Gewaltfreiheit: Stil einer Politik für den Frieden

Eine Politik des Friedens ist möglich. Es braucht immer mal wieder einen Papst, der so etwas sagt. Papst Johannes Paul II. hatte sich in der Politik keine Freunde gemacht, als er ganz konkret gegen den Irak-Krieg Position bezog. Legendär ist auch Papst Johannes XXIII. während der Kubakrise oder auch Benedikt XV. während des Ersten Weltkrieges.

Papst Franziskus

Papst Franziskus

Papst Franziskus macht das genauso, und das seit Jahren. Immer wieder spricht er über den „guerra mondiale a pezzi“, was wir als Weltkrieg in Stücken übersetzen. Und er setzt sein Sprechen vom Frieden dagegen, unter anderem heute, am 1. Januar, dem Tag, an dem die Kirche den Weltfrieden ins Zentrum rückt. Der Papst hat dazu wie in jedem Jahr eine Botschaft veröffentlicht.

Der Gedanke ist an sich nicht neu, immer wieder hat Papst Franziskus Elemente oder einzelne Posten dieses Politikstils aufgegriffen.

Der Papst nennt jetzt in der Botschaft Personen, die zeigen, wie da genau geht, der Stil einer Politik für den Frieden: Mahatma Ghandi, Martin Luther King und natürlich Mutter Teresa. Und er nennt die Bergpredigt das „Handbuch“ dazu: „Selig, die keine Gewalt anwenden – sagt Jesus –, selig die Barmherzigen, die Friedenstifter, selig, die ein reines Herz haben, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit,“ so die Papstbotschaft zum heutigen Tag.

Es ist halt eine Stilfrage: kann ich Konflikte ertragen, ohne mich gleich zu Macht und Gewalt verführen zu lassen? Das Wort „ich“ ist hier wichtig, für den Papst beginnt dieser Stil der Politik zu Hause, im eigenen Leben, nicht erst bei der UNO-Vollversammlung. Der Stil muss eingeübt werden, ausprobiert werden, gelebt werden, dann wird er in den handelnden Menschen auch wirksam.

Es ist halt wie immer bei diesem Papst: es muss bei mir anfangen, hier, heute, morgen, ganz konkret. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen ein friedvolles Jahr 2017.

 

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Für 2017

In unserer Sprache klingt das Wort „Ermächtigung“ schräg. Es hat historische Konnotationen, die nichts mit meinem Gedanken hier zu tun haben. Leider haben uns die dunklen Jahre bis 1945 auch viele Worte geraubt, die sich nicht mehr benutzen lassen. Der Gedanke dahinter ist aber wichtig, etwas selber in die Hand nehmen, befähigt werden. Das ist es, was Papst Franziskus will. Den Glauben, den eigenen Glauben, selber in die Hand nehmen.

Zeichnung von Rembrandt: Der verlorene Sohn

Rembrandt Harmenz van Rijn: Der verlorene Sohn

Politische Beobachter sehen in den Wahl-Entwicklungen der vergangenen Jahre bis zu Österreich und Italien, allen voran in den USA, nicht etwa eine Rebellion der ungebildeten und so weiter, solch eine Argumentation verlängere nur die Fehleinschätzung derer, die sich verwundert die Augen reiben, wie es nur so weit kommen konnte.

Es geht vielmehr darum, dass Menschen selber bestimmen wollen, wie ihr Leben funktioniert. Dazu wollen sie keine Almosen, sondern Möglichkeiten.

 

Möglichkeiten, nicht Almosen

 

Die Welt um uns herum beschränkt aber immer mehr Möglichkeiten, von den Großkonzernen und Daten-Monstern angefangen über immer komplexere Vorgänge etwa an den Börsen, die buchstäblich so schnell sind, dass kein Mensch sie mehr kontrollieren kann. Konzerne zahlen keine Steuern, aber die Straßen funktionieren nicht oder die Rente reicht nicht mehr zum Leben. Und so weiter.

Negativ kann man das in Populismus ummünzen, das haben wir oft genug gesehen. Aber dieser Populismus injiziert ja nicht etwas in die Menschen hinein, er ruft etwas auf, was schon da ist und benutzt das.

Auch Papst Franziskus ruft das auf, aber nicht populistisch. Er will christliche Möglichkeitsräume schaffen. Das Leben als Christ entscheidet sich nicht an der möglichst genauen Erfüllung der Regeln, sondern im Umsetzen dessen, was Christus von uns will, im eigenen Leben, selbstbestimmt und in Gemeinschaft.

Natürlich gibt es dazu Rahmenbedingungen, natürlich schwebt das, was Jesus gelehrt hat, nicht im freien Raum, das wäre „Situationismus“, wie der Papst das neulich genannt hat. Relativismus hatte Benedikt XVI. das genannt.

Deswegen kann der Papst ja auch so deutlich gegen das Bauen von Mauern und andere Populismen Stellung beziehen: Die Lehren Jesu haben Folgen für uns und unser Leben, die wir nicht schlicht der eigenen Entscheidung oder Ängsten unterwerfen dürfen. Das nennen wir Tradition.

 

Gemeinschaft und Auftrag

 

Was wir von Jesus aber durch die Jahrhunderte hindurch als Tradition empfangen haben, sind zwei Dinge: Gemeinschaft und Auftrag. Kirche und Lehre, mag man das übersetzen, beides wird aber wenn statisch verstanden falsch und richtet sich gegen die dem Gedanken eigentlich innewohnende Dynamik. Wenn wir es aber dynamisch verstehen, dann wird es zum Glauben selber in die Hand nehmen, dann wird das zu unserem „Empowerment“, dann werden wir nicht Objekte einer Kirche, sondern ihre Träger, ihre mit der Würde der Entscheidung ausgestatteten Mitglieder.

Wir entscheiden nicht über unseren Glauben, weil der uns geschenkt ist, aber wir setzen ihn um, im Leben, im Alltag.

Der Populismus hat uns die letzten Jahre über begleitet, in dem jetzt zu Ende gehenden Jahr auch hier im Blog. Und es ist ja auch gut so, dass wir uns dem stellen – jedenfalls wenn er sich dem Dialog stellen will.

Das Gefühl, dass die Welt uns entgleitet und in die Hände von komplexen und unüberschaubaren Vorgängen geht, Konzernen und Daten-Kraken, darf uns nicht in die Versuchung führen, der Allmacht anheim zu fallen, der einen-Lösung-für-alles oder des starken Mannes. Das beschränkt die Räume nur noch mehr, auch wenn es aussieht, als böte es Sicherheit – das Gegenteil ist der Fall.

Einen dynamischen Glauben der aufsteht, der losgeht, der keine Angst hat, und der dann auch den Versuchungen des Populismus widerstehen kann, das ist die Antwort auf die vielen Beschränkungen und Fragen, denen wir begegnen. Das ist nicht einfacher, das Jubeln über die großen Vereinfachungen der Populisten geht besser und schneller, aber es geht eben vorbei an dem, was ein selbstbestimmter und gelebter Glaube sein will.

Einen solchen Glauben, oder einen Weg dahin, den wünsche ich uns allen für das kommende Jahr 2017.

Alles Gute Ihnen.

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Kurienreform à la Franziskus

Alle Jahre wieder, ist man versucht zu sagen: Der Papst setzt die Reform der Kurie auf die Tagesordnung, und zwar immer beim Weihnachtsempfang für die höheren Kurienmitarbeiter, vor allem also die Kardinäle und Bischöfe, die in der Kurie – den Dikasterien, wie das hier heißt – arbeiten.

Papstansprache in diesem Jahr

Papstansprache in diesem Jahr

Diese Ansprachen an die höheren Kurienmitarbeiter finden traditionell jedes Jahr statt, der Papst wünscht ein Frohes Fest und nutzt die Gelegenheit zu grundsätzlichen Überlegungen. Das erste Mal wirklich öffentliche Aufmerksamkeit bekam diese Ansprache aber erst 2005, als Papst Benedikt XVI. diesen Rahmen nutzte, um über die Hermeneutik der Reform zu sprechen, die er einer Hermeneutik des Bruchs gegenüber setzte.

„Reform“ war also schon bei Benedikt Thema, seit dem Amtsantritt von Franziskus ist das aber noch systematischer geworden, und der Papst sagt auch, warum: Das sei dem zu wählenden Papst vom Konklave mitgegeben worden.

Im vergangenen Jahr hat Papst Franziskus betont, dass die Reform der Kurie „mit Entschlossenheit fortgesetzt“ wird. Das Jahr zuvor hatte er eine der am meisten berichteten Ansprachen gehalten, die berühmt gewordenen fünfzehn Krankheiten der Kurie, „spiritueller Alzheimer“ ist hängen geblieben. Diese Ansprache hat er dann 2015 wieder aufgegriffen: „Einige dieser Krankheiten sind im Laufe dieses Jahres aufgetreten; sie haben dem gesamten Leib nicht unerhebliche Schmerzen zugefügt und viele Menschen innerlich verletzt.“

 

„Reform“ war schon bei Benedikt Thema

 

Dieses Jahr also wieder, und zwar zwölf – kurze und knappe – Kriterien für eine Reform. Das die einzelnen Ansprachen auch innerlich zusammen hängen, wird nicht nur dadurch deutlich, dass der Papst sich selber zitiert und diese Zusammenhänge auch deutlich macht. Man sieht es auch ganz konkret, wenn man sich die Reformschritte ansieht, die um uns herum passieren.

Zwei Dinge sind wichtig: Erstens der Gedanke der Bekehrung. In allen Ansprachen kommt die persönliche Ebene vor der strukturellen. Reform macht nur Sinn und ist nur nachhaltig, wenn sie den Einzelnen reformiert, oder besser: wenn dieser sich bekehrt. Ohne Jesus im Zentrum funktioniert gar nichts, möchte ich das übersetzen.

Zweitens: die Schattenseiten. Heute waren es die „bösartigen Widerstände“, die der Papst nannte, in der Vergangenheit die Krankheiten etc. Man darf nicht naiv sein bei der Umsetzung von Reform, scheint der Papst zu sagen.

Franziskus ist realistischer geworden. Die zwölf Kriterien sind geerdeter als die Tugenden oder zuvor die Barmherzigkeit und die Krankheiten. Und das ist ja auch folgerichtig, das sind die „Mühen der Ebene“. Die Reform geht weiter.

 

Nachtrag

In einem frei gehaltenen Teil im Anschluss an die Rede in diesem Jahr berichtet der Papst, woher er den Gedanken der fünfzehn Krankheiten hat. Ich bin ein wenig froh, dass ich mit meiner Diagnose vor einiger Zeit recht hatte. Das tut auch mal gut.

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Anschlagsfolgen

Quelle: Facebook @DressedLikeMachines

Quelle: Facebook @DressedLikeMachines

Zu den beiden Titelseiten von großen Zeitungen heute muss man eigengtlich nicht mehr viel sagen. Frage: Wer von beiden spielt hier das Spiel des Terroristen? Wer verstärkt das, was der Mörder erreichen wollte? Und wer setzt dem etwas dagegen?

Danke, Berliner Morgenpost.

Und wenn wir schon beim Thema verstärken sind, der bayerische Ministerpräsident Seehofer setzt noch einen drauf. „Wir sind es den Opfern, den Betroffenen und der gesamten Bevölkerung schuldig, dass wir unsere gesamte Zuwanderungs- und Sicherheitspolitik überdenken und neu justieren“, sagt er, er macht politische Punkte rechts außen durch das Missbrauchen von Angst und Trauer.

Eigentlich bin ich hier ja selten parteipolitisch, aber an dieser Stelle muss ich – wie viele andere auch – einfach mal „Halt!“ sagen. Das geht so nicht. Gerade erst habe ich ein Interview mit Alexandria in Ägypten geführt, dort ist Terror alltäglich und dort gab es einen verheerenden Anschlag auf eine Kirche. Die Menschen – Christen wie Muslime- wollen sich aber nicht einschüchtern lassen. Das ist die Nachricht hier.

Angst kann man nicht einfach wegmachen, die ist da. Aber wenn sich die Gemeinschaft nicht auflöst, wenn wir uns nicht zurück ziehen und unsere Freiheiten und unsere Lebensweise aufgeben, dann gewinnt die Angst nicht. Was Herr Seehofer da macht, um einige Wählerstimmen willen, ist genau das Gegenteil. Er sägt an dem, was die Gesellschaft zusammen hält. Weniger Solidarität, weniger Mitmenschlichkeit, alles um die Angst auszunutzen.

Nutzen Sie die Weihnachtstage, Herr Seehofer, vielleicht fällt Ihnen ja noch ein, was das „C“ in Ihrem Parteinamen bedeuten soll.

 

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Dankeschön

In Rom am Flughafen gehört es mittlerweile zum guten Ton, oben beim Warten auf das Abfliegen genauso wie unten beim Warten aufs Gepäck: Musik. Ein Flügel – oder wahlweise ein Klavier, aber meistens tatsächlich ein Flügel – steht in einem Wartebereich und bittet per Schild darum, gespielt zu werden.

Und viele wartende Gäste setzen sich dran und spielen. Hobby-Spieler, Jugendliche die ihre Klavier-Lektion wiederholen, aber häufig genug auch Menschen, die deutlich mehr können als nur ein wenig vom Blatt spielen.

Flughafen Rom Fiumicino

Flughafen Rom Fiumicino

Und alle spielen öffentlich. Und überall bleiben Leute stehen und hören einfach zu. Andere Flughäfen kennen es auch. Am Bahnhof Den Haag habe ich es gesehen und gehört, da war es wirklich eine Könnerin. In Seoul an einem Museum war es ein Klavier, Jugendliche versuchten sich da an europäischen Sonaten.

Sie werden – so sie ab und zu verreisen und nicht das Auto nehmen – Ihre eigenen Orte hinzu fügen können.

Es ist Zeit, einmal Dank zu sagen. Dank den vielen anonymen Musikern, die ihr Talent, Hobby oder Können einfach so verschenken. Die uns Wartenden die Sterilität dieser Reise-Umschlagsplätze etwas menschlicher machen, sei es mit gekonnten Läufen, sei es auch mit dem einen oder anderen schiefen Ton.

Es wird wirklich menschlicher dort. Für kurze Augenblicke werden die zielstrebigen Schritte langsamer, die quängelnden Kinder auf dem Weg zum Boarding sind abgelenkt, die Rollkoffer bleiben stehen statt sich gegenseitig anzurempeln. Was so ein wenig Mozart alles bewirken kann.

Danke, liebe Musiker, möget ihr euch reichlich vermehren. Ich kann leider nichts dazu beitragen, aber ich genieße es. Bis bald, beim nächsten Flughafen, Bahnhof oder Reiseort eurer Wahl.

 

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Weiter träumen

Was kann man dem Papst zum Geburtstag schreiben? Was über ihn anlässlich dieses Tages? 80 Jahre alt wird er heute, herzliche Glück- und Segenswünsche an ihn.

Papst Messe in der Jesuitenkirche il Gesù, Rom, im Januar 2014

Träumen und träumen lassen.

In ZEIT, in Kirchenzeitungen und der Neuen Passauer Presse habe ich mich schon über den Papst geäußert, Domradio und andere Sender mit Interviews versorgt, sozusagen. Also was sagen?

Ein Satz ist mit als Mantra im Kopf, der viel über diesen Papst sagt und den ich an diesem Tag noch mal erinnern möchte. Den Obdachlosen, die zum Ende des Heiligen Jahres nach Rom gekommen waren, sagte er: „Vergesst das Träumen nicht!“

Das ist Papst Franziskus: ein 80-Jähriger, der träumt, von einer Kirche die missionarisch ist und sich bewegt, der diese Träume in Menschen entstehen lässt von einer Kirche für unsere Zeit.

Das ist mein Satz für diesen Tag. Das Träumen nicht vergessen. Nicht als 80-jähriger, nicht als Christ der die Kirche verkündender und aktiver sehen will, nicht als Christ der sich um die Ränder und Peripherien sorgt und versucht, aus deren Perspektive auf die Welt zu blicken.

„Vergesst das Träumen nicht!“ Papst Franziskus, ad multos annos und alles, alles Gute, bleiben Sie uns noch lange erhalten!

 

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Von Fußnoten im Eheleben

Der Papst ändert die Lehre oder die Tradition der Kirche in einer Fußnote. Immer wieder – auch jetzt erst wieder hier im Blog – wird dergleichen gesagt und geschrieben.

Meine erste Frage: Haben Sie diese Fußnote selber gelesen oder wissen Sie das nur von anderen, die Ihnen das gesagt haben? Ich frage deswegen, weil mir oft in Gesprächen genau das passiert: Ich frage zurück, um welche Fußnote es eigentlich geht, „na die mit den wiederverheirateten Geschiedenen“, aber das dazu gehörige Kapitel (es ist Kapitel 8) und den Zusammenhang, die genaue Aussage ganz besonders, die können die wenigsten nennen.

Das ist schade. Ich möchte an dieser Stelle aber eine Anregung aus den Kommentaren heraus aufgreifen und die Debatte vom Negativen ins Positive wenden, und beim Wenden soll mir jemand helfen: Das Dokument wurde ja im Vatikan unter anderem von Kardinal Christoph Schönborn vorgestellt, dessen Einführung der Papst ja auch ausdrücklich gelobt hat, beim Rückflug von Lesbos. Damals, am 8. April war das, konnte ich den Kardinal auch ausführlich dazu interviewen, ein Auszug daraus:

Kardinal Schönborn im Interview bei RV

Kardinal Schönborn im Interview bei RV, am Tag der Veröffentlichung von AL

RV: Ich vermute, ich liege nicht ganz falsch, wenn ich sage, die meisten Menschen erwarten sich dann doch etwas anderes. Es sind ja viele Diskussionen geführt worden über wiederverheiratete Geschiedene und ihr Zugang zur Kommunion. Das ist glaube ich das Stichwort dafür, und dazu steht nichts im Dokument. Da wird es Enttäuschung geben. Was sagen Sie diesen Menschen?

Schönborn: „Lest das Dokument. Manche Enttäuschungen entstehen dadurch, dass wir auf einen bestimmten Punkt hinschauen und völlig fixiert sind und nicht das Wunderbare sehen, was rund herum ist. Und was eigentlich auch die Antwort auf diesen einen Punkt gibt. Ich denke, eine vor allem in unserem Sprachraum, aber auch unter vielen Theologen viel zu einseitig auf eine Frage hin konzentrierte Aufmerksamkeit bei diesen Synoden und jetzt bei diesem abschließenden Dokument des Papstes birgt in sich die Gefahr, dass man blind wird für den ganzen Reichtum des Themas. Ich denke, dem wollte Papst Franziskus entgegenwirken, indem er zuerst einmal von der Schönheit und Lebendigkeit von Ehe und Familie gesprochen hat. Ich kann nur daran erinnern und darum bitten, lest das Kapitel 2,3,4 und 5, die zentralen Kapitel des Textes. Ich weiß schon, die meisten stürzen sich sofort auf das 8. Kapitel. Weiterlesen

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Gereizte Reaktionen

Seit Tagen und Wochen ziehen vermehrt Kommentare zum Amoris Laetitia ihre Bahnen durchs Netz. Es war nicht erst der Brief der vier Kardinäle, oder besser dessen Veröffentlichung, die vermehrte Aufmerksamkeit datiert davor und hält auch noch an.

Amoris Laetitia: um den Text will es einfach nicht ruhig werden. Was ja auch Absicht des Papstes ist, er will Prozesse in Gang setzen, und die Debatte darum ist einer. Er will Freimut, und viele sprechen hier mit Freimut. Dagegen kann man nichts haben.

Er verweigert das Machtwort: Papst Franziskus

Er verweigert das Machtwort: Papst Franziskus

Wogegen man schon etwas haben kann, ist der Versuch, mit Bezug auf eben genau diesen Freimut – den man für sich selber in Anspruch nimmt – denselben bei anderen zu bestreiten.

So halte ich zum Beispiel den Brief der vier Kardinäle für völlig in Ordnung, Berater des Papstes dürfen selbstverständlich dem Papst Briefe schreiben, auch kritische, das gehört wie ich finde zum normalen, menschlichen Umgang miteinander. Dass dieser Brief dann aber veröffentlicht wurde, das gehört sich wiederum nicht. Da wird Druck ausgeübt, und wie ich vermute auch ganz bewusst.

 

Befremdliche Verschiebungen der Debatte

 

Da gibt es zum Beispiel Leute, die glauben, dass ein Schisma drohe, wenn der Papst auf den Brief der vier Kardinäle nicht antworte. Was schon irgendwie befremdlich ist, dreht das doch die Beweislast um und schiebt die Verantwortung für eine Spaltung – die reine Phantasie ist – dem Papst zu. „Der da ist Schuld“, schreit das Kind im Sandkasten.

Nebenbemerkung: es hat immer an Päpsten Kritik gegeben, an Form wie Inhalt. Ich kann mich an lange Debatten in den 80er Jahren erinnern, in denen es gerade aus Deutschland viel Kritik an Papst Johannes Paul II. gegeben hat. Aber damals hat keiner mit einem Schisma gedroht. Das war überhaupt kein Thema. Irgendwie zeigt es auch die inhaltliche Schwäche der Positionn, wenn sie mit dieser schäfsten Waffe versehen werden muss, dem Zerbrechen der Einheit.

Da gibt es weiterhin den Versuch, den Rahmen der Debatte zu verschieben. Anstatt über die Verheißung Gottes, über das Geschenk des Lebens und der Gemeinschaft zu sprechen, will man zu einem bestimmten Satz Regeln kommen. Ich meine hier nicht, dass unser Glauben und unsere Religion nicht für das Leben ganz konkret Folgen haben muss und dass man diese auch reflektieren und aufschreiben soll, darum geht es nicht. Es geht darum, dass das Gespräch verändert werden soll.

Der Papst „verweigere“ eine Klärung, heißt es es weiter von (wenigen) katholischen Philosophen und Promis, vor allem aber nicht nur aus den USA. Dem liegt eine Fehlinterpretation zu Grunde: Das öffnen von Räumen, das nicht-Besetzen von Positionen, ist per se noch keine Verweigerung. Verweigerung wäre es nur, wenn die Pflicht bestünde, man sich dem aber nicht beuge. Es gibt nun einige, die wollen vom Papst klare Sätze hören, klare Definitionen. Das wäre ein Ausüben von Macht. Genau das will der Papst aber nicht, er will aus dem Denken in Regeln und klaren Vorschriften – eben dem Macht-Diskurs – heraus. Es mag anstrengend sein, das auszuhalten, es ist aber keine „Verweigerung von Klärung“.

Skurril wird es dann, wenn zwei Philosophen in den USA eine Liste von Positionen veröffentlichen und verlangen, dass alle Bischöfe sich zu diesen Positionen öffentlich verhalten. Die verlangen einen Unterwerfungsgestus, auch das ist der Versuch, Macht auszuüben.

 

Die „Lehre“ und die „Botschaft“

 

Sie merken was: dauernd benutze ich hier das Wort „Macht“. Und ich glaube, dass es genau darum geht: um das Bestimmen dessen, was hier eigentlich das Thema sein soll. Sollen wir als Kirche und Gemeinschaft Klarheit und Kante zeigen, sollen wir Regeln aufstellen, die dann entscheiden, ob man katholisch ist? Oder sollen wir versuchen, die Versprechungen und Anweisungen Jesu für das Leben neu zu entdecken? Letzteres heißt eben nicht, dass „Lehre“ aufgegeben wird. Es heißt lediglich, dass man neu entdeckt und formuliert. Und vielleicht haben wir ja auch in der Vergangenheit durch die gewünschte Klarheit bei Regeln vergessen, dass das Leben sich eben nicht nach Regelungen richtet. Um treu zu sein, müssen wir neu und kreativ denken.

Was mich zu einem letzten Gedanken bringt, der mich seit der ganzen Debatte um Amoris Laetitia immer wieder umtreibt: Da gibt es viele, die sich zu Anwälten der Lehre der Kirche machen. Dabei hat uns Jesus keine Lehre hinterlassen. Er hat uns einen Auftrag hinterlassen, eine Sendung. Wenn das Insistieren auf einer Lehre diesem Auftrag in die Füße gerät, dann haben wir ein Problem.

Deswegen ist es wahrscheinlich ganz gut, dass diese Debatte im Augenblick geführt wird, es macht sehr viel sichtbar. Allein das macht das Verhalten des Papstes, eben keinen Machtgestus zu führen, so wichtig.

 

 

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Post-post-faktisch

Die Redaktion von Radio Vatikan gratuliert dem Wort „postfaktisch“ zur Wahl zum Wort des Jahres. Auch wenn wir damit eigentlich selber lieber nichts am Hut haben wollen. Mit der Erkenntnis, dass „gefühlte Wirklichkeit“, die sich von Tatsachen nicht verwirren lassen, unsere Welt zunehmend bestimmen, sind wir dann auch in der Wirklichkeit von heute angekommen. So ist das, Meinung und Gefühl regieren die Welt.

Ganz so neu ist das aber nicht, wenn ich das an dieser Stelle einwerfen darf. Schon lange halten wir das Mittelalter für ‚dunkel’ und lassen da alle möglichen Dinge stattfinden, die sich – in Wirklichkeit – zu anderen Zeiten abgespielt haben, Hexenverfolgung zum Beispiel. Da fühlt man sich selber gleich viel aufgeklärter.

Postfaktisch? Gibt es schon lange.

Noch nie hatten wir so viele Daten über die Welt um uns herum wie jetzt, das Problem ist aber dasselbe geblieben: wie ordnen? Und was sagt das dann über uns? Wenn das Gefühl das Steuerruder in die Hand nimmt und Fakten, die ihm widersprechen, nicht mehr heran lässt, dann helfen uns auch all die Daten nicht mehr.

Durch unsere Gefühle interagieren wir mit der Welt, aber mit dem Gefühl ist es wie mit dem Gewissen: es muss gebildet sein, informiert, trainiert, erfahren, sich selber auch mal in Frage stellend. Nur dann funktioniert es auch gut.

Also, ran an die Wirklichkeit. Und das Wort „post-faktisch“? Das lassen wir dann hoffentlich mit dem Jahr 2016 zurück.

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„Vision der Kirche der Zukunft“

Wie wird in der Kirche was entschieden? In den vergangenen Wochen war es wieder einmal zu Verwirrung in dieser Frage gekommen. Ein Brief von vier Kardinälen an den Papst war veröffentlicht worden, dass Kardinäle dem Papst schreiben, ist ja nichts ungewöhnliches, aber die Veröffentlichung war als Versuch gesehen worden, Druck auszuüben in Fragen der Moral und der Lehre.

Nun hat der Papst aber in dieser Frage seine Bischöfe – die Synode der Bischöfe – um Beratung gebeten, sogar zwei Jahre lang, und dann ein Dokument dazu veröffentlicht. Ist jetzt nicht alles klar? Scheinbar nicht.

Wo genau die Konflikte sind, ist hier nicht mein Thema, ich will auf etwas anderes hinaus, und zwar noch einmal auf die Frage der Synodalität. Also: Wie wird in der Kirche was entschieden?

Während der genannten Versammlungen der Bischofssynode und darum herum hatte er der Papst immer wieder den Begriff der „Synodalität“ aufgegriffen, er ist auch sonst immer wieder auf dieses Thema zurück gekommen.

An dieser Stelle habe ich das mal so formuliert: „[Der Papst] will keine Parlamentarisierung der Synode, sie soll kein Entscheidungsgremium der Weltkirche werden. Er verlagert nicht Autorität auf ein Kollektivgremium. Zu Beginn der Synode hatte er ja noch einmal sehr deutlich gesagt, dass die Beratungen kein Parlament sind, ja nicht sein können, weil es um die Unterscheidung des Willens Gottes gehe, nicht um Kompromisse. Gemeinsam hören, beraten, sich verändern lassen, auf dem Weg sein, um die wörtliche Übersetzung des griechischen Wortes Synodos zu verwenden.”

 

Papstinterview: Pyramide vs Synode

 

Es geht um ein Strukturprinzip von Kirche, soziologisch wie theologisch. Jetzt ist Papst Franziskus wieder auf diese Synodalität angesprochen worden, und zwar in einem Interview, die Frage der Zeitschrift Tertio formuliert die Synodalität sogar als „Vision der Kirche der Zukunft“.

Der Papst antwortet nicht theologisch, sondern zunächst soziologisch: „Die Kirche entsteht aus Gemeinschaften, entsteht von unten, aus der Gemeinschaft, entsteht aus der Taufe, und sie organisiert sich um einen Bischof herum, der sie zusammen ruft. Der Bischof ist der Nachfolger der Apostel. Das ist die Kirche.“

Er stellt dann zwei Formen von Kirche gegenüber, die „pyramidale“, wo alle das machen, das der Bischof oder der Papst sagen, und eine „synodale“, in der Petrus Petrus bleibt, wie Papst Franziskus sagt, aber wo dieser Petrusdienst darin besteht, der Kirche beim Wachsen und Hören zu helfen. Weiterlesen

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