Gegen religiöse Gewalt. Geht doch.

Es geht also doch. Während die AfD das Treffen mit einer der muslimischen Vertretungen hat platzen lassen, schreiben ZDK und muslimische Theologen gemeinsam einen Text über die Gewalt und die Religion.

„Als Christen und Muslime verurteilen wir jedweden Fundamentalismus, Radikalismus, Fanatismus und Terrorismus, seien sie religiös oder anders begründet“, heißt es in dem Text. Soweit, so selbstverständlich. Man bleibt aber nicht dabei, sondern geht an die Gründe. Das könne geschehen, wo Religionen „ein straff hierarchisch-autoritäres System entwickeln, der allgemeine Bildungsstand niedrig und die ‚Hörigkeit‘ gegenüber Anführern aller Art hoch ist, sowie mündige und kritische Reflexion unterdrückt oder gar nicht erst entwickelt wird.“

Die Geschichte kennt noch andere Gründe, aber es ist richtig, das vor allem die deutlich genannt sind. Es geht um Verführung unter einem Deckmantel zu etwas, was mit Religion nicht mehr viel zu tun hat.

Das Papier zeigt, dass man nicht nur auf Konfronotation setzen muss. AfD setzt darauf, ihre vermeintliche Klarheit und „das wird man doch sagen dürfen“ Rhetorik baut darauf, eben keine gemeinsamen Papiere zu verabschieden.

Es ist gut, dass gerade jetzt, nach der Österreich-Wahl, nach Flüchtlings-Debatte und brennenden Asylheimen, nach Terror in Paris und Brüssel, so ein Papier kommt. Ein Schritt nur, ein Stein, aber ein wichtiger.

„Die Begegnung ist die Nachricht“ sagte Papst Franziskus am Montag, als er sich mit einem Vertreter einer der wichtigsten islamischen Institutionen traf. Das Papier hier in Leipzig ist mehr.

 

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Lebensschutz

Was ist eigentlich mit dem Schutz des Lebens passiert? Irgendwie haben wir es zugelassen, dass die Bezeichnung „Lebensschützer“ einen negativen Beiklang bekommen hat. Das hat vor allem mit den USA zu tun, wo Teile der Kirche(n) sich vor allem auf einer Plattform artikulieren: gegen die Abtreibung.

Da gibt es eine ganze Reihe von Organisationen, die sich „for life“ oder „pro life“ nennen, aber das auf „gegen Abtreibung“ beschränken. Was im derzeitigen Wahlkampf ganz besonders zum Vorschein kommt. Da wird Donald Trump gelobt, dass er sich in den vergangenen Tagen öfters zum Thema geäußert hat und außerdem ankündigt hat, für den Obersten Gerichtshof nur Richter zu ernennen, die Rote vs. Wade revidieren wollen. Für alle, die damit nicht vertraut sind: Die gegenwärtige Rechtspraxis umkehren und Abtreibung ohne Ausnahme verbieten.

Dass Trump sich für Folter ausgesprochen hat, was man ja irgendwie auch ins Thema Schutz des Lebens einbeziehen kann, war egal. Selbst als konservativ bezeichnete Katholiken hatten hier einen deutlichen Strich gemacht, für Katholiken sei Trump deswegen nicht wählbar. Das sehen die Lobbyisten der „pro-life“ Plattformen anders.

Lebensschutz ist aber mehr. Um die Trias des Papstes zu zitieren: Schutz des ungeborenen Lebens, Schutz des jungen Lebens, Schutz des alten Lebens. Das bedeutet zum Beispiel auch Sorge für die Perspektiven der heranwachsenden Generation, damit sie nicht ausgeschlossen ist von Leben, Wirtschaft und Gesellschaft. Das bedeutet ein nicht ausschließen der „nutzlosen“ weil wirtschaftlich nur belasteten älteren Generation.

Und weil er diese Trias immer gemeinsam nennt, können die „ein-Thema-Plattform“ Lobbyisten damit nichts anfangen.

 

Reduktion auf nur ein Thema

 

Ein anderes Thema ist Krieg. Krieg anfangen zu wollen ist nicht wirklich im Sinne des Lebensschutzes. Trotzdem findet man auf den einschlägigen Plattformen – vor allem in den USA – dazu rein gar nichts. Wenn ein überzeugter Christ wie der ehemalige Präsidentschaftskandidat Ted Cruz sagt, er wolle „bombardieren bis der Sand glüht“, dann finde ich es schon sehr fragwürdig, dass das als christlich durchgehen kann.

Noch ein Thema ist die Manipulation, die wir zulassen. Immer mehr kleine erste Schritte werden getan, welche die Manipulation von Erbgut, das sich Aussuchen von Kindern etc. möglich machen können. Damit wird viel Geld verdient, aber auch hier höre ich wenig aus der Lobbyisten Ecke. Aber auch dieses Thema ist ein Lebensschutz-Thema, und genau so sollte es genannt werden.

Also, was ist eigentlich mit dem Schutz des Lebens passiert? Gefährdungen gibt es genug, in allen Lebenslagen. Aber wenn wir das Thema nur den Lobbyisten der einen Frage überlassen, verdrängen wir das in eine Ecke.

In diesen Tagen jährt sich die Veröffentlichung von Laudato Si’ zum ersten Mal. Beim Katholikentag in Leipzig darf ich dazu auf einem Podium sitzen. Dem Papst geht es um eine „ökoliogische Umkehr“, weil „alles mit allem zusammen hängt“ und wir zum „hüten“ berufen sind, nicht zum beherrschen. Das gilt für das menschliche Leben, das gilt für alles Leben.

Zeit, den Schutz des Lebens als umfassende Aufgabe wieder zu entdecken.

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Sprechen ist liturgisch überbewertet

Heute darf ich mal wieder taufen. Selten genug, dass ich diese Sakramente hier in Rom feiern kann, Journalistsein beschränkt das Seelsorgersein doch arg. Um so schöner, dass es dann ab und zu doch noch geht.

Aber wie immer stellt sich die Frage, wie das gehen soll. Immer, wenn es hier eines der familiären Sakramente zu feiern gibt, ist die Sprache zu entscheiden. Meistens sind hier die Familien, mit denen ich zu tun habe, halb Italienisch, halb Deutsch, und die anreisenden Freunde und Familien sprechen entweder das eine oder das andere. Das macht es mindestens bei der Predigt schwierig.

Auch hier durfte ich schon mal taufen: Taufbecken Gianlorenzo Berninis in Sankt Peter

Auch hier durfte ich schon mal taufen: Taufbecken Gianlorenzo Berninis in Sankt Peter

Das Ganze ist in Abwandlung ein Problem, das sich mir schon in Deutschland in der Jugendsprache gestellt hat. Spreche ich in der Liturgie so, dass ich möglichst nahe an den Jugendlichen bin? Dann öffne ich eine Distanz zur Normalerfahrung Kirche in der Pfarrei. Bleibe ich in der kirchlichen Sprache, öffne ich eine Distanz zu den Jugendlichen und überhaupt zu einer ganzen Generation.

Eine perfekte Lösung gibt es nicht, auch keine Lösung ein für allemal, aber die Frage hat sich immer wieder gestellt.

Wobei unter „Sprache“ hier ausdrücklich auch Zeichen und Symbole gemeint sind. Kleidung zum Beispiel war ganz klar kirchlich. Je klarer die Ästhetik, je klarer sichtbar ist, dass es sich beim Gottesdienstort um einen Gottesdienstort handelt, desto sicherer fühlen sich Leute. Auch Jugendliche. Stola über T-Shirt kommt da gar nicht in Frage, und sei es auch nur deswegen, weil es verunsichert. Von anderen Gründen einmal abgesehen.

Zurück zur Sprachfrage hier in Rom. Predige ich auf Deutsch? Italienisch? Kurz und dann auf beiden Sprachen? Alles habe ich schon probiert, wirklich befriedigend ist das nicht. Zum Glück ist die Predigt nicht das Wichtigste bei einer Liturgie. Bei einer Taufe schon gleich gar nicht.

Die Feigling-Lösung wäre, auf Exot zu machen und mit einem Lächeln zu erklären, dass man die eigentlichen Tauf-Worte auf Latein spricht. Feigling deswegen, weil das keine echte Lösung ist, sondern das sich vor einer Entscheidung drücken. Latein versteht keiner mehr, das sieht nur egalitär aus, ist es aber nicht.

 

Das Zeichen hat eine eigene Sprache

 

Also bleibt die Frage nach der Sprache. Und da helfen mir die Erfahrungen von früher. Erstens müssen nämlich die Zeichen sitzen. Kein Drumherum, Handbewegungen, Kleidung, Kerze, Wasser, all das muss für alle sichtbar und klar nachvollzierbar sein, dann versteht es jeder, auch wenn er oder sie die Sprache nicht kennt. Und wenn man das dann auch noch in einer der klassischen schönen römischen Kirchen oder gar Baptisterien feiern darf, dann um so besser.

Die liturgische Sprache muss alleine klingen, ohne dass man alles auch noch erklärt. Es wird in Liturgien sowieso zuviel geredet, die Zeichen gehen da manchmal unter.

Es hilft, wenn dann die Predigt kurz ist. Bei Taufen sowieso, das Kind stellt sich schon rechtzeitig in den Mittelpunkt. Eine Sprache, kurze Entschuldigung in der anderen. Fertig.

Einleitung und Taufritus dann in der Sprache derer, die ich anspreche. Ist ein Pate nur einer Sprache mächtig, dann wird er oder sie in dieser Sprache angesprochen. Sind Kinder dabei, die nur eine Sprache kennen, dann in dieser Sprache, Erwachsene sind da nicht so wichtig.

Das klingt nach einem klaren Programm. Trotzdem stellt sich diese Frage jedes Mal wieder. Was ja auch gut ist, denn das zeigt, dass das keine Routine ist. Wenn ich also heute F taufen darf, dann geschieht das wieder in Abwechslung der Sprachen. Aber die Taufe selbst, die Zeichen, die ausdeutenden Riten, die müssen sitzen.

 

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Linien in der Wüste

Sykes-Picot: Ein Franzose und ein Brite haben vor 100 Jahren die Grenzen der Länder gezogen, die in diesen Jahren in Bürgerkriegen unterzugehen drohen. In Syrien ist das der Fall, Libanon und sein Nachbar nehmen Millionen von Flüchtlingen auf. Ohne Rücksicht auf Sprachen, Stämme, historische Verläufe haben die beiden im Auftrag ihrer Regierungen die Einflusssphäre – und das Öl – der Europäer im Nahen Osten geregelt, als im Ersten Weltkrieg das Osmanische Reich zusammen brach.

Auch Israel ist betroffen, steckt es doch seit seiner Gründung unter der Gefahr und Drohung, gewaltsam vernichtet zu werden. Das ist mit der Balfour-Deklaration verbunden, ebenfalls aus dem Ersten Weltkrieg, aber das ist eine andere Geschichte.

Die Herren Syces und Picot mit ihrer Aufteilung des Nahen Ostens

Die Herren Syces und Picot mit ihrer Aufteilung des Nahen Ostens

Zurück zu den Herren Colonel Sir Tatton Benvenuto Mark Sykes und François Marie Denis Georges-Picot und ihrem Abkommen vom 8. Mai vor 100 Jahren: Die beiden Namen stehen dafür, dass Europa Gott gespielt hat, wenn ich das mal so drastisch sagen darf. Europa hat damals gemeint, die Grenzen einfach so neu ziehen zu können.

Noch etwas anderes – die Aktion war nämlich auch damals schon unklung und kontraproduktiv, auch wenn es beiden Ländern über Jahrzehnte Macht verschafft hat; Großbritannien stellet damals zum Beispiel seine Flotte von Kohle auf Öl um und brauchte den Zugang und besser noch die Kontrolle der Ölfelder im Irak. Kontraproduktiv war es, weil als Lenin die Macht in Russland übernahm, er das geheime Abkommen veröffentlichte und damit den Arabern, die an Englands Seite kämpften, klarmachte, dass England nicht im geringsten die Absicht hatte, die eingegangenen Versprechen von einem eigenen arabischen Staat zu erfüllen. Verrat war das. Der Zweck heiligte damals wie heute die Mittel, der Zynismus ist aber auch für heutige Augen noch beachtlich. Das Vertrauen in die Mächte des Westens war damals weg und ist es heute auch noch.

Natürlich ist es einfach, von heute aus den moralischen Richter zu spielen und zu verurteilen, was die kriegführenden Mächte damals angerichtet haben. Darum geht es mir auch gar nicht.

Es ist wichtig einzusehen, dass das Leiden und die Vertreibung und der Bürgerkrieg und all das andere, was jetzt an unsere Türen klopft, eben nicht fremd ist, sondern mit uns, mit Europa zu tun hat. Großbritannien möchte am liebsten keine Flüchtlinge „vom Kontinent“ aufnehmen. Herr Oberst Sykes lässt grüßen!

 

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Träumen von einem dynamischen, Neues hervorbringenden Europa

Alles, was im Augenblick zu Europa gesagt wird, läuft durch einen ganz speziellen Filter. Bei uns ist das zum Beispiel die Flüchtlingsfrage. Als ich vor einigen Tagen in Brüssel war, war es eher die Brexit-Frage, die dort verhandelt wurde. Gerade die einige Tage davor gehaltene Papstrede zu Europa anlässlich des Karlspreises sei im Euro-Viertel mit seinen Glasbauten etwas nervös erwartet worden, hoffentlich kritisiert der Papst nicht zu sehr, habe es geheißen, das spiele den Brexit-Freunden in die Hände.

In der Rede selbst spricht der Papst vom „Treibsand aktueller Ergebnisse“, um „einen leichten politischen Ertrag schnell und kurzlebig erbringen“ zu können, zitiert er Evangelii Gaudium. Auch bei Amoris Laetitia warnte er sehr früh im Text vor dem zu schnellen lesen. Die Rede war lang und ausführlich, ein zu schnelles Lesen oder ein Lesen auf Problemlagen verkennt viel. Lesen wir also noch einmal und langsam.

Sala Regia im Vatikan, während der Karlspreisverleihung

Sala Regia im Vatikan, während der Karlspreisverleihung

Durch die gesamte Rede ziehen sich zwei Wort- oder Sprachfelder, die der Papst gegeneinander stellt. Da ist zum einen das Sprachfeld von Schwung, Traum, Kreativität, Dynamik, Hoffnung, Suche. Das ist einfach nachzuvollziehen das, was sich der Papst von Europa wünscht und was er in der „Seele Europas“ sieht. Das zweite Sprachfeld ist der Egoismus, sind die Zäune, Müdigkeit, alt, in sich abgeschlossen. Es sind die direkten Gegensätze zu den dynamischen Begriffen, die er mit dem Satz beginnt „Die Kreativität, der Geist, die Fähigkeit, sich wieder aufzurichten und aus den eigenen Grenzen hinauszugehen, gehören zur Seele Europas.“ Damit ist in Wort und Semantik bereits die Grundaussage vorgegeben.

Die beiden Sprachfelder bezeichnen wie so oft beim Papst Dinge, die in uns drin stecken. Versuchungen, wie er es oft nennt, auf dem Feld des sich Einschließens. Traum für das Gegenteil. Beides steckt in uns drin: „Wir Kinder dieses Traumes sind versucht, unseren Egoismen nachzugeben, indem wir auf den eigenen Nutzen schauen und daran denken, bestimmte Zäune zu errichten.“ Die beiden inneren Bewegungen stehen aber nicht gleichberechtigt nebeneinander, direkt nach dieser Äußerung wertet der Papst: „Dennoch bin ich überzeugt, dass die Resignation und die Müdigkeit nicht zur Seele Europas gehören“.

Die Analyse der Gegenwart aber ergibt etwas anderes: Die Fähigkeit, etwas Neues hervorzubringen, sei verloren gegangen, Europa sei versucht, Räume zu beherrschen statt Transformationsprozesse hervorzubringen, legt er seine berühmten Kategorien aus Evangelii Gaudium an die gesellschaftliche Situation an (EG 223). Und das führt dann zu seinen Fragen, dem Kern der Rede:

„Was ist mit dir los, humanistisches Europa, du Verfechterin der Menschenrechte, der Demokratie und der Freiheit? Was ist mit dir los, Europa, du Heimat von Dichtern, Philosophen, Künstlern, Musikern, Literaten? Was ist mit dir los, Europa, du Mutter von Völkern und Nationen, Mutter großer Männer und Frauen, die die Würde ihrer Brüder und Schwestern zu verteidigen und dafür ihr Leben hinzugeben wussten?“

 

Keine Wertedebatte

 

Es fällt auf, dass der Papst dabei nicht über das spricht, was sonst immer in Europa-Reden beteuert wird: Die europäischen Werte. Europa sei eine „Wertegemeinschaft“ und so weiter, nichts davon bei Papst Franziskus. Stattdessen eben das Wort von der „Seele Europas“. Der Papst spricht also nicht über Werte, sondern über Identitäten. Und das ist mit Blick auf die Nationalismen ja auch viel aktueller, als die doch sehr abstrakt und bürgerfern daher kommende Wertedebatte. Die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Debatten drehen sich im Kern um die Frage nach Identität, und genau hier beteiligt sich der Papst.

Deutlich wird das ganz besonders, wenn der Papst auf die junge Generation eingeht. Er spricht von der Vermittlung einer „Kultur des Dialogs“ und davon, ihnen „Werkzeuge“ in die Hand zu geben. Hier geht es nicht um ‚Werte’, abstrakte Größen, die kaum jemandem mehr etwas sagen, außer dass man sie schon tausend Mal gehört hat, meist als Zitat und Wieder-Zitat.

Nehmen wir zum Beispiel den Humanismus, den der Papst sich für Europa wünscht. Der ist kein Wert in der klassischen Sicht, sondern ein Tun, er besteht in konkreter Solidarität.

 

Sehr konkret

 

Es braucht neue Modelle für Europa. Modelle, die aus Prozessen der Transformation hervor gehen. „Radikale Veränderung“, wie es sie nach dem Krieg und unglaublich brutalen Ideologien gegeben habe und jetzt wieder brauche. „Solidarität der Tat“ sagt der Papst zwei Mal dicht aufeinander, um  dann gleich die Latte höher zu hängen: es brauche schöpferische Anstrengungen, welche der Größe der Bedrohung entsprechen. Je schwieriger die Lage, desto mehr muss man solidarisch tun. Das braucht – auch das wieder Papst Franziskus – vor allem Mut. Die Alternative ist nicht wirklich eine Alternative, auch wenn sie so aussehe:

„Die Reduktionismen und alle Bestrebungen zur Vereinheitlichung – weit entfernt davon, Wert hervorzubringen – verurteilen unsere Völker zu einer grausamen Armut: jene der Exklusion. Und weit entfernt davon, Größe, Reichtum und Schönheit mit sich zu bringen, ruft die Exklusion Feigheit, Enge und Brutalität hervor. Weit entfernt davon, dem Geist Adel zu verleihen, bringt sie ihm Kleinlichkeit.“ Weiterlesen

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„Allen in Erinnerung gerufen“

Die Überraschung hat eine lange Vorgeschichte. Als Papst Franziskus an diesem Donnerstag auf die Frage der Diakoninnen einging und eine Studienkommission zur Frage ankündigte, was es in der frühen Kirche bedeutet habe, Diakonin zu sein, war die katholische Welt perplex. Das Thema wird zwar immer wieder diskutiert, nun ist es aber ganz offiziell auf dem Schreibtisch des Papstes angekommen.

Aber wie gesagt, diese Überraschung hat eine lange Vorgeschichte. Im Dezember 2009 hatte Papst Benedikt XVI. das Kirchenrecht geändert. Das Dekret damals hieß „Omnium in Mentem“, „Allen in Erinnerung gerufen“. Es ging um Anpassungen des Kirchenrechts an den Katechismus, das Recht sollte den Glauben widerspiegeln, oder wie es der Papst 2009 selber ausdrückt: die kanonische Norm soll vervollständigt werden. Und in der Tat wird Kanon 1009 ein Absatz hinzugefügt. Dieser Absatz lautet: „Die die Bischofsweihe oder die Priesterweihe empfangen haben, erhalten die Sendung und die Vollmacht, in der Person Christi, des Hauptes, zu handeln; die Diakone hingegen die Kraft, dem Volk Gottes in der Diakonie der Liturgie, des Wortes und der Liebe zu dienen.” Damit gibt es eine wesentliche Unterscheidung des Weiheamtes.

Damals hatten wir hier in der Redaktion einen Kirchenrechtler interviewt, Erzbischof Ludwig Schick. Und der wies auf diese Unterscheidung angesprochen darauf hin, dass man die gesamte Geschichte des Diakonats im Blick behalten muss, er machte also schon 2009 das, was Papst Franziskus nun angekündigt hat.

Noch einen Schritt weiter: Papst Benedikt griff in seiner Kirchenrechtsänderung auf den Katechismus der Katholischen Kirche zurück, in dem Papst Johannes Paul II. einen Absatz geändert hatte, damit dieser besser die Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils wiedergebe. Dort sagt das Dokument „Lumen Gentium“ (29) über die Diakone, dass sie ihre Weihe „nicht zum Priestertum, sondern zur Dienstleistung empfangen“. Und auch das ist als Zitat früherer Texte angegeben. Eine lange Vorgeschichte.

Worauf Papst Franziskus nun Bezug nimmt, ist eine noch ältere Vorgeschichte, nämlich die, welche im Brief an die Römer vorkommt. Dort spricht Paulus von Phöbe, „die Dienerin der Gemeinde von Kenchreä“, griechisch „οὖσαν καὶ διάκονον τῆς ἐκκλησίας τῆς ἐν Κεγχρεαῖς” (16:1). Also ‚Diakonin’. Gleichzeitig wird das Wort für denjenigen, den wir gemeinhin als den ersten Diakon bezeichnen, also Stephanus, gar nicht gebraucht. Was das eine nun mit dem anderen zu tun hat, dass soll nun die Kommission ergründen.

 

Ein Fall von Freimut

 

Noch ein Wort zur Überraschung: Der Papst will, dass in der Kirche offen geredet wird, Parrhesia ist sein Stichwort, ‚Freimut’. Ihm ist die Rolle der Frau in der Kirche ein Anliegen, auch in der Audienz für die Ordensoberinnen, in der die Formulierung zu den Diakoninnen gefallen ist, hat er deutlich darauf Bezug genommen, Frauen sollen sowohl in Entscheidungsfindung als auch Umsetzung einbezogen werden. Das sollte auf keinen Fall auf die Frage nach Diakoninnen beschränkt werden, im Gegenteil. Die Weihe ist in der Kirche nicht alles, oder wie es Papst Franziskus in Evangelii Gaudium (102) ausdrückt: „Die Laien sind schlicht die riesige Mehrheit des Gottesvolkes. In ihrem Dienst steht eine Minderheit: die geweihten Amtsträger.”

Also, sprechen wir mit Freimut, aber vermuten wir nichts in die Debatte hinein, was vom eigentlichen Ziel ablenkt.

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Sprachfähig

Der Papst spricht viel. Auf dem Petersplatz, in Videos an Aktionen oder Personen, bei Twitter, gedruckt oder im Audio, der Papst kommuniziert. Und er tut es auf viel mehr Wegen, als wir das im Vatikan bislang gewohnt waren, und er tut es spontaner. Jemand zückt sein Mobiltelefon, der Papst spricht ein Video ein. Er lässt professionelle Videos für die Gebetsmeinungen machen. Er macht Interviews mit Jugend- und Obdachlosenzeitungen.

Twitter-Account des Papstes - auf Latein

Twitter-Account des Papstes – auf Latein

Aber das ist nur die eine Seite. Die andere Seite ist, dass er auch verstanden wird. Zuerst ist da die Sprache seiner Gesten: von Tag Eins an hat er sprechende Gesten genutzt, angefangen bei der Kleidung, den Autos, das Umarmen, das Stehen bei der Predigt, und so weiter und so weiter. Das ist eine verständliche Sprache, die nicht durch „Worte“ verwirrt wird, die in unserem normalen Wortschatz nicht vorkommen, wenn ich das mal so sagen darf.

Das Gleiche gilt auch für das, was er sagt. Er wird in seinen Sprachbildern verstanden – vorausgesetzt, man will ihn auch verstehen. Die meisten Menschen würden glaube ich intuitiv sagen, dass sie verstanden haben, nachdem sie den Papst gehört haben. Oder in unserem Fall: übersetzt gehört oder gelesen haben.

 

Großer Kommunikator

 

Auf Twitter ist der Papst ein ganz großer, sehr viele Follower, obwohl er selber gar nicht interagiert, sondern nur verschickt. Auch sind seine 140-Zeichen Kommentare nicht dazu geeignet, tief und ausführlich pastoral oder theologisch im Netz unterwegs zu sein, aber das soll Twitter ja auch gar nicht. Die kurzen Texte sind Teil einer neuen Form von Kommunikation, werden geteilt, kommentiert, kritisiert, übersetzt und so weiter und so zum Teil des Kommunikations-Netzes.

Vielleicht kann man sogar sein jüngstes ausführliches Schreiben so sehen, Amoris Laetitia, über die Liebe in der Familie. Dort behandelt er Themen, über die sonst in der Kirche eher Sprachlosigkeit herrscht. Der Papst schafft es aber, eine Sprache zu finden, die vielleicht etwas sperrig klingt, aber die nachvollziehbar ist. Eine Sprache, mit der man reden kann, wenn es um Liebe geht, die nicht romantisiert oder abstrakt wirkt, sondern lebenswirklich. Es geht ihm um die alternde Liebe, die Dimension der Erotik, es geht um Konfliktsituationen und in allem nimmt man dem Papst ab, dass er weiß, worüber er spricht. Das hat vor allem damit zu tun, dass er verstanden wird.

Der Papst ist ein großer Kommunikator. Und heute begeht die Kirche den Welttag der sozialen Kommunikationsmittel – Kirchensprache für Medien. Der Papst hat einen eigenen Text dazu verfasst.

Thema des Kommunikationssonntags in diesem Jahr

Thema des Kommunikationssonntags in diesem Jahr

Auch hier, bei der Kommunikation, braucht es eine Reform der Kirche. Wie oft wird schlicht nicht zur Kenntnis genommen, was Kirche oder was Christen zu sagen und beizutragen haben? Und zwar schlicht deswegen, weil sich Sender und Adressat verschiedener Sprachen bedienen. Papst Franziskus bringt das Sprechen über Glauben und Gott wieder in die Normalsprache zurück, ohne dass der Inhalt dabei leiden würde. Noch etwas, was wir von ihm lernen können.

 

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Preisträger Papst

Politiker verlangen Obergrenzen für Flüchtlinge. Diese oder jene Summe sei schaffbar, alles was mehr ist nicht. Diese oder jene Summe Summe stelle auch sicher, das Integration gelinge. Wo die das her haben, erschließt sich mir nicht, aber es kommt scheinbar gut an.

Ein weiterer Schnipsel Europa heute: Ungarn schulde Deutschland nichts, genauso wenig wie Deutschland Ungarn etwas schulde, so im Januar Ministerpräsident Orban in der Bild-Zeitung. Europäischer Zusammenhalt am maximalen Eigennutz, auf der Abrechnungstabelle sozusagen, gedacht.

Die Medallie zum Preis

Die Medallie zum Preis

Wenn ich solche Sätze höre, wird es immer weniger verwunderlich, dass mit Papst Franziskus jemand in dieser Woche den Karlspreis bekommt, der noch nicht wirklich mit vielen Aussagen zu Europäischer Einigung etc. hervorgetreten ist. Wer wäre denn noch in Frage gekommen? Die Grenzzäune vielleicht? Weit und breit sehe ich kaum jemanden, der auf hohem Niveau für die Einheit Europas Verdienste trägt. Und nun verweisen die Preisverleiher auf die Reden in Straßburg, die der Papst gehalten hat (November 2014 war das, Europaparlament und Europarat) und auf seine aufrüttelnden und mahnenden Worte. Aber all das weist auf das Zentrum, weist auf Politik und weist auf die Entscheider.

Wenn ich an den Papst und an Europa denke, dann fällt mir nicht als erstes Straßburg und der Papstbesuch im politischen Europa ein. Mir fallen Besuche in Sarajewo, Lesbos, Albanien und auf Lampedusa ein.

Der Papst sagt immer wieder, dass die Welt anders aussieht, wenn man sie von der Peripherie aus sieht. Die Wirklichkeit stellt sich anders da, und das sei die Perspektive, die ein Christ einnehmen müsse, denn es sei die Perspektive Christi.

 

Wohlstand, vom Rand aus gesehen

 

Von Sarajewo, Albanien, Lesbos und Lampedusa aus hat der Papst das getan. Es waren Besuche und Begegnungen, aber darüber hinaus natürlich auch Symbolhandlungen. Europa, wie es den Papst nun würdigt, sieht von dort aus anders aus. Da sind Menschen, die sehnsüchtig auf unseren Wohlstand blicken. Dieser Wohlstand ist von der Peripherie aus gesehen nicht etwas zu Verteidigendes, sondern etwas, was anderen Menschen vorenthalten wird. Albanien ist immer noch von Vendettas und Arbeitslosigkeit geprägt, der Balkan ist Route für viele Flüchtlinge zu uns. Die Augen von dort sehen ein anderes Europa.

Sie sehen Sicherheit und Chancen, sie sehen Demokratie und Toleranz, sie sehen die Abwesenheit von Waffen und Hunger, sie sehen Infrastruktur und Arbeitsplätze. Und sie wollen teilhaben daran. Und die Werbung bringt die Botschaft vom reichen Europa in alle Teile dieser Welt, kein Wunder, dass so viele Menschen glauben, wir alle lebten in dieser bonbonbunten Idealwelt.

Papst Franziskus bekommt den Aachener Karlspreis für Verdienste für die Einigung Europas. Ich denke, darin liegt eine Chance. Der genuine Beitrag des Papstes, der über Mahnungen hinaus geht, liegt in der Betonung dieser Perspektive. Europa sieht anders aus, als wir uns das vorstellen. Die Augen der Sehnsüchtigen, der Hungernden und Verfolgten, die schildern uns ein anderes Europa. Und dieses Europa – so stelle ich mir das vor – verleiht diesem Papst seinen Preis.

 

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Wie geht die wahre Reform der Kirche?

Peripherie, Priorität der Pastoral, Prozess: Die Schwerpunkte von Papst Franziskus lassen sich daran erkennen, dass er sie immer wieder klar und offen ausspricht. Diese Schwerpunkte sind aber nicht irgendwie zufällig, sie hängen zusammen. Und der Zusammenhang ist das Wort „Reform“. Eine der Quellen für Papst Franziskus ist der Dominikanerater und Theologe Yves Congar und sein Buch von der wahren Reform der Kirche, „Vraie et Fausse Réforme dans l’Èglise“ von 1950. Hier kann man nachlesen, was sich bei Papst Franziskus in seinen Schwerpunkten ausdrückt.

Dominikanerpater Yves Congar beim Konzil

Dominikanerpater Yves Congar beim Konzil (c) frz. Dominikanerprovinz

Congar entwickelt seine Idee von der wahren Reform der Kirche beim Einzelnen: Beginnend mit der Reform der eigenen Person muss man zu den überpersönlichen und kollektiven Strukturen vorstoßen. Das ist die Dynamik: vom Einzelnen weiter vorgehen. Aber darüber darf man das Zweite, die Reform der Struktur, nicht als „weniger wichtig“ abtun.

Reform setzt also nicht nur bei der Sünde an, sondern bei der Kirche, so wie sie eben in der Zeit geworden ist, sich entwickelt hat, in den Strukturen verhärtet ist oder nach neuen Ausdrucks- und Lebensformen verlangt.

 

Vier Bedingungen für die Reform

 

Das heißt, dass zwar der Satz stimmt, dass ich persönlich der Ort der Reform der Kirche sein muss – Mutter Teresas berühmter Satz was sich in der Kirche ändern muss sind Sie und ich – aber dass das nicht alles ist. Strukturen brauchen auch Reform. Theologisch würde man heute sagen, dass auch Strukturen sündhaft sein können, etwas was zu Zeiten von Congar noch nicht gesagt wurde.

Der Theologe nennt vier Bedingungen, und bei dieser Liste stütze ich mich auf das Buch von Frère Emile, „Treue zur Zukunft – Lernen von Yves Congar“. Erstens muss es vorrangig um Nächstenliebe und um Seelsorge gehen, „Die gelungenen Reformen in der Kirche sind jene, die für die konkreten Bedürfnisse der Seelen gemacht wurden,“ sagt Congar. Das bedeutet nicht, die Probleme zu verharmlosen oder ins Innere zu verlegen, das macht sie im Gegenteil erst wirklich wichtig und mächtig. Reform muss pastoral beginnen. Zweitens muss muss die Gemeinschaft erhalten bleiben, mit dem Blick auf die Lehre Christi ist das eindeutig aber bei vielen, die Änderungen wollen oder verlangen, nicht wirklich sichtbar.

Drittens geht es um eine Rückkehr zu den Quellen, „die Kirche ist, wenn man auf ihre ganze Geschichte und Tradition blickt, viel weiter und reicher, als sie oft von sich selbst weiß“, wie Karl Kardinal Lehmann mit Blick auf die Studien Congars sagt. Viertens braucht es Geduld. Nur dann endet das Ganze nicht im Schisma.

Die Energie, die die Kirche in der sich verändernden Welt braucht, um wachsen zu können – wieder greife ich Frère Émile auf – stammt vom Rand, von der Grenze. Congar sagt, „dass wir sie aus dem Kontakt mit den anderen schöpfen und aus dem, was wir von ihnen übernehmen.“ (aus dem zitierten Buch, S. 87). Das ist also die Peripherie, von der die Reform ausgeht. Der Blick auf die Welt ändert sich, wenn ich vom Rand aus blicke, sagt Papst Franziskus, das gibt die nötige Energie für die Reform, sagt Congar.

Das sind die vier Bedingungen für die Reform: Primat der Pastoral, in und für die Gemeinschaft, im Rückgriff auf die Quellen mit der Energie, die von den Rändern kommt.

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Notstand?

In der vergangenen Woche war ich in Wien. Freunde hatten mich zu einem Konzert eingeladen, ich habe mich mit dem Caritas-Chef unterhalten, mit meinen Mitbrüdern und bin ein wenig durch die Stadt gelaufen. Was man halt so macht, wenn man nicht viel Zeit hat, aber die Stadt schon ein wenig kennt.

Es wie auf einem anderen Planeten, dass ich jetzt lese und höre, dass man in Österreich von „Notstand“ spricht. Die Republik kann in Zukunft angesichts der Flüchtlingskrise einen „Notstand“ ausrufen und die Grenzen einfach dicht machen, kein Recht auf Asyl mehr für niemanden.

Das passt so gar nicht zusammen. Ein reiches, ruhiges, von Touristen besuchtes und so überhaupt nicht auf der Kippe befindliches Land, und dann redet man von „Notstand“. Das mag alles symbolisch gemeint sein, aber jetzt ist das Wort da, vom Parlament legitimiert, und irgendwann wird sich jemand daran erinnern und das mal ausprobieren. Das reiche Europa fühlt sich im „Notstand“, wenn die armen Menschen aus den Kriegsgebieten an die Tür klopfen.

Worte haben Macht und Wucht und Wirklichkeit, dieses Wort geht so schnell nicht mehr weg. Und es verdirbt die politische Atmosphäre. Noch mehr, als sie es ohnehin schon ist.

 

3.000 Kinder

 

Gleichzeitig starrt Italien auf den Brenner, also die Verbindung zwischen Tirol und Tirol (dem italienischen und dem österreichischen Teil). Das Ding soll auch dicht gemacht werden. Ist ja auch logisch, jetzt wo die Balkanroute zu ist, kommen die Flüchtlinge wieder vermehrt über das Mittelmeer, diejenigen die nicht ertrinken jedenfalls. Und da muss man dann halt einen Zaun bauen. Oder Kontrollen einführen.

Das Schengen Abkommen lässt das aber nur zu, wenn  „eine ernsthafte Bedrohung der öffentlichen Ordnung oder inneren Sicherheit“ vorliegt. Und dann auch nur auf Zeit. Und da reckt es sich wieder hervor, das hässliche Wort „Notstand“.

Nun soll Österreich nicht alles abbekommen, blicken wir also nach Großbritannien. Dort hat am Montag das Parlament ein Zusatzgesetz abgelehnt – wenn auch knapp – welches das Land gezwungen hätte, 3.000 Flüchtlingskinder ohne Begleitung aufzunehmen. Kinder. Alleine. Aus Kriegsgebieten. Abgelehnt. Man wolle keine Situation schaffen, in der Familien eine Chance darin sehen würden, Kinder alleine loszuschicken. Das ist an Zynismus kaum zu überbieten.

Zugegeben, ich kenne die politischen Zusammenhänge nicht und weiß, dass solche Maßnahmen viele verschiedene Dimensionen haben, aber es ist eben auch symbolisch und emotional. Und wer das nicht weiß und nicht einkalkuliert, der handelt heutzutage grob fahrlässig. Das Wort „Notstand“ wird in GB nicht gebraucht, es ist schlimmer, man macht das ohne Verweis auf eine eigene Not.

Was geht da gerade mit unserer politischen Atmosphäre vor? Wo ist die große Geste, welche Angst überwindet? Dass es Angst gibt, ist mehr als deutlich. Aber wo ist die Politik, die damit umgehen kann, die nicht nur hinterher rennt, die dem auch noch Namen und Legitimation gibt, gegen Menschen die wirklich Not leiden?

Das Wort „Notstand“ ist nun erst mal da. Und wird aus den Köpfen auch nicht so schnell wieder weg gehen. Ich finde das furchtbar.

 

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