Die universalistische Sicht des Gemeinwohls

Es ist der Tag der Brexit-Abstimmung. Als bekennender Anglophiler lässt mich ratlos zurück, wie in den vergangenen Wochen dort auf der Insel debattiert wurde und was für grober Unfug bis hin zu Verstellungen und Fehlinformationen über Europa offen behauptet werden durften. Aber mehr noch als die Inhalte hat mich die Selbstverständlichkeit irritiert, mit der ohne jede Vorstellung einer gemeinsamen Zukunft gewettert wurde.

Die einen schüren die Angst vor der Migration, das ist schlicht das Rückgrat der Brexit-Kampagne. Die anderen schüren die Angst vor wirtschaftlichen Nachteilen. Alle sind gegen etwas, kaum einer ist für etwas. Nun ist der Pragmatismus der Insel ja legentär, trotzdem hätte ich ihnen etwas mehr Vorstellungsvermögen zugetraut.

Johannes Paul II. im Jahr 2004

Johannes Paul II. im Jahr 2004

Und weil das Ganze ja auch hier bei uns nicht so wirklich selten ist und die Argumente – vor allem gegen die Migration und die Flüchtlinge – salonfähig zu werden drohen, habe ich noch mal ein wenig geblättert. 1999 hatte es eine Bischofssynode im Vatikan zum Thema Europa gegeben, 2003 veröffentlichte Papst Johannes Paul II. sein Abschlussdokument, „Ecclesia in Europa“. Da stehen viele Dinge drin, einiges ist mir aber besonders ins Auge gefallen.

Was mir besonders aufgefallen ist, ist die Begründung: Die universalistische Sicht des Gemeinwohls fordert die Dinge, welche der Papst aufzählt. Und: Man darf nicht in Gleichgültigkeit gegenüber den universalen menschlichen Werten verfallen. Das ist ein wenig die „Globalisierung der Gleichgültigkeit“, wie wir sie auch von Papst Fanziskus vorgehalten bekommen. Universal, nicht partikular. Gemeinsam, nicht getrennt. Zusammen, nicht auseinander. Das lese ich in den Zeilen von Johannes Paul II.

 

Lesen wir beim Papst:

  1. Zu den Herausforderungen, die sich heute dem Dienst am Evangelium der Hoffnung stellen, zählt auch das wachsende Phänomen der Zuwanderungen, das von der Kirche die Fähigkeit verlangt, jede Person, welchem Volk oder welcher Nation sie auch angehört, aufzunehmen. Es spornt auch die gesamte europäische Gesellschaft und ihre Institutionen zur Suche nach einer gerechten Ordnung und nach Weisen des Zusammenlebens an, die alle respektieren, sowie nach der Legalität in einem Prozeß möglicher Integration.

In Anbetracht des Zustandes von Elend, Unterentwicklung oder auch unzureichender Freiheit, der leider noch immer in verschiedenen Ländern herrscht und viele zum Verlassen ihres Landes treibt, bedarf es eines mutigen Einsatzes von seiten aller für die Verwirklichung einer gerechteren internationalen Wirtschaftsordnung, die in der Lage ist, die wirkliche Entwicklung aller Völker und aller Länder zu fördern.

  1. Angesichts des Migrationsphänomens steht für Europa die Fähigkeit auf dem Spiel, Formen einer intelligenten Aufnahme und Gastfreundschaft Raum zu geben. Die »universalistische« Sicht des Gemeinwohls fordert das: Man muß den Blick weiten, um die Bedürfnisse der ganzen Menschheitsfamilie im Auge zu haben. Das Phänomen der Globalisierung fordert Öffnung und Teilen, wenn es nicht Wurzel von Ausschließung und Ausgrenzung sein soll, sondern vielmehr von solidarischer Teilnahme aller an der Produktion und am Austausch der Güter.

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Sommerreise die vierte

Alle Jahre wieder …

Angefangen hatte es als Idee für den ereignisarmen August, gerne auch als „Sommerloch“ bezeichnet. Wir bei RV wollen schöne Sendungen machen, aber wenn nix passiert und damals Papst Benedikt XVI. in Castelgandolfo urlaubt, was dann?

Also habe ich mich auf gemacht in die „echte“ Kirche, vor Ort, in Pfarreien und Initiativen, zu interessanten Geschichten, die normalerweise nicht das Licht der medialen Öffentlichkeit sehen. Und habe das dann als Sommerreise berichtet, im August, jeden Tag ein Beitrag, als Serie. Jahr eins war ich in Österreich unterwegs, Jahr zwei in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen und in Jahr drei in der Schweiz. Laudatio Si‘ hat mir im vergangenen Jahr einen Strich durch die Rechnung gemacht, es war schlicht keine Zeit, aber in diesem Jahr war ich wieder unterwegs.

Genauer: heute ist der letzte Tag meiner Reise.

Kapelle aus Schalke

Kapelle aus Schalke

Wuppertal, Düsseldorf, Bottrop, Dortmund, Essen. Diese Namen reichen um zu sagen, wo ich alles war. Vier bis fünf Treffen pro Tag plus An- und Abreisen ist kein Pappenstiel, aber es macht riesen Spaß,  Menschen zu begegnen und kleine Geschichten zumachen. Und das kann auch nur Radio: Kopfkino, ohne dass irgendwie eine Kamera und Licht und so weiter gebraucht würde und ich irgendwie lächelnd durch die Landschaft ginge. Es zählt die Geschichte und wie sie erzählt wird, nicht das Bild.

die Kapelle auf Schalke war dabei, Essen und Lernen in der Dortmunder Nordstadt, eine Kirche in einem Bunker, Staatskirchenrecht und Medien, Flüchtlingsinitiative und Urlaub. Wunderbar bunt.

Ab Ende Juli dann bei Radio Vatikan zu hören, über die Sendungen, die Seite, die App, bei Facebook … .

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Dialog der Freundschaft

Papst Franziskus kann mit anderen Religionen. Das ist nichts neues, ist aber immer wieder beeindruckend. Der zweite Mann im Dialograt hat dazu neulich ein Interview gegeben, Bischof Miguel Ángel Ayuso Guixot bezeichnete die Absicht des Papstes als „Brücken bauen“ und benutzte ein Wort, das immer wieder in Bezug auf den Papst benutzt wird: Koalition. Dieser Papst baut Koalitionen um Themen wie Frieden und Versöhnung, weil die wirklich wichtigen Themen nur gemeinsam angegangen werden können. „Dialog kennt keine Verlierer“: es sind Zitate wie dieses, das man immer wieder von Papst Franziskus hören kann, es ist aber weniger das formale „Dialogprozess“, wie wir es kennen, es ist ganz praktisch, hat mit Besuchen und Umarmen zu tun, mit Betonen der Gemeinsamkeiten etc. So auch unlängst mit dem Scheich der Al-Azhar Moschee in Kairo, einer der wichtigsten theologischen Institutionen des Islam. Das Treffen selbst sei die Botschaft, sagte der Papst dabei.

Damit sind die Probleme nicht gelöst. Sie werden auch nicht unter den Teppich gekehrt. Aber ohne solche Begegnungen passiert gar nichts.

Der Papst mit Ahmad Mohammad al-Tayyeb, dem Scheich der al-Azhar Uni Kairo

Der Papst mit Ahmad Mohammad al-Tayyeb, dem Scheich der al-Azhar Uni Kairo

Franziskus könne man als Papst beschreiben, der auf einen Dialog der Freundschaft setze, sagt Ayuso dazu.

Analytisch ist das nicht, muss es auch gar nicht sein, es beschreibt aber den Schwerpunkt recht gut. Freundschaft bedeute nicht, einfach nur nett zu sein. Im Gegenteil, man braucht dafür eine eigene Identität und Durchhaltevermögen. Dann komme man zu Brücken und überwinde die Mauern, so Ayuso.

Johannes Paul II. hatte um den Frieden gerungen und um Freiheit, Paul VI. hat vielleicht den Dialog mit der Welt der Wissenschaft und Kunst neu geschaffen, so hatten alle Päpste eigene Dialog-Schwerpunkte. Aber in einer Welt, die zunehmend auseinander driftet und auf das „Eigene“ setzt, ist es um so wichtiger, dieser Tendenz Freundschaft – Verbindung, Verbindlichkeit, Gespräch, Offenheit – entgegen zu setzen.

 

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Kakapos und Senatoren

Manchmal liegt die Lösung so nahe: Immer wenn Papst Franziskus oder jemand anders auf ein Verständnis von Religion als Gesetzesreligion schimpft – eine Art „Malen nach Zahlen“, wo man nur in der richtigen Reihenfolge das Richtige tun oder sagen muss – dann frage ich mich, warum Leute so sehr darauf setzen. OK, das gibt Sicherheit und so, aber warum versteift man sich nur so sehr darauf?

Strigops Habroptilus - der Kakapo.

Strigops Habroptilus – der Kakapo. Oder auch einfach ein römischer Senator

Die einzige Lösung für die Kirche in der sich wandelnden Welt sei es, um so stärker an der Lehre festzuhalten. Den Glauben zu festigen, indem man den Katechismus liest. Die „Verfolgungen“ – also die Nicht-Akzeptanz durch die Umwelt – als Reinigung wahrzunehmen. Und auf keinen Fall abzuweichen von Glaubens- und Sittenlehre, wobei Letztere meistens weit vor Ersterer rangiert.

Neu ist das nicht. Wir ich neulich bei der Lektüre einer Biografie zu Julius Caesar feststellte. Der brachte damals das politische System Roms erst ins Schwanken und dann zum Einsturz, so dass der Biograf sich fragte, warum Cicero & Co dem nichts entgegen zu setzen hatten. Und dann fällt dieser Satz:

„Es war seit alters in Rom großer Wert darauf gelegt worden, dass die Sitte der Väter bewahrt und weitergegeben würde. Und da keine wusste oder auch nur denken konnte, dass die römische Ordnung in ihrer ganzen Zurichtung den veränderten Anforderungen der Zeit nicht mehr genügte, konnten alle angesichts von Krisen und Notlagen nur die eine Erklärung finden, dass die alte Sitte nicht mehr recht praktiziert würde. Daher war es notwendig, sie um so genauer zu üben.“ Christian Meier: Caesar. München 2004, S. 160

 

Das Scheitern der Senatoren

 

Man kann sich nichts anderes denken, also macht man das, was man kann, nur noch mehr.

Das ist wie der Kakapo. Kennen Sie den Kakapo? Das ist ein Papagei auf Neuseeland, der vor allem durch den Autor Douglas Adams berühmt wurde, der Folgendes zu berichten weiß: Die Insel Neuseeland ist zur Entstehung aus dem Meer aufgestiegen, es gibt also ursprünglich keine Landtiere, sondern nur Vögel. Und weil Fliegen energieaufwändig ist, hat der Kakapo im Laufe der Entwicklung das Fliegen eingestellt. Er ist flugunfähig geworden. Sein einziger Gegner war er selber, zu viele Kakapos hätten die Ernährungsgrundlage gefährdet, also hat der Kakapo ein komplexes Balz- und Vermehrungsverhalten entwickelt, um das zu vermeiden. Kurz: In Zeiten der Krise hilft nur eins – weniger vermehren.

Und dieses Verhalten wendet er wie die römischen Senatoren nun auch in aktuellen Krisen, bei den seit Jahrhunderten eingeschleppten Katzen und Ratten und so weiter an: er vermehrt sich immer weniger, schließlich war diese Strategie ja über Jahrtausende hilfreich.

Resultat: der Kakapo ist vom Aussterben bedroht. Wie der unabhängige römische Senat es auch war. Weil man an Lösungsstrategien festhält, die hilfreich waren, es aber vielleicht gar nicht mehr sind.

Bevor hier in der Kommentarspalte wieder „der will die Lehre ändern“ steht: darum geht es nicht, darum ist es nie gegangen. Es geht nur darum, wie der Auftrag Jesu an die Kirche, sein Reich zu verkündigen und ihm nachzufolgen, heute gelebt werden kann. Nicht durch Kopie der Rezepte der Vergangenheit, bei aller Wertschätzung. Sondern nur durch eigene Antworten.

 

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So Abram rose …

Barmherzigkeit – schon wieder? Ja, schon wieder. Oder besser: immer noch. Diese Themenjahre haben es ja leider so an sich, dass man sich irgendwie satt hört, so wichtig das Thema auch sein mag.

William Blake: Abraham and Isaac

William Blake: Abraham and Isaac

Deswegen nur noch mal kurz eine Erinnerung, wie das ganze ohne Barmherzigkeit aussehen würde. Nehmen wir die Abrahamsgeschichte: wie wäre die wohl ausgegangen, wenn der Mensch mit seinem Opfergedanken und seinem Messer nicht auf die Stimme gehört hätte? Im War Requiem erzählt das Benjamin Britten. Das Offertorium erzählt die Abrahamsgeschichte nach:

 

So Abram rose, and clave the wood, and went,
And took the fire with him, and a knife.
And as they sojourned both of them together,
Isaac the first-born spake and said, My Father,
Behold the preparations, fire and iron,
But where the lamb for this burnt-offering?
Then Abram bound the youth with belts and straps,
And builded parapets and trenched there,
And streched forth the knife to slay his son.
When lo! and angel called him out of heaven,
Saying, Lay not thy hand upon the lad,
Neither do anything to him. Behold,
A ram, caught in a thicket by its horns;
Offer the Ram of Pride instead of him.
But the old man would not so,
but slew his son, –
And half the seed of Europe, one by one.

 

Abraham behandelt seinen Sohn als Eigentum, bis zu jenem Moment, wo der Engel einschreitet. Bilderbuchartig hält uns die Bibel vor, wie Gewalt etwas ist, was wir ohne weiteres einsetzen, gepaart von diesem Verhältnis zum Anderen, das jenen verdinglicht. Britten reflektiert damit natürlich den Zweiten Weltkrieg, „And half the seed of Europe, one by one.“ Aber es ist mehr. Wir sind immer noch bereit dazu, andere drauf gehen zu lassen, damit alles gut wird.

Das ist die Welt ohne die Barmherzigkeit.

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Es muss mehr geredet werden

Eine vielleicht merkwürdige Überschrift, habe ich mich doch erst kürzlich dazu bekannt, dass Reden überbewertet ist. Aber hier ziele ich auf eine andere Idee, in etwa in dieselbe Richtung wie der Papst wenn er sagt, Dialog kenne keine Verlierer. Also denn.

„Öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten“ ist ein wunderbar altmodischer Begriff. Aber ich mag es gerne mal altmodisch und immerhin ist auch Radio Vatikan so eine öffentlich-rechtliche Anstalt. Und seit Gründung mit dabei bei der Union der Europäischen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, der EBU. Nie gehört? Dann kennen Sie aber eine der Unterabteilungen, und zwar die für TV: Die Eurovision. Das sind die mit dem Song-Contest.

Vergessen Sie das schnell wieder, hier geht es um Radio. Und zwar gibt es eine ganze Menge von Arbeitsgruppen innerhalb der EBU, einer darf ich vorsitzen und da geht es um Journalismus & Radio. Was gibt es Neues? Was muss diskutiert werden? Wie geht das live mit Apps? Wo gibt es Erfahrungen mit Zusammenlegungen von Radio und TV? Und so weiter.

Die Dächer von Bukarest: Blick aus dem Fenster bei Radio Romania

Die Dächer von Bukarest: Blick aus dem Fenster bei Radio Romania

Gerade frisch komme ich von solch einer Tagung zurück, einer sehr guten. Radio Romania war der Gastgeber, BBC und ORF waren da, Belgien und Litauen, Spanien und Schweden und so weiter. Und letzteres Radio hat uns ein neues „Projekt“ vorgestellt, wir hatten nämlich Alice Peltrén zu Gast, die bislang einzige „migration correspondent“ Europas. Eine volle Stelle nur für dieses Thema.

Klingt ja auch vernünftig, das Thema ist das größte, das uns im Augenblick beschäftigt und nichts weist darauf hin, dass es in Kürze verschwinden oder zu einem B-Thema relegiert würde, dazu sind zu viele Menschen weltweit unterwegs.

 

Korrespondent für Migration

 

Sie reist viel, besucht Lager und Ursprungsländer, aber sie arbeitet auch viel mit anderen Korrespondenten in Europa und in Schweden selber zusammen, um Geschichten rund um dieses Thema zu machen. Gesendet und als Twitter, online und als Expertin.

Wir alle haben sie beneidet darum, 100 Prozent Zeit zu haben und vor allem Reporter zu sein. Ihre Erzählung hat uns aber auch die Gelegenheit gegeben, an einigen Punkten herumzunagen, die sie uns geboten hat.

  • So zum Beispiel die Frage der „emotionalen Sicherheit“: wie nah lässt man leidende Menschen an sich heran, um noch berichten zu können und nicht selbst zu sehr mitgenommen zu werden? Kein empathischer Mensch kann ja Tag für Tag harten Schicksalen begegnen, ohne dass ihn das verändert. Auf der anderen Seite will man auch nicht zynisch werden.
  • Unter dieselbe Überschrift, wenn auch aus anderer Perspektive, gehört die Hate-Mail, gehören die Kommentare und eine immer brutaler werdende Sprache Journalisten gegenüber (nicht nur denen, aber das war nicht Thema). Auch das lässt einen ja nicht kalt, auch hier braucht es einen Umgang, den Journalisten vielfach erst lernen müssen.
  • Ein Kollege warf ein, dass wir noch viel mehr über unsere Hörer/Leser sprechen müssen, weil wir ja offenbar viel zu sehr an denen vorbei senden. Wenn es wie in Österreich 50 Prozent abgegebene Stimmen für Herrn Hofer gibt, Brexit an der Migrationsfrage mit entschieden wird, Frankreich und Polen und Ungarn und die Tschechei … . Es kann doch nicht sein, dass wir die Sorgen und Ängste so wenig aufnehmen, dass man uns als „Lügner“ und unglaubwürdig einstuft. Das liegt nicht nur aber vielleicht auch, an uns selbst.
  • Wichtig auch das Thema Sprache: Wann nennt man eine Situation „Krise“? Wann nicht? Wann ist ein Mensch ein Migrant, wann ein Flüchtling, obwohl diese Unterscheidung in anderen Sprachen wichtiger ist als in der deutschen. Es gibt Sender, die ganz klare Entscheidungen dazu getroffen haben. Sind Menschen eine Last? Auch hier braucht es noch mehr Aufmerksamkeit als bisher auf die Sprache, das Aufrufen von schlichten Aufklebern war immer schlechter Journalismus, aber gerade jetzt wird es noch einmal wichtig, sich den Vokabelkasten noch mal anzusehen.

Wie die Themenvielfalt zeigt, das ist alles offen und braucht noch mehr Debatte, auch über kleine Kreise hinaus. Wir werden noch viel häufiger darüber und über andere Dinge sprechen müssen, um uns Lösungen anzunähern. Und vielleicht – oder wahrscheinlich – gibt es ja auch gar nicht die eine große Lösung für die Fragen, sondern man muss immer wieder darüber reden, um die richtigen Lösungen für konkrete Probleme zu bekommen.

Kurz: Es muss mehr geredet werden.

 

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Doing the right thing for the wrong reasons

„Eine Versuchung kann sich durchaus auch auf eine Wahrheit gründen“: Es ist ein Satz aus einer Fußnote, leicht zu übersehen, aber er hat es in sich. Zu einem Beitrag neulich hat ein Kommentar diese Fußnote zitiert, und das will ich als Gelegenheit nicht verstreichen lassen. Danke also an den Kommentator.

Der Satz stammt von Jorge Mario Bergoglio aus dem Buch „Über die Selbstanklage“. Und in der Fußnote geht es darum, dass eine Versuchung daraus entstehen kann, dass eine Wahrheit aus einer falschen Gesinnung heraus gelebt wird.

Das Beispiel, das der heutige Papst wählt, entnimmt er dem Tagebuch des von ihm verehrten und heilig gesprochenen Jesuiten Peter Faber. Der spricht über Kirchenreform – damals im Zeitalter der Reformation ein drängendes Thema – und davon, dass „Unser Herr es wohl nicht liebt, wenn diese oder jene Reform in der Kirche auf Begehren der Irrlehrer vorgenommen wird.“ Subtrahiert man die theologische Sprache jener Zeit, bleibt die Überzeugung, dass auch das Gute – die Reform – nicht vom Schlechten – der Irrlehre – gewollt werden darf, sonst wird auch das Gute schlecht.

Wenn man sich auf die Suche nach Aussagen zum Verhältnis von ‚Gutes Tun’ und der Motivation dahinter macht, findet man alles Mögliche. Das Verhältnis von ‚richtig’ und ‚falsch’ in der Motivation auf der einen Seite und ‚richtig’ und ‚falsch’ im Tun auf der anderen ist komplex.

Für geistliche Lehrer war dieses Verhältnis immer schon ein wichtiges Thema. Dahinter steht die erst einmal schlichte Einsicht, dass nicht aus der Richtigkeit einer Tat die Güte der Motivation geschlossen werden kann.

In der Welt des Politischen nennt man das „doing the right thing for the wrong reason“, man will also etwas erreichen, aber der Grund dafür verdirbt das Ganze dann.

Verwandt damit ist eine geistliche Einsicht, wie wir sie bei Ignatius von Loyola und aus seinem Exerzitienbuch kennen. Dort heißt sie „Versuchung unter dem Anschein des Guten“: Etwas Gutes wird mir vor Augen gestellt, aber dahinter verbirgt sich in Wirklichkeit eine Versuchung. Ein klassischer Fall aus der Geschichte des Ordens ist das Gebet: Die ersten Generationen von Jesuiten vor allem in Spanien wollten mehr beten und feste Gebetszeit, und wer kann schon was gegen das Beten haben? Aber Ignatius hat das als Versuchung erkannt und geantwortet, dass das nicht die Aufgabe sei, erst einmal sei Studieren, dann die Arbeit dran. Gebet muss sein, aber das darf die anderen Weisen, Gott zu dienen, nicht verdrängen.

 

Doch nur gut gemeint

 

Umgekehrt wird daraus das Prinzip „ich habe es doch nur gut gemeint“. Man wollte etwas Gutes, hat das aber nicht geschafft sondern das Schlechte oder etwas in der Art. Es gibt also eine Trennung zwischen dem, was ich wirklich tue, und der dahinter liegenden Haltung oder konkreten Motivation. Beides ist getrennt anzusehen, es reicht offensichtlich nicht, nur gut zu wollen oder das richtige zu tun, der jeweils andere Aspekt gehört auch dazu.

Das entscheidende Wort ist dabei das Wort „Versuchung“, das der Papst in der Fußnote ja auch verwendet. Ich muss „unterscheiden“, um ein anderes klassisches Wort aus der Spiritualität zu benutzen, das gerade wieder neu Aktualität erlangt. Also: ich muss mir genau ansehen, was etwas ist und wohin es führt, um bewerten zu können, ob es gut oder schlecht oder zu lassen oder so ist.

Merke: Nur weil jemand Glaubensvollzüge in richtiger Reihenfolge machen oder Glaubenssätze ohne Fehler aufsagen kann, sagt das noch nichts über die Intention. Und nur gut wollen reicht auch nicht, man muss auch die konkrete Umsetzung einschätzen können. Noch nicht einmal das Reklamieren des Wortes „Wahrheit“ ist dagegen ein Schutz.

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Markenkern und Alleinstellungsmerkmal

Nach dem Katholikentag ist vor dem nächsten. Oder zumindest mitten in den Überlegungen, wie es weiter gehen kann und soll. Neben allem möglichen Lob gab es und gibt es auch kritische Stimmen, anmerkende und vorschlagende, aber auch klarere und deutlichere Kritik. Alles gehört dazu. Schließlich gab es und gibt es auch ganz grundsätzliche, und eine solche möchte ich hier aufgreifen, einen Artikel unter der Überschrift „Schamlos Paternalistisch“. Schon der Titel gibt hier die Musik vor.

Mit etwas Abstand bietet der Autor Christian Geyer in seinem Artikel in der FAZ seine Analyse an. Der Kern dieser Überlegungen ist eine „inklusive Gottessuche“, ich übersetze das für mich als ein Denken und Reden von Gott in der Welt, das auf möglichst große Breite setzt. In den Worten des Autors: Wer gibt nun wem das Maß vor, die Welt der Kirche oder umgekehrt? Papst Benedikt XVI. hat in seinem Sprechen von der „Entweltlichung“ einen Vorschlag gemacht, der Autor hier geht aber einen anderen Weg. Er wendet sich dem Theologisieren zu. Wie ist die Sache mit Gott und den Menschen zu sehen? (Ich benutze hier „theologisieren“ bewusst nicht im akademischen Zusammenhang, sondern weiter, als das reflektierende und reflektierte Sprechen und Suchen nach Gott)

Kreuzgang in einem österreichischen Kloster

Links der rechts? Abgrenzung oder Inklusion? Wohin gehen mit meiner Gottsuche?

Was Theologie zu sein hat, kann man ganz gut in einer Kritik an besagtem Artikel entdecken. So vereinnahmt der Autor gleich ganze Kontinente gegen den Papst („die afrikanischen, nordamerikanischen und viele asiatische Bischöfe“). Man sei verstimmt, spätestens seit der autoritativen Führung der Synode. Wenn ich selber während der Synode Kritik gehört habe, dann die, dass der Papst zu wenig das Heft in die Hand genommen und zu viel auf Prozess gesetzt habe. Und selbst wenn es die andere Kritik auch gibt, eine derartige Vereinnahmung ist grob und schädigt letztlich das Argument. Deswegen kann man sagen: Theologie muss im Gegensatz zu den Thesen im Artikel differenzieren. Nicht über einen Kamm scheren. Oder wie mein erster Theologie-Lehrer sagte: Der Teufel liegt im Detail, Gott auch. Das etwas grob geschnitzte und deswegen fehl gehende Argument des Kontinente übergreifenden Aufbegehrens gegen die Theologie des Papstes verführt, erklärt aber nichts.

 

Auch mal prophetisch sein

 

„Es gibt eine gesellschaftliche Suchbewegung nach Alleinstellungsmerkmalen“ sagt Geyer weiter und wendet diesen Satz gegen das theologische Sprechen von der Inklusion. Erstens ist diese Suche zunächst noch wertneutral. Sie kann auch kräftig nach Hinten losgehen, die Wirklichkeiten verachten, ein sich Abschließen von Realität sein. Kann, nicht muss. Das nur als Bedenken. Theologisches Sprechen bedeutet hier eben, auch mal dagegen zu sein. Prophetisch wäre vielleicht schon zu stark, aber man muss den Geist der Zeit auch hier unterscheiden und feststellen, wo man mitgehen kann und wo man widersprechen muss, mit Blick auf den eigenen Glauben und auf Jesus Christus.

Das „Begehren“ nach Christus führt nämlich genau nicht zu Ausschluss, und wenn der Autor einen Jesuiten zitiert, dann tue ich das auch: „Die Welt ist Gottes so voll“, sagt Alfred Delp. Wenn man sich entschieden hat, Gott zu suchen und diese Entscheidung auch in seinem Leben durch trägt, dann lernt man, Gott in allen Dingen zu suchen und zu finden. Das ist keine Verwässerung des Gottesgedankens, das ist eine geistliche Präzisierung der Suchbewegung. Nicht alles ist deswegen gleich gut, Sünde bleibt Sünde, aber im Erkennen der Sünde erkenne ich eben auch den vergebenden Christus.

Der Artikel ist letztlich ein Plädoyer für „kirchliche Identität“. Das hat durchaus einen taktischen Zug: „Der Markenkern der Kirche wird unscharf, wenn sie ihre Marketingstrategen „Ecce homo“ mit „ja zur gesamten Wirklichkeit des Menschen“ übersetzen lässt.“ Markenkern, das ist so ein Begriff, der irgendwie modern klingt, aber einen Gedanken ins theologische Reden einführt, der da eigentlich nichts zu sagen hat. Kirche ist nicht um ihrer selbst willen Kirche, sondern um Gottes und der Menschen willen. Das Volk Gottes ist nichts in sich, es ist Volk Gottes, weil es als solches gerufen und berufen ist.

Wir könnten der Kirche gar keine Identität geben, selbst wenn wir uns noch so sehr bemühten. Das kann nur Christus. An uns bleibt es, in der menschlichen Wirklichkeit zu entdecken, wo wir seinen Auftrag erfüllen und seine Kirche aufzubauen helfen und auf seine Stimme hören können. Das geht nur durch das Hören, das geht nicht durch Alleinstellungsmerkmal und Markenkerne.

 

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Wir und wir

ZdK Präsident Sternberg hält sich informiert, natürlich am Stand von Radio Vatikan

ZdK Präsident Sternberg hält sich informiert, natürlich am Stand von Radio Vatikan

Mit der Abschlussmesse heute in Leipzig geht der 100. Katholikentag zu Ende. Ein schöner Erfolg, würde ich mal sagen. Der Geburtstag stand zwar überhaupt nicht im Vordergrund, darfür aber Leipzig als Stadt.

An ein Fazit traue ich mich nicht so richtig heran, dafür habe ich vor allem von den thematischen Dingen zu wenig mitbekommen. Drei vorläufige Schlüsse möchte ich aber dann doch ziehen.

Erstens war es ein Katholikentag für Katholiken. Das hört sich irgendwie selbstverständlich an, aber was ich damit meine ist, dass es sehr viel Selbstvergewisserung war. Was ja nichts Schlechtes sein muss. Die ganze Breite und Buntheit katholischen Lebens war da und zeigte sich, man war nicht in den Kampfzonen der Pfarrei-Zusammenlegungen oder Finanz-Reformen unterwegs, sondern positiv, im Sonnenschein, immer wieder interessanten Dingen und vor allem Menschen begegnend. Daran hat auch nichts geändert, dass wir in Leipzig sind. Die Stadt hat uns freundlich aufgenommen, interessiert, aber sobald man drei Meter aus der Innenstadt – wo großartigerweise alles konzentriert war – raus war, war man wirklich raus.

Zweitens war die Entscheidung richtig, die AfD nicht aufs Podium einzuladen. Am Samstag hat eine der Vorsitzenden der Partei einem Radiosender ein Interview gegeben, in Leipzig, am Rande des KathoTages. Da konnte man im Kleinen besichtigen, was im Großen passiert wäre. Natürlich haben auch katholische Medien sofort ein Interview mit ihr gemacht und ihr schön viel Öffentlichkeit gegeben. Alle Kameras wären auf diesem einen „Schaukampf“ – wie ZdK Präsident Sternberg es nannte – gerichtet gewesen, wenn die Partei offiziell da gewesen wäre und ihren Krawall und Konflikt veranstaltet hätte, alles andere wäre verdrängt worden. Es mag sein, dass das mal dran ist, aber nicht bei einer Vielfalts-Veranstaltung.

Wo immer es um das Flüchtlingsthema ging, ist offen und differenziert gesprochen worden. Das wäre alles den Bach abgegangen, hätte man eine Arena gebildet.

 

Über das Wie reden

 

Stefan Heße, EB in Hamburg, im Interview

Kollegin Pia Dyckmans interviewt den Erzbischof von Hamburg, Stefan Heße

Drittens müssen wir uns Gedanken um die Formate der Veranstaltungen machen. Wir von Radio Vatikan haben zum Beispiel an einem Infostand gestanden, das war gut, da konnte man auch Leuten begegnen, aber bei aller Arbeit meiner Mitarbeiter, für die ich tief dankbar bin, würde ich mir doch etwas mehr Interaktion wünschen. Auch finde ich das Besichtigen von Meinungsinhabern auf der Bühne nicht wirklich spannend, das gibt es in Talkshows schon, das muss man meiner Meinung nach nicht noch verdoppeln. Am Abschlussabend gab es zum Beispiel eine Veranstaltung „Theologie an der Theke“, im informellen Rahmen. Wie wichtig das genommen wurde sieht man daran, dass das Mikro nicht funktionierte und so weiter. Sowas ist gut, kleinere Sachen, mehr Interaktion. Münster als Ort des nächsten Katholikentages wird sich da hoffentlich was einfallen lassen und kreativ sein.

Aber jetzt geht es erst einmal wieder zurück in den Alltag.

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Zur Wiedervorlage: Macht Unruhe!

Eine Debatte ist schwierig, wenn alle Teilnehmer irgendwie gleicher Meinung sind. Eine Podiumsdiskussion unter diesen Umständen ist noch schwieriger. So was Ähnliches hatte ich gestern, zum Thema Laudato Si‘, der Papstenzyklika, die vor ungefähr genau einem Jahr veröffentlicht wurde.

Auf dem Podium

Auf dem Podium. Mein Nachbar: Bischof Hanke

Nachher habe ich einem Journalisten-Kollegen gefragt, wie er das fand. Ich hätte noch etwas mehr Radau machen sollen, war die Antwort. Ich gestehe, ein wenig habe ich mich im Widerspruch geübt. Nicht zu viel, aber immer nur einer Meinung zu sein, bringt wenig.
Un das ist ja auch ein Teil des Problems unserer kirchlichen Debatten: wir sind irgendwie schnell einer Meinung, aber übersehen, dass viele andere diese Meinung nicht teilen. Viel vom kirchlichen Konsens ist nämlich in Wirklichkeit gar kein Konsens.

Und was die Themen von Umwelt, Gerechtigkeit und Schöpfung angeht, müssen wir handeln, wenn wir der Wissenschaft Glauben schenken, dann sogar sehr bald. Wie können wir das aber, wenn der Konsens nicht mehr trägt? Wie kommen wir aus der Debatte heraus, in der alle irgendwie einer Meinung sind wenn, sie auf der Bühne sitzen, aber draußen, im Alltag, irgendwie nicht das Nötige passiert?
Indem wir Unruhe machen. Paris macht es vor, mit den neuen Debatten- und Demo-Formen. Ohne Banner, ohne Moral, ohne Protest-Hierarchie. Auch wir Christen müssen mehr Lärm machen, wie Papst Franziskus immer wieder betont. Dinge in Unruhe bringen, nicht die eingefahrenen Wege der Debatten gehen, die letztlich kaum noch interessieren.

Ein Punkt, wo ich mich widersprechend zu Wort gemeldet hatte, war die Frage nach der Wertedebatte. Wir bräuchten eine solche, hatte es geheißen. Im Gegenteil, habe ich gesagt, da schlafen ganze Generationen von jungen Menschen spontan ein. Wertedebatten sind alt. Wir brauchen neue Unruhe, wir brauchen Identitätsdebatten, wie sie der Papst führt, wir brauchen nichts weniger als die abstrakten Begriffe und Papiere und Strukturen.

Wir müssen mehr Unruhe wagen. Und zwar bald.

 

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