Es ist ein Verb

Koordinatensystem für den Papst, Teil 6

Ganz vollständig ist das Koordinatensystem natürlich noch nicht, man könnte noch weitere Themen anführen. Aber vor allem fehlen noch die Koordinaten, die der Papst selber eingeführt hat. Die Zeit ist mehr wert als der Raum ist das erste Koordinate, „Dem Raum Vorrang geben bedeutet sich vormachen, alles in der Gegenwart gelöst zu haben und alle Räume der Macht und der Selbstbestätigung in Besitz nehmen zu wollen. Damit werden die Prozesse eingefroren. Man beansprucht, sie aufzuhalten. Der Zeit Vorrang zu geben bedeutet sich damit zu befassen, Prozesse in Gang zu setzen anstatt Räume zu besitzen.“

Uns macht das nervös, weil wir keine Ergebnisse sehen, keine Ergebnissicherung, keine Pläne. Er geht einfach los und vertraut dem Heiligen Geist.

„Die Einheit wiegt mehr als der Konflikt“ wäre die zweite Koordinate, auch das etwas, was wir uns innerkirchlich hinter die Ohren schreiben könnten. Leider leben Fraktionen in der Kirche vom und für den Konflikt, da klingen diese Worte des Papstes sehr aktuell. Er selber sagt das so: „Der Konflikt darf nicht ignoriert oder beschönigt werden. Man muss sich ihm stellen. Aber wenn wir uns in ihn verstricken, verlieren wir die Perspektive, unsere Horizonte werden kleiner, und die Wirklichkeit selbst zerbröckelt. Wenn wir im Auf und Ab der Konflikte verharren, verlieren wir den Sinn für die tiefe Einheit der Wirklichkeit.“

 

Die vier päpstlichen Koordinaten

 

Die dritte päpstliche Koordinate: „Die Wirklichkeit ist wichtiger als die Idee“. Ich zitiere: „Das schließt ein, verschiedene Formen der Verschleierung der Wirklichkeit zu vermeiden: die engelhaften Purismen, die Totalitarismen des Relativen, die in Erklärungen ausgedrückten Nominalismen, die mehr formalen als realen Projekte, die geschichtswidrigen Fundamentalismen, die Ethizismen ohne Güte, die Intellektualismen ohne Weisheit.“ Das hat mit nichts weniger als der Inkarnation Gottes in die Welt zu tun. Und wer schöne Ideen hat, diese Dynamik der Inkarnation aber nicht nachvollzieht, der verfehlt Jesus: „Das Wort nicht in die Praxis umzusetzen, es nicht in die Wirklichkeit zu führen bedeutet, auf Sand zu bauen, in der reinen Idee verhaftet zu bleiben und in Formen von Innerlichkeitskult und Gnostizismus zu verfallen, die keine Frucht bringen und die Dynamik des Wortes zur Sterilität verurteilen.“

Und viertens: „Das Ganze ist dem Teil übergeordnet“. Diese vier Koordinaten sind eher abstrakt. Aber wenn man das sprechen und tun dieses Papstes beobachtet, dann wird das schnell sehr konkret. Weiterlesen

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Die Kreativität Christi: Verkündigung

Koordinatensystem für den Papst, Teil 5

Noch eine weitere Koordinate: „eine ständige missionarische Haltung“. Das will der Papst von seiner Kirche. EG ist voll davon, aber auch sonst sehen wir an diesem Papst einen Verkünder. Und das ist kein einfaches Konzept von Christentum, der Papst liebt Verben der Bewegung, da muss man dauernd aufstehen, aus sich heraus gehen, losgehen, aufstehen, und so weiter.

Dahinter liegt ganz schlicht die Frage, wie Christsein im 21. Jahrhundert zu leben ist. Jedenfalls nicht bürgerlich zufrieden, um noch einmal das Feindbild aufzurufen. Wir erleben einen Traditionsabbruch, wir müssen neu lernen, zu verkünden. Wir müssen christliches Handeln ohne stützendes Milieu erlernen. Das bedeutet Christsein.

EG „[Christus] kann mit seiner Neuheit immer unser Leben und unsere Gemeinschaft erneuern, und selbst dann, wenn die christliche Botschaft dunkle Zeiten und kirchliche Schwachheiten durchläuft, altert sie nie. Jesus Christus kann auch die langweiligen Schablonen durchbrechen, in denen wir uns anmaßen, ihn gefangen zu halten, und überrascht uns mit seiner beständigen göttlichen Kreativität.“

 

Nicht delegierbar

 

Und da rüttelt der Papst an unserem Verständnis von Glauben und Kirche. Verkündigung ist nämlich nicht an eine Stabsstelle delegierbar, an kein Institut und keinen Hauptamtlichen. Verkünden soll jeder. Letztlich ist das ja auch gut jesuanisch, aber irgendwie hat das keinen sehr guten Ruf bei uns.

Damit deutet der Papst auch den unglücklichen Begriff der Neuevangelisierung um. Er nutzt ihn selber überhaupt nicht, füllt die Idee aber auf seine eigene Weise. Wir müssen lernen, neu zu verkünden. Und das ist mehr, als nur das Internet zu nutzen, dahinter steckt eine Haltung. Ich zitiere noch einmal EG „Niemals verschließt sich das missionarische Herz, niemals greift es auf die eigenen Sicherheiten zurück, niemals entscheidet es sich für die Starrheit der Selbstverteidigung. Es weiß, dass es selbst wachsen muss im Verständnis des Evangeliums und in der Unterscheidung der Wege des Geistes, und so verzichtet es nicht auf das mögliche Gute, obwohl es Gefahr läuft, sich mit dem Schlamm der Straße zu beschmutzen.“ Weiterlesen

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Der Papst und die Politik

Ein Koordinatensystem für den Papst, Teil 4

Eine weitere Koordinate: die Politik ist zurück im Vatikan. Während wir im vergangenen Oktober bei der Bischofssynode waren, alle Journalisten mit Blick auf die Kirche, trafen sich wenige Meter weg Kuba und die USA und handelten erste Schritte zur Annäherung aus. Ausgelöst hatten das zwei Briefe des Papstes, einen an Präsident Castro, einen an Präsident Obama. Nun waren die Briefe nicht der Grund für das Tauwetter, aber sie kamen zur richtigen Zeit. Und die Tatsache, dass das so lange geheim bleiben konnte und auch dass der geplante Papstbesuch auf Kuba lange geheim bleiben konnte, das zeigt die Qualität der Arbeit.

Ganz aktuell: Raúl Castro bei Papst Franziskus, Sonntag, 10. Mai 2015

Ganz aktuell: Raúl Castro bei Papst Franziskus, Sonntag, 10. Mai 2015

In meinen Kontakten mit Diplomaten begegne ich einem wieder erwachenden Respekt für das, was der Heilige Stuhl weltweit tut. Das hat mit dem Netzwerk zu tun, was die Kirche bildet, mit Kontakten, und es hat mit den Prinzipien zu tun, für die die Kirche unter den Staaten einsteht. Aber es hat auch damit zu tun, dass hoch professionell gearbeitet wird, wenn auch auf zahlenmäßig eher kleinem Niveau, und dass das was aus Rom kommt Ernst zu nehmen ist.

 

Palästina und Kuba

 

Denken Sie an den Coups mit den Friedensgebeten im Vatikan mit Palästina und Israel. Niemand hätte gedacht, dass so etwas möglich wäre. Aber es war möglich. Und schauen Sie, wer auf der Welt alles Papst Franziskus zitiert. Er ist eine politische und gesellschaftliche Größe, und zwar nicht eine zum schmücken, sondern eine Herausforderung. Er spricht von Syrien, wenn unsere Medien gerade etwas anderes vor Augen haben. Vom Irak. Vom Hunger. Von den ungerechten Wirtschaftssystemen, die Menschen wegwerfen. Weiterlesen

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Der Papst und seine Reform

Ein Koordinatensystem für den Papst, Teil 3

Natürlich muss auch die Kurienreform erwähnt werden, das wäre meine dritte Koordinate. Das war ja einer der Aufträge an den zu wählenden Papst, wie Franziskus immer wieder bekundet. Nun ist das eine riesige Baustelle. Die Wirtschaftsangelegenheiten sind in trockenen Tüchern, es wird noch aufgeklärt und umgebaut, aber die Struktur steht und sie ist nach internationalen Standards gesetzt. Bei den Vatikanmedien ist das noch nicht entschieden, da gab es eine Firma die sich uns angesehen hat (McKinsey), dann eine Kommission, die einen Bericht und Vorschläge vorgelegt hat und nun eine neue Kommission, die Vorschläge zur Umsetzung machen soll. Das dauert alles noch.

Tatsache ist ja, dass wir mit der Williamson-Affäre, mit Vatileaks, mit der so genannten Vatikanbank IOR und jede Menge anderer Sachen klar gemacht bekommen haben, das etwas nicht stimmt im Vatikan. Es lief nicht rund, die einzelnen Bereiche arbeiteten aneinander vorbei und es war alles Mögliche, aber kein gute Dienst an der Kirche.

Wer es etwas präziser möchte: Drei Felder der Reform werden im aktuellen Heft der Herder-Korrespondenz von Ralph Rotte identifiziert: 1. das Bemühen um einen offenen Diskurs über die Aufgaben, Missstände und Veränderungsmöglichkeiten von Kurie und Kirche, 2. den Wandel der institutionellen Organisation der Kurie und 3. die Personalpolitik von Papst Franziskus.

 

Strukturveränderungen dauern

 

Für uns strukturierte Mitteleuropäer mag die Umsetzung sehr langsam daher kommen. Und es gibt ja auch berechtigte Kritik: Prozeduren und Verfahren schützen ja immer den Schwachen vor dem Starken. Der Starke setzt sich immer durch, der Schwache braucht Regeln. Deswegen wäre es wichtig, die neuen Dinge auch in Regeln zu fassen.

Wichtig dabei ist aber ganz besonders, dass es dem Papst um eine Haltung geht. Er will einen Dienst für die Weltkirche, und das ist nicht nur Sonntagsrede. Dass er die Kurie mit den fünfzehn Krankheiten der Seele konfrontiert hat, ist weniger eine Abrechnung als vielmehr der deutliche, sehr deutliche Hinweis darauf, wo die wirklichen Gefahren im Vatikan liegen.

Reform, wirklich Reform, beginnt nicht im Zentrum, sondern an der Peripherie. Hier ist der Papst ‚Schüler’ des Konzilstheologen Yves Congar, der dazu geschrieben hat. Wirkliche Reform beginnt beim Glauben der Menschen, nicht im Zentrum der Institution. Das bedeutet nicht, die Probleme zu verharmlosen oder ins Innere zu verlegen, das macht sie im Gegenteil erst wirklich wichtig und mächtig. Reform muss pastoral beginnen. Reform ist zuerst etwas Geistliches.

 

Bürgerliche Religion

 

Brechen wir das einmal auf unsere Kirche herunter: was hieße das für uns? Papst Benedikt XVI. hat uns mit „Entweltlichung“ ja schon etwas ins Stammbuch geschrieben, die „Arme Kirche für die Armen“ ist hier eine wohlmöglich noch größere und radikalere Herausforderung. Papst Franziskus will keine Kirche, die in sich selbst verkrümmt ist, sondern die aus sich heraus geht, die die Türen aufmacht um Jesus heraus zu lassen. Weiterlesen

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Der Papst und die Ökumene der Begegnung

Ein Koordinatensystem für den Papst, Teil 2

Eine zweite Linie des Koordinatensystems möchte ich anführen, und zwar die Ökumene. Das ist nun nicht gerade etwas, was wir hier in Deutschland sofort mit diesem Papst verbinden würden, und es stimmt auch, die klassische Ökumene mit den Kirchen der Reformation ist nicht sein Schwerpunkt und die Auseinandersetzung mit diesen Theologien hat bei ihm auch keine Rolle gespielt.

Aber bereits bei einer der ersten Begegnungen des neuen Papstes, bei einem Essen mit Kardinälen, war Patriarch Bartholomaios eingeladen. Er war zur Wahl gekommen, natürlich nicht wissend, wer da gewählt wird, der erste Patriarch der griechisch orthodoxen Kirche seit der Spaltung vor 1.000 Jahren, der das tat.

 

„Bruder Andreas“

 

Und er sprach ein Grußwort und Papst Franziskus antwortete: „Bruder Andreas“, denn der Patriarch sieht sich als Nachfolger des Apostels Andreas, wie der Papst sich als Nachfolger des Bruders des Andreas, Petrus, sieht. Da standen also die beiden Brüder nebeneinander. Wenn es jemals Eis gegeben haben sollte, dann war das in dem Augenblick weg.

Nicht bei allen, mit der russisch orthodoxen Kirche ist das nach wie vor schwierig, aber der Kontakt ist da, und vor allem auch die Wertschätzung und der Respekt. In Israel und in der Türkei hat er das sehr deutlich gemacht.

Wir sehen auch ein völlig neues ökumenisches Feld. Ich kann mich noch gut an Interviews mit Kardinal Walter Kasper erinnern, der damals noch im Vatikan für die Einheit der Christen zuständig war. Der sagte ganz klar, dass eine Ökumene mit den Evangelikalen ganz schwer sei, weil es sie nur konkret und lokal, nicht aber organisiert gäbe und weil die sich gar nicht für Ökumene interessierten. Deren Christentum ticke ganz anders. Und nun hat ein Papst einen evangelikalen Pfarrer zu Gast, den er aus Argentinien kennt, und der erzählt ihm, dass er zu einer evangelikalen Konferenz in Texas fahre. Der Papst fragt, soll ich dir eine Botschaft mitgeben? Und Bischof Palmer, so hieß der Mann, antwortet „Klar, hier ist mein iPhone, ich zeichne das auf.“ Und dann fährt er – der Vatikan weiß von nichts – in die USA und spielt diesen Kurzfilm bei der Konferenz vor. Bei allen anderen Päpsten wäre das undenkbar, aber mit Franziskus geht das: Ein Evangelikaler wirbt mit dem Papst bei Pfingstkirchen für die Ökumene. Weiterlesen

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Koordinatensystem für diesen Papst

Es ist ein entscheidendes Jahr für das Pontifikat Papst Franziskus: Diese Einschätzung hört man immer wieder, wenn man mit Fachmenschen spricht, mit Vatikan- und Kirchenkennern, Journalisten und kirchlichen Insidern. Wir stecken in der Mitte einer ganzen Reihe von Prozessen, die seit dem 13. März 2013 begonnen wurden: Kurienreform ist vielleicht das erste, dann der Synodale Prozess mit den beiden Versammlungen der Bischofssynode zum Thema Familie, demnächst eine weitere Enzyklika, Ernennungen, die ersten Dinge die in der Kritik stehen und die Frage, wie der Papst damit umgeht: Das alles steckt in diesem dritten Jahr des Pontifikates Papst Franziskus.

Pater Bernd Hagenkord bei einem Vortrag in Hamburg

Entstanden ist dieses Koordinatensystem für einen Vortrag in Hamburg, Foto (c) Herzig

Nun sehen wir Vatikaner ja oft den Wald vor lauter Bäumen nicht, jeden Tag ist etwas zu berichten, immer wieder neue Initiativen, Menschen, Reisen, Themen. Trotzdem oder vielleicht deswegen möchte ich versuchen, an dieser Stelle in mehreren Folgen so etwas wie ein Koordinatensystem zu entwickeln. Die Idee dahinter wäre es, die einzelnen Handlungen, Worte, Zeichen, Themen und so weiter des Papstes etwas verstehbarer zu machen. Es soll keine Analyse sein, dafür ist es sicherlich noch zu früh, ich habe auch etwas gegen Bilanzen, das klingt immer so abschließend, aber so ein Koordinatensystem lässt sich nutzbringend beschreiben und ist nach über zwei Jahren sicherlich auch möglich.

Beginnen möchte ich mit der ersten Koordinate auf dem Balkon, am 13. März 2013. Das ist nicht sonderlich originell, fast alle Papstbeschreibungen fangen mit dem Abend nach der Wahl an, aber es ist bezeichnend. Es war einer der definierenden Momente dieses Pontifikates oder anders: es fasst etwas zusammen, was sich danach immer weiter entwickelte.

 

Kommunikation und Distanz

 

Wie sehen einen Papst, der Distanzen abbaut. Sein berühmtes „buona sera“, sein Weglassen von trennenden zeremoniellen Gewändern, sein bewusst einfaches Auftreten, das Fahren mit dem Bus, das alles baut Distanz ab. Das kann man dann jeden Mittwoch auf dem Petersplatz sehen oder viel mehr noch bei den Pfarreibesuchen in Rom oder anderswo in Italien: Umarmungen allüberall. Der Papst will Nähe, physische Nähe.

Wir sehen einen genialen Kommunikator. Seine Sprache ist klar und verstehbar, ein Dokument wie Evangelii Gaudium braucht keinen Fachmann für Kirchen-Sprech, um es den Menschen nahe zu bringen, ganz zu schweigen davon, dass es eines der wenigen kirchlichen Dokumente ist, dass zum Lachen anregt.

Zum einen liegt das an der Sprache selber, die sofort verstehbar ist. Er zitiert nicht, schreibt wie er spricht und will vor allem eines: verstanden werden. Es sind keine Texte für die Ewigkeit, sondern kommunikative Akte.

 

Kommunikative Handlungen

 

Dazu gehören auch die Sprachbilder, die der Papst nutzt, vor allem in den Morgenmessen. Maria ist keine Postbeamtin, die täglich Briefe zustellt. Wir sollen keine „Museums-Christen“ sein. Kirche ist keine Zollstation. Wir haben alle einen Hochschulabschluss in Sünde. Und so weiter. Weiterlesen

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Wer ist Herr Krause?

Das Ende der Welt ist ein spannender Ort. Mit dem Papst kommen Ideen hierher, die vorher nur Spezialisten bekannt waren. Auch wenn vieles, was als „lateinamerikanisch“ an diesem Papst eingeordnet wird, gar nicht so lateinamerikanisch ist, lohnt es sich doch, immer wieder genauer hin zu schauen, um den Hintergrund zu verstehen, vor dem Papst Franziskus spricht und handelt.

Aparecida und der dort entstandene Text der Bischofskonferenzen des Kontinents ist so ein Beispiel. Die Theologie des Volkes Gottes und Lucio Gera ist ein zweites Beispiel.

Und dann ist da Karl Christian Friedrich Krause. Gestorben 1832 in München war er einer der wichtigsten und wirkmächtigsten deutschen Philosophen. Wie bitte? Doch, richtig gelesen. Weltweit ist die Philosophie Krauses sicherlich in ihrer Bedeutung so wichtig wie die Kants und Hegels, aber die Fragezeichen in den Augen sind berechtigt, bei uns kennt ihn niemand. Oder kaum jemand. Eine Rezeption ist mir jedenfalls noch nicht begegnet. Und doch ist Krause was das politische und gesellschaftliche Denken in Teilen Lateinamerikas und besonders Argentiniens angeht nicht weg zu denken.

Karl Christian Friedrich Krause

Karl Christian Friedrich Krause

Aber auch den Fachleuten in Sachen Papst Franziskus ist Krause nicht immer ein Begriff, blättert man durch die Biographien zu Jorge Mario Bergoglio, dann trifft man aber eher auf Juan Perón, den Peronismus in seinen verschiedenen Ausprägungen. Der frühe, harmonisierende und die Klassenkämpfe ablehnende Peronismus des „dritten Weges“ neben der Ausbeutung durch den Kapitalismus und den Kampf im Sozialismus, mit dem auch die Kirche viel anfangen konnte. Und dann war da der späte Peronismus, der Terror, so dass das Land froh war, dass die Militärs gegen seine Witwe putschten und gar nicht merkte, was für einen neuen Unterdrücker man sich da einfing. Das ist die Referenz und das ist ja auch plausibel, die Vertreibung und später Rückkehr Peróns and die Macht 1973 und den innenperonistischen Kampf und Bürgerkrieg davor und danach erlebte der junge Bergoglio mit.

 

„El Krausismo“

 

Somit scheint das politische Denken Bergoglio in Auseinandersetzung mit dem Peronismus beschreibbar oder diskutierbar.

Dabei ist der „Krausismo“ die Staatsphilosophie schlechthin in weiten Teilen Lateinamerikas. Vor allem Argentinien und Uruguay, aber auch Mexiko, Brasilien, Ecuador und viele andere Länder kennen den „Krausismo“ als eine integrierende Philosophie von Gesellschaft und Staat, mit der man viele aktuelle Probleme anpacken und lösen kann.

In Argentinien der ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts wurde er quasi offizielle Staatsphilosophie, bis die Militärs 1930 putschten. Präsident Raúl Alfonsín berief sich 1983 bei seinem Amtseid ausdrücklich auf Krause als Begründung seiner Erneuerungspolitik: Eine ziemliche Karriere, von 1832 bis heute.

Hinter den Begriff „Krausismo“ verbirgt sich erst einmal Gegnerschaft, und zwar die Gegnerschaft der katholischen Kirche. Sie hat die Werke von Krause erst einmal auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt, und zwar wegen seines Pantheismus, der die Notwendigkeit von Gnade und Kirche für das Heil nicht anerkennen wollte. Auf der anderen Seite war die Philosophie Krauses aber auch schnell anschlussfähig an katholisches Denken, vor allem an Vorstellungen von Naturrecht, mehr als etwa Kant, Fichte, Hegel, Schelling und andere deutsche Idealisten. Natur habe ein Eigenrecht, das sich nicht auf Nutzung und Verwertung zurückführen lasse, also auf den Utilitarismus angelsächsischer Natur. Sie ist ebenso wenig dem Geist untergeordnet, wie bei Hegel. Weiterlesen

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Geistlich schwach?

Als ob die Synode alles entscheiden würde: In der Kirche ist Familie im Augenblick ein großes Thema, vor allem natürlich mit Blick auf die Synode. Leider erweist sich das oft nicht als eine Debatte, wie sie sich der Papst gewünscht hatte, sondern eher als ein Anrühren von Beton auf allen Seiten: Dies und das darf und muss und soll auf jeden Fall …

Dabei wird immer deutlicher, wie man sich gegen einige Ideen, die unter anderem – aber nicht nur – aus deutschsprachigen Ländern kommen, wehrt.

Kirchensteuer ist das eine, darüber habe ich ja schon zweimal geschrieben, einmal über die „ideologisierende Verbindung von leeren Bänken und theologischen Anliegen“ und einmal über den Kurzschluss, der passiert, wenn man zu wenig nachdenkt.

Dazu kommt nun die etwas komplexere Sicht der kraftlosen Kirche. La Stampa – eine italienische Tageszeitung – hat online zum Beispiel einen Kommentar, in dem über den Bericht der deutschen Bischofskonferenz referiert wird; die Idealisierung der Familie in der Kirche, das Suchen nach neuen pastoralen Initiativen für Menschen, die dieses Ideal nicht erreichen (übersetzt: wiederverheiratete Geschiedene). Und dann schließen die Überlegungen mit dem Hinweis, die deutschen Bischöfe führten ins Feld, dass eine Mehrheit der Menschen eine Entwicklung der Lehre wolle und damit eine größere Öffnung für die Realität des Lebens heute.

Das wird einfach referiert, vielleicht verkürzt, aber das ist kein Problem. Das entsteht erst im Nachsatz, denn an diese Zusammenfassung schließt sich eine kurze Überlegung an, was denn diese Realität eigentlich ist. Und zwar die Realität in Deutschland, an die sich die Kirche anpassen soll. Und dazu nutzt der Artikel eine Studie über die Seelsorgerinnen und Seelsorger, die vor kurzen vorgestellt wurde, diese habe unter anderem herausgefunden, dass etwa die Hälfte aller Priester nicht mehr als ein Mal im Jahr beichten und dass nur zwei Drittel der Priester überhaupt jeden Tag beteten.

Die unausgesprochene Frage dahinter – ob vom Autor intendiert oder nicht muss hier gar keine Rolle spielen – ist natürlich die, wie eine geistlich schwache Kirche, wo das tägliche Gebet noch nicht einmal bei Priestern selbstverständlich ist, in der Weltkirche maßgeblich mitreden will. Und dass diese Kirche sogar in Sachen Lehre mitreden will. Das Argument, ein Blick auf die Realität sei nötig, wird durch den Hinweis auf den geistlichen Hintergrund sozusagen entwertet.

 

Ein Blick auf die Realität hilft

 

Die Schwäche der Kirche bei uns – behaupte ich jetzt einfach mal ohne genaue Zahlen zu haben – liegt aber gar nicht in der Schwäche des Gebetes. Sie liegt darin, dass es bei uns Studien dazu gibt. Wer sich seine eigene Realität nicht anschaut, der kann ganz einfach auf die Schwächen der anderen blicken. Weiterlesen

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Der Exodus, eine Grunderfahrung der Berufung

Widersprechen Sie mir, aber ich halte es für eine gute Idee, vorab veröffentlichte Texte des Vatikan am Tag, den es betrifft, noch einmal in Erinnerung zu bringen, auf die Gefahr hin, dass sie sonst vielleicht vergessen werden. Hier also die Botschaft von Papst Franziskus zum 52. Weltgebetstag für geistliche Berufe (26. April 2015), die schon am Palmsonntag verfasst und dann nach der Osterwoche veröffentlicht wurde.

 

Liebe Brüder und Schwestern,

der vierte Sonntag der Osterzeit stellt uns das Bild des Guten Hirten vor Augen, der seine Schafe kennt, sie ruft, sie nährt und sie führt. An diesem Sonntag begehen wir den Weltgebetstag für geistliche Berufe seit über fünfzig Jahren. Jedes Mal erinnert er uns an die Bedeutung dieses Gebetes, denn Jesus selbst sagte zu seinen Jüngern: »Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden« (Lk 10,2). Jesus erteilt diesen Auftrag im Zusammenhang mit einer missionarischen Aussendung: Außer den zwölf Aposteln hat er zweiundsiebzig weitere Jünger gerufen und sendet sie zu zweit in die Mission (vgl. Lk 10,1-16). Wenn die Kirche »ihrem Wesen nach missionarisch« ist (Zweites Vatikanisches konzil, Dekret Ad gentes, 2), dann kann in der Tat die christliche Berufung nur innerhalb einer missionarischen Erfahrung aufkeimen. Die Stimme Christi, des Guten Hirten, hören und ihr folgen, indem man sich von ihm anziehen und führen lässt und ihm das eigene Leben weiht, bedeutet also zu erlauben, dass der Heilige Geist uns in diese missionarische Dynamik einführt und in uns den Wunsch und den frohen Mut erweckt, unser Leben hinzugeben und es für die Sache des Gottesreiches einzusetzen.

Die Hingabe des eigenen Lebens in dieser missionarischen Haltung ist nur möglich, wenn wir fähig sind, aus uns selbst herauszugehen. Darum möchte ich an diesem 52. Weltgebetstag für geistliche Berufe einige Überlegungen anstellen über gerade diesen besonderen „Exodus“, der die Berufung – oder besser: unsere Antwort auf die Berufung – ist, die Gott uns schenkt. Wenn wir das Wort „Exodus“ hören, denken wir sofort an die Anfänge der wunderbaren Liebesgeschichte zwischen Gott und dem Volk seiner Kinder, eine Geschichte, die die dramatischen Tage der Sklaverei in Ägypten, die Berufung des Mose, die Befreiung und die Wanderung zum Land der Verheißung durchläuft. Das Buch Exodus – das zweite Buch der Bibel –, das diese Geschichte erzählt, stellt ein Gleichnis der gesamten Heilsgeschichte wie auch der Grunddynamik des christlichen Glaubens dar. Der Übergang von der Sklaverei des alten Menschen zum neuen Leben in Christus ist ja das Erlösungswerk, das sich in uns durch den Glauben vollzieht (vgl. Eph 4,22-24). Dieser Übergang ist ein wirklicher „Exodus“, er ist der Weg der christlichen Seele und der ganzen Kirche, die entscheidende Ausrichtung des Lebens auf den himmlischen Vater hin.

 

Der Übergang in eine neues Leben

 

An der Wurzel jeder christlichen Berufung liegt diese grundlegende Bewegung der Glaubenserfahrung: Glauben heißt sich selbst loslassen, aus der Bequemlichkeit und der Härte des eigenen Ich aussteigen, um unserem Leben in Jesus Christus seine Mitte zu geben; wie Abraham das eigene Land verlassen und sich vertrauensvoll auf den Weg begeben in dem Wissen, dass Gott den Weg zum neuen Land weisen wird. Dieser „Auszug“ ist nicht als eine Verachtung des eigenen Lebens, des eigenen Empfindens, der eigenen Menschlichkeit zu verstehen, im Gegenteil: Wer sich in der Nachfolge Christi auf den Weg macht, findet Leben im Überfluss, indem er sich ganz und gar Gott und seinem Reich zur Verfügung stellt. Weiterlesen

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systemrelevant

Die Natur ist systemrelevant. In den ganzen Debatten darüber, was alles gerettet werden muss und was man als Verlust verkraften kann, hat das Wort ‚systemrelevant’ eine steile Karriere hingelegt. ‚Too big to fail‘ ist ein anderer Begriff für dasselbe: Wenn man nur mächtig genug ist, dann darf man sich alles erlauben, weil ein Konkurs noch schlimmer wäre als das gegenwärtige Desaster. Oder wie Bert Brecht es ausgedrücken würde: Wenn du eine Million Schulden hast, gehörst du der Bank. Wenn du 100 Millionen Schulden hast, gehört die Bank dir.

Systemrelevant bedeutet, dass das gesamte Netz von Geld und Vertrauen und Leihen und Geldfluss durch ein Scheitern ernsthaft in eine Schieflage geraten würde, so dass man über die grotesken Fehler der Verantwortungsträger hinweg sieht, ihnen noch einen Bonus in die Hand drückt und den Steuerzahler alle Kosten übernehmen lässt. Siehe Finanzkrise vor 8 Jahren.

Das zeigt uns, wohin wir bereits sind Energien und Kapital zu leiten, wenn wir etwas als relevant für unser System erkennen.

Das lässt mich fragen, warum dasselbe nicht bei der Natur passiert, bei unserer Mitwelt. Klar, wir betreiben den Energiewandel, aber um den Preis, dass die ganzen Energie verschwendenden Industrien ausgelagert werden, das schöne leichte Aluminium wird in Brasilien produziert, wo man dazu riesige Staudämme baut, Menschen vertreibt, Urwald zerstört. Nur um ein einziges Beospiel zu nennen.

Wir betrachten die Mitwelt nicht als eine Bank. Wir betrachten den Planeten offensichtlich nicht als ‚systemrelevant‘, sondern eine Ressource, bei der sich einige bedienen dürfen, die anderen aber leiden müssen. Uns hier geht es prächtig, im Großen und Ganzen, und vor allem geht es uns prächtig im Vergleich mit dem Rest der Welt. Aus unserer Sicht funktioniert das System also. Der Planet – könnten wir ihn fragen – sähe das bestimmt etwas anders.

Es nähert sich der Papsttext zum Thema, ich bin gespannt, was er sagen wird.

 

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