst spricht ein Video ein. Er lässt professionelle Videos für die Gebetsmeinungen machen. Er macht Interviews mit Jugend- und Obdachlosenzeitungen.

Twitter-Account des Papstes - auf Latein

Twitter-Account des Papstes – auf Latein

Aber das ist nur die eine Seite. Die andere Seite ist, dass er auch verstanden wird. Zuerst ist da die Sprache seiner Gesten: von Tag Eins an hat er sprechende Gesten genutzt, angefangen bei der Kleidung, den Autos, das Umarmen, das Stehen bei der Predigt, und so weiter und so weiter. Das ist eine verständliche Sprache, die nicht durch „Worte“ verwirrt wird, die in unserem normalen Wortschatz nicht vorkommen, wenn ich das mal so sagen darf.

Das Gleiche gilt auch für das, was er sagt. Er wird in seinen Sprachbildern verstanden – vorausgesetzt, man will ihn auch verstehen. Die meisten Menschen würden glaube ich intuitiv sagen, dass sie verstanden haben, nachdem sie den Papst gehört haben. Oder in unserem Fall: übersetzt gehört oder gelesen haben.

 

Großer Kommunikator

 

Auf Twitter ist der Papst ein ganz großer, sehr viele Follower, obwohl er selber gar nicht interagiert, sondern nur verschickt. Auch sind seine 140-Zeichen Kommentare nicht dazu geeignet, tief und ausführlich pastoral oder theologisch im Netz unterwegs zu sein, aber das soll Twitter ja auch gar nicht. Die kurzen Texte sind Teil einer neuen Form von Kommunikation, werden geteilt, kommentiert, kritisiert, übersetzt und so weiter und so zum Teil des Kommunikations-Netzes.

Vielleicht kann man sogar sein jüngstes ausführliches Schreiben so sehen, Amoris Laetitia, über die Liebe in der Familie. Dort behandelt er Themen, über die sonst in der Kirche eher Sprachlosigkeit herrscht. Der Papst schafft es aber, eine Sprache zu finden, die vielleicht etwas sperrig klingt, aber die nachvollziehbar ist. Eine Sprache, mit der man reden kann, wenn es um Liebe geht, die nicht romantisiert oder abstrakt wirkt, sondern lebenswirklich. Es geht ihm um die alternde Liebe, die Dimension der Erotik, es geht um Konfliktsituationen und in allem nimmt man dem Papst ab, dass er weiß, worüber er spricht. Das hat vor allem damit zu tun, dass er verstanden wird.

Der Papst ist ein großer Kommunikator. Und heute begeht die Kirche den Welttag der sozialen Kommunikationsmittel – Kirchensprache für Medien. Der Papst hat einen eigenen Text dazu verfasst.

Thema des Kommunikationssonntags in diesem Jahr

Thema des Kommunikationssonntags in diesem Jahr

Auch hier, bei der Kommunikation, braucht es eine Reform der Kirche. Wie oft wird schlicht nicht zur Kenntnis genommen, was Kirche oder was Christen zu sagen und beizutragen haben? Und zwar schlicht deswegen, weil sich Sender und Adressat verschiedener Sprachen bedienen. Papst Franziskus bringt das Sprechen über Glauben und Gott wieder in die Normalsprache zurück, ohne dass der Inhalt dabei leiden würde. Noch etwas, was wir von ihm lernen können.

 

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Preisträger Papst

Politiker verlangen Obergrenzen für Flüchtlinge. Diese oder jene Summe sei schaffbar, alles was mehr ist nicht. Diese oder jene Summe Summe stelle auch sicher, das Integration gelinge. Wo die das her haben, erschließt sich mir nicht, aber es kommt scheinbar gut an.

Ein weiterer Schnipsel Europa heute: Ungarn schulde Deutschland nichts, genauso wenig wie Deutschland Ungarn etwas schulde, so im Januar Ministerpräsident Orban in der Bild-Zeitung. Europäischer Zusammenhalt am maximalen Eigennutz, auf der Abrechnungstabelle sozusagen, gedacht.

Die Medallie zum Preis

Die Medallie zum Preis

Wenn ich solche Sätze höre, wird es immer weniger verwunderlich, dass mit Papst Franziskus jemand in dieser Woche den Karlspreis bekommt, der noch nicht wirklich mit vielen Aussagen zu Europäischer Einigung etc. hervorgetreten ist. Wer wäre denn noch in Frage gekommen? Die Grenzzäune vielleicht? Weit und breit sehe ich kaum jemanden, der auf hohem Niveau für die Einheit Europas Verdienste trägt. Und nun verweisen die Preisverleiher auf die Reden in Straßburg, die der Papst gehalten hat (November 2014 war das, Europaparlament und Europarat) und auf seine aufrüttelnden und mahnenden Worte. Aber all das weist auf das Zentrum, weist auf Politik und weist auf die Entscheider.

Wenn ich an den Papst und an Europa denke, dann fällt mir nicht als erstes Straßburg und der Papstbesuch im politischen Europa ein. Mir fallen Besuche in Sarajewo, Lesbos, Albanien und auf Lampedusa ein.

Der Papst sagt immer wieder, dass die Welt anders aussieht, wenn man sie von der Peripherie aus sieht. Die Wirklichkeit stellt sich anders da, und das sei die Perspektive, die ein Christ einnehmen müsse, denn es sei die Perspektive Christi.

 

Wohlstand, vom Rand aus gesehen

 

Von Sarajewo, Albanien, Lesbos und Lampedusa aus hat der Papst das getan. Es waren Besuche und Begegnungen, aber darüber hinaus natürlich auch Symbolhandlungen. Europa, wie es den Papst nun würdigt, sieht von dort aus anders aus. Da sind Menschen, die sehnsüchtig auf unseren Wohlstand blicken. Dieser Wohlstand ist von der Peripherie aus gesehen nicht etwas zu Verteidigendes, sondern etwas, was anderen Menschen vorenthalten wird. Albanien ist immer noch von Vendettas und Arbeitslosigkeit geprägt, der Balkan ist Route für viele Flüchtlinge zu uns. Die Augen von dort sehen ein anderes Europa.

Sie sehen Sicherheit und Chancen, sie sehen Demokratie und Toleranz, sie sehen die Abwesenheit von Waffen und Hunger, sie sehen Infrastruktur und Arbeitsplätze. Und sie wollen teilhaben daran. Und die Werbung bringt die Botschaft vom reichen Europa in alle Teile dieser Welt, kein Wunder, dass so viele Menschen glauben, wir alle lebten in dieser bonbonbunten Idealwelt.

Papst Franziskus bekommt den Aachener Karlspreis für Verdienste für die Einigung Europas. Ich denke, darin liegt eine Chance. Der genuine Beitrag des Papstes, der über Mahnungen hinaus geht, liegt in der Betonung dieser Perspektive. Europa sieht anders aus, als wir uns das vorstellen. Die Augen der Sehnsüchtigen, der Hungernden und Verfolgten, die schildern uns ein anderes Europa. Und dieses Europa – so stelle ich mir das vor – verleiht diesem Papst seinen Preis.

 

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Wie geht die wahre Reform der Kirche?

Peripherie, Priorität der Pastoral, Prozess: Die Schwerpunkte von Papst Franziskus lassen sich daran erkennen, dass er sie immer wieder klar und offen ausspricht. Diese Schwerpunkte sind aber nicht irgendwie zufällig, sie hängen zusammen. Und der Zusammenhang ist das Wort „Reform“. Eine der Quellen für Papst Franziskus ist der Dominikanerater und Theologe Yves Congar und sein Buch von der wahren Reform der Kirche, „Vraie et Fausse Réforme dans l’Èglise“ von 1950. Hier kann man nachlesen, was sich bei Papst Franziskus in seinen Schwerpunkten ausdrückt.

Dominikanerpater Yves Congar beim Konzil

Dominikanerpater Yves Congar beim Konzil (c) frz. Dominikanerprovinz

Congar entwickelt seine Idee von der wahren Reform der Kirche beim Einzelnen: Beginnend mit der Reform der eigenen Person muss man zu den überpersönlichen und kollektiven Strukturen vorstoßen. Das ist die Dynamik: vom Einzelnen weiter vorgehen. Aber darüber darf man das Zweite, die Reform der Struktur, nicht als „weniger wichtig“ abtun.

Reform setzt also nicht nur bei der Sünde an, sondern bei der Kirche, so wie sie eben in der Zeit geworden ist, sich entwickelt hat, in den Strukturen verhärtet ist oder nach neuen Ausdrucks- und Lebensformen verlangt.

 

Vier Bedingungen für die Reform

 

Das heißt, dass zwar der Satz stimmt, dass ich persönlich der Ort der Reform der Kirche sein muss – Mutter Teresas berühmter Satz was sich in der Kirche ändern muss sind Sie und ich – aber dass das nicht alles ist. Strukturen brauchen auch Reform. Theologisch würde man heute sagen, dass auch Strukturen sündhaft sein können, etwas was zu Zeiten von Congar noch nicht gesagt wurde.

Der Theologe nennt vier Bedingungen, und bei dieser Liste stütze ich mich auf das Buch von Frère Emile, „Treue zur Zukunft – Lernen von Yves Congar“. Erstens muss es vorrangig um Nächstenliebe und um Seelsorge gehen, „Die gelungenen Reformen in der Kirche sind jene, die für die konkreten Bedürfnisse der Seelen gemacht wurden,“ sagt Congar. Das bedeutet nicht, die Probleme zu verharmlosen oder ins Innere zu verlegen, das macht sie im Gegenteil erst wirklich wichtig und mächtig. Reform muss pastoral beginnen. Zweitens muss muss die Gemeinschaft erhalten bleiben, mit dem Blick auf die Lehre Christi ist das eindeutig aber bei vielen, die Änderungen wollen oder verlangen, nicht wirklich sichtbar.

Drittens geht es um eine Rückkehr zu den Quellen, „die Kirche ist, wenn man auf ihre ganze Geschichte und Tradition blickt, viel weiter und reicher, als sie oft von sich selbst weiß“, wie Karl Kardinal Lehmann mit Blick auf die Studien Congars sagt. Viertens braucht es Geduld. Nur dann endet das Ganze nicht im Schisma.

Die Energie, die die Kirche in der sich verändernden Welt braucht, um wachsen zu können – wieder greife ich Frère Émile auf – stammt vom Rand, von der Grenze. Congar sagt, „dass wir sie aus dem Kontakt mit den anderen schöpfen und aus dem, was wir von ihnen übernehmen.“ (aus dem zitierten Buch, S. 87). Das ist also die Peripherie, von der die Reform ausgeht. Der Blick auf die Welt ändert sich, wenn ich vom Rand aus blicke, sagt Papst Franziskus, das gibt die nötige Energie für die Reform, sagt Congar.

Das sind die vier Bedingungen für die Reform: Primat der Pastoral, in und für die Gemeinschaft, im Rückgriff auf die Quellen mit der Energie, die von den Rändern kommt.

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Notstand?

In der vergangenen Woche war ich in Wien. Freunde hatten mich zu einem Konzert eingeladen, ich habe mich mit dem Caritas-Chef unterhalten, mit meinen Mitbrüdern und bin ein wenig durch die Stadt gelaufen. Was man halt so macht, wenn man nicht viel Zeit hat, aber die Stadt schon ein wenig kennt.

Es wie auf einem anderen Planeten, dass ich jetzt lese und höre, dass man in Österreich von „Notstand“ spricht. Die Republik kann in Zukunft angesichts der Flüchtlingskrise einen „Notstand“ ausrufen und die Grenzen einfach dicht machen, kein Recht auf Asyl mehr für niemanden.

Das passt so gar nicht zusammen. Ein reiches, ruhiges, von Touristen besuchtes und so überhaupt nicht auf der Kippe befindliches Land, und dann redet man von „Notstand“. Das mag alles symbolisch gemeint sein, aber jetzt ist das Wort da, vom Parlament legitimiert, und irgendwann wird sich jemand daran erinnern und das mal ausprobieren. Das reiche Europa fühlt sich im „Notstand“, wenn die armen Menschen aus den Kriegsgebieten an die Tür klopfen.

Worte haben Macht und Wucht und Wirklichkeit, dieses Wort geht so schnell nicht mehr weg. Und es verdirbt die politische Atmosphäre. Noch mehr, als sie es ohnehin schon ist.

 

3.000 Kinder

 

Gleichzeitig starrt Italien auf den Brenner, also die Verbindung zwischen Tirol und Tirol (dem italienischen und dem österreichischen Teil). Das Ding soll auch dicht gemacht werden. Ist ja auch logisch, jetzt wo die Balkanroute zu ist, kommen die Flüchtlinge wieder vermehrt über das Mittelmeer, diejenigen die nicht ertrinken jedenfalls. Und da muss man dann halt einen Zaun bauen. Oder Kontrollen einführen.

Das Schengen Abkommen lässt das aber nur zu, wenn  „eine ernsthafte Bedrohung der öffentlichen Ordnung oder inneren Sicherheit“ vorliegt. Und dann auch nur auf Zeit. Und da reckt es sich wieder hervor, das hässliche Wort „Notstand“.

Nun soll Österreich nicht alles abbekommen, blicken wir also nach Großbritannien. Dort hat am Montag das Parlament ein Zusatzgesetz abgelehnt – wenn auch knapp – welches das Land gezwungen hätte, 3.000 Flüchtlingskinder ohne Begleitung aufzunehmen. Kinder. Alleine. Aus Kriegsgebieten. Abgelehnt. Man wolle keine Situation schaffen, in der Familien eine Chance darin sehen würden, Kinder alleine loszuschicken. Das ist an Zynismus kaum zu überbieten.

Zugegeben, ich kenne die politischen Zusammenhänge nicht und weiß, dass solche Maßnahmen viele verschiedene Dimensionen haben, aber es ist eben auch symbolisch und emotional. Und wer das nicht weiß und nicht einkalkuliert, der handelt heutzutage grob fahrlässig. Das Wort „Notstand“ wird in GB nicht gebraucht, es ist schlimmer, man macht das ohne Verweis auf eine eigene Not.

Was geht da gerade mit unserer politischen Atmosphäre vor? Wo ist die große Geste, welche Angst überwindet? Dass es Angst gibt, ist mehr als deutlich. Aber wo ist die Politik, die damit umgehen kann, die nicht nur hinterher rennt, die dem auch noch Namen und Legitimation gibt, gegen Menschen die wirklich Not leiden?

Das Wort „Notstand“ ist nun erst mal da. Und wird aus den Köpfen auch nicht so schnell wieder weg gehen. Ich finde das furchtbar.

 

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Die Angst vor der verbeulten Kirche

Es ist mal wieder so weit: Papst Franziskus hört eine Stunde lang öffentlich auf dem Petersplatz Beichte, und die Kritiker können sich gar nicht mehr beruhigen. Beschädigung des Amtes sei das, er mache das nur für die Kamera, das sei alles ein Ego-Trip, er sei für die Weltkirche da und nicht für billigen Populismus, das sei untheologisch und so weiter und so fort. Zu besichtigen unter anderem in den Kommentarspalten bei uns auf Facebook. Bis hin zu dem Herrn, der tatsächlich Benedikt XVI. als letzten wahren Papst bezeichnet, so wirklich echte Sedisvakantisten trifft man sonst nur selten. Und auch dann nur mit der Auffassung, Pius XII. sei der letzte gewesen, unser Kandidat hier erkennt immerhin noch einige mehr an.

Aber wie gesagt, ob es die Flüchtlinge sind, die der Papst aus Lesbos mitgebracht hat, das Beichte hören, das Sprechen davon, dass alle Menschen „Kinder Gottes“ seien, das treibt Menschen auf die Barrikaden.

Warum nur?

Papst Franziskus hört Beichte auf dem Petersplatz

Einige halten das für gegen die Würde des Amtes: Papst Franziskus hört Beichte auf dem Petersplatz

Bevor ich auf die Motive einzugehen mich traue, möchte ich ein Hilfsmittel zum Verständnis heran ziehen, nämlich den Begriff „Integralismus“. Der umfasst nicht alle Kritiker des Papstes, beileibe nicht, man muss genau aufpassen, aber die oben angesprochenen Exponenten eines Unbehagens mit dem Papst, der sich zu sehr mit dem Gewöhnlichen gemein macht, kann ich damit zu verstehen suchen.

Integralismus in aller Kürze bedeutet eine Selbstbestimmung durch Abgrenzung und Ablehnung, die ihre Weltsicht aus nur einer Quelle bezieht. Sie bedeutet eine Reduktion von Komplexität zugunsten von fixen Fundamenten. Das ist mein Ausgangspunkt.

 

Schon einmal war ein Papst dagegen

 

Integralismus ist also weniger an Gott interessiert, als an Religion als Garanten einer gesellschaftlichen Ordnung. Genau das wurde ihm ja schon in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts vorgeworfen, als Papst Pius XI. ihn verwarf und eine Ausprägung – die Action Française – auf den Index setzte. Diese Geschichte hat eine interessante Lehre, denn integralistische „Konservative“ hatten immer auf den Papst als Letztinstanz verwiesen, nun wendete sich dieser aber gegen sie, mit dem Resultat, dass zum einzigen Mal im 20. Jahrhundert ein Kardinal und Unterstützer der Action vom Kardinalsamt zurück trat. Louis Billot, übrigens ein Jesuit.

Integralismus ist eine Form von Fundamentalismus. Man wendet sich vor allem gegen die Normen der modernen Welt, normalerweise als „Zeitgeist“ beschimpft, wobei diese meistens übertrieben dargestellt werden, des besseren Kontrasts wegen. Die Gefahr und der Gegner sind dann ja stärker, um so heroischer wirkt der eigene Widerstand.

Grundsteine sind fixe Sätze, die als unfehlbare Glaubenswahrheiten anzunehmen sind. Ohne die geht es nicht. Aus diesen fixen Sätzen folgt dann eine Omnikompetenz, man hat zu allem was zu sagen. Diese Sätze werden dann auch zu „Testfragen“, an denen man andere Positionen misst, ein Formalismus, der letztlich am Leben vorbei geht.

Als Historiker ist mir persönlich am vergnüglichsten die Reduktion der Geschichte auf selbstgebastelte Thesen, siehe „Messe aller Zeiten“ und so weiter. Zur Legitimierung wird eine Vergangenheit herbei behauptet, die bei genauerer Hinsicht keiner Untersuchung stand hält. Das Vorgehen ist also unhistorisch.

 

Im Kern unhistorisch

 

Wenn man kirchliche Äußerungen zum Thema Integralismus sucht, findet man vor allem Beschreibungen von Reaktionen: Johannes Paul II., Benedikt XVI. bis hin zu meinem Lehrer in Fundamentaltheologie beschreiben das Phänomen als Reaktion auf eine andere Ideologie, den Modernismus oder Progressismus. Ein Zitat nur: „Und solch unkritischer Progressismus weckt dann wiederum seinen Gegenpart, den Integralismus auf“ (Joseph Ratzinger auf dem Katholikentag 1966 in Bamberg). Damit wird das natürlich nicht klarer, denn damit muss man ja erst mal „Modernismus“ oder „Progressismus“ klar bekommen.

Nun helfen uns diese Begriffsbestimmungen nicht unbedingt weiter, wirklich harte und klare Integralismen finden sich zwar lautstark auf ihren eigenen Webseiten, aber in Reinform und Radikalität sind sie dann doch eher seltene Wesen.

Mir scheint deswegen, dass wir da zwischen einem „starken“ und einem „schwachen“ Integralismus unterscheiden würden. Weiterlesen

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Visionäre Politiker – gemessen an den Zehn Geboten

Die Zehn Gebote – die zehn Worte, wie sie die jüdische Tradition nennt – haben mit uns und Gott und mit unsrem Miteinander zu tun. Das „sollen“ bewahrt uns davor, uns von Gott, uns selbst und unseren Mitmenschen zu trennen. Vom Schaden, den Verletzungen dieses „Sollens“ verursachen, mal zu schweigen.

Im Übertragenen Sinn sind diese Zehn Gebote immer mal wieder adaptiert worden, als literarische Vorlage sozusagen. Manchmal religiös, manchmal rein rhetorisch.

Nun hat Socrates B Villegas dasselbe auch getan. Er ist Erzbischof von Lingayen Dagupan auf den Philippinen. Der Anlass sind die anstehenden Wahlen im Land. In der englischen Sprache spricht man gewählte Parlamentarier als „Honorable“ an. Es sei die Pflicht der Christen, Autorität anzuerkennen, aber gleichzeitig die Pflicht der Parlamentarier und gewählten Amtsträger, sich der Anrede würdig zu erweisen. Und eine weitere Aufgabe haben die Wähler: gut zu überlegen, wem man seine Stimme gibt, damit genau das gelingen kann. Und dazu soll die Lesung der Zehn Gebote dienen.

Nun sind das aber nicht selbst formulierte Gebote, sondern an den „richtigen“, biblischen Geboten orientierte Aussagen. Der Erzbischof fragt, was das jeweilige „Sollen“ für die konkrete, hier politische Situation bedeutet.

„Seid sorgsam dabei, wen ihr als Leader wählt. Ich sage noch mal: seid sorgsam.“ So enden die Überlegungen des Bischofs. Mindestens dieser Satz ist übertragbar. Weiterlesen

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Mutter der Berufungen

Es ist fast schon eine kleine Tradition geworden, dass ich ab uns zu Texte des Papstes einstelle, die für den jeweiligen Tag gedacht sind, aber schon vor langer Zeit veröffentlicht wurden. Genauso heute. Heute ist der Welttag der geistlichen Berufungen und am Zweiten Adventssonntag vergangenen Jahres hat der Papst dazu eine Botschaft veröffentlicht. Bitte sehr: Die Kirche – Mutter der Berufungen, so heißt der Text.

 

Liebe Brüder und Schwestern,

wie gern wollte ich, dass im Verlauf des außerordentlichen Jubiläums der Barmherzigkeit alle Getauften die Freude, der Kirche anzugehören, erfahren könnten! Dass sie wieder entdecken könnten, dass die christliche Berufung – wie auch die besonderen Berufungen – im Schoß des Volkes Gottes entstehen und Geschenke der göttlichen Barmherzigkeit sind. Die Kirche ist das Haus der Barmherzigkeit und sie ist der «Boden», auf dem die Berufungen aufgehen, wachsen und Frucht bringen.

Daher lade ich euch alle ein, anlässlich dieses 53. Weltgebetstags für geistliche Berufe die apostolische Gemeinschaft zu betrachten und für ihre Bedeutung auf dem Berufungsweg eines jeden zu danken. In der Verkündigungsbulle des außerordentlichen Jubiläums der Barmherzigkeit habe ich an die Worte des heiligen Beda Venerabilis in Bezug auf die Berufung des heiligen Matthäus erinnert: «miserando atque eligendo» (Misericordiae Vultus, Nr. 8). Das barmherzige Handeln des Herrn bewirkt die Vergebung unserer Sünden und öffnet uns für ein neues Leben, das sich im Ruf zur Nachfolge und zur Sendung konkretisiert. Jede Berufung in der Kirche hat ihren Ursprung im barmherzigen Blick Jesu. Die Umkehr und die Berufung sind wie zwei Seiten ein und derselben Medaille und eine beständige Inspiration im ganzen Leben des missionarischen Jüngers. Weiterlesen

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Lampedusa #4

Mitgefühl: Ein Kranz für die Toten im Mittelmeer. Lampedusa 2013

Mitgefühl: Ein Kranz für die Toten im Mittelmeer. Lampedusa 2013

Seine erste Papstreise hatte Franziskus nach Lampedusa gemacht, damals der Fokus der europäischen Flüchtlingskrise, tausende von Menschen starben und sterben auf dem Weg von Afrika nach Europa. In Mexiko hat der Papst eine Messe an der Grenze zu den USA gefeiert, dort wo tausende Migranten versuchen, in den Norden zu kommen. Zum Osterfest wusch Papst Franziskus in diesem Jahr Flüchtlingen die Füße. Und nun an diesem Samstag die Reise nach Lesbos.

Politisch ist das nicht ganz unheikel – Europa versucht gerade, mit gemeinsamer Stimme zu sprechen und scheitert regelmäßig. Der Paspt setzt starke Zeichen dazu, die natürlich auch in die Politik hinein wirken.

Drei Punkte, die vielleicht interessant sein können, wenn man diesen Besuch verfolgt.

Erstens ist es eine ökumenische Aktion. Und das nicht nur, weil in Griechenland mehr Orthodoxe als Katholiken leben, diese Kirche also einbezogen wird. Die Tatsache, dass auch Patriarch Bartholomaios – Ehrenoberhaupt der Orthodoxie – dabei ist, gibt dem ganzen eine den Katholizismus übersteigende Bedeutung.

Dazu gehört auch Punkt Zwei: Eben weil die Orthodoxen dabei sind, wird klar, dass es kein Besuch „des Westens“ bei den Flüchtlingen ist. Griechenland liegt am Rand Europas, aber große Teile der Orthodoxie sind noch weiter im Osten oder Norden, sie leben auch da, von wo Flüchtlinge und Migranten her kommen. Da öffnet die Perspektive.

Drittens ist das wie immer bei Papst Franziskus keine Botschaft über Bande. Was er sagt, sagt er direkt, und wenn er Flüchtlinge treffen will, dann genau deswegen, weil er Flüchtlinge treffen will. Begegnung ist hier das Stichwort. Wenn es also eine Botschaft „zurück“ an uns gibt, dann es ihm in seinem Werk der Barmherzigkeit gleich zu tun und ebenfalls zu begegnen. Dieser Besuch ist also nicht als versteckte Botschaft an die Politik gerichtet.

Und dann ist da noch die Peripherie, von der der Papst spricht. Flüchtlinge und Migranten sind im Augenblick Verhandlungsmasse der Politik, Einzelpersonen zählen nicht, wenn man über „Obergrenzen“ spricht, ganze Massen werden en bloc verschoben, von der Türkei hierher so dass die Türkei wiederum Leute zurück nimmt, als wäre es eine Ware. Das ist existenzielle Peripherie. Dorthin zu fahren und die Welt von dort aus wahr zu nehmen, mit den gefährlichen Routen, den Schleppern und ihren Ausbeutermethoden, der Angst vor der Rückkehr, der Einsamkeit, der Losgerissenheit und den vielen Fragen, was wird: das ist existenzielle Peripherie.

Ein kurzer Besuch von Papst Franziskus. Aber einmal mehr ein sehr wichtiger.

 

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Quatsch

Vor Papst Franziskus sei Wiederheirat nach Scheidung eine Todsünde gewesen, nun sei das nicht mehr so. Solch Unfug musste man nach der Veröffentlichung des päpstlichen Schreibens Amoris Laetitia (AL) lesen, von jemandem, der als „Papstkenner“ durch deutsche Talkshows und – peinlich! – katholische Pfarreien und Bildungshäuser gereicht wird. Noch einmal also dieses Thema.

Der Text ist nicht ganz einfach zu verstehen. Schon bei der Pressekonferenz zur Vorstellung von AL kreisten einige fachkundige Fragen um eine Fußnote des Textes, Nr. 351, und wie das da mit den Sakramenten „in gewissen Fällen“ zu verstehen sei. Es ist wirklich nicht ganz einfach, das Ganze zu verstehen. Viel einfacher, von einem möglichen „Gegenpapst Benedikt XVI.“ zu schwadronieren, wie das der erwähnet Buchautor in besagtem Interview tun zu müssen glaubte.

Handgeschriebene Karte, von der alle Bischöfe der Welt zur Veröffentlichung von AL eine Kopie erhalten haben.

Handgeschriebene Karte, von der alle Bischöfe der Welt zur Veröffentlichung von AL eine Kopie erhalten haben.

Zugegeben, so ein Quatsch ärgert mich. Er ärgert mich, weil es Menschen davon abhält, den Text zu verstehen. Aber anstatt diesen – ich sage es noch einmal – Unfug weiter zu würdigen, nehme ich lieber ein zweites, dieses Mal Ernst zu nehmendes Problem zur Hand.

Die ersten Meldungen auf dem Mobil-Bildschirm nachdem das Embargo für den Text gefallen war waren „Papst für dies“, „Papst gegen das“, „Papst will jenes“. Meistens waren die Dinge negativ, zum Beispiel „gegen die Homo-Ehe“. Leider ist es so, dass Nachrichtenkonsum auf das Twitter-Format reduziert wird. Aber es zeigt auch, wie die Debatte zumindest bei uns geführt wird: Mit der Frage, ob es neue Festlegungen in gewissen Fragen gibt. Wir wollen Entscheidungen und messen dann Erfolg oder Misserfolg, Reform oder Konservatives Denken oder was auch immer, an diesen Entscheidungen.

 

An Entscheidungen gemessen

 

Bereits im Vorfeld was spekuliert worden, was der Papst denn nun wollte. Und anstatt zu warten, will man natürlich seine eigene Interpretation an Mann und Frau bringen. So kam es dann zu solchen Einschätzungen: Der Papst wird die offizielle Position zum Thema Homosexualität oder Scheidung und Wiederheirat verkünden, die Tatsache dass Kardinal Schönborn gebeten wurde, das Papier vorzustellen, sei ein Zeichen, dass der Papst sich auf die Seite der Progressiven geschlagen habe. Das konnte man auf einer italienischen Seite lesen. Nach der Veröffentlichung übrigens kein Wort darüber, dass man völlig falsch gelegen hat. Noch mehr Quatsch also.

Öffentliche Debatten haben immer schon zur Synode dazu gehört. Die Synode war größer als der Raum, in der sie getagt hat. Das ist auch gut so. Aber es hat auch seine eigenen Herausforderungen. Und Papst Franziskus war das sehr bewusst beim Abfassen des Schreibens, er nimmt darauf direkt zu Beginn, in der Nummer 2, Bezug:

„Die Debatten, wie sie in den Medien oder in Veröffentlichungen und auch unter kirchlichen Amtsträgern geführt werden, reichen von einem ungezügelten Verlangen, ohne ausreichende Reflexion oder Begründung alles zu verändern, bis zu der Einstellung, alles durch die Anwendung genereller Regelungen oder durch die Herleitung übertriebener Schlussfolgerungen aus einigen theologischen Überlegungen lösen zu wollen“. Weiterlesen

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„Der Mensch, der dich am meisten hasst, hat etwas Gutes an sich“

Martin Luther King

Martin Luther King

Die Güte darf niemals über Bord gehen, auch gegenüber Hass nicht, auch gegenüber Feinden nicht. Die Haltung, die sich in diesen Worten ausdrückt, ist zutiefst christlich und sie atmet auch in der neuen Enzyklika des Papstes. Die Worte stammen aber nicht vom Papst selber, sondern sind ein Zitat, der der Papst in seinem Schreiben Amoris Laetitia (AL) sehr ausführlich aufgreift, es ist das längste wörtliche Zitat (abgesehen von den Übernahmen aus den Synodendokumenten), das sich in diesem postsynodalen Text findet. Der Urheber ist Dr. Martin Luther King, in der Enzyklika zitiert der Papst eine berühmte Predigt, gehalten am 17. November 1957 in der Dexter Avenue Baptist Church in Montgomery, Alabama (AL 118).

 

„Der Mensch, der dich am meisten hasst, hat etwas Gutes an sich; sogar die Nation, die dich am meisten hasst, hat etwas Gutes an sich; sogar die Rasse, die dich am meisten hasst, hat etwas Gutes an sich. Und wenn es dir gelingt, das Gesicht eines jeden Menschen zu betrachten und tief in seinem Innern das zu sehen, was die Religion das „Abbild Gottes“ nennt, dann beginnst du, ihn trotzdem zu lieben. Es kommt nicht darauf an, was er tut, du siehst dort das Abbild Gottes. Es gibt ein Element der Güte, das du niemals über Bord werfen darfst […] Eine andere Weise, in der du deinen Feind liebst, ist diese: Wenn sich die Gelegenheit bietet, deinen Feind zu besiegen, ist genau dies der Moment, in dem du das nicht tun darfst […] Wenn du dich auf die Ebene der Liebe, ihrer großen Schönheit und Macht, erhebst, sind das Einzige, das du zu besiegen suchst, die bösartigen Systeme. Die Menschen, die in diesen Systemen gefangen sind, die liebst du, du trachtest jedoch nur danach, dieses System zu besiegen […] Hass gegen Hass steigert nur die Existenz des Hasses und des Bösen im Universum. Wenn ich dich schlage und du mich schlägst und ich dir den Schlag zurückgebe und du mir den Schlag zurückgibst und so weiter, dann siehst du das geht ewig so weiter. Es endet einfach niemals. An irgendeinem Ort muss irgendjemand ein bisschen Verstand haben, und das ist der starke Mensch.  Der starke Mensch ist derjenige, welcher die Kette des Hasses, die Kette des Bösen durchschneiden kann […] Irgendjemand muss genügend Religion und Moral haben, um sie durchzuschneiden und in das besondere Gefüge des Universums dieses starke und machtvolle Element der Liebe injizieren.“

 

„Die Liebe hält allem Stand“ ist das Zitat aus dem Korintherbrief (1 Kor 13: 4-7), das der Papst mit diesen Worten Kings auslegt, Panta hypoménei wie es auf Griechisch heißt. Diese Liebe ist nicht überhöht und ein Ideal, sie werde „mitten im Leben gelebt“, wie der Papst sagt. Er blickt also in die Schrift und will ergründen, was wir eigentlich zur Liebe glauben.

 

Eine Frage der Haltung

 

Und dort hinein gehört also Dr. Martin Luther King.

Es ist nicht das erste Mal, dass der Papst den berühmten Baptistenprediger und Bürgerrechts-Anwalt der Afro-Amerikaner in den USA zitiert. Eine prominente Rolle hatte Dr. King auch bei der Rede des Papstes vor dem US-Kongress, was ein Mitglied – der selber mit King marschiert war – zu Tränen rührte und was an jenem Tag auf allen Kanälen im US-TV zu sehen war.

Wir hier bei uns sprechen von Martin Luther King vor allem, wenn es um die Frage von Gerechtigkeit geht. In den Rassen-Auseinandersetzungen in den USA hatte er für die Rechte derer gekämpft, denen sie vorenthalten wurden, Stichwort Gleichberechtigung aller. In dieser Predigt wird aber klar, was genau King damals getan hat. Es ging ihm nicht – nur – um das Einfordern von Recht, von Gesetz, von Regeln. Es ging ihm – darüber hinaus – um eine innere Haltung. Und das verbindet den Prediger mit dem Papst, genau hier findet der Papst das, was ihn an Martin Luther King anspricht. Wie King es in der Predigt sagt: „Wenn sich die Gelegenheit bietet, deinen Feind zu besiegen, ist genau dies der Moment, in dem du das nicht tun darfst“. Weiterlesen

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