Bloß nicht nachdenken!

Das ist also der neue Winkel: Gewisse Kreise wollen nicht, dass in der Kirche klug, reflektiert und vor allem offen gesprochen wird, nicht über Familie, nicht über Ehe, nicht über Lehre, und schon gar nicht soll etwas geändert werden. Nun kann man dem Papst – der genau das aber will – schlecht attackieren. Das kommt nicht so gut. Also versucht man es bei denen, die ihn unterstützen.

Eine Linie, die man im Vorfeld für die kommende Synode dazu wählt, ist der Wohlstand der deutschen Kirche. Bereits zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit lese ich ein Stück, in dem erst der Wohlstand aufgezählt wird, um dann zu sagen dass „einige fürchten, dass die deutsche Kirche mehr Einfluss auf die Weltkirche haben wird, vor allem bei der anstehenden Synode“. Wenn der Autor „Einfluss“ sagt, meint er natürlich „Kaufen“.

Der Artikel kommt als Analyse daher, wenn man aber wissen will, was dahinter steckt, lese man einfach mal diesen Artikel desselben Autors über die Synode: Das Zweite Vatikanum sei von einer Agenda gekapert worden, behauptet er da. Auch bei der Synode im Oktober sei das der Fall gewesen, Gewährsmann dafür ist Kardinal Burke.

Und in dieser Geisteshaltung bring man nun also den Wohlstand der deutschen Kirche – und der Kirche Österreichs und der Schweiz, muss man an dieser Stelle einführen – in Stellung, um alles, was aus dieser Ecke kommt, als materialistisch abtun zu können. Weiterlesen

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Die Angst, die Geretteten zu verlieren, und der Wunsch, die Verlorenen zu retten.

Manchmal ist mein Job frustrierend. Da gibt man sich Mühe, denkt, schreibt, versucht, und alles nur um diesen Papst verständlich zu machen. Und dann kommt der Papst selber und predigt, so dass man nur noch eines sagen kann: Vergiss, was ich gesagt habe und lies direkt.

So eine Predigt hat Papst Franziskus an diesem Sonntag gehalten. Eine von den Predigten, die Biographen noch in zehn, zwanzig Jahren zitieren werden, wenn es darum geht, herauszufinden für was Papst Franziskus steht. Deutlicher, klarer und überzeugender kann man es nicht sagen.

Deswegen stelle ich hier den kompletten Text ein. Eine Meditation der Worte lohnt sich, das ist mehr als eine Predigt. Papst Franziskus weckt in uns eine Sehnsucht von Religion und Glaube, eine Ahnung von dem wer Jesus Christus war und ist. Mich bewegt es immer wieder, direkt auf solche Texte zu stoßen.

 

Predigt von Papst Franziskus bei der Eucharistiefeier anlässlich der Kardinalserhebung 15. Februar 2015

»Herr, wenn du willst, kannst du machen, dass ich rein werde«. Von Mitleid bewegt, streckte Jesus die Hand aus, berührte ihn und sagte zu ihm: »Ich will es – werde rein!« (vgl. Mk 1,40-41). Das Mitleid Jesu! Dieses Mit-leiden, das ihn jedem leidenden Menschen nahebringt! Jesus schont sich nicht, nein, er lässt sich hineinziehen in den Schmerz und in die Not der Menschen, einfach weil er „mit-leiden“ kann und will, weil er ein Herz hat, das sich nicht schämt, „Mitleid“ zu haben.

»Jesus [konnte sich] in keiner Stadt mehr zeigen … er hielt sich nur noch außerhalb der Städte an einsamen Orten auf« (Mk 1,45). Das bedeutet, dass Jesus den Aussätzigen nicht nur geheilt hat, sondern außerdem auch dessen Ausgrenzung auf sich genommen hat, die das Gesetz des Mose vorschrieb (vgl. Lev 13,1-2.45-46). Jesus hat keine Angst vor dem Risiko, das Leiden des anderen auf sich zu nehmen, sondern er zahlt dessen Preis bis zum Äußersten (vgl. Jes 53,4).

Das Mitleid bringt Jesus dazu, konkret zu handeln: den Ausgegrenzten wieder einzugliedern! Das sind die drei Schlüsselbegriffe, die die Kirche uns heute im Wortgottesdienst vorstellt: das Mitleid Jesu angesichts der Ausgrenzung und sein Wille zur Eingliederung.

Ausgrenzung: Mose behandelt das Problem der Aussätzigen unter juristischem Gesichtspunkt und verlangt, dass sie aus der Gesellschaft entfernt und ausgegrenzt werden, solange das Übel anhält, und erklärt sie für »unrein« (vgl. Lev 13,1-2.45-46).

Stellt euch vor, wie viel Leiden und wie viel Scham ein Aussätziger empfinden musste: physisch, gesellschaftlich, psychologisch und spirituell! Er ist nicht nur Opfer der Krankheit, sondern meint, sie auch verschuldet zu haben und fühlt sich für seine Sünden bestraft! Er ist tot bei lebendigem Leibe, wie einer, dem sein Vater »ins Gesicht gespuckt« hat (Num 12,14).

Außerdem flößt der Aussätzige Angst, Verachtung und Ekel ein und wird darum von den eigenen Angehörigen verlassen, von den anderen gemieden, von der Gesellschaft ausgegrenzt, ja, die Gesellschaft selbst stößt ihn aus und zwingt ihn, an Orten zu leben, die von den Gesunden entfernt sind, sie schließt ihn aus. Und das geht so weit, dass ein Gesunder, sollte er sich einem Aussätzigen genähert haben, schwer bestraft und oft selbst wie ein Aussätziger behandelt wird.

Der Zweck dieser Rechtsvorschrift war der, „die Gesunden zu retten“, „die Gerechten zu schützen“ und, um sie vor jedem Risiko zu bewahren, „die Gefahr“ zu bannen, indem man den Ansteckenden erbarmungslos behandelte. So bestimmte ja der Hohepriester Kajaphas, »dass es besser … ist, wenn ein einziger Mensch für das Volk stirbt, als wenn das ganze Volk zugrunde geht« (Joh 11,50).

Eingliederung: Jesus stürzt jene Mentalität um, die sich in Angst verschließt und in ihren Vorurteilen selbst beschränkt, und erschüttert sie nachdrücklich. Er hebt jedoch das Gesetz des Mose nicht auf, sondern erfüllt es (vgl. Mt 5,17), wenn er zum Beispiel das Talionsystem für unwirksam und schädlich erklärt; wenn er erklärt, dass eine Beobachtung des Sabbat, die den Menschen verachtet und verurteilt, Gott nicht gefällt, oder wenn er angesichts der Ehebrecherin diese nicht verurteilt, sondern sie sogar rettet vor dem blinden Eifer derer, die schon bereit waren, sie erbarmungslos zu steinigen, weil sie meinten, so das Gesetz des Mose anzuwenden (vgl. Joh 8,3-11). Auch in der Bergpredigt (vgl. Mt 5) krempelt Jesus die Gewissen um, indem er der Menschheit neue Horizonte eröffnet und die Logik Gottes vollkommen offenbart – die Logik der Liebe, die sich nicht auf die Angst gründet, sondern auf die Freiheit, die Liebe, auf den gesunden Eifer und auf den Heilswillen Gottes: »Das … gefällt Gott, unserem Retter; er will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen« (1 Tim 2,3-4). »Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer« (vgl. Mt 12,7; Hos 6,6)).

 

Und das ist manchem ein Ärgernis!

 

Jesus, der neue Mose, wollte den Aussätzigen heilen, er wollte ihn berühren, er wollte ihn wieder in die Gesellschaft eingliedern, ohne sich in Vorurteilen selbst zu beschränken, ohne sich der herrschenden Mentalität der Leute anzupassen, ohne sich über die Ansteckung überhaupt Gedanken zu machen. Jesus antwortet auf die flehentliche Bitte des Aussätzigen unverzüglich und ohne die üblichen Verzögerungen, um die Situation zu untersuchen und alle eventuellen Folgen abzuwägen! Was für Jesus zählt, ist vor allem, die Fernen zu erreichen und zu retten, die Wunden der Kranken zu heilen und alle wieder in die Familie Gottes einzugliedern Und das ist manchem ein Ärgernis! Weiterlesen

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Neues und immer wieder Neues

Ein Konsistorium ist nicht einfach nur eine Versammlung von Kardinälen, jedenfalls nicht bei Papst Franziskus. Das erste, das er hielt (ich rede hier von den „großen“ Konsistorien, zu denen viele Kardinäle aus aller Welt kommen) diente zwar der Erhebung von 19 Kardinälen aus aller Welt. Aber gleichzeitig ließ der Papst, angeregt durch einen Vortrag von Kardinal Walter Kasper, über das Thema Familie debattieren. Einige Tage vorher – die Anreise sollte sich ja lohnen – tagte damals auch der Kardinalsrat, die „K9“.

Ähnlich sieht es auch jetzt wieder aus: K9 Rat, Wirtschaftsrat, Kinderschutzkommission, viele Termine legen sich um das Konsistorium an diesem Wochenende herum. Und auch die Versammlung selbst wird mehr sein als die feierliche Erhebung in den Kardinalsstand, zwei Tage lang wird man über die Kurienreform sprechen. Im vergangenen Jahr die Familie, in diesem Jahr Kurienreform: Es ist der Ort für die wirklich wichtigen Themen.

Es ist also eine Art „Arbeits-Konsistorium“, das in den kommenden Tagen hier im Vatikan tagt.

Aber: Nicht vergessen dürfen wir die fünfzehn neuen Papstwähler, wenn wir die „Ehrenkardinäle“ mit über 80 Jahren, die kein Wahlrecht mehr haben, einmal außen vor lassen. Krisengegenden sind nun viel mehr als vorher im Kolleg der Kardinäle vertreten, Mexiko und sein Drogenkrieg etwa oder Tonga und die Bedrohung durch die Erderwärmung – die Inselgruppe wird es in Zukunft nicht mehr geben, da der Meeresspiegel steigt. Der äthiopische Bischof und bald-Kardinal Berhaneyesus Souraphiel spricht davon, dass die neuen „die Stimme derer, die keine Stimme haben“, „the voice of the voicelesse“, sein sollen.

Alle Kommentatoren haben erwähnt, dass der Papst Bischofssitze übergeht, denen bisher traditionell ein Kardinalshut gegeben wurde, Papst Franziskus setzt also andere Prioritäten als seine Vorgänger. Hier wird ein Stück Weltkirche Kardinal. Schon im vergangenen Jahr, beim ersten Konsistorium unter Papst Franziskus, hatte man das das „Konsistorium der Peripherien“ genannt. Dieses Jahr macht der Papst deutlich, dass das kein symbolischer Akt war, sondern seine Weise, die Kirche zu prägen. Das wird uns bleiben.

Bei aller Wichtigkeit der Konferenzen und Tagungen um das Konsistorium herum: Der Kern aller Neuerungen bleibt dann doch die Ernennung von Kardinälen.

 

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… bin ich zur Gewissheit gelangt …

Meine erste Reaktion auf die Nachricht vom angekündigten Rücktritt – heute vor genau zwei Jahren – war die geistige Handbewegung, alles vom Schreibtisch wegzuschieben, was da lag. Nichts war mehr wichtig, wir hatten ein neues Thema, DAS Thema. Ein wenig bin ich auch heute noch Stolz, dass ich das sofort geglaubt habe. Ein Techniker hatte mir das gesagt, direkt danach, er hatte den Papst gehört und soweit ist Latein vom Italienischen ja nicht weg. Rauf in die Redaktion, Ansage an die Kollegen (eine war in Altötting unterwegs, ein anderer in der Mittagspause, was man so alles im Gedächtnis behält). Und dann schnell die Nachricht geschrieben, erst noch mit einer vorschnellen Überschrift „tritt zurück“, was grammatikalisch nicht ganz korrekt war, kann man das doch sowohl in der Gegenwart als auch im Futur verstehen. Also schnell geändert. Und dann klingelte auch schon das Telefon … .

Ein Papst geht: Benedikt XVI. im Februar 2013

Ein Papst geht: Benedikt XVI. im Februar 2013

In meinen letzten Einträgen hier vor dem 11. Februar 2013 war es um alles Mögliche gegangen, hatte sich ja auch keiner vorstellen können, dass Papst Benedikt diesen Schritt macht. Annegret Kramp-Karrenbauer, die Ministerpräsidenten des Saarlandes, war in Rom gewesen und ich hatte ein Interview geführt. Und mit dem Chef der Malteserritter in Deutschland habe ich darüber gesprochen, was es bedeutet, heute ein „Ritter“ zu sein. Nicht wirklich die beste Voraussetzung für einen Papstrücktritt, aber was wusste ich schon?

„Der Mensch ist nicht allein. Er kann nur mit anderen, in Beziehung leben. Ich bin nur in Beziehung, nur vom andern her und durch den anderen; ohne ihn gäbe es mich nicht. Diese Bezogenheit auf den anderen ist keine Abhängigkeit, keine Einschränkung, wenn sie aus Liebe geschieht. Liebe ist eine schöpferische Macht, die den Anderen nicht beschränkt, sondern bereichert und sein Leben mit Sinn erfüllt.” Das sind Worte von Papst Benedikt bei der letzten Generalaudienz vor der Rücktrittsankündigung, nichts deutete auf eine Entscheidung hin.

Und dann die Ankündigung. „Liebe Mitbrüder! Ich habe euch zu diesem Konsistorium nicht nur wegen drei Heiligsprechungen zusammengerufen, sondern auch um euch eine Entscheidung von großer Wichtigkeit für das Leben der Kirche mitzuteilen. Nachdem ich wiederholt mein Gewissen vor Gott geprüft habe, bin ich zur Gewissheit gelangt, dass meine Kräfte infolge des vorgerückten Alters nicht mehr geeignet sind, um in angemessener Weise den Petrusdienst auszuüben.“ Weiterlesen

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Der Franziskus-Effekt: Dynamik

Teil 4 und letzter Teil einer kleinen Reihe

Das vierte Element des Franziskus-Effektes ist das für mich faszinierendste Thema. Dazu möchte ich ein Zitat anführen, dessen Urheber hier nicht wichtig ist, das aber sehr gut eine weit verbreitete Einstellung dem Papst gegenüber zusammen fasst: „Papst Franziskus hat die Latte hoch gelegt, hat wunderbare Zeichen gesetzt, hervorragende Predigten gehalten, aber jetzt braucht der Papst vorzeigbare Resultate. Die Menschen wollen keine Dialogprozesse mehr ohne Ergebnis, sie wollen, dass sich wirklich etwas bewegt.“

Der Sprecher hier liegt falsch. Die Zumutung Papst Franziskus’ liegt darin, dass er genau das nicht tut. Greifen wir zu einer seiner Überzeugungen, die sich bis in die Zeiten zurückverfolgen lässt, in denen Bergoglio Jesuitenprovinzial war, also bis in die 70er Jahre.

„Die Zeit ist mehr wert als der Raum. Dieses Prinzip (des Vorrangs der Zeit) erlaubt uns, langfristig zu arbeiten, ohne davon besessen zu sein, sofortige Ergebnisse zu erzielen. Es hilft uns, schwierige und widrige Situationen mit Geduld zu ertragen oder Änderungen bei unseren Vorhaben hinzunehmen, die uns die Dynamik der Wirklichkeit auferlegt. Es lädt uns ein, die Spannung zwischen Fülle und Beschränkung anzunehmen, indem wir der Zeit die Priorität einräumen. (..) Dem Raum Vorrang geben bedeutet sich vormachen, alles in der Gegenwart gelöst zu haben und alle Räume der Macht und der Selbstbestätigung in Besitz nehmen zu wollen. Damit werden die Prozesse eingefroren. Man beansprucht, sie aufzuhalten. Der Zeit Vorrang zu geben bedeutet sich damit zu befassen, Prozesse in Gang zu setzen anstatt Räume zu besitzen.“

Zitiert nach Evangelii Gaudium (Nr. 222f), dort ist es das erste der vier Prinzipien, die er gegen Ende anfügt. Ich habe sie mal die vier „pastoralphilosophischen“ Prinzipien genannt. Wenn ich einmal die Unterhaltung zweier (nicht deutschsprachiger) Bischöfe zitieren darf, die ich zufällig mitbekommen habe und deswegen anonym lasse: „Wir können uns diese Debatte über die Familie nicht leisten, wir verlieren zu viel an Boden!“. Wir verlieren Boden, genau das ist gemeint, wenn der Papst vom Raum spricht. Er setzt auf Prozesse, nicht auf Positionen. Und deswegen wird Papst all die, die jetzt endlich Entscheidungen erwarten, enttäuschen.

 

Der Papst wird enttäuschen

 

Noch ein Zitat: „Der erste Papst aus dem erneuerungsfreudigen Jesuitenorden verändert die Kirche im Sauseschritt. Doch vor den nötigen Korrekturen in der Lehre zuckt der Südamerikaner zurück.“ Das stammt aus Publik Forum, ich denke aber, das viele Menschen das so sagen könnten und würden. Oder auch tun. Das Wort „nötige“, „nötige Reformen“ ist trügerisch. Es besagt ja, dass ich weiß oder jemand weiß, was nötig ist. Dass es also einen Plan gibt. Ich glaube aber nicht, dass Franziskus so einen Plan hat, und das meine ich im guten Sinn.

Papst Franziskus setzt auf Prozesse. Er setzt nicht auf den Plan, er geht nicht in die Bischofssynode zur Familie, wissend, was dabei heraus kommen soll. Er gibt Kontrolle ab oder geistlich gesprochen gibt dem Heiligen Geist Raum, nicht nur im Gebet oder in Reden, sondern ganz konkret, indem er die Dinge nicht vorentscheidet, sondern offen lässt. Weiterlesen

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Der Franziskus-Effekt: Diese Wirtschaft tötet

Teil 3 einer kleinen Reihe

Als drittes Element des Franziskus-Effektes möchte ich ein Thema nennen, was dem Papst die meiste Kritik eingebracht und die meisten Debatten entzündet hat: Diese Wirtschaft tötet. Das reichste Prozent der Weltbevölkerung wird im kommenden Jahr mehr besitzen als die restlichen 99 Prozent zusammen. Nochmal: Das reichste Prozent der Weltbevölkerung wird im kommenden Jahr mehr besitzen als die restlichen 99 Prozent zusammen. Die Zahlen stammen von Oxfam, einer großen britischen Hilfsorganisation. Die Schere zwischen reich und arm klafft immer weiter auseinander. Oder so: Die reichsten 85 Menschen besitzen genau so viel wie die ärmere Hälfte der Menschheit zusammen: 85 Menschen einerseits, 3,5 Milliarden Menschen andererseits. Und so weiter.

Das ist die Perspektive, mit der der Papst auf die Güter der Welt blickt. Er tut das nicht als einziger, in einem ausführlichen Interview für ein Buch neulich hat er darüber gesprochen und sehr viel Wert darauf gelegt, dass das, was er sagt, alte Kirche ist. „Imperialismus des internationalen Kapitals“ stammt von Pius XI., für Benedikt XVI. stand das sich Annehmen des Armen und der Glaube an den einen Gott im AT auf gleicher Stufe, Paul VI. sagt, dass es kein absolutes unbedingtes Recht auf Eigentum gibt, aber nicht nur Päpste: Lesen Sie mal die Kirchenväter, 1.800 Jahre her, zum Beispiel Basilius von Caeserea. Das ist starker Tobak, wenn der Papst seine Thesen vorstellt. Aber man darf sich nicht vertun, hier geht es nicht um eine ausführliche und tiefe Analyse wirtschaftlicher Verhältnisse. Hier geht es um die Armen. Oder präziser: die ausgeschlossenen, die nicht teilnehmen können. Es geht um die, die keine Funktion im Konsum-Kapitalismus erfüllen und weggeworfen werden. Das ist die zentrale Vokabel beim Papst-Wegwerf-Kultur. Er malt das drastisch aus, da ist die „Kultur des Todes“, die Past Johannes Paul II. beklagte, fast schon im Ausdruck zurückhaltend.

 

Es geht um die Perspektive der Armen

 

Die Opfer sind die Kinder, ungeborene und solche ohne Perspektive, und es sind die Alten Menschen. Das ist die Trias, die er immer wieder nennt: ungeborene, perspektivlose junge und allein gelassene alte Menschen.

Lesen Sie die Reaktionen auf einen Blogeintrag von mir: wenn es um Eigentum geht, hört bei uns hier im Westen der Spaß auf. Da geht es ums Eingemachte. Eigentum verpflichtet, sagt unsere Verfassung, aber wenn der Papst (Paul VI. und jetzt Franziskus) die Absolutheit des Rechts auf Eigentum bezweifelt, dann geht das gar nicht. Protest! Soziale Marktwirtschaft! Wir sind doch nicht Argentinien! Weiterlesen

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Der Franziskus Effekt: Reform

Teil 2 einer kleinen Reihe

Das zweite Element, das ich unter dem Begriff des Franziskus Effektes sehe, ist die Reform, das Lieblingsthema unsere Medien, wenn es um den Papst geht. Damit wird meist die Kurienreform gemeint, Kardinäle, Vatileaks, Bürokratie, Vatikanbank und so weiter. Und das ist auch alles richtig und wichtig und gut. Aber es geht an der eigentlichen Absicht des Papstes vorbei.

Lesen Sie die Rede von Kardinal Bergoglio beim Vorkonklave: Wir müssen die Türen der Kirchen aufmachen, um Jesus hinaus zu lassen, hatte er damals gesagt.

Hören Sie nach, was er auf Lampedusa gesagt hat: 20.000 Menschen sterben, und wir weinen noch nicht einmal mehr. Oder jetzt, vor einigen Tagen, auf den Philippinen: nur mit Augen, die von Tränen gereinigt sind, erschließt sich die Welt. Das klingt in unseren Ohren vielleicht sprachlich pathetisch, ist aber nicht von der Hand zu weisen. So in etwa hat er sich auch letztes Jahr in Yad Vashem ausgedrückt.

Oder nehmen wir das jüngste Reform-Beispiel: Die 15 Krankheiten. Nehmen wir gleich die erste, nämlich die, sich für unentbehrlich zu halten, keine Selbstkritik zu üben. Ich zitiere den Papst: „Ein gewöhnlicher Friedhofsbesuch könnte uns dazu verhelfen, die Namen vieler Menschen zu sehen, von denen einige vielleicht auch meinten, unsterblich, immun und unentbehrlich zu sein!“.. und so weiter. Abgesehen davon, dass ich mehrere Beichtväter kenne, die einen Friedhofsbesuch gerne empfehlen, um den eigenen Hochmut zu kurieren und der Papst hier also eine pastorale Perspektive hat, und abgesehen von dem Witz, der auch da drin steckt, sieht man deutlich, wo Reform ansetzt: Bei mir. Nicht in bei denen, nicht dort, nicht da wo wir immer schon das Üble vermutet haben, sondern bei mir. Das gilt auch für die Kurie, das gilt auch für Klerikalismus und so weiter.

 

Jenseits bürgerlicher Religion

 

„Deshalb sollten wir auch jenen Mangel an Bußfertigkeit und Selbstkritik, den wir in der Kirche, speziell bei unseren kirchlichen Amtsträgern, beklagen, wenigstens bei uns selbst überwinden.“ Das ist nicht Papst Franziskus, das ist Johann Baptist Metz 1980, also europäische Theologie. Oder hier: „Das eucharistische Tischtuch zwischen und und den armen Kirchen (ist) zerrissen, weil wir ihnen in ihrem Elend und ihrer Unterdrückung nicht mit unserer Umkehr beistehen und weil wir uns weigern, auf das zu hören, was als Prophetie des gemeinsamen Aufbruchs aus diesen armen Kirchen zu uns dringt.“ Wieder Johann Baptist Metz aus seinem Buch „Jenseits bürgerlichen Religion“. Das klingt wie O-Ton Franziskus und fasst das auch sehr gut zusammen: Wer Jesus nicht mit den Augen der Armen sieht, versteht ihn nicht, versteht Gottes Selbstoffenbarung nicht. Wir müssen auf all die Dinge achten, die uns daran hindern, das zu tun.

Als da sind: Karrierismus, Korruption, Neo-Gnostizismus, Neo-Pelagianismus, Marta-ismus also Aktivismus ohne Geist, Versteinerung, Ästhetizismus, Funktionalismus, NGO-sein, und die Lieblingssünde des Papstes: Gerede, Klatsch und Tratsch. Weiterlesen

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Der Franziskus Effekt

Teil 1 einer kleinen Reihe

Sechs Millionen Menschen in Manila. Eine Million mehr oder weniger spielt schon keine Rolle mehr. In Rom bricht regelmäßig Mittwochs, wenn der Papst auf dem Petersplatz Generalaudienz hält, der Verkehr vollständig zusammen. In den Medien steht – fast – nur Interessiertes, man interessiert sich wieder nach all den Negativ-Titeln zu Benedikt XVI.

Und dann all die Überraschungen: Reisen und Papiere wie Evangelii Gaudium sind das eine, aber wenn ich dann die Kardinalsernennungen von diesem Jahr sehe und die Rede vor der Vatikanischen Kurie höre – Sie wissen schon, die 15 Krankheiten – dann ist das manchmal mehr Überraschung, als man verkraften kann. Oder will.

Was uns Medienschaffende besonders beeindruckt ist, dass ihm Fehler verziehen werden. Manche von seinen Sätzen oder Bildern sind so drastisch, Benedikt XVI. wäre das um die Ohren geflogen worden.

Der Franziskus-Effekt. Aber was genau ist das für eine Wirkung? Wenn man in Rom bei den Vatikan-Verstehern herumfragt, dann weiß keiner so genau, was dabei heraus kommt. Viel ist bereits über den Papst geschrieben worden, zum Teil sehr gute Bücher und Biographien, aber wenn man diese Autoren fragt, dann sind auch die überrascht von all dem, was der Papst tut und macht und will. Also: Was sind die Wirkungen dieses Papstes?

Ich möchte Ihnen vier Wirkungs-Felder vorstellen, von denen ich meine, dass sie zusammen ein ganz gutes Bild abgeben. Das alles ist noch work in progress und ich hoffe, dass ich in den Kommentaren noch von Ihnen Neues und interessante Perspektiven mitbekomme, aber als Zusammenfassung möchte ich Ihnen diese vier Punkte schon einmal anbieten.

Ich werde das in vier Folgen tun, um die einzelnen Felder auch getrennt für Kommentare anzubieten. Geboren wurden die Gedanken als Vorträge, dies hier ist eine überarbeitete schriftliche Version.

 

Der Argentinier: Vom Ende der Welt

 

Da ist erstens der Ausdruck, den Franziskus selbst geprägt hat, in der ersten Minute seines öffentlichen Wirkens: Er sei ein Papst vom Ende der Welt. Vor der Wahl war viel über einen nichteuropäischen Papst spekuliert worden, ob nicht auch mal der Rest der Welt dran sei. Lateinamerika natürlich, allen vorweg Kardinal Scherer von Sao Paolo, weil er schon Rom-Erfahrung hat. Oder der Kanadier Quellet, der sich bestens dort auskennt und auch kein Italiener ist.

Und dann kam Bergoglio.

Direkt nach dem Konklave habe ich einige Kardinäle interviewen können, Toppo aus Indien, Napier aus Südafrika und Tagle von den Philippinen. Die Frage war immer, ob nicht die Wahl eines Nicht-Europäers ein gutes Zeichen auch für ihre Kirchen sei, was Selbstbewusstsein und so weiter angeht? Die Antwort war immer dieselbe, auch wenn die Interviews nicht gemeinsam geführt wurden: Das mag schon sein, aber wir wollten den Mann, wir wollten Bergoglio.

Bergoglio bringt natürlich seine eigene Geschichte mit, das Leben in einer Diktatur, die lateinamerikanische Kolonialgeschichte, die desaströs Wirtschaftspolitik des Landes. Kirchlich bringt  er vor allem zwei Dinge mit: Aparecida und Theologie des Glaubens des Volkes Gottes. Weiterlesen

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Vom Ende der Welt und voller Dynamik

Für eine Reihe von Vorträgen habe ich meine Sicht auf den Papst und das, was er von der Kirche will, einem update unterzogen. Kurz: Was ist das eigentlich, der Franziskus-Effekt? In vier Teilen stelle ich das hier ein.

Ein erster Teil befasst sich mit dem „Papst vom Ende der Welt“ und der Frage, was es bedeutet, dass Europa nicht mehr die erste Geige in der Kirche spielt.

Der zweite Teil wendet sich der Frage der Reform zu: Wo ist sie anzusiedeln und welche geistliche Dimension hat sie? Und: Wo beginnt sie eigentlich?

Der dritte Teil greift den Satz von der Wirtschaft, die tötet auf und fragt nach der Perspektive der Armen, die wir einnehmen sollen.

Im vierten Teil geht es um den Werkstatt-Charakter des Ganzen Unternehmens: Zeit ist wichtiger als Raum, sagt Papst Franziskus. Den Schluss der Reihe bilden dann einige kurze Gedanken zur Dynamik dieses Papstes, denn dort laufen all die Gedanken zum „Effekt“ schlußendlich zusammen.

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Online-Talk-Show

Es hat einige Tage gedauert, aber da bin ich nun wieder online im Blog. Ab und zu braucht man halt mal eine Auszeit, sonst werden die eigenen Texte fad. Genau so eine Auszeit habe ich mir genommen, gelesen, Vorträge gehalten – von denen hier auch einiges zu lesen sein wird – und so weiter.

Es gab aber auch einen zweiten Grund für die Pause: Ich wollte, dass die die Gemüter ein wenig abkühlen. Wieder einmal habe ich länger beobachtet, was bei mir so alles als Kommentar gepostet wird. Ich habe danach einige eMails bekommen mit Verweis darauf, dass es gut wäre, noch einmal auf die Netiquette hinzuweisen, so geschockt waren einige.

Mein Blog will ein Angebot sein, sich mit Gedanken auseinander zu setzen, Meinungen zu bilden und zu widersprechen, und so weiter. Leider scheint das ein großer Teil der Internetöffentlichkeit nie gelernt zu haben. Auch hier im Blog nicht (eine unfaire Bemerkung meinerseits, wissen Sie doch nicht, was ich alles nicht frei schalte, Sie müssen mir hier einfach glauben).

Geschimpfe ist ja noch relativ einfach zu erkennen. Aber auch das arrogant-herablassende Belehren ist nicht eine Einladung zur Debatte, auch wenn es sich in diesen Mantel kleidet.

Was mich immer wieder den Kopf schütteln lässt ist der aggressive Verweis darauf, als Priester müsste ich doch … . Dass ich Meinungen habe und die auch vertrete, gerne auch klar und deutlich, wird den Lesern des Blogs nicht entgangen sein. Dass das gegen mich verwendet wird, dass einige Herrschaften meinen, persönlich werden zu müssen oder zu sollen, ist sehr bedauerlich.

Ich kann nur vermuten, dass sich andere dann abschrecken lassen, hier zu kommentieren, weil sie dann von den üblichen Verdächtigen unter die Tastatur genommen werden. Also werde ich in Zukunft noch mehr ein Auge drauf haben, wie konstruktiv Beiträge sind. Das hier ist kein „Speakers Corner“, wo jeder sagen kann, was er oder sie will. Ich verstehe das eher als Gesprächsrunde, oder wenn Sie wollen als Talk-Show mit Moderation. Da muss jemand halt mal still sein, damit jemand anders reden kann. Wenn das bedeutet, dass aktiver moderiert wird, dann sei das so.

Auch das ist ein Ergebnis meiner kleinen Pause. Meinungsfreiheit ist, wenn jeder seine Meinung haben und sagen kann. Meinungsfreiheit ist nicht, dass ich mir das auch alles anhören muss.

 

 

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