Dialogangebot ohne Dialog: Die Koranverteilung

Die Koran-Verteilaktion bringt einmal mehr das Verhältnis zwischen Islam und deutscher Gesellschaft auf den Plan. Mehr nur als die Absicht der Salafisten werden mit Sätzen wie „der Islam gehört nicht zu Deutschland“ grundsätzliche Fragen aufgeworfen. Nicht zuletzt auch die nach dem Verständnis von Schrift und Offenbarung, im Islam wie im Christentum.

Es scheint mir wieder einmal ein Dialogangebot ohne Dialog zu sein; die einen Verteilen den Koran, machen also ein Dialogangebot, ohne sich selber hinterfragen zu lassen. Die anderen treten vor Kameras, wollen also Kommunikation, fabrizieren aber nur allgemeinste Aussagen in Schwarz und Weiß.

Was sagen Sie jemandem, der in einer Fußgängerzone einen Koran mit der Aufforderung „Lies!“ verteilt? Und warum diese Aktion Politik und Gesellschaft so nervös? Ich habe den Islamwissenschaftler und katholischen Theologen Pater Felix Körner gefragt, wie er darauf reagiert.

 

„Die Mehrheit der Menschen, die hier das erste mal mit dem Koran in Berührung kommt, entdeckt damit eine neue Welt, entdeckt, dass es hier viele Diskussionsmöglichkeiten gibt und dass es ungeheuer anregend ist, sich mit dem Koran auseinander zu setzen. Insofern ist die Aktion „Lies!“ erst einmal nicht gefährlich, sondern bereichernd.

 

Aber was ist das Verunsichernde am Koran, es sind ja nicht nur die Salafisten, die ihn verteilen?

 

„Zweierlei. Verunsichernd daran ist, dass mit so viel Begeisterung eine andere Religion, die auch mit einer anderen Kulturprägung daherkommt, und plötzlich so deutlich, mit so viel Energie – und offenbar auch mit viel Geld – begegnet. Weiterlesen

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Diaspora 4: Mit dem Zweiten sieht man vieles

ein Wagen des ZDF vor der Christuskirche in Rom

vor der Christuskirche, Rom, an diesem Wochenende

Auch in Rom gibt es Diaspora. Und zwar lutherische. Wer durch die Straßen geht, sieht Katholizismus, und wer mit den Menschen spricht, hört Katholizismus, entweder gelebten oder immerhin noch in Prägung und Kultur weitergegebenen. Trotzdem sagt die lutherische Gemeinde hier, Rom sei ein guter Ort, evangelisch zu sein.

Am Sonntag überträgt das ZDF einen Fernsehgottesdienst aus dieser deutschsprachigen lutherischen Gemeinde in Rom, ich war bei den Proben dabei, hier mein Beitrag:

http://blog.radiovatikan.de/wp-content/uploads/2012/04/Beitrag-Fernsehgottesdienst-ZDF-in-Rom
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Diaspora 3: Kultur als Weg zum Glauben ?!

Sachsens Ministerpräsident Tillich in Rom

Stanislaw Tillich, Ministerpräsident Sachsens

Der Osten Deutschlands ist weltweit am weitesten ‚entglaubt’. Das sagt eine Studie der Universität Chicago. Das sei verständlich, sagten mir heute Mittag unisono der Diözesanadministrator des Bistums Dresden Meißen, Michael Bautz, und der Bischof von Görlitz, Wolfgang Ipolt. Schließlich sei das Land durch zwei Diktaturen gegangen. Da sei es schwer, als Bischof für alle da zu sein, auch wenn das zur Aufgabe gehöre, so Ipolt.

Christ zu sein sei diskriminiert oder belächelt worden, fügte in einem Pressegespräch der Ministerpräsident Sachsens, Stanislaw Tillich an. Aber gerade dieser Landstrich stellt das Orchester, das ausgerechnet in Rom dem Papst zum Geburtstag ein Konzert ausrichtet. Wie geht das zusammen?

Ministerpräsident Tillich betont den Weg der Kultur. In einem anderen Blogeintrag habe ich ja bereits meine Zweifel an diesem Weg geäußert, aber vielleicht liege ich ja auch falsch:

„Wir hatten unlängst die Ausstellung der Madonna von Foligno und der sixtinischen Madonna in der sächsischen Gemäldegalerie. Allein in vierzehn Tagen sind 200.000 Menschen gekommen, um sich diese zwei Gemälde anzusehen. Jeder, der vor diesen Gemälden steht, fragt sich, was der Künstler mir mit diesem Gemälde sagen will. Ich glaube, dass das ein wunderschönes Signal ist, dass Menschen anders als die Statistiken es sagen sich dafür interessieren, was ihr Leben bestimmt hat. Ich denke, dass der Weg zum Glauben auch durch Kunst beschritten werden kann.“

Genau hierzu leiste das Konzert in Rom einen Beitrag:

„Mendelsohn hilft, 800 Jahre Thomaner in Leipzig helfen. Gerade in der Erinnerung und der Bewahrung dieser kulturellen Traditionien steckt ja eine Stärke, ohne Vergangenheit keine Zukunft. Deswegen glaube ich, dass gerade die Menschen in unserem Landstrich auch von heute von diesem Konzert profitieren werden, dass diejenigen, die an Gott glauben, sich bestärkt fühlen und die anderen neugierig werden.“

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Diaspora 2: Kirche ≠ Kirche

Ansicht der Elisabethenkirche in Basel

Basel, Elisabethenkirche: Kirche oder Kirche? (c) Noebu

Zukunft der Kirche, das kann man auch verstehen als Zukunft der Gebäude. So stellt es sich jedenfalls – zum Beispiel – in Basel dar. Was tun mit den nicht mehr für Gottesdienste gebrauchten Kirchenbauten? Das Christentum geht in die Diaspora, auch hier wird es deutlich. In Basel finden nun vom kantonalen Denkmalamt organisierte Führungen unter dem Titel „Zukunft Kirchenraum“ statt. Es geht um Erhalt der Gebäude.

Einige Kirchen bleiben so sichtbar: In Basel etwa gefüllt durch ein Museum und ein Künstlerhaus. Der Grund dafür ist der kulturgeschichtliche Wert. Uns spätestens hier bekommt die entstehende Diaspora Europas noch einmal eine andere Farbe: Das Christentum und seine Hinterlassenschaften sind allenfalls noch kulturgeschichtlich wertvoll.

Besser als die Niederlande ist das allemal, dort entsteht schon einmal eine Diskothek in einer Kirche, da ist Basel mit seinem Denkmalpflegeansatz viel besser. Trotzdem wächst nun eine Generation von Menschen heran, für die das Äußere einer Kirche nicht mehr unbedingt auf den Inhalt schließen lässt. Stellen Sie sich vor: In 50 Jahren sind die meisten Kirchen keine Gottesdiensthäuser mehr. Das In-Eins-Setzen von Kirche (= Gebäude) und Kirche (= Gemeinde) wird schief.

Die europäische Diaspora entsteht, nicht nur in den Großgemeindeverbänden. Und sie wird nicht nur in den Entfernungen zwischen Gottesdienstorten entstehen, nicht nur in den Zahlen, wenn die Christen Minderheiten werden.

Sie wird auch in den Köpfen entstehen, wenn eine Kirche keine Kirche mehr ist.

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Diaspora 1: Den Glauben zählen

Die Marienkirche und der Funkturm in Berlin

Der Himmel über Berlin

Gottesglauben in Ostdeutschland der geringste weltweit. Die Universität Chicago hat eine Studie veröffentlicht [Belief About God Across Time and Countries], die den östlichen Bundesländern die rote Laterne in Sachen Glauben gibt. 30 Länder wurden untersucht, als gemeinsamer Nenner wurde eine christliche Prägung gewählt. Die Fragen richteten sich auf den Grad des Gottesglaubens, also vom Atheismus bis zum Glauben an einen personalen Gott. Auch ist nach Wandlungen im Laufe des eigenen Lebens gefragt worden.

Das Ergebnis: Die christliche Diaspora ist mitten in Europa. Nur 13 % der Ostdeutschen erklärten laut der Studie, sie seien schon immer gläubig gewesen. 59 % und damit mehr als anderswo sonst gaben an, dass sie „niemals an Gott geglaubt” hätten. Das Gegenstück hierzu sind die Philippinen, hier sind es nur 1 % Atheisten.

Interessant ist auch folgendes Ergebnis: Weltweit sei der Glaube an einen Gott eher rückläufig, auch wenn der Report starke „regionale und kulturelle Differenzen“ feststellt, ein offensichtliches Beispiel sind Polen und der Nachbar Ostdeutschland, die zwei völlig verschiedene „Glaubensstärken“ aufweisen. Diese Frage will eine Entwicklung feststellen, um diese aufzeigen zu können, hat man nur Länder ausgewählt, die schon bei zwei vorhergehenden Studien untersucht wurden. Das ergibt noch ein zweites Ergebnis, auch das nicht überraschend: Es gibt einen Unterschied im Alter. Durch die Bank steigen die Zahlen der Glaubenden bei älteren Menschen Weiterlesen

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Die Herausforderung lohnt: Würdigungen des Pontifikates

Anlässlich des Papstgeburtstages kamen viele Gäste nach Rom, unter ihnen habe ich mich ein wenig umgehört und nach Einschätzungen und Würdigungen des Pontifikats Benedikt XVI. gefragt, das heute sieben Jahre alt wird. Alois Glück, Vorsitzender des ZdK:

„Diese Papst ist eine geistlige Herausforderung für die Themen unserer Zeit weit über die katholische Kirche hinaus; in der Schärfe seines geistlichen Denkens, in der Präzision seiner Sprache, und ich empfinde es immer wieder als sehr, sehr anregend, was er formuliert und welche Positionen er bezieht. Es lohnt sich immer, sich mit ihm und seinen Positionen zu befassen.“

Heinrich Bedford-Strohm, Landesbischof der lutherischen Kirche Bayerns, spricht über die Zentralität Christi, in der sich seine Kirche mit dem Denken Benedikts trifft. Weitere Würdigungen von Charlotte Knobloch, von Markus Söder und von Bischof Gregor Maria Hanke, der eines der eher versteckten Themen des Papstes aufgreift: Die Ökologie.

http://212.77.9.15/audiomp3/00311822
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Von wegen Übergangspapst

Papst Benedikt XVI. fährt im Papamobil im Olympiastadion Berlin ein

Deutschlandreise 2011: hier im Olympiastadion Berlin, 22. Sept 2011

Geunkt wurde sehr schnell, dass wir einen Übergangspapst hätten. Gleich nach der Wahl im April 2005 hieß es, ein schon so alter Papst, der schon so lange im Vatikan arbeite, sei gewählt worden, um Zeit zu haben, den nächsten auszuwählen.

Das war offensichtlich falsch. An diesem Donnerstag sind es sieben Jahre, die Benedikt XVI. Bischof von Rom ist. Und das ist beim besten Willen schon rein zeitlich kein Übergang mehr. Dieser Papst hat seine Prägungen hinterlassen und er wird es auch weiterhin tun. Allerdings: Wer nach so vielen Jahren Johannes Paul II. meinte, das Papsttum des 21. Jahrhunderts erblickt zu haben, der ist enttäuscht worden. Benedikt ist sein eigener Papst.

 

Nicht des Augenblicks wegen

Er ist kein Papst des historischen Augenblicks. Sein Einsatz gegen den Relativismus, den er bereits in der Predigt vor seiner Wahl deutlich formuliert hat, sucht nicht den „Fall der Mauer“, von dem sein Vorgänger profitieren konnte. Er will nicht den Augenblick, fast scheint es, als schrecke er sogar vor den „besonderen Augenblicken“ zurück. Bei den Papstreisen ist das deutlich zu sehen und zu hören: Benedikt XVI. kommt einer Botschaft, nicht eines Momentes wegen.

Er ist kein Papst des historischen Augenblicks, sein Thema ist der Glaube heute. So ganz banal kann man das ausdrücken. Und das bedeutet eben eine längere und weniger spektakuläre Auseinandersetzung. Und auch Benedikts „Gegner“ sind unsichtbarer, sind elusiver, sind nicht klar benennbar wie es der Konsumismus und der Kommunismus waren (und sind, wenn man an den ersteren denkt). Und so zielt sein Denken und Sprechen auf langfristige Prozesse und nicht auf die Entscheidung des Augenblicks.

Nebenwirkung: Medial ist das schlecht aufbereitbar. Die Öffentlichkeit sucht den Kontrast des Augenblicks, genau das beliefert Benedikt XVI. nicht. Den Preis dafür zahlt er auch, wie Prälat Georg Gänswein neulich im Müncher Presseclub festgestellt hat: Wenn man die Medien so lese, dann lesen man eine Verzeichnung dessen, für was der Papst stehe, so Gänswein.

 

Zentrum des Pontifikats

Wahrheit und Liebe: Wenn ich selber zwei Begriffe benennen sollte, die ich am häufigsten höre und lese, dann würde ich diese beiden nennen. Das ist nicht sehr originell, beschreibt aber recht passend, wie ich sein Spannungsfeld wahrnehme: Er sieht und Menschen in einer Welt, die Gefahr läuft, sich selber aufzugeben. Er will eine menschliche Gesellschaft, die von Werten und vor allem von Wahrheit geleitet ist, nicht von der Machfrage, auf die letztlich der Relativismus hinausläuft. Weiterlesen

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Einmütiges Gebet

Es hat einige Wochen gedauert, bis Papst Benedikt XVI. in seinen Mittwochskatechesen das Thema Gebet wieder aufgenommen hat. Erst die Reise nach Mexiko und Kuba, dann die Kar-, dann die Osterwoche. Nach seinem Geburtstag ist nun wieder die Gebetsschule dran, zu der der Papst heute den Pfingstgedanken dazu nimmt.

Es geht um Einheit und Verkündigung. Der Geist, der den Christen geschenkt ist, bewegt zur Verkündigung, und er tut es durch das „Gebet in Einmütigkeit“.

 

Die Katechese des Papstes

Liebe Brüder und Schwestern, in der heutigen Katechese möchte ich über ein weiteres Gebet sprechen, das uns der heilige Lukas in der Apostelgeschichte überliefert hat. Nach dem Verhör vor dem Hohen Rat und ihrer Freilassung versammeln sich Petrus und Johannes mit der Jerusalemer Gemeinde zum Gebet.

Gleich vorweg können wir hier eine Grundhaltung ausmachen: Angesichts von Gefahr und Prüfung sucht die Urgemeinde das Gebet. Und es ist ein einmütiges Gebet: Was den beiden Aposteln widerfahren ist, geht alle an; die ganze Gemeinde betet. Sie fürchtet sich nicht vor der Verfolgung und spaltet sich nicht, sondern sie ist eins im Gebet. Die Einheit festigt sich, da sie von unerschütterlichem Gebet getragen ist.

Die Gemeinde sucht, das Geschehen im Licht des Glaubens und in der Betrachtung der Heiligen Schrift zu lesen. Sie erkennt Christus als den Schlüssel des Verstehens: Die Gemeinde lebt in Christus, und was ihr geschieht, ist Teil des Planes Gottes, den er durch Christus verwirklicht.

Auch die Gegenwart ist eingebettet in die Heils­geschichte Gottes mit den Menschen. Und worum bittet die Urgemeinde? Weder um Sicherheit noch um Vergeltung, sondern einzig um die Kraft, „mit allem Freimut Gottes Wort zu verkünden“ (vgl. Apg 4,29). Am Ende des Gebets, so berichtet Lukas, „bebte der Ort, an dem sie versammelt waren, und alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt“ (Apg 4,31). Die Frucht des gemeinsamen Gebets ist die Gabe des Heiligen Geistes, der Einheit schafft und die freimütige Verkündigung des Wortes Gottes unterstützt und leitet.

(…) Nehmen wir die konkreten Anliegen unseres Lebens ins Gebet hinein und in die Betrachtung des Wortes Gottes, dann lernen wir sehen, dass Gott in unserem Leben gegenwärtig ist, auch in den schwierigen Momenten, und alles zu einem höheren Plan seiner Liebe gehört. Unter der Führung des Heiligen Geistes können wir jede Situation gelassen, mutig und froh leben. Der Herr segne euch alle!

 

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Die „Mondtheologie” Joseph Ratzingers

Kadinal Kurt Koch ist Nachfolger von Kardinal Walter Kasper auf dem Posten des Ökumeneverantwortlichen des Vatikan, wie Kasper ist er gelernter Theologieprofessor und Dogmatiker und hat, bevor er nach Rom kam, ein Bistum geleitet. „Seine Theologie will ein Dienst sein, die christliche Offenbarung dem Menschen heute verständlich zu machen,“ so charakterisiert er die Theologie Joseph Ratzingers. „Ich würde grundsätzlich sagen, dass der Heilige Vater mit seiner Theologie nicht originell sein will. Das ist die Grundversuchung der Theologie heute, jeder will möglichst originell sein, und dann haben wir eine Menge Genitiv-Theologien. Der Heilige Vater orientiert sich an der wahren Originalität der Theologie, nämlich am Glauben der Kirche, und er will im Grund mitglauben mit der Glaubensgemeinschaft der Kirche.“

Koch sieht klar die Hierarchie des Gebens und Nehmens, die sich durch die Theologie des Papstes ziehe, zuerst habe Gott gegeben, dann antworte der Mensch. Das begründe aber keine Unterwerfung, im Gegenteil: „Offenbarung ist in erster Linie der Akt, in dem Gott sich dem Menschen zuwendet, und dann erst in zweiter Linie die Sätze, die Glaubenssätze. Deshalb ist ein Kernwort seiner Theologie das Wort Freundschaft. Es braucht eine Beziehung mit dem auferstandenen Christus.“

Dieses Anliegen würde sich sicherlich auch noch durch die nächsten Jahrzehnte weiter ziehen und den Papst lange überdauern, „vor allem diese grundsätzlichen Akzente, die er gesetzt hat, das in den Mittelpunkt Stellen der Gottesfrage, dass die Kirchenfrage sekundär ist, dass in erster Linie die Gottesfrage im Vordergrund steht, wie das eigentlich das Konzil gewünscht hat – Lumen gentium ist nicht die Kirche, sondern ist Jesus Christus und die Aufgabe der Kirche besteht darin, dieses Licht in die Welt zu tragen, was die Kirchenväter sehr schön gesagt haben: Sie haben die Kirche mit dem Mond verglichen. Wie der Mond kein anderes Licht hat als das, das er von der Sonne empfängt, so hat auch die Kirche kein anderes Licht als das, das sie von Christus empfängt, und das muss sie in die Welt tragen. Wir müssen etwas wie eine lunare Ekklesiologie vertiefen und weitertragen, in der die Kirche sich damit zufrieden gibt, der Mond zu sein und nicht selber die Sonne zu sein.“

Mehr dazu bei Radio Vatikan

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Benedikt Ratzinger – Ansichten eines später dazugekommenen

„Von der Parteien Gunst und Hass verwirrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte”. Schillers Ausspruch über Wallenstein ist zwar irgendwie immer und für jeden wahr, der in der Öffentlichkeit steht und für etwa eintritt. Aber mir kam dieser Ausspruch einmal wieder in den Sinn, als ich mich dransetzte, einige Zeilen anlässlich des Geburtstages des Papstes zu verfassen.

Die Kirche und die Öffentlichkeit in den deutschsprachigen Ländern haben eine lange Geschichte mit Joseph Ratzinger, vor allem seit seiner Ernennung zum Präfekten der Glaubenskongregation. Diese Geschichte prägt unsere Wahrnehmung bis heute, kurz unterbrochen vom „Wir sind Papst“ des Jahres 2005. Was davor lag – zum Beispiel seine Teilnahme am Konzil und seine frühen Bücher wie die Einführung ins Christentum – werden heute durch die Brille dieser Zeit der Glaubensentscheidungen und der meistens im Modus des Konfliktes ausgetragenen Auseinandersetzungen betrieben.

Heute wird der Papst 85 Jahre alt.

Mich selber sehe ich als einen später dazu gekommenen. Ich bin kein Ratzinger-Spezialist und kein Benedikt-Beobachter gewesen, bis ich hierher nach Rom gekommen bin um für Radio Vatikan zu arbeiten. Seitdem versuche ich, das als Vorteil zu sehen. Die Texte, Ideen, Ansprachen und Entscheidungen habe ich nicht emotional miterlebt, sondern studiere sie nun in der Vergangenheitsform, ruhig und allmählich.

 

Eine Glaubensfrage

Und nachdem ich gefühlt unendlich viele Texte vom Papst und Theologen gelesen habe, meine ich sagen zu können, dass er sich nur über den Glauben verstehen lässt. Auch die frühen Schriften, auch die Entscheidungen, die in den 80er und 90er Jahren so harsch herüberkamen, sind nicht über die Disziplin oder im Modus der Autorität verständlich, sondern über die Frage, wie Glaube unter den Bedingungen von heute gelebt werden kann. Natürlich fragt er auch nach Schädlichem und da sieht er viel; das Innerkirchliche zu stoppen war seine Aufgabe für lange Jahre. Aber dahinter liegt immer die Frage nach der Einwurzlung des Glaubens in die Welt.

Nehmen wir zum Beispiel das Wort „Reform“. Bei all den Überlegungen scheint mir, dass sehr viel über die Kirche, sehr wenig dagegen über den Glauben gesprochen wird. Das Gebet zum Beispiel ist als privat irgendwo im Regal abgestellt, wenn überhaupt, kommt im Diskurs aber kaum vor. Bei Benedikt XVI. ist das anders, ohne aber spiritualisiert daher zu kommen. Es ist keine Verdrängung der notwendigen Schritte, wenn er über geistliches spricht. Die Realität ist nur über das Gebet und den Glauben zu verändern, und ohne Gebet und Glauben laufen alle Veränderungen der Welt ins Leere.

 

Leider haben sich auch in der Kirche die beiden Pole konservativ – liberal eingeschlichen, und das nicht erst seit gestern. Hieran wird gemessen, ob das, was Benedikt XVI. sagt, passt oder nicht. Zugegeben, ich übertreibe, aber nicht viel.

Leider gibt es auch viele Scharfmacher, auf allen Seiten des Spektrums. Dem Inhalt wenig Raum gebend wird angeschärft und dann sagt der Papst genau das, was in den eigenen Kram passt. Aber genau das wird Benedikt XVI. nicht gerecht, wird Joseph Ratzinger nicht gerecht. Wer Benedikt XVI. verstehen will, der muss bereit sein, sich etwas sagen zu lassen. Das mag Widerspruch auslösen, aber dem ist der Papst ja auch nicht abgeneigt, siehe das Interview mit Kardinal Kasper.

Wo also ordnen wir Benedikt XVI. heute ein? Am besten gar nicht. Das wäre doch ein gutes Geburtstagsgeschenk, oder?

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