Der synodale Prozess … was bisher geschah

Lesern dieses Blogs wird der Gedanke nicht fremd sein, dass „Dynamik“ einer der zentralen Begriffe ist, der hier zur Erklärung des Papstes und seiner Anliegen Verwendung findet. Dynamik in der Sprache, in der Haltung, bis hin zur „ständigen Haltung des Aufbruchs“, die der Papst selbst in Evangelii Gaudium als seine Absicht und sein Ziel beschrieben hat.

Das kann man auch im synodalen Prozess zu Ehe und Familie erkennen. Das kann man in den Synodenversammlungen erkennen. Und man muss kein Prophet sein um zu vermuten, dass Papst Franziskus sich treu bleiben wird und diesen Grundzug auch im Postsynodalen Schreiben erkennbar machen wird.

Um diesem synodalen Prozess zu Familie und Ehe auf die Spur zu kommen, möchte ich ihn anhand dieses Dynamik-Begriffs noch einmal nachzeichnen. Daran lassen sich die wichtigen Themen und Perspektiven identifizieren und damit lässt sich dann auch das Abschlussdokument des Papstes im Licht dessen, was geschehen ist und gesagt wurde, besser lesen und verstehen.

 

Prolog

 

Es begann mit einem Kardinal. Papst Franziskus hatte Ende Februar 2014 die Kardinäle nach Rom geladen, um neue Kardinäle zu erheben, es fand also ein Konsistorium statt. Diesem feierlichen Akt schaltete der Papst einen Studientag vor, nachdem er bekannt gegeben hatte, dass er zwei Versammlungen der Bischofssynode zum Thema Ehe und Familie abhalten wollte. Und für das Impulsreferat hatte der Papst Kardinal Walter Kasper gebeten, einen Text vorzubereiten.

Papst Franziskus leitet das Morgengebet bei der Bischofssynode in rom

Morgengebet bei der Synode

Von Anfang an ist also klar, dass der Papst einen Prozess will, eine Debatte. Auf den Einwand von Kardinal Kasper, er müsse intellektuell redlich dann auch über Dinge sprechen, die mindestens kontrovers seien, habe der Papst geantwortet, genau das wolle er. Nicht, dass damit klar ist, dass der Papst hinter dem Vorschlag steht. Aber er wollte die Debatte, komplett mit den kontroversen Themen. Der Papst spielt nicht auf Sicherheit.

Mit dem Name Kardinal Kasper verbindet sich aber gleich von Anfang an auch eine Verhärtung, die der Absicht des Papstes diametral entgegen steht. Man unterstellt Kasper alles möglich, bis hin zu Häresie. Er wolle die Lehre ändern und so weiter. Und anstatt auf die Frage zu antworten, die der Kardinal stellt, behandelt man es – in der Kirche wie in gewissen Medien – als ein Projekt, als Antwort, als Quintessenz einer „deutschen“ Theologie. Insgesamt vor allem was die Blogoshpere angeht ein sehr unappetitlicher Vorgang.

Außerdem gibt es auch gleich zu Beginn eine Verengung der Breite der Debatte auf eine Frage, maximal auf zwei: Erstens Wiederverheiratete Geschiedene und ihr Zugang zu den Sakramenten und zweitens Homosexualität. Ersteres liegt nahe, denn auch der Kardinal hatte das ja genannt, aber die ganzen anderen Themen der Pastoral zu Familie und Ehe werden schnell zu Gunsten dieser zugegeben schwierigen Themen an den Rand gedrängt. Alles soll sich an diesen zwei Fragen entscheiden. Eine Verengung.

Fragen wir den Papst, wie er auf das Thema Familie blickt. Direkt vor Beginn der ersten Versammlung der Synode hatte er in Rio de Janeiro, beim Weltjugendtag, zu Jugendlichen gesprochen: „Es wird gesagt, die Ehe sei heute „aus der Mode“ gekommen. Ist die Ehe aus der Mode gekommen? [Nein…]. In der Kultur des Provisorischen, des Relativen predigen viele, das Wichtige sei, den Augenblick zu „genießen“, sich für das ganze Leben zu verpflichten, endgültige Entscheidungen „für immer“ zu treffen, sei nicht der Mühe wert, denn man weiß ja nicht, was das Morgen bereithält. Ich hingegen bitte euch, Revolutionäre zu sein; ich bitte euch, gegen den Strom zu schwimmen; ja in diesem Punkt bitte ich euch, gegen diese Kultur des Provisorischen zu rebellieren, die im Grunde meint, dass ihr nicht imstande seid, Verantwortung zu übernehmen; die meint, dass ihr nicht fähig seid, wirklich zu lieben. (..) Habt den Mut, „gegen den Strom zu schwimmen“. Und habt auch den Mut, treu zu sein.“

Das ist nicht die Perspektive, in der in unseren Breiten auf das Thema Familie geschaut wird. Aber man muss sie im Blick haben, um zu verstehen, um was es gehen soll.

Im Vorgriff auf später darf ich schon mal aus der ersten Versammlung der Synode zitieren: Wenn es um Familie geht, dann soll man bitte nicht ins Schlafzimmer schauen, sondern ins Wohnzimmer. Also weniger Fixierung auf Sexuaralmoral, bitte.

 

Erster Akt: Vorbereitung

 

Hauptdarsteller dieses ersten Aktes – um im Bild zu bleiben – ist der Fragebogen. Der Vatikan hatte ihn versandt, um … ja warum eigentlich? Es gab viel Verwirrung um diesen Fragebogen.

Zuerst steht er einmal dafür, was der Papst „die Wirklichkeit ist wichtiger als die Idee“ nennt. Die Realität der Lebenssituationen der Menschen soll abgefragt werden. Dahinter liegen gleich auch Fragen: Ist die Wirklichkeit ein theologischer Ort, darf sie Wahrheit bestimmen? Und wenn ja, wie? Das alles wurde mit dem ungewöhnlichen und überraschenden Instrument des Fragebogens eher angerissen denn beantwortet. Dementsprechend hilflos fielen die Reaktionen darauf aus.

Der Fragebogen stößt aber auch praktisch schnell an Schwierigkeiten. Wir hier sind quantitative Meinungsumfragen gewohnt, sie sind Teil unseres politischen und medialen Geschehens. Das ist aber nicht auf er ganzen Welt so. Und wie will ich die Antworten aus sagen wir Österreich mit denen aus Uganda vergleichen? Chile? Indien? Weiterlesen

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Untergraben

Immer wieder bekommen wir hier bei Radio Vatikan Post und vor allem Emails, ab und zu auch Kommentare bei Facebook, die behaupten, AfD und Konsortien würden christliche Positionen vertreten. Dagegen kann man viel sagen und zitieren, ich möchte einfach nur ein Zitat anführen, eines von vielen, das mir bei der Vorbereitung der Sendungen für Drei Jahre Papst Franziskus noch mal in die Hände gefallen ist.

Das nicht, um hier einfach ein Zitat aufzukleben und das Autoritätsargument zu bemühen. Sondern um zu zeigen, dass man als Christ besonnen reden kann und muss. Und um zu zeigen, was hier gerade auf dem Spiel steht.

„Die augenblickliche Migrationswelle scheint die Fundamente jenes „humanistischen Geistes“ zu untergraben, den Europa von jeher liebt und verteidigt. Dennoch darf man sich nicht erlauben, die Werte und die Prinzipien der Menschlichkeit, der Achtung der Würde eines jeden Menschen, der Subsidiarität und der gegenseitigen Solidarität aufzugeben, auch wenn sie in einigen Momenten der Geschichte eine schwer zu tragende Bürde sein können. Ich möchte daher meine Überzeugung bekräftigen, dass Europa, unterstützt durch sein großes kulturelles und religiöses Erbe, die Mittel besitzt, um die Zentralität der Person zu verteidigen und um das rechte Gleichgewicht zu finden in seiner zweifachen moralischen Pflicht, einerseits die Rechte der eigenen Bürger zu schützen und andererseits die Betreuung und die Aufnahme der Migranten zu garantieren.“

Ansprache vor Diplomaten zum Neujahrsempfang 2016.

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Umkehr und Reform: Drei Jahre Franziskus

An diesem Sonntag sind es nun schon drei Jahre, die Jorge Mario Bergoglio Papst ist. Und eigentlich ist das ein Zeitpunkt zu dem viele Kolleginnen und Kollegen Resümees schreiben, Rückblicke, die Erwartungen noch einmal formulieren und so weiter.

Im vergangenen Jahr war das auch so, angehängt an das Zitat von den Karnickeln wurde so einiges zum Zwei-Jahres-Tag geschrieben. Dieses Jahr ist da wenig. In den innerkirchlichen Medien ja, aber außerhalb? OK, es gibt die Wahlen in Deutschland heute, es gibt die Flüchtlinge und die alles verdrängende US-Wahl samt Show, aber trotzdem wäre eigentlich Platz und Zeit.

Immer noch der Beste Ausdruck dessen, wofür der Papst steht (c) Herder Verlag

Immer noch der Beste Ausdruck dessen, wofür der Papst steht (c) Herder Verlag

Aber gut, die News-Cycles – wie man das auf schön Neudeutsch nennt – sind halt unberechenbar. Dabei gäbe es so einiges. Die bevorstehende Veröffentlichung des Papiers zum synodalen Prozess zu Ehe und Familie zum Beispiel, zur nicht abflauenden Reisetätigkeit des Papstes, zu seinem Alter und immer wieder geschürten Gerüchten über Rücktritt oder nicht-Rücktritt. Man könnte über die Vatikan Reform schreiben und die Frage, ob und wie und wann nun was kommt und dass das jetzt – wieder mal ‚jetzt‘ – endlich – wieder mal ‚endlich‘ – umgesetzt wird. Man könnte über die Spannungen schreiben, die er in der Kirche auslöst, der Papst bringt ja Unruhe mit sich. Und will das ja ganz explizit auch.

Das alles könnte man schreiben. Stattdessen möchte ich es bei zwei Worten belassen, die ich schon im Titel genannt habe. Umkehr und Reform. Wenn ich mein Denken über diesen Papst zusammenfassen sollte, eingedampft und auf zwei Worte beschränkt, dann wären das diese beiden Worte. Barmherzigkeit könnte man auch sagen, aus sich heraus gehen, Zärtlichkeit: wir haben in der Redaktion eine ganze Reihe von Zentralbegriffen identifiziert und in der vergangenen Woche auch eine kleine Reihe dazu gemacht. Aber das war bewusst eher beschreibend.

Reform und Umkehr sind eher analytische Begriffe. Ja, der Papst nennt sie selber auch, aber sie kommen bei weitem nicht so oft vor wie Barmherzigkeit und Zärtlichkeit. Trotzdem sind sie irgendwie das Rückgrat des Pontifikates.

 

Das Eine und auch das Andere

 

Und es sind nicht zwei Kapitel, zwei Abteilungen, zwei Absichten, es sind die sprichwörtlichen zwei Seiten derselben Medaille. Wenn man sich die eine Seite anschaut, gerät die andere etwas aus dem Blick. Wer nur geistlich schaut, wird die Notwendigkeit der Reform nicht betonen und wer nur an Vatikan-Geschichten interessiert ist, wird die Spiritualität und die Notwendigkeit einer inneren Haltungsänderung verpassen.

Beide sind nicht voneinander zu trennen, sind aber nicht das Gleiche.  Man kann die Reform nicht von der Person in die Struktur verlagern, es braucht das, was die Bibel ‚Umkehr‘ nennt, das Gewissen, das Gebet, die eigene Haltung, das was im Tagesevangelium von heute so wunderbar gesagt wird: Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein. Man kann aber auch nicht die notwendigen Änderungen von der Struktur auf die Person schieben, alles geistlich betrachten als hätte das alles keine realen Folgen.

Wir sehen das seit drei Jahren hier im Vatikan und auf dem Petersplatz und bei den Reisen. Und weil da noch einiges zu tun ist, werde ich es an dieser Stelle den Kolleginnen und Kollegen gleich tun und kein Resümee zu ziehen versuchen. Ist ja auch zu spannend, um es in eine Dose zu packen.

Also, auf viele weitere Jahre, ad multos annos, Papst Franziskus.

 

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„Der Gegensatz“: Bergoglio liest Guardini

Als Jorge Mario Bergoglio 1986 nach Deutschland kam, hatte er das Projekt einer Promotion im Kopf. Die Idee war, in Frankfurt über Romano Guardini zu arbeiten, einen in Italien geborenen deutschen Denker, Religionsphilosophen und Theologen. Schon während seiner Noviziatszeit habe er eine Ausgabe von Guardinis „Der Herr“ auf dem Bücherbrett stehen gehabt, berichten Mit-Novizen.

Guardini geht es um die konkrete Welt. „Der Gegensatz“ müht sich um einen Weg, das Konkrete erfassen zu können, es wissenschaftlich behandeln zu können ohne es in den abstrakten Begriff aufzugeben, also es konkret zu belassen. Das ist die Idee hinter seinem Projekt. Es ist ein „existenzielles“ und zugleich sehr „praktisches“ Anliegen, wenn man philosophiegeschichtliche Kategorien aufkleben will.

„Gegensatz“ darf dabei nicht mit „Widerspruch“ verwechselt werden, genau hier liegt der Punkt. Es geht um eine Wechselwirkung, wie er später, nachdem er schon aus Deutschland zurück war, in einem Vortrag erklärt.

Einen „Gegensatz“ nennt er, wenn zwei Momente einander ausschließen und doch wieder verbunden sind und einander geradezu voraussetzen, wie er schreibt. Statik und Dynamik sind so ein Gegensatzpaar, Dauer und Strömen, Stand und Wandel, Einzelheit und Ganzheit, Schaffen und Verfügen. Das eine kann ohne das jeweils andere nicht sein. „Nicht Synthese also zweier Momente in einen dritten“, das ist Guardini ganz wichtig. Die Gegensätze bleiben Gegensätze.

 

Gegensatz, nicht Widerspruch

 

Guardini beginnt immer damit, dass er fragt, als was sich das Leben selber erfährt. Als Zusammenhang, als gegliedert, als Handeln, als bezogen und so weiter. Und von dort aus sucht er das Gegensatzpaar, was dem entspricht. Dass er mit der Frage nach dem Lebendigen beginnt, hat mit der Ausgangsfrage zu tun, wie oben angedeutet. Er will das „lebendig Konkrete“ fassen. „Das Konkret-Lebendige ist als Einheit gegeben. Aber als eine Einheit, die nur in dieser Weise, als gegensätzliche, möglich ist,“ wie er sagt.

Die Gegensätze lassen sich nicht logisch fassen, also in Begriffe, denn es handelt sich ja um das Lebendige. Sie lassen sich nur beschreiben und ansprechen. Sie lassen sich nicht aufheben in größere Zusammenhänge oder aus ihnen ableiten.

„Guardini hat seine Methode zur Realisierung einer Vision entwickelt, die den Dingen Raum gibt“, erklärt ein Schüler von Jorge Mario Bergoglio, Jesuitenpater Diego Fares, den Ansatz. Man muss sie nicht festlegen, man muss ihnen nicht das „Lebendig-Konkrete“ nehmen. Und so kann man auch den Anderen, den Gegenüber, als lebendig-konkret ansehen, ohne ihn einzuordnen.

 

Einheit im Austausch

 

Dass der Papst sich selber zu Guardini äußert, ist aber selten. Eine Ausnahme war die Audienz für die Guardini Stiftung, im November vergangenen Jahres. In wenigen Worten zeichnet er das Grundanliegen des Theologen nach und zitiert ihn: „Im schlichten Entgegennehmen des Daseins aus Gottes Hand vollzieht sich der Umbruch aus dem eigenen Willen in den Willen Gottes hinüber; so wird, ohne dass das Geschöpf aufhörte, nur Geschöpf, und Gott aufhörte, wirklich Gott zu sein, lebendige Einheit“. Dann weiter: „Das ist der tiefgründige Blick Guardinis. Er hat wohl seinen Ursprung in seinem ersten metaphysischen Werk Der Gegensatz. Für Guardini ist diese „lebendige Einheit“ mit Gott in den konkreten Austausch der Personen mit der Welt und den Mitmenschen eingebettet. Der Einzelne erfährt sich verwoben mit einem Volk, einem „ursprünglichen Zusam­menhang von Menschen, die nach Art, Land und geschichtlicher Entwicklung eins sind“. Dem Papst geht es hierbei um den Begriff „Volk“, aber auch hier sieht man einen der „Gegensätze“, Einzeln und Einheit. Weiterlesen

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Der französische Papst

„Meine Spiritualität ist französisch”. Ein persönliches Bekenntnis von Papst Franziskus soll noch nachgetragen werden, am vergangenen Samstag hatte er die französische Gruppe, ‚Poissons Roses’ getroffen, das Stichwort „arabische Invasion“ hat die Debatte völlig zugedeckt.

Aber seine „französische Spiritualität“ finde ich interessant genug, um sie zumindest hier noch mal zur Sprache zu bringen. Pierre Favre SJ und Louis Lallemant SJ, zwei Jesuiten und Klassiker der Spiritualität des Ordens, nennt der Papst beim Namen, Favre kann als Franzose durchgehen, obwohl seine Heimat Piemont heute Italien ist. Dann zählt er Henri de Lubac SJ und Michel de Certeau SJ auf, zwei Jesuiten des vergangenen Jahrhunderts.

„Für mich ist de Certeau bis heute der größte Theologe“, zitiert La Vie aus der Papstansprache vom Samstag. Ein als Kulturphilosoph wahrgenommener Denker als der größte Theologe? Da ist noch viel Spielraum für Papst-Studien.

Wer hat Lust?

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Invasion und kulturelle Bereicherung: Papstworte

„Arabische Invasion”. Mehr braucht es nicht, um mal wieder einen Papst-Satz durch die Medien zu treiben. Mehr wird auch über die Unterredung vom vergangenen Samstag gar nicht berichtet, dabei ist der Artikel im Osservatore Romano und in der Zeitschrift La Vie – wo das Original erschienen ist – umgerechnet mehrere Seiten lang. Nur die eine Formulierung und alle wundern sich wieder.

Ceterum censeo – bitte entschuldigen Sie, wenn ich mich hier immer wiederhole – man muss den Papst in der Sprechsituation und im Zusammenhang hören oder lesen, seine Sätze funktionieren als Kommunikation mit den Menschen, die vor ihm stehen oder sitzen, nicht als allgemeingültige Aussagen für alle Menschen immer und überall, schon gar nicht wenn es nur einige Worte sind, die heraus genommen werden.

Papst Franziskus - bitte immer ganz zuhören!

Papst Franziskus – bitte immer ganz zuhören!

Dabei ist das Ganze vom Papst angeschnittene Thema sehr spannend. Wohin geht Europa? Immerhin hatte er mit einer französischen Gruppe gesprochen, da liegt das Thema nahe. Vor allem ist das auch deswegen interessant, weil sonst wenig zum Thema Europa zu hören ist, wie immer wieder gesagt wird. Also: Wie kann man auf die geistliche Krise Europas antworten? Wie kann man der Moderne begegnen, auch kritisch begegnen, ohne reaktionär zu werden? Wie gehören Spiritualität und Politik – im weiten Sinn des Wortes verstanden – zusammen? Darum ging es dem Papst.

 

Berufung Europas

 

Es war eine recht lange Ansprache, berichtet La Vie, so lang dass der Papst an einer Stelle aufstand um Wasser zu holen – nicht für sich selbst, sondern für die Übersetzerin. „Emmanuel Lévinas hat seine Philosophie auf die Begegnung mit dem Anderen gegründet, der Andere hat ein Gesicht. Man muss aus sich heraus gehen, um es zu betrachten.“ Es sind solche Sätze, die einen wünschen lassen, dabei gewesen zu sein. Da kommen Dinge zusammen, seine philosophischen Interessen, seine geistliche Haltung, sein pastorales Tun.

Europa sei der einzige Kontinent, welcher der Welt eine gewisse Einheit geben könne, so der Papst zum Thema Globalisierung. „China hat vielleicht die ältere Kultur, aber Europa hat eine Berufung zur Universalität und zum Dienst.“ Da soll noch mal jemand sagen, der Papst ‚vom Ende der Welt’ mache sich keine Gedanken zu Europa.

In Straßburg, bei den Institutionen Europas, hatte er schon Reden dazu gehalten, damals hatte er Europa mit einer müden alten Frau verglichen, nicht zur Begeisterung der Europa-Fans. Könne man das wieder rückgängig machen, so die Frage am vergangenen Samstag? „Ja, unter einigen Bedingungen.“ Wenn Europa sich verjüngen wolle, „dann muss es die eigenen kulturellen Wurzeln wieder entdecken.” Ein Gedanke, der nicht neu ist, den wir bei Benedikt XVI. und bei Johannes Paul II. aus Papst-Mund auch schon gehört haben. Aber dann wieder echt Franziskus: „Unter allen Ländern des Westens hat Europa die stärksten und die tiefsten Wurzeln. Durch die Kolonisierung haben diese Wurzeln auch die Neue Welt erreicht. Aber weil es seine eigene Geschichte vergisst, wird Europa schwach. Und es riskiert, ein leerer Ort zu werden.“

 

Das Zitat

 

Aber nehmen wir uns das Zitat vor, das im Augenblick Aufmerksamkeit findet. „Wir können heute von einer arabischen Invasion sprechen. Das ist eine soziale Tatsache,“ gibt La Vie wieder. Der Papst habe da aber sofort anfügt, dass die Theoretiker der extremen Rechten, die Angst vor der großen Vertreibung und Verdrängung schürten, enttäuscht werden. „Wie viele Invasionen hat Europa nicht schon in seiner Geschichte gesehen!“, da ist wieder die Verbindung zum vorher gesagten, Europa müsse seine Geschichte kennen. Weiterlesen

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Die Ernte

Seit einiger Zeit beobachte ich mit Faszination das Phänomen der US-amerikanischen Tea Party Bewegung. Für US-Geschichte hatte ich schon immer einen Faible, zu beobachten wie eine neue irgendwie politisch zu nennende Bewegung sich mit Bezug auf die eigene Geschichte bildet und im Land wichtig zu werden beginnt, ist spannend. Es lohnt sich auch mit Blick auf Pegida und AfD, genauer hin zu schauen. Das Ganze ist nur bis zu einem gewissen Grad vergleichbar, aber immerhin.

Vor Jahren habe ich auch begonnen, mich intensiver mit den Tea-Party Leuten zu beschäftigen, es gibt eine ganz gute Literatur darüber. Die Bewegung ist unhistorisch, weil sie sich selber eine Geschichte zurecht legt, die so nie bestanden hat. Sie ist irrational, weil sie mit Vernunftargumenten nicht umgehen kann. Und im strengen Sinn des Wortes ist sie unpolitisch, weil sie keine Kompromisse eingehen will, und was ist ein demokratisch organisierter Staat anderes als ein Kompromiss all derer, die dort leben und ihre Stimme abgeben. Sie wollen alles, radikal.

Über Sarah Palin haben wir noch alle gelacht, mittlerweile ist uns das aber vergangen.

„Die Republikaner haben nicht erst mit einem Versäumnis vor Wochen den Weg für Trump geebnet. Sie haben jahrelang Misstrauen in Staat und Politik gesät. Trump erntet nur.” Ein sehr kluger Kommentar in der FAZ, wie ich finde, der zeigt wie die Zersetzungskraft der populistischen Bewegungen eben nicht vorüber zieht, sondern an der Substanz einer ganzen Partei genagt hat.

 

Zersetzend

 

Warum ich das hier anbringe? Weil Zersetzungskraft etwas ist, was auch wir ganz gut können, wir Kirchen-Leute, wir Interessierte, wir Engagierte. Lange Jahre gab es eine unheilvolle Faszination mit einer rechtsradikalen Internetseite, die sich Kreuz.net nannte. Alle fanden sie schlimm, aber alle haben sie gelesen. Auch heute noch gibt es Seiten, und nicht nur in den USA, die auf das Gefühl gehen, die Sorge, und das alles populistisch ausbeuten.

Das ist nicht konservativ, wenn wir diesen Begriff hier nutzen wollen. Das ist auch nicht traditions-wahrend, auch wenn diese Seiten so daher kommen. Wie eine „catholic tea party“ sind diese Bewegungen und Seiten a-historisch, weil es die Kirche, die sie zu schützen vorgeben, so nie gegeben hat. Sie ist „un-politisch“, weil sie sich mit anderen Argumenten nicht auseinander setzen wollen sondern im Konflikt immer auf den Mann oder die Frau gehen, nicht auf die Vernunft. Deswegen sind sie auch un-vernünftig und irrational.

Das Stichwort ist „Misstrauen“. Wer jahrelang dieses Misstrauen in alles streut, was die Gemeinschaft trägt, wer grund-katholische Kirchenvertreter als „häretisch“ abstempelt, wer Menschen angeht statt Argumente, der wirkt zersetzend.

Und irgendwann kommt dann die Ernte.

 

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Danke, Federico Lombardi

Wie man ihn kennt: Papstsprecher Federico Lombardi SJ

Wie man ihn kennt: Papstsprecher Federico Lombardi SJ

Wer ihn kennt, kennt ihn als Sprecher des Papstes und des Vatikan: Jesuitenpater Federico Lombardi. Er hatte neben diesem Job aber auch einen zweiten: Er war Generaldirektor von Radio Vatikan. Genau genommen war er sogar zuerst unser Direktor, bevor er Papstsprecher wurde.

An diesem 29. Februar ist nun sein letzter Arbeitstag bei uns. Nicht als Papstsprecher, da bleibt er uns erhalten. Aber im Zuge der Reform der Vatikanmedien werden auch die Leitungsstrukturen umgebaut.

Er war mein Chef, seitdem ich hier bin. Ein ruhiger, gelassener, auch unter großem Druck erst einmal nachdenkender Chef. Einer, zu dem man auch mit gemachten Fehlern kommen konnte und der dann erst mal lachte. Ein Chef, der mit der von außen kommenden Kritik an uns richtig umgehen konnte.

Nicht nur weil er in Frankfurt studiert hatte und deswegen unsere Sprache spricht, nicht nur weil er an der Würzburger Synode teilgenommen hatte, versteht er die deutschsprachige Kirche gut. Manchmal sind wir eben anders als der Rest der Welt, wir haben eine andere historisch gewachsene Form des Katholizismus, das versteht Lombardi und hat uns in der Redaktion immer unterstützt. Wir durften sehr oft bei den Papstreisen dabei sein, er hat unsere Sonderaktionen wir den Newsletter oder diesen Blog hier, die es beide so nicht noch mal im Radio gibt, immer unterstützt. Er war ein guter Chef.

Auch als Papstsprecher habe ich ihn nah erleben dürfen, bei fünf Synoden war ich dabei, nicht zu vergessen die Papstreise nach Deutschland 2011, bei der ich im Papstflieger war. Aber mein täglich Brot war dann doch der Generaldirektor.

Ruhestand kann man das nicht nennen, wie gesagt, er bleibt Papstsprecher und das ist sicherlich allein schon ein volles Horn an Arbeit. Trotzdem hoffen wir alle, dass es ihm gut tut, dass sich nicht mehr alles auf einem seiner vielen Schreibtische häuft.

Danke, Federico Lombardi, und jetzt geht es auf in die Reform.

 

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Kopfschütteln

Italien bekommt in diesen Tagen eine gesetzliche Regelung für gleichgeschlechtliche Partnerschaften. Die EU findet das gut und lobt Italien dafür, andere Kreise schreien ihren Protest in die Welt.

Wenn ich mich so in der bonbon-bunten Welt der Medien umschaue, dann kann man wunderbar sehen, wie irre die Berichterstattung manchmal wird. Da sind die einen, die sagen, die Katholische Kirche und vor allem der Sekretär der Bischofskonferenz Italiens Bischof Nunzio Galantino hätte Kirche, Lehre und/oder Jesus Christus verraten und einem Kompromiss zugestimmt, wo kein Kompromiss möglich sei. Es sei ein Sieg der Antikirchlichen gewesen.

Dann gibt es die anderen, die sagen, Ministerpräsident Renzi sei vor der Kirche auf die Knie gegangen und hätte zugelassen, dass das nicht ‚Ehe’ genannt werde und dass es kein Adoptionsrecht gibt. Ein Sieg der Kirche also, meistens über die Vernunft oder den Fortschritt.

Was für ein komischer Planet das doch manchmal ist. Lesen wir zur Beruhigung ein wenig Schiller: „Von der Parteien Gunst und Hass verwirrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte.“ Wobei dieses Mal nicht Wallenstein gemeint ist, auf den das Zitat gemünzt war, aber das ist auch so verständlich. Oder einfacher: wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es heraus.

 

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AfD auf die Bühne?

Reden oder nicht reden? Der Präsident des ZdK, Thomas Sternberg, sagt dem Domradio, dass man mit der AfD nicht das Podium teilen sollte, weil man die dann erst satisfaktionsfähig machen würde. Das begründet die Absage an diese Partei für den Katholikentag. In Sternbergs eigenen Worten: „Von einem Herrn Höcke würde kein Mensch reden, wenn er nicht bei Günther Jauch aufgetreten wäre“. Und auch wenn die Debatte groß ist und es andere Meinungen dazu gibt, teile ich das: Mit den Menschen reden, die Partei aber nicht auf den Schild heben. Aber das Argument dazu reicht mir irgendwie noch nicht.

Über das medien-taktische hinaus spüre ich ein großes Unwohlsein, wenn ich die Attacken der AfD betrachte. Wenn die im Thüringer Landtag einen Antrag einbringen, der christliche vor muslimischen Flüchtlingen schützen soll und so das Christliche gegen den Islam auzuspielen suchen, die Kirchen täten selber nicht genug, etc. Da ist mehr als nur die Frage, ob man die öffentlich Ernst nehmen muss. Da ist Gewalt.

Mein Unwohlsein hat mit dieser Gewalt zu tun. Ich darf Roger Willemsen zitieren, aus einem Interview vor einem Jahr: „Jede Situation, in der Ressentiment, pauschale Ablehnung, Vorurteil dominiert ist latent gewalttätig.“ Und: „Die antimuslimische Stimmung bekommt dabei inzwischen auch bei uns bisweilen etwas verdeckt Gewaltsames.“ (Zitiert von Manfred Bissinger bei einer Trauerrede für Willemsen). Das drückt es gut aus. Es war nicht auf die Situation hin gesprochen, ist deswegen auch nicht taktisch gemeint.

 

Das Thema ist Gewalt

 

Es geht um Gewalt, um das Erzeugen und leben aus der Gewalt. Jetzt würden wahrscheinlich einige Leute sagen, dass seien keine Vorurteile, sondern Fakten und so weiter. Was nicht stimmt. Es geht um Stimmung, um Bauchgefühl, um Ressentiment, um Stimmung.

Das Gegenargument: Nur wenn sich die Vertreter der Partei öffentlich zeigen dürfen, demaskieren sie sich. Nur dann könne man sehen, was sie wirklich sagten. Wenn man sie nicht ans Licht zerre, dann würden sie im dunkeln weiter machen.

Das stimmt zwar, ist aber als Argument nur die halbe Wahrheit. Denn Herr Jauch hatt den AfD Vertreter ja nicht deswegen in seine Talk-Show geholt und ihn die Deutschlandfahne zeigen lassen, weil er eine Demaskierung wollte. Er wollte Fernsehen machen.

Es geht um Gewalt, dabei bleibe ich. Und zwar nicht erst, wenn Häuser brennen und Leute applaudieren. Schon lange vorher. Und der Gewalt darf keine Bühne gegeben werden.

 

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