Der Bekennermut der Anderen

Und doch mit Kreuz: Besuch in Jerusalem

Nanu? Seit Tagen köchelt die Geschichte durch die Medien, dass Kardinal Reinhard Marx und Bischof Bedfors-Strohm auf dem Tempelberg in Jerusalem ihre Kreuze nicht getragen hätten. Wut und Häme goss sich aus, von Unterwerfung war die Rede, Christen würden für ihren Glauben im Nahen Osten sterben und die beiden Promis würden ihn so einfach verleugnen.

Und nun ein Foto, dass sie mit den Kreuzen zeigt, vor dem Felsendom. Es gibt auch andere Bilder, richtig, wo die beiden kein Kreuz umhaben, direkt an der Mauer des muslimischen Gebetshauses. Sie haben die Kreuze abgenommen. Aber mindestens dieses Bild zeigt doch, dass es ganz so einfach nicht war.

Überhaupt: die ersten Stellungnahmen waren von einer Aufrichtigkeit des Glaubens geprägt, die vor allem von Ferne zum Geschehen geprägt war. Am 20. Oktober waren die Bischöfe da, erst im November erregte dich die mediale Welle. Wobei es dabei schon irgendwie komisch zuging: der Vorwurf bei Spiegel-Online war, dass die Abnahme des Kreuzes eine Demutsgeste gewesen sei. Wohlgemerkt: Die haben das als Vorwurf verstanden.

 

Wer bin ich, zu urteilen?

 

Leider waren die meisten Meinungsinhaber nicht von allzu viel Recherche getragen, wie das Foto oben zeigt. Außerdem: von hier aus, aus dem sicheren Mitteleuropa, eine explosive Lage wie die zwischen den Religionen auf dem Tempelberg zu beurteilen halte ich für mindestens fahrlässig.

Es hat dann doch einige Artikel gegeben, die vor Ort nachfragen, bei Beteiligten oder Kennern, wie heute in der FAZ. Aber das sind alles Mitspieler, die sind Partei und sollen es auch sein.

Am schlimmsten sind aber tatsächlich diejenigen, die „Bekennermut“ verlangen. Von hier aus. Bei aller Wichtigkeit des christlichen Zeugnisses: Wer zahlt bitteschön dafür den Preis? Christen hier fühlen sich dann vielleicht besser, aber damit geht auch ein wenig Hochmut einher, wenn man für das heimische Publikum seine Überzeugung zeigt und dann den Schaden den dortigen Menschen überlässt, wenn man selber schon wieder im Flugzeug sitzt.

Unterwerfung unter den Islam, welch ein Unfug. Es ging um das Vermeiden eines Konfliktes an einem Ort, wo normalerweise keine Christen hinkommen.

Vielleicht hat es ja keine perfekte Lösung gegeben. Wie man es macht, macht man es falsch. Aber das ist im gesamten Nahen Osten so, seit Jahrzehnten. Zu viele Bekenner, zu viele Interessen, zu viel Konflikt, zu viel Gewalt, die sich auf Religion beruft. Die deutschen Bischöfe wollten mit allen reden – und haben mit allen geredet – und wollten gemeinsam pilgern, als Zeichen der Gemeinsamkeit. Ich habe keine einzige Stimme von vor Ort gehört, die sich beschwert hätte, dass das nicht gelungen sei.

Also bitte, wenn der Preis für gelungenen Dialog – wenn auch in kleinen Schritten – ein wenig Irritation zu Hause ist, dann soll das so sein. Mögen all die Kommentatoren und Blog-Schreiber doch bitte von ihren Richterstühlen herunter klettern.

 

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Die deutschsprachige Kirche, Glaube und Vernunft, Neulich im Internet, Sprechen von Gott | Verschlagwortet mit , , , , | 111 Kommentare

La-la-la, La! La! La! – Leonard Cohen, R.i.P

Seine wunderbare und einzigartige Stimme habe ich irgendwann als Kind das erste Mal gehört. Leonard Cohen sagte mir nichts aber der WDR brachte ein Konzert. Sein Markenzeichen schon damals: vor jedem Song sprach er eine Strophe des Textes, quasi als Gedicht. Und das sind seine Texte ja auch, Poesie.

Seitdem war ich Fan dieser großen Künstlers.

Seine wunderbare und einzigartige tiefe, volle Stimme geht einem nie mehr aus dem Kopf. Dass Cohen nun gestorben ist, überrascht bei seinem hohen Alter nicht, ist trotzdem sehr schade. Seine letzte Platte ist frisch auf dem Markt, 2008 habe ich ihn noch im Konzert gesehen, vier Stunden Gesang, ohne dass die Stimme schwankte, und er war damals schon mitte 70.

Seine wunderbare und einzigartige Stimme war immer vorne. Aber was in seinen Liedern dahinter passierte, war mindestens so spannend. Dunkel waren die Texte, ironisch, körperlich, sexuell aufgeladen, frei, poetisch. Dahinter gab es aber immer noch mehr zu hören.

Ich bin erklärter Gegner des Hintergrund-Saxophon Gedudels, das seit den 80er Jahren in alle Popsongs eingedrungen ist. Seltsamerweise funktioniert es bei Cohen. Und auch die von ihm musikalisch zu einer eigenen Kunstform erhobenen Schubiduh-Girls machen das Ereignis nicht flach oder platt, es passt. Auf der Bühne spielt er damit, die Damen stehen nicht einfach hinten, sie sind wichtiger Teil der Performance, sind Grundierung, Spielgefährte, Partner des Sängers Cohen.

„Love is the only engine of survival“: Es sind Sätze wie dieser, die hängen bleiben. Immer leicht ironische packende Lebensweisheiten haben uns geprägt. Einem Lied über ein Orchester in einem KZ den Titel „Dance me to the end of Love“ zu geben, das konnte nur ehr.
Überhaupt, die Liebe. Die war immer sehr körperlich bei ihm, nie ideal. Die war gebrochen, vorbei, hoffend, immer voller Dynamik. Man konnte in seinen Liedern nie sicher sein, was da als nächstes um die Ecke kam.

Auf der Bühne trug er zuletzt Anzug und Hut, wie ein in die Jahre gekommener Gentleman Typ Humphrey Bogart. Den Hut zog er immer wieder, zur vollendeten aber nie zu tiefen Verneigung. Diesen Hut ziehe ich jetzt auch. Danke, Sir, dass sie so lange bei uns waren.

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Kirche und Medien, Kunst, Kultur und Können | Verschlagwortet mit , , | 8 Kommentare

Niederlage des Journalismus

Und was lernen wir daraus? Donald Trump ist zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt. Vor eineinhalb Jahren, vor drei Monaten, ja Vorgestern hätte das keiner für möglich gehalten. Der Populismus siegt, die Lüge siegt, inhaltsfreies Faust-in-den-Himmel recken siegt, und was nun? Ich wiederhole: Was lernen wir daraus?

Keiner hat es voraus gesehen: Analysten vor einem Fernsehschirm

Keiner hat es voraus gesehen

Erstens: Die USA-Versteher hatten alle Unrecht. Als ich vor einem Jahr anlässlich des Papstbesuches dort war gab es bereits einige erste Journalisten, die sich vorsichtig in den Medien äußerten und sagten, dass sie mit Trump falsch gelegen hätten und der doch vielleicht Kandidat der Republikaner werden könnte. Jetzt ist er zum Präsidenten gewählt und dieselben Gesichter wie immer erklären uns das Warum. Das kann doch wohl nicht sein! Mich beschleicht da schon ein wenig Zorn, dass die Niederlage des Journalismus, die dieser Wahlsieg auch darstellt, keine Folgen hat. Vielleicht liege ich ja falsch, ich werde jedenfalls in den kommenden Tagen genau hinsehen, was sich da tut.

 

Vier Lehren

 

Das erinnert mich an den Kollegen, der im März 2013 Sekunden vor dem weißen Rauch im TV erklärte, er habe mit den Sekretären der Kardinäle gesprochen, es sei klar, dass Kardinal Scola Papst würde. Am nächsten Morgen durfte er bereits live im Frühstücksfernsehen erklären, was die Gründe für die Wahl von Bergoglio waren. Überhaupt keine Scham, und in den Medien wird er herum gereicht. Kein Wunder, dass man uns Medien nicht mehr glaubt. Liebe Kollegen, habt doch bitte die Größe zu sagen, dass ihr falsch gelegen habt, statt jetzt wieder rumzuanalysieren, warum „die Medien“ hier falsch lagen.

Zweitens: Das Instrument der Meinungsumfrage taugt nicht. Beim Brexit nicht und jetzt auch wieder nicht. Damit ist die wichtigste politische Währung zwischen den Wahlen – die Beliebtheit in der Bevölkerung – entwertet. Die Versuchung, auf Umfragewerte zu schielen, ist menschlich nachvollziehbar. Jetzt braucht es aber Rückgrat, auf Umfragen kann und darf man sich nicht mehr verlassen. Liebe Politiker: das geht an euch.

Drittens: Wer demokratische Prozesse achtet, muss auch deren Ergebnisse achten. Trump ist jetzt zum Präsidenten gewählt. Das ist jetzt erst einmal so. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein, Glaube und Vernunft | Verschlagwortet mit , , , , | 174 Kommentare

Der Heilige und der Papst: Franziskanische Impulse für die Reform

Vortrag zum Patronatsfest des Priesterseminars in Münster, 6. November 2016

„Verkündigt mit allem das Evangelium, und wenn es sein muss, dann auch mit Worten.“ Ein Satz, der dem Heiligen Franziskus zugeschrieben wird und der eine Zeitlang regelmäßig von Papst Franziskus zitiert wurde. Er drückt eine Haltung aus, die Christen eigen sein soll. Der Heilige hatte den Satz zu seinen ersten Franziskanern gesagt, der Papst münzt ihn auf alle, die ihm vor das Mikro kamen, Bischöfe, Priester, Gemeindemitarbeitern in Assisi, Generalaudienzen, überhaupt auf alle Christen, wie man seinem Schreiben Evangelii Gaudium entnehmen kann, in dem er von einer missionarischen Kirche träumt.

Franziskus und Franziskus: Es sind zwei Personen, die für Reform und Erneuerung stehen, für Widerstand und Christuszentriertheit, ein wenig auch für Dickschädeligkeit, für nicht besonders große Liebe in Teilen des Apparats, für arme Kirche für die Armen, um das Wort des Papstes zu benutzen, und für anders mehr.

Es hat schon einige Versuche gegeben, die beiden in Beziehung zueinander zu setzen. Man muss aber vorsichtig sein, die „Vergangenheit nicht zu kolonisieren“, wie es der vom Papst verehrte Jesuit Michel de Certeau ausgedrückt hat. So sehr, wie der Heilige verklärt oder als Verkörperung der jeweils eigenen Wünsche verstanden wird, so sehr geschieht es oft genug auch mit dem Papst gleichen Namens.

Fallen wir also nicht auf scheinbar allzu einfache und offensichtliche Parallelen herein und machen wir uns auf die Spurensuche.

 

Franziskus und Franziskus: Spurensuche

 

Erste Audienz des neugewählten Papstes: Franziskus erzählt in der Audienzhalle den versammelten Journalisten von der Namenswahl. Als die Auszählung der Stimmen gefährlich nahe an die benötigte Mehrheit gekommen sei, habe sich Kardinal Claudio Hummes, Franziskaner und Freund Bergoglios, zu ihm gelehnt und geraunt, „vergiss die Armen nicht, vergiss die Armen nicht“. Da sei – so Bergoglio – das erste Mal der Gedanke in ihm aufgestiegen, sich nach dem großen Heiligen zu benennen.

Nebenbemerkung: scherzhaft hat der Papst damals auch gesagt, kurz habe es ihn gejuckt, sich Clemens XV. zu nennen, in Erinnerung an den Papst, der die Jesuiten aufgelöst habe, das dann aber verworfen.

Machen wir uns nichts vor, diese Namensnennung ist ein ganz großes Ding. Das ist der Erz-Heilige der katholischen Kirche, Päpste, die sich selbst Namen gegeben haben, haben sich bewusst nie nach den zwölf Aposteln benannt, Franziskus kommt aber knapp dahinter.

Fresko in der Oberkirche von Assisi: Franziskus stützt die Kirche

Fresko in der Oberkirche von Assisi: Franziskus stützt die Kirche

In der katholischen Vorstellung und Erinnerung steht der Heilige für Einfachheit, tiefe Liebe zur Schöpfung und für die Armen, ein völliges Lassen weltlicher Macht und Status. Er steht für das charismatische Prinzip, der Papst als Amt für das hierarchische. Die beiden zusammen zu führen war und ist mutig und eine deutliche Ansage.

Eine zweite Spur: Laudato Si’. In der Enzyklika nimmt der Papst immer wieder sehr deutlich Bezug auf den großen Heiligen, nicht nur durch das lange Zitat des Sonnengesangs (in der Ursprungsversion, in der auch Schwester Tod gepriesen wird, nicht in der etwas eingekitschten Version, sie sich fast automatisch in Melodieform im Hirn bildet, wenn ich den Titel der Enzyklika nur höre). Schöpfung ist mehr als Umwelt, Schöpfung ist Gerechtigkeitsfrage, ist soziale Frage, ist Gottesfrage, ist die Frage nach der Ganzheitlichkeit der Welt, in den Worten der Enzyklika: „alles hängt mit allem zusammen“.

 

Franziskaner und Jesuit

 

Eine andere Spur hatte ich schon genannt, das Zitat vom Verkünden mit allem, und wenn es sein muss dann auch mit Worten.

Papst Franziskus hat den Heiligen noch in einem anderen Punkt aufgegriffen: im Punkt der Barmherzigkeit Gottes, die sich in der Vergebung aller Sünden ausdrückt. Der Heilige habe alle Menschen „ins Paradies“ schicken wollen, deswegen das Ringen um die Erlaubnis für einen eigenen Ablass für Assisi – für die Kapelle unten, nicht die Kirchen in der Oberstadt – den ersten Ablass außerhalb Roms, und dann auch noch ohne Geld. Für den Papst steht der Heilige auch für Gottes erbarmende Liebe, Nähe und Vergebung. „Gott vergibt. Immer. Alles.“ Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein, Die deutschsprachige Kirche, Franziskus, Geschichte, Glaube und Gerechtigkeit, Glaube und Vernunft, Spiritualität / Geistliches Leben, Sprechen von Gott, Vatikan | Verschlagwortet mit , , , , , , | 22 Kommentare

Verstreut?

Etwas überrascht war ich schon über die heftigen Reaktionen auf unserer Facebook-Seite zum Thema Regelungen von Beerdigungen in der katholischen Kirche. Da gibt es erstens darum, noch einmal zu bekräftigen, dass Feuerbestattungen gehen und das genauer zu fassen, zweitens ging es darum darauf hinzuweisen, dass das Verstreuen der Asche keine katholische Form der Beerdigung ist.

Da wolle Kirche sich in die Entscheidungen von Menschen einmischen, verhalte sich übergriffig, sei von gestern, solle doch bitte bei den Menschen ankommen, so waren die Kommentare.

Im Geschichtsstudium habe ich mal gelernt, dass die beste Weise, eine vergangene Kultur kennen zu lernen, der Blick auf die Beerdigungsriten ist. Wie geht eine Gesellschaft mit denen um, die nicht mehr da sind. Erinnern wir uns? Brauchen wir einen Ort für die Erinnerung? Wohl gemerkt, nicht der dann schon Gestorbene, sondern die Lebenden?

Beerdigen ist nicht nur eine Entscheidung der Menschen, die über ihren Körper verfügen. Sondern auch der Gemeinschaft, die sich erinnert. Und wenn diese Gemeinschaft eine glaubende Gemeinschaft ist, darüber hinaus auch noch eine, die an die Auferstehung des Leibes glaubt und den Köper nicht von der Seele trennen will, dann hat das Auswirkungen auf die Beerdigungsriten.

 

Beerdigungsriten stehen für eine Gemeinschaft

 

Die Asche zu verstreuen ist ein Zeichen dafür, dass man nicht erinnert werden will. Kein Ort, kein Grabstein. Früher hat man das sogar absichtlich benutzt, um die Erinnerung an einen Feind auszulöschen. Es gibt keinen Ort mehr, wo getrauert wird. Die Kirche sagt dazu eben nein, wir brauchen als Menschen und als Gemeinschaft einen Ort für die Trauer.

Und was soll bitte schlimm daran sein, dass eine Gemeinschaft sich selber Regeln gibt? Die meiste Häme ergießt sich immer dort, wo jemand einen Eingriff in die persönliche Freiheit vermutet. Als ob die Kirche noch tagtäglich Vorschriften machen würde. Das ist doch völlig an der Realität vorbei. Ich persönlich sage über mich, dass meine eigene Beerdigung das geringste meiner Probleme ist.

Es gibt Regeln für Beerdigungen auch in Deutschland, man darf nicht alles. So gibt es die Sargpflicht für Erdbestattungen, etwas, was jetzt neu unter die Lupe muss bei Kulturen, die das nicht kennen und die anders beerdigen. Wollen wir es bei der Sargpflicht belassen oder andere Weisen der Bestattung aufnehmen? Das wird zu überlegen sein.

Was kann da falsch daran sein, dass eine Gemeinschaft für sich bestimmt, dass bestimmte Dinge nicht in Frage kommen? Damit wird es ja nicht der gesamten Gesellschaft aufgedrückt, es ist nur die Regelung der Gemeinschaft – in diesem Fall der Kirche – für die Mitglieder.

Es ist – und diese Wiederholung mache ich bewusst – eben keine Einzelentscheidung, sondern eine Entscheidung für die gesamte Gemeinschaft.

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Die deutschsprachige Kirche, Glaube und Vernunft, Neulich im Internet, Spiritualität / Geistliches Leben | Verschlagwortet mit , , , | 29 Kommentare

Tischgemeinschaft

Vielleicht war es einfach zu verführerisch: Ein katholisches Internetportal hat seinen Bericht über den ökumenischen Gottesdienst in Lund mit folgendem Satz begonnen: „Papst Franziskus hat in Lund eine Erklärung zum gemeinsamen Abendmahl mit den Lutheranern unterzeichnet – und damit Geschichte geschrieben.“ Was natürlich Unsinn ist.

Zum einen ist das genau die Haltung, welche durch Dokument und Feier überwunden werden soll. Beide Partner haben unterschrieben, nicht nur der Papst. Die einseitige Profilierung auf Kosten der anderen ist von gestern.

Der Papst in Lund: rechts Bischof Younan, links Martin Junge vom LWB

Der Papst in Lund: rechts Bischof Younan, links Martin Junge vom LWB

Zweitens ist es schon ziemlich sportlich, das Dokument als „Erklärung zum gemeinsamen Abendmahl“ zu bezeichnen. Es ist insgesamt etwa zwei Seiten lang, nur ein Absatz handelt von der Eucharistie. Der ist wichtig, aber keineswegs das Schwergewicht. Und wenn man selber das Dokument liest, wird das auch schnell deutlich.

Solche Schnellschüsse machen es sehr schwer, die Rolle der Eucharistie-Frage hier richtig einzuschätzen. Ich will das trotzdem mal probieren.

 

Gemeinschaft oder Gastfreundschaft

 

Zum einen war das die eine Frage, die bei allen Pressekonferenzen und in allen Medien immer genannt wurde, mehrfach. Selbst wenn die gemeinsame Erklärung das nicht erwähnt hätte, wären Katholiken und Lutheraner um diese Frage nicht herum gekommen.

Zweitens ist die Reiseplanung des Papstes, erst die Ökumene zu feiern und danach heilige Messe, bei den Lutheranern Schwedens nicht wirklich gut angekommen. Die Messe ist nun mal der Punkt, wo die Trennung sichtbar und schmerzhaft ist, das direkt nach der Ökumene-Veranstaltung zu machen erzeugt Reibung. Aber so ist Ökumene eben. Wir dürfen uns nichts vormachen oder das Problem kleinreden.

Drittens ist das nicht nur einfach eine Frage, ob Katholiken andere zulassen oder nicht. Der schwarze Peter liegt nicht nur bei uns. Kardinal Koch hat bei der Pressekonferenz am Montagabend noch einmal Stellung bezogen. Er hoffe, selber einmal ein Dokument unterzeichnen zu können, das die Fragen löst. Wenn das man kein Zeichen der Hoffnung ist. Und dann weiter: „Wir müssen einen Unterschied machen zwischen eucharistischer Gastfreundschaft für Einzelne und eucharistischer Gemeinschaft“. Diese Unterscheidung allein zeigt schon, dass das Ganze nicht einfach nur schwarz und weiß ist. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein, Franziskus, Glaube und Vernunft, Glaube und Welt, Kirche und Medien, Neulich im Internet, Ökumene, Papstreise, Spiritualität / Geistliches Leben, Theologisches | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 62 Kommentare

Die Mühen der ökumenischen Ebene

Die Kathedrale von Lund ist nicht wirklich groß, wunderschön aber nicht groß. Die versammelte ökumenische Prominenz musste sich etwas drängeln, um Platz zu finden. Und es waren wirklich alle da: Nur um mal einige Namen ins Feld zu werfen die deutschen Bischöfe Bode und Feige, Frère Alois von Taizé, mit den Kardinälen Koch und Parolin vatikanische Schwergewichte, koptische, orthodoxe und evangelikale Vertreter in bunt, die ökumenische Theologie in Vollstärke und natürlich sehr viele lutherische geistliche Trachten.

Papst Franziskus bei seiner Ansprache in Lund

Papst Franziskus bei seiner Ansprache in Lund

Und das aus gutem Grund: es war ein historisches Ereignis. Lutherische und katholische Kirche laden gemeinsam zu einem Gottesdienst im Gedenken an die Rerformation ein. Noch mal, falls das zu schnell ging: an die Reformation. Das klingt so normal, dass man vergessen kann, wie unwahrscheinlich so etwas noch vor wenigen Jahren gewesen wäre, jedenfalls mit Anwesenheit des Papstes.

Und dennoch: Man muss genauer hinsehen und hinhören. Wer nicht hier ist und die Begeisterung nicht teilt, die alle Papstevents nun einmal an sich haben, der wird sich fragen, was das denn nun gebracht hat. Und genau dazu habe ich meinen Kommentar für RV heute geschrieben:

 

Es war nicht die große ökumenische Vision, die an diesem Montag in Lund zu sehen war. Wer das große Zeichen, den bahnbrechenden Schritt, die großen Worte erwartet hatte, der wurde enttäuscht. Stattdessen war viel vom Weg die Rede, „die große Reise fortsetzen“ nennt es die unterzeichnete gemeinsame Erklärung. Es war vom Bekenntnis der eigenen Fehler die Rede und vom gemeinsamen Zeugnis für Christus.

Nur in der schon erwähnten gemeinsamen Erklärung wird die Trennung in der eucharistischen Gemeinschaft genannt, sie wird festgestellt und beklagt, kein revolutionärer Akt wird vollzogen.

Nichts Spektakuläres, aber vielleicht ist ja gerade das das Zeichen der Ökumene heute. Viel ist erreicht, vor allem mit der lutherischen Kirche, so dass sich Ökumene jetzt neu orientieren muss. Der Wunsch nach Einheit tritt oft hinter dem Wunsch nach Profilierung zurück, das muss sich wieder ändern. Ökumene ist nicht nur für die Kirchen da, sondern soll auch nach außen wirken, ein neuer Gedanke, der Fuß fassen muss. Die eucharistische Trennung ist Realität, Konvergenzen in der Theologie werden festgestellt, aber ganz da sind wir noch nicht, da braucht es – um in der Wegmetapher zu bleiben – viele kleine Schritte, nicht die große Geste.

Die Liturgie in Lund war geprägt von Gebet, Dank, von Ausdrücken der Reue und von der Versicherung, gemeinsam Zeugnis ablegen zu wollen. Noch einmal: das ist alles nicht spektakulär. Aber genau das ist heute Ökumene: die berühmten Mühen der Ebene. Das ist die Botschaft, die von Lund ausgeht, für die nächsten Schritte auf dem Weg.

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Franziskus, Glaube und Vernunft, Glaube und Welt, Kirche und Medien, Ökumene, Papstreise, Spiritualität / Geistliches Leben, Unterwegs | Verschlagwortet mit , , , , | 16 Kommentare

Schwarz

Die Schuhe, die Schuhe

Die Schuhe, die Schuhe

Jeder darf mal. In Italien und Deutschland haben sich die Geschichten zu päpstlichen roten Schuhen ziemlich ausgeschrieben, kein Redakteur hebt das mehr ins Blatt, irgendwie langweilig.

Jetzt ist Schweden dran. Keiner erinnert sich mehr daran, was für eine Farbe die Schuhe von Johannes Paul II. bei seinem Besuch 1989 gehabt haben, aber sei’s drum. Alle haben in der Vergangenheit über Schuh-Farbe geschrieben, jetzt also auch Schweden.

Anspruchslose Schuhe seien das, so der Kommentar am Bild in dieser Zeitung. Auf einer Doppelseite wird alles aufgeschrieben, was irgendwie Papst ist, wo er hinfährt und anderes Nützliches.

Aber während die Farbe der Schuhe früher ein Weg war, über den Papst zu schreiben und zu sagen, wie fremd der doch der Welt der Normal-Schuh-Farb-Tragenden ist, versteht das heute kaum noch wer. Wer nichts vom Papst weiß – und das sind in Schweden viele – der wird sich verwundert die Augen reiben, weswegen ausgerechnet eine Schuhfarbe wichtig sein soll.

Mit der Geschichte ist es wie mit dem Grund, weswegen Päpste früher Rot getragen haben: Es versteht keiner mehr.

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Franziskus, Kirche und Medien, Papstreise | Verschlagwortet mit , , , | 4 Kommentare

Titelseite

Eine vertraute Ansicht: Papst Franziskus auf der Titelseite einer führenden Tageszeitung. Tage vor einer Reise ist das normal geworden und irgendwie auch richtig, das Interesse ist da, journalistisch ist es eine gute Geschichte, auch wenn es wie in diesem Fall eine Zeitung betrifft, die sonst eher um Religion einen Bogen gemacht hat.

Dagens Nyether heute, Samstag

Dagens Nyether heute, Samstag

Das Besondere bei dieser Zeitungsausgabe an diesem Samstag ist natürlich, dass da ein Interview mit dem Papst drin ist (hier die englische Version). Kein eigenes, von der Redaktion der Zeitung selbst gemachtes und verantwortetes Interview, sondern die Übernahme eines Interviews, dass der Jesuitenpater Ulf Jonsson mit dem Papst geführt hatte.

Dazu gibt es aber gleich auch eine Einordnung durch die Redaktion, die fast schon wie eine Entschuldigung klingt. Man nimmt das Interview – eine Kurzform des Interviews, wie es in der Jesuitenzeitschrift Schwedens ‚Signum‘ erschienen ist – obwohl es nicht von der eigenen Redaktion ist, obwohl es kein journalistischer Text sondern ein religiöser ist und obwohl man das sonst nicht macht. Interessant, dass es dann nicht nur zur Übernahme des Textes, sondern gleich auch zur Titelseite gereicht hat.

Es ist halt ein Scoop, den will sich eine Zeitung nicht entgehen lassen.

Die Erklärung zum Abdruck ist aber auch sonst interessant. Man habe sich selber auch um ein eigenes Interview bemüht, aber keins bekommen, deswegen die Übernahme. Und selber hätte man auch viel kritischere Fragen gestellt. Und drei Fragen werde dann auch gleich angegeben: Korruption, Pädophilie, katholische Sexuallehre. Das hätte die Zeitung gerne gefragt.

Da bin ich doch gerade mal froh, dass die Zeitung nicht selber hat fragen können. Diese Fragen wurden schon zig Mal gestellt und beantwortet, das sind nur Versuche, sich als Journalist kritisch zu profilieren. Das jetzt abgedruckte Interview ist sehr persönlich und für Leute, die den Papst verfolgen auch vielleicht nichts allzu Neues, aber für die Zeitungsleser in Schweden bietet es doch einen Blick, den man sonst so nicht hat. Eben auch deswegen, weil Journalisten immer dieselben Fragen stellen.

Nicht falsch verstehen: Die kritischen Fragen sind und bleiben kritische Fragen und das ist auch gut so. Aber wenn ein stark säkularisiertes Land verstehen lernen will, was das ist: Kirche und wer das ist: Papst, dann hilft es nur bedingt, die üblichen Kampfgebiete zu bedienen.

Da ist das Interview von P Ulf Jonsson schon wieder sehr journalistisch.

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Franziskus, Glaube und Welt, Kirche und Medien, Ökumene, Papstreise | Verschlagwortet mit , , , | 8 Kommentare

Das Gesetz durchlaufen

Das Reich Gottes ist nicht fix, sondern es entsteht, täglich. Viel deutlicher kann der Papst den Grundzug seines Denkens gar nicht machen: Die Dynamik des Glaubens und Lebens. Der Satz oben stammt aus der Predigt vom Dienstag, aber die Idee dahinter hat er schon öfters formuliert. Sie findet sich in fast allen, was der Papst sagt. Vom Aufstehen, Losgehen, Aufbrechen und aus sich heraus Gehen über die Dynamik der Reform, über die Ökumene der Begegnung zu all den anderen Dimensionen, in denen Dynamik eine Rolle spielt. Ich habe das hier schon ausführlicher besprochen, ich belasse es deswegen mal mit einem Link.

Eine Geschichte möchte ich Ihnen aber nicht vorenthalten. Und zwar haben wir das auch beim Abendessen diskutiert und dabei hat ein Mitbruder eine witzige Geschichte erzählt.

Immer auf dem Weg: Der Papst

Immer auf dem Weg: Der Papst

Also: Die Firma Xerox will wissen, wie sie noch besser Fotokopierer herstellen kann, was die können müssen und wie sie eingesetzt werden. Also engagieren die einen Ethnologen, der sich in Büros umsehen soll, Bürokultur und –abläufe studieren und dann seine Einsichten unterbreiten soll. Ethnologie hieß früher mal Völkerkunde und vergleicht Kulturen, Verhaltensweisen und Gesellschaften der Menschen.

Der Ethnologe macht aber etwas anderes, als seine Auftraggeber zunächst dachten, etwas viel Spannenderes. Und zwar fährt er ein Jahr lang mit Menschen umher, die diese Groß-Kopierer reparieren. In großen Städten gibt es immer einen Pool dieser Mechaniker, wenn so ein Gerät streikt, legt es ja den Betrieb lahm und das muss schnellstens abgestellt werden. Ein Jahr also fährt er mit, beobachtet die Techniker bei der Arbeit und dann schreibt er darüber ein Buch. Diese Menschen sind alles keine Ingenieure, die meisten kommen von Farmen irgendwo in den USA, findet der Ethnologe heraus. Und Menschen vom Land wissen, dass man nichts wegwirft, sondern dass man kreativ reparieren kann.

Schäden richten sich nicht nach dem Manual

 

Also – so beschreibt es der Wissenschaftler – sitzen sie beim Kaffee zusammen, um auf den nächsten Ruf zur Reparatur zu warten, und erzählen sich derweil, was für Probleme sie neulich mit welchem Modell hatten und wie sie das gelöst haben. Es entsteht also ein Wissens-Pool auf Erzählbasis, mündlich tradiert. Gleichzeitig gibt es aber auch das mehrer hundert Seiten lange Manual, das genau vorschreibt, was wie zu machen ist. Nur richten sich die entstehenden Schäden meistens eher nicht nach den Vorgaben des Buches, die Maschinen gehen nicht nach Vorschrift kaputt, sozusagen. Und so entsteht eben das Wissen der Techniker vor Ort.

Und die Moral von der Geschicht’? Der die Geschichte erzählende Mitbruder meint, diese Dualität von Manual und Schraubenzieher entspreche in etwa dem, wie wir als Christen mit Leben und Text umgehen. Wir haben Vorschriften und Leitlinien, das Leben in seinen Brüchen und Freuden richtet sich aber selten danach, was im Buch steht und so entsteht eben auch gelebter Glaube, neben dem aufgeschriebenen. Das eine geht ohne das andere nicht, auch die Techniker brauchen die Grundlage. Weil das Leben aber komplexer ist, wird es halt so gelebt, wie es nun mal geht.

Und bevor jetzt wieder einige Menschen hyperventilieren und „Verrat an der Lehre“ oder dergleichen in die Tasten hauen: Die Geschichte dient nur dazu, humorvoll das aufzugreifen, was der Papst gesagt hat. Ich zitiere einmal unseren Bericht von der Predigt am Dienstag:

 

Das Reich Gottes macht man, täglich

 

Nichts ein für allemal Festgesetztes sei das Reich Gottes, sagte Franziskus dazu, sondern es befinde sich im Werden, im Wachsen, „auf dem Weg“. „Was ist das Reich Gottes? Nun ja – vielleicht eine richtig gut gemachte Struktur, wo alles geordnet ist, durchdachte Organigramme, und was da nicht hineinpasst, ist nicht Reich Gottes? Nein. Mit dem Reich Gottes verhält es sich vielmehr wie mit dem Gesetz… Es ist dafür da, es zu durchlaufen, das Reich Gottes ist unterwegs. Es steht nicht still. Mehr noch: Das Reich Gottes macht man, täglich.“

Das Gesetz ist dafür da, es zu durchlaufen. So habe ich das noch nie gehört und selber auch noch nie gesehen. Die beiden Dinge werden doch sonst eher als Gegensatz formuliert. Aber der Papst und die Erfahrungen der Firma Xerox zeigen, dass es ineinander gehört.

Nicht das Haben des Buches in der Hand zählt, sondern das Leben des Glaubens, täglich neu und meistens anders, als man sich selbst das so gedacht hat. Glauben ist halt spannend.

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Franziskus, Glaube und Vernunft, Spiritualität / Geistliches Leben, Theologisches | 9 Kommentare