Fran: lehm-glück der rhani, ran, komponente f contra Zahl: 6,9

Immer wieder eine Überraschung: man macht den Rechner an und schaut in den Posteingang, man liest die Kommentare bei Facebook oder hier im Blog, man schaut ins Fax oder am besten noch öffnet einen Briefumschlag – immer und immer wieder schlagen einem da kleine Kunstwerke entgegen.

Meist wie ich annehmen muss verwirrte Menschen schicken uns Meinungen, Aufforderungen, Texte deren Sinn und Zweck sich nicht sofort erschließen, wenn überhaupt. Sie schicken überhaupt alles, was einem in den Sinn kommen kann. Oder was einem selber nie in den Sinn kommen würde. Jedenfalls hoffentlich nicht.

Das Leben ist zu kurz, sich mit all dem zu beschäftigen, aber einiges davon kommt in meinen Lieblingsordner im Büro, „Best of Zuschriften“ genannt. Den pflege ich jetzt seit ich hier bin, also seit 2009. Sehr voll ist der nicht, man muss sich also schon was einfallen lassen, um da hinein zu kommen.

Die Aufforderung zum Beispiel, doch zu kontrollieren, ob der Papst wirklich Papst ist und ob er „korrekt die Personen aus der Bibel mit Vor- und Nachname in den Fußnoten genannt hat.“ Ist ja wirklich ein wichtiges Kriterium.

 

„Best of Zuschriften“

 

Oder der Mensch, den man nicht in Rom hat studieren lassen, weil das die Wahl Joseph Ratzingers zum Papst verhindert hätte. Da waren wohl finstere Kräfte am Werk.

imageOder die Interpretation des Namens Franziskus: „Fran: lehm-glück der rhani, ran, komponente f contra Zahl: 6,9 / Zis: c# musik aus zisterne lehm und wasser nach ignatius Vitaminsäuren zur Wasserreinigung Zahl 7 / Kus: kosen, küssen, Küste, alteuropäisch für Tangente Zahl 28″. Dankenswerterweise hat der Schreiber uns die Rechte zur Nutzung zugestanden. Puh, wäre das also auch gelöst.

Oder es schreibt uns Jesus Christus, der endlich zur Kenntnis genommen werden will. Der Erlöser ruft auch manchmal an, aber das ist ein anderer. Wie ignorant wir doch sind. Oder einfach nur verwirrt von so viel Jesus. Also muss dieser Jesus Christus nun eine neue Kirche gründen.

Oder da sind die Kreativlinge im Beschimpfen. Eigentlich mag ich so was ja gar nicht, aber wenn man uns „Irrationalismusheiten“ nennt, dann kann man nicht anders als schmunzeln. Mindestens.

 

„bin jetzt frei … Grüße an Papa“

 

Oder es ist etwas leicht und locker Geschlagenes: „Spielt ihr was für uns … Jazz aus den 30er Jahren … bin jetzt frei … Grüße an Papa.“ Das ist alles. Es reicht aber irgendwie auch. Weiterlesen

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„Den Menschen aber möchte ich nicht in die Hände fallen“

Und gleich noch mal das Thema Barmherzigkeit: Es ist halt das Thema des Heiligen Jahres. Und die Debatten hier auf dem Blog haben gezeigt, dass das ganz und gar kein harmloses Thema ist.

Im Oktober werden sicherlich zu den Herbstferien noch einmal viele Pilger nach Rom kommen, unter anderem ganze Bistumsfahrten, etwa aus den Bistümern Köln und Essen. Und sich die Frage stellen, was es denn in ihrem Leben mit der Barmherzigkeit so auf sich hat.

Im Sommer habe ich einfach mal herum gelesen, Autoren, Theologen, und natürlich in der Bibel. Bei einer Stelle musste ich laut auflachen, sie ist mir fast zufällig in die Hände gerutscht, als ich das Wort „Barmherzigkeit“ nachgeschlagen habe.

Albrecht Dürer: König David tut Buße

Albrecht Dürer: König David tut Buße

David hat mal wieder gesündigt, ein nicht wirklich seltene Situation. Statt auf Gott zu setzen hat er das Volk zählen lassen, er hat kalkuliert statt zu vertrauen. Volkszählungen sind – das wissen wir nicht erst seit Big Data – Machtfragen, und hier hat er dann doch lieber auf seine eigene als auf die Gottes vertraut, berichtet die Bibel.

Nun bekommt er es mit dem Propheten Gad zu tun (2 Samuel 24:11-14): „Als David am Morgen aufstand, war bereits folgendes Wort des Herrn an den Propheten Gad, den Seher Davids, ergangen: Geh und sag zu David: So spricht der Herr: Dreierlei lege ich dir vor. Wähl dir eines davon! Das werde ich dir antun. Gad kam zu David, teilte ihm das Wort mit und sagte: Was soll über dich kommen? Sieben Jahre Hungersnot in deinem Land? Oder drei Monate, in denen dich deine Feinde verfolgen und du vor ihnen fliehen musst? Oder soll drei Tage lang die Pest in deinem Land wüten? Überleg dir sehr genau, was ich dem, der mich gesandt hat, als Antwort überbringen soll. Da sagte David zu Gad: Ich habe große Angst. Wir wollen lieber dem Herrn in die Hände fallen, denn seine Barmherzigkeit ist groß; den Menschen aber möchte ich nicht in die Hände fallen.” Also entscheidet er sich für die Pest.

 

Lieber die Pest als der Mensch

 

Eine krasse Stelle. Aber die Sinnspitze ist eindeutig – und auch ein wenig ironisch. Lieber auf Gott setzen, denn auf die Barmherzigkeit der Menschen. Denn auf die kann man nicht bauen, meint David. Wenn die Feinde einen erst einmal verfolgen und dazu drei Monate Zeit von Gott bekommen, dann ist es abschließend mit der Barmherzigkeit nicht weit her.

Barmherzigkeit ist ein „Name Gottes“, wir vermuten beim Nächsten eher weniger davon. Einsicht in das menschlich-allzu-Menschliche? Lebensweisheit? Oder wie bei David Angst? Immerhin geht es ja auch bei Gott um Strafe, oder um eine Konsequenz aus dem eigenen Fehlverhalten, die David sich „auswählen“ muss.

Vielleicht liegt hier die eigentliche Ironie der Geschichte. Er, der auf sich selbst – also einen Menschen und menschliche Fähigkeiten und Macht – gebaut hatte, will was die Konsequenzen seines Tuns angeht dasselbe lieber nicht haben. Bloß nicht! möchte man mit ihm ausrufen. Als er sich stark fühlt, streckt er die Brust raus und lässt die Macht spielen. Als das schief geht, geht es kleinlaut Heim zu Gott.

Der Welt ginge es besser, wären wir barmherziger, so viel ist sicher. Bei Gott hingegen kann man auf diese Barmherzigkeit bauen, wie der Psalmist sagt: „Sei mir gnädig, Gott, nach deiner Gnade; tilge meine Vergehen nach der Größe deiner Barmherzigkeit!“ (Psalm 51,3)

 

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Gott im Menschen suchen und verehren

Heiligsprechung ist keine Beförderung. Diesen Satz habe ich 2011 das erste Mal benutzt, bei der Seligsprechung von Papst Johannes Paul II. Wir haben halt kaum noch Verständnis dafür, was das eigentlich ist, so eine Heiligsprechung, da muss man halt bunte Bilder malen.

Verehrung für eine große Heilige

Verehrung für eine große Heilige

Mit einer Heiligsprechung wird nicht alles gutgeheißen, was ein Mensch im Laufe seines Lebens alles getan und gesagt hat. Das gilt auch für Mutter Teresa von Kalkutta, die am 4. September heilig gesprochen wird. Es ist kein historisches Urteil. Eine Heiligsprechung sagt schlicht, dass die Kirche glaubt, in einer Person das Wirken Gottes in der Welt erkennen zu können und dieses Wirken verehrt. Wir beten keine Menschen an, wir schauen nicht über Schwächen und Sünden hinweg, wir blicken auf Gott, wenn wir Heilige verehren.

Dass wir alles Sünder sind, brauche ich nicht extra zu betonen. Dass das aber auch für die Heiligen gilt, vielleicht schon. Die sind nicht makellos, nur weil wir die Unsitte haben, sie auf Säulen zu stellen. Die sind gar nicht makellos rein. Unter den Heiligen und Seligen der Kirche gibt es sogar ausgemachte Schlitzohren und Menschen, die wir da gar nicht vermuten würden.

 

Gott entdecken, nicht um den Menchen kreisen

 

Aber zurück zu Mutter Teresa: Ihre Heiligsprechung sagt weniger über die Frau aus als über uns. Ihre Heiligkeit wird durch den kirchlichen Akt nicht verändert, das ist allein Gottes Sache.

Eine Heiligsprechung sagt etwas über uns, nicht über die Heilige aus. Das ist der Clou. Bei einer Heiligsprechung geht es um die Verehrung durch die Kirche, nicht um die Veränderung eines metaphysischen Status im Himmelreich. Dafür ist der Papst nun wirklich nicht zuständig.

Ein Heiliger oder eine Heilige ist nicht wichtiger oder wichtiger als jemand anders, es sind keine zu verleihenden himmlischen Dienstgrade, um die es hier geht. Es geht um die Kirche und ihre Verehrung.

So sieht das aus, wenn auf dem Petersplatz heilig gesprochen wird

So sieht das aus, wenn auf dem Petersplatz heilig gesprochen wird

Die Kirche schaut genau hin, ob es bei dieser Verehrung mit rechten Dingen zu geht. Ob die Menschen jemandem aufsitzen oder ob es genuin ist. Deswegen gibt es die Heiligsprechungsverfahren. An deren Ende verkündet dann der Papst im Namen der gesamten Kirche, jawoll, hier erkennt die ganze Kirche das Wirken Gottes in der Welt.

Mutter Teresa war nicht nur eine großartige Helferin, sie war auch ein schwacher Mensch. Wer die unglaublichen Aufzeichnungen aus ihren letzten Lebensjahren zu ihrer empfundenen Gottesferne gelesen hat, ist erschüttert, ich war es jedenfalls. Da ist mehr zu entdecken als die resolute Ordensgründerin und Menschenfreundin. Wie gesagt, mit der Heiligsprechung befördern wir Mutter Teresa nicht im Himmel, aber sie lädt ein, doch einmal mehr hinzuschauen, wo genau da überall Gott zu entdecken ist.

 

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Papstvideo: Der Ball liegt in unserem Feld

Barmherzigkeit hat eine innere Dynamik: Sie beginnt bei der Erinnerung an die selbst empfangene Barmherzigkeit, und dann geht es vom Herzen in die Hände, zu selbst konkret gelebter Barmherzigkeit. Auf dem Weg dahin gibt es einige Hindernisse, zum Beispiel die Unfähigkeit, sich an die empfangene Barmherzigkeit zu erinnern. Dann beginnt man zu urteilen, man spaltet und trennt, und das ist das genaue Gegenteil der Barmherzigkeit.

Aufzeichnung einer Videobotschaft

Aufzeichnung einer Videobotschaft

Es ist eine sehr zugespitzte Zusammenfassung der Botschaft, die der Papst an diesem Samstag in einem langen Video nach Lateinamerika schickte. Ein ausführlicher Text, der im Wesentlichen eine Auslegung einer Textstelle aus dem ersten Timotheus-Brief ist. Ein Text auch, der wunderbar das Denken des Papstes zu diesem Thema zusammen fasst. Von dem Text gibt es keine deutsche Übersetzung, also habe ich mich an eine Arbeitsübersetzung gemacht, eben weil ich es für eine sehr gute Darlegung der Papstgedanken halte.

Das hier ist nun eine leicht gekürzte Version, gekürzt lediglich um die ausschließlich lateinamerikanischen Teile, etwa den Verweis auf die Bischofsversammlung von Aparecida etc.

Der Papst – soviel Amerika muss sein – beginnt mit der Tatsache, dass zu dem Event beide Amerikas versammelt sind, der Norden wie der Süden.

 

Der Text der Videobotschaft (übers. aus dem Spanischen Original)

Ich begrüße die Initiative von CELAM [Vereinigung der Bischofskonferenzen Lateinamerikas] und des CAL [Päpstlicher Lateinamerikarat], gemeinsam mit den Bischöfen der USA und Kanadas – was mich an die Synode für Amerika denken lässt – diese kontinentweite Möglichkeit zu schaffen, das Jahr der Barmherzigkeit zu feiern. Mich freut es, dass alle Länder Amerikas teilnehmen können, wenn man auf die vielen Versuche der Fragmentierung, der Trennung und der Gegeneinansersetzung unserer Völker sieht, dann helfen solche Ereignisse, unseren Horizont zu weiten uns weiter die Hände zu reichen, es ist ein Zeichen, das uns in Hoffnung ermutigt.

 

Den Horizont weiten

 

Ich möchte beginnen mit den Worten des Apostels Paulus zu seinem geliebten Jünger [Timotheus]:

„Ich danke dem, der mir Kraft gegeben hat: Christus Jesus, unserem Herrn. Er hat mich für treu gehalten und in seinen Dienst genommen, obwohl ich ihn früher lästerte, verfolgte und verhöhnte. Aber ich habe Erbarmen gefunden, denn ich wusste in meinem Unglauben nicht, was ich tat. So übergroß war die Gnade unseres Herrn, die mir in Christus Jesus den Glauben und die Liebe schenkte. Das Wort ist glaubwürdig und wert, dass man es beherzigt: Christus Jesus ist in die Welt gekommen, um die Sünder zu retten. Von ihnen bin ich der Erste. Aber ich habe Erbarmen gefunden, damit Christus Jesus an mir als Erstem seine ganze Langmut beweisen konnte, zum Vorbild für alle, die in Zukunft an ihn glauben, um das ewige Leben zu erlangen“. (1 Tim 1:12-16)

Indem Paulus zu Timotheus spricht, spricht er auch zu jedem von uns. Seine Worte sind eine Einladung, ich würde sogar sagen, sie sind eine Provokation. Es sind Worte, die Timotheus und alle, die sie durch die Geschichte hören würden, motivieren sollten. Es sind Worte, die uns nicht gleichgültig lassen können; im Gegenteil, sie bringen uns innerlich in Bewegung.

Paulus nimmt kein Blatt vor den Mund: Jesus Christus kam in die Welt, um die Sünder zu retten, zu denen sich Paulus selbst als den Schlimmsten zählt. Deutlich sieht er ein, wer er ist, er verbirgt seine Vergangenheit nicht, auch nicht die Gegenwart. Aber er beschreibt sich selbst auf diese Weise nicht um sich zu entschuldigen oder zu rechtfertigen, und schon gar nicht um anzugeben.

Wir sind ganz am Beginn des Briefes, und Paulus hat Timotheus bereits jetzt [in den Versen davor] vor den „Fabeleien und endlosen Geschlechterreihen“ und vor „leerem Geschwätz“ gewarnt. Er warnte ihn davor, dass das alles „nur Streitfragen“ mit sich bringt, Streit. Zunächst könnten wir meinen, dass es vor allem um seine eigene Sündigkeit geht, aber er sagt das, damit Timotheus und damit jeder und jede von uns sich mit ihm identifizieren kann.

 

Paulus spielt uns den Ball zu

 

Um in der Sprache des Fußballs zu sprechen könnten wir sagen: Er spielt den Ball in die Mitte, so dass jemand anders ihn annehmen kann. Er spielt uns den Ball zu um uns zu ermöglichen, an seiner Erfahrung teilzuhaben: trotz meiner vielen Sünden „habe ich Erbarmen gefunden“.

Wir können hier versammelt sein, weil wir mit Paulus sagen können „wir haben Erbarmen gefunden“. Wegen all unserer Sünden, unserer Begrenzungen, unserer Fehler, für all die vielen Male in denen wir gefallen sind, hat Jesus uns angesehen und uns zu ihm gezogen. Er hat uns die Hand gereicht und Barmherzigkeit erwiesen. Wem? Mir, dir, jedem.

Wir können alle zurückdenken und uns an die vielen Male erinnern, in denen der Herr uns angeschaut hat, nahe war und uns Barmherzigkeit erwiesen hat. All die vielen Male, in denen der Herr uns immer vertraut hat, weiter auf uns gesetzt hat. Ich denke da an das sechszente Kapitel des Buchs Hesekiel und daran, dass der Herr immer auf jeden von uns setzt. Das ist es, was Paulus „gesunde Lehre” nennt – interessant, nicht wahr – „gesunde Lehre“ ist dies: dass uns Barmherzigkeit erwiesen wurde. Das ist das Herz des Briefs Paulus an Timotheus.

Während des Heiligen Jahres tut es uns gut, diese Wahrheit zu reflektieren und nachzudenken, wie der Herr durch unser ganzes Leben hindurch uns immer nahe gewesen ist und Barmherzigkeit erwiesen hat; uns nicht auf unsere Verdienste, sondern auf unsere Sünden zu konzentrieren, demütig zu werden und in einem schuld-freien Bewusstsein all der Zeiten zu wachsen, in denen wir uns von Gott abgewandt haben – wir, nicht jemand anderes, nicht der Menschen neben uns, schon gar nicht ‚die Leute’ – und dadurch immer mehr vor Gottes Barmherzigkeit zu staunen. Das ist eine gute Botschaft, das ist gesunde Lehre, und niemals leeres Geschwätz.

 

Das ist die gesunde Lehre

 

Im Brief des Paulus gibt es eine besondere Sache, die ich mit euch teilen möchte. Paulus sagt nicht „der Herr hat zu mir gesprochen und gesagt“, oder „der Herr hat mir gezeigt oder mich gelehrt“. Er sagt „er hat mir Barmherzigkeit erwiesen“ [spanische Bibelübersetzung der Stelle: „Dios tuvo misericordia de mí“, „Dios fue misericordioso conmigo“].

Für Paulus wurde seine Beziehung mit Jesus durch die Art und Weise besiegelt, wie dieser mit ihm umgegangen ist. Es ist keine Idee, kein Wunsch, keine Theorie, schon gar keine Ideologie, sondern Barmherzigkeit ist eine konkrete Art und Weise, Schwäche zu „berühren“, sich mit anderen zu verbinden, einander näher zu kommen. Sie ist eine konkrete Art und Weise, Menschen zu begegnen, wenn es ihnen schlecht geht. Sie ist eine Art und Weise des Handelns, das uns unser Bestes an andere verschenken lässt, so dass sie durch diesen „Umgang“ spüren, dass in ihrem Leben das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. Dadurch fühlen Menschen, die sich von der Last ihrer Sünden niedergedrückt wissen, die Erleichterung durch eine neue Chance. Weiterlesen

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Monsignore Pope bittet zum Krieg

Es sind Blockhaus-Christen. Eine nicht sehr große aber sehr laute Gruppe von Katholiken – es gibt sie auch in anderen Konfessionen – zieht sich aus dem Dialog zurück, aus der Kultur zurück, um in einer Art geistigem Blockhaus zu leben.

Zitieren wir ein sehr deutliches Beispiel, nicht weil ich es für den Durchschnitt halte, sondern weil daran viel deutlich wird. „We are at war for our own souls and the souls of people we love. We are at war for the soul of this culture and nation. And like any soldier, we must train to fight well.” (Ich lasse das unübersetzt, das muss man einfach im Original genießen) Monsignore Charles Pope – der Autor dieser Zeilen – ist nicht irgendwer, ein prominenter Blogger auf einer katholischen Webseite, ehemaliges Mitglied des Priesterrates des Erzbistums Washington D.C., Pfarrer dort und Dekan und so weiter. „Preparing people for war — a moral and spiritual war, not a shooting war — should include a clear setting forth of the errors of our time, and a clear and loving application of the truth to error and light to darkness.” Und so weiter, und so weiter. Immerhin spricht er nicht von echtem Krieg, immerhin etwas.

Lackmustest Barmherzigkeit: Der Papst öfftet die heilige Pforte in Bangui

Lackmustest Barmherzigkeit: Der Papst öfftet die heilige Pforte in Bangui

Pope meint damit nicht etwa, dass die Kultur, die er beklagt, Krieg in die ganze Welt getragen hat, dass Länder ausgebeutet werden und so weiter. Er meint damit auch nicht die Lügen der Politik oder die Scheinheiligkeit von Rechtssprechung, welche die Abtreibung verbieten aber Todesstrafe behalten will. Nein, ihm geht es um „Wahrheit“. Da wird es immer gefährlich.

Kritik ist ja immer gut, aus dem Glauben heraus soll man die Kultur um uns herum immer auch kritisch sehen, das ist unbestritten. Darum geht es hier aber nicht. Sondern um die reine Wahrheit. Wie gesagt, da wird es immer gefährlich.

 

Spirituelle Militäreinsätze

 

Der Aufruf, sich nicht in die Komfortzonen des Glaubens zurück zu ziehen und irgendwie die Gemeinschaft toll und sich in ihr wohl zu fühlen ist ja ganz schön, das trifft sich Pope mit dem Papst (eine kleiner Wortwitz sei mir erlaubt). Aber die Kriegsmethaphorik ist schon übel.

Man könnte das über den Atlantik abschieben und einer Gesellschaft zuordnen, die mit Militäreinsätzen weniger Probleme hat und in der überhaupt Gewalt eher zum Alltag gehört als bei uns – die Attentate auf Schulen und die vielen Toten durch Schusswaffen erzählen eine traurige Geschichte. Aber das greift zu kurz.

Die Worte von Pope mögen extrem sein, drücken aber eine Einstellung aus, die sich in schwächerer Form häufiger findet, auch hier. Es ist der Traum der Aufrechten, die sich um die Fahne ihrer Identität sammeln und die geschwellte Brust des Recht-Habens vorstrecken. Weiterlesen

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werch ein illtum!

Es ist irgendwie eine falsche Alternative, aber es entscheidet sich dann doch mehr daran, als man vielleicht meint: Legt man die Priorität auf das Individuum, seine Rechte und Freiheiten, oder auf die Gemeinschaft, die zusammen haltenden Regeln und Tradition?

Gerade in letzter Zeit häufen sich die Kommentare, in denen auf diese Unterscheidung Bezug genommen wird. Gerne auch mit den von mir nicht gemochten politischen Etiketten: persönliche Freiheit = links, Gemeinschaft und Regeln = rechts. Man könnte auch sagen, die einen sind optimistisch, was die menschliche Natur angeht, die anderen pessimistisch oder zumindest vorsichtig.

Freiheit für Sicherheit aufgeben oder Sicherheit für Freiheit? ist eine Erscheinungsform der Debatte. Auch innerkirchlich gibt es viel davon, wenn es um „die Lehre“ geht (in Anführungszeichen, weil der Begriff nie gefüllt, sondern immer nur als Wurfgeschoss gebraucht wird). Regeln und Tradition? Oder Gewissen und Freiheit?

 

lechts und rinks

 

Ich halte die Alternative für falsch, weil das eine ohne das andere nicht zu haben ist, in beide Richtungen. Gewissen und Freiheit ohne Regeln und Tradition geht nicht, wie auch umgekehrt. Vielleicht mache ich es mir ja zu einfach, aber es braucht Regeln, um die Freiheit vieler gegen die Macht Einzelner zu schützen, was die Vertreter von „rechts“ gerne übersehen. Und es braucht Freiheiten gegen das Überregeln, was den Vertretern von „links“ immer mal wieder gesagt werden muss.

So sind die Vertreter von Tradition und dem Vorrang der Gemeinschaft gerne liberal und auf Freiheiten aus, wenn es zum Beispiel um Wirtschaft geht. So sind die Vertreter der Priorität der persönlichen Freiheit gerne auf Regeln aus, wenn irgendwo ein Problem entsteht das eine einzelne persönliche Freiheit einzuschränken scheint, und aus einem Problem wird dann eine Regel für alle. Das wird gerne in Verbindung mit Toleranz verwendet.

Verwirrend. Oder wer es ironisch mag: „manche meinen // lechts und rinks // kann man nicht // velwechsern. // werch ein illtum!“ (Ernst Jandl: Lichtung)

 

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Schnell berichtet

Tote und Verletzte bei schwerem Erdbeben nahe Rom: Das war Spiegel-Online heute Morgen (um 8:22 Uhr). Das Beben hat mich geweckt, immerhin so nahe war es, aber „nahe Rom“? Der Artikel selber sagt dann später: 180 Kilometer, südöstlich von Norcia (also in Umbrien, wer sich auskennt). Ist das „nahe Rom“? Wenn ich da hin fahre, fühlt sich das nicht so an. München – Nürnberg sind etwa 170 Kilometer voneinander entfernt, liegt nun Nürnberg „nahe“ an München?

Näher als Rom liegt etwa l’Aquila, das 2009 ein schweres Beben erlebt hat.

Die Zeit online wusste (um 8:23 Uhr), dass das Epizentrum 150 Kilometer Nordwestlich von Rom lag. 150 Kilometer nordwestlich von Rom das Meer oder die Küste, was ihr meintet war nordöstlich. Details.

Viele Medien bieten live-video-Blogs an, verwackelte Handy-Videos und so. Das italienische Fernsehen wiederholt heute Morgen immer und immer wieder dieselben Bilder, zu viele davon scheint es noch nicht zu geben, die Gegend des Epizentrums ist auch nicht einfach zu erreichen.

Es geht um Menschen und Schicksale, es ist verständlich, dass wir wissen wollen, was passiert ist. Aber die Bilder sind das eine, ein doch recht kurzatmiger Umgang mit Fakten ist etwas anderes. Bitte, bitte, schaut auf eine Karte, bevor ihr Richtungsangaben macht. Die Leute, die den Schlag heute Nacht erlitten haben, sind es wert, dass man sorgfältig berichtet und nicht schnell, damit möglichst schnell möglichst viele Leute hinschauen.

 

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Wenn Geschichten Kreise ziehen

Soso, Kardinal Müller soll also nach Mainz. So wollen es einige Zeitungen und Internetmedien wissen. Seit etwa einem Monat zieht diese Meldung irgendwie ihre Kreise, und alle schreiben ab oder wenn sie klug sind nehmen das zumindest als Anlass, allgemein über Kardinal Müller zu schreiben.

Wenn man sich aber mal die Mühe macht, den Ursprung dieser Meldung anzusehen, dann kommt man schnell ins Lachen. Eine malaysische (!) Zeitung hatte so ziemlich alle herumschwirrenden Gerüchte in einen Artikel gepackt, Versetzungen innerhalb des Vatikan und so. Papst Franziskus habe da machen wollen, dann aber nicht getan.

Italienische Agenturen haben das dann übernommen, dabei aber geflissentlich den Unterschied zwischen Vergangenheitsform und Zukunft übersehen, aus der Meldung wurde also: Papst Franziskus will das machen. Und das wurde dann der Ursprung von allerlei Zeugs in den Medien, zum Glück vor allem außerhalb der deutschen Sprache.

 

Wirkliche Wirklichkeit

 

Recherche ist halt manchmal Glückssache.

Die neueste Geschichte dreht sich um Synode und Zölibat. Ein US-Amerikanischer Journalist, an sich sehr klug nur in Vatikan-Sachen nicht immer treffsicher, hatte herumvermutet, der Papst wolle die kommende Bischofssynode zum Thema Priester veranstalten und dabei den Zölibat debattieren. Um Unterton: dessen Abschaffung bzw. Modifizierung.

Und so zieht auch diese Geschichte nun ihre Kreise, wird kommentiert, wechselt auch gerne mal ihre Konsistenz, wird um Papstsätze – wirkliche und angebliche – angereichert und erhält so ihre eigene Realität.

Es gibt noch keine Anzeichen dafür, dass der Papst entschieden hat, worum es gehen wird, wir wissen noch nicht einmal, wann die nächste Synode stattfinden wird. Aber nehmen wir einfach mal an, es geht um irgendwas mit Priestern. Dann wird sofort diese Karte gezückt werden, der Papst wolle die Abschaffung des Zölibats debattieren. Ganz gleich, was wirklich Absicht oder Idee sein sollte, sollte das wirklich Thema werden.

Die Eigenrealität schafft dann Erwartungshaltungen, welche die tatsächliche Debatte prägen werden. Die Wirklichkeit wird sich an den Erwartungen messen lassen müssen. Irgendwie schade. Dabei ist die wirkliche Wirklichkeit interessant genug.

 

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Einbahnstraße und innere Erweiterung

Ich gestehe: Auch ich habe vor einem Jahr das Thema das vom Papst ausgerufenen heiligen Jahres, also Barmherzigkeit, für ein „weiches“ Thema gehalten. Irgendwie klar, irgendwie zentral christlich, durchaus anspruchsvoll, aber nicht so wirklich auf der kirchlichen Tagesordnung. Und halt weich.

Wie falsch ich doch lag. Nicht nur durch die Flüchtlinge wird klar, wie hart das Thema verhandelt wird. Man wagt nicht zu widersprechen, wer will schon bewusst unbarmherzig sein? Aber auch hier in den Kommentarspalten des Blogs wird deutlich, dass es zur Sache geht.

Menschen, die nicht barmherzig sein wollen, das vor sich selbst aber nicht zugeben können und deswegen von Selbstschutz oder Kosten oder dergleichen sprechen, als Schutzschild gegen den großen Anspruch.

Menschen, denen Gesten des Papstes oder das Sprechen über Barmherzigkeit offensichtlich zu nahe an sie selbst heran rücken, weswegen sie es von sich weisen.

Oft ist es nur eine kleine Geste: Beim Papstbesuch im Haus für ehemalige Zwangsprostituierte

Oft ist es nur eine kleine Geste: Beim Papstbesuch im Haus für ehemalige Zwangsprostituierte

Aber auch Menschen – vor allem Berichterstatter über den Vatikan – die gar nicht begreifen, wie zentral der Begriff für alles ist, was derzeit in der Kirche passiert. Die reden lieber über Reform und Kardinals-Versetzungen (meistens angebliche), verpassen dabei aber die große Geschichte, nämlich ob sich oder ob sich nicht Kirche auf die eigene Botschaft einlässt. Ob Kirche und Glaube modern sind entscheidet sich hier, bei diesem Thema, nicht bei Strukturreformen.

Deswegen kann und will ich hier auch nicht aufhören, darüber zu schreiben. Einige Male habe ich das schon getan, einige Male werde ich das noch tun.

 

Der entscheidende Punkt für die Kirche

 

Liebe ist Geben und Nehmen, Barmherzigkeit dagegen ist eine Einbahnstraße: Der Gedanke stammt von Martin Walser, der das in einem Sammelband zum Thema aufgeschrieben hat. (Titel des Buches: Jenseits der Ironie). Diese Abgrenzung ist wunderbar! Und genau das sind so Sätze, die mir zeigen, dass das angeblich so „weiche“ Thema mittendrin steckt, in uns, es gehört zu den ganz großen Begriffen, Walser setzt ihn neben die Liebe.

Die immer kluge Carlin Emcke hat auch so einen Satz, gefunden in der SZ: „Bei einem Blick auf die furchtbare Schlacht um Aleppo, die wir, zeitgleich, tatenlos miterleben, zeigt sich: Die Moral hat nicht Schritt gehalten. Der ungeheuren Erweiterung der Handlungsräume entspricht keine Erweiterung des Mitleids.“ (SZ vom 13. August) Besonders der zweite Teil ist mir eine Woche lang im Kopf herum gegangen: wir halten innerlich nicht Schritt mit den Entwicklungen um uns herum, was eine Erklärung für alle möglichen Phänomene sein kann. Unsere Ethik, unsere Moral, unsere Sicht auf die Welt hält nicht stand, trotz aller Medienüberfütterung. Papst Franziskus würde das nun die Peripherien nennen, von denen man auf die Welt schauen muss, das würde dem gerecht. Aber die Anfrage von Emcke finde ich gerade mal praktischer, handhabbarer. Hier ist Barmherzigkeit eine Antwort, die wir nicht geben, weil uns das schlicht nicht nahe geht.

Ich sage noch mal: An diesen Fragen entscheidet sich, ob die Kirche der Welt noch was zu sagen hat. Und deswegen bleibt das hier Thema. Auch über Dezember hinaus.

 

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Aus Information wird Wirklichkeit

Kommunikation ist immer dann gut, wenn Worte und Erfahrungen zusammen passen. Eine Binsenweisheit, die aber leider nicht immer zum Tragen kommt. Und wenn sie es doch tut, dann hat es erstaunliche Ergebnisse.

Oft haben wir hier schon das Sprechen von Papst Franziskus verhandelt, zu viel, zu wenig, direkt, verwirrend, alles mögliche wurde da genannt. Aber eines stimmt auf jeden Fall: Er schafft es immer wieder, mit seinen Worten die konkreten Erfahrungen der Menschen vor ihm aufzugreifen.

Packend sprechen: Papst Franziskus

Packend sprechen: Papst Franziskus

Beispiel Krakau, Weltjugendtag. Vor ihm ist eine große Menge von jungen Menschen, die seine Worte direkt in Übersetzung im Ohr haben, und die gleichzeitig gerade begeisternde Tage hinter sich haben. In den Bistümern, in einer von jungen Menschen gefluteten Stadt. Die haben erlebt, dass man sich irgendwie mit Händen und Füßen verständigen kann, mit jedem, und dass alle irgendwie aus dem gleichen Grund hier sind.

Hier über Krieg zu sprechen, ist nicht so einfach, aber der Papst kann das wunderbar einfangen, ich zitiere aus der Ansprache bei der Vigilfeier am Samstag des WJT: „Wir kommen aus verschiedenen Teilen der Welt, aus unterschiedlichen Kontinenten, Ländern, Sprachen, Kulturen und Völkern. Wir sind „Söhne“ und „Töchter“ von Nationen, die vielleicht über verschiedene Konflikte diskutieren oder sogar im Krieg miteinander sind. Andere von uns kommen aus Ländern, die im „Frieden“ sein mögen, die keine kriegerischen Auseinandersetzungen erleben, bei denen viele der schmerzlichen Ereignisse, die in der Welt geschehen, nur Teil der Nachrichten oder der Presse sind.“ Und dann spricht er die konkrete Erfahrung an: „Doch wir sind uns einer Sache bewusst: Für uns hier und heute, die wir aus verschiedenen Teilen der Welt kommen, sind der Schmerz und der Krieg, den viele Jugendliche erleben, nicht mehr etwas Anonymes, sie sind keine Zeitungsnachricht mehr; sie haben einen Namen, ein Gesicht, eine Geschichte, eine Nähe.“

 

Immer positiv

 

Aus der Information, aus etwas Abstraktem, wird angeschlossen an etwas Konkretes, an die Erfahrung der Menschen vor ihm, etwas Positives. Und das ist der Clou: es ist eben positiv, auch wenn man über Krieg spricht wird der Papst nicht oberlehrerhaft, belehrend oder gar moralisierend. Er spricht „Namen, Gesichter, Nähe“ an, also genau die Erfahrungen, welche die jungen Leute gerade gemacht hatten.

„Es gibt Situationen, die sich für uns als weit entfernt erweisen, bis wir irgendwie mit ihnen in Berührung kommen.“ Das haben die Jugendlichen erlebt, und das holt der Papst ein.

„Wir fangen jetzt nicht an, gegen irgendjemanden zu schimpfen. …Und unsere Antwort auf diese Welt im Krieg hat einen Namen: sie heißt Geschwisterlichkeit, sie heißt geschwisterliche Verbindung, sie heißt Gemeinschaft, sie heißt Familie. Wir feiern die Tatsache, dass wir aus verschiedenen Kulturen kommen und uns zusammenfinden, um zu beten. Unser bestes Wort, unsere beste Rede soll sein, uns im Gebet zu vereinen.“

Und so wird das, was die Jugendlichen leben und erleben, eine Antwort auf all die Herausforderungen „draußen“. Sie können sich und ihre Erfahrungen in einem größeren Raum sehen, bekommen Bedeutung und Relevanz geschenkt. Das wirkt. Das ist gute und echte Kommunikation.

 

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