Die Welt ist fantastisch

Renaissance-Malerei gibt es eigentlich in Italien genug. Sollte man denken. Deutschland ist für diese Zeit nicht gerade als eine kulturelle Hochburg bekannt, als Avantgarde, Dürer vielleicht einmal ausgenommen. Um so schöner ist es, in einer Ausstellung eine eher unbekannte Seite von Kunst neu zu entdecken.

Das Kunsthistorische Museum Wien widmet sich in „Fantastische Welten“ einem eher vergessenen Blick auf die Welt. Und es ist eine Welt voller Bäumen. Ganz überraschend.

Albrecht Altdorfer: Sankt Georg und der Drachen

Albrecht Altdorfer: Sankt Georg und der Drachen

Nehmen wir nur einmal das Bild Der Heilige Georg und der Drache von Albrecht Altdorfer. Das erste, was man sieht, ist dass man fast nichts sieht. Stellen wir uns dieselbe Szene als Fresko in einem italienischen Palazzo vor, dann haben wir einen blauen Himmel vor Augen, im Hintergrund eine Stadt auf dem Berg, davor ein Ritter auf dem Pferd und ein durchbohrter Lindwurm zu seinen Füßen. Strahlende Farben und eine klare Strukturierung des Bildes auf seine Aussage hin. Bei Altdorfer sieht man den Ritter kaum. Man muss genau hinsehen, um ihn in all den Zweigen zu entdecken, auch farblich hebt er sich nicht ab.

Dass die Natur so dermaßen im Vordergrund steht, dass kennen wir vielleicht von Caspar David Friedrich oder von anderen Malern des 19. Jahrhunderts. Für die Renaissance ist uns das eher fremd.

 

Erdig, wuchernd, voller Ausdruck

 

Ende des 15. Jahrhunderts war eine Schrift wiederentdeckt worden, die nicht ganz unschuldig ist an der Entwickung. Tacitus hatte die ‚Germania’ geschrieben, und darin war der Raum östlich des Rheins beschrieben worden. Die Menschen des ausgehenden Mittelalters konnten sich dort wiederfinden: Die Germanen seien sittliche Menschen mit einem sehr geordneten Sozial- und Familienleben. Aufrichtig seien sie, tapfer und so weiter. Lange Haare und Bärte, Krieg und Stammeswesen, all das bestimmt die Kultur. Aber Tacitus weist auch auf die Menge Alkohol hin, die getrunken wird, und auf andere Schwächen. Kurz: Wild aber auf ganz eigene Weise zivilisiert.

Die Nachfahren der Germanen hatten also auf einmal im beginnenden 16. Jahrhundert eine eigene Geschichte, nicht nur eine Ableitung der römischen Geschichte, die sich in Italien und Frankreich kulturell fortsetzte. Und diese – und damit kommen wir zurück zu den Bäumen auf Altdorfers Bild – hat mit Wald zu tun. Weiterlesen

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Ikone des Karsamstags

SindoneSeit heute wird in Turin wieder das Grabtuch zur Verehrung ausgestellt, das „Sindone“. Ende Juni, kurz vor Ende der öffentlichen Hängung, wird auch Papst Franziskus nach Turin reisen. Zu diesem Anlass möchte ich hier noch einmal die von mir sehr geschätzte Meditation Papst Benedikt XVI. bei seinem Besuch dort 2010 einstellen:

 

„Die Verborgenheit Gottes ist Teil der Spiritualität des zeitgenössischen Menschen: in einer existentiellen, fast unbewussten Weise, wie eine Leere im Herzen, die immer größer geworden ist. Am Ende des 19. Jahrhunderts schrieb Nietzsche: „Gott ist tot! Und wir haben ihn getötet!“ Dieser berühmte Ausspruch ist bei genauem Hinsehen fast wörtlich der christlichen Überlieferung entnommen, oft wiederholen wir diese Worte beim Kreuzweg, vielleicht ohne uns ganz dessen bewusst zu sein, was wir da sagen. Nach den beiden Weltkriegen, nach den Konzentrationslagern und dem Gulag, nach Hiroshima und Nagasaki, ist unsere Epoche immer mehr zu einem Karsamstag geworden: Die Dunkelheit dieses Tages fordert die heraus, die nach dem Leben fragen, und besonders fordert sie uns Gläubige heraus. Auch wir müssen uns dieser Dunkelheit stellen.

Und dennoch hat der Tod des Sohnes Gottes Jesus von Nazaret auch noch einen entgegen gesetzten Aspekt, der vollkommen positiv ist, Quelle des Trostes und der Hoffnung. Und das lässt mich daran denken, dass das heilige Grabtuch wie ein „fotografisches“ Dokument ist, das ein „Positiv“ und ein „Negativ“ hat. Es ist wirklich so: Das dunkelste Geheimnis des Glaubens ist zur gleichen Zeit das hellste Zeichen einer Hoffnung, die keine Grenzen hat. Der Karsamstag ist das „Niemandsland“ zwischen Tod und Auferstehung, aber dieses „Niemandsland“ hat einer, der Einzige betreten, der es durchquert hat mit den Zeichen seines Leidens für den Menschen: „Passio Christi. Passio hominis“. Und das Grabtuch spricht genau von diesem Augenblick zu uns, es bezeugt gerade dieses einzigartige und unwiederholbare Intervall in der Geschichte der Menschheit und des Universums, in dem Gott in Jesus Christus nicht nur unser Sterben geteilt hat, sondern auch unser Bleiben im Tod. Radikalste Solidarität.”

Die gesamte Meditation lesen Sie hier

 

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Spiegelverkehrt

Zuerst habe ich ein Unwohlsein mit dem Papst wahrgenommen, das vor allem mit der Liturgie zu tun hatte und damit, dass Papst Franziskus die Distanz nicht einhielt, die wir von Päpsten gewohnt waren: er umarmte, er fasste an und ließ sich anfassen, ein selfie-Papst.

Dann wurde es konkreter, aber noch nicht gegen den Papst selber: Seine vermutlichen Unterstützer wurden attackiert, Kardinal Walter Kasper vorneweg. Dabei spielte es keine Rolle, ob es die Unterstützung überhaupt gab oder nicht oder weswegen jemand etwas sagte, eine „Partei“ wurde definiert und die wurde dann angegriffen.

Bei der Bischofssynode dann konnte man das Aufatmen regelrecht hören: Ah, da wollen Leute die Lehre ändern, endlich haben wir etwas! Mir scheint, dass vielen ein Stein vom Herzen fiel, weil das wachsende Unwohlsein mit dem Papst endlich greifbar und deswegen angreifbar wurde: Lehre ändern. Da stürzten sich Autoren geradezu auf dieses Thema, obwohl nicht ein Vorschlag gemacht wurde, nicht einer, geschweige denn ein Beschluss gefasst wurde, der diesen Angriff rechtfertigen würde. Er rechtfertigt sich nicht aus dem Inhalt, sondern aus der Form: Man kann sich gegen etwas wenden, nämlich das, wofür der Papst steht.

Immer noch ist bei den meisten der Papst selber tabu. Obwohl auch hier die ersten bereits an der Leitungsfähigkeit des Papstes zweifeln und Artikel im Netz zu finden waren, wann das Widerstandsrecht gegen einen Papst Pflicht ist.

Ein wenig absurd ist das schon: Das, was wir in den 80ern aus der einen kirchlichen Ecke gehört haben, hören wir nun spiegelverkehrt aus der anderen. Da wurde in den 80ern der Papst aus dem Hochgebet gestrichen, weil er so konservativ sei. Heute passiert dasselbe, aber aus genau dem entgegen gesetzten Grund. Und das meine ich nicht metaphorisch, das ist wirklich vorgekommen. Da wurde in den 80ern selbstgerecht die eigene Lehre der Modernität in Beton gegossen und gar nicht zugehört, genau dasselbe passiert heute wieder, exakt spiegelverkehrt.

Die Tragik: Was Papst Franziskus verlangt, wenn er von dem „aus sich heraus gehen“ spricht und die Dynamik des Christseins entwickelt, gilt allen. Nun wird das aber mit einem vermeintlichen kirchenpolitischen Programm vermengt mit dem Resultat, dass sich keiner mehr bewegt. Die einen sagen, das sei gegen die Lehre. Und die anderen sagen, es seien ja schließlich die anderen gemeint. Tragisch.

Mir scheint, das Lernfähigkeit keine der katholischen Tugenden ist. Schade eigentlich.

 

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„Lasst euch be-barmherzigen“

Viel wichtiger als es der erste Satz der Bulle sagt, kann man Barmherzigkeit gar nicht nehmen: „Jesus ist das Antlitz der Barmherzigkeit des Vaters“. An diesem Samstag hat Papst Franziskus die Bulle – ein formaler päpstlicher Rechtsakt – veröffentlicht und zum Teil verlesen, mit der das Heilige Jahr zum Thema Barmherzigkeit einberufen wird.

Bereits seit dem Beginn seines Pontifikates spricht der Papst davon, Gott werde nie müde zu vergeben, Gott vergebe jedem, Gott vergebe alles, wir würden nur müde, danach zu fragen, hieß es bereits bei der ersten Ansprache zum Angelusgebet, direkt am Sonntag nach der Wahl.

Dienst: Fußwaschung und Segen im Gefängnis am Gründonnerstag

Dienst: Fußwaschung und Segen im Gefängnis am Gründonnerstag

Auch sein Papstmotto unterstreicht das, „Miserando atque eligendo“, frei übersetzt „durch barmherzigen Blick erwählt“. Der Papst hat sogar – noch als Kardinal – ein eigenes Wort dafür erfunden, ganz im Stil des Porteño, der Sprache Buenos Aires: „Miserecordiar“. Es sagt „¡dejáte miserecordiar!“, was man wahrscheinlich als „lasst euch be-barmherzigen“ übersetzen müsste. Akzeptiere die Barmherzigkeit Gottes, akzeptiere, dass du sie brauchst, so sagt der Papst. Und dann kann man auch selber barmherzig sein.

Barmherzigkeit ist eine innere Haltung des Gebens. Diese Haltung kann man aber nur einnehmen, wenn man arm ist, also wenn man nicht in der „Kultur des Komforts“ lebt, die zur „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ führt, um die Papstpredigt auf Lampedusa zu zitieren. Barmherzigkeit ist etwas, was zwischen Menschen passiert und was den Barmherzigen verändert. Für Christen bedeutet die Begegnung mit Jesu ein Hereinbrechen der Freude des Gottesreiches, die erfüllt und großzügig und großherzig macht.

Das Besondere an der christlichen Barmherzigkeit ist, dass sie keine Angst davor hat, als das genaue Gegenteil – als gottlos, gesetzlos, inkonsequent – missverstanden zu werden. Das zeigt sich sehr deutlich vor allem in der innerkirchlichen Debatte, wo viele der Barmherzigkeit Grenzen setzen wollen, eben weil sie verändert und wandelt. Ihre Anwendung trägt das Risiko, nein die Gewissheit in sich, dass sie den Barmherzigen verändert. Man kommt anders heraus als man hinein gegangen ist.

Die Gerichtsrede von Matthäus 25 und die Seligpreisungen, das sind die beiden Texte, die Papst Franziskus immer und immer wieder als das Zentrum des christlichen Lebens angibt. Und immer fügt er an: Daran werden wir gemessen werden.

 

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Das Kreuz von Lampedusa

„In deinem geschlagenen, angespuckten und entstellten Antlitz sehen wir die Brutalität unserer Sünden. In der Grausamkeit deines Leidens sehen wir die Grausamkeit unseres Herzens und unseres Handelns.“ Worte von Papst Franziskus, oder besser Teil der Gebetsmeditation von Papst Franziskus beim diesjährigen Kreuzweg am Kolosseum am Karfreitag Abend. Der Papst hatte sich direkt an Jesus gewandt, es war wie ein Gebet, in das alle anwesenden Einbezogen waren, man hätte die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören können. Er ist ein großer Beter und versteht es, uns alle einzubeziehen in sein Gebet.

Weswegen ich das hier aber noch mal zitiere, hat einen anderen Grund. Diese Worte zeigen uns nämlich etwas, was während der Kartage einige Male zum Ausdruck kam, nämlich die Verbindung vom Kreuz Christi und dem Leiden in unserer Welt. In der Osterbotschaft wurde das besonders deutlich, der Frieden des Auferstandenen hat ganz konkrete Bezüge, bis hin zu den Waffenhändlern, die am Leid und am Tod von Menschen in Kriegs- und Krisengebieten ordentlich verdienen.

Das Kreuz ist nicht nur etwas entrücktes, fernes, geistliches und auf Jesus bezogenes. Im Kreuz erkennen wir auch unsere Sünden. Das macht die Verehrung des Kreuzes nicht zum Gutmenschentum, wir müssen schon aufpassen, dass wir das Kreuz Christi nicht ersetzen mit dem Leiden in der Welt und die Frage der Erlösung zu Gunsten eines innenweltlichen Friedens aufgeben. Aber ich denke, da sind wir uns alle einig.

 

Die so genannte „Tabuisierung der Einwanderungsdiskussion“

 

Nun bin ich neulich auf einen Artikel auf einer Webseite gestoßen, die das Wort „katholisch“ groß im Titel führt. Dort wurde Kardinal Marx kritisiert, weil er am Karfreitag ein Kreuz trug, das aus Holz aus Lampedusa gemacht war. Das Kreuz wandert durch die Bistümer der Welt, um an unsere aufgegebenen Brüder und Schwestern zu erinnern, die weggeworfenen, um es mit dem Papst auszudrücken.

Die Kritik nun lautet, hier würden die Opfer von Lampedusa die Frage nach der Migration ersetzen. Man immunisiere sich dadurch, dass man die Opfer beklage, diskutiere aber deswegen nicht die Frage nach der Einwanderung nach Europa, von denen die wenigsten über das Meer kämen. Man lenke von der wahren Frage ab, „Tabuisierung der Einwanderungsdiskussion“ ist das Stichwort. Und dann das Totschlagargument: der Kardinal handele „politisch korrekt“.

Diese Argumentations-Figur begegnet mir nicht selten, deswegen schreibe ich hier etwas ausführlicher dazu. Dahinter liegt versteckt die Überzeugung, dass es zu viel Einwanderung gibt, dass man sich dagegen wehren muss und dass die Lampedusa-Debatte davon ablenke, weil es die Einwanderer nur als Opfer sehe. Was nicht gesagt wird, was aber unausgesprochen mitklingt: eigentlich müsse man dafür sorgen, dass es weniger würden, das könne man aber bei Betonung der Opfer-Rolle der Flüchtlinge nicht. Weiterlesen

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Alleluja!

„Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauung ohne Begriffe blind”: Dieses (stark gekürzte) Zitat aus der Kritik der Reinen Vernunft von Immanuel Kant lässt uns zu Ostern etwas ratlos. Denn wir wissen ja nicht, was das ist, was wir feiern. Wir haben keine Anschauung oder Inhalt dessen, was das ist, eine Auferstehung. Wir sprechen davon, bekennen sie, haben also ‚Gedanken’, aber keine Empirie der Welt kann uns sagen, was genau ein Auferstandener bedeutet und ist. Wie das aussieht.

Mattia Preti: Der ungläubige Thomas

Mattia Preti: Der ungläubige Thomas

Die Schrift gibt uns zwar Anhaltspunkte, aber eher hinweisender denn zeigender Natur. Erstmal wird auch dort nicht gesagt, wie die Auferstehung vor sich gegangen ist. Alle Bebilderungen nachher, wie etwa aus dem Grab aufsteigende die Arme ausbreitende Christus-Figuren, sind nicht biblisch. Die Evangelien kennen die Auferstehung dagegen nur als Begegnung mit den Jüngern.

In der Begegnung mit dem Auferstandenen zeigt sich die Auferstehung. Sie – die Jüngerinnen und Jünger – verstehen erst nachher, was er vorher über sein Sterben und sein Gehen zum Vater gesagt hatte.

Es ist interessant, dass es keine der Begegnungs-Erzählungen zwei Mal in der Bibel gibt, während sonst – vor Kreuzigung und Tod – einige Male Erzählungen und Episoden in mehr als einem Evangelium vorkommen. Nicht so bei den Begegnungen. Hier hat jeder Evangelist seine eigene Tradition, seine eigene Gemeinde mit ihren Erinnerungen. Es kann für uns aber auch bedeuten, dass es diese Begegnungen nur in konkreten Einzelformen gibt, nicht abstrakt, nicht allgemein, nicht typisch. Jede ist anders.

Und: die Begegnungen sind sehr physisch, körperlich. Da wird angefasst, durch Wände gegangen, gegessen. Die Evangelisten legen großen Wert darauf, dass es keine Erscheinungen sind, die den Jüngerinnen und Jüngern begegnen.

Und: es gibt keine Lehre mehr, keine Gleichnisse, keine Heilungen, all das, was Jesus vor seinem Tod getan hat. Es zeigt sich, dass das alles auf diesen Tod und die Auferstehung hinführte. Jetzt zählt aber nur er, der Auferstandene selbst.

Auferstehung ist Begegnung mit dem Auferstandenen. Für uns ist das schwierig, denn nach der Himmelfahrt sind diese Begegnungen so nicht mehr möglich. Uns ist der Heilige Geist gegeben, zu glauben und zu verstehen, aber sehen, anfassen und so begegnen geht nicht mehr.

Und bleibt es, uns an die ersten Begegnungen derer zu erinnern, die damals am Grab waren oder sich hinter verschlossenen Türen oder am See versammelten. Sie sind die Zeugen, deren Zeugnis wir glauben.

Ohne „Inhalt“ und „Anschauung“ feiern wir also das Osterfest. Was uns bleibt, ist selber der Begegnung entgegen zu gehen, die uns versprochen ist. Denn die Geschichte der Erlösung ist noch nicht zu Ende, er kommt uns entgegen, zur letzten, großen Begegnung.

Alleluja!

 

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Ein Buch! Ein Buch!

Bisher habe ich mich hier ja immer wieder zu allem möglichen geäußert, auch zu meiner Sicht auf den Papst – bzw. die Päpste, diesen Blog gibt es ja mittlerweile schon vier Jahre – und die Kirche etc. Jetzt frage ich mich aber, ob es nicht mal Zeit wäre für einen etwas längeren Versuch, also was Gedrucktes, sozusagen Analoges. Ein Buch. Nicht, dass das besser oder so wäre, ich fühle mich in der kurzen Form hier oder auch beim Radio eigentlich sehr wohl. Aber für manches muss man dann doch etwas weiter ausholen.

Wenn ich mich also hinsetzen würde und versuchen würde zusammen zu stellen, was das geistliche Profil dieses Papstes ist, was er eigentlich will, wo das her kommt (Spiritualität der Jesuiten) und so weiter, wie würde das ankommen? Vielleicht kann ich ja mal hier um die klassische Hilfestellung bitten: Welche Fragen sollte ich für sowas stellen? Was für ein Format sollte das haben?

Dass einige Gedanken, die hier schon mal formuliert wurden, wieder vorkommen werden, ist klar, man muss ja das Rad nicht immer neu erfinden, aber mich würde das mal reizen, etwas mehr zu tun. Mehr im Sinn von Umfang, wohl verstanden.

Also nehme ich mir mal die Tage nach Ostern und denke nach. Und wie gesagt, für die Debatte was das werden soll und so weiter bin ich offen.

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Wer bin ich vor Jesus?

Palmsonntag vor einem Jahr, 13. April 2014. Ich saß in der Übertragungskabine von Radio Vatikan, die Texte der Liturgie vor mir und auch die Papstpredigt, um wie in jedem Jahr einen live-Kommentar zu bieten. Als der Papst dann aber zur Predigt kam, war – wie es ein Kollege ausdrückte – „Liebe Brüder und Schwestern“ das Einzige, was von der Originalpredigt übrig war.

Papst Franziskus sprach frei und machte eine dieser geistlichen Übungen für viele Menschen, die er meisterlich beherrscht. Eine bewegende Predigt, die nicht nur gesprochen, sondern auch als Meditationstext funktioniert.

„Wiederholungsbetrachtung“ nennt man das in der ignatianischen Tradition, aber auch wenn man sie zum ersten Mal liest, lohnt sie sich zur Vorbereitung auf die Karwoche:

 

„Diese Woche beginnt mit der festlichen Prozession mit den Olivenzweigen: Das ganze Volk empfängt Jesus. Die Kinder, die Jugendlichen singen und loben Jesus.

Aber diese Woche setzt sich fort im Geheimnis des Todes Jesu und seiner Auferstehung. Wir haben die Passion des Herrn gehört: Es wird uns gut tun, wenn wir uns nur eine Frage stellen: Wer bin ich? Wer bin ich vor meinem Herrn? Wer bin ich vor Jesus, der festlich in Jerusalem einzieht? Bin ich fähig, meine Freude auszudrücken, ihn zu loben? Oder gehe ich auf Distanz?

Wer bin ich vor dem leidenden Jesus? Weiterlesen

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Er teilt das Risiko

Was will der Papst eigentlich? Wenn man bei den vielen Artikeln zum zweiten Jahrestag der Papstwahl – von uns Journalisten gerne als Anlass für Einschätzungen genommen – eine Frage immer wieder und in ganz verschiedenen Schattierungen hat lesen können, dann diese. Es gibt eine Unsicherheit darüber, wofür der Papst steht, was er genau umsetzen will, man kann nicht wirklich einschätzen, was er als nächstes tun will.

Mir begegnet diese Frage schon etwas länger, sei etwa einem halben Jahr, meistens in der Form „wann endlich …?“. Und da ist ja auch etwas dran, es gibt einige Prozesse wie zum Beispiel die Kurienreform, die man konkret nennen kann. Aber was er mit der ganzen Kirche will, das ist nicht unmittelbar einsichtig.

Meine Antwort darauf kennen Sie vielleicht schon. Ich nenne gerne das Prinzip „die Zeit ist wichtiger als der Raum“, das Pater Jorge Bergoglio SJ bereits als Provinzialoberer der Jesuiten genutzt hat und das sich auch in Evangelii Gaudium unter den vier pastoralphilosophischen Prinzipien wieder findet. Nicht das Besetzen von Positionen, nicht das Innehaben von etwas ist wichtig, sondern der Raum, die Offenheit, der Prozess. Und das bedeutet eben, dass wir aushalten müssen, dass es keine Entscheidungen gibt, wo wir doch endlich welche haben möchten. „Aber jetzt muss er doch mal …“. Muss er?

Es ist überfordernd, die Dinge immer offen zu lassen. Der Heilige Geist – dem in so einem offenen Prozess Raum gegeben wird – ist anstrengend. Wir wollen uns irgendwie festmachen, irgendwo Schritte setzen, so dass nicht alles flüssig ist und wir mit unseren Einschätzungen vor Anker gehen können. Immer im Ungewissen zu bleiben, ist wie gesagt überfordernd.

Bei Papst Franziskus ist dieses Prinzip aber weder Entscheidungsschwäche noch Personalismus. Dahinter liegt – unter anderem – eine Überzeugung von seiner Rolle als Papst. Blicken wir zurück auf die Bischofssynode 2014:

Papst Franziskus leitet das Morgengebet bei der Bischofssynode in rom

Morgengebet bei der Synode

Der viel beachtete Absatz in der Eröffnungsansprache der Synode lautete so: „Alles, was sich jemand zu sagen gedrängt fühlt, darf mit Parrhesia [Freimut] ausgesprochen werden. Nach dem letzten Konsistorium (Februar 2014), bei dem über die Familie gesprochen wurde, hat mir ein Kardinal geschrieben: ‚Schade, dass einige Kardinäle aus Respekt vor dem Papst nicht den Mut gehabt haben, gewisse Dinge zu sagen, weil sie meinten, dass der Papst vielleicht anders denken könnte.’ Das ist nicht in Ordnung, das ist keine Synodalität, weil man alles sagen soll, wozu man sich im Herrn zu sprechen gedrängt fühlt: ohne menschliche Rücksichten, ohne Furcht! Und zugleich soll man in Demut zuhören und offenen Herzens annehmen, was die Brüder sagen. Mit diesen beiden Geisteshaltungen üben wir die Synodalität aus.”

 

Parrhesia – Freimut

 

Das ist also der Prozess, den ich angesprochen habe, Parrhesia/Freimut ist ein Wort, dass sich bei Papst Franziskus immer wieder findet, er will dass sich alle einbringen und reden und debattieren können.

Das Gegenstück zu diesem Text stammt sozusagen wie eine Klammer aus der Schlussansprache, er habe mit Dank und Freude gehört, dass die Bischöfe mit Parrhesia [dasselbe Wort wie in der Eröffnungsansprache] gesprochen hätten: „Wie ich zu Beginn der Synode gesagt habe, ist es nötig, das alles in Ruhe und innerem Frieden zu durchleben, damit die Synode cum Petro et sub Petro (mit Petrus und unter der Leitung Petri) verläuft, und die Anwesenheit des Papstes ist für das alles Garantie.“ Hier erklärt sich der Grund für die Parrhesia: „Die Aufgabe des Papstes ist es nämlich, die Einheit der Kirche zu garantieren (..).“ Und dann zählte er zur sichtbaren Überraschung aller die Canones des Kirchenrechtes auf, in denen die volle ordentliche, oberste, volle, unmittelbare und universale Autorität des Papstes in der Kirche beschrieben ist. Starker Stoff, könnte man meinen: Erst bittet er um offene Aussprache, dann aber wedelt der Papst mit dem Kirchenrecht und sagt, dass es zum Schluss doch seine Entscheidung ist. Weiterlesen

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Einige Werke könnten möglicherweise ihren Moralvorstellungen widersprechen

Neulich im Museum. An einer Wand steht ein Satz – deutsch und englisch – den ich oben in den Titel gesetzt habe. Der Satz hat mich irritiert. Män hätte es für Teil der ausgestellten Kunst halten können, aber ich befürchte, das ist ernst gemeint. Und weil es ernst gemeint war, musste ich erst mal lächeln, irritiert lächeln. Das Museum Ludwig in Köln will seine Besucher warnen, weil das, was sie zu sehen bekommen, Moralvorstellungen widersprechen könnte. Schon irgendwie witzig, oder?

Polke in KölnEs ist eine Ausstellung der Werke von Sigmar Polke, die zur Zeit in Köln zu sehen ist. An dieser Stelle habe ich lange nichts mehr zu Kunst gemacht, dem kann abgeholfen werden.

Neugierig gemacht auf die Ausstellung hat mich eine Besprechung in einer Zeitung, die benutzte das Wort „Schabernack“. Ein wunderbares Wort, leider vom Aussterben bedroht. Mir hat es eine Menge Humor signalisiert, und genau der wird bei Polke auch angesprochen.

Humor heißt ja, sich und die Dinge nicht wichtig zu nehmen. Das, was ist, braucht nicht nur die Bejahung als Tatsache oder die Bewunderung als Kunst, sondern es braucht auch die Infragestellung und das gesunde Lachen, damit es einen Teil seiner Macht verliert. Kunst kann ja mächtig sein, einschüchternd in ihrem Ernst, in dem sie daher kommt. Sie will etwas bedeuten, sie ist teuer und wertvoll. Humor nimmt diese Macht, und allein deswegen muss man Polke dankbar sein, dass er den Kunstbetrieb und die Sehgewohnheiten auf Kunst wunderbar und sehr künstlerisch verarbeitet.

Nehmen wir nur einfach die Zeichnungen aus den Skizzenbüchern mit ihren Titeln: „Darf man Kinder auslachen?“ oder „Sekt für alle“, doppelbödig ist das allemal. Oder sein Bild: „Höhere Wesen befahlen rechte obere Ecke schwarz malen“, auf dem Bild ist dann die obere rechte Ecke schwarz gemalt. Auch das doppelbödig. Aber eben mehr als nur Comic oder Design, bei Polke steckt da Kunst drin. Aber eben Kunst mit Witz.

Nun kann man ja fragen, ob das überhaupt geht, ich kenne viele Menschen, die nur humorfrei über Kunst sprechen können. Aber der internationale Erfolg Polkes – und die Qualität der ausgestellten Werke – geben ihm Recht, Witz und Kunst passen zueinander. Auch wenn dieser Humor manchmal schwer zu schlucken ist, wie etwa bei den großformatigen Bildern von Hochsitzen, die anmuten wie Wachtürme von KZs, oder bei seinem Spiel mit der Swastika, dem Hakenkreuz.

Es ist interessant zu sehen, wie etwa das Begleitheft zur Ausstellung Worte wie „Parodie“ oder „absurd“ vorkommen, aber man liest auch, dass es sich „ernsthaft und intensiv“ mit etwas beschäftigt. Irgendwie merkt man, dass da die Vermutung dring steckt, zu humorvoll könne dem Künstlerischen schaden. Tut es aber nicht. Die Dinge gehören zusammen, nicht immer, aber in dieser Ausstellung schon. Und mindestens das macht sie empfehlenswert.

 

Warnung an die Haustür

 

Polke hinterfragt die modernen Sehweisen. Nun haben sich die ja schon längst wieder gewandelt, Bilder verschwinden mit einem Wisch über den Bildschirm, die Werbung und vor allem das sexualisierte Frauenbild sind Moralvorstellungen weitaus abträglicher, als es Polkes Kunst überhaupt sein kann. Vielleicht sollte man die Warnung des Museums, es könne Möralvorstellungen widersprechen, ins innere einer jeden Haustür hängen? Aber ich schweife ab, ich wollte ja nur sagen, dass die Sehgewohnheiten auch in den Jahren nach Polkes Kunst sich weiter veränert haben. Mich würde sehr die Erfahrung derjenigen interessieren, die mit jungen Menschen in diese Ausstellung gehen: Was sehen Jugendliche in dieser Kunst?

Herzliche Einladung zu Erfahrungsberichten hier an dieser Stelle.

 

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