Avatar und Name Gottes

„Herr, unser Gott, wir rühmen deinen herrlichen Namen“. Die zweite Antiphon der Laudes vom vergangenen Montag. Ich war verblüfft. Wir rühmen den Namen Gottes? Was genau muss ich tun, so dass jemand anderes mich sehend sagt, „ah, der da rühmt den Namen Gottes“? Und da dieser Satz im Canticum von heute, Buch Daniel, wieder vorkam, mag ich hier einige Zeilen dazu schreiben.

Selbstsuche im Netz (c) M Härtig / TMA Hellerau

Selbstsuche im Netz (c) M Härtig / TMA Hellerau

Die Sache mit dem Namen ist in Religionen keine banale Sache, wie wir wissen. Simon wurde Petrus, Saulus Paulus, das Umbenennen ist mehr als das Wechseln einer Bezeichnung, sie hat mit Identität zu tun. „Ich habe dich beim Namen gerufen”, heißt es bei Jesaja. Genesis erzählt: „Gott, der HERR, formte aus dem Erdboden alle Tiere des Feldes und alle Vögel des Himmels und führte sie dem Menschen zu, um zu sehen, wie er sie benennen würde. Und wie der Mensch jedes lebendige Wesen benannte, so sollte sein Name sein.“

Ein Beispiel aus dem 1. Buch Samuel: „Um seines großen Namens willen wird der HERR sein Volk nicht verstoßen; denn er hat sich entschlossen, euch zu seinem Volk zu machen.“ Der Name des Herrn spielt eine Rolle.

 

What’s in a name?

 

Was aber die Verblüffung ausgelöst hat, hat damit zu tun, wie weit dieser biblische – und nicht nur biblische – Gebrauch von Namen von unserer Realität heute entfernt ist. Papst Franziskus hat in einer Botschaft an Jugendliche davon gewarnt, sich das eigene Leben schönzuphotoshoppen (meine Worte), es gebe junge Menschen, die ständig digital ihre Selbstportraits bearbeiten „und sich verstecken hinter Masken und falschen Identitäten, was manchmal fast dazu führt, dass sie selbst ein „Fake“ werden. Viele sind darauf versessen, eine möglichst große Zahl an „Likes“ zu erhalten.” Weiterlesen

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Der zweite Papst

22Wir haben zwei Päpste. Nein, ich meine nicht einen Papst und einen emeritierten Papst, das wäre zu einfach. Ich meine zwei Päpste, die beide Franziskus heißen. Der eine lebt hier in Rom und macht in diesen Tagen Exerzitien, der andere lebt in den Köpfen der Menschen. Und auf Facebook.

Dass sich von quasi Tag Eins an Mythen um Papst Franziskus gebildet haben, ist klar. Das berühmte aber apokryphe „der Karnevall ist vorbei“ ist der erste von vielen Beiträgen, die einen imaginären Papst geschaffen haben. Bald hieß es auch, er habe sich gleich am Abend nach seiner Wahl unerkannt durch Rom chauffieren lassen, in die Peripherie.

Ein echtes Bild zum falschen Text

Screenshot von Facebook: Der Papst hilft als einfacher Priester bekleidet den Obdachlosen Roms. Fake!

Eine Variante dieser „Unerkannt-durch-Rom“-Geschichte geistert gerade durch das Netz, bei Facebook. Sie sehen hier auch den Screenshot. Und dazu den Text: „Papa Francesco verkleidet als einfacher Priester, schlich sich in der Nacht heimlich zu besuchen und trösten die Obdachlosen von Rom, indem sie die Hilfe Teams des Heiligen Hauses in der Verteilung von Essen, Kleidung und Unterstützung. Gott segne diesen Francisco!“ Das Ganze ist am 15. Februar online gegangen. 111.651 Likes, über 80.000 Mal geteilt. Und das ist Stand des Schreibens dieser Zeilen.

Schade nur dass das fake news ist, um es mit dem Modebegriff zu belegen. Die Metadaten des Bildes – mit zwei Klicks einfach auszulesen – sagen mir dass das Bild am 25 Januar 2012 aufgenommen wurde. Also mehr als ein Jahr vor seiner Papstwahl. Und damit ist das alles fake. So fake sogar, dass aus dem Pressesaal des Vatikan ein Tweet kam, der die Falschheit von Bild und Nachricht betonte.

Aber das alles bedeutet gar nichts. Auch wenn es falsch ist, das setzt sich fest. Und so bildet sich ein zweiter Papst, ein Papst-der-Köpfe.

 

Der Papst in den Köpfen

 

Das Schwierige daran ist, dass dieser Zweit-Papst so beliebt ist. So einen hätte man gerne. Dass das Motiv des nachts-sich-aus-dem-Palast schleichen, und zwar unerkannt, uralt ist und von Kalif Harun Al Raschid und vom englischen König Henry V. vor der Schlacht bei Agincourt – jedenfalls laut Shakespeare – bekannt. Beide Male mythische und märchenhafte Figuren, deren Charakter über diese Ausflüge erzählt wird. Wie auch beim Papst.

Leider entstehen dabei im Gleichtakt auch Erwartungen. Die dann wie immer mit der Realität kollidieren, selten geht das positiv für die Realität aus. Und hier wird es schwierig, denn der Papst legt doch so großen Wert auf die Realiät. Und die ist ja auch spannend genug und braucht solche Geschichten eigentlich gar nicht. Weiterlesen

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Durch Verkündigung lernen

Gedanken zur Fastenzeit, 3

Missionarische Kirche: was vielleicht während meiner kirchlichen Jugend noch undenk- und unsagbar gewesen wäre, gehört heute zum Standartwortschatz kirchlicher Entwicklung, und zwar allüberall: Mission. Das Wort hat seine Bedeutung geändert. Als erstes sind wir über die Wucht gestolpert, mit der Papst Franziskus in Evangelii Gaudium von einer „missionarischen Kirche“ träumt. „Ich träume von einer missionarischen Entscheidung, die fähig ist, alles zu verwandeln, damit die Gewohnheiten, die Stile, die Zeitpläne, der Sprachgebrauch und jede kirchliche Struktur ein Kanal werden, der mehr der Evangelisierung der heutigen Welt als der Selbstbewahrung dient.“

Um dann festzustellen, dass „missionarisch Kirche sein“ gar nicht nur ein päpstliches Anliegen ist, sondern auch in unseren Breiten durchdacht wird.

Missionar durch Zeugnis: Fußwaschung durch den Papst 2014

Missionar durch Zeugnis: Fußwaschung durch den Papst 2014

Mittlerweile gehört es in jeden besseren Pfarreientwicklungsplan. Und das ist ja auch gut so. Spätestens aber seit Erscheinen des „Mission Manifest: 10 Thesen für ein Comeback der Kirchen“ wird auch wieder um den Begriff gestritten.

Aber was ist das nun, so eine Mission? Wie kann ich das heute verstehen, ohne dass sich das Wort entweder in der Vergangenheit verhakt oder bedeutungslos wird? Lesen Sie die Texte am besten selber. Wenn nicht, dann mag ich hier einen Gedanken anbieten. Er ist nicht meiner, wie so oft profitiere ich von der Klugheit anderer Menschen.

Wenn man sich in einschlägiger Literatur schlau macht, dann gibt es drei verschiedene Versionen von Mission. Ein exklusivistisches Modell, ein inklusivistisches und ein pluralistisches.

 

Besitz der Wahrheit?

 

Ein exklusiv agierender Missionar sieht sich allein im Besitz der Wahrheit. Ein inklusiver Missionar sieht dagegen Spuren der Wahrheit auch in anderen Religionen bzw. Kulturen. Das pluralistische Modell hingegen lässt Wahrheiten neben einander stehen, der Dialog ersetzt die Mission. Weiterlesen

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Die Jacke bleibt an

Gedanken zur Fastenzeit, 2

„Wir haben uns um den Altar versammelt“, betet der Priester. Wir oft haben wir diese Worte schon gehört. Und jedes Mal möchte ich einwerfen „nein, haben wir nicht“. Nicht um den Altar, der Priester steht dahinter und die Gemeinde steht oder sitzt davor, in einer Anordnung, die auf eine nicht wirklich schöne Weise meistens an Klassenzimmer, nicht an Festgemeinschaft erinnert.

Vieles ist eine Frage von Geographie. Oder Innenarchitektur, wenn Sie so wollen. Wenn wir in unsere Kirchen kommen und Gottesdienst feiern, dann zeigt sich überall die Schwierigkeit, so eine Feier für uns heute „sprechend“ zu machen.

Petrikirche Hamburg: Liturgischer Raum

Petrikirche Hamburg: Liturgischer Raum

Wer um Gottes Willen ist eigentlich jemals auf die Idee mit den Kirchenbänken gekommen? Dieses sich arrangieren, wenn man vom Kommunionempfang zurück kommt, warten bisher Nachbar vor einem in die Bank schlüpfen kann, oder durchrutschen und dann nicht mehr auf demselben Platz – meinem Platz! – sitzen?

Machen wir das auch sonst, wenn wir feiern? Ist das wirklich wie ein Fest? Ich meine damit nicht Feten und dergleichen, aber irgendeinen Anklang von Fest muss das doch haben.

Anderes Beispiel, nehmen wir die Kleidung: Wir sind zu einer Feier geladen. Wir sitzen aber – in unseren Breiten meistens mit Jacke und Mantel – alle nebeneinander und schauen in dieselbe Richtung. Da ist nichts von dem, was ein normaler Mensch mit normaler Sprache mit „Feier“ in Verbindung bringen würde, oder? Die Jacke bleibt an.

 

Sprache und Gestaltung übereins

 

Es gibt mittlerweile Gottseidank Kirchengebäude, welche Sprache und Gestaltung übereins bringen. Das löst immer noch nicht das Kleidungs-Problem, aber es ist ein richtiger Schritt. Es gibt auch alte Kirchen, in denen nach der Reform der Liturgie gute Lösungen gefunden wurden, um die Tradition weiterleben zu lassen, ohne die liturgische Sprache stumpf zu machen. Aber „um den Altar versammeln“ tun wir uns auch da nicht. Und die Jacke bleibt an. Weiterlesen

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Sünde und Gnade

Ein Gedanke zur Fastenzeit.

Keine Sünde des Menschen ist so groß, dass es nicht noch größere Gnade Gottes gebe. Immer und immer wieder sagt der Papst das, die Barmherzigkeit Gottes übersteige alles, was ein Mensch machen könne. Theologisch ist das eindeutig, kein Handeln des Menschen kann ein Handeln Gottes einschränken oder bedingen. Aber psychologisch ist das gar nicht so einfach nachzuvollziehen, denn man kann ja auch falsche Schlüsse daraus ziehen. Etwa den, dass alles gar nicht so schlimm sei.

Eine Verharmlosung der Sünde also, die im Dunkeln angekrochen kommen mag, wenn wir die Barmherzigkeit Gottes in den Vordergrund rücken. Das spricht nicht gegen die Barmherzigkeit, aber gegen eine bestimmte Form, über sie zu sprechen.

Das Problem ist nicht neu. Paulus etwa schreibt im Römerbrief über eine ähnliche Konstellation. Er hatte gerade – in Kapitel 5 unserer Zählung – erklärt, dass durch die Sünde das Heil gekommen sei. Um dann anschließend die Frage zu stellen: „Was sollen wir nun sagen? Sollen wir an der Sünde festhalten, damit die Gnade umso mächtiger werde?“ Also: je mehr Sünde, desto mehr Vergebung? Das ist auch eine Form der Verharmlosung.

Paulus löst das Problem, indem er über die Art der Erlösung spricht. Diese ist kein Schwamm, der alles wegwischt. Kein einfaches Geschehen, das uns Sünder lächeln lässt, weil alles nicht so schlimm ist. Erlösung hat mit Kreuz und Tod und Auferstehung zu tun. Und dabei sind wir keine Zuschauer: „Wir wissen doch: Unser alter Mensch wurde mitgekreuzigt, damit der von der Sünde beherrschte Leib vernichtet werde, sodass wir nicht mehr Sklaven der Sünde sind. Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde. Sind wir nun mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden.“ (Röm 6:6.9).

Es hilft, diese Betrachtung von Sünde und Gnade in unsere Überlegungen einzubeziehen. Barmherzigkeit geht den Weg, den Jesus gegangen ist. Barmherzigkeit ist nicht ohne Kreuz verstehbar.

Der Gedanke, dass alles gar nicht so schlimm sei, stirbt angesichts dieser Gedanken. Leider kommt das Kreuz – obwohl wir Christen es uns quasi als Logo gegeben haben – immer etwas kurz in unseren Gedanken.

Die Barmherzigkeit Gottes als Zentrum unseres Glaubens an Gott ist also kein „Glaube light“, der nur die angenehmen Seiten betont. Das muss beim Barmherzigkeitsgedanken mitgedacht werden.

 

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Alles für mich

„Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren”, so heißt es im Weihnachtsevangelium, 1.000 Mal gehört. Und doch ist da ein Wort drin, das auffällig ist: „euch“. Für die Hirten.

Warum finde ich das auffällig? Nehmen wir den Tweet des Papstes vom 24. Dezember vergangenen Jahres dazu: „Und indem wir die grenzenlose Liebe des Jesuskindes betrachten, sagen wir ihm einfach: Danke, dass du all das für mich getan hast“.

Das kleine unscheinbare Wort wird radikal, wenn man es bis zum Ende durchdenkt, wie der Papst es gemacht hat: für mich ist der Heiland geboren. Für mich.

Das Unterscheidet erstens Religion von Philosophie und Weltanschauung. Es macht aber auch ein Christentum kenntlich, das diese persönliche Dimension nicht kennt. Und das gibt es, gar nicht so selten. Ein Christentum, das Gott und Jesus prinzipiell anerkennt, verehrt, aber dieses „für mich“ hinten an lässt.

Denn dieses „für mich“ hat ja Folgen. Wobei wir bei der Fastenzeit wären, die heute beginnt. Wenn das „für mich“ geboren stimmt, dann stimmt auch das „für mich“ gestorben. Fastenzeit ist Vorbereitungszeit, nicht weil ich mich bessern kann, sondern weil ich mich vorbereiten will, das zu feiern, was jemand anders „für mich“ getan hat.

Man müsste in der Fastenzeit mal das Fasten sein lassen, bin ich versucht zu sagen, all das Bemühen und die Angestrengtheit. Es geht um etwas, was „für mich“ getan wurde und was „für mich“ auch heute noch wirkt. Das ist das Zentrum der Fastenzeit, nicht ich selber.

In diesem Sinne: Ihnen alle eine gesegnete Vorbereitungszeit auf Ostern.

 

 

 

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Immer wieder Rücktritt

Es ist wieder soweit: Der Jahrestag der Ankündigung von Papst Benedikt XVI., von seinem Amt zurück zu treten. Fünf Jahre ist das nun her und für die meisten war klar und ist klar, warum das eine bedeutende Entscheidung war, auch wenn nicht alle einverstanden waren und sind. Die Bedeutung bestreitet niemand.

Es ist wieder soweit, zweiter Teil: was soll man heute noch über den Rücktritt schreiben? Alles ist gesagt, das meiste mehrere Male, Würdigung und Ablehnung gleichermaßen. Aber etwas muss geschrieben werden, also wird leider wieder versucht, ein Geheimnis zu lüften. Und um es zu lüften muss man erst mal sagen, dass es eines gibt. Das Geheimnis: Warum ist er wirklich zurück getreten?

 

Drängt sich da wirklich eine Frage auf?

 

In der Zeit-Beilage Christ und Welt wird dieses Unterfangen von Wolfgang Reinhardt unternommen, Professor in Fribourg in der Schweiz und Autor zahlreicher Bücher über zahlreiche Päpste, auch von mir geschätzt. Nur leider schreibt er ein Stück, dem ein Satz zu Grunde liegt, „Es drängt sich die Frage auf, warum Benedikt XVI. wirklich zurücktrat.“

Mit Verlaub, diese Frage drängt sich nicht auf. Wenn wir im Sprachspiel bleiben, wann wird sie aufgedrängt. Der Vergleich mit Papst Coelestin, der seit 2013 immer wieder bemüht wird, hinkt. Dass ausgerechnet ein Historiker Motivation und Umstände eines hochmittelalterlichen Papstes mit einem aktuellen vergleicht, verwundert.

Papst emeritus Benedikt XVI.

Papst emeritus Benedikt XVI.

Das alles ist aber nur Anlauf für das Argument von Prof. Reinhardt: Benedikt XVI. habe eine Kampfansage an die „Gegenwart als Zeit der Auflösung“ unternommen, habe gesehen, dass er diesen Kampf verlieren würde, und sei gegangen um Schaden abzuwenden.

Drei Punkte erlaube ich mir: Sowohl der Vorgänger als auch der Nachfolger von Benedikt XVI. haben sich immer wieder an der Gegenwart gerieben, die aktuellen Sätze von „diese Wirtschaft tötet“ und der „Kultur des Wegwerfens“ klingen uns in den Ohren. Das war kein Benedikt-Projekt. Er hat es auf seine ganz eigene und besondere Weise geführt, aber das spricht für seine besondere Prägung, die er ins Amt mitgebracht hatte, nicht für das Projekt.

 

„Vermenschlichung“

 

Zweitens spricht sich Reinhardt dagegen aus, den Rücktritt als „Vermenschlichung“ des Amtes zu verstehen. Also tatsächlich als die Einsicht eines Papstes, das seine Kräfte nicht mehr ausreichen, das Amt auszuüben. Und hierzu dient der Vergleich mit Papst Coelestin: „körperliche Gebrechen“ als Grund sei damals wie heute nicht ausreichend gewesen, außerdem habe damals wie heute keine „geistige oder gar geistliche Schwäche“ bestanden. Ergo: es kann nicht der Grund gewesen sein. Wow. Weiterlesen

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Nicht immer nur dagegen

Das sind gute Zeichen: allüberall macht man sich derzeit Gedanken darüber, wie die Kirche der Zukunft aussehen mag. Und die Denkenden sind nicht nur die Kirchen-Offiziellen, die Bischöfe und die Verwaltungen in Dialogprozessen. Es gibt ein Missions-Manifest, es gibt Thesen in Christ und Welt und von Erik Flügge, alles wertschätzend gelesen von Christian Hennecke. Die Lektüre lohnt.

Mich freut vor allem auch, dass so viele Leute für etwas sind. Nicht nur immer dagegen. Die Thesen und Manifeste lohnen Diskussion, da wird – wie Christen Hennecke zu Recht bemerkt – jeweils auch viel ausgeblendet. Trotzdem ist es eine gute Nachricht, weil die Thesen eben genau dazu führen, zu engagierten Debatten.

 

Sommerserie

 

Wer schon länger hier im Blog unterwegs ist oder wer die Radio Vatikan Webseite oder unsere Sendungen verfolgt hat mag in den vergangenen Jahren über meine Sommerserie gestolpert sein, vier Jahre lang habe ich immer im Juni eine Reise gemacht und etwa 30 Stücke gemacht, aufgereiht an der Reisestrecke, und immer ging es um Kirche vor Ort, an der Basis, um gelebten Glauben, um Initiativen, um lebendige Tradition und so weiter. Nix Großes meistens, eher kleine Geschichten, aber von diesen Geschichten zehre ich persönlich bis heute.

Blick in die Jugendkirche

Sommerreise 2016, Blick in die Jugendkirche Tabgha

Da wird nicht Kirche neu erfunden, aber gelebt. Mir selber ist dabei klar geworden, wie wenig von unsere Kirche vor Ort ich eigentlich kenne, und das sage ich als „Kirchen-Medien-Profi“. Katholikentage reichen eben nicht aus, um katholische Kirche kennen zu lernen, auch Bücher und Podiumsveranstaltungen nicht.

Österreich und Südbayern war meine erste Reise, von Zittau bis aufs Eichsfeld die zweite, die Schweiz meine dritte und das Ruhrgebiet meine vierte Reise. Daraus sind keine Thesen geworden. Nicht einmal eine zusammenhängende Erzählung, sondern einzelne Geschichten über Besuche und Begegnungen.

Und all die Dinge und noch viel mehr, auch all das sind gute Zeichen. Und dies ist kein Stück in Sachen Eigenwerbung, sondern die Einladung, selber mal zu reisen.

 

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Lob der Uneindeutigkeit

„Die Kirche lebt von unaufgebbaren Widersprüchen“. Ein Satz, bei dem ich erstmal nur nicken kann. Es stammt von einem berühmten deutschen Schriftsteller, in Kirchenkreisen berühmt für seine traditionelle Katholizität. Schon vor Jahren hat er gegen die „Häresie der Formlosigkeit“ protestiert, und tut das auch heute noch, zuletzt in einem Gespräch mit der KNA.

Sankt Peter in Rom: der Schriftsteller ist kein Freund diesers "Neubaus"

Sankt Peter in Rom: der Schriftsteller ist kein Freund diesers „Neubaus“

Der Schriftsteller mag die Orientierung an der „Gefühligkeit“ nicht, aber auch das eher intellektuelle Orientieren an einem „sogenannten Originalzustand“ lehnt er ab. Und da kann ich nur zustimmen. Wenn es um Kirchen geht, wenn es um die ererbten Räume geht, dann finden wir das, was unsere Vorfahren im Glauben errichtet und aufgestellt haben.

Natürlich wachsen auch Kirchen, man muss auch mal ästhetisch reinigen; nur weil etwas da ist, muss es noch lange nicht gut sein und bleiben. Aber es geht um die Abwägung, um das Vermeiden von Schwarz-Weiß, Gut-Schlecht, es geht um das Vermeiden der eigenen Ästhetik als Maßstab für alle Zeiten. Räume haben wie der Glaube auch eine Geschichte, die gilt es zu pflegen, vielleicht zu beschneiden, aber auf jeden Fall zu bewahren. Ohne Geschichte gäbe es kein Christentum.

 

Räume und Glaube haben beide eine Geschichte

 

Es hat mich gefreut, dieses Plädoyer des Schriftstellers für die Uneindeutigkeit, das vielleicht nicht immer Passende, das Gewachsene.

Interessant wird es aber, wenn derselbe Schriftsteller vom „zwanghaften Willen zur Eindeutigkeit in der Theologie“ spricht, so wird er im Artikel wiedergegeben. Das sei das Merkmal des Sektierers. Da muss ich aufhorchen. War es nicht eben genau dieser Schriftsteller, der eine Zurechtweisung des Papstes unterschrieben hatte, eben genau weil dieser Papst nicht eindeutig genug sei? Weil er zu viel offen lasse? Weil er die Vieldeutigkeit nicht reduzieren wolle auf die Eindeutigkeit? Weiterlesen

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Option Benedikt?

„Das ist nicht das, wofür wir stehen“: Kardinal Blase Cupich, Erzbischof von Chicago, war sehr deutlich in einer Ansprache beim einer Demo für Lebensschutz. Er wendete sich ausdrücklich gegen die „Benedict Option“, einem Buch entnommen, das für eine katholische Gegenkultur spricht.

Moment einmal, Option Benedikt? Etwa: Entweltlichung? Nein, mitnichten. Benedikt ist in diesem Fall Benedikt von Nursia, der Klostergründer und Mönch. Das Buch hat die These, dass es ein Abwenden von der moralisch dekadenten Welt braucht, um noch christlich leben zu können.

 

Dekadenz-These

 

Kreuzgang in einem österreichischen Kloster

Klosterleben: Keine Gegenkultur

Und Kardinal Cupich ist dagegen. Danke Kardinal Cupich. Abgesehen von der sehr schlichten Einsicht, dass so eine Gegenkultur genau das Gegenteil von dem ist, was der Auftrag Jesu enthält, beruht die Annahme des Buches auf einem beliebten aber trotzdem falschen Mythos: nämlich dem, dass Benedikt sich von der moralischen Dekadenz der Römer abgewandt habe, die schlussendlich zum Untergang des römischen Reiches geführt habe.

Die These ist alt, aber falsch. Kulturkritiker können nicht von ihr lassen, sie ist einfach zu verführerisch. Witzigerweise gründet sie auf dem englischen Historiker Edward Gibbon, bei ihm ist es ausgerechnet das Christentum, welches das Imperium Romanum geschwächt habe. In Abwandlung ist das die Dekadenz-These, der wir gerne begegnen.

Der Untergang des römischen Reiches hatte viele Gründe und war Ergebnis einer Entwicklung, die nicht auf einen Grund zurück zu führen ist. Schon gar nicht auf die angebliche moralische Dekadenz.

 

Engagement

 

Und deswegen hatte auch der Rückzug Benedikts andere Gründe. Und deswegen taugt er nicht als Pate für eine Option, die für die Abwendung von der Welt wirbt. Fragen Sie einen x-beliebigen Benediktiner, oder besser noch einen Missionsbenediktiner, im Kloster leben heißt nicht sich von der Welt trennen.

Ich würde sogar behaupten, dass die beschworene Benedikt-Option letztlich nichts anderes ist als Resignation. Es ist keine positive, keine kreative Antwort auf den Ruf Christi in unserer Zeit, sondern der Versuch, zu retten was zu retten ist, weil man irgendwie mit den Herausforderungen von heute nicht klar kommt. Und Resignation scheint mir keine christliche Tugend zu sein.

Warum sage ich das hier? Spielt das hier überhaupt eine Rolle? Vielleicht nicht in der überzogenen Argumentationslogik des Autors des Buches über die angebliche „Option Benedikt“. Aber das herab schauen auf die Welt, das sich trennen wollen von angeblichen antichristlichen Strömungen, das eine innere Trennung voraussetzende Klagen über die Welt, das gibt es überall. Dagegen setzt Kardinal Cupich das Engagement. Und nicht nur er. Und das ist gut so.

 

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