Drei-Päpste-Regel

Der Ort des Geschehens

Der Ort des Geschehens

Ein Gedanke zum Sonntag und zum Wochenbeginn: Vor einigen Tagen hat mir jemand eine Geschichte über Kardinal Blase Cupich berichtet, den Erzbischof von Chicago. Der habe folgende Kurzformel zu den Päpsten entwickelt.

Johannes Paul II. sei der Papst gewesen, der gesagt habe, was richtig und falsch sei und was zu tun sei.

Benedikt XVI. sei der Papst gewesen, der gesagt habe, warum etwas richtig oder falsch ist und warum man etwas so und so tun soll.

Franziskus ist nun der Papst der sagt „macht es!“

In diesem Sinne, einen schönen Sonntag.

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Bibeln, verschiedene

Ab und zu kommt hier in den Kommentaren die Sprache auf die Schrift und die Worte Jesu. Ab und zu versuche ich dann mein Bestes, um zu erklären, dass man nicht einfach eine Bibel aufschlagen kann und dann weiß, was Jesus gesagt hat.

Ich dachte mir, machen wir doch mal ein Beispiel, ein harmloses, wo es nicht um Jesusworte geht, aber das das Prinzip erläutert.

So lesen wir zum Beispiel in der ersten Lesung von diesem Dienstag aus dem Buch Jesus Sirach, Kap 35, unter anderem diese zwei Verse:

Das Opfer des Gerechten ist angenehm, sein Gedenkopfer wird nicht vergessen werden. Freigebig ehre den Herrn, nicht gering sei die Gabe in deinen Händen“.

Das sind die Verse 9 und 1o des Kapitels. Eine Kollegin befasste sich nun mit der Papstpredigt von diesem Morgen, in der Papst Franziskus einen Vers aus dem Buch Sirach und der Tageslesung explizit nennt und wiedergibt. Und siehe da, diesen Vers finden wir in der deutschen Fassung vergeblich. Beziehungsweise, der klingt ganz anders. Der Papst zitierte das so:

„Glorifica il Signore con occhio contento …“.

Archivbild: Papstmesse in Santa Marta

„Freigiebig“ und „occhio contento“ mag vielleicht bildlich dasselbe sagen, ist wörtlich aber etwas anders. Und blättern wir weiter: die neue Einheitsübersetzung (die liturgischen Bücher enthalten noch die alte) übersetzt Vers 10 so: „Mit großzügigem Auge preise den Herrn …“ . Da sind wir doch schon wieder viel näher dabei. Die Jerusalemer Übersetzung sagt „mit gebefreudigem Auge“. Und der immer wieder hilfreiche Martin Luther übersetzt „mit fröhlichem Gesicht“. Kein Wunder, dass die Kollegin darüber gestolpert ist, wäre ich auch.

Das ist nur ein kleines Beispiel. Ich will hier auch gar nicht den Besserwisser machen, aber die Schrift ist mir einfach zu wichtig, als dass man sie ohne Denken einfach so für seine Zwecke auswerten darf.

Sie ist reich, sie fordert uns zum Denken und zum Beten heraus, und zum Studium. Und wenn man die Sprachen nicht kann – wie ich – dann kann man sich Hilfe suchen. Ist gar nicht schwer. Zumindest kann und darf und soll man nicht so tun, als ob alles eindeutig und klar wäre.

 

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Vernehmlassung

Die Schweizer unter Ihnen können mit dem Titel was anfangen. Der Rest wohl eher nicht.

Die Schweizer Demokratie kennt eine Menge von interessanten Verfahren, nicht alle erschließen sich sofort und automatisch. Auch der eher ulkige – Pardon, liebe Schweizerinnen und Schweizer – Begriff der „Vernehmlassung“ gehört dazu.

Schweiz-Installation. Einsiedeln

Es soll ein neues Gesetz geben, eine Abstimmung oder eine Verfassungsänderung. Um möglichst viel Fachwissen einzubinden und um die Verwirklichungschancen einschätzen zu können, wird relevanten gesellschaftlichen Gruppen vorher ein Entwurf samt Kommentar zugestellt. „Es soll Aufschluss geben über die sachliche Richtigkeit, die Vollzugstauglichkeit und die Akzeptanz eines Vorhabens des Bundes“, heißt es in dem Gesetz dazu. Das ist die Vernehmlassung. Mein Schweizer Kollege sagt mir, dass dazu etwa auch die Bischöfe zu den gefragten Gruppen gehören.

Der Auswertung aller Rückantworten folgt dann die Einbringung etwa ins Parlament, das auch diese Auswertung zu sehen bekommt. Die Reaktionen gehen also ins Verfahren ein.

 

Fachwissen und Akzeptanz

 

Sehr klug gemacht, wenn ich das mit den intransparenten Lobbyisten woanders vergleiche, die sehr viel Einfluss auf Gesetzgebungsverfahren haben, ohne dass das transparent gemacht wird, nicht mal den Parlamentariern.

Themensprung: in den vergangenen Tagen habe ich oft Anrufe bekommen, meistens von Journalistenkollegen, ob denn wie vorhergesehen die Webseite mit der Befragung zur nächsten Bischofssynode am 1. März online geht. Nein, das tut sie nicht, die Umfrage sei zwar fertig, hört man, aber man wolle das technisch sicher und glatt über die Bühne gehen lassen – meine Worte – und warte deswegen, bis alles wirklich stabil steht.

Aber: das Grundprinzip bleibt, es wird gefragt werden und die Antworten sollen dann in die Beratungen der Bischofssynode im Herbst 2018 eingehen. Nicht wirklich eine Vernehmlassung im Schweizer Sinn, weil nicht Teil eines demokratischen Verfahrens, aber der Gedanke dahinter ist ähnlich.

Wir haben uns für die Sendungen in der kommenden Woche mal umgeschaut, und schon jetzt gibt es eine Reihe von Aktionen dazu, man will sich offenbar beteiligen. Und das ist gut so.

Wie gesagt, das Ganze ist nicht Teil eines demokratischen Verfahrens, es geht nicht um Abstimmung, sondern um die Beratung des Papstes, das ist die Idee hinter der Synode. Aber auch dabei ist ja möglichst viel Sachwissen und Akzeptanz hilfreich. Also doch irgendwie eine Art Vernehmlassung, auf kirchlich.

 

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Zwischen den Zeiten

Es geht für die deutschsprachige katholische Kirche um nichts weniger, als um die Suche „nach Wegen, in den Ruinen zerbrochener Machtsysteme zu wohnen“. Ein Satz, der mir seit einiger Zeit nachgeht. Er stammt vom Theologen Johannes Hoff, aus einem Buch über Theologie nach der Postmoderne, und ist so schlicht aus dem Zusammenhang gerissen natürlich verzerrend.

Trotzdem fällt er mir immer wieder ein, wenn ich mit unserer Kirche zu tun habe. Vor allem, wenn ich durch deutsche Innenstädte laufe. Oder österreichische, das macht hier keinen Unterschied.

Drei Kirchen auf einem Blick: München, Innenstadt

Drei Kirchen auf einem Blick: München, Innenstadt

Dort sehe ich keine Ruinen. Dort sehe ich schöne Kirchen. Nicht immer sind es noch Kirchen, oft genug sind es Museen, wie auf dem Bild hier. Das Bild ist überhaupt der Anlass für diese Zeilen: Man sieht auf engstem Raum drei Kirchen, drei große Kirchen noch dazu. Die mittlere ist Museum, links und hinten – der Dom in München – sind und bleiben Kirchräume.

Das sind keine Ruinen, im Gegenteil. Aber genauso wie die Innenräume unserer Kirchen nicht für die Liturgie gebaut sind, wie wir sie jetzt feiern, und jedes Mal irgendwie ein Widerspruch in mir drin steckt, wenn ich in einer großen Kirche an einer Messfeier teilnehme, genauso spüre ich den Widerspruch zwischen diesen Kirchen und dem Wort „Ruine“ weiter oben.

Vielleicht ist der Satz ja falsch. Vielleicht ist er nur deswegen falsch, weil er – weil ich ihn aus dem Zusammenhang gerissen habe – übertreibt.

 

Dynamik

 

Aber der mindestens gespürte Widerspruch bleibt: ich sehe die Kirchen, ich sehe den Anspruch, ich sehe all das Gute, was die Kirchen machen, die Gemeinden, die offiziellen Vertreter. Und ich sehe den Traditionsabbruch, die leeren Räume, den fehlenden Nachwuchs nicht nur bei Priestern und Ordensleuten, sondern überall in den Kirchen.

Deswegen vielleicht bleibt mir der Widerspruch zwischen den Ruinen hier und den Kirchen dort so sehr bewusst.

Und ein Zweites: ich empfinde das nicht unbedingt als negativ. Das mag jetzt komisch klingen, aber ich glaube, das so beschreiben zu können: Ruine ist ein Zustand. Eine prächtige Kirche ist ein Zustand, ist etwas Festes. Die Spannung dazwischen ist dagegen dynamisch, jedenfalls nehme ich sie so wahr.

Wir mögen alle vielleicht manchmal in die Klage über unsere Kirche einstimmen, über Überforderung und Unterforderung, über Rückzug und Großgemeinden und so weiter. Mindestens bei mir aber überwiegt die Dynamik. Die ist nicht immer angenehm und ich behaupte auch gar nicht, den Ausgang der Geschichte ahnen und daraus Zuversicht gewinnen zu können. Fern davon.

Aber diese Spannung sagt mir auf jeden Fall, dass wie weiter nachdenken, ausprobieren, umkehren, bezeugen, sprechen, schweigen, was auch immer müssen, um eine Kirche für die Zukunft zu sein.

 

Die neue Welt ist noch nicht da

 

Ein wenig Weisheit habe ich beim emeritierten Papst gefunden: „Ich gehöre nicht mehr zur alten Welt, aber die neue ist auch noch nicht wirklich da“: Der Satz gesagt steht im Buch „Letzte Gespräche“. Er sei ein Papst „zwischen den Zeiten“ gewesen, sagt er. Um dann anzufügen, dass man immer erst nachträglich Zeiten und Zeitenwenden erkennen und einschätzen könne.

Zwischen den Zeiten, vielleicht sind wir das ja. Und die Spannung – die Dynamik darin – mag und helfen, darin nicht stecken zu bleiben.

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Wirklich!

Es mag an dieser Stelle eine Wiederholung sein, aber jeden Morgen, beim Blick in die Zeitungen und ins Netz, fällt es mir mit schöner Regelmäßigkeit ein: Die Wirklichkeit ist wichtiger als die Idee, Evangelii Gaudium Nr. 231. Es ist eines der vier Prinzipien, welche vom Papst in seiner Programmschrift vorgelegt werden.

Papst Franziskus mahnt: Hier bei einem Besuch in einer römischen Pfarrei

Papst Franziskus mahnt: Hier bei einem Besuch in einer römischen Pfarrei

Es fällt mir natürlich immer deswegen ein, weil mit in Zeitungen und im Internet der Herr begegnet, der sich seine eigene Wirklichkeit baut. Der Lügt, der nachweislich Falschinformation benutzt, der wenn darauf hingewiesen beschimpft. Das ganze wäre tragisch, wenn es sich dabei nicht um den mächtigsten Mann der Welt handeln würde.

Dass Politiker lügen, ist so neu nicht, das geht zurück wohl bis in die römische Republik. Dass das aber systematisch benutzt wird und immun gegen Wirklichkeit ist, das ist neu. Kein Wunder, dass immer mehr Kommentatoren auf Richard Nixon hinweisen, nicht der Kriminalität des Verhaltens wegen, sondern wegen einer offensichtlichen Unfähigkeit, sich aus der eigenen Weltsicht – alle sind gegen mich – zu befreien.

Was hilft? Ein Lob der Wirklichkeit. Mit dem Papst. Jedenfalls soll das hier ein kleiner Beitrag sein, es mag vielleicht zu politisch sein, aber hier ist Gefahr im Verzug, und das nicht nur in den US of A, sondern auch auf den Plätzen Dresdens, bei Facebook, in Gesprächen die ich leider auch führen muss.

 

Die Idee löst sich von der Wirklichkeit

 

Es muss vermieden werden, dass sich die Idee von der Wirklichkeit löst, sagt der Papst in seinem Schreiben, zwischen beiden muss „ein ständiger Dialog hergestellt“ werden. Dieser ist aber nicht hierarchiefrei, denn „die Wirklichkeit steht über der Idee.“

Der Papst warnt im Anschluss davor, was passiert, wenn man das nicht einhält, nämlich vor den „Formen der Verschleierung der Wirklichkeit“: „die engelhaften Purismen, die Totalitarismen des Relativen, die in Erklärungen ausgedrückten Nominalismen, die mehr formalen als realen Projekte, die geschichtswidrigen Fundamentalismen, die Ethizismen ohne Güte, die Intellektualismen ohne Weisheit.“ Da fehlt was. Als ich das heute noch einmal nachgelesen habe war das meine erste Reaktion: da fehlt was!

Idee, das kann auch das um sich selber kreisen sein, ein Nationalismus, der in Wirklichkeit (!) ein Egoismus ist. Idee kann auch Wirklichkeit beschädigen. Wir haben im TV einen Herrn, der als Beweis für die Wirklichkeit seiner Ideen angibt, dass es andere – die Menschen – ja auch glauben. Der Vorfälle in Schweden und in den USA erfindet, und damit seine Politik begründet. Das ist gefährlich.

 

Ein theologisches Problem entsteht

 

Also stellt sich gar nicht die Frage von Evangelii Gaudium, dass hier Wirklichkeit verschleiert wird. Sie wird ignoriert, sie verliert ihren Wert, ihre Autorität als meine Vorstellungen korrigierend.

„Die Idee – die begriffliche Ausarbeitung – dient dazu, die Wirklichkeit zu erfassen, zu verstehen und zu lenken“. So weit so gut, das ist noch einmal aus Evangelii Gaudium (232). Die Idee – Vorstellung, Weltsicht, etc. – welche die Wirklicheit ignoriert, was ist das dann?

Vielleicht bin ich ja naiv, aber ich glaube tatsächlich, dass „die Welt ist alles, was der Fall ist“, um Wittgenstein zu zitieren. Meine Vorstellungen müssen überprüfbar, mindestens hinterfragbar sein.

Der Papst führt in seiner Argumentation ein theologisches Argument ein, das an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben soll: „Die Wirklichkeit steht über der Idee. Dieses Kriterium ist verbunden mit der Inkarnation des Wortes und seiner Umsetzung in die Praxis: » Daran erkennt ihr den Geist Gottes: Jeder Geist, der bekennt, Jesus Christus sei im Fleisch gekommen, ist aus Gott « (1 Joh 4,2).“ Soll heißen: Gott hat entschieden, Mensch zu werden, in die Wirklichkeit der Welt zu kommen. Wenn wir aber das Konzept von Wirklichkeit zertrümmern, weil es uns halt anders passt, dann bekommen wir ein theologisches Problem dazu. Wir verstehen nicht mehr, was Gott da gemacht hat, wenn wir uns unsere Welt zusammen basteln und das auch noch glauben wollen.

 

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Humor ist …

Zuerst waren es die – nicht wirklich komischen – Plakate. Die haben mit dem Begriff „Barmherzigkeit“ gespielt, wollten irgendwie volksnah sein, haben aber nicht wirklich gegriffen. Zu viel Bissigkeit war da drin. Nicht gut und nicht gut gemacht.

Der falsche Osservatore

Der falsche Osservatore

Dann kam der falsche Osservatore. Der war schon besser, viel besser. Gute Satire, würde ich sagen, auch wenn die Macher der Zeitung nicht so amüsiert waren. Man muss auch mit den vermuteten Einstellungen dahinter nicht überein gehen, aber witzig ist das Ding schon.

Und jetzt tauchen Lieder im Netz auf, auf den Papst. „That’s Amoris“, die Stimme klingt fast wie Dean Martin, es ist aber eine Abrechnung mit Papst Franziskus, mit Antonio Spadaro, mit dem Journalisten Austen Ivereigh (wichtig im englischsprachigen Raum), etc. Nicht so komisch wie der falsche Osservatore, aber immerhin bemüht man sich um Witz, nicht nur um die Holzhammermethode.

Widerstände beweisen, dass der Papst offenbar mit dem, was er will, etwas erreicht. Und wenn es satirisch daher kommt, dann soll mir das recht sein.

 

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Korruption

„Im Vatikan gibt es Korruption“: So ein Satz aus dem Mund von Papst Franziskus wird immer gerne genommen. Irgendwo äußert der Papst das, vielleicht nur in einem Nebensatz, aber von da aus wandert das in den Titel des Artikels dazu. Man klebt die Ansprache an die Kurie 2014 daran – die ‚scharfe Kritik’ – und andere Zitate, in denen das Wort Korruption vor kommt und schon hat man die Geschichte vom ‚Kämpfer im Vatikan’, der sich gegen Gegner durchsetzen muss. Gegen korrupte Gegner, wohlgemerkt.

Blick auf ein Mobilfon-Bildschirm beim Angelusgebet

Das mediale Interesse am Papst bleibt groß, gerade bei kontroversen Themen

Erst in der vergangenen Woche war das wieder Thema, aber es ist ja nicht so, dass man Papstzitate groß suchen müsste, in denen das Wort vorkommt. Die gibt es nun wirklich viele.

Aber was meint er? Wirklich das, was wir in unserer Sprache darunter verstehen? Manchmal bedeuten ja dieselben Worte in verschiedenen Sprachen andere Dinge. „Falsche Freunde“ nennen das die Angelsachsen, man meint, jemanden – oder hier ein Wort – zu kennen, geht aber von falschen Voraussetzungen aus.

Ist das auch hier der Fall?

 

Toleriert und akzeptiert

 

Nehmen wir den Papst selbst zur Hand. Auf deutsch ist ein Text von ihm aus seiner Zeit als Erzbischof von Buenos Aires erschienen, unter dem Titel „Korruption und Sünde“. Das sollte uns helfen.

Das erste: es geht hier nicht um Individualmoral, sondern um die soziale Dimension des Handelns. Was mir mit „korrupt“ bezeichnen, hat immer Auswirkungen auf andere und auf das Gemeinsame, auf Gesellschaft oder Familie oder Institution. Es geht um die Gemeinschaftswirkung des Handelns.

Zweitens: es geht dem Papst immer auch darum, dass hier etwas gesellschaftlich akzeptiert, toleriert, geduldet oder ignoriert wird, eine „zwar verurteilte, aber gleichzeitig akzeptierte Dimension des bürgerlichen Zusammenlebens“, wie er schreibt. Weiterlesen

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Unser Wort!

Entsolidarisierung ist der Trend. Immer mehr Wähler interessieren sich für Parteien und Gruppen, die das Eigene gegen den Anderen in Stellung bringen und so Schutz, Sicherheit und vor allem Identität versprechen.

Manchmal geschieht es subtil, andere Male eher brachial: das Andere wird als Gefährdung wahrgenommen, aber anstatt Solidarität dagegen zu setzen, positiv zu bleiben, ist im Augenblick das Gegenteil in Mode.

Manchmal ist es ganz einfach: Solidarität ist Begegnung

Manchmal ist es ganz einfach: Solidarität ist Begegnung

Ich zugeben, dass das Bestehen des Papstes auf Solidarität mich etwas überrascht hat. Bereits 2013 hat er immer und immer wieder darüber gesprochen, und zwar hat er es So-li-da-ri-tät  genannt. Genau so wie ich es schreibe hat er es mehrfach ausgesprochen, jede Silbe einzeln, immer mit voller Betonung. Vielleicht hatte ich etwas naiv angenommen, dass diese Solidarität so etwas wie ein Grundstein unseres zivilisierten Handelns geworden sei, nicht immer perfekt, aber immerhin doch nicht anzuzweifeln. Die vergangenen Jahre haben uns alle eines Besseren belehrt.

Es sei geradezu ein „Schimpfwort“ geworden, diese Solidarität, sagt der Papst. Schauen wir aber genauer hin, woher das Schimpfen kommt: „Für die Wirtschaft und den Markt ist ‚Solidarität’ fast ein Schimpfwort“ hat der Papst gesagt, in einer Videobotschaft war das, in einer kurzen Auslegung der katholischen Soziallehre.

 

Das Eigene und das Andere

 

Hier geht es also um mehr als nur um die eigene innere Haltung. Hier geht es um Dynamiken, die es uns schwer bis unmöglich machen, solidarisch zu sein. Hier geht es um eine Vorstellung von Gesellschaft, die auf der Wirtschaft des Gewinns aufbaut. „Heute gelten Jugendliche und Alte als Ausschuss, weil sie nicht der Produktionslogik einer funktionalistischen Sicht der Gesellschaft gehorchen. Man sagt, sie sind „passiv“, sie produzieren nicht, in der Ökonomie des Marktes sind sie keine Subjekte der Produktion.“

Jetzt könnte man in die Länder schauen, in denen Entsolidarisierung gerade Wahlen gewinnt: sei es in Großbritannien, dass keine Menschen mehr aufnehmen will, sei es auf den Front National, auf Geert Wilders in den Niederlanden, auf Trump und seine Mauer, und und und. Weiterlesen

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Immer noch zurück getreten

Es ist wieder Jahrestag. Vor mittlerweile vier Jahren hatte Benedikt XVI. seinen Rücktritt angekündigt. Und auch wenn sich immer mal wieder Leute öffentlich aufregen mögen, darüber dass er immer noch weiß trägt oder Interviews gibt, ist die Tatsache eines nicht mehr amtierenden Papstes langsam normal geworden.

Das gilt auch für die Formsprache des Papstes.

Papst und Emeritus, Februar 2014

Papst und Emeritus, Februar 2014

Es muss sich sicherlich noch einiges einrenken. Etwa die weiße Farbe. Wir guten deutschsprachigen Mitteleuropäer würden natürlich am liebsten sofort eine Regel haben, an die sich zurück getretene Päpste halten müssen. Das war erst neulich wieder mal Thema. Typisch, kann ich als „Römer“ da nur sagen. Da passiert gerade etwas, da kann man sozusagen Kirchengeschichte beim sich Ereignen zuschauen, und was wollen wir? Das regeln!

Dabei hat Benedikt XVI. doch genau das getan, was sein Nachfolger predigt: er hat einen Weg geöffnet. Er hat einen Schritt getan, wie Franziskus nicht müde wird zu sagen. Er hat lange reflektiert – unterschieden – und dann entschieden.

 

Das magische Wort: Unterscheidung

 

Vielleicht liegt ja auch hier der Grund, weswegen die deutschsprachige Öffentlichkeit immer noch nicht so richtig mit dem Rücktritt umgehen mag. Da schwingt – nicht immer, aber öfters – ein „aber er hätte doch auch“ und ein „aber er hätte nicht“ dürfen, etwa was die Kleidung, den Namen, den Ort seines Ruhestandes, seine Interviews etc. angeht.

Ob der nächste – wer oder wann auch immer das sein mag – das genau so machen wird, ist nicht ausgemacht. Muss es auch nicht. Also mag er vielleicht auch weiß tragen. Oder nicht. Er mag im Vatikan wohnen. Oder nicht. Nur so viel kann man jetzt schon sagen: Die Umstände werden anders sein, die Personen werden anders sein.

Aber dieser 11. Februar wird immer der Beginn eines Weges bleiben. Für Benedikt XVI. persönlich, als Emeritus, aber auch für die ganze Kirche. Es ist ein wichtiger Jahrestag.

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Geleise legen

Es hätte ganz anders kommen sollen. Als Papst Johannes XXIII. das Zweite Vatikanische Konzil einberief, wurden vom Vatikan so genannte Schemata vorbereitet, also zu diskutierende Texte. Damit sollten, in der Überzeugung von Kardinal Franz König, dem damaligen Erzbischof von Wien, „Geleise für das Konzil“ gelegt werden.

Karl Rahners Notizen in Kardinal Königs Textkopie

Karl Rahners Notizen in Kardinal Königs Textkopie

König war damals im Vorbereitungsgremium für das Konzil und nicht einverstanden mit dem Vorgehen. Also machte er das, was viele andere auch machten, er nahm sich einen Theologen mit aufs Konzil. Jeweils ein so genannte Peritus durfte dabei sein. Der Peritus für Kardinal König: Pater Karl Rahner.

Sie kennen die Geschichte, der Rest des Konzils verlief völlig anders, als geplant.

Rahner nahm kein Blatt vor den Mund. Er notierte in die Texte der Schemata – der Vorbereitungstexte – deutliche Meinungen, die von „Elaboraten des gemächlich Selbstsicheren“ sprachen und von der Verwechslung ebendieser Selbstsicherheit mit der Festigkeit im Glauben.

Interessant, wie sehr sich die Fragen gleichen: Auch Rahner mahnte eine fehlende Unruhe an, Worte die wir heute dauernd auch aus dem Mund des Papstes hören, nur meint Franziskus damit alle Gläubigen, das Konzil hat also um sich gegriffen.

Rahner sprach damals von einer Mentalität, „die meint, Gott einen Dienst zu erweisen, wenn sie (eine) innere Unbedrohtheit (…) als die wahre Klarheit des katholischen Glaubens verteidigt“.

Wie gesagt, das ist alles Geschichte, ich durfte mir die Originale der König-Schemata neulich ansehen.

Aber so ganz Geschichte ist es nun auch wieder nicht. Unruhe versus innere Unbedrohtheit, die Gefahr der Selbstsicherheit, all das ist auch heute noch da.

Papst Franziskus nennt es bloß anders: Aus sich selbst heraus gehen versus in sich selbst verkrümmt sein. Und ich mag wiederholen: er bezieht das auf alle. Wer meint, es seien ja nur die anderen gemeint, liegt schon falsch.

 

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