Noch einmal: Es gibt immer eine Tür, die nicht ganz zu ist

Alle haben sie das Zitat gebracht: „das ist nicht christlich“. Es war ja auch das erste Mal, dass Donald Trump – damals noch Kandidat für die US-Präsidentschaft – und Papst Franziskus sich medial begegnet sind. Es ging um die Mauer nach Mexiko, und während der Papst auf das Bauen von Brücken setzt, will Donald Trump die Mauer haben. Papst Franziskus hatte sich beim Rückflug von Mexiko geäußert, Donald Trump dann bei einer Wahlkampfveranstaltung geantwortet.

Beginn des Gesprächs im Vatikan

Beginn des Gesprächs im Vatikan

Brücken will der Papst auch zum US-Präsidenten bauen, es gebe immer eine Tür, die nicht ganz geschlossen sei, kommentierte er seine Erwartungen an das Gespräch an diesem Mittwoch.

Ansonsten erfuhr man relativ wenig über die beiden im Vorfeld. Ich habe mir heute Morgen den Spaß gemacht und – online – durch die Medien geklickt, da war sehr wenig Substanz.

Die weniger intelligenten Kollegen meinten, den Apostolischen Palast wahlweise mit Trump Tower in New York oder seinem vergoldeten Golf-Resort in Florida vergleiche zu müssen, „da gebe es doch Anknüpfungspunkte“ meinte Spiegel online. Soll wohl ironisch-süffisant klingen.

Manche meinten, Übereinstimmungen zwischen den beiden feststellen zu können, etwa in Sachen Lebensschutz. Dabei braucht man nur ganz wenig die Augen aufzumachen um zu sehen, dass Lebensschutz für den Papst nicht nur das Thema Abtreibung bedeutet, sondern auch Schutz der Alten – Stichwort Alten- und Krankenversicherung – und der Jungen. Hier sind richtig viele Themen, die man hätte aufnehmen können, entweder als US-Experte oder als Vatikan-Journalist.

Die meisten Vorberichte waren leider nur eine Aneinanderreihung von Stereotypen (ich nehme hier die NYT, Cruxnow und die Agenturen ausdrücklich aus). Schade, von Journalismus hätte ich mir da mehr erwartet. Dass Melania Donald’s Hand nicht genommen habe, konnte man bei Spiegel online lesen. Oder dass die zukünftige Botschafterin der USA im Vatikan mal in einem Chor gesungen habe. Das geht besser!

 

Zitate-Kollision

 

Auch wurden in vielen Vorberichten die Zitate, welche die beiden übereinander – siehe „das ist nicht christlich“ – oder über verschiedene Themen gesagt haben, einfach gegenübergestellt, ohne Analyse, ohne Einordnung, ohne Nachfrage. Noch einmal: Das geht besser!

Hier in Rom derweil: alles abgesperrt, Trump wurde über die Via della Conciliazione angefahren, keine einfache Sache an einem Mittwoch, wo normalerweise 30.000 – 60.000 Menschen zur Generalaudienz kommen. Dann das Gespräch.

Wer die Anfahrt der Kolonne sehen will: bitte sehr.

Auf den TV-Bildern wirkte der Papst konzentriert, Trump eher – ganz Politiker – jovial und erfahren im Umgang mit vielen Kameras. Nichts anderes war zu erwarten. Weiterlesen

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Es gibt immer eine Tür, die nicht ganz zu ist

Donald Trump kommt nach Rom und trifft Papst Franziskus. Am Mittwoch ist es soweit, während also 70.000 Pilger oder so versuchen, für die Generalaudienz auf den Petersplatz zu kommen, werden viele Straßen gesperrt sein, um die Prozession von Autos durchzulassen. Bei Obama zuletzt waren es 40 Autos, die sind unter meinem Fenster durchgefahren, eine ganze Reihe von denen muss man eher als Kleinpanzer bezeichnen denn als Auto. Das alleine lässt uns Römer seufzen. Obwohl: Vorgestern kreiste der bekannte weiß verzierte US-Präsidenten-Hubschrauber über der Stadt, es gibt also Hoffnung, dass das Chaos vermieden wird.

Aber das ist natürlich nicht das wirkliche Problem.

Papst Franziskus und Donald Trump werden zwar – in meinen Augen fälschlicherweise – in ihrer Amtsführung miteinander verglichen, aber in ihren Inhalten könnten sie verschiedener nicht sein. Internationale Solidarität und Migranten, Waffen und Handel, Armut und Kapitalismus, was auch immer man zückt, die beiden scheinen an jeweils dem anderen Extrem voneinander entfernt zu stehen.

Der Raum des Politischen: der Papst betritt den US-Kongress, September 2015

Der Raum des Politischen: der Papst betritt den US-Kongress, September 2015

Für einen Vatikan-Journalisten wie mich, der versuchen muss, sich im Vorfeld einen Überblick zu verschaffen und Erwartungen zu klären, ist das aber aber vor allem eine Frage zu Donald Trump. Er scheint für Dinge zu stehen, redet und twittert auch dauernd darüber, aber passieren tut in den USA zur Zeit wenig.

Da ist zuerst die schiere Menge. Dauernd ist da was, immer zornig, nie ausgewogen, immer „great“, „biggest“ oder das Gegenteil, „total failure“ und so weiter. Das sind Überwältigungsversuche, keine Gesprächsangebote oder Werbung für seine eigenen Überzeugungen und Politiken.

 

Chaos und Tweets

 

Dann ist da das Chaos, von dem wie lesen und hören. Ungläubig schaue ich jeden Morgen auf den Bildschirm und lese, was am vergangenen Tag in den USA rund um das Weiße Haus alles passiert ist. Da ist die Kommunikationsweise, das Tweeten und Reden, das – sagen wir – öfters mal eher phantasievoll denn realitätsnah ist.

Dann sind da auch noch die Lügen zweiter Ordnung, also die so genannte Berichterstattung in einigen Medien. „Alternative Fakten“ sind ja als Begriff geworden, und das ist schlimm. Was da alles zusammenbehauptet wird, macht einen normalen Menschen hier auf dieser Seite des Atlantiks fassungslos.

Neulich war ich bei einer Konferenz, bei der – per Video – eine ganze Menge europäischer Korrespondenten aus Washington berichtet haben. Ihre Panik: Sie können nicht mehr aus der Stadt weg. Anstatt aus dem ganzen Land zu berichten, müssen sie in der Nähe des Weißen Hauses bleiben, weil buchstäblich täglich was passiert.

 

Nicht christlich?!

 

Das macht es auf der einen Seite einfach, weil das Material für die News frei Haus geliefert wird. Auf der anderen Seite aber blendet es so viel von der Realität des Landes aus, die wir eigentlich berichtet haben müssten, um zu verstehen, wie es so weit hat kommen können.

Zurück nach Roma: Meine größte Sorge gilt befürchte ich dem Tweet danach. Was wird Trump über das Papst-Treffen twittern? Und wird das irgendwie verständlich sein? Mit der Realität zu tun haben? Werden Worte wie „Great“, „Huge“, „big“ oder „best ever“ drin sein? Weiterlesen

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Und schon wieder das Kreuz

Es begann am Montag, als ich im Vatikan Kardinal Reinhard Marx interviewte und das dann bei Facebook und auf der Webseite veröffentlichte: es gibt im Netz Menschen – sich selber Christen nennend – die unbedingt auch bei einem ganz anderen Thema die Episode von Jerusalem nennen müssen, um den Kardinal zu verunglimpfen. Möglichst wenig Details, grob geschnitzt und immer feste druff. Eigentlich ging es in dem Interview um Europa, leider zuckten bei einigen gleich die Finger und man meinte, ihm mit Verweis auf die Episode in Jerusalem seine Glaubwürdigkeit absprechen zu müssen.

Heute kam das Thema schon wieder, das Abnehmen des Kreuzes findet nun in Berlin statt, als Teil der Debatte um das so genannte Neutralitätsgesetz des Landes Berlin, in Folge dessen einer Lehrerin verboten ist, bei der Ausübung ihres Berufs religiöse Zeichen zu tragen. Im Februar war es um eine Verschleierung gegangen, nun geht es ganz frisch erst um ein Kreuz, dann um ein Fisch-Symbol, der als Ersatz getragen wurde.

Kreuz des Anstoßes

Kreuz des Anstoßes

Und wieder dieselben Reaktionen im Netz, erstens witzigerweise immer wieder Kardinal Marx und Jerusalem zitierend, obwohl das nichts miteinander zu tun hat, sich aber zur Erregung bestens eignet. Zweitens gerät die Debatte schnell aus dem Ruder, Nazivergleiche sind da, der Bekennermut wird bei den anderen gefordert, es geht immer gleich um den Untergang von Religionsfreiheit. Geht es auch etwas kleiner?

In Berlin geht um vom Staat verliehene Autorität, etwa als Polizist oder als Lehrer oder als Richter, nur bei solchen Positionen greift das Gesetz ja. Es geht nicht um Ausdruck von persönlicher Religiosität als solcher. Wenn das Berliner Gesetz falsch ist, dann wird das sicherlich bald genug debattiert werden oder ein Verfassungsgericht wird sich damit befassen. Die Debatte um die Öffentlichkeit von religiöser Symbolik ist wichtig und sollte geführt werden, auch kontrovers.

Dass es aber auch vernünftige katholische Stimmen geben kann, die an dem Gesetz erst einmal etwas Gutes sehen, das habe ich versucht, mit dem Interview Interview von Generalvikar Manfred Kollig. Auch das gehört zur Debatte.

Was ist denn so schlimm daran, zu debattieren? Warum immer gleich um sich schlagen?

Noch einmal zum von mir interviewten Generalvikar: er legte großen Wert darauf, dass das Kreuz für Christen erst einmal und vor allem Zeichen der Versöhnung und für Christus ist. Bei all der Schärfe, mit der die Debatte leider geführt wird, gerät das als erstes unter die Räder. Und das sollte uns zu denken geben. Bei mir jedenfalls tut es das.

 

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Gebet, Gott und Beter

Ändert Beten die Welt? Und wenn ja, wie? Ist das eine Art Autosuggestion, die einige Religions-Versteher meinen? Dadurch, dass wir um Gutes bitten und sprechen, würden wir uns ändern und damit die Welt? Oder hört Gott wirklich wie bei einem Telefonanruf auf uns, als ob Gott erst informiert werden müsste, um dann selber tätig zu werden?

Es ist schwierig, sich das Gebet vorzunehmen, weil es ja sagt, dass zwei völlig unterschiedliche Dimensionen zusammen kommen: Mensch und Gott.

Bei der Übertragung der Messfeier von Fatima ist mir ein Satz der Predigt von Papst Franziskus aufgefallen: „Liebe Brüder und Schwestern, beten wir zu Gott in der Hoffnung, dass uns die Menschen anhören werden; und wenden wir uns an die Menschen in der Gewissheit, dass uns Gott zu Hilfe kommt.“ Zu Gott beten in der Hoffnung auf die Menschen, an die Menschen wenden in der Gewissheit von Gottes Hilfe. Das lässt aufhorchen. Neu ist das nicht, aber in der Predigt kam das dann doch etwas unvermittelt, so dass es auffällig war.

 

Gott und das eigene Können

 

Benedikt XVI. hatte das in der ihm eigenen geistlichen Klarheit und Nüchternheit in einer Generalaudienz so ausgedrückt: „Jeder Christ weiß daher nur allzu gut, daß er das in seinen Möglichkeiten Stehende tun muss, dass aber das Ergebnis letztlich von Gott abhängt”. Um dann den heiligen Ignatius von Loyola zu zitieren, den Gründer des Jesuitenordens: „Handle so, als ob alles von dir abhinge, in dem Wissen aber, dass in Wirklichkeit alles von Gott abhängt“.

Betend: Papst Franziskus

Betend: Papst Franziskus

Hier werden menschliche Freiheit und göttliche Vorsehung in Beziehung zueinander gesetzt, hier geht es um menschliche Verantwortung und Sendung, hier geht es aber auch um die nötige Demut und das Wissen, dass es nicht die Macher sind, welche die Welt ändern, sondern Gott. Und damit Liebe, Kleinheit, Gnade.

Den Satz des heiligen Ignatius gibt es aber auch in einer zweiten Version: „Dies sei die erste Regel für das, was zu tun ist: Vertraue so auf Gott, als hinge der gesamte Erfolg der Dinge von dir, nichts von Gott ab; wende ihnen jedoch alle Mühe so zu, als werdest du nichts, Gott allein alles tun.“

Bei dieser Version scheinen die Beziehungen verdreht, hier ist die Paradoxität zu sehen, die auch bei Papst Franziskus auftaucht: beten zu Gott in der Hoffnung, dass die Menschen hören, an die Menschen wenden in der Gewissheit, dass Gott zur Hilfe kommt.

Dieser Satz sagt uns, dass die Welten von Wir-hier und ferner-Gott nicht getrennt sind, sondern ineinander liegen. Es gibt keine getrennten Sphären.

 

Nicht zwei getrennte Sphären

 

Aber abgesehen von dieser Grundeinsicht ist da noch etwas anderes. Mein Gebet ändert sich, wenn es nicht nur um Gott geht, wenn ich nicht alles auf Gott werfe, sondern wenn es auch um mich selber geht. Also nicht nach dem Motto: jetzt ist es bei Gott, ich bin es los. Auch bei und nach einem Gebet braucht es weiterhin den eigenen Beitrag, das eigene Handeln, weil das ja der Weg Gottes in der Welt ist. Weiterlesen

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Fatima und der Glaube

Der Papst war in Fatima. Zugegeben, es gibt Dimensionen der Marienverehrung, die nie wirklich bei mir angekommen sind. Die Privatoffenbarungen von Fatima sind so ein Beispiel. Das Reden von den Geheimnissen und so weiter hat mich immer eher verwirrt als interessiert. Zumal ja der Wallfahrtsdiretor von Fatima im ORF klar gesagt hat, dass da – zugunsten des Diktators Salazar – die Geschichte der Erscheinungen politisch antikommunistisch instrumentalisiert wurde. Ich zitiere: „Die Botschaft von Fatima wurde politisch instrumentalisiert und ausgenutzt. Man hat sie vereinfacht und reduziert auf den Kampf gegen den Kommunismus.“

Nun wäre ich ein schlechter Journalist, wenn mich das davon abhalten würde, mich für Fatima dann doch zu interessieren. Und auch da hilft mir der Wallfahrtschef: „Tatsächlich verweist diese Botschaft aber auf die Notwendigkeit der Bekehrung. Das ist ein sehr wichtiges Element. Denn Bekehrung geht alle an – ob Russland, Österreich oder Portugal“.

 

Bekehrung geht alle an

 

Papst Franziskus betet in Fatima

Papst Franziskus betet in Fatima

Der Papst war dann in seinen Ansprachen sehr klar: An seiner Marienverehrung besteht kein Zweifel, aber er fand nachdenkliche Worte über eine Form der Verehrung, die vielleicht eher den eigenen subjektiven Empfindungen geschaffen ist und die wichtiger und besser erscheint als Jesus selbst. An der Zuordnung besteht bei Papst Franziskus kein Zweifel: Pilger mit Maria, zu Jesus.

Und er zitierte – einmal mehr – Evangelii Gaudium: „Jedes Mal, wenn wir auf Maria schauen, glauben wir wieder an das Revolutionäre der Zärtlichkeit und der Liebe. An ihr sehen wir, dass die Demut und die Zärtlichkeit nicht Tugenden der Schwachen, sondern der Starken sind, die nicht andere schlecht zu behandeln brauchen, um sich wichtig zu fühlen. […] Diese Dynamik der Gerechtigkeit und der Zärtlichkeit, des Betrachtens und des Hingehens zu den anderen macht Maria zu einem kirchlichen Vorbild für die Evangelisierung“. (288). Gott vergibt immer, Gott vergibt alles, diese Botschaft gilt auch und besonders an einem Marienheiligtum.

Mit Fatima verbinden sich aber auch andere Dinge und Worte, die einen Zugang vielleicht schwierig machen. Interessanterweise ist es vor allem ein Wort, „Sühne“. Papst Franziskus hat es bei seinem Besuch nicht in den Mund genommen.

 

Umkehr? Buße? oder Sühne?

 

Das ist nicht dasselbe wie „Umkehr“ oder „Buße“, Begriffe die heutzutage schwierig genug sind, die aber einen festen Platz in Theologie und geistlichem Leben der Kirche haben. Mit „Sühne“ ist das etwas komplizierter. Begriffe wie „Sühnekommunion“ sind schwer verstehbar. Geschweige denn vermittelbar.

Und dann ist da auch noch die Verbindung mit dem Papstattentat, dem berühmten „Bischof in weiß“ aus dem Dritten Geheimnis. Auch das war bei diesem Papstbesuch außerhalb der Medien fast unsichtbar, der Papst ist darauf mit keinem Wort eingegangen. Weiterlesen

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Baupläne von Kirche

Es liegt bestimmt nicht daran, das es das letzte Buch der Bibel ist: Die Offenbarung des Johannes, weiter bekannt unter seinem griechischen Namen Apokalypse, führt eher ein Schattendasein. Einige Stellen daraus sind Gemeingut, in Kirche und auch außerhalb, aber als Buch, als integraler Text, ist es eher weniger bekannt.

Das ist bei mir selber nicht anders als bei anderen, Grund genug also, sich einen Vortrag zum Buch anzuhören, hier in Rom, am Päpstlichen Bibelinstitut. Vorgetragen hat kein Geringerer als der Exeget Klaus Berger, der damit auch gleich sein zweibändiges Werk zur Offenbarung vorgestellt hat.

Klaus Berger bei der Vorlesung

Klaus Berger bei der Vorlesung

Morgens war er noch beim emeritierten Papst, um mit ihm über das Thema zu sprechen, die beiden kennen sich seit Jahrzehnten. Man habe über Joachim von Fiore und dergleichen gesprochen, dar war viel Theologie im Spiel.

Und abends also für das interessierte Publikum.

Zentral war für Berger bei dem Vortrag die Frage nach der Kirche. Das Buch der Offenbarung spreche nicht wie andere Bücher des Neuen Testamentes vom „Reich Gottes“, sondern vom „himmlischen Jerusalem“, das zeigt eine andere Weise, von Kirche zu sprechen. Mehr noch als andere Sprachbilder mache das deutlich, dass man Kirche nur von der Zukunft her verstehen könne, vom Sieg über „menschenverachtende widergöttliche Macht“. Hier liege das Anliegen des Buches, sagt Berger, es sei seine Absicht, Trost – im geistlichen Sinn des Wortes – zu spenden, nicht zu verwechseln mit Vertröstung.

 

Anordnungen von Steinen und Toren

 

Es gehe in dem Buch viel um Anordnen, sagt Berger, das himmlische Jerusalem habe Tore und Grundsteine und Richtungen. Zahlen spielten eine sehr große Rolle, auch das Elemente der Anordnung.

Und damit sind wir dann auch schon bei der Frage der Kirche, „sag mir, war für einen Bauplan von Kirche du im Herzen trägst“ fragte Berger. Kirche könne man eben nur von Zukunft her verstehen, das sei das Anliegen dieser Prophetie. Hier gehe es nicht um ein großes Ratespiel, wer denn nun mit welchem Bild gemeint sei, hier gehe es um die „Offenlegung der verborgenen Dimension von Wirklichkeit“, eben um das Wesen der Kirche als von der Zukunft her kommend.

Gefüttert würde die Prophetie von Erinnerungen, es sei ein durch und durch jüdisches Buch, sagte Berger, die Erinnerungen seien deutlich aus dem Judentum gekommen, allein Zentralbild zeige das, das „himmlische Jerusalem“. Aber auch die Zwölfzahl, die sonst außerhalb der Evangelien eher eine untergeordnete Rolle spiele, weise darauf hin. Es gehe um die Wiederherstellung des Volkes Gottes.

Und für all das, für das Sprechen von Kirche nicht als soziale Gruppe sondern als theologisch zu verstehende Realität, würde diese für uns fremd wirkende phantastische Sprache gebraucht. Lieder, Zahlen, Musik, Anordnung, Tiere, all das weise auf das Zentrum der Offenbarung hin.

 

Eine theologische Frage

 

Hier liegt schon eine Anfrage: wenn wir selber von Kirche sprechen, meinen wir wirklich diese theologische Aussage? Oder erschöpft sich das in der soziologischen Größe? Böse formuliert, sind wir Kirche oder empfangen wir Kirche? Ich bitte gleich um Nachsicht, das ist überspitzt formuliert, ich will niemandem auf die Füße treten, aber die theologische Frage muss einfach sein.

Das Buch ist komplex in der Bildsprache, uns vielleicht auch sehr fremd geworden, aber mein Besuch im Biblikum zur Vorlesung bei Prof. Berger hat mich dann doch wieder neugierig gemacht, diese Bilder neu zu lesen. Oder um es mit dem Schlusssatz von Berger zu sagen: „Die Kirche des Wortes lebt in der Welt der Bilder“.

 

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„Kirche ist Kommunikation“

Es wird weh tun. Der Vatikan wird reformiert, ich persönlich kenne auch niemanden hier in meinem Arbeitsumfeld, der das nicht mittragen würde, aber einfach wird das nicht. Immer wieder bekommen wir hier Anfragen, was denn genau wann und wie passieren wird. Ganz konkret ist es noch immer nicht, aber Papst Franziskus hat zumindest uns gegenüber – bzw. dem Sekretariat für die Kommunikation, dessen Teil wir hier im Radio sind – klar und deutlich die Grundzüge heraus gestellt. Dass er dabei das Wort „Gewalt“ verwendet hat, „gute Gewalt“, übersetze ich eben genau damit: Es wird weh tun.

Unser ehemaliger Mitarbeiter (engl. Sektion) Charles Collins hat das für seinen neuen Arbeitgeber ganz gut zusammengefasst. Erstens findet der Aufruf zur Reform unter den Mitarbeitern Applaus. Zweitens nennt er die Komplexitäten, auf die so eine Reform stößt. Drittens betrifft Reform eben nicht nur die Medien des Vatikan, sondern insgesamt den Umgang des Vatikan mit Medien und Öffentlichkeit.

In seiner Ansprache hat der Papst mehrere Sachen sehr klar gesagt.

Papst Franziskus bei seiner Ansprache an das Mediensekretariat, 4. Mai

Papst Franziskus bei seiner Ansprache an das Mediensekretariat, 4. Mai

Erstens will er nicht bisherige Institutionen reformieren, sondern mithilfe der „alten“ Institutionen eine neue schaffen. Es soll eben nicht das Bestehende den neuen Bedingungen angepasst werden, „Reform heißt nicht, die Dinge einfach neu anzustreichen. Reform heißt, den Dingen eine neue Form zu geben“. Von meiner Perspektive aus würde ich das unterstreichen und sagen, dass es für eine ‚einfache’ Anpassung an die neuen Realitäten eh zu spät wäre, das hätte längst geschehen müssen. So mag das neue Konzept vielleicht etwas rabiat daher kommen, ist aber die richtige Antwort. Auch wenn es weh tut.

 

Nicht an der „glorreichen Vergangenheit“ festhalten

 

Dazu passt die Aussage, sich nicht an einer „glorreichen Vergangenheit“ festzuhalten. Dahinter steckt die Frage nach der Identität: Wir hier werden keine Radio-Leute mehr sein, sondern Kommunikatoren, die eben auch Audio produzieren. Aber eben auch mehr. Man muss mit der eigenen Vergangenheit und Erinnerung sorgsam umgehen, auch das betont der Papst, aber sie darf kein Hemmschuh werden für etwas Neues, Dringliches.

Zweitens hat er auch die Medienarbeit in den Auftrag des Vatikan eingeordnet. Die ist eben kein Selbstzweck, wie der Vatikan auch keiner ist, sondern dient einem Auftrag. Klassisch und lateinisch: einer Mission. An der Stelle werden dann die Journalisten bei uns nervös: sind wir dann so was wie Pressesprecher? Beschränkt sich unser Arbeitsfeld? Blickfeld? Weiterlesen

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Papst, Reform und Tradition

Benedikt XVI. hätte nicht zurück treten sollen. So sagt es der FAZ-Journalist Christian Geyer in der neuesten Ausgabe der theologischen Zeitschrift Communio. Dort werden Stimmen zum 90. Geburtstag gesammelt, eben auch die Stimme von Herrn Geyer.

Sein Grund für diese Überzeugung liegt – wenn man das Stück liest – nur zum Teil in der Wertschätzung für den emeritierten Papst, sondern vielmehr in seiner Kritik an dem, was danach kam. Also an Papst Franziskus. Auch wenn der Name nicht fällt.

Geyer sagt, dass sich Papst Franziskus der argumentativen Vermittlung von Tradition und Reform verweigere. Das Risiko: Das Christentum werde eine „intellektuell belanglose“ Angelegenheit.

Zugegeben, Herr Geyer nennt davor noch zwei andere Gründe für seine Einschätzung des Rücktritts, und beide haben mit Argument drei zu tun: es geht um intellektuelles Nachvollziehen, um Wichtigkeit der Gottesrede und so weiter. Kein langes Stück, aber pointiert.

Der Papst-Kritiker Geyer hebt sich damit wohltuend von vielen anderen Kritikern ab. Man muss das nicht teilen, was er sagt, aber es ist Ernst zu nehmen.

 

Die Maßstäbe Roms

 

Rom setze keine Maßstäbe mehr, sagt er. Und genau da widerspreche ich. Rom – gemeint ist der Papst – setzt Maßstäbe. Nur nicht da, wo er sich das wünscht. Benedikt XVI. hat in seiner eigenen Art, denkend, sprechend, schreibend dafür gesorgt, dass die Vernunft und der Glaube immer beide im Spiel blieben. Dem habe ich ja auch hier an dieser Stelle immer und immer wieder versucht zu nachzugehen.

Das bedeutet aber nicht, dass Papst Franziskus nun daran gemessen werden muss. Die Vermittlung von Reform und Tradition findet sehr wohl auch heute statt, mag ich einwerfen, nur anders. Es ist nicht das intellektuelle Argument, nicht die Tiefe der Kenntnis um Kirchenväter und Philosophien, welche diese Vermittlung kennzeichnet. Dafür ist es medial direkter, erreicht ganz andere Teile der Kirche, ist ein Vorbild an Authentizität und Jesusnachfolge und spricht von einer Freude am Glauben, zu der der Papst noch nicht einmal den Mund öffnen muss, das sieht man einfach.

Das halte ich persönlich für eine sehr effiziente Vermittlung von Reform und Tradition, auch wenn wir uns vielleicht von der Form her erst noch daran gewöhnen müssen.

Auch die Tradition erschöpft sich nicht in Büchern und wird nicht in Bibliotheken gefunden; Tradition ist auch die Tradition der Aufbrüche, des Unfertigen, der Dynamik, all das ist und war immer auch Kirche, nur nicht einer Kirche, die sich in Büchern niederschlägt.

Dies ist auch eine wichtige Vermittlung. Eine Reduktion auf das intellektuelle Argument – so wichtig das auch ist – ist aber letztlich genau so einseitig wie das Gegenteil es wäre.

 

Wer das Stück nachlesen möchte, muss im Heft Communio März/April 2017 auf Seite 212 nachlesen.

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Das Franziskus-Paradox

Stärke ist, eine Entscheidung zu treffen. Stärke ist, eine Position zu haben und deswegen auch unbequeme Entscheidungen zu treffen und dazu zu stehen. Stärke ist, auszuhalten und eben stärker zu sein, nicht nachzugeben.

Schwäche ist, eben keine Entscheidung zu treffen, sich nicht fest zu legen, keine Position zu verteidigen. Man kann flexibler bleiben, aber man ist dann nicht stark.

Die Bibel sieht das etwas anders, da sind es regelmäßig die Nachgeborenen Söhne, die gewinnen, die Isaaks, Josephs und Davids, und nicht die von der Gesellschaft Vorgesehenen, die Starken. Die Schrift hat es geradezu zum Prinzip, dass unsere Vorstellungen von der Ordnung der Stärke auf den Kopf gestellt wird, vor allem durch das Mittel des Traums, des Schwächsten weil unkontrollierbarsten unserer Zugänge zur Welt.

Die Theologie des Neuen Testaments bringt das im Kreuz auf die Spitze: Der Allmächtige wird klein und schwach, in einer Krippe, setzt sich nicht durch Stärke durch, sondern überwindet das Stärkste was es gibt auf der Welt – den Tod – durch die eigene Schwäche und den Tod am Kreuz.

Papst Franizskus

Papst Franizskus

Das mindestens sollte uns zu denken geben, wenn wir an Autorität im Christentum denken.

Das allein sollte uns zu denken geben, wenn wir Stärke und Schwäche und ihre Beziehung zu Autorität bedenken, vor allem wenn es um diesen Papst geht.

Er zieht oft und gerne Kritik auf sich, eine „Hermeneutik der Spontaneität“ wird ihm vorgeworfen, dass er sein Schreiben Amoris Laetitia nicht erkläre, dass nicht klar sei, was er wolle und so weiter. Matthias Matussek nimmt die Extremposition ein, wenn er in einem Artikel den Papst „beliebig, gefällig, anbiedernd“ nennt. Und dann alles mögliche herbeizerrt, bis hin zu nicht überprüfbaren Behauptungen, um zu provozieren.

 

Man will klare Entscheidungen, bekommt aber Prozesse

 

Auch andere wollen den Papst provozieren oder erwarten sich Reaktionen und Klarstellungen. Aber genau das macht der Papst nicht. Und hier liegt der Kern dessen, was ich einmal das „Paradox Franziskus“ nennen möchte.

Papst Franziskus nimmt absichtlich eine Position der Schwäche ein, indem er immer wieder nicht entscheidet, nicht seine Autorität nutzt, um Streitfragen oder überhaupt Fragen zu entscheiden. Nehmen wir Amoris Laetitia: er könnte auf die so genannten Dubia der Kardinäle antworten und die Streitfrage schließen, etwa durch ein Dokument der Glaubenskongregation oder anders. Aber das will er nicht. Er will die Fragen offen halten, damit sich etwas entwickelt.

„Zeit ist wichtiger als der Raum“, nennt er das, also Prozesse sind wichtiger als das Einnehmen von Positionen. In einem solchen Prozess ist man aber in einer Position der Schwäche, Position einnehmen hingegen wäre eine Position der Stärke. Weiterlesen

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Vatikanisch: Flüchtlingshilfe online

Wenn ein sehr großer Flachbildschirm vor einem eher schlechten aber dafür monumentalen Papstgemälde aus dem 19. Jahrhundert steht, dann sind wir mitten drin, in der Vatikanreform. Meiner Erfahrung nach sieht das genau so aus: Die Säle bleiben, die Bilder auch, und die Einrichtung und die Struktur drin wird neu. Das ergibt ästhetisch ein merkwürdiges gemischt, aber auch irgendwie sympathisch.

Zu besichtigen war das am Wochenende im neu entstandenen Dikasterium für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen, das der Papst eingerichtet hat. Oder genauer: in einer Sektion desselben, der Sektion für Migranten und Flüchtlinge.

Diese war einmal der Päpstliche Rat für Flüchtlinge, wurde dann mit Gerechtigkeit und Frieden und anderen Räten zusammen gelegt, um gleich wieder eine Sonderstellung zu bekommen: sie untersteht direkt dem Papst.

Palazzo San Callisto, Trastevere: Vorstellung der Seite

Palazzo San Callisto, Trastevere: Vorstellung der Seite

Diese Sektion hat nun eine eigene Webseite, die mehr ist als nur eine Darstellung, darüber soll ein Großteil der Arbeit laufen. Und genau diese Seite wurde am Donnerstag den Medien vorgestellt.

Das erste Besondere an dieser Vorstellung: sie war auf Englisch. Nicht auf Italienisch. Das muss man im Vatikan immer extra bemerken. Aber in der Welt spricht man halt kaum Italienisch, wenn man international unterwegs sein will, müssen andere Sprachen ran. Diese Einsicht verbreitet sich auch hier.

Man will Ressourcen bereit stellen, für Helfer wie vor allem auch für Journalisten, eine Bilddatenbank etwa. Emails von Medien hätten immer Priorität, verspricht Pater Michael Czerny, einer der beiden Leiter der Sektion. Und da gute Werke immer versteckt blieben, im Gegensatz zu Konflikt, Destruktion und Streit, wolle man hier ein wenig dagegen setzen. Constructive News nennt man das mittlerweile im Gewerbe.

 

Gute Werke bleiben oft versteckt

 

Dort fließen dann auch die Erkenntnisse ein, die durch die jahrelange Zusammenarbeit mit vielen Organisationen gesammelt wurden, etwa über Fluchtursachen. Hier zucken jetzt bestimmt schon wieder Finger über der Tastatur wenn ich schreibe, dass die meisten Flüchtlinge und Migranten eben gar nicht fliehen wollen, die wollen viel lieber im Land ihrer Herkunft leben und bleiben, aber aus Krieg, Hunger, Ausbreitung der Zonen von Trockenheit, Perspektivlosigkeit etc. müssen sie sich auf den Weg machen, um überleben zu können.

Wirkt das alles? „Das hilft uns dabei, mehr zu erfahren, was in der Kirche auf der ganzen Welt für Flüchtlinge und Migranten getan wird“, lobt Don Carmelo La Magra, Pfarrer auf Lampedusa, der bei der Vorstellung dabei war. Und das ist ja das Maß der Dinge: hilft es den Leuten vor Ort? Hilft es zum Beispiel der Insel, wo die Flüchtlinge ankommen, also Lampedusa? „So eine Seite kann uns helfen, dass unsere Stimme gehört wird, dass man aus erster Hand erfahren kann, was passiert. Die Menschen brauchen Berührung und Nähe, sie brauchen Erfahrungen. Über Bilder und Fotos kann man das zwar nicht direkt machen, aber dann doch dabei sein. Leider geben die Massenmedien immer nur einzelne Aspekte wieder. Ein solches kirchliches Instrument erlaubt es uns vor Ort, unsere lebendige Realität besser darzustellen.“

 

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