1.400 Jahre Ideengeschichte des Islam

Bei Beiträgen, in dem es in in diesem Blog um Islam und Muslime geht, bin ich regelmäßig erschrocken über die Bereitwilligkeit vieler Kommentatoren, zu kruden, simplen und schwarz-weiß malenden Bildern und Vorstellungen zurück zu greifen. Deswegen an dieser Stelle eine Gegenvorstellung. Ich setze dazu außnahmsweise einen Beitrag aus einer Sendung von Radio Vatikan hier ein, nicht um ihn zu verdoppeln, sondern um Kommentare dazu zu ermöglichen.

Ausdrücklich soll das als Beitrag zur Vielfalt gemeint sein. Wir müssen Debatten führen und nicht gleich schließen. Der Wissenschaftler Mouhanad Khorchide – um den es hier geht – hat eine Perspektive, auch er hat nicht die wirkliche und wahre, aber es ist eine Sichtweise, die ich persönlich nicht missen möchte und auf die wir uns einlassen sollten (sie findet dankenswerterweise nicht nur hier statt). Widerspruch ist gut und erwünscht. Wenn sie Beiträge zur Debatte sein wollen.

 

Der Soziologe und Religionspädagoge Mouhanad Khorchide ist eine ungewöhnliche Stimme des Islam: Auch in seiner eigenen Religion umstritten spricht er von Barmherzigkeit und Gemeinsamkeiten mit dem Christentum. Im Augenblick sehen wir eher die Bilder von Christenverfolgung und –vertreibung, da ist seine Sicht auf den Islam ungewöhnlich. Ein Gespräch mit dem Professor aus Münster über „seinen“ Islam.

 

„Islam ist Barmherzigkeit“: So heißt das neueste Buch des muslimischen Theologen Mouhanad Khorchide. Doch der Professor aus Münster, der unter anderem künftige Imame ausbildet, wird aus den großen deutschen Islam-Verbänden nachgerade unbarmherzig kritisiert: Zu liberal sei er, zu sehr einem nicht-wörtlichen Verständnis des Korans zugeneigt. Khorchide, der in Beirut aufwuchs und lange in Österreich gelebt hat, lehrt seit 2010 Islamische Religionspädagogik am ‚Centrum für Religiöse Studien’ der Uni Münster. Er weist auf den Reichtum islamischer Tradition hin.

 

„Wir haben 1.400-jährige Ideengeschichte, da gibt es sehr viele Schulen, Traditionen, Positionen, unterschiedliche Argumente und Gegenargumente. Was nicht heißt, dass das eine besser oder schlechter ist, sondern nur, dass manche bestimmte Schulen, andere eben andere Schulen vertreten oder andere Positionen haben. Deshalb ist die Vielfalt im Islam – wie es der Prophet Mohammed und später auch die Gelehrten bestätigt haben – eigentlich ein Segen! „Eine Barmherzigkeit“ hat der Prophet Mohammed dazu gesagt. Es gibt keinen Anlass für Streitereien, jedenfalls nicht im Idealfall.“

 

Doch natürlich ist dieser Ideal- eher der Ausnahmefall. Das weiß auch Khorchide. Er wagt etwas, wovor viele muslimische Forscher warnen: den Koran nämlich durch die historisch-kritische Brille zu lesen, wie sich das bei der christlichen Bibel längst eingebürgert hat. Auch bei diesem Zugriff würden die wesentlichen Botschaften Mohammeds erhalten bleiben, glaubt Khorchide.

 

Für eine „Theologie der Barmherzigkeit“

 

„Ich versuche hier Aspekte der Barmherzigkeit im Islam herauszuarbeiten, als Kern der islamischen Botschaft, als Wesensattribut Gottes, als Motiv aller Motive in Gott, das aus seiner Barmherzigkeit agiert. Und daraus entwerfe ich eine Theologie, die ich „Theologie der Barmherzigkeit“ bezeichne. Im Sinne: Was sind die Konsequenzen daraus, wenn wir konsequent weiter denken, dass Gott in seinem Wesen die Barmherzigkeit ist? Was heißt denn das für alle anderen theologischen Fragestellungen?“ Weiterlesen

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Wider den Krieg, noch einmal und immer wieder

„Ich rufe alle auf, weiter zu beten, damit der Herr den Völkern und den Verantwortlichen dieser Gebiete die Weisheit und die notwendige Kraft schenkt, um entschlossen auf dem Weg des Friedens voranzugehen. Im Mittelpunkt aller Entscheidungen dürfen niemals Sonderinteressen stehen, sondern das Gemeinwohl und die Achtung eines jeden Menschen: Alles ist mit dem Krieg verloren, und nichts verliert man mit dem Frieden!“ Papst Franziskus, am vergangenen Sonntag auf dem Petersplatz. Mit diesem Zitat wiederholte er einen Ausruf von Papst Pius XII. vom 24. August 1939, wenige Tage vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Es komme darauf an, „jeden Streit mit beharrlichem Dialog und mit Verhandlungen und mit der Kraft der Versöhnung anzugehen“, so Franziskus weiter.

Es gibt eine lange und ehrenvolle Traditon von Päpsten, die sich gegen den Krieg wenden, den modernen, industriellen, maschinellen, von Ideologien und Fanatismen gefütterten Krieg. Johannes Paul II. hat mich in seinem Einsatz gehen den Krieg im Nahen Osten als Student fasziniert, das zornige „jamais plus la guerre, jamais plus la guerre“ Papst Pauls VI. Vor den Vereinten Nationen in New York habe ich erst hier in Rom kennen gelernt, als ich mich näher damit beschäftigt habe. Aber Paul VI. steht in der Tradition, in der vor ihm Johannes XXIII. in seinem Einsatz in der Kuba-Krise und nach ihm Johannes Paul II. standen.

Und da ist der erste in dieser Reihe, den ich hier an dieser Stelle noch einmal zitieren will, Benedikt XV. Das habe ich ja in meinem letzten Post schon getan. Aber zitieren wir nicht den Papst, sondern einen des Katholizismus unverdächtigen, den unvergleichlichen Karl Krauss. Er hat ein Stück geschrieben, „Die letzten Tage der Menschheit“. Entstanden direkt unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges hat dieser brilliante Polemiker und von mir hoch geachtete Sprachkritiker setzt in dem Stück Sätze und Szenen zusammen. Und er fügt O-Ton Benedikt XV. ein.

Die 27. Szene im Ersten Akt besteht ganz aus einem Text des Papstes, die Regieanweisung lautet: „Im Vatikan. Man hört die Stimme des betenden Benedikt.“

„Im heiligen Namen Gottes, unseres himmlischen Vaters und Herrn, um des gesegneten Blutes Jesu willen, welches der Preis der menschlichen Erlösung gewesen, beschwören wir Euch, die Ihr von der göttlichen Vorsehung zur Regierung der kriegführenden Nationen bestellt seid, diesem fürchterlichen Morden, das nunmehr seit einem Jahre Europa entehrt, endlich ein Ziel zu setzen.

Es ist Bruderblut, das zu Lande und zur See vergossen wird. Die schönsten Gegenden Europas, dieses Gartens der Welt, sind mit Leichen und Ruinen besät. Ihr tragt vor Gott und den Menschen die entsetzliche Verantwortung für Frieden und Krieg.

Höret auf unsere Bitte, auf die väterliche Stimme des Vikars des ewigen und höchsten Richters, dem Ihr werdet Rechenschaft ablegen müssen. Die Fülle der Reichtümer, mit denen Gott der Schöpfer die Euch unterstellten Länder ausgestattet hat, erlauben Euch gewiß die Fortsetzung des Kampfes. Aber um was für einen Preis? Darauf mögen die Tausende junger Menschenleben antworten, die alltäglich auf den Schlachtfeldern erlöschen.“

Der ebensowenig katholischer Sympathien verdächtige Kurt Tucholsky hat das dann 1931 gegen die Nazis und die Kriegsgefahr, die er dort witterte, angeschärft, so ist das berühmte Zitat entstanden „Soldaten sind Mörder“. Weiterlesen

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Pfingstliche Ökumene

„Ich kann einen Christen nicht verstehen, der stehen bleibt. Ein Christ muss sich bewegen!“ Eine oft gehörte Botschaft von Papst Franziskus, und auch beim ökumenischen Treffen in Caserta am vergangenen Montag legte er diese seine Sicht auf das Christentum wieder aus.

Es war ein bemerkenswertes Treffen. Die Klage lautet ja, dass in den ökumenischen Dialogen die evangelikalen Kirchen und Gemeinschaften nicht vorkommen, oft weil dort einfach kein Interesse besteht. Ökumene mit den Kirchen der Reformation ist da einfacher, wir teilen viel Tradition. Die Konflikte sind da, aber auch die Bereitschaft zum Dialog. Die Kirchen des Ostens und der Orthodoxie haben andere Anknüpfungspunkte, aber auch hier gibt es einen lebendigen Dialog.

Und jetzt hat uns Papst Franziskus gezeigt, wie ein Dialog mit Evangelikalen zu Stande kommt. Zuerst hat er vor einigen Monaten einem ihm bekannten Pastor eine Botschaft auf sein iPhone gesprochen, der Pastor Tony Palmer ist mittlerweile verstorben aber sein Auftritt mit der Papst-Botschaft ist nach wie vor bahnbrechend.

Und jetzt geht der Papst selber zu einem Treffen und spricht über Christentum. Und dann betet man gemeinsam das Vaterunser. Das macht nicht alles gut, die „Frohbotschaft vom Wohlstand“ und andere Variationen des Evangelikalen Credos sind für Katholiken nur schwer zu verdauen. Auch ist nicht damit alles falsch, was früher gesagt wurde. Die Wir haben in der Redaktion einige Anrufe bekommen, ob jetzt die Kirchen eins seien und nicht mehr gelten würde, was galt. Das stimmt natürlich nicht, es gibt sehr viele Probleme auch weiterhin zwischen den Gruppen und der Kirche, auch viel Trennendes – auch unter den Gruppen. Was den Papst aber nicht davon abhält, darüber zu sprechen, warum es die Trennungen gibt und einen Schritt auf die anderen zu zu tun.

Das gilt übrigend nicht nur für die katholische Kirche: Kurz vor dem Besuch hatte die Italienische Evangelikale Allianz noch öffentlich und deutlich die Lehre der katholischen Kirche kritisiert, eingeschlossen in die Kritik waren ausdrücklich evangelikale Gemeinschaften, die eine ökumenische Annäherung an die katholische Kirche wünschen. Kein wirklich höflicher Zug.

Man solle doch bitte anhand der Schrift genau unterscheiden, was die Begegnung bringen könne, das Ziel sei schließlich, Jesus Christus der Welt zu verkünden, so die Allianz.

Und genau das macht der Papst dann bei seiner Begegnung: Die Verkündung der Botschaft Jesu Christi. Er nimmt nicht den hingeworfenen Fehdehandschuh auf, sondern konzentriert sich auf Jesus, auf das „mit Jesus Gehen“, ausführlich wie wir es von ihm kennen.

Und dann spricht er von den Trennungen und davon, woher sie kommen.

 

„Wer stehen bleibt, vergeht“.

 

Sie entstehen durch Geschwätz. Das darf man jetzt nicht zu einfach verstehen, dahinter steht der Gedanke, dass jeder an sich denkt und jeder sich die Welt zurecht legt und die negativen Teile beim Nächsten sucht und das dann eben per Geschwätz in die Welt setzt. Man legt sich fest, bleibt stehen, Ich gehöre zu Apollo, ich zu Petrus, ich zu Paulus, zitiert der Papst die Schrift. „Und so beginnen vom ersten Moment der Kirche an die Spaltungen. Und es ist nicht der Heilige Geist, der die Spaltungen macht.“ Trennungen der Kirchen ist also nichts Göttliches, eine nicht unwichtige Aussage des Papstes. Weiterlesen

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Vom Frieden reden in Zeiten des Krieges

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Julikrise und Ultimatum, all dem wird im Augenblick ausführlich gedacht. Vor 100 Jahren begann das große Schlachten. Ende Juni der Mord am österreichischen Thronfolger, dann am 27. Juli das österreichische Ultimatum und der Beistand für diese aggressive Politik. Am 1. August 1914 waren es deutsche Ulanen, die die Grenze zu Belgien überschritten und damit den großen Krieg begannen, den wir den Ersten Weltkrieg nennen, andere Sprachen nennen ihn schlicht den Großen Krieg.

Es begann aber auch das Ringen um den Frieden, Bertha von Suttner fällt als Name ein, auch wenn sie einige Wochen vor Kriegsbeginn bereits starb.

Papst Benedikt XV., Giacomo della Chiesa

Papst Benedikt XV., Giacomo della Chiesa

Während des Krieges war es eine andere Stimme, die immer wieder versuchte, dem Schlachten ein Ende zu setzen: Papst Benedikt XV. Buchstäblich in den ersten Tagen des Krieges – im September 1914 – zum Papst gewählt war Krieg und Frieden das Thema seines Pontifikates.

Vor einem Jahr habe ich zu diesem fast vergessenen Papst einen Beitrag gemacht, den ich zu gegebenem Anlass hier noch einmal einstelle. Aktuell bleibt er.

 

Eine untergehende Welt

 

„Es muss das Schwert nun entscheiden; Mitten im Frieden überfällt uns der Feind, darum auf, zu den Waffen!“ Kaiser Wilhelm II. spricht vom Schwert, aber was den Menschen, die 1914 voller Elan in den Krieg zogen, begegnete, das waren keine Schwerter, sondern ein voll industrialisierter Krieg. Die Maschinenwaffen, der Soundtrack für eine zu Ende gehende Welt, der den vorläufigen Höhepunkt der stetigen Aufrüstung bedeutete, die sich bereits im Jahrhundert davor abgezeichnet hatte.

Die Historiker nennen es „das lange 19. Jahrhundert“: Was mit französischer Revolution und Napoleon begann, setzte sich in den Nationalstaaten fort, in Industrialisierung und Militarisierung, in einem völlig überzogenen Egoismus der Nationen Europas, in Kolonialismus und in vielen, vielen Kriegen. Die in den 60er Jahren, Deutschland gegen Österreich und der Bürgerkrieg in den USA, zeigten zuerst, wie sehr die Industrie die Kriegführung bestimmte, Telegraf und Lokomotive wurden genauso wichtig wie Bajonett und Stiefel. In den Schützengräben des Ersten Weltkrieges dann übernahmen diese von der Hand des Nationalismus geführten Industriewaffen vollständig die Herrschaft, mit furchtbaren Ergebnissen.

„Nun will man uns demütigen. Man verlangt, dass wir mit verschränkten Armen zusehen, wie unsere Feinde sich zu tückischem Überfall rüsten.“ Wenn man Kaiser Wilhelm II. schwadronieren hört, kann man verstehen, wie sehr die Zeit in ihrem verblendeten Nationalismus verhakt war. Und man könnte in diesem Zusammenhang auch andere Staatschefs nennen: rund um den Krieg ertönte es stolz, martialisch, uniformiert, national. Wie anders liest sich da eine Stimme, die seit 1914 immer wieder erklang, die aber im Donner der Geschütze und angesichts der Taubheit der stolz geschwellten Brust kein Gehör fand:

„Im Namen des allmächtigen Gottes, im Namen unsres himmlischen Vaters und Herrn, … beschwören wir euch, euch von der göttlichen Vorsehung an die Spitze der kriegführenden Völker Gestellte, endlich dieser grauenhaften Schlächterei ein Ende zu setzen, die nun schon ein Jahr Europa entehrt.“ Es ist die Stimme des Papstes, Benedikt XV. Vom Beginn des Krieges an und dann immer wieder äußert er sich gegen den Krieg, schreibt und schreibt, denkt an den Frieden und will seinen Teil zum Ende der „grauenhaften Schlächterei“ beitragen.

 

Benedikt XV.

 

Was für ein Mensch sitzt da auf dem Papstthron? Als 2005 der Name des neuen Papstes Benedikt XVI. verkündet wurde, da haben wir uns alle gefragt, warum Benedikt? Wer war der letzte Papst dieses Namens? Und warum will gerade Joseph Ratzinger die Verbindung mit diesem fast unbekannten Papst? Hören wir den Papst selbst dazu. 2006, in seiner Friedensbotschaft, erklärt er seine Entscheidung:

„Der Name Benedikt selbst, den ich am Tag meiner Wahl auf den Stuhl Petri angenommen habe, weist auf meinen überzeugten Einsatz für den Frieden hin. Ich wollte mich nämlich sowohl auf den heiligen Patron Europas, den geistigen Urheber einer Frieden stiftenden Zivilisation im gesamten Kontinent, als auch auf Papst Benedikt XV. beziehen, der den Ersten Weltkrieg als ein ‚unnötiges Blutbad’ … verurteilte und sich dafür einsetzte, dass die übergeordneten Gründe für den Frieden von allen anerkannt würden.” (Friedensbotschaft 2006, 2)

 

„Gesegnet, wer als erster den Ölzweig erhebt“

 

Die „übergeordneten Gründe für den Frieden“: Benedikt XV. steht für Ausgleich, Versöhnung. Weiterlesen

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„Das Religiöse ist immer auch politisch“

Die Schweiz ist nicht nur Idyll und Berge und Schnee und Urlaub, nicht nur Großstadt und Banken und Finanzwirtschaft. Die Schweiz, das sind auch Einwanderer, das Land ist beliebt wegen seines Reichtums, seiner ökonomischen Sicherheit und seiner stabilen Demokratie. Das finden nicht alle Schweizer gut, die SVP hatte im Februar bundesweit über eine „Masseneinwanderungsinitiative“ gestartet mit hässlichen Bildern und viel Angstmache vor Überfremdung.

Im Juni war ich dort unterwegs, habe viele Leute getroffen, interviewt oder einfach nur eine Unterhaltung geführt, um da Land und die Kirche dort kennen zu lernen. Das Gespräch kam immer wieder auf diese politische Polarisierung zu sprechen. Die sitzt tief.

Die Uni Fribourg setzt etwas dagegen. Auch da war ich zu Besuch. An der Fakultät für Katholische Theologie soll ein Zentrum entstehen, und zwar für islamische Theologie. Was es damit auf sich hat, habe ich den Rektor der Hochschule gefragt, Dominikanerpater und Professor Guido Vergauwen.

 

Pater Guido Vergauwen OP, Theologieprofessor und Rektor der Uni Fribourg

Pater Guido Vergauwen OP, Theologieprofessor und Rektor der Uni Fribourg

„Das Religiöse ist immer auch politisch“, sagt Pater Guido. „Tatsächlich ist das Projekt langfristig aus Fragen entstanden, die zu tun haben mit der Integration der islamischen Bevölkerung. Natürlich kommen dann sofort auch politische Rückfragen, die mit der Integration zusammen hängen.“ Das mit der Theologie beginnt also politisch, mit einer Bundesparlamentsinitiative 2009, es sollte um eine „Schweizerisierung“ der Muslime gehen, sagt Pater Guido. Von diesen rein politischen Absichten hat sich das Projekt aber seitdem emanzipiert. Auch wenn es noch nicht Realität ist – die politischen Rückfragen, von denen der Rektor spricht, sind ganz konkrete Anfragen einer Schweizer Partei – geht es doch einen wissenschaftlichen, nicht einen politischen und damit verzweckten Weg.

 

Theologie, nicht Religionswissenschaft

 

Deswegen ist es auch Theologie, nicht Religionswissenschaft. Es soll theologische Wissenschaft sein, erklärt Pater Guido Vergauwen, „ausdrücklich aus der Glaubensperspektive heraus. Aus den Gesprächen mit Vertretern der muslimischen Gemeinschaft hier in der Schweiz ist uns sehr rasch klar geworden, dass sie sich nicht theoretisch mit ihrer eigenen Religion auseinander setzen wollen. Sie wollen sich aber auch nicht theoretisch auseinandersetzen mit der Religion des Anderen. Sondern sie wollen quasi auf Augenhöhe als Glaubende miteinander ins Gespräch kommen. Ich denke, dass theologisch da schon viel Vorarbeit geleistet ist, die Frage Christentum und Islam ist selbstverständlich keine neue Frage, aber ich denke, dass wir vor allem hier in der Schweiz theologisch noch manches aufarbeiten können und müssen.“

Man mag da eben an die Masseneinwanderungsinitiative der SVP denken, die im Februar dieses Jahres zur Abstimmung stand und die einen erschreckenden Grad an Fremdenfeindlichkeit gezeigt hat.

Als ‚Dialogwissenschaft’ könnte man das Projekt bezeichnen, wobei man bei Dialog immer die Bedingungen dazu mitdenken müsse: Gegenseitiger Respekt, die Fähigkeit, unterschiedliche Meinungen auch einmal stehen zu lassen und den gemeinsamen Wunsch, die Gesellschaft zu prägen. Weiterlesen

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Christenverfolgung – Kein Thema für uns hier?

Seit Tagen beschäftigt uns in der Redaktion intensiv die Situation im Irak, wenn man das denn noch als einen Staat bezeichnen kann. Die Islamisten haben Städte eingenommen, vertreiben Christen, verbrennen Häuser und Kirchen und zerstören damit etwas, was dort seit 1.700 Jahren und länger existiert hat. Sie tun es aus Machtgier, denn mit Religion hat das alles schon lange nichts mehr zu tun, da sind sich alle Beobachter – auch die muslimischen – einig.

Aber irgendwie scheinen wir die Einzigen zu sein. Katholische Medien weisen auf diese Christenverfolgung hin, aber sonst nicht wirklich viele Medien.

Für eine Sendung habe ich den Weltkirchen-Beauftragten der deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Ludwig Schick von Bamberg, dazu interviewt. Meine Frage war, was sich denn seit den 70er und 80er Jahren verändert habe; ich kann mich noch gut an die Eine-Welt Arbeitskreise erinnern und an Kritik an den Zuständen in Latein- und Südamerika. Dieses Bewusstsein, das ja auch ein politisches Bewusstsein ist, gibt es scheinbar heute nicht mehr.

 

Früher war der Horizont weiter

 

Erzbischof Schick urteilte in dem Interview so: „Damals war der Horizont weiter als er heute ist.“ Und weil er damit nicht nur uns Christen meint, fährt er fort: „Das ist eigentlich sehr schade, gerade wir Deutschen haben mit unserem Außenhandelsvolumen eine gute Position in der Welt, wir könnten da viel mehr bewirken. Aber wissen Sie, wenn ich Deutschland betrachte und dann die anderen europäischen Staaten und die EU, dann sage ich, dass in Deutschland noch mehr für verfolgte und bedrängte Christen und für Menschen in Notsituationen in Afrika, Asien, im Nahen und Fernen Osten getan als in anderen Staaten. Das darf uns aber nicht nachlässig machen; wir müssen da mehr fordern und wir müssen uns mehr einsetzen.“ Weiterlesen

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Einmal hin und zurück, bitte

Am 25. Juli feiert die Kirche den heiligen Jakob, den Apostel Jakobus den Ältern. Auf spanisch: Santiago. Sie ahnen, worum es in diesem Beitrag geht. Genau, um das Pilgern.

Bild: Ansgar Koreng

Bild: Ansgar Koreng

In diesen Tagen kommen anlässlich des Festes einige Meldungen über die Agenturen, so zum Beispiel die Schätzung, dass es etwa zehn Österreicher jährlich sind, die den gesamten Weg gehen, also 3.000 Kilometer in etwa 100 Tagestouren.

Insgesamt werden im Jahr etwa 210.000 Pilger in Santiago gezählt, gemessen an den ausgegebenen Pilgerurkunden, für die die gelaufenen letzten 100 Kilometer ausgegeben werden.

Warum pilgert man? Weil es ein körperliches Beten ist. So allgemein möchte ich das mal als These anbieten. Man läuft, der Körper – normalerweise unterbeansprucht – übernimmt die Hauptlast, es ist belastend, es ist anstrengend aber auch zutiefst befriedigend, man muss Schweinehunde überwinden und Berge und Wetter und dergleichen und kommt voran.

 

Niederschwellig und schweißtreibend

 

Das ist geistliches Leben ganz praktisch.

Kein Wunder also, dass das Pilgern zunimmt und in Mode gekommen ist, nicht nur unter Christen. Irgendwie kann man da etwas Geistliches mitmachen, ohne gleich voll und ganz einzusteigen, es ist niederschwellig und auch deswegen beliebt.

Die Agentur Kathpress schlüsselt auf: 51 Prozent der Pilger führten religiöse Motive an, 43 Prozent „ausschließlich religiöse”. Sechs Prozent sagten hingegen, Religion spiele für ihren Weg keine Rolle. Männer sind bei den Wallfahrern leicht in der Überzahl (55 Prozent), ein gleich großer Anteil gehört der Altersgruppe zwischen 30 und 60 Jahren an. Weiterlesen

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Aufnahmegeräte

Das schlimmste, was einem Radiojournalisten passieren kann, ist ein defektes Aufnahmegerät auf einem Termin. Man macht ein Interview, beim Abschalten sieht man, dass eines der Lämpchen zu häufig blinkt, hat ein schlechtes Gefühlt und merkt beim Abhören dann, dass das teure Flash-Mikro einen Teil nicht aufgezeichnet hat. Ist jedem schon mal passiert, das gehört irgendwie zum Beruf.

Im IOR, im Büro des Präsidenten von Freyberg

Interview mit Ernst von Freyberg bei funktionierendem Aufnahmegerät

Nun kann ich das verlorene aber nicht ersetzen. Ich kann mich nicht ans Mikro setzen und aufsprechen, was ich mir gemerkt habe und dann sagen, das hat der-und-der gesagt. Hörerinnen und Hörer schalten ab, wenn sie so was hören, und das zu recht. Wir können direkte Zitate nur senden, wenn es direkte Zitate sind.

Zeitungen haben es da eigentlich einfacher, die schreiben auf und müssen nicht den Wortlaut senden. Deswegen gibt es aber – als Ausgleich – das Institut der Freigabe oder der Autorisierung von Interviews bzw. von wörtlich wiedergegebenen Sätzen. Was von außen vielleicht wie ein abgekartetes Spiel aussieht, erfüllt die gleiche Funktion: Beide Parteien sind sich sicher, dass das gesagt wird, was gesagt wurde. Dass es da auch Missbrauch gibt und dann jemand nachher nicht gesagt haben will, was er eigentlich gesagt hat, steht auf einem anderen Blatt. Bleiben wir aber für einen Augenblick bei der Theorie.

Das so genannte Interview von Herrn Scalfari, bzw. der lange Artikel des Herrn samt langer wörtlicher Zitate von Papst Franziskus, ist nun auch auf Deutsch erschienen. Herr Scalfari hat dabei das getan, was ich oben mit der Situation um das Aufnahmegerät beschrieben habe: Er hat wörtliche Zitate geschaffen, wo keine waren. Er hat kein Aufnahmegerät benutzt, nicht mal das einfachste, nämlich Stift und Papier. Weiterlesen

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Der Elefant im Raum

Eine Kunstaktion von Bansky zeigt einen echten lebendigen und rot angemalten Elefanten im Raum

Banskys Version des Elefanten im Raum, Kunstaktion 2006 in LA

Die Englische Sprache kennt eine Menge wunderbarer Vergleiche, unter anderem den des Elefanten im Raum. Alle wissen, dass da etwas im Raum ist, aber keiner spricht darüber.

Bei der Lektüre der Pressemitteilungen aus diversen Bistümern heute wurde ich daran erinnert. Es wurden die Ergebnisse der statistischen Erhebungen zu Kirchenaustritten, eintritten und zu den Sakramenten bekannt gegeben.

Wo sich die einzelnen Bistümer treffen ist bei der überdurchschnittlichen Zunahme an Austritten, was nicht überrascht. Die Zahlen sind unterschiedlich, wie auch die Situationen in den Bistümern unterschiedlich sind, aber allen gemeinsam ist, dass es 2013 sehr viel mehr Austritte gegeben hat, bis zu 40% mehr, als noch 2012. Und einige Pressemeldungen fügen an, dass das mehr sind, als zu den Zeiten der Missbrauchsdebatte. Wer es genau wissen will: Die DBK hat eine Übersicht erstellt.

In vielen Stellungnahmen wird ausdrücklich auf den Vertrauensverlust hingewiesen, welcher durch die Vorgänge im Bistum Limburg entstanden sei. Mir selber scheint auch nicht unwichtig, dass das direkt im Anschluss an die Missbrauchsdebatte geschah, die ja – in der Wahrnehmung der meisten Menschen, sie selber nicht betroffen waren – eine ähnliche Geschichte war: Heimlichkeit, Schutz der Institution, Täuschung, Macht, Privilegien und nicht zuletzt Geld. Viele, die in der Missbrauchsdebatte den Bischöfen und der Kirche noch einmal eine Chance gegeben hatten, sehen sich nun endgültig enttäuscht. Aber das ist nur eine These von mir, ich kann sie überhaupt nicht belegen. Es scheint mir nur logisch und in einigen – wenigen – Gesprächen sehe ich das bestätigt.

Wo ist nun der Elefant? Der heißt „Franziskus-Effekt“. Weiterlesen

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In der Mitte und ohne Stufen

Das Gewinnermodell zur Neugestaltung des Innenraumes

Das Gewinnermodell zur Neugestaltung des Innenraumes

Einen Bischof hat die Bischofskirche Berlins gerade nicht, dafür aber gute Zukunftsaussichten: Vor einigen Wochen wurde das Siegermodell des Architektenwettbewerbes für die Neugestaltung des Innenraumes vorgestellt. Das ist zwar noch längst nicht das dann tatsächlich gebaute Stück, sondern erst der Ausgangspunkt für die nun anstehenden Planungen. Aber es ist schon mal ein guter Einblick in das Denken, in welche Richtung die Neugestaltung gehen soll.

Ein Foto gibt das nicht wieder, schon gar nicht das Foto eines Modells, aber ein kurzer Eindruck ist ja auch schon mal was.

 

Stühle, nicht Bänke

 

Sie sehen zum Beispiel Stühle, keine Bänke. Die Bank ist nach der Reformation in unsere Kirchen gekommen, auch in die Kirchen Italiens und anderer Länder. Frankreich hat sich die Stuhl-Tradition aber noch in einigen Kirchen, vor allem Kathedralen, erhalten. Es ist das belehrt-Werden, das sich in der Bank ausdrückt. Auch rein physisch geht man erst auf den Altar zu, um sich dann in einer Seitenbewegung einzuordnen. Das entspricht eigentlich nicht dem Empfinden bei einer Feier. Soll heißen: Stühle halte ich persönlich für besser als Bänke, wenn es um Liturgie geht.

 

Auf gleicher Höhe

 

Sie sehen zum Beispiel beim genaueren Hinsehen im Rund keine Stufen. Das war auch gleich der Vorwurf: Die Gläubigen würden den Priester ja gar nicht sehen, denn beim Stehen – etwa während des Eucharistischen Hochgebetes – wären alle auf Augenhöhe und die Mitte würde verdeckt.

Das muss nicht sein, ich selber bin auch in einer Kirche geweiht worden, die keine Stufen hat – Sankt Peter in Köln – und bin vorher und nachher einige Male zu Messfeiern da gewesen, auch als Mitfeiernder, nicht nur vorne. Und ich kann sagen: Das geht. Es ist möglich, beides zu verbinden, das Fehlen des Herausgehobenen und des Sichtbaren. Und wie der ehemalige Pfarrer von Sankt Peter in Köln, Pater Friedhelm Mennekes, es ausgedrückt hat: Nur wenn die Horizontale stimmt, dann stimmt auch die Vertikale. Die Gleichheit unter uns Menschen, die sich in derselben Höhe auch ästhetisch und nachfühlbar ausdrückt, macht die Verbindung mit dem „oben“, mit Gott, der erhobenen Hostie, umso klarer. Weiterlesen

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