Die Straße

Da wo ich lebe, geht man gerne auf die Straße. Ohne den berechtigten Anliegen und Ängsten von Demonstranten hier in Italien zu nahe treten zu wollen, fällt es schon auf, dass Demos gerne an Freitagen oder Montagen stattfinden, oder an Brückentagen. Das gibt freie Zeit.

Deswegen ist es schwer, von hier aus – aus Rom – zu verstehen, wer gerade in Deutschland auf die Straße geht. Ich habe deswegen auch mehr Fragen als Antworten.

Da ist zum Beispiel diese Demo in Dresden, die sich selbst so nennenden Patrioten demonstrieren, geführt vor allem wohl von eigenen Ängsten, wenn man den klügeren der Berichte folgt.

Da ist zum Beispiel diese Demo in Berlin, „Friedenswinter“, pro Völkerrechts-Verletzer Putin, gegen den Mann der offenen Sprache, Gauck. Ausgerechnet Eugen Drewermann findet sich dort auf der Bühne, warum auch immer. Pazifismus im Namen des Aggressors in der Ukraine und der Krim? Schwer zu verstehen.

Was schon einfacher zu verstehen ist, ist die allgemeine Verunsicherung. Russland steht vermeintlich für eine einfacher, geregelte Welt, in der zur Not Werte mit Gewalt durchgesetzt werden. Das gibt Sicherheit. Dass man die Opfer in der Ukraine dabei übersehen muss, ist geradezu tragisch.

Zurück zu den „Patrioten Europas“ , die flankiert von online-Schreibern und in der Szene altbekannten Gesichtern Parolen auf ihre Plakate schreiben, die vor allem eines aufgreifen: Angst. Angst vor etwas, was es statistisch gesehen nicht gibt – die Islamisierung Deutschlands. Angst vor der Unsicherheit, das Gefühl der Minderwertigkeit wenn einem das TV jeden Tag Reichtum und Konsum zeigt und man selber nicht mal annähernd so weit kommt. Das muss raus. Angst davor, dass man selbst in den eigenen Rückzugsorten neue Kulturen, Sprachen, Umgangsformen sieht, dass selbst die eigenen Rückzugsorte keine mehr sind.

Das sind keine Wut“Bürger“ mehr, mit Bürger hat das wenig zu tun. Wie gesagt, alles aus der Ferne beobachtet und deswegen analytisch nicht gerade scharf. Ich bin bestimmt auch nicht der einzige, der das so sagt und sieht.

Das sind alles Eindrücke, mehr Fragen als Antworten. Trotzdem gehört die Straße allen und ich mag nicht still daneben sitzen, wenn Demos Abgrenzung, und Ausgrenzung fordern.

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Die deutschsprachige Kirche, Glaube und Gerechtigkeit | Verschlagwortet mit , , , | 55 Kommentare

Menschenfischer

Buscaré otro mar: Duao Chile, Pazifikküste

Buscaré otro mar: Duao Chile, Pazifikküste

Es ist nur ein Puzzlestück: Manchmal braucht es keine Prosa, keine erklärenden Texte, um dem nachzugehen, was jemanden umtreibt. Ich selber bin nun wirklich kein Poet und mein Zugang zu dieser Welt ist – bedauerlicherweise – recht eingeschränkt. Aber manchmal …

Am Freitag zum Beispiel, da habe ich für Radio Vatikan die Papstmesse zum Fest der Virgen de Guadalupe übertragen, Misa Criolla und alles auf Spanisch. Und zum Abschluss DAS lateinamerikanische geistliche Lied, Pescador de Hombres, Menschenfischer. Es ist ein Lied, das vom Wissen um die Nähe singt, die Jesus zu uns hat. Lächelnd sagt er meinen Namen, baucht meine Hände, meine Ruhe.

Der Refrain endet: „en la arena he dejado mi barca: junto a ti buscaré otro mar – auf dem Sand habe ich mein Boot zurück gelassen: gemeinsam mit dir werde ich ein anderes Meer suchen.”

Wenige Zeilen nur, aber sie deuten sehr gut in die Richtung, in die auch der Papst seit seiner Wahl weist: Zurücklassen, was sicher ist. Zurück lassen, was man bisher gemacht hat und wie man es bisher gemacht hat. Gemeinsam aufbrechen, suchen, ein anderes Meer.

Es ist nur ein Puzzlestück.

 

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Franziskus, Glaube und Welt, Glaubens-Funde, Spiritualität / Geistliches Leben | Verschlagwortet mit , , , , | 36 Kommentare

Bitte um Mithilfe

Unsere neue Webseite

Unsere neue Webseite

Seit einigen Tagen funktioniert Radio Vatikan im Internet auf einer neuen Webseite. Aber wie das mit Relaunches so ist, es funktioniert nicht alles. Oder es funktioniert falsch. Oder hat Nebenwirkungen.

Darf ich um ein wenig Hilfe bitten?

Erstens: Früher hieß der Link www.oecumene.radiovaticana.org. Es scheint, dass der bei einigen weiter geleitet wird, bei anderen nicht. Hat jemand das Problem auch, dass er nicht mehr so auf die Seite kommt?

Zweitens: Auf der Webseite ist unten rechts ein Banner, grau unterlegt, mit meinem Foto, das zu diesem Blog führt. Einige Leute können das nicht sehen, wahrscheinlich wird das als Werbebanner unterdrückt. Wenn das so ist und nicht sichtbar ist, bitte ich um Hilfe: Bitte irgendwo auf der Webseite rechts klicken, dann „Quelltext anzeigen“ auswählen, alles kopieren und mir in einer eMail schicken. Dann können wir überprüfen, ob wir das Problem sind oder die Anti-Werbe-Software.

Drittens und aller-allerwichtigst: Der Newsletter. Wir verschicken mittlerweile 16.000 davon jeden Tag. Nun bekommen aber viele Leute den seit der Umstellung auf die neue Seite nicht mehr. Das kann daran liegen, dass der NL mit den neuen Links nun als Spam gedeutet wird und im Spamfilter Ihrer Computer landet. Wenn Sie dieses Problem auch haben und den NL seit dem 7. Dezember nicht mehr bekommen haben, dann bitte ich darum, einmal kurz den Spam-Ordner zu kontrollieren. Und wenn die NL da nicht drin sind, dann bitte ich um einen Hinweis an mich.

Das klingt jetzt nach dem schlechten alten Windows-Prinzip „Fehlersuche am User“, aber bei der Umstellung von so vielen Sprachen und Schriften kann einfach nicht alles glatt gehen. Eine kurze eMail an mich kann uns da sehr schnell sehr viel weiter helfen.

Ich danke jetzt schon mal für die Mithilfe.

Veröffentlicht unter Allgemein, Neulich im Internet, Vatikan | Verschlagwortet mit , , , | 4 Kommentare

Die Monade Mensch

In den zurückliegenden Wochen hat Papst Franziskus einige Reden gehalten, deren gemeinsame Nenner vielleicht etwas untergegangen sind. Jedenfalls meine ich, solche erkennen zu können.

Evangelii Gaudium gibt den Ton vor: „Bedauerlicherweise können sogar die Menschenrechte als Rechtfertigung für eine erbitterte Verteidigung der Rechte des Einzelnen (..) genutzt werden.“ Die am meisten begünstigten müssten „auf einige ihrer Rechte verzichten, um mit größerer Freigebigkeit ihre Güter in den Dienst der anderen zu stellen“, fügt der Papst an. Die Individualrechte schützen nicht den privilegierten Zugang zu Ressourcen, möchte ich das zusammen fassen.

Wenn Papst Franziskus spricht, spricht er klar und deutlich

Wenn Papst Franziskus spricht, spricht er klar und deutlich

Auf dieses Thema – die individuell verstandenen Menschenrechte – kam er in der letzten Zeit einige Male zurück.

Zum Beispiel in Straßburg: Vor dem Europaparlament würdigte er in starken Worten die Würde des Menschen, welche durch die Menschenrechte geschützt würde. Dann aber fügte er an: „Man muss aber Acht geben, nicht Missverständnissen zu verfallen, die aus einem falschen Verständnis des Begriffes Menschenrechte und deren widersinnigem Gebrauch hervorgehen. Es gibt nämlich heute die Tendenz zu einer immer weiter reichenden Beanspruchung der individuellen – ich bin versucht zu sagen: individualistischen – Rechte, hinter der sich ein aus jedem sozialen und anthropologischen Zusammenhang heraus gelöstes Bild des Menschen verbirgt, der gleichsam als „Monade“ (μονάς) zunehmend unsensibel wird für die anderen „Monaden“ in seiner Umgebung.“

Auch die Menschenrechte sind an das Gemeinwohl gebunden, nicht nur an den Einzelnen. Die Vorstellung von einer Ansammlung von Einzelwesen mit Einzelrechten führt eben nicht zu mehr Würde, sondern zu dem, was er in Evangelii Gaudium kritisiert hatte: Ausschluss von Menschen und Wegwerf-Kultur. Jeder und jede Einzelne und auch die Rechte der Einzelnen sind an ein Gemeinsames gebunden. In den Worten des Papstes: Ohne die Pflicht anderen gegenüber sind die Rechte nicht zu denken.

 

Mensch wird Maß seiner selbst

 

Am gleichen Tag sprach der Papst auch vor dem Europarat, dort drückte er den Gedanken so aus: Der Mensch hat „in Wahrheit und in Liebe“ das Gemeinwohl vor Augen, man dürfe nicht übersehen, dass „ohne diese Suche nach der Wahrheit jeder zum Maß seiner selbst und seines Handelns wird und so den Weg zur subjektivistischen Behauptung der Rechte bahnt. Auf diese Weise wird der Begriff der Menschenrechte, der von sich aus Allgemeingültigkeit besitzt, durch die Idee des individualistischen Rechts ersetzt. Das führt dazu, sich im Grunde für die anderen nicht zu interessieren und jene Globalisierung der Gleichgültigkeit zu fördern, die aus dem Egoismus entspringt und Frucht eines Menschenbildes ist, das unfähig ist, die Wahrheit aufzunehmen und eine authentische soziale Dimension zu leben.“ Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein, Franziskus, Glaube und Gerechtigkeit, Glaube und Vernunft, Theologisches, Vatikan | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 26 Kommentare

Theologie, Verschiedenheit, Einheit und die Welt

Ein kleiner Nachtrag zu einem Beitrag von vor einiger Zeit, „Angepasste Verkündigung“. Dort hatte ich nach der Bischofssynode ganz unoriginell einen Absatz von Gaudium et Spes eingestellt, in dem es um das Verhältnis von Welt und Kirche geht, bzw. um die Hilfe, welche die Kirche von der Welt erfährt, wie es heißt.

Papst Franziskus hat diesen Abschnitt heute zitiert, und zwar passenderweise in seine Ansprache an die internationale theologische Kommission. Es ging um Verschiedenheit der theologischen Herangehensweise, der theologischen Perspektiven und der Kulturen, aus denen heraus Theologie betrieben wird. Und es ging um den Dienst an der Einheit, den diese Verschiedenheit leistet.

Papst Franziskus setzt auf den Heiligen Geist. Das bedeutet, nicht auf eigenen Projekten und Ideen zu bestehen, sondern sie dem Wandel und dem Prozess zu überlassen, aber auch der klugen Unterscheidung. Nicht alles, was weht, ist schließlich Heiliger Geist.

Veröffentlicht unter Allgemein, Franziskus, Glaube und Vernunft, Spiritualität / Geistliches Leben, Sprechen von Gott, Theologisches, Vatikan, Zweites Vatikanisches Konzil | Verschlagwortet mit , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

„Der Vatikan bietet kein Asyl“

Es ist ein Argument, das mir per eMail und per Facebook in der vergangenen Woche einige Male begegnet ist: Der Papst fordert dazu auf, Flüchtlinge aufzunehmen, tut es aber selber nicht. Gemeint sind die Vatikanischen Gärten und Räume und Gebäude, die den Vatikanstaat bilden.

Dass aber die FAZ das aufnimmt und das – zumindest am Sonntag um 17.30 Uhr, da ich diese Zeilen schreibe, ganz oben auf ihrer Webseite hat, das lässt mich dann doch erstaunt zurück.

„Papst Franziskus rügt Europa für seine Flüchtlingspolitik. Dabei nimmt der Vatikan selbst keine Einwanderer auf.“ Das ist der Untertitel.

Der Artikel selber ist eigentlich ganz ausgewogen. Die Kritik, mit der sich die FAZ sicherlich nicht in ein Boot setzen will, die sie aber ruhig zitiert, kommt von der Lega Nord hier in Italien. Und: In Straßburg sei der Papst als Oberhaupt der Weltkirche eingeladen gewesen, nicht als Oberhaupt des Vatikanstaates, wird ein Fachmann zitiert. Man frage einen x-beliebigen Protokollbeamten in einem Land, das schon mal einen Papstbesuch hatte: Das ist so (aktuelle Ausnahme, bevor ich wieder Schimpfmails bekomme: Türkei. Die erkennt die Kath. Kirche nicht an).

 

Moralapostel jenseits der Alpen

 

In dieser Weltkirche passiert unglaublich viel für Flüchtlinge. Präziser: gibt es unglaublich viele Menschen, die sich um Flüchtlinge kümmern, die freiwillige soziale Jahre machen oder als Ordensleute oder Entwicklungshelfer in Flüchtlingslager gehen. Oder Menschen, die spenden, so dass Flüchtlingen geholfen werden kann. Die in die Abschiebehaft gehen und Flüchtlinge besuchen, die unser Rechtssystem dort einsperrt. Die Rechtsberatung machen und und und. Vor allem freiwillig, ehrenamtlich.

Für alle die spricht der Papst. Nicht nur er, aber im Augenblick sehr wirkungsvoll. Diese Menschen machen das nämlich aus Nächstenliebe. Die passt vielleicht nicht unbedingt in den Wirtschaftsteil der FAZ, aber ist wahrscheinlich der größte Helfer, den diese Menschen zur Zeit noch haben. Das soll alles nichts sein? Liebe FAZ, ein wenig kleinkrämerisch kommst du schon daher. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein, Franziskus, Glaube und Gerechtigkeit, Kirche und Medien | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , | 48 Kommentare

Ordensleben, ein Jahr lang

(c) Roberto Ferrari, cc

(c) Roberto Ferrari, cc

An diesem Sonntag beginnt das Jahr des geweihten Lebens. Weil aber gleichzeitig der 30. November das Andreasfest ist und damit der geborene Termin für eine Papstreise in die Türkei, ist nicht nur der der Papst nicht in Rom, sondern nimmt mit seiner Reise auch die gesamte Aufmerksamkeit in Anspruch.

Manchmal ist das eben so.

Dennoch wollen wir den Beginn nicht einfach so schleifen lassen.

Es gab einen Papstbrief zum Beginn des Jahres, veröffentlicht an diesem Freitag, der ist hier nachzulesen. Dann gab es eine Videobotschaft des Papstes, die bei der Vigilfeier an diesem Samstag gezeigt wurde. Leider gibt es die (noch) nicht als einzelnes Video, deswegen hier einige Zeilen dazu:

 

Videobotschaft des Papstes zum Jahr des geweihten Lebens

 

„Weckt die Welt auf“ ist die Aufforderung, die der Papst an die Ordens-Christen richtet. Er hoffe, so der Papst in diesem Video, dass das Themenjahr dazu diene, das Gott geweihte Leben in zeitgemäßer Weise zu würdigen. Ordensleute, Mitglieder von Kongregationen und Gemeinschaften seien davon geprägt, dass sie allein Christus ins Zentrum ihre Lebens stellten, ihre Aufgabe sei es, das in täglichen Handlungen und Zeichen auszudrücken „um dadurch die Versuchung zu vermeiden, daraus eine Ideologie zu machen“: Praxis vermeidet Ideologie, ein bekannter Topos Papst Franziskus’.

„Geht hinaus aus euren ‚Nestern‘ an die Peripherie der Männer und Frauen von heute! Lasst die Begegnung mit Jesus zu! Die Begegnung mit Ihm treibe euch an zur Begegnung mit den anderen und führe euch zu den Bedürftigen, den Ärmsten!“ Ordensleute müssten Realisten sein, aber ohne die Freude, den Mut und die volle Hingabe an die Hoffnung zu verlieren, zitierte er Evangelii Gaudium.

Mehr wird sicherlich folgen, ich bleibe dran.

Veröffentlicht unter Allgemein, Franziskus, Glaube und Welt, Glaubens-Funde, Spiritualität / Geistliches Leben, Vatikan | Verschlagwortet mit , , , , , , | 1 Kommentar

Protagonisten des Glaubens

Benedikt minus Ephesus: So hat ein Kollege die Reise von Papst Franziskus in die Türkei genannt. Und tatsächlich, das Programm ist dasselbe, mit der Ausnahme des Abstechers nach Ephesus, den macht der Papst in diesem Jahr nicht.

Mir fiel das auf, weil im Nachklapp zur Straßburg Reise einige Kommentatoren angemerkt haben, dass die beiden Päpste – Benedikt und Franziskus – anders behandelt werden, obwohl sie Ähnliches sagen. Der Kollege John Allen bemerkt sogar, dass dieselbe Rede, gehalten von Benedikt XVI., Überschriften wie „Papst wirft Europa Wertelosigkeit vor“ verursacht hätte.

Nun hat das weniger mit den Medien als mehr mit der Art und Weise zu kommunizieren zu tun, meine ich. Franziskus zum Beispiel sind die Ränder, die Armen, die Marginalisierten ein Anliegen. Sie müssen ins Zentrum des Denkens über die Menschheit, wenn ich das einmal ganz abstrakt ausdrücken darf. Erst gestern, bei einer Ansprache zum Thema Großstadtpastoral, schloss er seine Gedanken mit der Bemerkung, die Armen müssten „Protagonisten“ – noch so ein Franziskus-Lieblingswort – des Handelns der Kirche werden, Subjekte, nicht Objekte.

Bei so viel authentischer Betonung klingt dann auch in einer Rede ganz anderes an, obwohl die Worte ähnlich sind. Papst Benedikt war der Zusammenklang von Vernunft und Glaube ein Leib-und-Magen Thema. Und genau das wurde dann auch immer berichtet. Dass er etwa im deutschen Bundestag das „hörende Herz“ des Salomo als Vorbild für Politiker nannte, kam in den Berichten dann kaum vor, obwohl es nicht weit weg ist von der Art und Weise, wie Franziskus Politik sieht.

Warum ich dies schreibe? Nicht um die Päpste zu vergleichen. Mir geht es hier um das, was in der christlichen Sprache ‚Zeugnis ablegen’ genannt wird. Also: Einstehen für das, was man glaubt, sichtbar machen, was man glaubt.

Dann – siehe Franziskus – sehen auch die anderen, wofür man steht. Selbst wir Journalisten.

Veröffentlicht unter Allgemein, Benedikt XVI., Deutschlandreise Papst Benedikt XVI., Die deutschsprachige Kirche, Franziskus, Glaube und Gerechtigkeit, Glaube und Vernunft, Glaube und Welt, Papstreise, Rom, Sprechen von Gott, Vatikan | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , | 3 Kommentare

Primat der Politiker

Rede von Papst Franziskus vor den Delegierten des Europaparlamentes

Der Papst und die Politiker: im Plenarsaal des Europaparlamentes

Elf Mal wurde Papst Franziskus bei seiner Rede vor dem Europaparlament durch Applaus unterbrochen. Warum applaudiert wurde ist nicht eindeutig zu benennen, aber als Daumenregel für „hier trifft er die Menschen“ kann das schon ein guter Indikator sein. Also, elf Mal. Wobei? Ich habe eine Liste gemacht:

#1: Arbeit hat mit Würde zu tun. Auch mit Geldverdienen, aber vor allem mit Würde. Das ist übrigens auch #8
#2: Egoistische Lebensstile, die zur Gleichgültigkeit gegenüber den Armen führen.
#3: Das Aussortieren von Menschen, die nichts mehr „nützen“.
#4: Schweigen gegenüber den Grausamkeiten von Terroristen.
#5: Menschenwürde ist Geschenkt und kann nicht Gegenstand von Handel oder Verkauf sein.
#6: Familie ist Keimzelle der Gesellschaft.
#7: Wegwerfen so vieler Lebensmittel, während Menschen hungern.
#8: siehe oben
#9: Das Mittelmeer darf kein Massengrab werden.
#10: Auf die Ursachen der Migration einwirken und nicht nur auf die Folgen.
#11: Die Heiligkeit der menschlichen Person.

Wie gesagt, das ist alles sehr umrissartig. Aber es entwirft ein Bild. Der Papst kam nicht als Politiker daher, und doch ist alles, was er sagt, eminent politisch. Alles, wofür er Applaus bekommen hat, hat direkte Auswirkungen für die Art und Weise, wie Europa gestaltet wird, wirtschaftlich, rechtlich, politisch.

In der ARD – für die ich während der Übertragung im Studio war – kamen vor der Rede zwei Parlamentarier zu Wort, ein Antikapitalist und ein Konservativer. Beide konnten in den Aussagen des Papstes bisher viel finden, dem sie zustimmen. Und doch: der Papst ist kein Parteipolitiker.

Vor dem Parlament, nicht vor der Regierung

 

Aber dass er so viel Applaus bekam ist ein Zeichen dafür, dass das, was er vorgebracht hat, nicht als Moralin angekommen ist, nicht sauer und von oben herab in der Haltung dessen, der es besser weiß. Sondern der Papst hat auch im Parlament so gesprochen, dass die Zuhörer ihm auf Augenhöhe begegnet sind. Sie haben die politischen Aussagen erkannt und darauf reagiert, das ist meine Lesart der Rede.

Also kein Parteipolitiker, aber auch nicht von oben herab. Der Papst so gesprochen, wie er es immer tut: direkt und persönlich an die Menschen gerichtet, die vor ihm sitzen. Keine versteckte Botschaften, keine gelehrten Ausflüge, offen und authentisch.

Er hat es dem Parlemant gesagt, nicht den Regierungen. Das ist eine Wertschätzung der Demokratie. Er betont durch seine Ansprache den Primat der Politik. „Es ist Ihre Aufgabe …“, eine der für mich bedeutsamsten Formulierungen. Da gibt es kein „man muss“ oder „Europa muss“, das ist ganz direkt denen gesagt, die das Mandat dafür haben, die Verantwortung zu tragen. Das ist ganz klar ein Votum für den Primat der Politik.

Oder noch besser: Ein Votum für den Primat der Politiker.

Die Rede vor dem Parlament, mein Beitrag und die ganze Rede.

Veröffentlicht unter Allgemein, Franziskus, Glaube und Gerechtigkeit, Glaube und Vernunft, Papstreise | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , | 19 Kommentare

Die Idee Europas wiederbeleben

Zwei Veranstaltungen, nicht mehr: Papst Franziskus hat schon durch die Planung seiner Reise nach Europa klar gemacht, dass er ein Anliegen hat, das er vorbringen will, und weder ein Kathedral-Jubiläum (das Münster wird .1000 Jahre alt) noch etwas anderes soll davon ablenken. In Straßburg hat er vor dem Europaparlament und dem Europarat gesprochen, also vor der EU und vor der Vertretung des gesamten Kontinents.

Lange Reden waren es, die der Papst gehalten hat. Vom Duktus her sind sie am ehesten vergleichbar mit einigen Ansprachen, die er in Rio de Janeiro gehalten hat, der vor den Vertretern von Kultur und Gesellschaft aber auch denen vor den Bischöfen.

Am Ende der zweiten Rede fällt der Ausdruck, mit dem sich die Motivation des Papstes, zu und vor Europa zu sprechen, am besten fassen lässt. Papst Franziskus zitiert einmal mehr Papst Paul VI: Die Kirche sei „Expertin in Menschlichkeit“. Das soll nicht anmaßend sein, aber ausdrücken, dass die gesamte Tradition der Kirche und des Glaubens für Europa hilfreich sein kann. Nicht nur, weil es das Erbe ist, Europas Wurzeln, ob es passt oder nicht. Sondern auch, weil es – und das betonen beide Reden in Straßburg – für die Zukunft helfen kann.

 

Expertin in Menschlichkeit

 

Einige Beobachtungen möchte ich teilen. Zunächst fällt auf, dass der Papst in beiden Ansprachen eine Dynamik wachruft. Wir kennen das aus Evangelii Gaudium und seinen Predigten, hier geht es aber nicht um den Glauben, sondern um die Gesellschaft Europas, um Einheit und Freiheit und Werte. Auch hier spricht der Papst von Weg, von einem andauernden Prozess.

Diese Dynamik hat eine Richtung: Die Wiederentdeckung dessen, was die Politiker gerne die „europäische Idee“ nennen.

 

Rechte des Einzelnen, Rechte der Familie

 

Zweitens betont der Papst in beiden Reden die Menschenrechte, sagt aber auch, dass man diese gut verstehen müsse. Einzelrechte gehen nicht über die Rechte von Familien oder Gruppen. Gerade beim Thema ‚Familie’ ist das besonders bedeutsam. Der Mensch sei ein Beziehungswesen, Rechte kommen ihm nicht nur einzeln zu, sondern auch als Gemeinschaft.

Drittens warnt der Papst vor dem Auseinanderbrechen der Idee von einem geeinten Europa. Das ist um so spannender, als er selber kein Europäer ist. Hier spricht also jemand mit der „Erfahrung von draußen“, wie ich es nennen möchte. Spaltungen und Abgrenzungen sind scheinbar einfache Lösungen, der Papst wendet sich dagegen und betont die Wichtigkeit der Einheit. Daran hängt dann indirekt auch die Wertschätzung für die Demokratie, auch das Thema in beiden Ansprachen. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein, Franziskus, Glaube und Vernunft, Glaube und Welt, Papstreise | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , | 4 Kommentare