Leiden auf allen Seiten der Mauern

Es war eine direkte Antwort auf den Besuch Papst Franziskus‘ an der Trennmauer in Bethlehem: In das Papstprogramm von diesem Montag wurde auf Wunsch des Ministerpräsidenten ein Besuch an einem Gedenkort für die israelischen Opfer des Terrorismus eingefügt.

Man kann das negativ sehen: Der Papst soll auch sehen, dass die Schuld für Tod, Trennung und Leid nicht nur in Israel liegt und dass die Mauer Israel und seine Menschen genau vor dem Terror schützen soll, der seit Jahren in Form von Anschlägen und Raketen das Land heimsucht.

Man kann das aber auch positiv sehen: Es geht nicht um Schuldzuweisung, es geht um das Anerkennen von Realität. Und zu der gehört neben der Mauer und israelischer Gewalt auch palästinensische Gewalt. Auch bei den strukturell und militärisch Schwächeren gibt es starke Gruppen, die Terror wollen statt Versöhnung, weil ihnen das Macht über ihre Bevölkerung gibt. Israels Leid, das Leid der Juden endet nicht bei dem, was in Yad Vashem gedacht wird. Israel ist Teil des Konfliktes, es ist Handelnder, aber es leidet auch. Das darf man nicht ausblenden.

Der Besuch des Papstes, auch wenn er nicht viel Aufsehen erregt hat, macht Franziskus Ehre. Er lässt sich nicht vor einen Karren spannen, er trauert, er betet, er gedenkt. Das ist der positive Weg, der nicht aufrechnet, sondern das Leiden aller anerkennt. Es ist der menschliche Weg dieses Papstes.

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Papstgedenken in Yad Vashem: Die Abgründe menschlicher Freiheit

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Papst Franziskus in Yad Vashem

Papst Franziskus in Yad Vashem

„Adam, wo bist du? Wo bist du, o Mensch? Wohin bist du gekommen?“ Ich hatte vieles erwartet, was die Ansprache in Yad Vashem anging. Benedikt XVI. war kritisiert worden, weil er nicht alles so gesagt hatte, wie es erwartet wurde. Und nun dies: eine Meditation über die menschlichen Abgründe.

Papst Franziskus hat sich nicht auf die Frage eingelassen, ob das Leiden des jüdischen Volkes einzigartig sei oder nicht, er hat anlässlich dieses Leides darauf geblickt, was wir anrichten können. Und er hat nicht erklärt, sondern meditiert. Das ist der Schlüssel: Er meditiert.

Das entspricht sehr unserer Unfähigkeit, zu verstehen, was damals genau passiert ist. Wir wissen und forschen und erinnern und das alles ist unglaublich wichtig, auch für uns heute, auch für die kommenden Generationen. Aber wirklich verstehen tun wir das nicht.

Die Shoah verweist vielmehr auf die Tiefe, in die wir in unserer Freiheit fallen können. Mehr will ich gar nicht sagen, die Papstworte sprechen für sich selbst.

 

 

„Adam, wo bist du?“ (vgl. Gen 3,9).

Wo bist du, o Mensch? Wohin bist du gekommen?

An diesem Ort, der Gedenkstätte an die Shoah, hören wir diese Frage Gottes wieder erschallen: „Adam, wo bist du?“

In dieser Frage liegt der ganze Schmerz des Vaters, der seinen Sohn verloren hat.

Der Vater kannte das Risiko der Freiheit; er wusste, dass der Sohn verlorengehen könnte… doch vielleicht konnte nicht einmal der Vater sich einen solchen Fall, einen solchen Abgrund vorstellen!

Jener Ruf „Wo bist du?“ tönt hier, angesichts der unermesslichen Tragödie des Holocaust wie eine Stimme, die sich in einem bodenlosen Abgrund verliert… Weiterlesen

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Grabeskirche und Klagemauer: Sprache und Religion

Es ist ein Wort, das wir alle schon einmal gehört haben: Die Klagemauer. Sofort steigen Bilder in uns auf von Jerusalem und Männern in betenden Bewegungen des sich vor und zurück Biegens. Eine Steinmauer dahinter, von der wir wissen, dass das alles ist, was vom alten Tempel – dem Tempel des Herodes – übrig geblieben ist. Wir nennen das die Klagemauer, aber bei einem gläubigen Juden, einem Juden hier in Israel vor allem, ruft das Kopfschütteln hervor.

„Klagemauer“? Wieso „Klage“-Mauer?

Hier heißt die Mauer schlicht „Mauer“, Kotel, oder „Westmauer“, wieso auch nicht, denn hier wird ja gar nicht geklagt, sondern gedankt und gebetet. Es ist der Ort, an den ewigen Bund Gottes mit seinem Volk zu denken. Fragt man nach der Art des Gebetes, dann wird die gesamte Breite menschlichen Betens finden, ein Schwergewicht auf der Klage aber nicht.

Und doch hat die deutsche – und nicht nur die deutsche – Sprache das Gebet hier auf das Klagen festgelegt, eine Rolle, aus der wir durch die Sprache die hier Betenden nicht heraus lassen. Sprache ist mächtig, Sprache hat Bedeutung und schafft uns Welten, in denen wir uns symbolisch bewegen.

Grabes- und Auferstehungskirche

Anastasis – Jerusalem

Ein anderes Beispiel: Die Grabeskirche, ebenfalls hier in Jerusalem. Jeder Tourist und jeder Pilger wird wissen, welches Gebäude oder besser welcher Gebäudekomplex damit gemeint ist. Unsere orthodoxen Schwestern und Brüder nennen diese Kirche aber nicht Grabeskirche, sondern die Auferstehungskirche, die Anastasis. Theologisch ist das viel schlüssiger, ist das Zentrum des christlichen Glaubens doch nicht der Tod, sondern die Auferstehung Jesu. So entsteht beim Wort „Grabeskirche“ das Bild von etwas Vergangenem, von etwas Totem, von etwas, was vorbei ist.

Sprache hat Bedeutung, sie gestaltet unsere Welt. Nun kann man den Sprachgebrauch ja nicht vorschreiben, der entwickelt sich in einer Kultur heraus und ändert sich immer nur allmählich. Aber: Mindestens für mich ergibt sich bei dieser Reise eine Änderung meiner eigenen Sprache. Ich will das Beten unserer jüdischen Schwestern und Brüder so ernst nehmen, wie es ist. Und ich will in der Kirche Tod und Auferstehung, nicht nur den Tod, vor Augen haben.

Zeit, ein wenig die Sprache zu ändern.

 

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Wenn es echter Dialog ist …

Beim Interview für Radio Vatikan: der britische Jesuitenpater Damian Howard

Pater Damian Howard SJ im Interview bei Radio Vatikan

„Wenn es echter Dialog ist, weißt du nicht, wohin der Weg geht. Vorbereitet sein, das Wort suggeriert, dass man alles unter Kontrolle hat und bestimmt, wohin die Gespräche gehen. Also nein, in diesem Sinn können wir nicht vorbereitet sein.“ Pater Damian Howard ist Spezialist für den interreligiösen Dialog, er doziert am Heythrop College in London. Während meines Studiums in London haben wir gemeinsam in einer Jesuitenkommunität gelebt und uns angefreundet.

In der vergangenen Woche war er zur Tagung anlässlich des 50. Jubiläums des Päpstlichen Rates für Interreligiösen Dialog in Rom und ich haben ihn gefragt, was all die Krisen und Kriege im Nahen Osten mit dem Dialog anrichten.

„Es gibt uns etwas, worüber wir reden müssen, im Augenblick vor allem die Frage der Religionsfreiheit. Das war eine der Prioritäten des Heiligen Stuhls für die vergangenen Jahre. Interreligiöser Dialog muss die schwierigen Fragen stellen, zum Beispiel Religionsfreiheit in den einzelnen Ländern“.  Außerdem müsse man genau trennen zwischen dem, was behauptet zum Beispiel muslimisch zu sein und der Religion selber. Beispiel Nigeria: Kein wirklicher Muslim wird das, was Boko Haram dort anrichtet, als muslimisch bezeichnen.

 

Was Dialog wirklich ist

 

„Worüber ich zu sprechen versuche ist, was eigentlich Dialog ist. Die katholische Kirche bestimmt nicht die Sprache und nicht das Handeln. Dialog findet heute in ganz verschiedenen Zusammenhängen statt: In Sozialarbeit, Universitätsausbildung, in Staat und Gesellschaft. Wir können das Wort ‚Dialog‘ nicht bestimmen und sagen, was es für Menschen bedeutet. Wie betreten hier eine neue Welt und wir müssen das klug und überlegt tun.“ Weiterlesen

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Ökumene im eigenen Haus

Bartholomaios und Franziskus – die Nachfolger der Apostel-Brüder Andreas und Simon Petrus. Eine Begegnung der beiden steht im Zentrum der Papstreise. Sie zeigt aber auch, wie komplex das Christentum hier im Nahen Osten ist. Seit der Aufhebung der gegenseitigen Exkommunikation vor fast 50 Jahren hat sich einiges geändert, aber das Motto der Reise – ut unum sint, auf dass sie eins seien – ist immer noch Zukunft.

Hier in Jerusalem gibt es einige Patriarchen, es gibt viele Kirchen, viele Traditionen, auch viel Streit darum, wer welchen Ort besetzen, nutzen und gestalten darf. Die Grabes- und Auferstehungskirche ist das schlimmste Beispiel dafür: In Parzellen je nach Kirche aufgeteilt darf man nicht zusammen beten, sondern nur aneinander vorbei. Unter Christen.

Oftmals ging es in den Debatten um die Hindernisse zwischen den Kirchen, vor allem mit den orthodoxen wurde über den Primat des Papstes gesprochen. Das Problem besteht aber nicht nur im Papstamt, auch wenn ökumenisch eher zurückhaltende Christen wie der griechisch-orthodoxe Patriarch von Jerusalem, Theophilos III., das so herausstellen. In einem Interview mit der Zeitung Tagespost hat er noch kurz vor der Reise sehr selbstsicher betont, dass er der einzige sei, der für die Christen des Heiligen Landes sprechen dürfe – direkt nach seiner Kritik am Papstamt.

Ökumene fängt also im eigenen Haus an, Ökumene unter griechisch-orthodoxen, aber auch unter Katholiken. Wenn es um Versöhnung geht, dann bleibt uns Einiges zu tun, zu viele sind päpstlicher als der Papst.

Man muss es aber auch wollen und bereit sein, Anstöße aufzunehmen: Patriarch Theolophilos, oberster Vertreter der griechisch-orthodoxen in Jerusalem versteht den Enthusiasmus der Katholiken nicht. Dann stehen die Chancen schlecht, sich von diesem Enthusiasmus auch ergreifen zu lassen und vielleicht etwas zu entdecken, was man bisher vielleicht nicht gesehen hat.

Bartholomaios und Franziskus – die beiden feiern die Begegnung ihrer Vorgänger Paul VI und Athenagoras. Aber es ist nicht nur ein Blick in die Vergangenheit. Oder vielleicht besser: Wenn es nur ein Blick in die Vergangenheit wäre, dann wäre das viel zu wenig.

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Gelassene Vorbereiter

Der Eingang zur Geburtskirche in Bethlehem

Bethlehem, Geburtskirche, Freitag Nachmittag

Viel wird Vorbereitet, so viel ist schon klar. Was man vor allem anlang der Papstroute an gelbweißen Fähnchen, gepaart mit den jeweiligen Landesfarben sieht. In Irael ist das einfach nur die eigene Fahne, in Palästina dagegen immer gleich der Präsident auf dem Plakat, zusammen gephotoshopt mit dem Papst wahlweise in Jerusalem oder irgendwo in der Landschaft.

Aber abgesehen davon ist die Gegend recht unaufgeregt. Ich habe das in London beobachtet und in Cuba, von Deutschland ganz zu schweigen. Aber hier ist das alles doch ruhiger.

In Bethlehem wird fleißig gewerkt, aber mit der Altarinsel, dem Chor und dem Sicherheitskordon bleibt außer für die offiziellen Delegationen nicht allzuviel Platz. Dementsprechend gelassen war der Pater Guardian der Franziskaner an der Geburtskirche auch, man erwartet keine unüberschaubaren Massen.

In Jerusalem ist bereits bekannt, wann was gesperrt wird, aber das sind die Taxifahrer hier gewohnt. Das Komplizierteste sind die ökumenischen Befindlichkeiten, jetzt wo das gelöst ist sieht man zwar schon bereitgestellte Absperrgitter, aber sonst noch recht wenig. Auch die Israelis und Palästinenser, die wir gesprochen haben, sind gelassen. Einige freuen sich ein wenig, andere sehen das als etwas, was sie nichts angeht. Aufgeregt und über die Sicherheit besorgt sind sie aber alle nicht.

Es liegt vielleicht daran, dass es außer in Amman keine Großveranstaltung geben wird, wie wir sie in Rio gesehen haben und von Benedikt XVI. und Johannes Paul II. her kennen. Ob das Stil wird oder der Besonderheit dieser Reise geschuldet ist, das werden wir in der Zukunft noch sehen. Auf jeden Fall übersteigt der Charakter der Inszenierung nicht die Bedeutung des Anlasses und des Gastes. Und das ist gut.

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Die Phantasie anregen

Die Phantasie anregen. Seit Pater David Neuhaus, ein Jesuit hier aus Jerusalem, uns das als Hoffnung für die Papstreise gesagt hat, bleibt mir diese Formulierung im Kopf. In einer Situation so voller jahrhundertealter Konflikte, aktueller Animositäten, Verhärtungen und mit einem erst jüngst abgebrochenen Friedensprozess kann der Papst zeigen, dass es sich lohnt, es zu probieren.

Der Papst sei jemand, der die Vorstellungskraft anregen könne, die Phantasie darüber, dass es auch anders sein könne. Das meint Pater Neuhaus.

Den ersten Schritt machen, etwas wagen, auch wenn er vorsichtig agieren muss. Das will der Papst uns zeigen.

Hier gibt es bereits erste Demos gegen den Papst, integralistische Juden seien dies, wurde uns gesagt, nicht wirklich viele aber dafür um so lauter. Das wird es bei allen besuchten Gruppen und Menschen geben, dass einige den Papst nicht in der Region, in ihrem Land oder im Nachbarland sehen wollen, dass einige nicht den Papst den jeweiligen Gegner, Konkurrenten, oder was auch immer anerkennen sehen wollen.

Umso wichtiger ist es, dem nicht nachzugeben und freundlich und begeisternd diese Reise zu machen. Viele Menschen hier in Jerusalem freuen sich auf den Papst. Und ich auch.

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check in

Morgen in aller Frühe geht es gen Israel, die nächste Papstreise steht vor der Tür und ich darf mal wieder von vor Ort berichten. Es gibt wenig, was schöner ist als das Begleiten einer solchen Reise.

Der Papst hat einiges vor, er hat ein straffes Programm, und das will erzählt werden: Pilgern im Heiligen Land, die Christen Palästinas, Ökumene ganz praktisch, etc. Ab Morgen also.

Leider geht es “nur” nach Jerusalem, mit einem Abstecher nach Bethlehem, Jordanien steht für mich nicht auf dem Programm, das wäre dann auch zu viel.

An dieser Stelle werde ich versuchen, ab und zu meine Eindrücke zu reflektieren. Vielleicht schaffe ich ja auch das eine oder andere Foto. Mal sehen.

Shalom also, eingecheckt bin ich, der Koffer sieht gut aus, es kann los gehen.

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Es liegt ganz an uns

Leseschlüssel zu Evangelii Gaudium, Teil 5 [ein überarbeiteter Vortrag vor den Priestern des Erzbistums München und Freising Mitte Mai]

 

Papstreise nach Brasilien, der Papst ist in einem Armenviertel under den Leuten

Besuch in der Favela Varginha, Rio de Janeiro

Das Projekt Franziskus funktioniert nur, wenn es in uns selber funktioniert. Wenn man es verlegt, etwa von der Person in die Institution und wartet, bis dies und das geändert wird, dann wird daraus nichts. Oder in den Worten des Papstes: „Ich träume von einer missionarischen Entscheidung, die fähig ist, alles zu verwandeln“. Oder: „brechen wir auf, gehen wir hinaus, um allen das Leben Jesu Christi anzubieten!“

Zwei Zitate von Papst Franziskus über das, was ich hier ansprechen will: Es geht um diejenigen, die das Projekt der Verkündigung heute in Angriff nehmen. Es geht – um das sperrige Wort zu benutzen – um den Missionar.

Ich könnte Seite nach Seite mit Zitaten anführen: Aus Ansprachen, den Morgenpredigten (vor allem den Morgenpredigten), aus Büchern, Interviews und so weiter. Nur ein einziges Beispiel erlaube ich mir hier, Morgenmesse am vergangenen Donnerstag (8. Mai), also fast noch frisch: „Philippus gehorcht – er folgt dem Ruf des Herrn. Sicher hatte er genug anderes zu tun, die Apostel hatten damals vieles am Hals mit dem Evangelisieren. Aber er lässt alles stehen und liegen und geht. Das zeigt uns, dass man ohne diese Fügsamkeit der Stimme Gottes gegenüber nicht evangelisieren kann. Keiner kann von sich aus Jesus Christus verkünden, höchstens sich selbst. Gott ist es, der ruft! Gott ist es, der Philippus in Bewegung setzt. Und Philippus geht – er ist gehorsam.“

 

Wahrheit in Begegnung

 

Es geht also um uns selber. Es geht um den Verkünder, den Prediger, Seelsorger, den Glaubenszeugen, um alle diese, kurz es geht um den Missionar. Den, der den Auftrag – die Mission – Jesu weiter trägt: „Gebt Ihr ihnen zu essen!“, zitiert Franziskus den Herrn.

Ich möchte in diesem Stück einige Elemente destillieren, die mir für das Sprechen über den Missionar – und ich möchte bewusst bei diesem etwas sperrigen Begriff bleiben – in Evangelii Gaudium wichtig erscheinen und Ihnen das als Impuls anbieten. Beginnen möchte ich mit der Wahrheit.

29. August vergangenen Jahres, bei einem Treffen des Papstes mit Jugendlichen: „,Aber Pater, ich habe doch die Wahrheit!‘ [in Predigten baut der Papst gerne fiktive Dialog ein, in denen er sich selber mit „Pater“ ansprechen lässt] Nun, da ist ein Fehler, nicht wahr? Denn die Wahrheit hat man nicht, trägt man nicht mit sich, man begegnet ihr. Es ist Begegnung mit der Wahrheit, die Gott ist, aber man muss sie suchen.“

Ein Aufschrei ging damals durch die Bloggerszene und bei bestimmten italienischen Journalisten: Papst Franziskus definiert den Wahrheitsbegriff um. Es gebe einen Widerspruch zwischen dem Wahrheitsbegriff seiner ersten Enzyklika und diesem Wahrheitsbegriff. Noch einmal der Papst, an anderer Stelle: „Jesus sagt uns im heutigen Evangelium: ‚Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die ganze Wahrheit führen’ (Joh 16,13). Paulus sagt zu den Athenern nicht: ‚Das ist eine Enzyklopädie der Wahrheit. Lernt das und ihr werdet die Wahrheit besitzen!’. Nein! Die Wahrheit geht in keine Enzyklopädie hinein. Die Wahrheit ist eine Begegnung. Sie ist eine Begegnung mit der höchsten Wahrheit Jesu, der großen Wahrheit. Keiner ist Herr der Wahrheit. Die Wahrheit wird in einer Begegnung empfangen“. Predigt im Gästehaus am Mittwoch der sechsten Osterwoche im vergangenen Jahr.

Man kann jetzt sagen, dass wir nicht an eine Lehre glauben sondern an eine Person, Jesus Christus, und deswegen Begegnung das Zentrum ist und nicht der Buchstabe. Aber Franziskus geht da noch viel weiter und damit sind wir endlich bei unserem Thema und damit sind wir endlich bei dem Text, der uns hier beschäftigen soll: Evangelii Gaudium.

Umarmung mit einem jungen Mann in Rio, beim Besuch eines Drogen-Rehabilitations Zentrums

Umarmung mit einem jungen Mann in Rio, beim Besuch eines Drogen-Rehabilitations Zentrums

„Heute, da die Netze und die Mittel menschlicher Kommunikation unglaubliche Entwicklungen erreicht haben, spüren wir die Herausforderung, die „Mystik“ zu entdecken und weiterzugeben, die darin liegt, zusammen zu leben, uns unter die anderen zu mischen, einander zu begegnen, uns in den Armen zu halten, uns anzulehnen, teilzuhaben an dieser etwas chaotischen Menge, die sich in eine wahre Erfahrung von Brüderlichkeit verwandeln kann, in eine solidarische Karawane, in eine heilige Wallfahrt. (..) Weiterlesen

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Lassen wir uns Zeit

Es ist vielleicht nicht das auffälligste Thema der Kirche im Augenblick, aber seit dem großen Aufreger um die Fragebögen zu Familie und Pastoral im vergangenen Jahr gehen wir auf eine Bischofssynode im Oktober zu, bei der das alles Thema sein wird.

Wir reden immer über Synode. Oder vollständig: Über eine außerordentliche Generalversammlung der Bischofssynode. Dabei ist das doch eigentlich viel mehr.

Erst eine ausführliche Aussprache mit einem Vortrag von Kardinal Walter Kasper in einer Kardinalsversammlung, einem Konsistorium. Dann die außerordentliche Generalversammlung der Bischofssynode im Herbst, dann eine ordentliche Generalversammlung ein Jahr später, davor die an die Weltkirche gerichteten Fragebögen. Zwischen den Versammlungen ein Jahr für Debatten und Ideen und Gespräche: Aus der Synode wird ein synodaler Prozess, begleitet von den Tönen und eingefärbt in die Farben von Evangelii Gaudium.

Das erste Mal habe ich das bei einem Vortrag Kardinal Kaspers in München gelesen, er sagte „synodaler Prozess“. In München habe ich am Montag Kardinal Marx getroffen, auch er sprach selbstverständlich vom „synodalen Prozess“, ohne das aber besonders zu betonen.

Vielleicht sollten wir das in unseren Sprachgebrauch aufnehmen: Es geht nicht um die Debatten bei der Synode im Oktober, und dann um Entscheidungen sofort und gleich, es geht um einen Prozess, der bereits begonnen hat und der bis in die zweite Jahreshälfte 2015 andauern wird.

Zeit, noch einmal in Evangelii Gaudium zu blättern, dort zeigt der Papst, dass er Vertrauen in Prozesse setzt und allem zu schnellen misstraut. Es ist das erste der „Vier Prinzipien“, die ich die „pastoralphilosophischen Prinzipien“ getauft habe, es lautet „Die Zeit ist mehr wert als der Raum“:

 

„Dieses Prinzip (des Vorrangs der Zeit) erlaubt uns, langfristig zu arbeiten, ohne davon besessen zu sein, sofortige Ergebnisse zu erzielen. Es hilft uns, schwierige und widrige Situationen mit Geduld zu ertragen oder Änderungen bei unseren Vorhaben hinzunehmen, die uns die Dynamik der Wirklichkeit auferlegt. Es lädt uns ein, die Spannung zwischen Fülle und Beschränkung anzunehmen, indem wir der Zeit die Priorität einräumen. (..) Dem Raum Vorrang geben bedeutet sich vormachen, alles in der Gegenwart gelöst zu haben und alle Räume der Macht und der Selbstbestätigung in Besitz nehmen zu wollen. Damit werden die Prozesse eingefroren. Man beansprucht, sie aufzuhalten. Der Zeit Vorrang zu geben bedeutet sich damit zu befassen, Prozesse in Gang zu setzen anstatt Räume zu besitzen.“ (EG 222-223)

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