Die Freundschaft eines Papstes

Karol Józef Wojtyła hatte eine „intensive Freundschaft“. Seit einigen Tagen geht diese Geschichte um den heiligen Papst Johannes Paul II. durch die Medien, gestern – Montag – Abend wurde von der BBC endlich der Beitrag ausgestrahlt, auf den sich so viele kleine Stücke bezogen.

Vielleicht darf ich an dieser Stelle mal was klarstellen: Erstens ist es gut und wichtig und gesund, Freundschaften zu unterhalten. Und vielleicht ist 2016 auch ein Jahr, in dem es nicht mehr wirklich anrüchig ist, wenn ein Mann eine Freundschaft mit einer Frau unterhält. Selbst wenn sie verheiratet und er ein Priester ist. Dass Freundschaften auch mal schillern kennt jeder, der mal eine gepflegt hat. Oder pflegt.

Da jetzt durch ein Fragezeichen in der Überschrift was hinein zu geheimnissen, bringt nichts. Die BBC-Geschichte ist ja auch sehr klar, alles dokumentiert, es gibt viele Briefe, es gab emotionale Dichte, aber munkeln muss man da nix. „Papst Johannes Paul soll eine intensive Freundschaft gehabt haben“ klingt es in den Medien: falsch, ganz falsch. Er hatte eine. Nicht „soll gehabt haben“, „hatte eine“. Hier die Vermutungsform einzuführen verkauft vielleicht Papier und Sendeminuten, liefert aber null Information.

 

Der Mensch Karol

 

Wir lernen vielleicht etwas über den Menschen Karol und den Papst Johannes Paul II., was wir bisher nicht wussten, insoweit ist das wirklich was Neues. Aber da Anna-Teresa Tymieniecka schon in den 90er Jahren dazu interviewt wurde, ist das alles so neu nicht.

Wo die Neugierde einsetzt und wo man irgendwie dann doch mehr wissen will ist bei der Frage nach Verliebtheit oder nicht. Das wird ja auch bei der BBC deutlich, wobei die das dankenswerterweise sehr ehrlich und offen behandeln und sagen, was sie wissen und was sie nicht wissen. Aber ganz ehrlich, ein Mensch der nicht sich nicht auch mal verliebt, ist doch kein Mensch. Das hat nichts mit Gelübden – Zölibat oder Ehe – zu tun, sondern mit Menschsein. Wer sich nie verliebt, bei dem stimmt was nicht.

Und dann ist da die Frage, dass die Freundschaft „vom Vatikan verschwiegen“ worden sei. Was für ein Unfug. Dass man seine Freundschaften, vor allem die wichtigen, nicht an die große Glocke hängt und dass man vor allem wenn man dauernd in der Öffentlichkeit steht das Private um so mehr schätzt heißt doch gar nichts. Und wenn es so ist, wie die Briefe und der Bericht sagen, dass es also eine Freundschaft war und nichts mehr und nichts weniger, dann gibt es auch keinen Anlass, das dem voyeuristischen Blick der Öffentlichkeit auszusetzen.

Freundschaften sind komplexe Dinge, die taugen nicht für das schnelle Urteil.

Die Geschichte wird missverstanden werden. Sie wird auch möglichst schief berichtet, damit sie missverstanden werden kann. Das ist nicht zu ändern. Aber wenn wir wollen, dann zeigt uns die Geschichte die menschliche Seite eines Mannes, den wir nur in öffentlichen Auftritten zu kennen meinen. Und die menschliche Seite einer polnischen Philosophin.

Und wer sich das selber anschauen will: Heute Abend, 20.15 Uhr gibt es das bei Arte zu sehen.

 

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¡Hola Mexiko!

Kalter Krieg und Russland, Flüchtlingskrise, US-Wahlkampf: Eigentlich ist es keine themenarme Zeit, die wir in den Medien verfolgen. Und dennoch ist Papst Franziskus und seine Reise nach Mexiko sehr prominent vertreten. Ich sage „dennoch“, denn vor genau einem Jahr, bei der Reise nach Ostasien, war das nicht der Fall. Das hat wenige medial bewegt, was war fast unsichtbar.

Die Elite Mexikos, in der Mitte der Gast Papst Franziskus

Die Elite Mexikos, in der Mitte der Gast Papst Franziskus

Mit der Voraussage, dass das Treffen in Kuba mit Patriarch Kyrill direkt vor Mexiko die Reise danach in den Schatten stellen wird, habe ich auch falsch gelegen. Zwar hat das eine ganze Menge Aufmerksamkeit auf sich gezogen, durchaus auch kritisch und mit Blick auf die Situation um Russland, Syrien, die Ukraine und Präsident Putins Verhältnis zu seiner Kirche, aber das hat nicht zum Abfall des Interesses danach geführt. Im Gegenteil. Ich lerne also mal wieder dazu.

Dabei liegt der mediale Schwerpunkt auf Dingen, die mich persönlich erstaunen. Papst kritisiert scharf – diese Floskel ist Journalisten wohl nicht mehr auszutreiben, wann darf jemand eigentlich mal kritisieren, ohne „scharf“? – Papst mahnt, Papst wird deutlich.

Papst Franziskus wird als gesellschaftliche und moralische Autorität wahrgenommen, der die Dinge anspricht, die in Gesellschaft und Moral nicht gut laufen. In Zeiten der europäischen Krise, wo außer der Kanzlerin kaum jemand in der Politik nach Prinzipien zu handeln scheint und viele auf die Ängste der Menschen mit Zäunen reagieren, wird der Papst als jemand gesehen, der sich nicht einschüchtern lässt.

Und wie in Sri Lanka oder auf den Philippinen im vergangenen Jahr, wie in Korea und in Jordanien und Israel, wie auf Kuba und in den USA gibt es in den gesuchten Gesellschaften viel, was angesprochen werden will. Wir haben von Gefängnisrevolten in Mexiko gelesen, besser muss man wohl sagen, dass dort rechtsfreie Räume voller Gewalt ab und zu überquellen. Drogenkrieg, der wirklich ein Krieg ist und nicht nur von wortschwachen Kollegen so genannt wird, Entführte Studenten, Proteste der Indigenen gegen feudale Politikerfamilien, alles mögliche gilt es anzusprechen.

 

Unpolitischer Politiker

 

Dabei ist der Papst aber nicht der übliche Politiker. Er ist sozusagen das Gegenteil eines Politikers. Er sieht sich als Hirte und spricht geistlich, er nennt die Dinge, die genannt werden müssen und die jeder seiner Zuhörer auch versteht. Zitieren will ich nur ein Stück, aus den anderen Reden an die Politische Elite des Landes oder an die Bischöfe könnte man Ähnliches zitieren. Dies ist aus der Ansprache zum Angelusgebet an diesem Sonntag: „Ich möchte euch heute auffordern, an vorderster Front zu stehen, Vorreiter zu sein in allen Initiativen, die dazu beitragen, dieses gesegnete mexikanische Land zu einem Land der Chancen zu machen, wo es nicht nötig ist auszuwandern, um träumen zu können; wo es nicht nötig ist ausgebeutet zu werden, um arbeiten zu können; wo es nicht nötig ist, die Verzweiflung und die Armut vieler zum Opportunismus einiger weniger zu machen. Ein Land, das nicht Männer und Frauen, Jugendliche und Kinder beweinen muss, die zugrunde gerichtet in den Händen der Händler des Todes enden.“ Da ist alles drin. Wer Ohren hat, zu hören … .

Messfeier in Ecatepec

Messfeier in Ecatepec

Ich finde es erstaunlich, dass diese Worte des Papstes mal sehr viel Aufmerksamkeit finden, wie zur Zeit in Mexiko, dann aber auch mal gar keine, wie bei anderen Reisen. Dabei hält er sich doch immer an sein eigenes Vorgehen, trifft Menschen vom Rand der Gesellschaft und liest die Gesellschaft von dort her, er versucht keine politischen oder medialen Punkte zu sammeln, keinen Applaus, aber wer genau hin hört, der hört eben, dass dieser Papst kein Schönwetterpapst ist, der durch Potemkinsche Dörfer – innerlich wie auch geographisch – geführt wird.

Noch mal ein wenig Kollegenschelte: „kritisiert scharf“, „geißelt“, das sind die Worte, die sich dann in der Berichterstattung wieder finden. Und die alles in die Schubladen einpassen, in die wir diese Dinge halt innerlich einordnen. Und die dem Papst aber nicht gerecht werden, weil wir zu verstehen meinen, wo wir noch nicht einmal richtig hingehört haben.

Ich finde sehr spannend, was der Papst derzeit bei dieser sehr langen Reise alles tut und sagt. Wo er hinfährt alleine liest sich wie eine eigene Predigt: Ecatepec, Chiapas, Ciudad Juarez, das sind Brennpunkte der mexikanischen Gesellschaft. Und genau da soll die Kirche hin.

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Waffen sind doch nur konsequent

Augsburg protestiert gegen AfD Chefin Frauke Petry: Der Bürgermeister wollte sie erst gar nicht ins Rathaus lassen, unterlag aber vor Gericht. Dann wurde im Saal und in der Stadt protestiert, als sie doch sprach. Grund für die Aufregung sind die Zitate um die Waffen für Polizisten an den Grenzen, um Flüchtlinge abzuhalten. Man müsse doch verhindern, dass so viele Flüchtlinge aus Österreich kämen, „notfalls“ auch mit Gewalt. Und AfD-Frau Beatrix von Storch ging bekanntlich noch einen Schritt weiter: Wenn man die schon habe, solle man sie auch nutzen, auch gegen Frauen. Und gegen Kinder, auch wenn sie bei Facebook das wieder zurück nahm. Diesen Satz hat sie – Frau von Storch – als einen Fehler bezeichnet, Einsicht ist also Vorhanden.

Wobei ich die Aufregung nicht ganz verstehe. Ich war gerade unter anderem in Österreich unterwegs, wo ja die Obergrenze für Flüchtlinge beschlossen wurde. Und wo man das Theater beobachten kann, wie die Politik hart und entschieden aussehen will, aber das Wort Obergrenze möglichst zu vermeiden sucht, weil man ja einsieht, dass das gar nicht geht.

Was die AfD-Zitate nun zeigen ist die Konsequenz des Sprechens von Obergrenzen. Was uns als politische und menschliche Unverschämtheit erscheint, nämlich auf Flüchtlinge in Donald-Trump-Manier mit Gewalt zu antworten, ist eigentlich nichts anderes als die Fortsetzung der Obergrenzen-Logik.

Was passiert denn mit Flüchtling Nummer Obergrenze-plus-Eins? Den muss ich doch draußen halten, da der aber rein will, muss ich Gewalt anwenden. Erst einen Zaun, dann bei wachsendem Druck auch weitere Mittel. Irgendwann braucht es dann die Waffe. Oder sieht jemand eine andere Entwicklung? Glaubt jemand ernsthaft, das Wort „Obergrenze“ werde auf geheimnisvolle Weise von selbst dafür sorgen, dass die Menschen nicht mehr kommen wollen?

So absurd die Debatte um die Schusswaffen und die Auftritte der AfD Chefin auch sind, beginnt die Absurdität schon bei der Debatte um die Obergrenzen. Wir sollten den beiden Damen fast dankbar sein, dass sie uns das vor Augen geführt haben. Manchmal hilft es eben, die Dinge zu Ende zu denken, bevor man den Mund aufmacht und auf schnelle Effekte schielt.

 

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Ökumene dauert

Wir Menschen sind viel besser darin, etwas kaputt zu machen, als etwas heil zu erhalten. Kinderzimmer können Geschichten davon erzählen, aber auch die große Politik schafft das immer wieder. Und auch das Christentum. Streit zwischen Gläubigen und zwischen Gemeinschaften, auch innerhalb einer Gemeinschaft, sind leider immer wieder Anlass zu Trennungen. Abfinden wollen wir uns damit nicht, dürfen wir ja auch gar nicht, wenn wir das Ernst nehmen, was wir glauben. Aber der Weg dahin ist komplex.

Feier einer orthodoxen Liturgie in Mailand

Moskau? Konstantinopel? Jerusalem? Nein: Mailand.

Papst Franziskus und Patriarch Kyrill haben einen Schritt auf diesem Dauer-Weg gemacht, in Havanna mit einer Begegnung und einer gemeinsamen Erklärung.

Nun ist eine Begegnung nur das, eine Begegnung, so symbolisch sie auch ist. Und Papier ist geduldig. Und dennoch loht es sich, genauer hin zu schauen. Denn da finden sich interessante und hilfreiche Feststellungen. So sagt die Erklärung, dass die Trennungen durch historische Konflikte und „von den Vorfahren ererbte Gegensätze“ entstanden und gepflegt würden. Die Historisierung ist immer ein guter Schritt, sie hilft die Dinge in Perspektive zu sehen und nicht gleich moralisch zu werden, Geschichte wenn man sie richtig betreibt hat nichts von Schuldzuweisungen.

Lesen wir etwas in der Erklärung: „Orthodoxe und Katholiken müssen lernen, in Bereichen, wo es möglich und notwendig ist, ein einmütiges Zeugnis für die Wahrheit zu geben. Die menschliche Zivilisation ist in eine Zeit epochalen Wandels eingetreten. Unser christliches Gewissen und unsere pastorale Verantwortung erlauben es uns nicht, angesichts der Herausforderungen, die eine gemeinsame Antwort erfordern, untätig zu bleiben.“

Wir sollen also lernen, heißt es in der Erklärung. Um aus den historischen Konflikten heraus zu kommen, hilft keine einzige Entscheidung. Da gibt es keinen Schalter, den man umlegen kann, keinen Text, keine einzelne Vereinbarung, die das alles lösen könnte.

 

Es geht nicht auf die Schnelle

 

Das kann auch bei den anderen Feldern der Ökumene, den mit den Kirchen der Reformation, helfen: es ist nicht einfach nur eine Entscheidung, die getroffen werden müsste, und dann ist alles gut.

Zurück zum Umgang mit der Geschichte. Wie das gehen kann und wie schwierig das ist, erläutert der Text mit Bezug auf die mit Rom unierten Kirchen: „Heute ist klar, dass die Methode des „Uniatismus“ aus der Vergangenheit, der als Vereinigung einer Gemeinschaft mit der anderen durch ihre Loslösung von ihrer Kirche verstanden wurde, nicht eine Weise ist, die es ermöglicht, die Einheit wiederherzustellen. Dennoch haben die kirchlichen Gemeinschaften, die unter diesen historischen Umständen entstanden sind, das Recht zu existieren und alles zu unternehmen, was notwendig ist, um die geistlichen Ansprüche ihrer Gläubigen zu befriedigen, bei gleichzeitigem Bemühen, mit ihren Nachbarn in Frieden zu leben. Orthodoxe und Griechisch-Katholische haben es nötig, sich miteinander zu versöhnen und Formen des Zusammenlebens zu finden, die beiderseitig annehmbar sind.“ 1993 bereits hat die Kirche eingestanden, dass das Gründen von „Gegenkirchen“ keine Lösung ist. Weiterlesen

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Und es funktioniert

Es ist morgen mal wieder Jahrestag. 2013, Rosenmontag, Sie wissen schon. Papst Benedikt XVI. kündigt an, dass er am Ende des Monats seinen Amtsverzicht erklärt. Der Rest ist Geschichte.

Seitdem ist immer wieder der Hut vor der Entscheidung des Papstes gezogen worden. Inklusiver meines Hutes. Ich finde es beachtlich und von Größe zeugend, wenn jemand einsieht, dass er zu schwach ist und das eigene Amt beschädigen könnte.

Weihnachtskonzert im Studio von RV, Jugendkantorei am Eichstätter Dom. Foto (c) Christian Klenk

Weihnachtskonzert im Studio von RV, Jugendkantorei am Eichstätter Dom. Foto (c) Christian Klenk

Dadurch, dass Benedikt XVI. der erste Papst war, der das in dieser Form getan hat – wir lassen die mittelalterlichen Päpste weg, das war ein ganz anderes Papsttum – hat er der Kirche einen Dienst erwiesen. Das heißt nicht, dass dieser oder der nächste Papst auch zurück treten müsste. Aber sie haben mindestens die Option. Damit hat Papst emeritus Benedikt dem Amt etwas von dem verklärt überhöhtem genommen, was eigentlich einem Priesteramt schadet. Damit hat er eine lange Entwicklung fortgesetzt, die vielleicht mit Paul VI. begann, der vom Tragesessel herunter stieg und die Tiara ablegte.

Aber es war nicht der einzige Dienst, den Benedikt XVI. damals geleistet hat. Der zweite Dienst für die Kirche war und ist, dass der Papst emeritus diese Entscheidung auch durchhält. Dass er seinen Lebensabend in den vatikanischen Gärten verbringt, ruhig und ohne viel Aufhebens. Dass er nicht wie Politiker noch ein Betätigungsfeld gesucht hat.

Damit hat er nicht nur das Papsttum um eine Option bereichert, sondern diese Option auch mit Leben gefüllt. Zukünftige Päpste, die zurück treten, mögen vielleicht andere Lebensformen für sich wählen, das Maß des Rücktritts wird aber Papst emeritus Benedikt XVI. sein. Rücktritt heißt Still, heißt Rückzug.

Wobei dieser Rückzug sehr menschlich verläuft. In den Worten von Papstsprecher Pater Federico Lombardi: „Er ist ja kein Gefangener.“ Er empfängt Gäste, er schreibt noch ein wenig, oder besser, er schrieb. Er bekommt Besuch von Menschen, die ihm Musik schenken, ab und zu tritt er auch noch an der Seite von Papst Franziskus öffentlich auf, aber sehr selten. So er eben kann.

Auch das hat Größe. Und ein Blick in die Politik zeigt, dass das nicht selbstverständlich ist. Auch emeritierte Bischöfe sind oft noch aktiv und ermahnen ihre Nachfolger. Nicht so Benedikt XVI.

Und wenn morgen mal wieder Jahrestag der Ankündigung ist, dann gilt das nicht für diesen zweiten Teil des Doppeldienstes. Der dauert noch an. Möge er das noch möglichst lange tun!

 

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Die Zeichen der Zeit und Papst Franziskus

Es ist ein berühmter Begriff aus dem Zweiten Vatikanischen Konzil, der seitdem in der Kirchensprache fest Platz genommen hat. Wir sollen die Zeichen der Zeit erkennen. Mir kommt der Begriff etwas gespreizt vor, kein Mensch redet heute so – und ich bezweifle, dass das früher mal so war. Warum auch soll die Zeit, irgend ein Abstraktum, da außerhalb von uns sein und wir sollen Zeichen ihrer Anwesenheit oder ihrer Art oder ihres Charakters erkennen? Irgendwie schräg. Aber da das nun mal fester Kirchen-Bestandteil ist, bleiben wir dabei. Zumal mir genau das als Aufgabe gestellt wurde für einen Vortrag und eine Podiumsdiskussion in Wien. Auch wenn das alles hier im Blog nicht wirklich neu ist, stelle ich das ein, vielleicht ist ja jemand neu hier, und so darf ich diese ‚Zeichen der Zeit‘ à la Franziskus darf auch hier anbieten.

Papst Franziskus Grafiti, "Abode of Chaos" Museum für Gegenwartskunst in Saint-Romain-au-Mont-d'Or, Rhône-Alpes, Frankreich

Papst Franziskus Grafiti, „Abode of Chaos“ Museum für Gegenwartskunst in Saint-Romain-au-Mont-d’Or, Rhône-Alpes, Frankreich

Es beginnt in Lampedusa. Die Geschichte ist mittlerweile gut bekannt, die brauche ich hier nich noch mal erzählen. Das ‚Zeichen der Zeit‘ hier sind aber nicht die Flüchtlinge, so wichtig das Thema für uns auch ist und wenn wir ehrlich sind auch war, auch wenn wir lange nicht hingeschaut haben. Das Thema ist das der Haltung, die der Papst einnimmt. Zehntausende sind im Meer elendig umgekommen und wir weinen noch nicht einmal mehr, so Franziskus damals. Mehr als Aktion ist erst einmal eine innere Einstellung gefragt. Christlich nennen wir das Umkehr, wir müssen und bekehren auf den Weg, der uns das erkennen lässt.

Wir müssen eine Haltung einüben und einnehmen, um trauern und uns freuen und zornig sein und so weiter zu können.

Ähnliche Haltungen habe ich beim Papst in Israel gesehen, an den beiden Mauern. Zuerst an der Trennmauer, die Israel zu Palästina errichtet, dann an der Westmauer des Tempels. Beide Male dieselbe körperliche Haltung, die eine innere Haltung wunderbar ausdrückt. Der Papst klagte, er klagte nicht an. Keine politische Aussage, sondern ein inneres Trauern über Gewalt und gewaltsame Trennung. Medial wird das gerne als politische Symbolik verstanden, wie der Kniefall Willi Brandts. Aber da ist mehr.
Wenn wir auf die Welt blicken, auf die Wirklichkeit um uns herum – und die ist ja bekanntlich wichtiger als die Idee – auf die ‚Zeichen der Zeit‘ also, dann braucht es als erstes eine Haltung, damit umzugehen. Keinen Aktionsplan, keine politische Entscheidung.

Wenn man die Aussagen des Papstes, vor allem die pastoralen, geistlichen in seinen Predigten anhört, dann findet man Spuren genau von dieser Haltung. Wenn er etwa über die Familie spricht und sagt, dass die wichtigsten drei Worte in der Familie ‚Danke‘, ‚Bitte‘ und ‚Entschuldigung‘ sind, spricht daraus keine Pädagogik, sondern eine Haltung zu den anderen in der Familie.

Und der Weg dahin ist die Umkehr. Das ist kein großer Bekehrungsweg, das ist klein, alltäglich, immer wieder, sehr konkret und dringend und immer nötig.

 

Mondanità

 

Ein zweites ‚Zeichen der Zeit‘ ist das, was der Papst mit dem französischen Theologen Henri de Lubac „Spirituelle Weltlichkeit“ nennt.

Das bedeutet eine Orientierung an dem, was wir die ‚Welt‘ nennen, also an einer Selbstbezogenheit, an einem Materialismus und so weiter.

Letztlich ist das nicht weit weg von dem, was Papst Benedikt XVI. in Freiburg die „Entweltlichung“ genannt hat. Was entscheidet, was christlicher Glaube und christlich geprägtes Leben ist? Lassen wir uns das von außen vorgeben? Trennen wir unser Leben in einen christlichen und einen restlichen Teil? Weiterlesen

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Erste Tage und letzte Ordnungen

In einem Buch über Georg Friedrich Händel bin ich vor einigen Tagen einer witzigen Datumsangabe begegnet: „A Londres, se 29./18. De juillet 1735″. Händel hatte einen Brief geschrieben, aus London nach Deutschland, und deswegen ein Doppeldatum angeben müssen. Denn der Kontinent rechnete damals schon mit dem Gregorianischen Kalender, das anglikanische England wollte sich solch papistischen Verschwörungen aber nicht unterwerfen und blieb deswegen beim julianischen Kalender. Während also in England der 18. Juli war, war es auf dem Kontinent der 29. Juli.

Kurios ist deswegen auch das Sterbedatum der heiligen Teresa von Avila: sie starb in der Nacht vom 4. auf den 15. Oktober 1582, also genau dann, als zur Angleichung an die neue Kalenderrechnung auf dem Kontinent, nicht aber etwa in England, zehn Tage ausgelassen wurden. Das erklärt die zehn Tage Unterschied in Händels Brief.

Dabei geht es aber nicht nur um reine Mathematik oder Kalenderdruckerei. Heute mag das sehr pragmatisch klingen, wenn wir einen Tag im Februar einfügen oder wenn wir einfach Uhren vor und zurück stellen. Aber das war nicht immer so. Kalender sind mehr als nur Zeit-Ordner. Sie ordnen das Leben. Und damit sind sie wichtig.

 

Mehr als nur reine Pragmatik

 

Der Schalt-Tag, den wir in diesem Jahr wieder haben, stammt zum Beispiel aus der Neuordnung der Zeit unter Papst Gregor XIII., kurz Gregorianischer Kalender genannt. Die klugen Jesuitenpatres aus dem Collegio Romano – kurz darauf nach demselben Papst „Gregoriana“ genannt – haben gerechnet und geplant und einen neuen Kalender entwickelt. Zum Frust der nicht-katholischen Herrscher im Osten und im Norden, sie haben sich dieser Reform erst einmal verweigert, die orthodoxen Länder haben sogar noch länger mit der Umstellung gewartet als die anglikanischen. Auch hier zeigt sich: das ist nicht reine Pragmatik. Das hat mit Weltdeutung und damit Macht und Einfluss zu tun.

Der Papst ist mal wieder schuld: Gregor XIII., verantwortlich für die Kalenderreform 1582

Der Papst ist mal wieder schuld: Gregor XIII., verantwortlich für die Kalenderreform 1582

Wunderbar nachlesen kann man den Streit und auch die religiöse Dimension bei William Shakespeare, wo sonst. In Julius Caesar geht es immer wieder um Zeit und Messung und die Frage, was für ein Tag heute eigentlich ist. Der Streit um den Kalender tobte gerade unter Königin Elisabeth und Shakespeare wickelt die Diskussionen für sein Publikum witzig verpackt in sein Stück ein.

Julius Caesar hatte ja selber einen neuen Kalender eingeführt – den „julianischen“ – und da lag das Thema nahe. Brutus, Caesar’s Mörder, fragt im Stück „Is not tomorrow, boy, the first of March?“ (II,i,40), obwohl es doch die Iden sind, die anstehen. Da fehlen zehn Tage. Die Zuhörer im Globe Theater werden gelächelt haben.

Das Ganze spielt heute keine Rolle mehr? Pustekuchen! Natürlich ist das auch heute noch wichtig. Nehmen wir einfach nur mal den Streit unter Christen, wann eigentlich Ostern zu feiern ist. Nach dem julianischen Kalender – so halten es die orthodoxen Christen – oder nach dem gregorianischen. Zu besichtigen jedes Jahr im Heiligen Land. Stellen wir uns vor, alle Christen würden sich auf den orthodoxen Termin einigen, die säkulare Gesellschaft würde im Dreieck springen, wenn die Christen auf einmal bestimmen könnten, wann Oster-Schulferien zu nehmen sind.

 

Ostertermin und Sabbat

 

Nehmen wir die Frage nach dem Buß- und Bettag. Nehmen wir die Frage nach den zweiten Feiertagen zu Weihnachten, Ostern und Pfingsten, die es so nur in der deutschen Kultur gibt. Nehmen wir den Advent als geprägte Zeit, der selbstverständlich via „Weihnachtsmarkt“ und dann „Wintermarkt“ einen Teil des Jahres prägen soll, aber bitte ohne Inhalt, vor allem ohne christlichen Inhalt. Hier übernimmt der Konsum die Dominanz des Kalenders. Weiterlesen

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Jeder Sünder ist heiliger Boden

Die Barmherzigkeit Gottes ist immer größer als jede Sünde: Es sind Sätze wie dieser, die seit Amtsantritt von Papst Franziskus immer wieder zu hören sind. Gott ist barmherzig, der Name Gottes ist Barmherzigkeit, und so weiter. Das Ganze ist aber nicht abstrakt, sondern wird in einen Punkt sehr konkret, und auch hier ist der Papst sehr klar. Es geht um das Sakrament der Versöhnung, um die Beichte. Immer wieder weist er darauf hin, hört selber beichte, beichtet sichtbar selber, bevor er beichte hört, spricht zu Beichtvätern, über Beichtväter und so weiter.

Weil das im Heiligen Jahr nicht ganz unwichtig ist, habe ich mich mal umgesehen, was der Papst alles zum Thema zu sagen hat, und eine kleine, sehr kleine Auswahl getroffen.

Papst Franziskus beichtet in Sankt Peter

Papst Franziskus beichtet in Sankt Peter

„Die Barmherzigkeit übersteigt stets das Maß der Sünde, und niemand kann der verzeihenden Liebe Gottes Grenzen setzen“, schreibt Papst Franziskus in der Verkündigungsbulle zum Heiligen Jahr, Misericordiae Vultus. Unter einer Bedingung: „Es gibt keine Sünde, die Gott nicht vergeben kann! Keine! Nur das, was der göttlichen Barmherzigkeit entzogen ist, kann nicht vergeben werden – so wie jemand, der sich der Sonne entzieht, weder erleuchtet noch gewärmt werden kann.“ (Ansprache 12. März 2015) Eine Anspielung auf die Beichte, oder besser, auf das nicht zur Beichte gehen? Wer sich nicht vergeben lassen will, im Sakrament, entzieht sich der Barmherzigkeit, könnte man das verstehen. Viele hätten vergessen, wie wichtig die Beichte sei. Man müsse immer daran denken, dass die Beichte „ein Gespräch mit dem unendlich barmherzigen Vater“ sei. (Angelus 2.8.15)

 

Ein Fest

 

„Gott versteht uns auch in unseren Grenzen, er versteht uns auch in unseren Widersprüchen. Und nicht nur das: Er sagt uns mit seiner Liebe, dass er gerade dann, wenn wir unsere Sünden bekennen, uns noch näher ist, und spornt uns an, nach vorn zu schauen. Er sagt noch mehr: Wenn wir unsere Sünden bekennen und um Vergebung bitten, wird im Himmel ein Fest gefeiert. Jesus feiert ein Fest: Das ist seine Barmherzigkeit, lassen wir uns nicht entmutigen. Vorwärts, vorwärts auf diesem Weg!” (GA 16.12.15) Die Vergebung der Sünden – so der Papst – ist kein Ergebnis unserer eigenen Anstrengungen, sondern Geschenk des Heiligen Geistes, der heile. „Ich kann nicht sagen: Ich vergebe mir die Sünden. Um Vergebung bittet man, bittet man einen anderen, und in der Beichte bitten wir Jesus um Vergebung.“ (GA 19.2.2014) Aber nicht nur Jesus: „Ja, du kannst zu Gott sagen: ‚Vergib mir’, und deine Sünden bekennen, aber unsere Sünden richten sich auch gegen die Brüder, gegen die Kirche. Daher ist es notwendig, die Kirche, die Brüder in der Person des Priesters um Vergebung zu bitten.” (ebd) Weiterlesen

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Aufgabe der Zukunft

Das Titelblatt der aktuellen Stimmen der Zeit

Titel der aktuellen Stimmen der Zeit

Für die Zeitschrift Stimmen der Zeit habe ich online über das Thema geschrieben, das ich für eines der wichtigsten Themen der Kirche in den kommenden Jahrzehnten halte: Die Balance zwischen Lokalität und Universalität bei medialer Gleichzeitigkeit. Nachzulesen ist das hier. In einigen Stücken von mir hier ist das ja schon verschiedentlich angeklungen, mit Blick auf die Debatten der Bischofssynode habe ich mich etwas ausführlicher daran versucht.

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Falscher Papst

Was hat er genau gemeint? Was hat er genau gesagt? Wenn Papst Franziskus spricht, dann sind es oft diese Fragen, die als erstes kommen. Vor allem, wenn er frei spricht. Dann muss schnell übersetzt werden – wenn wir live übertragen – oder aus der gesprochenen Sprache lesbare Sprache werden, denn die beiden sind nicht dieselben.

Dann gibt es auch noch die Gelegenheiten, zu denen der Papst spricht, über die wir aber nur danach erfahren. Etwa Telefonate mit Menschen, die einen Schicksalsschlag erlitten haben. Oder die Ordensleute Lateinamerikas. Da sagen danach die Gesprächspartner, was der Papst gesagt hat. Oder besser: was sie erinnern der Papst gesagt habe. Da entstehen schon einmal Verschiebungen und es ist nicht wirklich klar, was genau der Papst da gesagt hat.

Audienz in der Halle, Dezember 2015

Auch bei offiziellen Terminen spricht er oft frei: Papst Franziskus bei einer Audienz

Und dann gibt es Dinge, die überhaupt nie gesagt wurden. Leider immer mehr, wie festzustellen ist. Da kann man noch von Glück sagen, wenn irgendwer postet, der Papst habe beim Dritten Vatikanischen Konzil alle Religionen für gleich wahr erklärt. Oder dass er den US Politiker Bernie Sanders in seiner Kandidatur für das Präsidentenamt unterstützt. Das ist so falsch, das erkennt jeder. Wenn es aber Stücke sind, die den Tonfall Franziskus haben und so klingen, als ob er es gesagt haben könnte, was dann? Wie damit umgehen?

Als erstes natürlich bei Radio Vatikan nachsehen, das versteht sich von selbst. Oder auf der offiziellen Vatikan-Webseite.

Aber dann? Nicht alles, was behauptet wird, hat auch stattgefunden. Am Sichersten ist es, sich bei seiner Meinung über den Papst auf das zu berufen, was er nachweislich wirklich gesagt hat und dabei gute und verlässliche Übersetzungen zu Rate zu ziehen. Die anderen Dinge, auch wenn sie noch so schön klingen wie das Repubblica Interview von 2013 oder die Ansprache an die Ordensleute sind einfach nicht verlässlich.

 

Was ist verlässlich?

 

Auch das ist eine Dimension des Papstamtes, die neu ist. Bislang hat der Vatikan sehr genau darauf geschaut, dass kein Schindluder getrieben werden konnte mit angeblichen oder echten Papstworten. Papst Franziskus öffnet das, er telefoniert und spricht frei und gibt Leuten Interviews von denen man weiß, dass die sehr – sagen wir – kreativ mit den Worten umgehen und unter journalistischen Standards arbeiten, die bei uns in keiner Redaktionskonferenz durchkämen.

Auch hier ändert sich das Amt. Der Papst ist pastoraler, er ist Seelsorger. Nicht jedes Wort ist Lehramt, nicht jedes Wort ist tiefe Weisheit, manchmal ist es einfach nur Kommunikation und hilft nicht dabei, die Tiefen und Weiten auszuloten oder den Kaffeesatz zu lesen, was jetzt als nächstes Reformvorhaben etc. dran ist.

Noch steckt das alles in uns drin, vor allem den Vatikan-Berichterstattern. Wir nehmen alles als sehr bedeutsam wahr. Aber Teil dieses Pontifikates ist es, dass Sprache eben manchmal nur Sprache ist, Kommunikation, nicht mehr und nicht weniger. Diese Dimension müssen wir in der Kirche neu entdecken. Und wir müssen ignorieren lernen, was für ein Unfug über den Papst im Netz herum schwirrt.

 

Dazu einige Hilfestellungen:

  1. Ist es zu schön, um wahr zu sein? Ein deutlicher Hinweis, dass da was nicht stimmt.
  2. Es taucht nirgendwo anders auf, weder bei RV, noch auf der Vatikan Webseite, noch sonstwo? Dann besser ignorieren.
  3. Der Papst ist repetitiv, ein Gedanke kommt immer in mehreren Gestalten und verschiedenen Ansprachen daher. Das hilft beim Verstehen und ist auch eine Stärke. Wenn ein Gedanke nur einmal kommt, dann Vorsicht!

Kurz: Es hilft Gelassenheit. Wem die Begeisterung oder der Ärger zu schnell durchgeht, der wird schnell fündig, aber der gerät auch schnell aufs Glatteis. Also, ruhig bleiben und nachdenken. Wie immer halt.

 

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