Reisen ist sprechen

Papstversteher sein ist nicht einfach. Die Nachbeben von der Pressekonferenz des Papstes im Flieger sind noch zu spüren, und wieder tut sich die Frage auf, was dieser Papst eigentlich will. Mehr und mehr schiebt sich diese Frage ins Zentrum derer, die ihn zu interpretieren, verstehen, kommunizieren und überhaupt in den Blick bekommen wollen.

An der Grenze USA-Mexiko

An der Grenze USA-Mexiko

Gerde die Pressekonferenz im Flieger ist ein wunderbares Beispiel. Selbst wohlmeinende Beobachter finden das eher belanglos, nichts Neues, es komme als Aufreger daher, da sei aber im Grunde genommen nicht viel dran. Da wird dem Papst auch schon mal unterstellt, er plappere bloß drauflos, vielleicht aus Sauerstoffmangel im Flieger.

Andere nehmen bewusst Anstoß an dem, was er gesagt hat. Ein Standardvorwurf: zu politisch „linken“ Themen – gegen Trump – äußert er sich, zu politisch „rechten“ Themen – gleichgeschlechtliche Partnerschaften – will er sich nicht einmischen. Ja was denn nun, fragt es im netz. Ich darf dazu einmal aus einem Kommentar zu einem vorherigen Blogeintrag – dem zu Donald Trump – zitieren: Elbsund schreibt „Ich glaube, dass diese Äußerung des Papstes sehr vielen Journalisten (auch bei Radio Vatikan) entgegenkommt, die keine Wahlsieg von Trump wollen. Und wieso wird die Äußerung des Papstes zu Abtreibung von den Journalisten fast ignoriert?“ Also nicht nur der Papst ist auf einem politischen Auge Blind – wenn man so will – , die Journalisten-Papstversteher sind das auch.

 

Linke und rechte Debatten

 

Aber hält sich der Papst nur an das, was er selber gesagt hat: in Politik mischt er sich nicht ein (siehe die Frage nach den gleichgeschlechtlichen Partnerschaften). Das heißt nicht, dass die ganze Kirche sich da raus hält, im Gegenteil, er hat den Bischöfen Italiens gesagt, dazu eine gemeinsame Linie zu finden.

Und was die andere politische Seite angeht: da geht es nicht um Einmischung in einen Wahlkampf. Trump hätte wahrscheinlich viel Geld dafür bezahlt, den Papst in einen Konflikt ziehen zu können. Aber die Frage war die nach einem politischen Argument, nämlich nach den Zäunen und der Abschiebung. Das wird dermaßen verzerrt, dass es mittlerweile jenseits der Politik ist und auf dem Gebiet der reinen Polemik angekommen. Ein Mann, der offen auf der Bühne die Folger wieder einführen will, die Obama (viel zu spät) abgeschafft hat, den kann man als Christ nicht da stehen lassen, wenn man danach gefragt wird. Weiterlesen

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Der Papst und Herr Trump

Die Süddeutsche Zeitung hatte es online auf der Eins, Spiegel Online hatte den Papst gleich zwei Mal, auf Position Zwei und Drei. Tagesschau.de hat eine Sondermeldung draus gemacht, die KNA auch. Wir sind ja gewohnt, dass der Papst bei seinen Pressekonferenzen offen spricht, aber die Worte beim Rückflug aus Mexiko waren dann doch was besonderes.

2xPapst

Spiegel online, 20 Uhr gestern Abend (18.2.)

Spiegel online, 20 Uhr gestern Abend (18.2.)

Aber waren sie das wirklich? Lassen wir die Frage mit den Verhütungsmitteln mal weg, da lese ich nicht, was die meisten Medien daraus gemacht haben. Er rüttelt an keinem Dogma, sagt das auch ausdrücklich. Bleiben wir beim Thema, was mal witzig, mal tragisch aussieht, bleiben wir bei Donald Trump.

Er hat ausgeteilt, der Papst. So habe ich das bei uns berichtet:

‚Ob er nur ein Spielball der Politik sei, dieses Urteil überlasse er gerne anderen, antwortete Papst Franziskus. „Ein Mensch, der nur daran denkt, Mauern zu bauen und nicht Brücken, der ist nicht christlich. Das ist nicht das Evangelium“, ging der Papst auf den zweiten Teil der Frage ein. Zur Frage, ob man so jemanden wählen könne, wollte er sich nicht direkt äußern. „Ich sage nur: Dieser Mensch ist kein Christ, wenn er das so sagt. Man muss aber sehen, ob er das wirklich so gesagt hat, nicht wahr?“ ‚

Der erste Facebook Kommentar echauffierte sich gleich, was der Papst sich denn erlaube. Ich fühlte mich irgendwie an die Überreaktion der AfD Frau Frauke Petry erinnert, die der deutschen Kirche vorwarf, nicht genug für die Christen im Nahen Osten zu tun, die verfolgt würden, dafür aber mehr für Muslime zu sprechen. Ähnlich dünnhäutig äußerte sich Trump auf seiner Webseite – oder er ließ äußern, denn es ist ja Wahlkampf.

„If and when the Vatican is attacked by ISIS, which as everyone knows is ISIS’s ultimate trophy, I can promise you that the Pope would have only wished and prayed that Donald Trump would have been President because this would not have happened. ISIS would have been eradicated unlike what is happening now with our all talk, no action politicians.“

Die Formulierung „would have been“ gibt mir Hoffnung, scheint Herr Trump schon selber nicht mehr von seinem Wahlsieg auszugehen. Aber das nur nebenbei. Zu viel Konjunktiv.

Die Formulierung „if and when“ dagegen ärgert mich. Dem ‚ob‘ folgt gleich das ’sobald‘, hier wird mit Angst gespielt. Und ich darf schon fragen, wer die ganzen Islamisten jahrelang militärisch ausgerüstet hat, in Afghanistan gegen die Sowjetunion, in Pakistan, wir dürfen auch fragen wer die erste demokratisch gewählte Regierung Irans gestürzt hat, und so weiter. Das war das Amerika, das Trump wieder groß machen will. Also, jetzt mit den Ängsten zu spielen ist schon ziemlich zynisch.

 

Wäre Trump nur Präsident gewesen!

 

Streng genommen hat der Papst ja auch nur die Aussagen kommentiert, die ihm vorgehalten wurden und dann angefügt, man müsse genau sehen, was Herr Trump gesagt habe. Aber die Reaktion von Trump’s Camp macht das ja wohl überflüssig, man fühlt sich angesprochen.

Aber zur wirklich wichtigen Frage: Darf jemand über jemand anderen sagen, dass er oder sie kein Christ sei? Dass seine oder ihre Äußerungen nicht christlich seien? Da mag ich anders herum fragen: Muss man nicht irgendwann mal den Strich ziehen und Äußerungen Ernst nehmen? Unendlich biegsam für politische Zwecke sind die Worte Jesu nicht, irgendwann brechen sie. Und das muss schon mal gesagt werden dürfen.

Einwand eines Freundes – US-Amerikaner, Republikaner, kein Trump-Fan – „wer bin ich zu richten“. Papst Franziskus hatte das selber gesagt. Der Unterschied ist nur, dass er das über Menschen gesagt hat, die nach bestem Wissen und Gewissen dem Evangelium gemäß leben wollen. Kann man das aber auf Menschen ausdehnen, die abschotten und ausweisen wollen? Wo man beim besten Willen nicht Aussagen Jesu neben politischen Populismus halten kann?

 

Darf der Papst das?

 

Wir können gerne darüber streiten, ob jemand mit dem Amt des Papstes das tun sollte oder nicht, da gibt es gute Argumente auf allen Seiten. Aber wenn ich die hunderte Kommentare im Netz auch nur überfliege, ist das gar nicht so sehr das Argument. Da fühlen sich Leute vielmehr ertappt, scheint mir. Das politische Schauspiel, das sich in den USA gerade bietet, macht Angst. Die USA sind einfach zu mächtig, als dass jemand von 2.500 Kilometern Zaun faseln darf, den andere zahlen sollen. Da finde ich persönlich es gut, dass mal jemand in diese Ballons eine Nadel sticht und Luft raus lässt. Oder im Sinn des Märchens: dass jemand aufsteht und sagt, dass der Kaiser keine Kleider an hat.

Und wenn wir ehrlich sind – der Wahlkampf dort ist bereits so emotional und absurd und bei einigen Kandidaten fern der Realität, da sind die Äußerungen des Papstes schon erfrischend normal zu nennen.

 

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Um den Altar

Lange habe ich versucht mich zu erinnern, aber mir fällt keine Papstreise ein, die so viele große Messfeiern gehabt hätte. Bei Johannes Paul II. mag es eine solche gegeben haben, aber das ist außerhalb meiner Erinnerung. Bei Benedikt XVI. jedenfalls und bis jetzt bei Franziskus hat es das noch nicht gegeben. Jeden Tag einer längeren Reise – fünf Tage ist der Papst in Mexiko unterwegs – feiert er eine große „Stadionmesse“.

Konzelebration bei einer Papstmesse

Konzelebration bei einer Papstmesse

Üblich war es zum Beispiel, mit Ordensleuten und Priestern eine Vesper zu feiern, angehängt an eine Fragestunde. Aber in Mexiko war auch das eine große Messe. Sonntag Ecatepec, Montag San Cristóbal de Las Casas, Dienstag Morelia und an diesem Mittwoch abschließend in Ciudad Juárez, jeden Tag eine große Messe.

Dabei ist das aber nicht nur „fromm“, der Papst verlegt seine Botschaften nicht in das „nur“ Geistliche oder Spirituelle. Man muss nur den Reiseplan lesen, um die Absicht zu lesen. Ausgebeutete Indigene, Drogenkriminalität, Migration und Flucht, das sind die Orte, die mit den Messfeiern verbunden sind.

Das ganze zeigt auf eine besondere Weise, die diese Dinge, „fromm“ und „politisch“, engagiert und geistlich, zusammen gehören. Oder wie es der Papst in der Predigt am Dienstag gesagt hat: „„wenn du mir zeigst, wie du betest, werde ich lernen, den Gott zu entdecken, den du erlebst, und wenn du mir zeigst, wie du lebst, werde ich lernen, an den Gott zu glauben, zu dem du betest“. Der Jesus ist eben nicht in Kirchengebäuden und reservierten Zeiten zu Hause, auch nicht der Jesus des Sakrament des Altares. Die Altäre der Papstreise stehen dort, wo Jesus während seines Lebens auch gewesen ist.

 

Sakrament mitten im Leben

 

In der Papst-Berichterstattung habe ich den Satz eines Mexikaners gelesen, der der Kirche eher kritisch gegenüber steht. Er sagte, dass viele Menschen in Mexiko der Kirche den Rücken kehren, weil die zu sehr einer Moralagenda verhaftet sei, zu viel gegen Werteverfall und gegen Abtreibung sei und die Armen zu wenig im Blick habe. Dieser Papst dreht das, er steht für eine andere Form von Religion. Oder besser: Er weitet das. Einen unpolitischen Politiker habe ich das genannt, bei ihm gehören das Geistliche und das Soziale zusammen.

Papst Franziskus beim Einzug ins Stadion von Morelia zur Feier der Messe

Papst Franziskus beim Einzug ins Stadion von Morelia zur Feier der Messe

In Moralia rief er zum Beispiel die Jugendlichen dazu auf, ein „Heiligtum“ zu bauen, keinen physischen Ort, sondern eine Gemeinschaft, Pfarrei oder Nation. „Die Gemeinschaft, die Familie, das Gefühl, Bürger zu sein – dies ist eines der wichtigsten Gegenmittel gegen all das, was uns bedroht“. Jesus sei dabei derjenige, der Leben garantiere. So gehören die Dinge zusammen, politische und gesellschaftliche Fragen gehen Christen eben mit Christus an.

Das besondere dabei ist, dass das nicht wie bei Pfingstkirchen oder anderen charismatischen Gruppen im Wort oder in der inneren Begeisterung oder im gemeinsamen Gebet bleibt, sondern dass es sich um das Sakrament dreht. Das ist das besonders Katholische an dem, wie der Papst Kirche sichtbar macht.

Ungewöhnlich mag es also für eine Papstreise sein, dass so viele große Messen gefeiert werden, aber es passt zu Papst Franziskus. Es fokussiert, Gebet und Leben gehören eben ineinander. Und für das Sakrament gilt das eben auch, es steht im Leben.

 

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Die Freundschaft eines Papstes

Karol Józef Wojtyła hatte eine „intensive Freundschaft“. Seit einigen Tagen geht diese Geschichte um den heiligen Papst Johannes Paul II. durch die Medien, gestern – Montag – Abend wurde von der BBC endlich der Beitrag ausgestrahlt, auf den sich so viele kleine Stücke bezogen.

Vielleicht darf ich an dieser Stelle mal was klarstellen: Erstens ist es gut und wichtig und gesund, Freundschaften zu unterhalten. Und vielleicht ist 2016 auch ein Jahr, in dem es nicht mehr wirklich anrüchig ist, wenn ein Mann eine Freundschaft mit einer Frau unterhält. Selbst wenn sie verheiratet und er ein Priester ist. Dass Freundschaften auch mal schillern kennt jeder, der mal eine gepflegt hat. Oder pflegt.

Da jetzt durch ein Fragezeichen in der Überschrift was hinein zu geheimnissen, bringt nichts. Die BBC-Geschichte ist ja auch sehr klar, alles dokumentiert, es gibt viele Briefe, es gab emotionale Dichte, aber munkeln muss man da nix. „Papst Johannes Paul soll eine intensive Freundschaft gehabt haben“ klingt es in den Medien: falsch, ganz falsch. Er hatte eine. Nicht „soll gehabt haben“, „hatte eine“. Hier die Vermutungsform einzuführen verkauft vielleicht Papier und Sendeminuten, liefert aber null Information.

 

Der Mensch Karol

 

Wir lernen vielleicht etwas über den Menschen Karol und den Papst Johannes Paul II., was wir bisher nicht wussten, insoweit ist das wirklich was Neues. Aber da Anna-Teresa Tymieniecka schon in den 90er Jahren dazu interviewt wurde, ist das alles so neu nicht.

Wo die Neugierde einsetzt und wo man irgendwie dann doch mehr wissen will ist bei der Frage nach Verliebtheit oder nicht. Das wird ja auch bei der BBC deutlich, wobei die das dankenswerterweise sehr ehrlich und offen behandeln und sagen, was sie wissen und was sie nicht wissen. Aber ganz ehrlich, ein Mensch der nicht sich nicht auch mal verliebt, ist doch kein Mensch. Das hat nichts mit Gelübden – Zölibat oder Ehe – zu tun, sondern mit Menschsein. Wer sich nie verliebt, bei dem stimmt was nicht.

Und dann ist da die Frage, dass die Freundschaft „vom Vatikan verschwiegen“ worden sei. Was für ein Unfug. Dass man seine Freundschaften, vor allem die wichtigen, nicht an die große Glocke hängt und dass man vor allem wenn man dauernd in der Öffentlichkeit steht das Private um so mehr schätzt heißt doch gar nichts. Und wenn es so ist, wie die Briefe und der Bericht sagen, dass es also eine Freundschaft war und nichts mehr und nichts weniger, dann gibt es auch keinen Anlass, das dem voyeuristischen Blick der Öffentlichkeit auszusetzen.

Freundschaften sind komplexe Dinge, die taugen nicht für das schnelle Urteil.

Die Geschichte wird missverstanden werden. Sie wird auch möglichst schief berichtet, damit sie missverstanden werden kann. Das ist nicht zu ändern. Aber wenn wir wollen, dann zeigt uns die Geschichte die menschliche Seite eines Mannes, den wir nur in öffentlichen Auftritten zu kennen meinen. Und die menschliche Seite einer polnischen Philosophin.

Und wer sich das selber anschauen will: Heute Abend, 20.15 Uhr gibt es das bei Arte zu sehen.

 

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¡Hola Mexiko!

Kalter Krieg und Russland, Flüchtlingskrise, US-Wahlkampf: Eigentlich ist es keine themenarme Zeit, die wir in den Medien verfolgen. Und dennoch ist Papst Franziskus und seine Reise nach Mexiko sehr prominent vertreten. Ich sage „dennoch“, denn vor genau einem Jahr, bei der Reise nach Ostasien, war das nicht der Fall. Das hat wenige medial bewegt, was war fast unsichtbar.

Die Elite Mexikos, in der Mitte der Gast Papst Franziskus

Die Elite Mexikos, in der Mitte der Gast Papst Franziskus

Mit der Voraussage, dass das Treffen in Kuba mit Patriarch Kyrill direkt vor Mexiko die Reise danach in den Schatten stellen wird, habe ich auch falsch gelegen. Zwar hat das eine ganze Menge Aufmerksamkeit auf sich gezogen, durchaus auch kritisch und mit Blick auf die Situation um Russland, Syrien, die Ukraine und Präsident Putins Verhältnis zu seiner Kirche, aber das hat nicht zum Abfall des Interesses danach geführt. Im Gegenteil. Ich lerne also mal wieder dazu.

Dabei liegt der mediale Schwerpunkt auf Dingen, die mich persönlich erstaunen. Papst kritisiert scharf – diese Floskel ist Journalisten wohl nicht mehr auszutreiben, wann darf jemand eigentlich mal kritisieren, ohne „scharf“? – Papst mahnt, Papst wird deutlich.

Papst Franziskus wird als gesellschaftliche und moralische Autorität wahrgenommen, der die Dinge anspricht, die in Gesellschaft und Moral nicht gut laufen. In Zeiten der europäischen Krise, wo außer der Kanzlerin kaum jemand in der Politik nach Prinzipien zu handeln scheint und viele auf die Ängste der Menschen mit Zäunen reagieren, wird der Papst als jemand gesehen, der sich nicht einschüchtern lässt.

Und wie in Sri Lanka oder auf den Philippinen im vergangenen Jahr, wie in Korea und in Jordanien und Israel, wie auf Kuba und in den USA gibt es in den gesuchten Gesellschaften viel, was angesprochen werden will. Wir haben von Gefängnisrevolten in Mexiko gelesen, besser muss man wohl sagen, dass dort rechtsfreie Räume voller Gewalt ab und zu überquellen. Drogenkrieg, der wirklich ein Krieg ist und nicht nur von wortschwachen Kollegen so genannt wird, Entführte Studenten, Proteste der Indigenen gegen feudale Politikerfamilien, alles mögliche gilt es anzusprechen.

 

Unpolitischer Politiker

 

Dabei ist der Papst aber nicht der übliche Politiker. Er ist sozusagen das Gegenteil eines Politikers. Er sieht sich als Hirte und spricht geistlich, er nennt die Dinge, die genannt werden müssen und die jeder seiner Zuhörer auch versteht. Zitieren will ich nur ein Stück, aus den anderen Reden an die Politische Elite des Landes oder an die Bischöfe könnte man Ähnliches zitieren. Dies ist aus der Ansprache zum Angelusgebet an diesem Sonntag: „Ich möchte euch heute auffordern, an vorderster Front zu stehen, Vorreiter zu sein in allen Initiativen, die dazu beitragen, dieses gesegnete mexikanische Land zu einem Land der Chancen zu machen, wo es nicht nötig ist auszuwandern, um träumen zu können; wo es nicht nötig ist ausgebeutet zu werden, um arbeiten zu können; wo es nicht nötig ist, die Verzweiflung und die Armut vieler zum Opportunismus einiger weniger zu machen. Ein Land, das nicht Männer und Frauen, Jugendliche und Kinder beweinen muss, die zugrunde gerichtet in den Händen der Händler des Todes enden.“ Da ist alles drin. Wer Ohren hat, zu hören … .

Messfeier in Ecatepec

Messfeier in Ecatepec

Ich finde es erstaunlich, dass diese Worte des Papstes mal sehr viel Aufmerksamkeit finden, wie zur Zeit in Mexiko, dann aber auch mal gar keine, wie bei anderen Reisen. Dabei hält er sich doch immer an sein eigenes Vorgehen, trifft Menschen vom Rand der Gesellschaft und liest die Gesellschaft von dort her, er versucht keine politischen oder medialen Punkte zu sammeln, keinen Applaus, aber wer genau hin hört, der hört eben, dass dieser Papst kein Schönwetterpapst ist, der durch Potemkinsche Dörfer – innerlich wie auch geographisch – geführt wird.

Noch mal ein wenig Kollegenschelte: „kritisiert scharf“, „geißelt“, das sind die Worte, die sich dann in der Berichterstattung wieder finden. Und die alles in die Schubladen einpassen, in die wir diese Dinge halt innerlich einordnen. Und die dem Papst aber nicht gerecht werden, weil wir zu verstehen meinen, wo wir noch nicht einmal richtig hingehört haben.

Ich finde sehr spannend, was der Papst derzeit bei dieser sehr langen Reise alles tut und sagt. Wo er hinfährt alleine liest sich wie eine eigene Predigt: Ecatepec, Chiapas, Ciudad Juarez, das sind Brennpunkte der mexikanischen Gesellschaft. Und genau da soll die Kirche hin.

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Waffen sind doch nur konsequent

Augsburg protestiert gegen AfD Chefin Frauke Petry: Der Bürgermeister wollte sie erst gar nicht ins Rathaus lassen, unterlag aber vor Gericht. Dann wurde im Saal und in der Stadt protestiert, als sie doch sprach. Grund für die Aufregung sind die Zitate um die Waffen für Polizisten an den Grenzen, um Flüchtlinge abzuhalten. Man müsse doch verhindern, dass so viele Flüchtlinge aus Österreich kämen, „notfalls“ auch mit Gewalt. Und AfD-Frau Beatrix von Storch ging bekanntlich noch einen Schritt weiter: Wenn man die schon habe, solle man sie auch nutzen, auch gegen Frauen. Und gegen Kinder, auch wenn sie bei Facebook das wieder zurück nahm. Diesen Satz hat sie – Frau von Storch – als einen Fehler bezeichnet, Einsicht ist also Vorhanden.

Wobei ich die Aufregung nicht ganz verstehe. Ich war gerade unter anderem in Österreich unterwegs, wo ja die Obergrenze für Flüchtlinge beschlossen wurde. Und wo man das Theater beobachten kann, wie die Politik hart und entschieden aussehen will, aber das Wort Obergrenze möglichst zu vermeiden sucht, weil man ja einsieht, dass das gar nicht geht.

Was die AfD-Zitate nun zeigen ist die Konsequenz des Sprechens von Obergrenzen. Was uns als politische und menschliche Unverschämtheit erscheint, nämlich auf Flüchtlinge in Donald-Trump-Manier mit Gewalt zu antworten, ist eigentlich nichts anderes als die Fortsetzung der Obergrenzen-Logik.

Was passiert denn mit Flüchtling Nummer Obergrenze-plus-Eins? Den muss ich doch draußen halten, da der aber rein will, muss ich Gewalt anwenden. Erst einen Zaun, dann bei wachsendem Druck auch weitere Mittel. Irgendwann braucht es dann die Waffe. Oder sieht jemand eine andere Entwicklung? Glaubt jemand ernsthaft, das Wort „Obergrenze“ werde auf geheimnisvolle Weise von selbst dafür sorgen, dass die Menschen nicht mehr kommen wollen?

So absurd die Debatte um die Schusswaffen und die Auftritte der AfD Chefin auch sind, beginnt die Absurdität schon bei der Debatte um die Obergrenzen. Wir sollten den beiden Damen fast dankbar sein, dass sie uns das vor Augen geführt haben. Manchmal hilft es eben, die Dinge zu Ende zu denken, bevor man den Mund aufmacht und auf schnelle Effekte schielt.

 

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Ökumene dauert

Wir Menschen sind viel besser darin, etwas kaputt zu machen, als etwas heil zu erhalten. Kinderzimmer können Geschichten davon erzählen, aber auch die große Politik schafft das immer wieder. Und auch das Christentum. Streit zwischen Gläubigen und zwischen Gemeinschaften, auch innerhalb einer Gemeinschaft, sind leider immer wieder Anlass zu Trennungen. Abfinden wollen wir uns damit nicht, dürfen wir ja auch gar nicht, wenn wir das Ernst nehmen, was wir glauben. Aber der Weg dahin ist komplex.

Feier einer orthodoxen Liturgie in Mailand

Moskau? Konstantinopel? Jerusalem? Nein: Mailand.

Papst Franziskus und Patriarch Kyrill haben einen Schritt auf diesem Dauer-Weg gemacht, in Havanna mit einer Begegnung und einer gemeinsamen Erklärung.

Nun ist eine Begegnung nur das, eine Begegnung, so symbolisch sie auch ist. Und Papier ist geduldig. Und dennoch loht es sich, genauer hin zu schauen. Denn da finden sich interessante und hilfreiche Feststellungen. So sagt die Erklärung, dass die Trennungen durch historische Konflikte und „von den Vorfahren ererbte Gegensätze“ entstanden und gepflegt würden. Die Historisierung ist immer ein guter Schritt, sie hilft die Dinge in Perspektive zu sehen und nicht gleich moralisch zu werden, Geschichte wenn man sie richtig betreibt hat nichts von Schuldzuweisungen.

Lesen wir etwas in der Erklärung: „Orthodoxe und Katholiken müssen lernen, in Bereichen, wo es möglich und notwendig ist, ein einmütiges Zeugnis für die Wahrheit zu geben. Die menschliche Zivilisation ist in eine Zeit epochalen Wandels eingetreten. Unser christliches Gewissen und unsere pastorale Verantwortung erlauben es uns nicht, angesichts der Herausforderungen, die eine gemeinsame Antwort erfordern, untätig zu bleiben.“

Wir sollen also lernen, heißt es in der Erklärung. Um aus den historischen Konflikten heraus zu kommen, hilft keine einzige Entscheidung. Da gibt es keinen Schalter, den man umlegen kann, keinen Text, keine einzelne Vereinbarung, die das alles lösen könnte.

 

Es geht nicht auf die Schnelle

 

Das kann auch bei den anderen Feldern der Ökumene, den mit den Kirchen der Reformation, helfen: es ist nicht einfach nur eine Entscheidung, die getroffen werden müsste, und dann ist alles gut.

Zurück zum Umgang mit der Geschichte. Wie das gehen kann und wie schwierig das ist, erläutert der Text mit Bezug auf die mit Rom unierten Kirchen: „Heute ist klar, dass die Methode des „Uniatismus“ aus der Vergangenheit, der als Vereinigung einer Gemeinschaft mit der anderen durch ihre Loslösung von ihrer Kirche verstanden wurde, nicht eine Weise ist, die es ermöglicht, die Einheit wiederherzustellen. Dennoch haben die kirchlichen Gemeinschaften, die unter diesen historischen Umständen entstanden sind, das Recht zu existieren und alles zu unternehmen, was notwendig ist, um die geistlichen Ansprüche ihrer Gläubigen zu befriedigen, bei gleichzeitigem Bemühen, mit ihren Nachbarn in Frieden zu leben. Orthodoxe und Griechisch-Katholische haben es nötig, sich miteinander zu versöhnen und Formen des Zusammenlebens zu finden, die beiderseitig annehmbar sind.“ 1993 bereits hat die Kirche eingestanden, dass das Gründen von „Gegenkirchen“ keine Lösung ist. Weiterlesen

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Und es funktioniert

Es ist morgen mal wieder Jahrestag. 2013, Rosenmontag, Sie wissen schon. Papst Benedikt XVI. kündigt an, dass er am Ende des Monats seinen Amtsverzicht erklärt. Der Rest ist Geschichte.

Seitdem ist immer wieder der Hut vor der Entscheidung des Papstes gezogen worden. Inklusiver meines Hutes. Ich finde es beachtlich und von Größe zeugend, wenn jemand einsieht, dass er zu schwach ist und das eigene Amt beschädigen könnte.

Weihnachtskonzert im Studio von RV, Jugendkantorei am Eichstätter Dom. Foto (c) Christian Klenk

Weihnachtskonzert im Studio von RV, Jugendkantorei am Eichstätter Dom. Foto (c) Christian Klenk

Dadurch, dass Benedikt XVI. der erste Papst war, der das in dieser Form getan hat – wir lassen die mittelalterlichen Päpste weg, das war ein ganz anderes Papsttum – hat er der Kirche einen Dienst erwiesen. Das heißt nicht, dass dieser oder der nächste Papst auch zurück treten müsste. Aber sie haben mindestens die Option. Damit hat Papst emeritus Benedikt dem Amt etwas von dem verklärt überhöhtem genommen, was eigentlich einem Priesteramt schadet. Damit hat er eine lange Entwicklung fortgesetzt, die vielleicht mit Paul VI. begann, der vom Tragesessel herunter stieg und die Tiara ablegte.

Aber es war nicht der einzige Dienst, den Benedikt XVI. damals geleistet hat. Der zweite Dienst für die Kirche war und ist, dass der Papst emeritus diese Entscheidung auch durchhält. Dass er seinen Lebensabend in den vatikanischen Gärten verbringt, ruhig und ohne viel Aufhebens. Dass er nicht wie Politiker noch ein Betätigungsfeld gesucht hat.

Damit hat er nicht nur das Papsttum um eine Option bereichert, sondern diese Option auch mit Leben gefüllt. Zukünftige Päpste, die zurück treten, mögen vielleicht andere Lebensformen für sich wählen, das Maß des Rücktritts wird aber Papst emeritus Benedikt XVI. sein. Rücktritt heißt Still, heißt Rückzug.

Wobei dieser Rückzug sehr menschlich verläuft. In den Worten von Papstsprecher Pater Federico Lombardi: „Er ist ja kein Gefangener.“ Er empfängt Gäste, er schreibt noch ein wenig, oder besser, er schrieb. Er bekommt Besuch von Menschen, die ihm Musik schenken, ab und zu tritt er auch noch an der Seite von Papst Franziskus öffentlich auf, aber sehr selten. So er eben kann.

Auch das hat Größe. Und ein Blick in die Politik zeigt, dass das nicht selbstverständlich ist. Auch emeritierte Bischöfe sind oft noch aktiv und ermahnen ihre Nachfolger. Nicht so Benedikt XVI.

Und wenn morgen mal wieder Jahrestag der Ankündigung ist, dann gilt das nicht für diesen zweiten Teil des Doppeldienstes. Der dauert noch an. Möge er das noch möglichst lange tun!

 

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Die Zeichen der Zeit und Papst Franziskus

Es ist ein berühmter Begriff aus dem Zweiten Vatikanischen Konzil, der seitdem in der Kirchensprache fest Platz genommen hat. Wir sollen die Zeichen der Zeit erkennen. Mir kommt der Begriff etwas gespreizt vor, kein Mensch redet heute so – und ich bezweifle, dass das früher mal so war. Warum auch soll die Zeit, irgend ein Abstraktum, da außerhalb von uns sein und wir sollen Zeichen ihrer Anwesenheit oder ihrer Art oder ihres Charakters erkennen? Irgendwie schräg. Aber da das nun mal fester Kirchen-Bestandteil ist, bleiben wir dabei. Zumal mir genau das als Aufgabe gestellt wurde für einen Vortrag und eine Podiumsdiskussion in Wien. Auch wenn das alles hier im Blog nicht wirklich neu ist, stelle ich das ein, vielleicht ist ja jemand neu hier, und so darf ich diese ‚Zeichen der Zeit‘ à la Franziskus darf auch hier anbieten.

Papst Franziskus Grafiti, "Abode of Chaos" Museum für Gegenwartskunst in Saint-Romain-au-Mont-d'Or, Rhône-Alpes, Frankreich

Papst Franziskus Grafiti, „Abode of Chaos“ Museum für Gegenwartskunst in Saint-Romain-au-Mont-d’Or, Rhône-Alpes, Frankreich

Es beginnt in Lampedusa. Die Geschichte ist mittlerweile gut bekannt, die brauche ich hier nich noch mal erzählen. Das ‚Zeichen der Zeit‘ hier sind aber nicht die Flüchtlinge, so wichtig das Thema für uns auch ist und wenn wir ehrlich sind auch war, auch wenn wir lange nicht hingeschaut haben. Das Thema ist das der Haltung, die der Papst einnimmt. Zehntausende sind im Meer elendig umgekommen und wir weinen noch nicht einmal mehr, so Franziskus damals. Mehr als Aktion ist erst einmal eine innere Einstellung gefragt. Christlich nennen wir das Umkehr, wir müssen und bekehren auf den Weg, der uns das erkennen lässt.

Wir müssen eine Haltung einüben und einnehmen, um trauern und uns freuen und zornig sein und so weiter zu können.

Ähnliche Haltungen habe ich beim Papst in Israel gesehen, an den beiden Mauern. Zuerst an der Trennmauer, die Israel zu Palästina errichtet, dann an der Westmauer des Tempels. Beide Male dieselbe körperliche Haltung, die eine innere Haltung wunderbar ausdrückt. Der Papst klagte, er klagte nicht an. Keine politische Aussage, sondern ein inneres Trauern über Gewalt und gewaltsame Trennung. Medial wird das gerne als politische Symbolik verstanden, wie der Kniefall Willi Brandts. Aber da ist mehr.
Wenn wir auf die Welt blicken, auf die Wirklichkeit um uns herum – und die ist ja bekanntlich wichtiger als die Idee – auf die ‚Zeichen der Zeit‘ also, dann braucht es als erstes eine Haltung, damit umzugehen. Keinen Aktionsplan, keine politische Entscheidung.

Wenn man die Aussagen des Papstes, vor allem die pastoralen, geistlichen in seinen Predigten anhört, dann findet man Spuren genau von dieser Haltung. Wenn er etwa über die Familie spricht und sagt, dass die wichtigsten drei Worte in der Familie ‚Danke‘, ‚Bitte‘ und ‚Entschuldigung‘ sind, spricht daraus keine Pädagogik, sondern eine Haltung zu den anderen in der Familie.

Und der Weg dahin ist die Umkehr. Das ist kein großer Bekehrungsweg, das ist klein, alltäglich, immer wieder, sehr konkret und dringend und immer nötig.

 

Mondanità

 

Ein zweites ‚Zeichen der Zeit‘ ist das, was der Papst mit dem französischen Theologen Henri de Lubac „Spirituelle Weltlichkeit“ nennt.

Das bedeutet eine Orientierung an dem, was wir die ‚Welt‘ nennen, also an einer Selbstbezogenheit, an einem Materialismus und so weiter.

Letztlich ist das nicht weit weg von dem, was Papst Benedikt XVI. in Freiburg die „Entweltlichung“ genannt hat. Was entscheidet, was christlicher Glaube und christlich geprägtes Leben ist? Lassen wir uns das von außen vorgeben? Trennen wir unser Leben in einen christlichen und einen restlichen Teil? Weiterlesen

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Erste Tage und letzte Ordnungen

In einem Buch über Georg Friedrich Händel bin ich vor einigen Tagen einer witzigen Datumsangabe begegnet: „A Londres, se 29./18. De juillet 1735″. Händel hatte einen Brief geschrieben, aus London nach Deutschland, und deswegen ein Doppeldatum angeben müssen. Denn der Kontinent rechnete damals schon mit dem Gregorianischen Kalender, das anglikanische England wollte sich solch papistischen Verschwörungen aber nicht unterwerfen und blieb deswegen beim julianischen Kalender. Während also in England der 18. Juli war, war es auf dem Kontinent der 29. Juli.

Kurios ist deswegen auch das Sterbedatum der heiligen Teresa von Avila: sie starb in der Nacht vom 4. auf den 15. Oktober 1582, also genau dann, als zur Angleichung an die neue Kalenderrechnung auf dem Kontinent, nicht aber etwa in England, zehn Tage ausgelassen wurden. Das erklärt die zehn Tage Unterschied in Händels Brief.

Dabei geht es aber nicht nur um reine Mathematik oder Kalenderdruckerei. Heute mag das sehr pragmatisch klingen, wenn wir einen Tag im Februar einfügen oder wenn wir einfach Uhren vor und zurück stellen. Aber das war nicht immer so. Kalender sind mehr als nur Zeit-Ordner. Sie ordnen das Leben. Und damit sind sie wichtig.

 

Mehr als nur reine Pragmatik

 

Der Schalt-Tag, den wir in diesem Jahr wieder haben, stammt zum Beispiel aus der Neuordnung der Zeit unter Papst Gregor XIII., kurz Gregorianischer Kalender genannt. Die klugen Jesuitenpatres aus dem Collegio Romano – kurz darauf nach demselben Papst „Gregoriana“ genannt – haben gerechnet und geplant und einen neuen Kalender entwickelt. Zum Frust der nicht-katholischen Herrscher im Osten und im Norden, sie haben sich dieser Reform erst einmal verweigert, die orthodoxen Länder haben sogar noch länger mit der Umstellung gewartet als die anglikanischen. Auch hier zeigt sich: das ist nicht reine Pragmatik. Das hat mit Weltdeutung und damit Macht und Einfluss zu tun.

Der Papst ist mal wieder schuld: Gregor XIII., verantwortlich für die Kalenderreform 1582

Der Papst ist mal wieder schuld: Gregor XIII., verantwortlich für die Kalenderreform 1582

Wunderbar nachlesen kann man den Streit und auch die religiöse Dimension bei William Shakespeare, wo sonst. In Julius Caesar geht es immer wieder um Zeit und Messung und die Frage, was für ein Tag heute eigentlich ist. Der Streit um den Kalender tobte gerade unter Königin Elisabeth und Shakespeare wickelt die Diskussionen für sein Publikum witzig verpackt in sein Stück ein.

Julius Caesar hatte ja selber einen neuen Kalender eingeführt – den „julianischen“ – und da lag das Thema nahe. Brutus, Caesar’s Mörder, fragt im Stück „Is not tomorrow, boy, the first of March?“ (II,i,40), obwohl es doch die Iden sind, die anstehen. Da fehlen zehn Tage. Die Zuhörer im Globe Theater werden gelächelt haben.

Das Ganze spielt heute keine Rolle mehr? Pustekuchen! Natürlich ist das auch heute noch wichtig. Nehmen wir einfach nur mal den Streit unter Christen, wann eigentlich Ostern zu feiern ist. Nach dem julianischen Kalender – so halten es die orthodoxen Christen – oder nach dem gregorianischen. Zu besichtigen jedes Jahr im Heiligen Land. Stellen wir uns vor, alle Christen würden sich auf den orthodoxen Termin einigen, die säkulare Gesellschaft würde im Dreieck springen, wenn die Christen auf einmal bestimmen könnten, wann Oster-Schulferien zu nehmen sind.

 

Ostertermin und Sabbat

 

Nehmen wir die Frage nach dem Buß- und Bettag. Nehmen wir die Frage nach den zweiten Feiertagen zu Weihnachten, Ostern und Pfingsten, die es so nur in der deutschen Kultur gibt. Nehmen wir den Advent als geprägte Zeit, der selbstverständlich via „Weihnachtsmarkt“ und dann „Wintermarkt“ einen Teil des Jahres prägen soll, aber bitte ohne Inhalt, vor allem ohne christlichen Inhalt. Hier übernimmt der Konsum die Dominanz des Kalenders. Weiterlesen

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