Menschheit? Menschheit!

„Wer Menschheit sagt, will betrügen“. Ein Satz von Carl Schmitt, der in den letzten Jahren fröhliche Urständ erlebt hat. Universalimus steht unter Verdacht, da würde eine Verschwörung der Mächtigen in der Welt das Bergende, Eigene, Bekannte wegnehmen wollen.

Margret Thatcher ist berühmt geworden mit dem Satz „Society, no such thing“: Gesellschaft, das gibt es nicht. Das einende Gesamt, das über Interessen hinaus gehende das mehr ist als die Summe der Teile, hat sie verneint. Was Schmitt Thatcher voraus hat ist die Verdachts-Hermeneutik, „will betrügen“ sagt er. Das macht aus dem Irrtum eine böse Absicht.

Ich erlebe das gerade all-überall, und nicht nur beim Lesen von News über Europa, auch in anderen Organisationen, in denen es um Solidarität geht, vor allem um Solidarität zwischen groß und klein, arm und reich, und so weiter. Zu sehen, dass Werte schnell aus dem Fenster gehen mit Verweis auf das Eigene, das Nicht-Universale, ist traurig.

 

Katholisch

 

Schon allein das Wort „katholisch“ widerspricht dem. „Christlich“ auch. Wenn wir von einer universalen Kirche sprechen, dann ist das noch mal etwas anderes als eine weltweite Kirche, universal bedeutet eben nicht nur global, es bedeutet einen inneren Zusammenhalt, der auch über Eigeninteressen hinweg geht.

Gehen wir noch einen Schritt weiter: Die Bibel spricht von dem Menschen, der geschaffen wurde. Die Vertreibung, die Zersplitterung beim Turmbau, die Arche und die Flut negieren das nicht oder heben das nicht auf.

Wir sagen also weiter „Menschheit“. Das hebt die Unterschiede nicht auf, das macht uns nicht alle irgendwie kulturell gleich, aber das gibt allen eine Würde und das nimmt das Argument weg, wir seien nur für eine Kultur oder gar eine Nation zuständig.

Wer „Menschheit“ sagt, will nicht betrügen. Wer so spricht, schaut nur weiter als bis zum nächten Horizont.

Veröffentlicht unter Allgemein, Glaube und Vernunft | Verschlagwortet mit , , , | 5 Kommentare

Ein Blick vom Ende der Welt – Europa und der Papst

Vortrag vor der Kommende in Dortmund, 23. November

Angela Merkel war erbost. So erbost sogar, dass sie zum Telefonhörer griff, um Papst Franziskus anzurufen. Im November 2014 war das, nach der Rede des Papstes vor dem Europaparlament. Ob es wahr sei, dass er – der Papst – Europa mit einer „unfruchtbaren Frau“ verglichen habe. Der Papst habe sie dann beruhigt. Europa habe immer noch tiefe Wurzeln, in den dunkelsten Momenten habe Europa immer noch ungeahnte Ressourcen gezeigt.

Als Journalist muss ich meinen Beitrag heute Abend einfach mit dieser kleinen Episode aus dem Leben des Papstes beginnen. Einen kleinen Fehler hat diese Episode allerdings, sie ist schlicht erfunden. Nicht wahr. Hat nie stattgefunden. Leider sind in italienischen Medien die Grenzen zwischen Belletristik und Berichterstattung manchmal fließend, selbst in der selbsterklärten Spitze des Qualitätsjournalismus, im Corriere della Sera. Und leider leiden einige deutsche Kolleginnen und Kollegen darunter, zu schnell zu glauben, was andere Journalisten schreiben.

Der Papst und Europa: Besuch in Straßburg

Der Papst und Europa: Besuch in Straßburg

Aber es gilt ja auch das Sprichwort „si non è vero, e ben trovato“, wenn es auch nicht wahr ist, so ist es doch treffend erfunden. Was da Frau Merkel in den Mund gelegt wurde, ist etwas, was als Einwand nicht von der Hand zu weisen ist. Und so fand sich die Bemerkung von der „unfruchtbaren Frau“ in vielen Überschriften, zum Glück nicht bei Radio Vatikan. Wir haben mit dem Thema des Papstes getitelt: „Das europäische Projekt darf nicht scheitern“.

Dieses kleine Schattenboxen zu Beginn zeigt schon, wie komplex das wird, sich darüber zu unterhalten, was der Papst von Europa hält, will, erwartet. Wie übrigens bei anderen Themen auch, seine manchmal für europäische Ohren blumige Metaphorik schafft es in die Überschriften – samt erfundener Episoden – das was dahinter steht ist dann schon schwieriger zu umreißen.

 

„Das europäische Projekt darf nicht scheitern“

 

An dieser Stelle möchte ich das einmal etwas überblickshaft anschauen. Dazu darf ich Ihnen erst einmal ein Raster anbieten. Beginnen möchte ich mit den Klassikern, den Europa-Reden des Papstes, zwei in Straßburg und eine in Rom anlässlich der Entgegennahme des Karlspreises. Dann möchte ich zweitens über den politischen Papst Franziskus sprechen. Drittens soll es dann um das Ende der Welt gehen.

Der Papst beginnt seinen Blick auf Europa mit der Feststellung einer Wahrnehmung: „Einer ausgedehnteren, einflussreicheren Union scheint sich jedoch das Bild eines etwas gealterten und erdrückten Europas zuzugesellen, das dazu neigt, sich in einem Kontext, der es oft nüchtern, misstrauisch und manchmal sogar argwöhnisch betrachtet, weniger als Protagonist zu fühlen“. Er spricht über die Union, weil der Adressat das Europaparlament der EU ist. Diese Verunsicherung überträgt sich auch auf die Menschen, sie ist nicht nur abstrakt: „Eine der Krankheiten, die ich heute in Europa am meisten verbreitet sehe, ist die besondere Einsamkeit dessen, der keine Bindungen hat. Das wird speziell sichtbar bei den alten Menschen, die oft ihrem Schicksal überlassen sind, wie auch bei den Jugendlichen, die keine Bezugspunkte und keine Zukunfts-Chancen haben; es wird sichtbar bei den vielen Armen, die unsere Städte bevölkern; es wird sichtbar in dem verlorenen Blick der Migranten, die hierher gekommen sind, auf der Suche nach einer besseren Zukunft“.

Die EU hält sich also zurück. Sie ist verunsichert, wer oder was sie sein soll. Und die Menschen spüren das, vor allem die Schwachen.

 

Auf der Suche nach Zukunft

 

Dann folgt in der ersten Rede das Hohelied auf die Förderung und den Schutz der Würde des Menschen, einer Antriebsfeder aller europäischen Zusammenarbeit und Identität. Und dann weiter, zurück zur Diagnose: „unhaltbarer Überfluss“, der „den Nächsten gegenüber gleichgültig ist“, Steigerung des Misstrauens der Bürger in die Institutionen Europas, und die Betrachtung des Menschen als Teil einer Wohlstands-Maschine: „Der Mensch ist in Gefahr, zu einem bloßen Räderwerk in einem Mechanismus herabgewürdigt zu werden, der ihn nach dem Maß eines zu gebrauchenden Konsumgutes behandelt, so dass er – wie wir leider oft beobachten – wenn das Leben diesem Mechanismus nicht mehr zweckdienlich ist, ohne viel Bedenken ausgesondert wird“. Mir selber – wenn ich diese persönliche Bemerkung einfließen lassen darf – ist das in den 90er Jahren aufgefallen, als man in der Politik gar nicht mehr über Deutschland sprach, sondern fast nur noch über den ‚Wirtschaftsstandort Deutschland‘. Eine tief gehende Entmenschlichung, deren Gift wir auf den Plätzen Dresdens und anderswo Wirkung zeigen sehen. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein, Die deutschsprachige Kirche, Franziskus, Glaube und Vernunft, Glaube und Welt, Unterwegs | Verschlagwortet mit , , , , , | 30 Kommentare

Sind wir jetzt alle barmherziger?

Die Frage muss am Ende des Heiligen Jahres zur Barmherzigkeit erlaubt sein: Sind wir jetzt alle barmherziger geworden? Ich persönlich, wir in der Gemeinde vor Ort oder in der Ordensgemeinschaft oder sonstwo in unserer Glaubensgemeinschaft? Wir als Bistum, als Kirche insgesamt? Ist da jetzt, nach dem Heiligen Jahr, mehr Barmherzigkeit?

Papst Franziskus beichtet in Sankt Peter

Papst Franziskus beichtet in Sankt Peter

Theoretisch auf jeden Fall ja. So viel ist geschrieben, gesagt, reflektiert worden, das Thema ist wirklich zurück im Bewusstsein der Glaubenden. Das ist auch deswegen bemerkenswert, weil schon Johannes Paul II. die Barmherzigkeit zurück ins Zentrum führen wollte, das Projekt hat aber irgendwie nicht abgehoben, jedenfalls nicht weltweit.

Das können wir also schon einmal als „Erfolg“ abbuchen. Aber die Eingangsfrage bleibt ja, sind wir jetzt alle barmherziger geworden? Drüber reden ist ja gut, aber hat es auch Wirkung gezeigt?

Das ist eine Frage, die wir uns alle selber stellen müssen. Und wie der Papst das Heilige Jahr dezentralisiert hat, in alle Bistümer mit eigenen Heiligen Pforten, so ist diese Frage letztlich auch nur dezentral zu beantworten, letztlich bei uns selber.

Barmherzigkeit lässt sich nicht statistisch erheben. Nicht messen. Nicht abrechnen. Sie ist auch kein Argument, wie viele meinen. Sie ist eine Haltung, die Christen qua Christsein ausmachen soll.

Aber das soll es an dieser Stelle auch sein mit dem Reden über Barmherzigkeit. Ob dieses Jahr ein „Erfolg“ war und ob „Erfolg“ überhaupt eine Kategorie ist, das müssen wir jetzt alle selber entscheiden.

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Franziskus, Glaube und Vernunft, Glaube und Welt, Spiritualität / Geistliches Leben, Sprechen von Gott, Vatikan | Verschlagwortet mit , , , | 56 Kommentare

Der Bekennermut der Anderen

Und doch mit Kreuz: Besuch in Jerusalem

Nanu? Seit Tagen köchelt die Geschichte durch die Medien, dass Kardinal Reinhard Marx und Bischof Bedfors-Strohm auf dem Tempelberg in Jerusalem ihre Kreuze nicht getragen hätten. Wut und Häme goss sich aus, von Unterwerfung war die Rede, Christen würden für ihren Glauben im Nahen Osten sterben und die beiden Promis würden ihn so einfach verleugnen.

Und nun ein Foto, dass sie mit den Kreuzen zeigt, vor dem Felsendom. Es gibt auch andere Bilder, richtig, wo die beiden kein Kreuz umhaben, direkt an der Mauer des muslimischen Gebetshauses. Sie haben die Kreuze abgenommen. Aber mindestens dieses Bild zeigt doch, dass es ganz so einfach nicht war.

Überhaupt: die ersten Stellungnahmen waren von einer Aufrichtigkeit des Glaubens geprägt, die vor allem von Ferne zum Geschehen geprägt war. Am 20. Oktober waren die Bischöfe da, erst im November erregte dich die mediale Welle. Wobei es dabei schon irgendwie komisch zuging: der Vorwurf bei Spiegel-Online war, dass die Abnahme des Kreuzes eine Demutsgeste gewesen sei. Wohlgemerkt: Die haben das als Vorwurf verstanden.

 

Wer bin ich, zu urteilen?

 

Leider waren die meisten Meinungsinhaber nicht von allzu viel Recherche getragen, wie das Foto oben zeigt. Außerdem: von hier aus, aus dem sicheren Mitteleuropa, eine explosive Lage wie die zwischen den Religionen auf dem Tempelberg zu beurteilen halte ich für mindestens fahrlässig.

Es hat dann doch einige Artikel gegeben, die vor Ort nachfragen, bei Beteiligten oder Kennern, wie heute in der FAZ. Aber das sind alles Mitspieler, die sind Partei und sollen es auch sein.

Am schlimmsten sind aber tatsächlich diejenigen, die „Bekennermut“ verlangen. Von hier aus. Bei aller Wichtigkeit des christlichen Zeugnisses: Wer zahlt bitteschön dafür den Preis? Christen hier fühlen sich dann vielleicht besser, aber damit geht auch ein wenig Hochmut einher, wenn man für das heimische Publikum seine Überzeugung zeigt und dann den Schaden den dortigen Menschen überlässt, wenn man selber schon wieder im Flugzeug sitzt.

Unterwerfung unter den Islam, welch ein Unfug. Es ging um das Vermeiden eines Konfliktes an einem Ort, wo normalerweise keine Christen hinkommen.

Vielleicht hat es ja keine perfekte Lösung gegeben. Wie man es macht, macht man es falsch. Aber das ist im gesamten Nahen Osten so, seit Jahrzehnten. Zu viele Bekenner, zu viele Interessen, zu viel Konflikt, zu viel Gewalt, die sich auf Religion beruft. Die deutschen Bischöfe wollten mit allen reden – und haben mit allen geredet – und wollten gemeinsam pilgern, als Zeichen der Gemeinsamkeit. Ich habe keine einzige Stimme von vor Ort gehört, die sich beschwert hätte, dass das nicht gelungen sei.

Also bitte, wenn der Preis für gelungenen Dialog – wenn auch in kleinen Schritten – ein wenig Irritation zu Hause ist, dann soll das so sein. Mögen all die Kommentatoren und Blog-Schreiber doch bitte von ihren Richterstühlen herunter klettern.

 

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Die deutschsprachige Kirche, Glaube und Vernunft, Neulich im Internet, Sprechen von Gott | Verschlagwortet mit , , , , | 111 Kommentare

La-la-la, La! La! La! – Leonard Cohen, R.i.P

Seine wunderbare und einzigartige Stimme habe ich irgendwann als Kind das erste Mal gehört. Leonard Cohen sagte mir nichts aber der WDR brachte ein Konzert. Sein Markenzeichen schon damals: vor jedem Song sprach er eine Strophe des Textes, quasi als Gedicht. Und das sind seine Texte ja auch, Poesie.

Seitdem war ich Fan dieser großen Künstlers.

Seine wunderbare und einzigartige tiefe, volle Stimme geht einem nie mehr aus dem Kopf. Dass Cohen nun gestorben ist, überrascht bei seinem hohen Alter nicht, ist trotzdem sehr schade. Seine letzte Platte ist frisch auf dem Markt, 2008 habe ich ihn noch im Konzert gesehen, vier Stunden Gesang, ohne dass die Stimme schwankte, und er war damals schon mitte 70.

Seine wunderbare und einzigartige Stimme war immer vorne. Aber was in seinen Liedern dahinter passierte, war mindestens so spannend. Dunkel waren die Texte, ironisch, körperlich, sexuell aufgeladen, frei, poetisch. Dahinter gab es aber immer noch mehr zu hören.

Ich bin erklärter Gegner des Hintergrund-Saxophon Gedudels, das seit den 80er Jahren in alle Popsongs eingedrungen ist. Seltsamerweise funktioniert es bei Cohen. Und auch die von ihm musikalisch zu einer eigenen Kunstform erhobenen Schubiduh-Girls machen das Ereignis nicht flach oder platt, es passt. Auf der Bühne spielt er damit, die Damen stehen nicht einfach hinten, sie sind wichtiger Teil der Performance, sind Grundierung, Spielgefährte, Partner des Sängers Cohen.

„Love is the only engine of survival“: Es sind Sätze wie dieser, die hängen bleiben. Immer leicht ironische packende Lebensweisheiten haben uns geprägt. Einem Lied über ein Orchester in einem KZ den Titel „Dance me to the end of Love“ zu geben, das konnte nur ehr.
Überhaupt, die Liebe. Die war immer sehr körperlich bei ihm, nie ideal. Die war gebrochen, vorbei, hoffend, immer voller Dynamik. Man konnte in seinen Liedern nie sicher sein, was da als nächstes um die Ecke kam.

Auf der Bühne trug er zuletzt Anzug und Hut, wie ein in die Jahre gekommener Gentleman Typ Humphrey Bogart. Den Hut zog er immer wieder, zur vollendeten aber nie zu tiefen Verneigung. Diesen Hut ziehe ich jetzt auch. Danke, Sir, dass sie so lange bei uns waren.

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Kirche und Medien, Kunst, Kultur und Können | Verschlagwortet mit , , | 8 Kommentare

Niederlage des Journalismus

Und was lernen wir daraus? Donald Trump ist zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt. Vor eineinhalb Jahren, vor drei Monaten, ja Vorgestern hätte das keiner für möglich gehalten. Der Populismus siegt, die Lüge siegt, inhaltsfreies Faust-in-den-Himmel recken siegt, und was nun? Ich wiederhole: Was lernen wir daraus?

Keiner hat es voraus gesehen: Analysten vor einem Fernsehschirm

Keiner hat es voraus gesehen

Erstens: Die USA-Versteher hatten alle Unrecht. Als ich vor einem Jahr anlässlich des Papstbesuches dort war gab es bereits einige erste Journalisten, die sich vorsichtig in den Medien äußerten und sagten, dass sie mit Trump falsch gelegen hätten und der doch vielleicht Kandidat der Republikaner werden könnte. Jetzt ist er zum Präsidenten gewählt und dieselben Gesichter wie immer erklären uns das Warum. Das kann doch wohl nicht sein! Mich beschleicht da schon ein wenig Zorn, dass die Niederlage des Journalismus, die dieser Wahlsieg auch darstellt, keine Folgen hat. Vielleicht liege ich ja falsch, ich werde jedenfalls in den kommenden Tagen genau hinsehen, was sich da tut.

 

Vier Lehren

 

Das erinnert mich an den Kollegen, der im März 2013 Sekunden vor dem weißen Rauch im TV erklärte, er habe mit den Sekretären der Kardinäle gesprochen, es sei klar, dass Kardinal Scola Papst würde. Am nächsten Morgen durfte er bereits live im Frühstücksfernsehen erklären, was die Gründe für die Wahl von Bergoglio waren. Überhaupt keine Scham, und in den Medien wird er herum gereicht. Kein Wunder, dass man uns Medien nicht mehr glaubt. Liebe Kollegen, habt doch bitte die Größe zu sagen, dass ihr falsch gelegen habt, statt jetzt wieder rumzuanalysieren, warum „die Medien“ hier falsch lagen.

Zweitens: Das Instrument der Meinungsumfrage taugt nicht. Beim Brexit nicht und jetzt auch wieder nicht. Damit ist die wichtigste politische Währung zwischen den Wahlen – die Beliebtheit in der Bevölkerung – entwertet. Die Versuchung, auf Umfragewerte zu schielen, ist menschlich nachvollziehbar. Jetzt braucht es aber Rückgrat, auf Umfragen kann und darf man sich nicht mehr verlassen. Liebe Politiker: das geht an euch.

Drittens: Wer demokratische Prozesse achtet, muss auch deren Ergebnisse achten. Trump ist jetzt zum Präsidenten gewählt. Das ist jetzt erst einmal so. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein, Glaube und Vernunft | Verschlagwortet mit , , , , | 174 Kommentare

Der Heilige und der Papst: Franziskanische Impulse für die Reform

Vortrag zum Patronatsfest des Priesterseminars in Münster, 6. November 2016

„Verkündigt mit allem das Evangelium, und wenn es sein muss, dann auch mit Worten.“ Ein Satz, der dem Heiligen Franziskus zugeschrieben wird und der eine Zeitlang regelmäßig von Papst Franziskus zitiert wurde. Er drückt eine Haltung aus, die Christen eigen sein soll. Der Heilige hatte den Satz zu seinen ersten Franziskanern gesagt, der Papst münzt ihn auf alle, die ihm vor das Mikro kamen, Bischöfe, Priester, Gemeindemitarbeitern in Assisi, Generalaudienzen, überhaupt auf alle Christen, wie man seinem Schreiben Evangelii Gaudium entnehmen kann, in dem er von einer missionarischen Kirche träumt.

Franziskus und Franziskus: Es sind zwei Personen, die für Reform und Erneuerung stehen, für Widerstand und Christuszentriertheit, ein wenig auch für Dickschädeligkeit, für nicht besonders große Liebe in Teilen des Apparats, für arme Kirche für die Armen, um das Wort des Papstes zu benutzen, und für anders mehr.

Es hat schon einige Versuche gegeben, die beiden in Beziehung zueinander zu setzen. Man muss aber vorsichtig sein, die „Vergangenheit nicht zu kolonisieren“, wie es der vom Papst verehrte Jesuit Michel de Certeau ausgedrückt hat. So sehr, wie der Heilige verklärt oder als Verkörperung der jeweils eigenen Wünsche verstanden wird, so sehr geschieht es oft genug auch mit dem Papst gleichen Namens.

Fallen wir also nicht auf scheinbar allzu einfache und offensichtliche Parallelen herein und machen wir uns auf die Spurensuche.

 

Franziskus und Franziskus: Spurensuche

 

Erste Audienz des neugewählten Papstes: Franziskus erzählt in der Audienzhalle den versammelten Journalisten von der Namenswahl. Als die Auszählung der Stimmen gefährlich nahe an die benötigte Mehrheit gekommen sei, habe sich Kardinal Claudio Hummes, Franziskaner und Freund Bergoglios, zu ihm gelehnt und geraunt, „vergiss die Armen nicht, vergiss die Armen nicht“. Da sei – so Bergoglio – das erste Mal der Gedanke in ihm aufgestiegen, sich nach dem großen Heiligen zu benennen.

Nebenbemerkung: scherzhaft hat der Papst damals auch gesagt, kurz habe es ihn gejuckt, sich Clemens XV. zu nennen, in Erinnerung an den Papst, der die Jesuiten aufgelöst habe, das dann aber verworfen.

Machen wir uns nichts vor, diese Namensnennung ist ein ganz großes Ding. Das ist der Erz-Heilige der katholischen Kirche, Päpste, die sich selbst Namen gegeben haben, haben sich bewusst nie nach den zwölf Aposteln benannt, Franziskus kommt aber knapp dahinter.

Fresko in der Oberkirche von Assisi: Franziskus stützt die Kirche

Fresko in der Oberkirche von Assisi: Franziskus stützt die Kirche

In der katholischen Vorstellung und Erinnerung steht der Heilige für Einfachheit, tiefe Liebe zur Schöpfung und für die Armen, ein völliges Lassen weltlicher Macht und Status. Er steht für das charismatische Prinzip, der Papst als Amt für das hierarchische. Die beiden zusammen zu führen war und ist mutig und eine deutliche Ansage.

Eine zweite Spur: Laudato Si’. In der Enzyklika nimmt der Papst immer wieder sehr deutlich Bezug auf den großen Heiligen, nicht nur durch das lange Zitat des Sonnengesangs (in der Ursprungsversion, in der auch Schwester Tod gepriesen wird, nicht in der etwas eingekitschten Version, sie sich fast automatisch in Melodieform im Hirn bildet, wenn ich den Titel der Enzyklika nur höre). Schöpfung ist mehr als Umwelt, Schöpfung ist Gerechtigkeitsfrage, ist soziale Frage, ist Gottesfrage, ist die Frage nach der Ganzheitlichkeit der Welt, in den Worten der Enzyklika: „alles hängt mit allem zusammen“.

 

Franziskaner und Jesuit

 

Eine andere Spur hatte ich schon genannt, das Zitat vom Verkünden mit allem, und wenn es sein muss dann auch mit Worten.

Papst Franziskus hat den Heiligen noch in einem anderen Punkt aufgegriffen: im Punkt der Barmherzigkeit Gottes, die sich in der Vergebung aller Sünden ausdrückt. Der Heilige habe alle Menschen „ins Paradies“ schicken wollen, deswegen das Ringen um die Erlaubnis für einen eigenen Ablass für Assisi – für die Kapelle unten, nicht die Kirchen in der Oberstadt – den ersten Ablass außerhalb Roms, und dann auch noch ohne Geld. Für den Papst steht der Heilige auch für Gottes erbarmende Liebe, Nähe und Vergebung. „Gott vergibt. Immer. Alles.“ Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein, Die deutschsprachige Kirche, Franziskus, Geschichte, Glaube und Gerechtigkeit, Glaube und Vernunft, Spiritualität / Geistliches Leben, Sprechen von Gott, Vatikan | Verschlagwortet mit , , , , , , | 22 Kommentare

Verstreut?

Etwas überrascht war ich schon über die heftigen Reaktionen auf unserer Facebook-Seite zum Thema Regelungen von Beerdigungen in der katholischen Kirche. Da gibt es erstens darum, noch einmal zu bekräftigen, dass Feuerbestattungen gehen und das genauer zu fassen, zweitens ging es darum darauf hinzuweisen, dass das Verstreuen der Asche keine katholische Form der Beerdigung ist.

Da wolle Kirche sich in die Entscheidungen von Menschen einmischen, verhalte sich übergriffig, sei von gestern, solle doch bitte bei den Menschen ankommen, so waren die Kommentare.

Im Geschichtsstudium habe ich mal gelernt, dass die beste Weise, eine vergangene Kultur kennen zu lernen, der Blick auf die Beerdigungsriten ist. Wie geht eine Gesellschaft mit denen um, die nicht mehr da sind. Erinnern wir uns? Brauchen wir einen Ort für die Erinnerung? Wohl gemerkt, nicht der dann schon Gestorbene, sondern die Lebenden?

Beerdigen ist nicht nur eine Entscheidung der Menschen, die über ihren Körper verfügen. Sondern auch der Gemeinschaft, die sich erinnert. Und wenn diese Gemeinschaft eine glaubende Gemeinschaft ist, darüber hinaus auch noch eine, die an die Auferstehung des Leibes glaubt und den Köper nicht von der Seele trennen will, dann hat das Auswirkungen auf die Beerdigungsriten.

 

Beerdigungsriten stehen für eine Gemeinschaft

 

Die Asche zu verstreuen ist ein Zeichen dafür, dass man nicht erinnert werden will. Kein Ort, kein Grabstein. Früher hat man das sogar absichtlich benutzt, um die Erinnerung an einen Feind auszulöschen. Es gibt keinen Ort mehr, wo getrauert wird. Die Kirche sagt dazu eben nein, wir brauchen als Menschen und als Gemeinschaft einen Ort für die Trauer.

Und was soll bitte schlimm daran sein, dass eine Gemeinschaft sich selber Regeln gibt? Die meiste Häme ergießt sich immer dort, wo jemand einen Eingriff in die persönliche Freiheit vermutet. Als ob die Kirche noch tagtäglich Vorschriften machen würde. Das ist doch völlig an der Realität vorbei. Ich persönlich sage über mich, dass meine eigene Beerdigung das geringste meiner Probleme ist.

Es gibt Regeln für Beerdigungen auch in Deutschland, man darf nicht alles. So gibt es die Sargpflicht für Erdbestattungen, etwas, was jetzt neu unter die Lupe muss bei Kulturen, die das nicht kennen und die anders beerdigen. Wollen wir es bei der Sargpflicht belassen oder andere Weisen der Bestattung aufnehmen? Das wird zu überlegen sein.

Was kann da falsch daran sein, dass eine Gemeinschaft für sich bestimmt, dass bestimmte Dinge nicht in Frage kommen? Damit wird es ja nicht der gesamten Gesellschaft aufgedrückt, es ist nur die Regelung der Gemeinschaft – in diesem Fall der Kirche – für die Mitglieder.

Es ist – und diese Wiederholung mache ich bewusst – eben keine Einzelentscheidung, sondern eine Entscheidung für die gesamte Gemeinschaft.

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Die deutschsprachige Kirche, Glaube und Vernunft, Neulich im Internet, Spiritualität / Geistliches Leben | Verschlagwortet mit , , , | 29 Kommentare

Tischgemeinschaft

Vielleicht war es einfach zu verführerisch: Ein katholisches Internetportal hat seinen Bericht über den ökumenischen Gottesdienst in Lund mit folgendem Satz begonnen: „Papst Franziskus hat in Lund eine Erklärung zum gemeinsamen Abendmahl mit den Lutheranern unterzeichnet – und damit Geschichte geschrieben.“ Was natürlich Unsinn ist.

Zum einen ist das genau die Haltung, welche durch Dokument und Feier überwunden werden soll. Beide Partner haben unterschrieben, nicht nur der Papst. Die einseitige Profilierung auf Kosten der anderen ist von gestern.

Der Papst in Lund: rechts Bischof Younan, links Martin Junge vom LWB

Der Papst in Lund: rechts Bischof Younan, links Martin Junge vom LWB

Zweitens ist es schon ziemlich sportlich, das Dokument als „Erklärung zum gemeinsamen Abendmahl“ zu bezeichnen. Es ist insgesamt etwa zwei Seiten lang, nur ein Absatz handelt von der Eucharistie. Der ist wichtig, aber keineswegs das Schwergewicht. Und wenn man selber das Dokument liest, wird das auch schnell deutlich.

Solche Schnellschüsse machen es sehr schwer, die Rolle der Eucharistie-Frage hier richtig einzuschätzen. Ich will das trotzdem mal probieren.

 

Gemeinschaft oder Gastfreundschaft

 

Zum einen war das die eine Frage, die bei allen Pressekonferenzen und in allen Medien immer genannt wurde, mehrfach. Selbst wenn die gemeinsame Erklärung das nicht erwähnt hätte, wären Katholiken und Lutheraner um diese Frage nicht herum gekommen.

Zweitens ist die Reiseplanung des Papstes, erst die Ökumene zu feiern und danach heilige Messe, bei den Lutheranern Schwedens nicht wirklich gut angekommen. Die Messe ist nun mal der Punkt, wo die Trennung sichtbar und schmerzhaft ist, das direkt nach der Ökumene-Veranstaltung zu machen erzeugt Reibung. Aber so ist Ökumene eben. Wir dürfen uns nichts vormachen oder das Problem kleinreden.

Drittens ist das nicht nur einfach eine Frage, ob Katholiken andere zulassen oder nicht. Der schwarze Peter liegt nicht nur bei uns. Kardinal Koch hat bei der Pressekonferenz am Montagabend noch einmal Stellung bezogen. Er hoffe, selber einmal ein Dokument unterzeichnen zu können, das die Fragen löst. Wenn das man kein Zeichen der Hoffnung ist. Und dann weiter: „Wir müssen einen Unterschied machen zwischen eucharistischer Gastfreundschaft für Einzelne und eucharistischer Gemeinschaft“. Diese Unterscheidung allein zeigt schon, dass das Ganze nicht einfach nur schwarz und weiß ist. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein, Franziskus, Glaube und Vernunft, Glaube und Welt, Kirche und Medien, Neulich im Internet, Ökumene, Papstreise, Spiritualität / Geistliches Leben, Theologisches | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 62 Kommentare

Die Mühen der ökumenischen Ebene

Die Kathedrale von Lund ist nicht wirklich groß, wunderschön aber nicht groß. Die versammelte ökumenische Prominenz musste sich etwas drängeln, um Platz zu finden. Und es waren wirklich alle da: Nur um mal einige Namen ins Feld zu werfen die deutschen Bischöfe Bode und Feige, Frère Alois von Taizé, mit den Kardinälen Koch und Parolin vatikanische Schwergewichte, koptische, orthodoxe und evangelikale Vertreter in bunt, die ökumenische Theologie in Vollstärke und natürlich sehr viele lutherische geistliche Trachten.

Papst Franziskus bei seiner Ansprache in Lund

Papst Franziskus bei seiner Ansprache in Lund

Und das aus gutem Grund: es war ein historisches Ereignis. Lutherische und katholische Kirche laden gemeinsam zu einem Gottesdienst im Gedenken an die Rerformation ein. Noch mal, falls das zu schnell ging: an die Reformation. Das klingt so normal, dass man vergessen kann, wie unwahrscheinlich so etwas noch vor wenigen Jahren gewesen wäre, jedenfalls mit Anwesenheit des Papstes.

Und dennoch: Man muss genauer hinsehen und hinhören. Wer nicht hier ist und die Begeisterung nicht teilt, die alle Papstevents nun einmal an sich haben, der wird sich fragen, was das denn nun gebracht hat. Und genau dazu habe ich meinen Kommentar für RV heute geschrieben:

 

Es war nicht die große ökumenische Vision, die an diesem Montag in Lund zu sehen war. Wer das große Zeichen, den bahnbrechenden Schritt, die großen Worte erwartet hatte, der wurde enttäuscht. Stattdessen war viel vom Weg die Rede, „die große Reise fortsetzen“ nennt es die unterzeichnete gemeinsame Erklärung. Es war vom Bekenntnis der eigenen Fehler die Rede und vom gemeinsamen Zeugnis für Christus.

Nur in der schon erwähnten gemeinsamen Erklärung wird die Trennung in der eucharistischen Gemeinschaft genannt, sie wird festgestellt und beklagt, kein revolutionärer Akt wird vollzogen.

Nichts Spektakuläres, aber vielleicht ist ja gerade das das Zeichen der Ökumene heute. Viel ist erreicht, vor allem mit der lutherischen Kirche, so dass sich Ökumene jetzt neu orientieren muss. Der Wunsch nach Einheit tritt oft hinter dem Wunsch nach Profilierung zurück, das muss sich wieder ändern. Ökumene ist nicht nur für die Kirchen da, sondern soll auch nach außen wirken, ein neuer Gedanke, der Fuß fassen muss. Die eucharistische Trennung ist Realität, Konvergenzen in der Theologie werden festgestellt, aber ganz da sind wir noch nicht, da braucht es – um in der Wegmetapher zu bleiben – viele kleine Schritte, nicht die große Geste.

Die Liturgie in Lund war geprägt von Gebet, Dank, von Ausdrücken der Reue und von der Versicherung, gemeinsam Zeugnis ablegen zu wollen. Noch einmal: das ist alles nicht spektakulär. Aber genau das ist heute Ökumene: die berühmten Mühen der Ebene. Das ist die Botschaft, die von Lund ausgeht, für die nächsten Schritte auf dem Weg.

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Franziskus, Glaube und Vernunft, Glaube und Welt, Kirche und Medien, Ökumene, Papstreise, Spiritualität / Geistliches Leben, Unterwegs | Verschlagwortet mit , , , , | 16 Kommentare