Papst Franziskus: Meditation zur Karwoche

Die Predigt, die Papst Franziskus an diesem Sonntag frei hielt, war weniger eine Predigt im klassischen Sinn als mehr eine geistliche Vorstellungsübung. Der Beter soll sich das Geschehen vorstellen und dann seine eigene Position finden, seinen Zugang, seinen Ort im Geschehen.

Bekannt ist das als Methode aus den Exerzitien des Ignatius von Loyola, immer wieder greift der Papst auf diese Tradition zurück, um das gesamte Leben ergreifen zu lassen von dem, was er uns sagen will.

Palmsonntag auf dem Petersplatz

Palmsonntag auf dem Petersplatz

Die Predigt will ausdrücklich die gesamte Woche prägen, Franziskus will uns für die gesamte Woche etwas mitgeben. Also stelle ich sie hier noch einmal ein. Es geht weniger ums Zuhören gestern oder nachlesen heute, es geht um ein meditieren, ein sich sinnlich in die Situation hinein versetzen, ein sich Vorstellen, wo und wie man selber dabei ist und sich in den einzelnen Situationen sieht.

Das geht so: Man lese noch einmal langsam die Passionsgeschichte, im Ganzen oder Stück für Stück und stelle sich die Personen vor, die da vorkommen und dann fragt man sich, was das mit dem eigenen Leben zu tun hat. Genau so, wie der Papst fragt.

Die Predigt des Papstes:

 

Diese Woche beginnt mit der festlichen Prozession mit den Olivenzweigen: Das ganze Volk empfängt Jesus. Die Kinder, die Jugendlichen singen und loben Jesus.

Aber diese Woche setzt sich fort im Geheimnis des Todes Jesu und seiner Auferstehung. Wir haben die Passion des Herrn gehört: Es wird uns gut tun, wenn wir uns nur eine Frage stellen: Wer bin ich? Wer bin ich vor meinem Herrn? Wer bin ich vor Jesus, der festlich in Jerusalem einzieht? Bin ich fähig, meine Freude auszudrücken, ihn zu loben? Oder gehe ich auf Distanz? Wer bin ich vor dem leidenden Jesus?

Wir haben viele Namen gehört – viele Namen. Die Gruppe der führenden Persönlichkeiten, einige Priester, einige Pharisäer, einige Gesetzeslehrer, die entschieden hatten, ihn zu töten. Sie warteten auf die Gelegenheit, ihn zu fassen. Bin ich wie einer von ihnen? Weiterlesen

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Macht euer Herz weit!

Zu besonderen Tagen verfassen Päpste immer eigene Botschaften, und Papst Franziskus hält es nicht anders. Zur Fastenzeit hatte er eine verfasst, die ich an dieser Stelle zusammen gefasst hatte. Und auch zum diesjährigen Weltjugendtag, ein Jahr nach dem internationalen in Brasilien und zwei Jahre vor dem nächsten internationalen in Polen, gibt es eine Botschaft. Die Weltjugendtage der Kirche, wenn sie nicht international begangen werden, fallen immer auf den Palmsonntag.

Der Papst beginnt einen Weg des Nachdenkens über die Bergpredigt, in der viel von dem, für das dieser Papst steht, zusammen gefasst ist. Deswegen setze ich an dieser Stelle die gesamte Botschaft noch einmal ins Netz.

 

»Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich« (Mt 5,3)

 

Liebe junge Freunde,

tief in mein Gedächtnis eingegraben ist die außerordentliche Begegnung, die wir in Rio de Janeiro während des XXVIII. Weltjugendtags erlebt haben: ein großes Fest des Glaubens und der Brüderlichkeit! Die guten brasilianischen Menschen haben uns mit weit offenen Armen empfangen, wie die Christus-Statue, die von der Höhe des Corcovado aus die großartige Szenerie des Strandes von Copacabana beherrscht. An der Küste des Meeres hat Jesus seinen Ruf erneuert, damit jeder von uns sein missionarischer Jünger wird, ihn als den kostbarsten Schatz seines Lebens entdeckt und mit den anderen teilt, mit Nahen und Fernen, bis an die äußersten geographischen und existenziellen Ränder unserer Zeit.

Die nächste Etappe der internationalen Pilgerreise der Jugendlichen wird 2016 in Krakau sein. Um unseren Weg abzustecken, möchte ich in den kommenden drei Jahren gemeinsam mit euch über die Seligpreisungen nachdenken, die wir im Matthäusevangelium lesen (5,1-12). In diesem Jahr beginnen wir mit der Betrachtung der ersten: »Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich« (Mt 5,3); für das Jahr 2015 schlage ich vor: »Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen« (Mt 5,8); und schließlich 2016 wird das Thema sein: »Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden« (Mt 5,7)

 

1. Die umwälzende Kraft der Seligpreisungen

 

Es tut uns immer sehr gut, die Seligpreisungen zu lesen und zu meditieren! Jesus hat sie in seiner ersten großen Verkündigung am Ufer des Sees von Galiläa ausgerufen. Es war eine große Menschenmenge da, und er stieg auf den Hügel, um seine Jünger zu lehren; darum wird jene Predigt „Bergpredigt“ genannt. In der Bibel wird der Berg als der Ort angesehen, an dem Gott sich offenbart, und Jesus, der auf dem Hügel predigt, erscheint als göttlicher Lehrer, als neuer Mose. Und was teilt er mit? Jesus vermittelt den Weg des Lebens, jenen Weg, den er selbst beschreitet, ja, der er selber ist, und er stellt ihn vor als den Weg des wahren Glücks. In seinem ganzen Leben, von der Geburt in der Grotte von Bethlehem bis zum Tod am Kreuz und zur Auferstehung hat Jesus die Seligpreisungen verkörpert. Alle Verheißungen des Gottesreiches haben sich in ihm erfüllt. Weiterlesen

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Altbekannte Papstgeschichten

Auf eine gute Vorbereitung kommt es an: Wir stehen von den Heiligsprechungen zweier Päpste. Direkt nach Ostern werden Johannes XXIII. Und Johannes Paul II. von Papst Franziskus heilig gesprochen werden. Viel Aufmerksamkeit wird es geben, vor allem direkt nach Ostern. Sendungen wollen geplant, Hintergründe dargelegt und live-Übertragungen vorbereitet werden. Wie gesagt, auf eine gute Vorbereitung kommt es an.

Das gilt natürlich auch für alle anderen Medien. Vereinzelt trifft man jetzt schon auf Berichte oder Kommentare. Blättern wir im Internet, da finden wir zum Beispiel den Kommentar in der Süddeutschen Zeitung, dieser kann vielleicht sogar exemplarisch für all die Kommentare stehen, die in den kommenden Tagen und Wochen auf deutsch über Johannes Paul II. gefällt werden.

JohannesPaul2-portraitEs ist ein zweigeteilter Papst, der uns darin begegnen. Zum einen der Papst und Kämpfer für Freiheit und Menschenrechte, der Papst der zur Erosion des Ostblocks beigetragen hat. Dazu gehört auch der Papst, der „geschichtlichen Schutt“ wegräumt, die Blockade der Kirche in den Dialogen mit Judentum und Islam, der Papst der ganz neue Themen aufgreift wie den Umweltschutz, der sich gegen den Krieg im Irak einsetzt und so weiter. Also eine positive Zeichnung.

Und dann ist da der andere Papst, er „betonierte manche Positionen der Kirche“ ein, genannt werden Empfängnisverhütung, Zölibat, Frauenordination. „Die heutige Unfähigkeit und Unwilligkeit des Vatikans, die lebensfremde Kirche zu reformieren und Skandale aufzuarbeiten ist auch das Erbe des Mannes aus Polen,“ so das Urteil des Journalisten.

Die gute Vorbereitung besteht hier leider darin, die bekannten Brillen wieder einzufärben. Man kann durchaus kritisch sein, das belebt die Debatte und verhilft zu neuen Perspektiven. Wenig zielführend finde ich es aber, die ewig gleichen Positionen der liberal-bürgerlichen Religion neu aufzuwärmen und dann der katholischen Kirche vorzuwerfen. Kurz: Wer sich der Annahme von modernen Positionen (und modern ist, was die Gesellschaft haben will) widersetzt, der ist lebensfremd.

Man verpasst so viel, wenn man sich mit dieser Position beschränkt. Es gibt bei Johannes Paul II. immer noch so viel zu entdecken, dass vielleicht erst jetzt, wo die Konflikte nicht mehr so heiß sind, entdeckbar ist. Mir jedenfalls ist es so gegangen. Bei meiner Vorbereitung komme ich zu Dingen und Sichtweisen, die mir neu waren. Allein deswegen hilft das.

Dasselbe gilt übrigens auch für Papst Johannes XXIII.

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Macht und Leiden

Provokation und Herausforderung: Zwei Worte, die in Sachen Kunst immer gerne dann verwendet werden, wenn es um Tabubrüche und Grenzüberschreitungen geht. In der aktuellen Ausgabe von Christ&Welt wird dazu eine Debatte geführt, es geht um Passion und die Darstellung des Leidens anhand eines Altarbildes, das einen mit Fixer-Nadeln-Dornenkrone entstellten Christus am Kreuz zeigt.

Leider sind diese „Herausforderungen“ manchmal arg bürgerlich geraten, euch heute noch diene liturgische Kunst dem Prestige, hatte es vor über einem Jahr an derselben Stelle in derselben Zeitung geheißen. Andere so genannte Herausforderungen – und da stimme ich dem Artikel in C&W zu – sind einfach zu wörtlich und geben dem eigenen Inneren keinen Raum. Sie fallen ästhetisch sozusagen mit der Tür ins Haus.

Aber dann gibt es auch welche, die nicht loslassen.

Francis Bacon: In Memory of George Dyer

Francis Bacon: In Memory of George Dyer

Ein solches Werk durfte ich vor einigen Wochen in Amsterdam sehen, ich war zu einem Vortrag eingeladen und hatte danach etwas Zeit, mir in der Nieuwe Kerk einen dort ausgestellten Francis Bacon anzusehen. Es stellt die Trauer, Verzweiflung, Sprachlosigkeit des Künstlers angesichts des Selbstmordes seines Lebensgefährten dar. Als Form hatte auch er das Triptychon gewählt, offensichtlich ist die Anlehnung an Altarbilder. Der Tod ist ein Motiv, das Bacon immer wieder gepackt hatte und das mich als Betrachter irritiert zurück lässt, auch heute noch, einige Wochen später.

 

Kunst oder Machtgestus?

 

Zurück zum Anfang, zu den so genannten „Herausforderungen”: Ich mag keine Kunst, die wie ein Machtgestus daherkommt wie das in C&W dargestellte Triptychon „Wurzacher Altar“. Der Künstler Manfred Scharpf hat sein Ziel erreicht, wenn die Zuschauer geschockt sind, heißt es im Artikel. Das ist Macht, das ist schlechte Kunst.

Natürlich ist es unfair, einen Bacon dagegen zu halten. Aber das Thema ist wichtig, gerade wenn wir uns in der endenden Fastenzeit dem Leiden nähern und es nicht ästhetisch oder liturgisch wegdrängen wollen. Da ist Provokation hilfreich, aus einschläfernden Denkmustern heraus zu kommen.

Aber auch das kann daneben gehen. Und deswegen mag ich den Bacon, und ich mag andere Passionsbilder. Und deswegen bin ich verstimmt, wenn der große Machgestus als Herausforderung überhöht wird, damit ich, der ich mit der oberflächlichen Grausamkeit nicht viel anfangen kann, mich so richtig schlecht fühle.

Kunst kann mehr als das.

 

 

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Die Lunge der Dynamik

Leseschlüssel zu Evangelii Gaudium, Teil 3

Wenn man Papst Franziskus irgendwie charakterisieren will, dann kann man das durch seine Auswahl an Verben tun. Er liebt dynamische Verben: Herausgehen, Aufbrechen, sich nicht in sich einschließen, weggehen, aufbauen, gehen, begleiten. Da ist immer etwas unterwegs.

Das ist zum einen sehr dynamisch, sehr optimistisch, sehr modern, da gibt es keinen Stillstand oder besser: Da darf es gar keinen Stillstand geben. Still stehende Christen sind keine, sie beschützen nur das, was sie haben, man muss aber aufbrechen.

Deswegen ist das zugleich auch ein wenig anstrengend. Nicht zuletzt hier im Blog gab es immer wieder zarte Anfragen, ob das nicht alles in Aktivismus ende und ob man, wenn man nichts mehr tun kann, dann vom Papst zum Christen zweiter Klasse erklärt würde. Das stimmt natürlich nicht. Diese Dynamik lässt uns nicht in Ruhe, soweit ist sie anstrengend, aber sie zeigt uns – und das ist einer der inneren Kerne von Evangelii Gaudium – auch den Weg zur wahren Selbstverwirklichung:

 

„Wenn die Kirche zum Einsatz in der Verkündigung aufruft, tut sie nichts anderes, als den Christen die wahre Dynamik der Selbstverwirklichung aufzuzeigen: Hier entdecken wir ein weiteres Grundgesetz der Wirklichkeit: Das Leben wird reifer und reicher, je mehr man es hingibt, um anderen Leben zu geben. Darin besteht letztendlich die Mission. Folglich dürfte ein Verkünder des Evangeliums nicht ständig ein Gesicht wie bei einer Beerdigung haben.“ (EG 10)

 

Zentrum der Dynamik: Der Petersplatz

Zentrum der Dynamik: Der Petersplatz

Wer Evangelii Gaudium verstehen will und die Aufforderung des Papstes anzunehmen: „Ich rufe alle auf, großherzig und mutig die Anregungen dieses Dokuments aufzugreifen, ohne Beschränkungen und Ängste.“ (EG 33)

 

Wagemutig, großherzig, kreativ

 

Es gilt also, die eigenen inneren Quellen zu entdecken, aus der diese Dynamik kommen kann. Das muss nicht immer sofort und gleich geschehen, die Überwindung des sprichwörtlichen inneren Schweinehundes gilt auch im geistlichen Leben. Die uns hemmenden Strukturen und Versuchungen, die der Papst so ausführlich und hingebungsvoll beschreibt und demaskiert wehren sich und lassen sich erst langsam überwinden, manchmal auch nur mit Rückfällen und so weiter. Wir kennen das aus unserem eigenen Leben.

Aber es gibt auch hoffnungsvolle Zusagen: Wer diese Dynamik noch nicht in sich spürt, spürt vielleicht den Wunsch nach dieser Dynamik, das ist auch schon ein erster Schritt. Weiterlesen

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Fastenzeit und Tauferneuerung: Danken ist Fasten

Gedanke Nr. 5 zum Fasten in diesem Jahr

Für die meisten von uns Christen gilt, dass ihre Eltern die Entscheidung zu unserer Taufe getroffen haben. Und die Versprechen und das Glaubensbekenntnis haben dann die Eltern und Paten in der Feier abgelegt, stellvertretend für uns. Wir wurden zur Taufe gebracht und konnten gar nichts dafür.

Taufe ist also nichts, was wir uns erarbeitet haben oder was ein Ergebnis unserer Lebensgeschichte ist. In der Regel steht sie am Anfang unseres Lebens. Für alle, für die dies gilt, ist die Tauferneuerung besonders wichtig. Wir bekräftigen aus eigenem Entschluss, dass wir getauft sein wollen.

Außerdem ist es eine Gelegenheit, all denjenigen zu danken, die uns zur Taufe gebracht haben, unsere Eltern und Paten, Großeltern, Onkel und Tanten, andere Familienmitglieder, Freunde, Katecheten, Pfarrer und Kapläne und all den anderen. Ihnen zu danken nicht nur im Geiste, sondern auch dadurch, dass wir jetzt bewusst vollziehen, was andere stellvertretend für uns getan haben. Wir würdigen das durch unsere bewusste Tauferneuerung.

 

Kein eigener Verdienst

 

Und für alle, die sich erst später und aus eigenem Entschluss haben taufen lassen: genauso, wie aus Ihrem Leben die Entscheidung zur Taufe gewachsen ist, so hat in diesem Leben die Erneuerung ihren Platz, gemeinsam mit allen anderen Getauften. Hier steht zwar der eigene Entschluss, aber auch hier hat es viele Menschen gegeben, die dazu beigetragen haben. Der eigene Entschluss viel ja nicht aus dem Himmel herab.

Ob es nun die eigene Entscheidung ist oder ob es die Eltern waren: immer haben mich Ereignisse, Erlebnisse und Menschen zur Taufe gebracht. Erinnerung und Dankbarkeit sind zwei Haltungen, die in der Fastenzeit deswegen gut passen. Und ich kann mich fragen: was ist es in mir, dass mich heute zur Taufe bring, was mich näher an Jesus Christus heranbringt? Weiterlesen

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Was uns antreibt

Leseschlüssel zu Evangelii Gaudium, Teil 2

In einem ersten Stück habe ich versucht, einen Einstieg in Evangelii Gaudium zu versuchen, es ging dabei um den Prozessgedanken und die Selbstreform. An Letzterem möchte ich hier anschließen.

Jorge Mario Bergoglio hatte einen Text über einen Kirchenvater geschrieben, über Dorotheus von Gaza. Zuerst war der für die Ordensausbildung gedacht, dann hatte er ihn 2005 noch einmal für sein Bistum veröffentlicht. In diesem Text nimmt er Ausgang von einem uns mittlerweile von Papst Franziskus vertrauten Thema: Dem bösen Reden über andere. Wir nähmen Zuflucht bei den Fehlern der anderen und würden sie heraus posaunen, weil wir uns dann besser fühlten. Das zerstöre dann die Einheit unter den Menschen, die Beziehungen und Bindungen. Ein Thema, das er als Papst schon mehrfach sehr deutlich angesprochen hat. An anderer Stelle habe ich das schon einmal hier ausführlicher beschrieben, den Gedanken von damals möchte ich hier einbauen: Hier geht es um ein geistliches Handeln, das den Argwohn anderen gegenüber schwächt und das gute alte Wort der ‚Demut’ wieder erweckt.

In dieser sehr kurzen Schrift zeigt uns Bergoglio sein Vorgehen: Er will dem auf den Grund gehen, was uns antreibt, das Gute und das Schlechte.

 

Kommunikation mit Gott

 

Diese inneren Antriebe kann man entdecken, man kann ihnen auf die Spur kommen. Sie zeigen sich im Wollen, in den Emotionen, sie zeigen sich in Sehnsüchten und Träumen. Und sie zeigen sich besonders dann, wenn in uns etwas in Bewegung kommt. Um diese inneren Bewegungen geht es dem Papst. Wenn ich aufmerksam bin auf das, was in mir drin steckt, was sich für Wünsche regen, Zorn oder Zufriedenheit, Aufregung oder Ruhe, wie sich mein Wille ändert und zeigt, dann gehe ich mir selber auf den Grund.

In der Tradition benennt man das mit dem schwierig gewordenen Wort „Gewissensrechenschaft“. Lassen wir das Wort weg, denn allein „Rechenschaft“ klingt zu sehr nach Gericht. Es soll hier um diese inneren Bewegungen gehen. In diesen inneren Regungen begegne ich nämlich Gott.

Warum? Weil die Kommunikation mit Gott in uns selbst stattfindet. Es gibt keine Sternenkonstellationen, an denen ich das ablesen kann oder das so genannte Schicksal. Der Geist regt mich an, zu Reue und Freude, zu Wünschen und schlechtem Gewissen. Das alles sind sozusagen Reaktionen auf das, was Gott mir sagen will, wollen wir das mal etwas arg vereinfacht sagen.

Was sind meine Sehnsüchte, was hakt sich fest, wo bleibe ich stecken, was will ich eigentlich, was rührt mich an, wo fühle ich mich ertappt: All das bezeichnet diese inneren Bewegungen, in denen ich Gottes Willen für mich entdecken kann, wenn ich dem auf die Spur gehe.

In Evangelii Gaudium legt uns der Papst einen Meditationstext zu einer solchen inneren Erforschung vor. Viele Gedanken und Formulierungen bringen uns innerlich in Bewegung: Freudig, widersprechend, überrascht, lachend über ein Sprachbild und so weiter. Und der Papst spricht diese inneren Bewegungen auch direkt an:

 

Die große Gefahr der Welt von heute mit ihrem vielfältigen und erdrückenden Konsumangebot ist eine individualistische Traurigkeit, die aus einem bequemen, begehrlichen Herzen hervorgeht, aus der krankhaften Suche nach oberflächlichen Vergnügungen, aus einer abgeschotteten Geisteshaltung. Wenn das innere Leben sich in den eigenen Interessen verschließt, gibt es keinen Raum mehr für die anderen, finden die Armen keinen Einlass mehr, hört man nicht mehr die Stimme Gottes, genießt man nicht mehr die innige Freude über seine Liebe, regt sich nicht die Begeisterung, das Gute zu tun.

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Fastenzeit und Tauferneuerung: Die Würde bewahren

Gedanke Nr. 4 zum Fasten in diesem Jahr

Die Aufforderung in der Taufe „Bewahre dir diese Würde für das ewige Leben!“, über die ich in den letzten Tagen hier geschrieben habe und die so wichtig ist für das Ritual der Tauferneuerung in der Osternacht, sie hat einen zweiten Teil. Nachdem wir darauf geschaut haben, worin unsere Würde besteht, müssen wir uns auch einmal die Zeit nehmen, auf die Schattenseiten zu schauen. Die Aufforderung „bewahre“ heißt ja auch, dass wir Würde verlieren können, aufgeben, würdelos werden.

Und das kann ganz schnell passieren. Wir können Würde ganz schnell verlieren. Selten geht das auf einmal, meistens geht das Stück für Stück. Hier ein Kompromiss, dort ein wenig zu viel oder zu wenig, hier dann und noch mal dort und schon haben wir sie einmal aufgegeben. Die Lüge ist dabei wohl das beliebteste Mittel gegen die eigene Würde, Lust und Unlust, Geld und Neid und all das andere, wo wir nicht wir selber sind und so, wie Gott uns will. Und es sind immer zuerst die kleinen Dinge, wo wir Würde abgeben.

Wir schauen gerne nach außen, auf die Menschen, die auf der Straße leben, auf die Slumbewohner und die gebrochenen Menschen. Alte Menschen in unterfinanzierten Pflegeheimen. Menschen mit Demenz und anderen Krankheiten. Von denen sagen wir dann, dass die Umstände würdelos seien. Es wird dann auch zum Argument, wenn es um das Sterben geht, um Sterbehilfe im Besonderen. „Ich möchte nicht würdelos leben“ ist eines der Argumente, die genannt werden. Es liegt uns etwas an Würde.

 

„Ich möchte nicht würdelos leben“

 

Es ist nicht so leicht erkennbar, wenn wir die Würde der Taufe aufgeben. Aber dennoch tun wir es. Und es sind keine Krankheiten oder keine Armut, die uns dazu zwingen, wir tun es aus eigener Entscheidung.

Es werden keine Idealwesen getauft, sondern Menschen, jeder und jede ganz individuell. Und mit unseren je eigenen Charakteren und Erfahrungen bringen auch Dinge mit an den Taufstein, die nicht getauft werden wollen. Nicht alles in unserem Leben lässt sich mit unserem Glauben vereinbaren. Weiterlesen

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Tauferneuerung in der Fastenzeit: Bilder Gottes

Gedanke Nr. 3 zum Fasten in diesem Jahr

Bewahre dir die Würde für das ewige Leben, wurde uns in der Taufe gesagt. Wir haben Würde, die Würde des Christseins. Das weiße Kleid und der weiße Schal bedeuten dies, die weiße Albe, die der Priester stellvertretend für die Gemeinde bei jeder Messe als Untergewand trägt, weist auch darauf hin. Diese Würde sollen wir in uns erneuern, sie bewusster machen, sie mehr und immer mehr in unser Leben einbinden.

Es gibt keine Bilder Gottes, es darf sie nicht geben, weil nichts unserem Gott gleicht. Jedes Bild Gottes verzerrt unser Sehen. Das zweite Gebot spiegelt das wider. Nur ein Bild Gottes gibt es auf dieser Welt: den Menschen: „als sein Abbild schuf er ihn, als Mann und Frau schuf er sie“ heißt es im Buch Genesis. Wir sind füreinander Abbilder Gottes. Und deswegen haben wir eine Würde. Als Bilder Gottes, als von Gott geliebt und geschaffen haben wir eine Würde. Und die Taufe bestärkt diese Würde. In der Taufe wird diese Würde zur unauslöschbaren Eigenschaft unseres Lebens.

In der Taufe werden aber keine Idealwesen getauft, sondern Menschen mit ganz individuellen Anlagen und Voraussetzungen. Und wir, die wir das Versprechen zur Tauferneuerung jedes Jahr machen, haben bereits unsere Geschichte, wir haben einen Charakter, von Erfolgen und Misserfolgen, von anderen Menschen und von unserem gesamten Leben geprägt. Das lässt sich nicht ablegen, das bringe ich mit in meine Taufe. Und das gehört auch zu unserer Würde hinzu. So, wie wir sind, sind wir Abbilder Gottes füreinander. Nicht nur einige besondere Menschen, wie etwa Mutter Theresa oder Frérè Roger, wie Franziskus oder Ignatius, Klara oder Teresa, diejenigen, die wir als Heilige verehren, sonder jeder und jede von uns.

 

Was will getauft werden?

 

Es ist Fastenzeit, also Zeit, sich das alles einmal genauer anzuschauen. Was sind die Dinge, die ich in die Kirche Jesu Christi mitbringe? Meine Talente, Gaben, Erfahrungen, meine Geschichte, meine Freundinnen und Freunde? Wo liegen meine Interessen, meine Neugierde, meine Antworten für andere? Wo liegt das, was getauft ist? Worin drückt sich ganz besonders bei mir die Würde aus?

Und es schließt sich gleich die Frage an: was will ich tun, um besonders diese Dinge, die Talente, die mir geschenkt sind und die zu mir gehören, noch mehr ans Tageslicht zu bringen? Jesus gibt sich nie zufrieden. Weiterlesen

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Die Hoffnung Gottes – Und das Lachen im Beichtstuhl

Papst im BeichtstuhlDass der Papst beichtet, ist vielleicht nicht erstaunlich. Dass er es aber öffentlich tut, in Sankt Peter, vor laufenden Kameras – in gebührendem Abstand – das war doch erstaunlich zu sehen.

Während desgBußgottesdienstes am Freitag Abend ging er nicht wie vorgesehen in den Beichtstuhl, um Beichte abzunehmen, sondern ging erst einmal nach Gegenüber, kniete sich vor dem dort sitzenden Priester nieder und beichtete selbst, “offen vor dem ganzen Volk” in den Worten des Psalmisten.

In einer Morgenmesse hatte er einmal davon gesprochen,dass der Beichtstuhl keine Folterkammer sein dürfe, den Beweis könnten wir sehen. Die Kamera fing auf, wie die beiden, Beichtvater und Papst, lachten.

Zuvor hatte Franziskus in seiner Predigt von der “Hoffnung Gottes” gesprochen. Also von der Hoffnung, die Gott hat, dass wir umkehren. Der Vater wartet auf den verlorenen Sohn, das Rembrandt-Bild dieser Szene hing im Beichtstuhl des Papstes.

Die Freude des Evangeliums, die Freude der Sakramente.

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