Vier Jahre Papst Franziskus

Nun sind es – fast – schon vier Jahre. am 13. März jährt sich die Papstwahl. Aber wie würdigt man diesen Papst und sein Pontifikat? Dieses Jahr habe ich mich entschieden, einfach nur eine Episode heraus zu greifen. Keine Bilanz, kein Überblick, keine roten Fäden. Nur eine Episode

Ort des Geschehens ist Texas, eine „Christian Leadership Convention“, evangelikal, charismatisch und pfingstkirchlich. Nicht wirklich der Ort, an dem wir eine Papstansprache vermuten würden. Noch weniger einen leidenschaftlichen Appell für die Ökumene. Evangelikal-charismatische Kirchen in den USA sind nicht exakt das, was wir „ökumenisch orientiert“ nennen würden. Direktes sprechen mit Gott, wörtliches Auslegen der Bibel bis hin zu Zeitangaben zur Schöpfung, das Sprechen in Zungenrede, das alles ist eine Form von Religion, die den Amerikas, Nord wie Süd, verbreitet ist und die wächst.

Tony Palmer bei der Konferenz in Texas

Tony Palmer bei der Konferenz in Texas (c) YouTube

Die „alten“ Konfessionen, protestantisch wie katholisch, werfen den jungen Konfessionen Mangel an Theologie vor, die in der Ökumene Engagierten bis hin zum Päpstlichen Rat für die Einheit der Christen machen sich Sorgen nicht über Schwierigkeiten in der Ökumene, sondern überhaupt über mangelndes Interesse seitens der Freikirchen. Ökumene sei für viele evangelikale, freikirchliche, und pfingstlerische Kirchen überhaupt kein Thema.

Zurück nach Texas. Bei der Convention predigt und betet der Texaner Kenneth Copeland, ein vor allem im Fernsehen tätiger Geistlicher. Seine Initiative KCM – Kenneth Copeland Mission – veranstaltete im März 2014 einen Kongress mit Vertretern verschiedener freikirchlicher, pfingstlerischer, evangelikaler und charismatischer Gruppen und Gemeinschaften. Seine Initiative ist nicht ohne Kritik, es sei ein Evangelium der Wohlhabenden für Wohlhabende, wird ihm vorgeworfen. Aber er hat viele Zuhörer und vor allem holt er Geistliche der verschiedenen Konfessionen zusammen. Und dabei gab es auch eine Videobotschaft des Papstes zu sehen.

Eigentlich unfassbar. Meiner Recherche nach war das eine der ersten, wenn nicht sogar die erste Videobotschaft des Papstes überhaupt. Der Papst spricht von Ökumene und von Verantwortung für die Teilungen auf allen Seiten. Was diese Botschaft aber so außergewöhnlich macht sind nicht nur die Worte des Papstes, es ist das Willkommen, das einem römisch katholischen Papst von Seiten von Freikirchen entgegen gebracht wird.

 

Der Tag des Tony Palmer

 

Das ist die Geschichte des Tony Palmer. Bei der Konferenz Palmer eingeladen, von seiner Begegnung mit dem Papst zu sprechen, er hatte die Papstbotschaft mitgebracht (und alles zusammen danach ins Netz gestellt). Der charismatische Palmer gehört als Bischof einer evangelikalen Gruppe von Anglikanern an, er selber bezeichnet sich außerdem als pfingstlerisch und als charismatisch. Zur Papstbotschaft werden wir noch kommen, zuerst hören wir Tony Palmer zu, er berichtet von seiner Arbeit der charismatischen Erneuerung.

„Vor ungefähr acht Jahren habe ich für die katholische Kirche in Lateinamerika gearbeitet“, berichtet er von seiner Existenz als Grenzgänger zwischen den Konfessionen. „Es ist üblich, dass wir den katholischen Bischof um Erlaubnis bitten, unter seinen Leuten arbeiten zu dürfen, wenn wir in einem katholischen Bistum arbeiten. Während meiner Zeit in Argentinien war der Bischof Pater Jorge Mario Bergoglio. Und wir haben uns sehr schnell angefreundet.“ Er bezeichnet Erzbischof Bergoglio als einen seiner „Väter im Geiste“, wie auch weitere, die an seinem Finden zum Glauben beteiligt waren. Weiterlesen

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Papst ZweiPunktNull

Wir verstehen Kommunikation vielfach noch als etwas, was eine Botschaft von A nach B bringt. Als eine Vermittlung, als eine Übertragung, als „Sendung“. Worte transportieren Bedeutung, wie Behälter. Wenn es irgendwo Probleme gibt, wenn es Unverständnis gibt, dann ist die Reaktion oft die, mehr und besser zu kommunizieren, mehr Informationen zu geben.

Wenn das so ist, wenn wir Kommunikation so verstehen, dann denken wir fest in analogen Abläufen. An diesem Dienstag hatte ich mal wieder Gelegenheit, einfach einem guten Vortrag zuzuhören, es ging um digitale Medien und unsere Weise der Kommunikation. Was mir aber die ganze Zeit über durch den Kopf ging waren gar nicht so sehr die abstrakten Beschreibungen, sondern vielmehr das sehr konkrete Beispiel unseres Papstes.

Papstansprache

Papstansprache

Aufgefallen ist mir das an der Stelle, an der es um die Frage der Gedanken ging. Gedanken formen sich nicht und werden dann kommuniziert, so die These unseres Referenten, sondern Gedanken gibt es gar nicht außerhalb von Kommunikation. Sprache „gibt“ es nicht einfach, sie ist eine lebendige Sache die erst in ihrem Gebrauch entsteht.

Analog denken heißt, in Buchstaben zu denken und daran, dass etwas haltbar ist, wenn es geschrieben, besser noch gedruckt ist. Dem sei aber nicht so.

Damit kann ich viel von dem verstehen, was Papst Franziskus tut. Dass er ein Kommunikator ist, habe ich schon oft gesagt. Aber das war etwa auch Papst Johannes Paul II. Papst Franziskus aber ist es auf neue Weise, ZweiPunktNull sozusagen. Was er tut und sagt, sind Akte der Kommunikation. Was er macht und sagt und wie er etwa mit Gesten umgeht, macht überhaupt keinen Sinn, wenn man es aus dem Zusammenhang seiner Kommunikation heraus nimmt.

 

Bedeutung liegt in der Kommunikation

 

Was er macht und sagt und wie er mit Gesten umgeht, transportiert nicht eine wahre Botschaft, die es außerhalb dieser Kommunikation gibt, sondern die Bedeutung liegt in dieser Kommunikation selber, sie entsteht erst in der Kommunikation.

Nein, liebe Leser mit Schnappatmung, das verneint nicht Wahrheit und Lehre und Bibel und so weiter. Aber es lässt sich nicht auf einen Satz feste Buchstaben zurück führen, es muss immer wieder in kommunikativem Handeln eingeholt werden. Um traditionelle Begriffe zu benutzen: im Ablegen von Zeugnis für den Glauben und in der Verkündigung.

Überhaupt fassen diese beiden Begriffe, altmodisch wie sie vielleicht erscheinen mögen, diese Kommunikation am besten, weil sie eben nicht Bedeutung von A nach B transportieren, sondern reines kommunikatives Handeln sind.

 

Kein analoger Papst

 

Umgekehrt ist der Papst schwer zu verstehen, wenn man „analog“ denkt. Wenn man eine vom Menschen und seiner Kommunikation – Zeugnis und Verkündigung – unabhängige Botschaft festlegen möchte. Eine Denkweise, die uns das analoge Denken vorschlägt, das Gedanken druckt und ins Regal stellt, die dann auch noch in hundert Jahren dieselben sind, sprich Gültigkeit für sich beanspruchen, unabhängig von der Kommunikationssituation.

Was den Papst auch zu einem „ZweiPunktNuller“ macht ist die Frage nach der Wirklichkeit. Die digitalen Medien sind nicht virtuell in dem Sinn, dass sie nicht real seien. Sie sind real, weil sie Wirkung haben, weil sie unsere Welt verändern. Das tun sie aber nicht über das Argument, sondern über den kommunikativen Prozess. Auch der Papst wirbt, predigt, begegnet in Prozessen, dort findet Veränderung statt, wenn man die denn zulässt.

Die Überschrift über unserem Vortrag lautete „Medien vermitteln nicht, Medien transformieren“. Wenn man „Medien“ durch „Papst“ ersetzt, wird der Satz dadurch nicht falsch.

ZweiPunktNull.

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Toleranz? Akzeptanz?

Es geht um nicht weniger als die Weltverbesserung. In einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung – online zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Stücks (noch) nicht verfügbar – nimmt sich der Autor des Themas Abtreibung, Aufklärung und Toleranz an. Unter dem Tenor „Die Weltverbesserung ist ein umstrittenes Projekt“. Und da es um Glaube und Religion auf der einen und die moderne tolerante Gesellschaft auf der anderen Seite geht, um das Gemeinsame und das Schwierige, habe ich das Stück gelesen, genauer als ich normalerweise morgens Artikel lese.

Die Geschichte handelt von einem Arzt, der aus Glaubensgründen keine Abtreibungen durchführen will und ein Krankenhaus, dass diese Ablehnung erlaubt. Dass das eine heutzutage schwierige Konstellation ist, ist klar, umso wichtiger ist eine saubere Betrachtung.

Leider fehlt es daran. Gleich im ersten Absatz heißt es in dem Artikel, dass jemand, der versucht, Glaube und Vernunft zusammen zu bringen, sich „dabei teilweise fühlen wie ein Eisläufer auf der Sandbank“. Damit ist klar: hier geht es nicht um saubere Betrachtung, hier ist die Wertung beim Schreiben immer mit drin.

 

Eisläufer auf Sandbank

 

Und so kommen auch Fehler zustande, die mich überhaupt erst dazu bringen, das hier zu schreiben. Denn die Debatte dahinter ist ja sehr aktuell. Wenn der Autor sagt, dass Toleranz heißt, Positionen anzuerkennen, die nicht ins Weltbild passen (dankenswerterweise in beide Richtungen), dann ist da eine Akzentverschiebung. Toleranz heißt eben nicht Akzeptanz. Toleranz heißt tolerieren und akzeptieren nennt man Akzeptanz. Das mag jetzt wie Haarspalterei klingen, wird aber in dem Augenblick relevant, wo die Kategorien verschwimmen.

Jemand, der keine Abtreibung vornehmen will, den kann ich als Nichtchrist tolerieren, wie es das Gesetzt es tut, ohne seine Position zu akzeptieren. Und umgekehrt. Wenn wir mit Glauben und Nichtglauben zusammen leben wollen, dann muss das möglich sein. Niemand kann mich zwingen, eine Geisteshaltung zu akzeptieren, aber man kann erwarten, dass ich toleriere. Über alles andere muss dann diskutiert werden.

Noch einmal zu den verschwimmenden Kategorien: Der Arzt, um den es hier geht, ist ein evangelikaler Christ. Weiterlesen

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Drei-Päpste-Regel

Der Ort des Geschehens

Der Ort des Geschehens

Ein Gedanke zum Sonntag und zum Wochenbeginn: Vor einigen Tagen hat mir jemand eine Geschichte über Kardinal Blase Cupich berichtet, den Erzbischof von Chicago. Der habe folgende Kurzformel zu den Päpsten entwickelt.

Johannes Paul II. sei der Papst gewesen, der gesagt habe, was richtig und falsch sei und was zu tun sei.

Benedikt XVI. sei der Papst gewesen, der gesagt habe, warum etwas richtig oder falsch ist und warum man etwas so und so tun soll.

Franziskus ist nun der Papst der sagt „macht es!“

In diesem Sinne, einen schönen Sonntag.

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Bibeln, verschiedene

Ab und zu kommt hier in den Kommentaren die Sprache auf die Schrift und die Worte Jesu. Ab und zu versuche ich dann mein Bestes, um zu erklären, dass man nicht einfach eine Bibel aufschlagen kann und dann weiß, was Jesus gesagt hat.

Ich dachte mir, machen wir doch mal ein Beispiel, ein harmloses, wo es nicht um Jesusworte geht, aber das das Prinzip erläutert.

So lesen wir zum Beispiel in der ersten Lesung von diesem Dienstag aus dem Buch Jesus Sirach, Kap 35, unter anderem diese zwei Verse:

Das Opfer des Gerechten ist angenehm, sein Gedenkopfer wird nicht vergessen werden. Freigebig ehre den Herrn, nicht gering sei die Gabe in deinen Händen“.

Das sind die Verse 9 und 1o des Kapitels. Eine Kollegin befasste sich nun mit der Papstpredigt von diesem Morgen, in der Papst Franziskus einen Vers aus dem Buch Sirach und der Tageslesung explizit nennt und wiedergibt. Und siehe da, diesen Vers finden wir in der deutschen Fassung vergeblich. Beziehungsweise, der klingt ganz anders. Der Papst zitierte das so:

„Glorifica il Signore con occhio contento …“.

Archivbild: Papstmesse in Santa Marta

„Freigiebig“ und „occhio contento“ mag vielleicht bildlich dasselbe sagen, ist wörtlich aber etwas anders. Und blättern wir weiter: die neue Einheitsübersetzung (die liturgischen Bücher enthalten noch die alte) übersetzt Vers 10 so: „Mit großzügigem Auge preise den Herrn …“ . Da sind wir doch schon wieder viel näher dabei. Die Jerusalemer Übersetzung sagt „mit gebefreudigem Auge“. Und der immer wieder hilfreiche Martin Luther übersetzt „mit fröhlichem Gesicht“. Kein Wunder, dass die Kollegin darüber gestolpert ist, wäre ich auch.

Das ist nur ein kleines Beispiel. Ich will hier auch gar nicht den Besserwisser machen, aber die Schrift ist mir einfach zu wichtig, als dass man sie ohne Denken einfach so für seine Zwecke auswerten darf.

Sie ist reich, sie fordert uns zum Denken und zum Beten heraus, und zum Studium. Und wenn man die Sprachen nicht kann – wie ich – dann kann man sich Hilfe suchen. Ist gar nicht schwer. Zumindest kann und darf und soll man nicht so tun, als ob alles eindeutig und klar wäre.

 

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Vernehmlassung

Die Schweizer unter Ihnen können mit dem Titel was anfangen. Der Rest wohl eher nicht.

Die Schweizer Demokratie kennt eine Menge von interessanten Verfahren, nicht alle erschließen sich sofort und automatisch. Auch der eher ulkige – Pardon, liebe Schweizerinnen und Schweizer – Begriff der „Vernehmlassung“ gehört dazu.

Schweiz-Installation. Einsiedeln

Es soll ein neues Gesetz geben, eine Abstimmung oder eine Verfassungsänderung. Um möglichst viel Fachwissen einzubinden und um die Verwirklichungschancen einschätzen zu können, wird relevanten gesellschaftlichen Gruppen vorher ein Entwurf samt Kommentar zugestellt. „Es soll Aufschluss geben über die sachliche Richtigkeit, die Vollzugstauglichkeit und die Akzeptanz eines Vorhabens des Bundes“, heißt es in dem Gesetz dazu. Das ist die Vernehmlassung. Mein Schweizer Kollege sagt mir, dass dazu etwa auch die Bischöfe zu den gefragten Gruppen gehören.

Der Auswertung aller Rückantworten folgt dann die Einbringung etwa ins Parlament, das auch diese Auswertung zu sehen bekommt. Die Reaktionen gehen also ins Verfahren ein.

 

Fachwissen und Akzeptanz

 

Sehr klug gemacht, wenn ich das mit den intransparenten Lobbyisten woanders vergleiche, die sehr viel Einfluss auf Gesetzgebungsverfahren haben, ohne dass das transparent gemacht wird, nicht mal den Parlamentariern.

Themensprung: in den vergangenen Tagen habe ich oft Anrufe bekommen, meistens von Journalistenkollegen, ob denn wie vorhergesehen die Webseite mit der Befragung zur nächsten Bischofssynode am 1. März online geht. Nein, das tut sie nicht, die Umfrage sei zwar fertig, hört man, aber man wolle das technisch sicher und glatt über die Bühne gehen lassen – meine Worte – und warte deswegen, bis alles wirklich stabil steht.

Aber: das Grundprinzip bleibt, es wird gefragt werden und die Antworten sollen dann in die Beratungen der Bischofssynode im Herbst 2018 eingehen. Nicht wirklich eine Vernehmlassung im Schweizer Sinn, weil nicht Teil eines demokratischen Verfahrens, aber der Gedanke dahinter ist ähnlich.

Wir haben uns für die Sendungen in der kommenden Woche mal umgeschaut, und schon jetzt gibt es eine Reihe von Aktionen dazu, man will sich offenbar beteiligen. Und das ist gut so.

Wie gesagt, das Ganze ist nicht Teil eines demokratischen Verfahrens, es geht nicht um Abstimmung, sondern um die Beratung des Papstes, das ist die Idee hinter der Synode. Aber auch dabei ist ja möglichst viel Sachwissen und Akzeptanz hilfreich. Also doch irgendwie eine Art Vernehmlassung, auf kirchlich.

 

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Zwischen den Zeiten

Es geht für die deutschsprachige katholische Kirche um nichts weniger, als um die Suche „nach Wegen, in den Ruinen zerbrochener Machtsysteme zu wohnen“. Ein Satz, der mir seit einiger Zeit nachgeht. Er stammt vom Theologen Johannes Hoff, aus einem Buch über Theologie nach der Postmoderne, und ist so schlicht aus dem Zusammenhang gerissen natürlich verzerrend.

Trotzdem fällt er mir immer wieder ein, wenn ich mit unserer Kirche zu tun habe. Vor allem, wenn ich durch deutsche Innenstädte laufe. Oder österreichische, das macht hier keinen Unterschied.

Drei Kirchen auf einem Blick: München, Innenstadt

Drei Kirchen auf einem Blick: München, Innenstadt

Dort sehe ich keine Ruinen. Dort sehe ich schöne Kirchen. Nicht immer sind es noch Kirchen, oft genug sind es Museen, wie auf dem Bild hier. Das Bild ist überhaupt der Anlass für diese Zeilen: Man sieht auf engstem Raum drei Kirchen, drei große Kirchen noch dazu. Die mittlere ist Museum, links und hinten – der Dom in München – sind und bleiben Kirchräume.

Das sind keine Ruinen, im Gegenteil. Aber genauso wie die Innenräume unserer Kirchen nicht für die Liturgie gebaut sind, wie wir sie jetzt feiern, und jedes Mal irgendwie ein Widerspruch in mir drin steckt, wenn ich in einer großen Kirche an einer Messfeier teilnehme, genauso spüre ich den Widerspruch zwischen diesen Kirchen und dem Wort „Ruine“ weiter oben.

Vielleicht ist der Satz ja falsch. Vielleicht ist er nur deswegen falsch, weil er – weil ich ihn aus dem Zusammenhang gerissen habe – übertreibt.

 

Dynamik

 

Aber der mindestens gespürte Widerspruch bleibt: ich sehe die Kirchen, ich sehe den Anspruch, ich sehe all das Gute, was die Kirchen machen, die Gemeinden, die offiziellen Vertreter. Und ich sehe den Traditionsabbruch, die leeren Räume, den fehlenden Nachwuchs nicht nur bei Priestern und Ordensleuten, sondern überall in den Kirchen.

Deswegen vielleicht bleibt mir der Widerspruch zwischen den Ruinen hier und den Kirchen dort so sehr bewusst.

Und ein Zweites: ich empfinde das nicht unbedingt als negativ. Das mag jetzt komisch klingen, aber ich glaube, das so beschreiben zu können: Ruine ist ein Zustand. Eine prächtige Kirche ist ein Zustand, ist etwas Festes. Die Spannung dazwischen ist dagegen dynamisch, jedenfalls nehme ich sie so wahr.

Wir mögen alle vielleicht manchmal in die Klage über unsere Kirche einstimmen, über Überforderung und Unterforderung, über Rückzug und Großgemeinden und so weiter. Mindestens bei mir aber überwiegt die Dynamik. Die ist nicht immer angenehm und ich behaupte auch gar nicht, den Ausgang der Geschichte ahnen und daraus Zuversicht gewinnen zu können. Fern davon.

Aber diese Spannung sagt mir auf jeden Fall, dass wie weiter nachdenken, ausprobieren, umkehren, bezeugen, sprechen, schweigen, was auch immer müssen, um eine Kirche für die Zukunft zu sein.

 

Die neue Welt ist noch nicht da

 

Ein wenig Weisheit habe ich beim emeritierten Papst gefunden: „Ich gehöre nicht mehr zur alten Welt, aber die neue ist auch noch nicht wirklich da“: Der Satz gesagt steht im Buch „Letzte Gespräche“. Er sei ein Papst „zwischen den Zeiten“ gewesen, sagt er. Um dann anzufügen, dass man immer erst nachträglich Zeiten und Zeitenwenden erkennen und einschätzen könne.

Zwischen den Zeiten, vielleicht sind wir das ja. Und die Spannung – die Dynamik darin – mag und helfen, darin nicht stecken zu bleiben.

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Wirklich!

Es mag an dieser Stelle eine Wiederholung sein, aber jeden Morgen, beim Blick in die Zeitungen und ins Netz, fällt es mir mit schöner Regelmäßigkeit ein: Die Wirklichkeit ist wichtiger als die Idee, Evangelii Gaudium Nr. 231. Es ist eines der vier Prinzipien, welche vom Papst in seiner Programmschrift vorgelegt werden.

Papst Franziskus mahnt: Hier bei einem Besuch in einer römischen Pfarrei

Papst Franziskus mahnt: Hier bei einem Besuch in einer römischen Pfarrei

Es fällt mir natürlich immer deswegen ein, weil mit in Zeitungen und im Internet der Herr begegnet, der sich seine eigene Wirklichkeit baut. Der Lügt, der nachweislich Falschinformation benutzt, der wenn darauf hingewiesen beschimpft. Das ganze wäre tragisch, wenn es sich dabei nicht um den mächtigsten Mann der Welt handeln würde.

Dass Politiker lügen, ist so neu nicht, das geht zurück wohl bis in die römische Republik. Dass das aber systematisch benutzt wird und immun gegen Wirklichkeit ist, das ist neu. Kein Wunder, dass immer mehr Kommentatoren auf Richard Nixon hinweisen, nicht der Kriminalität des Verhaltens wegen, sondern wegen einer offensichtlichen Unfähigkeit, sich aus der eigenen Weltsicht – alle sind gegen mich – zu befreien.

Was hilft? Ein Lob der Wirklichkeit. Mit dem Papst. Jedenfalls soll das hier ein kleiner Beitrag sein, es mag vielleicht zu politisch sein, aber hier ist Gefahr im Verzug, und das nicht nur in den US of A, sondern auch auf den Plätzen Dresdens, bei Facebook, in Gesprächen die ich leider auch führen muss.

 

Die Idee löst sich von der Wirklichkeit

 

Es muss vermieden werden, dass sich die Idee von der Wirklichkeit löst, sagt der Papst in seinem Schreiben, zwischen beiden muss „ein ständiger Dialog hergestellt“ werden. Dieser ist aber nicht hierarchiefrei, denn „die Wirklichkeit steht über der Idee.“

Der Papst warnt im Anschluss davor, was passiert, wenn man das nicht einhält, nämlich vor den „Formen der Verschleierung der Wirklichkeit“: „die engelhaften Purismen, die Totalitarismen des Relativen, die in Erklärungen ausgedrückten Nominalismen, die mehr formalen als realen Projekte, die geschichtswidrigen Fundamentalismen, die Ethizismen ohne Güte, die Intellektualismen ohne Weisheit.“ Da fehlt was. Als ich das heute noch einmal nachgelesen habe war das meine erste Reaktion: da fehlt was!

Idee, das kann auch das um sich selber kreisen sein, ein Nationalismus, der in Wirklichkeit (!) ein Egoismus ist. Idee kann auch Wirklichkeit beschädigen. Wir haben im TV einen Herrn, der als Beweis für die Wirklichkeit seiner Ideen angibt, dass es andere – die Menschen – ja auch glauben. Der Vorfälle in Schweden und in den USA erfindet, und damit seine Politik begründet. Das ist gefährlich.

 

Ein theologisches Problem entsteht

 

Also stellt sich gar nicht die Frage von Evangelii Gaudium, dass hier Wirklichkeit verschleiert wird. Sie wird ignoriert, sie verliert ihren Wert, ihre Autorität als meine Vorstellungen korrigierend.

„Die Idee – die begriffliche Ausarbeitung – dient dazu, die Wirklichkeit zu erfassen, zu verstehen und zu lenken“. So weit so gut, das ist noch einmal aus Evangelii Gaudium (232). Die Idee – Vorstellung, Weltsicht, etc. – welche die Wirklicheit ignoriert, was ist das dann?

Vielleicht bin ich ja naiv, aber ich glaube tatsächlich, dass „die Welt ist alles, was der Fall ist“, um Wittgenstein zu zitieren. Meine Vorstellungen müssen überprüfbar, mindestens hinterfragbar sein.

Der Papst führt in seiner Argumentation ein theologisches Argument ein, das an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben soll: „Die Wirklichkeit steht über der Idee. Dieses Kriterium ist verbunden mit der Inkarnation des Wortes und seiner Umsetzung in die Praxis: » Daran erkennt ihr den Geist Gottes: Jeder Geist, der bekennt, Jesus Christus sei im Fleisch gekommen, ist aus Gott « (1 Joh 4,2).“ Soll heißen: Gott hat entschieden, Mensch zu werden, in die Wirklichkeit der Welt zu kommen. Wenn wir aber das Konzept von Wirklichkeit zertrümmern, weil es uns halt anders passt, dann bekommen wir ein theologisches Problem dazu. Wir verstehen nicht mehr, was Gott da gemacht hat, wenn wir uns unsere Welt zusammen basteln und das auch noch glauben wollen.

 

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Humor ist …

Zuerst waren es die – nicht wirklich komischen – Plakate. Die haben mit dem Begriff „Barmherzigkeit“ gespielt, wollten irgendwie volksnah sein, haben aber nicht wirklich gegriffen. Zu viel Bissigkeit war da drin. Nicht gut und nicht gut gemacht.

Der falsche Osservatore

Der falsche Osservatore

Dann kam der falsche Osservatore. Der war schon besser, viel besser. Gute Satire, würde ich sagen, auch wenn die Macher der Zeitung nicht so amüsiert waren. Man muss auch mit den vermuteten Einstellungen dahinter nicht überein gehen, aber witzig ist das Ding schon.

Und jetzt tauchen Lieder im Netz auf, auf den Papst. „That’s Amoris“, die Stimme klingt fast wie Dean Martin, es ist aber eine Abrechnung mit Papst Franziskus, mit Antonio Spadaro, mit dem Journalisten Austen Ivereigh (wichtig im englischsprachigen Raum), etc. Nicht so komisch wie der falsche Osservatore, aber immerhin bemüht man sich um Witz, nicht nur um die Holzhammermethode.

Widerstände beweisen, dass der Papst offenbar mit dem, was er will, etwas erreicht. Und wenn es satirisch daher kommt, dann soll mir das recht sein.

 

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Korruption

„Im Vatikan gibt es Korruption“: So ein Satz aus dem Mund von Papst Franziskus wird immer gerne genommen. Irgendwo äußert der Papst das, vielleicht nur in einem Nebensatz, aber von da aus wandert das in den Titel des Artikels dazu. Man klebt die Ansprache an die Kurie 2014 daran – die ‚scharfe Kritik’ – und andere Zitate, in denen das Wort Korruption vor kommt und schon hat man die Geschichte vom ‚Kämpfer im Vatikan’, der sich gegen Gegner durchsetzen muss. Gegen korrupte Gegner, wohlgemerkt.

Blick auf ein Mobilfon-Bildschirm beim Angelusgebet

Das mediale Interesse am Papst bleibt groß, gerade bei kontroversen Themen

Erst in der vergangenen Woche war das wieder Thema, aber es ist ja nicht so, dass man Papstzitate groß suchen müsste, in denen das Wort vorkommt. Die gibt es nun wirklich viele.

Aber was meint er? Wirklich das, was wir in unserer Sprache darunter verstehen? Manchmal bedeuten ja dieselben Worte in verschiedenen Sprachen andere Dinge. „Falsche Freunde“ nennen das die Angelsachsen, man meint, jemanden – oder hier ein Wort – zu kennen, geht aber von falschen Voraussetzungen aus.

Ist das auch hier der Fall?

 

Toleriert und akzeptiert

 

Nehmen wir den Papst selbst zur Hand. Auf deutsch ist ein Text von ihm aus seiner Zeit als Erzbischof von Buenos Aires erschienen, unter dem Titel „Korruption und Sünde“. Das sollte uns helfen.

Das erste: es geht hier nicht um Individualmoral, sondern um die soziale Dimension des Handelns. Was mir mit „korrupt“ bezeichnen, hat immer Auswirkungen auf andere und auf das Gemeinsame, auf Gesellschaft oder Familie oder Institution. Es geht um die Gemeinschaftswirkung des Handelns.

Zweitens: es geht dem Papst immer auch darum, dass hier etwas gesellschaftlich akzeptiert, toleriert, geduldet oder ignoriert wird, eine „zwar verurteilte, aber gleichzeitig akzeptierte Dimension des bürgerlichen Zusammenlebens“, wie er schreibt. Weiterlesen

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