Mauern

Maßlosigkeit schadet. Das meinen die Schweizer und haben mit „Ja“ gestimmt, als es um die Frage der Zuwanderungsbeschränkung ging. Die Europäische Union – nicht ihr Geld, aber ihre Menschen – sollen mehr als bisher draußen gehalten werden.

Wie in der Physik, die uns erklärt dass auf jede Aktion eine gleichgroße Reaktion folgt, fordern jetzt die Politiker im Umkehrschluss Folgen für die Schweiz: Sie könnte nicht nur vom Binnenmarkt profitieren, sich ansonsten abschotten und die Früchte für sich behalten wollen.

Man kann die Haltung der Schweizer, die für „ja“ gestimmt haben, ganz verschieben beschreiben: Sorge, Angst, Unsicherheit etc. Vor etwas über einer Woche war ich in Genf unterwegs und habe die Plakate gesehen, die dort an jeder Ecke standen: Da ging es für die Kampagne-führende Partei genau um diese Begriffe. Aber das beste Wort zur Beschreibung finde ich ist das Wort ‚Unbehagen’. Das lässt im Unklaren, worum und wogegen es genau geht. Es gibt ein Gefühl des zu kurz Kommens, der letztlich nicht fassbaren Sorge, nicht mehr entscheiden, bestimmen und prägen zu können. Alles könne sich ändern und die, die nicht hierher „gehören“, könnten das entscheiden. Wie in Bayern, als es um die Freizügigkeit von Südost-Europäern ging, da wurde genau dieses Unbehagen zu Wahlkampfzwecken angesteuert.

Maßlosigkeit schadet: Das ist in der Allgemeinheit erst einmal richtig. Aber in der Tugendlehre ist das Gegenstück der Maßlosigkeit die Klugheit. Klug ist, wer das richtige Maß hält, wer die Kräfte und Bewegungen abschätzen und einschätzen kann. Dazu gehört dann auch eine geistliche Haltung oder ein Charakter oder eine innere Sicherheit, wie man das auch immer nennen will.

Der Wunsch sich zu schützen ist falsch. Und auch der Gegenwunsch, dann auch sich selber gegen die Schweizer abzuschotten, ist falsch. Alles was Mauern baut ist falsch. Vor Globalisierung und der Veränderung, die damit einher geht, kann man sich nicht abschotten, man muss sie gestalten. Das wäre die Aufgabe, auch der Schweiz.

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Von einer Litfaßsäule herunter

An einer Litfaßsäule in Hamburg

An einer Litfaßsäule in Hamburg

Ein Plakat, das schon wie ein alter Bekannter ist: Während meiner Zeit in Hamburg tauchte regelmäßig auf Litfaßsäulen und in der U-Bahn dieses Plakat auf, in schöner Regelmäßigkeit. Die Neustadt war irgendwie gewöhnt daran, ich weiß gar nicht, ob es überhaupt noch auffällt. Ich weiß auch nicht, ob es das in anderen Gegenden Hamburgs gibt. Bei einem erneuten Besuch neulich ist es mir wieder aufgefallen, zumindest Hartnäckigkeit und Durchhaltevermögen darf ich also annehmen.

Aber die Frage, die von der Aussage gestellt wird, ist gar nicht so falsch. Jedenfalls zwingt sie mich dazu, jedes Mal kurz zu überlegen, was genau denn die Bibel für mich ist. Einfach ist es beim Neuen Testament, aber was halte ich von den Gesetz-Büchern wie Levitikus? Oder – wenn das Wort ‚Märchen’ schon auftaucht – von den ganzen Geschichten in den Büchern Richter, Samuel, Könige und Chronik?

 

Der König und ich

 

Papst Franziskus hat sich in der vergangenen Woche eine dieser Geschichten der Bibel vorgenommen, und zwar den König David, wie er in den Tageslesungen vorkam. Immer wieder legte er einzelne Dinge in den Morgenpredigten aus. Der Verrat durch den Sohn Abschalom (Montag) und dessen Tod (Dienstag), später dann Davids eigener Tod (Donnerstag). Wir lesen diese Geschichten aus der Bibel und können uns schon fragen, was das mit unserem eigenen Glaubensleben zu tun hat.

Die Umgebung der Geschichten ist nicht mehr die unsere, die ‚großen Männer’, in denen sich der Zeit- und Weltgeist zeigt, sind von der Wissenschaft längst ad acta gelegt worden, auch wenn TV-Produktionen unter dem Etikett „History“ fleißig das Gegenteil zelebrieren. Auch hat David nichts gemein mit dem, was wir heute als ‚König’ verstehen, unser Bild stammt aus dem Mittelalter und der frühen Neuzeit und hat mit Macht zu tun. Die Kleinfürstentümer von damals und der lose Zusammenschluss von Stämmen, die sich ein Oberhaupt geben, hat nichts mit einem europäischen Staatenwesen von damals oder heute zu tun. Auch würden wir David wohl eher als einen Warlord beschreiben, müssten wir unbedingt moderne sozio-politische Kategorien anlegen. Und ich werde nie die Umschreibungen meines ersten Exegese-Professors vergessen, der sagte, in seiner Jugend müsse man Davids Gelderwerb mit Schutzgelderpressung und Bandenwesen vergleichen. Weiterlesen

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Was die UN nicht versteht

Mit etwas Entsetzen habe ich gerade den Bericht gelesen, den die UN-Organisation zu Kinderschutz über den Vatikan verfasst hat. Da stehen viele wichtige Dinge drin, da wird der Vatikan gelobt – was die Nachrichtenagenturen und Webseiten nicht bringen – und da wird der Vatikan gerügt, worauf schon bei der Anhörung mit der Versicherung reagiert wurde, dass man alles tun werde, um dahin zu kommen, dass Kinder wirklich und effektiv geschützt würden. Das Lob bezieht sich ganz zu Beginn des Reports dann auch auf die bisher gegangenen Schritte, auf die vom Vatikan eingeführten gesetzlichen Regelungen. Die Rügen beziehen sich auf die noch nicht gemachten Schritte, und da wird noch einiges passieren müssen.

Mein Entsetzen bezieht sich auf etwas anderes. Es bezieht sich darauf, dass die UN offenbar nicht verstanden hat, was der Vatikan ist. Er ist keine NGO (keine Woche vergeht, in der der Papst das nicht in einer Morgenpredigt sagt) und keine Zentralbehörde der Weltkirche. Der Bericht will zum Beispiel in Nr. 17 einen Kontrollmechanismus, mit dem der Vatikan die Ausgaben der gesamten Kirche für Kinder überwachen soll. Der Bericht schlägt ebenfalls vor, dass eine Ansprechstelle geschaffen werden soll, die für alle Kinder auf der Welt, die in katholischen Schulen sind, erreichbar ist. Wie viele Sprachen sollen denn da vorgehalten werden? Die UN stellt sich eine Zentralbehörde vor oder einen Staat, das ist die Kirche aber nicht.

 

Zentrale Kontrollstelle Vatikan

 

Wenn Kindern geholfen werden soll und wenn ihre Rechte und ihre Unversehrtheit garantiert werden soll, dann braucht es klare Aussagen aus dem Vatikan, und die gibt es. Konkret werden muss es dann aber vor Ort. Die UN versteht nicht, wie die Kirche funktioniert und deswegen sind einige ihrer Vorschläge völlig irreal.

Leider gibt es noch weitere Unklarheiten, die den Bericht eintrüben: Punkt 43 spricht über die Beichte, also ein Schweigen in einem klar definierten Bereich, tut dann aber so, als ob das für alles Schweigen in der Kirche gelte. Dabei ist es doch genau umgekehrt: Das Zudecken und Vertuschen ist eben nicht von Sakramenten gedeckt. Im Punkt 44 wird dann gefordert, dass alle Fälle von Missbrauch den Strafverfolgungsbehörden automatisch gemeldet werden. Es gibt einige Länder – zum Beispiel Deutschland – die diese Pflicht aus guten Gründen nicht eingeführt haben. Der Vatikan besteht deswegen richtigerweise darauf, dass man sich an die Gesetze des Landes und der Kirche hält. Hier verkennt die Kommission die Rechtslagen in verschiedenen Ländern. Weiterlesen

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Der Papst spricht

Papst Franziskus hat einen ganz eigenen Stil, wenn er spricht. Vielfach wird es wahlweise als direkt, als weniger intellektuell als Benedikt, als pastoral, als lateinamerikanisch oder sonstwie bezeichnet. So ganz kann ich mir noch keinen Reim drauf machen, irgendwie passen die Attribute nicht ganz auf das, was ich täglich höre oder lese. Also versuche ich mich mal an meinen Notizen und Wahrnehmungen. Beginnen will ich Aber mit der klugen Beobachtung eines Mitbruders.

Papst Franziskus Grafiti, "Abode of Chaos" Museum für Gegenwartskunst in Saint-Romain-au-Mont-d'Or, Rhône-Alpes, Frankreich

Papst Franziskus Grafiti, “Abode of Chaos” Museum für Gegenwartskunst in Saint-Romain-au-Mont-d’Or, Frankreich

Pater Antonio Spadaro SJ hatte als Chef der Zeitschrift Civiltà Cattolica schon mehrfach Gelegenheit, dem Papst in formloser Atmosphäre zuzuhören. Er hat ihn auch interviewt. Als gelernter Literaturwissenschaftler hat Spadaro auch ein Gespür für Sprache. „Wenn der Papst frei spricht, dann hat seine Sprache einen gewissen Rhythmus, der wellenförmig zunimmt; man muss ihm sorgfältig zuhören, weil er von der lebendigen Beziehung mit seinen Gesprächspartnern lebt. Wer aufmerksam ist, der sollte nicht nur aufmerksam auf den Inhalt hören, sondern auf die Dynamik der Beziehung, die dadurch entsteht,“ so Spadaro in seinem Artikel.

 

Zirkulär und in Wellenbewegung

 

Später in seinem Artikel kommt Spadaro immer wieder auf den Stil der Kommunikation zurück, er nennt es die „zirkuläre“ Weise, immer wieder auf Themen zurück zu kommen. Ein Gedanke, der in einer Predigt auftaucht, sagen wir in einer Morgenpredigt, wird in der folgenden öffentlichen Predigt oder Ansprache aufgegriffen, kommt dann nach Wochen noch einmal vor, vielleicht etwas gewandelt und tritt dann zurück.

Man muss diese Linie nicht kennen, um die einzelnen Predigten zu verstehen, aber wenn man den Linien folgt, dann bekommen die einzelnen Gedanken zusätzlich Gestalt. Ein Beispiel? In der Predigt an die Jesuiten sprach er von der Unruhe des Herzens, einige Tage später dann in der Predigt zum Fest Epifanie davon, sich nicht mit Mittelmäßigkeit zufrieden zu geben, eine Abwandlung desselben Themas.

Das offensichtlichste Beispiel ist natürlich das Wort Peripherie. Revolutionen entstehen immer dann, wenn man die Welt von der Peripherie aus betrachtet, sagt der Papst. Bethlehem ist die Hütte an der Peripherie Israels, und so weiter. Dieser einzelne Begriff zieht sich durch das gesamte bisherige Pontifikat und er bekommt seinen Inhalt immer von den Orten und Gelegenheiten her, wohin der Papst ihn spricht. Und das färbt dann auch die übrigen Male, die er davon spricht.

Mich erinnert das an das Johannesevangelium, bzw. an mein Studium. Ein Jahr lang haben wir Johannes-Texte übersetzt und da begegnet einem dasselbe Phänomen. Der Evangelist hat einige Worte, die als Anker dienen oder als Wegmarken, von denen man aber genauso nach vorne wie zurück blicken muss. Johanneische Texte sind nicht linear, erst eins dann zwei dann drei, sondern leben von den Beziehungen, die die Worte untereinander haben.

Wir haben damals Listen geführt mit diesen Worten, „Bleiben” zum Beispiel (19 x), „Wahrheit” (26 x), „Glaube(n)” (45 x), „Stunde” (15 x), „ich bin” (19 x). Und so weiter.  Das sind Worte, die in verschiedenen Zusammenhängen immer wieder auftauchen, die aber nicht einfach nur da stehen, sondern aufeinander Bezug nehmen.

 

Innere Bezüge

 

Nun ist der Papst kein Evangelist, aber ich fühle mich ermutigt, auch mal kreuz und quer zu lesen, die eine neben die andere Predigt zu halten, „Barmherzigkeit” nicht einfach nur so zu verstehen, sondern immer in Bezug auf das, was er vorher darüber gesagt hat und was er vielleicht später einmal sagen wird.

Es ist schwer zu fassen und vielleicht auch etwas abstrakt, aber wenn Pater Spadaro von der zirkulären Weise des Themensetzens Franziskus’ spricht, dann ist genau das gemeint. Die Dinge lassen sich nicht eins zu eins verstehen, sondern nur in Bezug, also in einer „Begegnung der Worte”.

 

 

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Popart?

SuperpapstEs kommt darauf an, was auf der Tasche steht. Ein italienischer Künstler hat bei uns um die Ecke ein Graffiti an die Wand gebracht – geklebt, nicht gesprüht, es musste ja schnell gehen – und damit schmunzelnd den Eindruck vieler Menschen ausgedrückt. Aber wie gesagt, auf die Tasche kommt es an.

„Valores“ steht da drauf, spanisch für „Werte“. Der Papst kommt nicht einfach so, er hat etwas dabei. Und manchmal werde ich den Eindruck nicht los, dass zu viel auf die gereckte Faust geschaut wird, zu viel auf die eigenen Erwartungen, und zu wenig auf das, was in der Tasche steckt.

Wenn in einer großen deutschen Zeitung oder in online-Magazinen in der Berichterstattung über den anstehenden Rücklauf der Fragebögen berichtet wird, dann heißt es oft, dass sich viele Menschen wünschen, dass der Wertekatalog der Kirche, das Sprechen von Sünde und von Regeln, sich ändern möge.

Einige vielleicht, damit sie unbeunruhigt weiter leben können. Andere, weil sie verletzt sind. Andere, weil sie eine lange Geschichte hinter sich haben und zu lange schon in einem Dilemma stehen. Es gibt viele Gründe, gute Gründe, aber auch leichte Gründe. So ganz einfach kann man die nicht zusammen fassen.

 

Der Inhalt der Tasche

 

Aber alle diese Gründe treffen jetzt auf den Inhalt der Tasche, wenn ich das einmal so ausdrücken darf. Die Werte, für die der Papst steht und die er vertritt, darf man über die Art des Sprechens nicht vergessen. Barmherzigkeit ist ein solcher Wert, aber der fordert heraus. Da geht es nicht nur um Sexualmoral, sondern auch um das Aufnehmen von Flüchtlingen in unserer Nachbarschaft, um Freizügigkeit, um Sinti und Roma, um arme Menschen. „Diese Wirtschaft tötet“ hat bei uns viel Wirbel gemacht, sind wir uns bewusst, dass wir Westler die Profiteure dieser Wirtschaft sind? All das steckt eben auch in der Tasche.

Wenn ich mir den Papst so ansehe, dann ist das eben keine Popart, dann hat das Tiefe. Eine andere Pop-Zeichnung liefert die Zeitschrift Rolling Stone. Nicht wirklich für kirchliche Berichterstattung bekannt bringt sie einen unglaublich oberflächlichen Artikel über Wandel – schlechter Benedikt, guter Franziskus – ins Blatt.

Mein Instinkt ist, zum Bremsen zu raten. All der Übermut, all die Pop-Referenzen werden sich abnutzen oder ablaufen. Bei diesem Papst ist mehr zu holen als die Aufregungen unseres Pop-Zeitalters, als das Star-Sein, das Kommunikations-Genie des Papstes.

Mich interessiert da der Inhalt der Tasche viel mehr der vorüberziehende Konsum-Jubel.

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Symbolreinigung

Pastorales Geschwurbel vom Feinsten sei das gewesen, was mein letzter Post so gesagt habe. Das meint ein Blogbeitrag woanders und meinte eine Kommentatorin im Blog hier. Damit kann ich leben, aber im Blogbeitrag – der ohne Namen erscheint und deswegen hier auch nicht verlinkt wird – wird ein Satz von mir aufgegriffen, den ich seit März immer wieder verwende und der dort hinterfragt wird: Der Begriff der gesäuberten Symbolsprache. Das Gleiche macht jemand, der das Thema im Kommentarbereich schön griffig auf KoDuDi reduziert. Wenn nicht mehr gesprochen werden dürfe, versteht man mich wohl absichtlich falsch, dann bliebe wohl nur noch das Gruppenkuscheln.

Aber bleiben wir bei einem Thema, bevor das verwildert: Der Reinigung der Symbolsprache. Ich will nicht schon wieder auf die roten Schuhe eingehen, das scheint einigen Leserinnen und Lesern erhöhten Blutdruck zu verschaffen. Also ein anderes Beispiel: Die Stola. Priester und Diakone tragen bei liturgischen Feiern eine Stola. Päpste – bis zu Franziskus – aber darüber hinaus auch bei nichtliturgischen Feiern, zum Beispiel beim Empfang eines Staatsgastes. Das hatte in der Vergangenheit durchaus seinen Sinn, hat es doch klar gemacht, dass die Autorität des Papstes eine andere Natur hat als die des besuchenden Staatsoberhauptes.

 

Symbolsprache ändert sich

 

Aber Sprachen ändern sich. Symbole ändern sich auch. An die Bibel angelehnt gefragt: Und wenn ein Symbol nicht mehr symbolisch ist, womit können wir es wieder symbolisch machen? Ich kann ein Symbol nicht dekretieren, es funktioniert oder funktioniert nicht. Ein Symbol, das ich erst erklären muss, verfehlt seinen Zweck total. Und um gleich einen garantierten Einwand vorwegzunehmen, nein, das heißt nicht das Ausrichten am kleinsten gemeinsamen Nenner. Das heißt die Realität einer sprachlichen Entwicklung Ernst nehmen.

Nehmen wir Benedikt XVI.: Der hatte denselben Impetus, als er begann, Dinge die keine Sakramente sind, aus Messfeiern heraus zu nehmen. So hat er es mit dem Verteilen der roten Kardinalshüte gehalten, so hat er es mit Heiligsprechungen gehalten. Früher war das während der Messe, er hat es davor stattfinden lassen. Für einen in den Feinheiten der katholischen Liturgie nicht besonders Bewanderten – und das können auch Katholiken sein – sah das vorher so aus wir ein Sakrament, weil es eben im liturgischen Rahmen stattfand. Also hat Benedikt hier die symbolische Sprache der Kirche gereinigt. So verstehe ich den Begriff. Gleiches kann man auch über Paul VI. und den Tragestuhl und die Tiara sagen, er hat die abgelegt und damit das Erscheinungsbild der Päpste gestärkt. Auch so verstehe ich das: Es ist eine Stärkung.

Und zu Franziskus: Natürlich trägt er weiterhin die Farbe Weiß, das ist ein Symbol das jeder versteht (obwohl diese Tradition auch erst gut 400 Jahre alt ist). Aber die Mozetta, die verschiedenen Kreuzstäbe, das Predigen im Sitzen mit Mitra, das sind alles Dinge, die vielen Menschen nicht mehr als Symbol klar sind. Und wenn das Symbol nicht mehr symbolisch ist … .

Ein wenig kann ich Menschen verstehen, die jetzt weinen, weil es nicht mehr so ist wie früher. Aber die Kirche ist nicht für uns da, sie ist für Menschen da, die noch nichts vom Herrn gehört haben, die Kirche brauchen, die hören wollen und sehen wollen. Und dazu müssen wir verkünden. Das ist immerhin der Auftrag Christu. Und das können wir aber nur, wenn wir auch eine Sprache benutzen, die anschlussfähig ist. Eine gereinigte Sprache also, auch bei den Symbolen.

 

 

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Abnehmende Distanzen

Paps Franziskus bei einer Generalaudienz

Paps Franziskus bei einer Generalaudienz

Über Umarmungen und Franziskus’ Form des Kontakt Aufnehmens habe ich hier schon öfters geschrieben. Das ist genau das, was den Papst so einfach zu verstehen lässt. Selbst Menschen, die kein Italienisch oder Spanisch verstehen, wird sofort klar, was dieser Mann will, wenn man ihn sieht. Man schaut ihn an und versteht, was Religion ist.

Vor einigen Tagen hat der Vatikan die Botschaft zum kirchlichen Medientag veröffentlicht, der immer am Gedenktag des heiligen Franz von Sales begangen wird, also am 24. Januar.

Bei der Vorstellung der Botschaft in einer Pressekonferenz hat eine italienische Medienexpertin – Chiara Giaccardi – einen Satz gesagt, der bei mir hängen geblieben ist. Sie sprach von einer kopernikanischen Wende in der Kommunikation, die bei Papst Franziskus deutlich werde: Unter Kommunikation sei nicht mehr die Weitergabe von Inhalten zu verstehen, sondern die Reduzierung von Distanz.

Reduzierung von Distanz: Besser kann man gar nicht zusammen fassen, wie dieser Papst agiert.

Da sind die Umarmungen, da ist die gereinigte Symbolsprache ohne rote Schuhe und so weiter, da ist die zugängliche Art zu predigen, da ist die auch für Nichttheologen nachvollziehbare Art, Texte vorzulegen wie etwa Evangelii Gaudium: Alles das baut Distanzen ab. Mein Lieblingsbeispiel ist das „Buon Giorno!“, mit dem er Angelusgebete und dergleichen beginnt. Bei seinem ersten Erscheinen, seiner ersten Kommunikation mit den Menschen auf dem Petersplatz vor fast einem Jahr hat sein „Buona Sera!“ genau diesen Effekt gehabt: Er stand oben, die Menschen unten, er auf einer Art Bühne, die Menschen vor ihm, aber durch den einfachen Gruß hat er sich auf Augenhöhe begeben. Und alle haben das sofort verstanden.

Der Papst steht für eine Kirche der abnehmenden Distanzen. Sprechen und Kommunizieren informiert nicht, sondern schafft Einheit und Begegnung. Und davon können wir gar nicht genug bekommen.

 

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Signale geben!

Noch einmal Klosterleben, noch einmal Seelsorge, noch einmal die Frage, wie sich Pfarrpastoral und Ordens-, bzw. präziser gefragt Klosterleben zueinander verhalten. Das hatte ich in meinem vorherigen Post schon mal angesprochen: Was der Mönch in der Seelsorge zu suchen hat. Papst Franziskus will die Beziehungen zwischen Bistümern und den Orden neu verhandelt sehen. Wenn man wissen will, wo das ganz besonders intensiv gepflegt wird, dann gehe man nach Österreich.

klösterreichKlösterreich, so heißt ein Werbespruch, und wer die Donau entlang fährt, weiß warum. 45 % aller Pfarreien zum Beispiel im Erzbistum Wien werden von Orden betreut, das hat Auswirkungen. Außerdem gibt es in Österreich ganz besonderen Rechtsformen, da gehören nämlich Pfarreien zum Kloster und nicht zum Bistum bzw. unterliegen einer doppelten Rechtsstruktur. Das soll uns hier nicht weiter stören, aber es zeigt, dass Österreich ein wunderbares Studienland ist. Und deswegen habe ich mich dort einmal umgetan und zwei Spezialisten gefragt, wie das so ist mit den Orden und der Seelsorge.

 

Narrenfrei

 

„Was mir vor allem auffällt ist, dass wir ein Stück Narrenfreiheit haben.“ Christian Haidinger OSB ist Altabt des Klosters Altenburg im Waldviertel, außerdem ist er Vorsitzender der Superiorenkonferenz des Landes. „Wir können uns in einem Bereich bewegen, in den Bischöfe und nie oder kaum reinreden.“ Gutes zu berichten weiß er aus dem eigenen Bistum, Sankt Pölten und seinem Bischof, Klaus Küng. Der sei froh über den Einsatz der Ordensleute in der Seelsorge, er betone aber immer wieder, wie wichtig es sei, dass Ordenshäuser geistliche Zentren seien, so Haidinger.

Wenn man heute nicht mehr kleinflächig Seelsorge betreiben könne, dann seien diese geistlichen Zentren besonders wichtig, so Abt Christian. Man wolle sich als Stifte nicht ausbluten, sondern für lebendige Gemeinschaften in den Klöstern sorgen. Aber natürlich gebe es auch Spannungen, gerade aus den Bistümern erwarte man sich eine Beteiligung, besonders in Zeiten des Mangels.

 

Geistliche Zentren, immer wieder geistliche Zentren

 

„Wir merken, dass sich die Pfarrstrukturen auflösen oder zumindest vergrößert werden, da haben die Stifte und Klöster auch die Aufgabe, sich neu Gebiete zu suchen, wo sie auch eine gemeinschaftliche Seelsorge leisten können.“ Maximilian Fürnsinn CanReg ist Probst des Augustiner Chorherrenstiftes Herzogenburg, er ist Vorgänger Abt Christians als Vorsitzender der Vereinigung der Ordensoberen in Österreich. Auch er sieht ganz deutlich den Bedarf, dass Klöster sich immer mehr zu geistlichen Zentren entwickeln müssen: Weiterlesen

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Was der Mönch in der Seelsorge zu suchen hat

Und wieder öffnet Papst Franziskus einen neuen Reform-Schauplatz. Es ist ja nicht so, dass es davon nicht schon genug gäbe, der Papst fügt noch eines hinzu: Das Verhältnis von Bistümern zu Ordensgemeinschaften. Ende November hatte er zu Ordensoberen von Männergemeinschaften gesprochen, an diesem Wochenende wurde das Protokoll offiziell in einer italienischen kirchlichen Zeitschrift veröffentlicht.

Mönche in Heiligenkreuz

Mönche in Heiligenkreuz

„Mutuae relationes“ heißt das Dokument von 1978, das diese Beziehungen regeln sollte. Es war nach dem Zweiten Vatikanum verfasst worden, denn das Konzil hatte die Beziehungen ganz grundsätzlich geändert. Vorbei war es mit der Exemption der Orden, also der Nichtunterstellung der Gemeinschaften unter das Prinzip der Ortskirchen. Damals war gestritten und mit harten Bandagen gekämpft worden. Dass es bereits zehn Jahr nach dem Konzil Ausführungsbestimmungen brauchte, zeigt, wie komplex das Verhältnis bis heute ist.

 

Drei Probleme

 

Problem eins: Männerorden haben Priester, die nicht in der Gemeindeseelsorge eingesetzt sind. Viele Gemeinden haben keine Priester mehr, bzw. ein Priester ist für viele Gemeinde oder Gemeindeverbände zuständig. Da kommt schon mal die Frage auf, warum der Pater – zum Beispiel der Autor dieser Zeilen – eigentlich als Priester beim Radio arbeitet, was ja auch Nichtpriester können, und nicht in der Gemeindeseelsorge, wo er vielleicht gebraucht würde. Weiterlesen

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Barmherziger Gott – Strafender Gott

Vor einigen Tagen hatten wir hier im Blog eine kleine Debatte über den strafenden, erziehenden Gott. Ein kleiner Nachtrag dazu, gerade weil der Papst immer und immer wieder über die Barmherzigkeit spricht: „Gott hört nie auf, zu vergeben, wir selber hören nur auf, zu fragen“, gleich beim ersten Angelusgebet.

Bei einer Podiumsdiskussion vor über zehn Jahren durfte ich einmal die katholische Position zum Thema Gott und Leid vertreten und ich dachte, dass die dort vertretenen Religionsgemeinschaften eigentlich mehr oder weniger einer Meinung sein würden. Weit gefehlt.

Im Laufe der Debatte – vor Schülerinnen und Schülern – war ich dann der Einzige, der die Verbindung Gott erzieht durch Leiden verneinte. Denn es gebe ja auch Leiden, das nicht erziehe sondern breche. Ist das dann die Schuld Gottes? Die Schuld des Menschen, der nicht stark genug war? Manchmal ist Leid eben nur Leid.

Sie kennen alle die Geschichte von dem Vater, der sein Kind schlägt und dann auch noch sagt, dass es ihm, dem Vater, viel mehr weh tue als dem Kind. Grober pädagogischer Unfug. Oder den Arzt, der sagt, dass es gar nicht weh tue, obwohl klar und unwiderlegbar der Bohrer in seiner Hand das Gegenteil beweist. Wir haben eine merkwürdige Weise, eine manchmal schlimme Weise, mit Leiden umzugehen und es nicht ernst zu nehmen.

Die Debatte von damals ist mir noch lange nachgegangen. Seitdem bin ich sehr, sehr vorsichtig geworden, aus mir widerfahrenen Dingen den Willen oder eine Absicht Gottes abzuleiten. Da ist zu viel Mensch drin. Ich durfte auch so viele Exerzitien machen, dass ich mehr als einmal deutlich gemerkt habe, dass das mit dem Unterscheiden des Willens Gottes gar nicht so einfach ist.

Es sei denn, es geht um Barmherzigkeit. Da ist die Sache einfach. Und allein deshalb, weil es einfach ist, lohnt es sich, an diesem Prinzip festzuhalten. Barmherzigkeit kann überfordern, aber sie bleibt immer Menschlich. Im Leid den Willen Gottes erkennen zu wollen überfordert auch, droht aber schnell unmenschlich zu werden.

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