Das ging aber schnell!

Mal zur Abwechslung was eher Belangloses. Der Papst spielt Tic Tac Toe. Auf einer Leiter stehend macht er ein Kreuz in das Linienfeld an der Häuserwand, ein Schweizergardist steht Schmiere und passt auf, dass er dabei nicht erwischt wird. Ein eher witziges Graffiti erschien an diesem Mittwochmorgen an einer Häuserwand im Borgo Pio in Rom, nicht weit vom Petersplatz entfernt. Wie alle diese Graffitis war es nicht gemalt, sondern auf Papier aufgebracht und dann schnell an die Wang geklebt, viel Zeit hat man halt nicht für so ein Gemälde.

Das Graffiti, als es noch da war

Als es noch da war

Es ist nicht das erste. Der Papst als Supermann, der Papst auf dem Fahrrad, immer wieder gibt es nette Wand-Gemälde zum Papst. Aber alle teilen dasselbe Schicksal wie der Spieler an der Wand: Der Tag ist noch nicht um, da ist das schon abgekratzt und die Wand übermalt. So auch am Mittwoch.

Morgens wurde es entdeckt und machte seine Runde im Internet, erste Kommentatoren vermuteten eine nichtchristliche Symbolik in den gemalten Kreuzen und Zeichen, aber als ich dann gegen Mittag dort vorbei kam, was es weg. Die Besitzerin des Ladens, wo ich oft ein Sandwich auf die Hand beziehe, stand ganz betreten dabei, während ihr Mann die Scheibe an der Auslage putzte, welche die Abkratz-Aktion natürlich nicht gesäubert hatte. „Wenn es wichtig ist, dann ist die Stadt Rom nicht so schnell.“ Wie weise.

Warum nur? Warum bleiben tiefe und gefährliche Schlaglöcher für Monate unbeachtet und so eine Zeichnung hält nur wenige Stunden? Warum sind die Graffiti an anderen römischen Wänden – teilweise sehr geschmacklos – nach Wochen noch zu sehen und brauchen eine eigene ehrenamtliche Aktion, um weggemacht zu werden, diese eindeutig als Kunst zu erkennende Aktion überlebt aber nicht mal eine Arbeitsschicht? Fragen über Fragen. Wir, die wir in Rom leben, schütteln nur noch den Kopf. Und dann ist das Ganze doch wieder nicht so belanglos, wie es am Anfang schien.

Abgekratzt und übermalt: einige Stunden später

Abgekratzt und übermalt: einige Stunden später

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Barmherzigkeit, ökumenisch

Beten, helfen, bezeugen: Der Papst mag seine Dreischritte, und auch zum Thema Ökumene hat er einen solchen, vorgelegt bei einer kleinen Audienz am Mittwoch vergangener Woche, bei der er Vertreter einer der internationalen Gruppen empfing, in der sich viele Christliche Gemeinschaften versammeln, katholisch, evangelikal, Adventisten, Orthodoxe und so weiter.

Aber zurück zum Dreischritt: Erstens muss man gemeinsam beten, können wir gemeinsam beten. Das ist gar nicht so einfach, wenn man etwa den Streit um ein eventuelles gemeinsames Gebet mit den Orthodoxen denkt. In Jerusalem, so erinnere ich mich, hatte der dortige Patriarch 2013 noch darauf bestanden, dass man in der Auferstehungskirche nicht gemeinsam ein Gebet spreche, sondern lediglich parallel, sozusagen.

Dann gibt es – ich überspringe kurz einen Schritt – die Ökumene des Blutes. Der Feind kennt keine Konfessionen sondern tötet Christen. Das ist offensichtlich und macht die Unterschiede irgendwie weniger wichtig.

Und dann ist da der zweite Schritt, das gemeinsame Helfen. Wenn wir barmherzig sind, dann sind wir bereits vereint, in den Worten des Papstes. Das war ihm so wichtig, dass er es am Tag darauf vor 1.000 Jugendlichen aus Deutschland – Aktion „Mit Luther nach Rom“ – wiederholt hat.

Das ist jetzt nicht das verzweifelte Umbiegen des Barmherzigkeits-Themas auf alles, was ihm vor das Mikro kommt. Das zeigt nur, wie grundsätzlich Barmherzigkeit ist.

Ende des Monats geht es nach Lund, Schweden, um da gemeinsam mit dem Lutherischen Weltbund der Reformation zu gedenken. Der Papst ist nicht als Gast dabei, sondern als Einladender, gemeinsam wird gebetet. So viel zum ersten Schritt.

Meine Vermutung ist, dass er im Augenblick sozusagen „Ökumene testet“, dass er seine Gedanken ausprobiert, bevor er dann entscheidet, was er genau in Schweden sagen wird. Wir bekommen also einen Vorgeschmack, wenn ich denn recht haben sollte.

Mehr dann in etwas über einer Woche aus Lund.

 

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Geistliche Demokratie

Die Geschichte ist legendär: Nach der Gründung des Jesuitenordens musste ein Oberer bestimmt werden. Wenn man die Autobiographien der ersten Jesuiten liest, dann wird klar, dass das nur einer sein konnte, nämlich Ignatius von Loyola. Jeder der „ersten Gefährten“, wie wir die Gruppe um ihn nennen, hatte seine eigene Berufungsgeschichte, nicht nur eine Kopie derjenigen des Ignatius. Aber trotzdem war er mehr als nur der Leiter einer Gruppe.

Bei der ersten Wahl wollte Ignatius aber nicht für sich selber stimmen. Also schrieb er auf seinen Stimmzettel, dass er seine Stimme demjenigen gebe, der die meisten Stimmen der anderen bekomme. Auch der später heilig gesprochene Franziskus Xaver, der bei der Wahl nicht dabei sein konnte, hatte einen Wahlzettel hinterlassen, auf dem er seine Stimme demjenigen gibt, der die meisten Stimmen bekommt.

Eine merkwürdige Form von Demokratie ist das, was wir Jesuiten da praktizieren.

Pater Arturo Sosa SJ: kurz nach der Wahl nach dem Dankgebet konnte ich ihn kurz interviewen

Pater Arturo Sosa SJ: kurz nach der Wahl nach dem Dankgebet konnte ich ihn kurz interviewen

Wobei: Ist das wirklich Demokratie? So darf der neugewählte Generalobere das Amt nicht ablehnen, er wird noch nicht einmal gefragt, er ist gewählt, sobald er die Stimmenanzahl erreicht hat. Auch wird vorher vier Tage lang „gemurmelt“, die Wähler streichen in Zweiergruppen durchs Gebäude, nach strengen Regeln wie und was gefragt werden darf, wenig Kontakt zu den anderen Jesuiten und erzählen dürfen sie auch nichts. Wahlkampf: ausgeschlossen.

Es ist halt letztlich ein geistliches Tun, was dort vollzogen wird. Viele Wähler haben mir beim Abendessen, nach Abschluss der jeweiligen „Murmeltage“, berichtet, dass sie mehr gebetet als gesprochen haben. Schließlich gehen wir davon aus, dass der Heilige Geist „mitwählt“ (was dann auch der Grund ist, dass der Gewählte nicht gefragt wird. Wer wird sich schon gegen das Ergebnis eines Prozesses stellen, in dem der Heilige Geist dabei war?).

 

Demokratie im Orden

 

In den vergangenen Tagen habe ich einen Wahlprozess erlebt, der einen krasseren Gegensatz zu dem, was tagtäglich aus den USA auf den Bildschirm schwappt, nicht bilden könnte.

Der Britische Provinzialobere Pater Dermot Preston SJ hat am Tag vor der Wahl einen Text ins Netz gestellt, einen Brief an den noch nicht gewählten Generaloberen, den „unbekannten Soldaten“: „If God has designed you as a Land Rover, do not try to persuade yourself that you are a Ferrari. Likewise, if you are a Ferrari, don’t try to put on all-weather tyres and drive across country in the snow! God has designed you in a particular way, so trust that the design is adequate for the pilgrim road on which you now travel.” In seinem Humor und seiner Geistlichkeit ist dieser Text ein schönes Beispiel, wie wichtig und grundlegend die religiöse Dimension in diesem Geschehen ist. Weiterlesen

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Die Stunde der Laien

Immer und immer wieder der Klerikalismus. Es ist einer der Lieblingsfeinde des Papstes, direkt von Anfang an. So sehr, das bereits viele Priester (=Kleriker) sich beschweren und sagen, dass sie sehr, sehr viel arbeiten, unter sehr schwierigen Umständen, dass sie ihr Bestes tun und als Dank dafür noch beschimpft werden. Wo bleibt das wertschätzende Verhalten? Warum kann der Papst den Priester nicht auch mal loben? Warum kommt das immer nur in Negativfolie vor?

Der Papst prägt mit seinen Themen: Hier vor der Engelsburg, Rom - Barmherzigkeit

Der Papst prägt mit seinen Themen: Hier vor der Engelsburg, Rom – Barmherzigkeit

Es hat wohl mit der Perspektive zu tun. Damit meine ich jetzt nicht, dass das alles nur für Lateinamerika gelte und wir das getrost zur Seite legen dürfen. Auf keinen Fall. Aber nehmen wir doch mal einen „Fall“ von dort, um zu illustrieren, was der Papst meint.

Im April diesen Jahres hatte er einen Brief geschrieben, und zwar an den Chef der Lateinamerika-Kommission des Vatikan, Kardinal Marc Ouellet. Zuvor hatte diese Kommission zum Thema der Wichtigkeit der Rolle der Laien in der Kirche getagt, dazu hatte der Papst deutliche Dinge zu sagen. Er warnte deutlich vor der großen Gefahr des Klerikalismus, einer „Elite der Priester, Ordensleute und Bischöfe“, die sich über die Laien stelle.

Kern Eins der Kritik liegt also in einer Trennung. Man sieht sich als Stand an, mit eigenem Rang, den man sich nicht nehmen lassen will. Meistens hat das dann auch einen eigenen Code, sprachlich wie auch in Kleidung etc., ein klassischer gesellschaftlicher Stand eben.

 

Sie sind einfach die Mehrheit

 

Man trennt sich auf diese Weise – so der Vorwurf – vom Volk Gottes, immer noch etwas ungeschickt „Laien“ genannt. Aber wir bleiben mal der Einfachheit halber bei diesem Begriff. Dabei gilt eigentlich was völlig anderes, wie der Papst in seinem Brief schreibt: „Wir müssen anerkennen, dass der Laie, um seiner Lebenswirklichkeit, seiner Identität, seines Soziallebens, seines öffentlichen und politischen Lebens willen und weil er sich in stets entwickelnden Kulturformen bewegt, auch neue Formen der Organisation und Feier seines Glaubens benötigt. Die aktuellen Rhythmen, (seien sie nun besser oder schlechter), sind ganz anders als die von vor 30 Jahren.“ Einmal abgesehen von der etwas sperrigen Sprache, ist die Einsicht klar: Weil die Welt eben so ist, wie sie ist, und sich ständig wandelt, müssen Formen des Glaubenslebens gefunden werden, die dem entsprechen. Aber nicht „für“ die Laien, sondern „mit“ ihnen. Nicht der geistliche „Stand“ entscheidet, sondern Glaube entwickelt sich aus dem Volk Gottes heraus.

Dazu das einschlägige Papstzitat aus Evangelii Gaudium (Nr 102): „Die Laien sind schlicht die riesige Mehrheit des Gottesvolkes. In ihrem Dienst steht eine Minderheit: die geweihten Amtsträger“. Soweit, so klar. Die Identität des Klerus geht also aus Dienst hervor, nicht aus einer Standeszugehörigkeit. Hier lässt sich vielleicht der Kern der Klerikalismus-Kritik des Papstes festmachen. Klerikalismus gibt der Eigenverantwortung der Laien nicht den nötigen Raum, bezieht sie nicht genügend ein und so weiter. Weiterlesen

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Man spricht deutsch

Wer in diesen Tagen durch Rom läuft, oder besser noch: am Vatikan herum geht, der hört vor allem eine Sprache. Und zwar nicht Italienisch.

Das Erzbistum Köln ist mit 1.300 Pilgern hier, Münster ist mit seiner Bistumswallfahrt da, Essen auch, und dann sind da auch immer noch die vielen Einzelpilger oder Kleingruppen, die die ausbrechenden Herbstferien nutzen, um zum Heiligen Jahr nach Rom zu kommen.

Herzlich willkommen!

Ministerpräsident Albig und Hamburgs Erzbischof Heße (links) vor großer Kulisse

Ministerpräsident Albig und Hamburgs Erzbischof Heße (links) vor großer Kulisse

Und dann sind da noch die anderen Gäste, so hatte zum Beispiel der Ministerpräsident Schleswig-Holsteins gestern (Montag) seine Papstaudienz, Botschafterin Annette Schavan hat insgesamt bereits zehn Ministerpräsidenten gezählt, die hier waren, die nächste kommt bald.

Mit den Pilgern kann man sich gar nicht ausführlich unterhalten, die haben ihr Programm und ihre Gruppen, nur gestern Abend habe ich eine kleine Gruppe zufällig auf dem Gianicolo-Hügel getroffen, geleitet von Weihbischof Dominik Schwaderlapp. Aber sonst ist da kaum Begegnung, es sind einfach zu viele.

Bei den Politiker-Treffen ist das anders. Da gibt es dann meistens ein Abendessen oder eine Mittags-Begegnung oder auch einfach nur ein ausführliches Pressegespräch. Und die Eindrücke, die ich da bekomme, sind nie langweilig.

Natürlich wird dabei darüber gesprochen, wie das so war, das Gespräch mit dem Papst. Aber auch über Flüchtlinge, über Umwelt und Schöpfung, über Europa und so weiter. Und meistens erzählen die Gäste dann auch noch weiter über ihre Eindrücke von Papst und Kirche, das ist vor allem von denen interessant, die keine Christen oder die nicht katholisch sind, da bekommt man viel unvoreingenommene Einschätzungen mit.

Wie gesagt, herzlich willkommen, Rom hört sich zur Zeit sehr deutsch an.

 

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Die „Ideologische Kolonisierung“

Papst Franziskus warnt vor der „ideologischen Kolonisierung“ in der Gender-Frage. Eine Bemerkung in der Predigt in Georgien am vergangenen Wochenende hat die voraussehbaren Reaktionen hervor gerufen, auch Leute, die sich überhaupt nicht für die Reise interessiert haben, haben diese eine Bemerkung heraus gepickt und zerpflücken sie nun im Netz.

Er ist nicht immer leicht zu verstehen, auch wenn es sich anders anhört: Papst Franziskus

Er ist nicht immer leicht zu verstehen, auch wenn es sich anders anhört: Papst Franziskus

Dabei ist das gar keine Überraschung, dasselbe hat er auch schon in Polen gesagt, bei seiner Ansprache vor den Bischöfen des Landes. Oder zitieren wir Amoris Laetitia: „Eine weitere Herausforderung ergibt sich aus verschiedenen Formen einer Ideologie, die gemeinhin Gender genannt wird und die den Unterschied und die natürliche Aufeinander-Verwiesenheit von Mann und Frau leugnet.“ Und weiter „Diese Ideologie fördert Erziehungspläne und eine Ausrichtung der Gesetzgebung, welche eine persönliche Identität und affektive Intimität fördern, die von der biologischen Verschiedenheit zwischen Mann und Frau radikal abgekoppelt sind. Die menschliche Identität wird einer individualistischen Wahlfreiheit ausgeliefert, die sich im Laufe der Zeit auch ändern kann.“ (AL 56)

Es ist vielleicht überraschend, das ausgerechnet in Georgien zu hören, aber neu ist das Thema nun wirklich nicht.

Dass Menschen, die sich gegen Diskriminierung auf Grund des Geschlechts wehren, sich hier missverstanden fühlen, will ich gar nicht verneinen. Und dass die Debatte in kleinen Zirkeln über den behaupteten „Genderwahn“ durch Bemerkungen wie diese Fahrt gewinnt, ist auch etwas, wo wir aufpassen müssen.

 

Schlüsselbegriff

 

Der Schlüsselbegriff beim Papst ist aber gar nicht so sehr „Gender“, was auch immer genau man darunter verstehen mag. Mir scheint, wenn wir nachvollziehen wollen, was der Papst sagt, dann müssen wir vielmehr den Begriff der „ideologischen Kolonisierung“ anschauen. Reiche Länder oder generell Mächtige zwingen Ansichten anderen auf, anderen Nationen, anderen Kulturen, das ist der Vorwurf, den der Papst damit verbindet. Dass dieser Kulturimperialismus dabei eine Weiterentwicklung des Kolonialismus darstellt, ist dem Lateinamerikaner Jorge Mario Bergoglio nicht entgangen.

Wenn wir also den Aussagen des Papstes zu „Gender“ folgen, dann werden wir feststellen, dass sie fast immer in diesem Zusammenhang fallen. Natürlich hat es auch theologische Gründe, die Vorstellung des Abbildes Gottes in Mann und Frau spielt eine Rolle, etwas was er auch den polnischen Bischöfen gegenüber betont hat. Aber der Kulturimperialismus überlagert das alles.

In der Rede vor der UNO vor einem Jahr hat er es in Bezug auf ganzheitliche menschliche Entwicklung gesagt, Kulturimperialismus gibt es auch in Bezug auf andere Werte. Weiterlesen

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Synode, mal wieder. Diesmal geht es um die Jugend

Jugend und Glaube und dazu die Frage danach, was für die kommenden Generationen Berufung bedeutet und wie sie „unterschieden“, also entdeckt und gefördert werden kann. Papst Franziskus hat an diesem Donnerstag bekannt geben lassen, dass sich die Bischofssynode 2018 mit diesem Thema befassen wird.

Die beiden letzten Versammlungen der Synode – 2014 und 2015, eine außerordentliche und eine ordentliche Versammlung – hatten sich mit dem Thema Familie befasst und hatten für viel Aufmerksamkeit gesorgt. Nun scheint der Spannungsbogen abzufallen, „Jugend“ ist nicht so konfliktbeladen wie Familien- und Sexualthemen.

Abschlussrede des Papstes bei der Synode

Da ist sie wieder, die Bischofssynode

Und doch: wenn die Frage nach der Weitergabe des Glaubens an die kommenden Generationen nicht gelöst wird, sind alle anderen Fragen unsinnig. Das gilt vor allem für uns hier in Europa. Vor meinem Job hier beim Radio habe ich acht Jahr kirchliche Jugendarbeit gemacht, da ist viel Glaube, aber da fehlt es auch an vielem.

Das Thema hat es also in sich. Ich habe nur zwei Befürchtungen. Zum einen habe ich mal mit einem deutschen Bischof die Säbel gekreuzt, nach einem Gespräch über neue Medien und Digitalisierung und über die Tatsache, dass die nächsten Generationen völlig anders kommunizieren, als wir das gewohnt sind, hatte er vorgeschlagen, mehr in Jugendarbeit zu investieren, schließlich müsste Kirche diese Sprache lernen. Nachdem also Jahrzehnte lang gekürzt wurde, soll das nun der neue Königsweg sein, das hat mich schon geärgert. Es hat viele Versäumnisse gegeben, die müssen genannt werden.

Die zweite Sorge hat auch mit Kommunikation zu tun: wie kann in dem Synoden-Format, das etwas sperrig ist, nicht nur über sondern vor allem mit Jugendlichen gesprochen werden. Eine einfache Umfrage im Vorfeld wird da nicht ausreichen.

Noch ist ja Zeit, sich was einfallen zu lassen.

 

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Der Kontinent ist egal

Wir Jesuiten wählen uns einen neuen Generaloberen. Das ist insofern ungewöhnlich, als der letzte noch lebt. Auch dessen Vorgänger lebt noch, eigentlich sehen unsere Ordenssatzungen vor, dass dieses Amt auf Lebenszeit vergeben wird. Prinzipienstarre ist aber nicht gerade etwas, was man Jesuiten vorwerfen kann, und so werden die Regeln, die für andere Zeiten und Gesundheitssysteme gemacht waren, anders angewandt als früher.

Pater Nicolás (l) nach seinem Rücktritt neben dem Interims-Leiter des Ordens, Pater Jim Grummer

Der ehemalige Obere Pater Nicolás (l) nach seinem Rücktritt neben dem Interims-Leiter des Ordens, Pater Jim Grummer (c) SJ

Die Wahl bekommt eine gewissen Aufmerksamkeit. Zum einen, weil wir der größte Männerorden der Kirche sind, zum anderen, weil der Papst einer von uns ist. In deutschsprachigen Medien habe ich bislang noch wenig gefunden, aber vor allem in angelsächsischen Medien gibt es schon einiges.

Vor allem gibt es Spekulation, wer denn nun Generaloberer werden wird. Und das ist auch eine Frage, die Kollegen wie auch Mitbrüder von jenseits der Alpen ab und zu stellen.

Ganz ehrlich: keine Ahnung. Ich weiß noch nicht einmal genau, wann gewählt wird, das hängt von den inneren Abläufen und den einzuhaltenden Verfahren ab. Wir wählen auf eine sehr merkwürdige Art, wann dabei ein Ergebnis zu Stande kommt, kann man oder besser: kann ich nicht sagen.

Noch unwissender bin ich bei Namen. Ein wenig stolz macht es mich schon, dass ich so gar keine Politik in den vergangenen Monaten erlebt habe. Nicht einmal habe ich gehört, dass jemand einen Namen platzieren wollte oder gar sich selbst ins Spiel gebracht hat. Stolz, weil es zeigt, dass das eben kein anzustrebendes Amt ist.

Eine andere Frage ist die, ob denn jetzt mal jemand aus Asien gewählt wird oder Afrika. Hier fühle ich mich in einer Antwort sicherer: Erstens kann das schon sein. Zweitens aber – und das scheint mir wichtiger – ist das glaube ich ziemlich egal. Die Wähler suchen jemanden, der das geistliche, menschliche und intellektuelle Format für eine solche Aufgabe hat. Woher derjenige dann kommt, ist zwar nicht egal, aber nachrangig. Wir sind glaube ich auf eine gute Weise darüber hinweg, Proporz wichtig zu finden. Jedenfalls ist das mein Eindruck. Unsere Ordensregeln sind sehr anspruchsvoll, dafür jemanden zu finden ist schwer genug.

 

Vom Ende der Welt oder nebenan

 

Eine andere Kategorie scheint mir wichtiger. Nimmt man die letzten drei Generalobere des Ordens, dann haben sie eines gemeinsam: sie haben alle in ihnen fremden Kulturen gearbeitet. Pater Nicolás, der jetzt zurück getreten ist, als Spanier in Japan und auf den Philippinen. Der in den Niederlanden geborene Peter-Hans Kolvenbar, Nicolás Vorgänger, war lange Jahre im Libanon uns ist auch wieder dahin zurück gekehrt. Und dessen Vorgänger, der von uns sehr verehrte Pater Arrupe, war auch ein Spanier, der im Osten gearbeitet hat und in Hiroshima den Atombombenabwurf erlebt und überlebt hat.

Das ist eine Kategorie, die ich viel Spannender finde, als die des Herkunftskontinents: Kulturüberspannend.

Viel bekommen wir anderen nicht von den Vorgängen in der Aula mit, fast ausschließlich nur die Stimmung beim Frühstück und dann wieder abends. Das zu beobachten allein ist aber schon spannend. Und ich bin sehr zuversichtlich, dass die Mitbrüder eine gute Wahl treffen, ob nun vom Ende der Welt oder von nebenan.

 

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Schmerzensmänner

Eine Figur, aufrecht gerade stehend, den Betrachter von der Leinwand aus anblickend. In der einen, flach vor sich gehaltenen Hand trägt sie eine Art Modell von einer Kirche. Eine ganz klassische Szene, so werden Stifter von Kirchen und Klöstern dargestellt, Heilige oder auch nicht.

Nur, das Bild, das ich hier meine, hat so gar nichts von Kirche oder Andacht. Es ist eines einer Serie des Malers Georg Baselitz, „Helden“ genannt. Derzeit sind die Bilder in Frankfurt im Städel-Museum zu sehen.

Gemälde von Georg Baselitz: Der Hirte, von 1965

Georg Baselitz (*1938) Der Hirte, 1965, Öl auf Leinwand, 162 x 130 cm Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Leihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung, seit 1993 © Georg Baselitz 2016 Foto: Frank Oleski, Köln

Vor den Renaissance-Malern wurden diese Heiligen oder Stifter, diese bewundernswerten Menschen, ohne Handlung dargestellt. Die stehen da nur, da geschieht nichts in den Statuen oder den Altarbildern. Die Handlung ist heraus genommen, sie passiert höchstens im Kopf des Betrachters, der die Geschichten kennt. Aber der Mensch dort auf der Säule oder der Leinwand tut nichts. Er wird schlicht dargestellt.

So macht es auch Baselitz mit seinen „Helden“, es sind Typen, keine Individuen, sie sind dargestellt, sie handeln nicht. Sie stehen, schauen den Betrachter an, grob und roh in den Gesichtszügen aber nicht aktiv. Da steckt zwar Bewegung drin, aber keine Handlung. Das ist ein Widerspruch, zugegeben, aber genau so stellen sich die Bilder vor.

Und obwohl alles an ihnen vom Krieg und Verwundung erzählt, hilft nichts im Bild dabei, die Figuren zu identifizieren oder zu individualisieren. Es sind halt Typen.

 

Baum, Fahrrad, zerrissene Uniformen

 

Zurück zum Mann mit der Kirche in der Hand: christliche Symbolik gibt es einige bei Baselitz, wenn ich mir auch nicht sicher bin, dass er genau das meint. Das Bild mit der Kirche in der Hand heißt „Der Hirte“. Es gibt aber noch viele andere Bilder, die genau so heißen, ein anderer Hirte hat zum Beispiel ein Kreuz am Kopf, auch das christliche Symbolik.

Überhaupt scheinen Baselitz Helden so etwas wie Schmerzensmänner zu sein, allein das schon christliche Bildsprache. Sie sind kraftvoll-muskulös und schwach zugleich, klar verletzt, verwundet, sie stehen in zerstörten Landschaften, da klingt deutlich der Krieg nach. Sie tragen alle Uniform, oder vielmehr: Lumpen, die mal Uniform waren. Die Bilder sind aus den 60er Jahren, Baselitz holt die Erfahrung des Krieges noch einmal auf die Leinwand.

Seine Leidensmänner stehen alleine da. Oftmals stehen sie freigestellt, viele Bilder haben keinen Hintergrund. Da ist höchstens ein Baum, scheinbar immer derselbe. Oder es ist einige Male nur dieser Baum, den Baselitz gemalt hat. Er hat immer einen gebrochenen Ast, dann sind da rote Tropfen – Blut – die herab tropfen. Auch die ständige Wiederholung der Themen und Attribute wie der Uniform der „Helden“ trägt zur Typenhaftigkeit bei. Daneben stehen immer wieder Schubkarren, Fahrräder oder brennende Häuser.

Baselitz - Die Helden: Blick in die Ausstellugsräume

Ausstellungsansicht „Georg Baselitz. Die Helden“
Foto: Städel Museum

Es sind flächige Bilder, sie haben keine Tiefe, keinen Raum. Karminrot, braun, pink, das sind die vorherrschenden Farben. Die Bilder halten sich zurück, da ist keine Geste, kein Triumpf. Sie vereinnahmen nicht, posieren nicht wie es Helden heutzutage immer tun, wenn sie auf der Leinwand zu sehen sind.

 

Keine Bruce-Willis-Schmerzensmänner

 

Und hier wird die Ausstellung spannend. Einerseits sind da die christlichen Symbole und Anspielungen. Andererseits haben wir heute viele Helden vor Augen, die als leidende Schmerzensmänner über die Leinwand laufen. Nehmen wir Bruce Willis, blutend, zerrissen und schwitzend hat er aus dieser Figur eine ganze Filmkarriere gemacht, „Die Hard“ und so weiter. Oder auch Jason Bourne und all die anderen blutenden Filmhelden. Sie sind ist der Held, der leidet und der dann am Ende, nun, genau: Held ist. Großes Gefühl, und am Ende überwiegt der Sieg das Leiden. Weiterlesen

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Der Saal der verlorenen Schritte

Wer Kirchen aus der eigenen Erfahrung kennt, für den ist Sankt Peter eine ganz besondere Welt. Selbst heute noch, wo wir übergroße Räume aus Film und aus Stadtwelten mehr kennen als früher scheint dieser Raum riesig groß zu sein. Und ist es ja auch.

Saal der verlorenen Schritte – so nennt Émile Zola Sankt Peter bei seiner Reise 1894. Er hat über seine Reise eine Tagebuch geschrieben, das unlängst auf deutsch (neu) herausgegeben wurde. Sehr hart geht der französische Groß-Intellektuelle mit der Stadt um, und auch Sankt Peter bekommt so einiges ab. So bemängelt er, dass man nirgendwo eine Kerze anzünden könne, eine Frömmigkeitsübung, die er aus Frankreich gut kennt.

Aber Sankt Peter ist kein normaler Ort.

Weihnachten in Sankt Peter

Weihnachten in Sankt Peter

Seit sieben Jahren lebe ich nun schon hier und immer wieder gehe ich in diese Kirche hinein. Sie ist faszinierend, aber auch irgendwie komisch. Ein richtiger Ort des Glaubens wird sie nur, wenn der Papst darin Messe feiert und große Massen versammelt sind. Aber dafür ist sie ja eigentlich nicht gebaut, sondern zur Repräsentierung, auch zum Angeben – wenn man sich einige Portraits verstorbener Päpste ansieht – als Ort eines egomanischen Künstler-Genies (Bernini) und als vieles mehr.

Nur die Akustik ist schlecht. Kein Wunder bei einer Kirche, die vor allem fürs Schauen gebaut ist.

Aber Zola hat schon recht, wenn man morgens um sieben dort hinein geht, dann ist die Kirche so leer wie sonst nie und man erlebt sie so, wie er sie erlebt hat. Ein Thronsaal sei das, mehr Tempel als Kirche.

Aber spannenderweise ist genau das die Zeit, in der ich Sankt Peter so gerne mag. Riesig: ja. Leer: ja. Kein Gemeindeort, kein Bet-Ort, alles überwältigend und bunt, die Blicke durch Perspektiven, Gold und Statuen geleitet. Aber trotzdem ist das was Besonderes morgens um sieben, wenn keine Tourigruppen erklärt bekommen, wer und was das nun gerade ist, wenn man nicht anstehen muss und der gesamte Saal sich in ein Museum verwandelt.

Morgens um sieben hallen die Schritte wirklich, und man ist in einer großen Leere, wie es sie sonst nicht gibt. Das ist es wohl: prächtig, aber leer, noch einmal Luft holend bevor die Massen kommen, so viel Geschichte in sich versammelnd, die später dann auf einige Fotos reduziert wird. Morgens um sieben ist die Kirche noch entspannt, plustert sich nicht auf, man erkennt ihre echte Größe und Weite.

Denn dieser Saal gibt auch Raum. Weit, leer lässt er Blicke schweifen. Keine Werbung, keine Ablenkung, denn alles ist wie beim letzten Besuch auch schon. Man sieht Neues, aber nur wenn man schweifen lässt.

Und ich schweife gerne mal herum. Und dafür ist Sankt Peter der beste Ort in Rom überhaupt. Und dann wird er für mich auch zur Kirche.

 

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