Selbstverpflichtungen

Pater Jon Sobrino SJ

Pater Jon Sobrino SJ

Vielleicht wäre es eine gute Idee, eine Bischofssynode zum „Katakombenpakt“ der Bischöfe nach dem Konzil zu machen. Das sagte in einem Journalistengespräch der Befreiungstheologe Jon Sobrino, der zu einer Konferenz in Rom war. Dieser Pakt ist nicht wirklich bekannt, mehr dazu hier, aber auch in anderen Teilen der Welt – selbst in Lateinamerika – war er in Vergessenheit geraten.

Warum jetzt also erneutes Interesse und sogar die zugegeben etwas wilde Idee Sobrinos? Nicht, um eines historischen Ereignisses zu gedenken, so interessant das auch sein mag. Es geht um einen „Aufruf an die Menschen heute“, sagt Sobrino. Nicht um die Rehabilitierung oder Würdigung von etwas Vergangenem. Armut ist heute eine Realität, anders vielleicht als früher, es gibt weniger davon, international. Aber der Aufruf bleibe bestehen.

Es geht also um die Idee. Es geht um die Armen und um die Frage der Glaubwürdigkeit. Papst Franziskus nennt es die „arme Kirche für die Armen“. Die Kirche soll arm und dienend sein. Die Frage lautet also, wie das heute aussehen kann und muss. Wie sieht konkrete Solidarität aus? Was darf man haben, benutzen und einsetzen, was nicht? Was heißt das für Lebensstil und die Frage einer doch eher bürgerlichen Religion, wie sei bei uns existiert?

Die Bischöfe hatten im Katakombenpakt von „wir“ gesprochen, sie haben im Plural gesprochen, sagt Sobrino. Nicht ein Papst spreche, eine Konferenz, auch nicht ein Bischof mit seiner Meinung, sondern eine Gruppe sprach. Das war damals neu. Außerdem richtete sich dieses „wir“ sozusagen nicht an andere und sprachen andere an, sondern ging eine Selbstverpflichtung ein. Es ging also erst um die Bischöfe selber, nicht darum, was andere zu machen hatten.

Es geht, so Sobrino, um die Frage der Glaubwürdigkeit der Bischöfe und die Frage der Armut. Die Bischöfe von Lateinamerika hatten festgestellt, dass es oft an ihnen liege, dass die Kirche unglaubwürdig sei. Der Katakombenpakt selber war lange Jahre nicht präsent, auch in Lateinamerika nicht. Dass er jetzt wiederentdeckt wird, ist ein gutes Zeichen. Es dürfe bloß nicht im „damals“ stecken bleiben, er dürfe auch nicht nur einfach wiederholt werden, er müsse aktualisiert werden.

Ob das dann gleich eine Bischofssynode sein muss, das lasse ich mal dahin gestellt. Aber dass sich die Weltkirche dieser Frage stellen muss, über Lateinamerika hinaus, das liegt finde ich auf der Hand. Papst Franziskus hat das in seinem Satz nur noch einmal klar herausgestellt. Es bleibt eine Anfrage an die Kirche.

 

 

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Das Gastgeschenk

Der Kelch des Papstes für die lutherische Gemeinde

Der Kelch des Papstes für die lutherische Gemeinde

Wenn der Papst auf Reisen ist, bekommt jeder besuchte Bischof als Gastgeschenk einen Kelch. Es war also ein symbolisch aufgeladener Moment, als an diesem Sonntag auch Pfarrer Jens-Martin Kruse und die Evangelisch-Lutherische Gemeinde in Rom einen solchen Kelch als Geschenk erhielten.

Jahrzehnte und Jahrhunderte haben die Kirchen über die Kommunion in beiderlei Gestalten gestritten, auch deswegen ist die Gabe eines Kelches sehr versöhnlich. Und nicht zuletzt war das auch das Geschenk, das Papst Paul VI. dem Patriarchen Athenagoras gab, nachdem die 1.000 Jahre dauernde gegenseitige Exkommunikation zwischen Orthodoxen und Katholischen aufgehoben war.

Man konnte die angehaltene Luft in der Kirche geradezu hören, auch denen, die nicht alle Hintergründe kannten, war die Symbolik dieses Geschenkes sofort klar. Hier passiert ein Schritt, der so nicht zu erwarten gewesen war.

Im Fall der Bischöfe ist der geschenkte Kelch ein Zeichen der Verbundenheit in der Eucharistie. Jetzt ist dieser Kelch aber auch ein Zeichen der Hoffnung, dass das einmal möglich sein wird zwischen Lutheranern und Katholiken. Papst Franziskus hatte in einer Antwort auf eine der ihm gestellten Fragen betont, dass es nicht seine Kompetenz sei, das einfach so zu entscheiden. Aber sein Kommen, seine Worte, die Gesten waren ein deutliches Zeichen für die Hoffnung, dass die Einheit mit der Gnade Gottes einmal gelingen wird.

 

Zeichen von Hoffnung

 

Das Wort „Ökumene“ hat der Papst übrigens nicht ein einziges Mal benutzt. Mir ist das gar nicht aufgefallen, aber ein kluger Kollege hatte aufgepasst. Theologische Debatten und Kommissionen sind wichtig, aber ich vermute, dass der Fortschritt woanders liegt. Es war auch nicht vom Reformations-Gedenken die Rede, von Teilnahme oder Nichtteilnahme, dieser Papst besucht Menschen, er verabschiedet keine Programme oder schreibt Berichte. Dieser Papst geht andere Wege, als wir sie vielleicht gewohnt sind. Weiterlesen

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Dritter Weltkrieg?

Er hat es wieder getan. Papst Franziskus hat eine Gabe, Dinge sehr deutlich auszusprechen. Und so hat er – bei einem Telefoninterview mit einem italienischen TV-Sender – bestätigt, dass die Anschläge von Paris zu dem gehören, was er den „Dritten Weltkrieg“ nennt, einen Krieg in Stücken.

Papst Franziskus predigt in Sarajevo

Predigt in Sarajevo

Das hat er nicht zum ersten Mal getan. „Es ist eine Art dritter Weltkrieg, der stückweise geführt wird, und im Bereich der globalen Kommunikation nimmt man ein Klima des Krieges wahr.“ Das sagte er bei seinem Besuch in Sarajevo im Juni diesen Jahres. Und auch bei fliegenden Pressekonferenzen nach Papstreisen ist dieses Wort schon oft gefallen.

Dabei definiert der Papst das Wort „Krieg“ um. Noch zu sehr steckt in unseren kulturellen Gedächtnissen die Definition von Clausewitz: Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Das sieht der Papst anders. Krieg ist nicht Politik, Krieg ist Zerstörung, aber Krieg ist auch Profit durch Waffenhandel, also Profit am Leiden anderer.

 

Clausewitz ist Vergangenheit

 

Drei Gedanken zu diesem Begriff des Papstes.

Frankreichs Präsident sagt, das Land befände sich im Krieg. Papst Franziskus geht weiter, die ganze Welt sei im Krieg. Das liegt auf der Linie dessen, was der Erzbischof von Paris, Kardinal Vingt-Trois gesagt hat: er denke an alle Opfer von Terror, die von Paris, aber auch die von Beirut, von Nigeria und so weiter. Paris ist uns nahe, weil wir Nachbarn sind und das genauso gut auch uns hätte treffen können. Aber in den von Boko-Haram geplagten Ländern oder anderswo gibt es das ebenso. Es ist also erstens ein echter „Welt“Krieg, weil es überall stattfindet.

Mit seinem Begriff des „Weltkrieges“ sagt der Papst zweitens auch, dass das keine lokalen Phänomene sind. Das gehört zusammen und das ist nur weltweit in den Griff zu bekommen. Wie ja auch die Finanzströme, die hinter all dem Terror stecken, international sind und wie der Waffenhandel international ist. Weiterlesen

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Ökumenische Erinnerung

Ich mag rote Linien. Ich mag es, wenn man über Tagesaktualität hinaus sich alte Dinge hervor zieht, um die Gegenwart in neuem Licht oder anderer Perspektive zu sehen. Und wenn Papst Franziskus morgen – Sonntag – in der Evangelisch-Lutherischen Gemeinde hier in Rom einen ökumenischen Gottesdienst feiert, dann lohnt es sich vielleicht, sich daran zu erinnern, dass die Päpste Benedikt XVI. und Johannes Paul II. das auch schon getan haben.

Beim letzten Besuch im März 2010 war ich schon in Rom, das habe ich damals mitbekommen. Die – frei auf deutsch gehaltene – Predigt von Papst Benedikt wirkt bis heute nach, die Gemeinde erinnert sich immer noch sehr gut:

„… Zum Christsein gehört das Wir-Sein in der Gemeinschaft seiner Jünger. Und da steht die Frage der Ökumene in uns auf: die Trauer darüber, daß wir dieses Wir zerrissen haben, daß wir doch den einen Weg in mehrere Wege zerteilen, und so das Zeugnis verdunkelt wird, das wir damit geben sollten, und die Liebe selbst nicht ihre volle Gestalt finden kann. Was sollen wir dazu sagen? Wir hören heute viele Klagen, die Ökumene sei zum Stillstand gekommen, Vorwürfe gegenseitig; ich denke aber, zu allererst sollten wir doch dankbar werden, daß es soviel Einheit gibt. Weiterlesen

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Wir erschaffen die Probleme

Die Flüchtlingsdebatte hat das Gesicht von Kanzlerin und Ministern, nicht mehr ausschließlich das von Booten und weinenden Kindern und Menschen, die ihr ganzes Hab und Gut über einen Zaun zu bringen versuchen. Das ist gut so. Immer mehr wird über die Politik gesprochen und darüber, was man tun muss und darf und soll und kann. Angefangen in Bayern wird jetzt in ganz Deutschland samt Berlin zum Beispiel über die Reduzierung von Familiennachführung gestritten. Die Kirche – Kardinal Woelki aus Köln – ist dafür, viele andere dagegen, weil sie sich davon eine machbare Beschränkung erhoffen.

Zunächst einmal finde ich das gut, dass die Debatte nun mehr politisch geführt wird. Wir Journalisten schaffen Bilder, von denen wir hoffen, dass sie Mitleid schaffen. Das ist im Übermaß passiert, wie will man auch anders berichten von Menschen, die alles verloren haben oder alles aufgeben, die kein Land mehr haben oder keine Zukunft mehr. Die Bilder wollen uns beteiligen an dem Schicksal.

Aber gleichzeitig schaffen diese Bilder auch Angst. Sorge, mit alldem nicht fertig zu werden und die Ahnung, dass sich sehr, sehr viel ändern wird.

Hans Rosling erklärt die Welt.

Hans Rosling erklärt die Welt.

Aber wie dem auch sei, es ist eigentlich gar nicht die Aufgabe von Journalisten, nur solche Bilder zu schaffen. Wir sollen nicht nur mit dem Herzen auf diese Situation reagieren, sondern auch mit dem Hirn. Dazu brauchen wir Information über die Welt, nicht das Aufrufen von Emotionen. Der Verstand sollte uns Dinge beibringen, Optionen zeigen und dann klug entscheiden lassen, in einer Demokratie. Mitleid ist gut. Trauer ist gut, das hat uns Papst Franziskus bei seinem Besuch auf Lampedusa gesagt, erst einmal müssen wir trauern um den Tod so vieler Brüder und Schwestern. Geholfen wird ihnen aber mit dem Hirn genauso viel wie mit dem Herzen.

 

Hirn und Herz

 

Deswegen finde ich gut, dass die Debatte jetzt nicht nur mit Flüchtlings- und Migranten-Bildern geführt wird.

Vor einigen Jahren habe ich hier an dieser Stelle schon mal über einen Vortrag von Hans Rosling berichtet. Ihn bei einer Veranstaltung zu hören hatte ich jetzt noch mal das Vergnügen. Seine These: Wir verarbeiten Informationen auf der Basis von Mythen. Profis genauso wie einfache Nutzer. Wir haben verlernt, unsere Infos einem Update zu unterwerfen.

Rolling sprach von der Flüchtlingskrise. Seinen Statistiken nach kommen Flüchtlinge und Migranten vor allem aus Ländern, die bereits einen sozialen und ökonomischen Aufstieg erlebt haben und erleben, wo Menschen also gelernt haben, eine Wahl zu haben. Also nicht aus den ärmsten der armen Ländern, sondern aus Ländern, wo es bereits Bildung und Aufstieg und Verbesserung der Lebensverhältnisse gab und gibt, so gering sie auch sein mögen.

Die Bevölkerungsentwicklung ist ein anderes Beispiel: Der „Alte Westen“ wird im Jahr 2100 weniger als 10 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Afrika dagegen wird vier mal so viele Einwohner haben wie ganz Europa, Russland eingeschlossen (siehe Foto). Nachzuhören ist Rosling hier.

Buchstabieren wir das einmal aus: Wir sehen im Augenblick erst den Anfang, wenn im Augenblick in Europa dieselbe Anzahl Menschen wie in Afrika leben, werden es Ende des Jahrhunderst viermal so viele Menschen sein, die moderner leben, die Strom haben und Kinder in der Schule, die also bewusste Entscheidungen über ihr Leben getroffen haben und treffen – wenn auch auf ökonomisch geringerem Niveau – und die dann entscheiden, dass es in Europa besser wäre. Wir sehen erst den Anfang.

 

Erst der Anfang

 

Bisher reagieren wir darauf falsch, viele Probleme werden von uns aus erst geschaffen. Zum Beispiel das Risiko der Überfahrt über das Mittelmehr. Wir regen uns über den Zaun auf, den Ungarn an seiner Grenze baut? Zurecht, da sehen wir weinende Kinder und verzweifelte Eltern auf dem TV-Schirm. Aber das ist nichts gegen die Grenzen, die wir gegen sicheres Reisen bauen. Warum lassen wir die Menschen nicht fliegen? Es gibt Mechanismen, die sich darum kümmern. Wenn sie ein Recht haben, lassen wir sie ein sicheres Transportmittel nehmen. Auch die EU kennt das Prinzip der Nichtzurückweisung, warum setzen wir das nicht sicher um sondern zwingen die Menschen auf Boote?

Hilfe für die Menschen auf diesen Booten und an den Grenzen ist das eine. Das sind die Bilder des Mitleids. Aber es sind eben auch die Gründe zu suchen, und die liegen oft bei uns. Wir schaffen erst die unsicheren Fluchtrouten, weil wir und dann sicherer fühlen und weil wir in der Illusion leben, die entstehenden Bewegungen aufhalten zu können. Das können wir aber nicht.

Ich darf noch einmal Hans Rosling zitieren. Er berichtet von der Hilfe für Flüchtlinge in seinem Land, Schweden. Dort wird das Geld, das Flüchtlingen insgesamt zur Verfügung gestellt wird, zunehmend in Schweden selbst eingesetzt. Das ist das Dümmste, was man tun kann. Schweden hat sein komplettes Budget für Hilfe für Flüchtlinge in Schweden ausgegeben, kaum Geld geht nach draußen. Und das löst nicht nur das Problem nicht, sondern es macht es schlimmer. Das Resultat ist nämlich eine faktische Kürzung der Entwicklungshilfe. Mit dem Ergebnis, dass immer mehr Menschen den Anreiz spüren, von dort weg zu gehen, wo ihnen eh keiner hilft. Das Ergebnis müsste eine Erhöhung der Entwicklungshilfe sein, stattdessen schaffen wir uns unsere Probleme der Zukunft gerade erst.

Also, der Verstand ist wichtig, Informationen sind wichtig, ein vorurteilsfreies Schauen auf die Realitäten ist wichtig. Und ein Eingestehen, dass es Entwicklungen gibt, die wir nicht aufhalten können, die es aber zu gestalten gilt. Und deswegen gehört das in die politische Debatte.

 

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Clowns bij de paus

Doppelseite in der niederländischen Zeitung de Volkskrant

Die Seite im Volkskrant

Clowns beim Papst – der Fotoredakteur der niederländischen Zeitung de Volkskrant (einer der großen Zeitungen des Landes) hat einige Bilder zusammen gestellt, die den Papst mit Clowns zeigen. Die sind nicht einer einzigen Veranstaltung entnommen, sondern gesammelt.

Das Ganze kann man auch online sehen, und zwar hier.

Es sind nur Eindrücke, die aber eine wunderbare Seite dieses Papsttums zeigen: Freude ohne Lächerlichkeit, Spaß ohne Oberflächlichkeit, ein Papst der für die Freude des Evangeliums genauso zu haben ist wie für die Freude am Leben.

 

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Projekt Franziskus

Man kann im synodalen Prozess erkennen, wie das „Projekt Franziskus“ funktioniert, was bei ihm Reform und Umkehr der Strukturen bedeutet. Je länger ich über die vergangenen Wochen nachdenke und das mit anderen debattiere, desto einleuchtender scheint mir diese These. An dieser Stelle einmal eine kleine Materialsammlung dazu, fertig ist das Ganze sicher noch nicht. Angedeutet hatte ich das Projekt hier ja schon einmal.

Selten waren die Kommentare zum Papst so völlig durcheinander wie nach der Bischofssynode vor zwei Wochen. Aus allen Richtungen der Kompassnadel kamen die Einschätzungen, der gemeinsame Nenner schien zu sein, dass man nicht wirklich einschätzen konnte, was da passiert ist. Bei einigen haben die Konservativen gewonnen, als ob es um Sieg oder Niederlage gegangen sei, bei anderen die war es ein Sieg Liberalen. Dritte sehen die Reform gestoppt, andere wissen so recht gar nicht, wie der Prozess und der Schlusstext zu deuten sind.

Besuch in den USA

Besuch in den USA

Meine These ist, dass man an der Synode gut sehen kann, was das eigentlich ist, das „Projekt Franziskus“. Dazu möchte ich ganz einfach noch mal die vier berühmten Prinzipien heran ziehen, die der Papst in Evangelii Gaudium selber ausführlich angeführt hat.

 

Zeit ist mehr wert als der Raum

Hier geht es um Besitz, um gesicherte Positionen, um Festlegungen, alles Metaphern des Raumes. Dagegen setzt der Papst den Prozess, das Vorangehen, Metaphern der Zeit. „Dieses Prinzip (des Vorrangs der Zeit) erlaubt uns, langfristig zu arbeiten, ohne davon besessen zu sein, sofortige Ergebnisse zu erzielen.“ Spannungen aushalten, geduldig sein, das ist mit diesem Prinzip verbunden.

Schauen sie auf die Synode: die Unsicherheit in der Bewertung liegt auch darin, dass man Ergebnisse will, Entscheidungen. Also Raum. Den gibt der Papst aber nicht. Sondern er setzt auf Prozess, und das ist anstrengender.

 

Wirklichkeit ist wichtiger als die Idee

Das ist eigentlich selbsterklärend, aber dann doch etwas komplexer, als gedacht. Der Papst spricht in Evangelii Gaudium unter diesem Punkt von den „Formen der Verschleierung von Wirklichkeit“. Also, Idee ist nicht nur eine Gegenposition, sondern verschleiert in gewissen Formen diese Wirklichkeit. Und damit werden sie schädlich: „die engelhaften Purismen, die Totalitarismen des Relativen, die in Erklärungen ausgedrückten Nominalismen, die mehr formalen als realen Projekte, die geschichtswidrigen Fundamentalismen, die Ethizismen ohne Güte, die Intellektualismen ohne Weisheit.“ Weiterlesen

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Ach, wie progressiv

Kirche in New York

Kirche in New York

Auslöser für dieses Stück ist ein Foto, das ich in New York gemacht habe, bei der Papstreise im September. Auf den ersten Blick hat es mich sehr geärgert. „A progressive united methodist Community“ steht auf dem Banner. Nun mag das Wort ‚progressiv‘ ja innerhalb der Methodisten etwas ganz spezielles bedeuten, aber mich als Christen hat es erst einmal geärgert. Denn es spricht von Trennung.

Wir sind progressiv, ihr seid konservativ, die da sind traditionell, und so weiter. Sich diese Trennung zur Identität zu geben und damit auf Bannern vor Kirchen zu werben, das ging mir dann doch gegen den katholischen Strich.

Dazu kommt ein Zweites: man reklamiert für sich selbst ja das Positive. „Progressiv“ ist ja etwas gutes, sonst würde man sich das nicht buchstäblich auf die Fahne schreiben. Damit geht automatisch auch immer eine Abwertung einher. „Konservativ“ wäre die konträre Zuschreibung, die wir in der Debatte normalerweise haben, jedenfalls bei uns. „Nicht-progressiv“ – also die kontradiktorische Zuschreibung – wäre auch möglich, wir fortschrittlich, ihr nicht.

In dieser Diktion ist „progressiv“ gleich gut und „konservativ“ ist etwas, was sich der Moderne sperrt. Wobei man jemanden, der seit 30 Jahren dieselben Themen hat, durchaus als Konservativ verstehen könnte. Oder die Progressiven, welche nach der „Entweltlichungs“-Rede von Papst Benedikt in Freiburg 2011 die Kirchensteuerregelung verteidigt haben, als strukturkonservativ. Das nur als Nebenbenerkung.

Umgekehrt geht es übrigens genauso, auch das findet sich oft, das ist nicht den selbsterklärten Progressiven eigen: „Wir verteidigen den Glauben“ lautet das dann normalerweise, auch das bedeutet eine Trennung.

 

Wir alle sind konservativ

 

Wir lieben halt unsere Schubladen. Dabei sind jede Theologie und jeder Glauben notwendigerweise konservativ, wir stehen ja für etwas, was wir verteidigen, die Würde des Lebens etwa, die uns in der Schöpfung in der Gottesebendbildlichkeit geschenkt ist. Wir haben das Wort Gottes, das wir dadurch bewahren, dass wir es immer wieder studieren und übersetzen. Ohne das alles sind wir nur die NGO, über die Papst Franziskus so gerne und wiederholt schimpft.

Wir sind auch traditionell, denn unser Glaube ist ja nicht von uns selbst entwickelt. Er ruht auf den Schultern der Generationen vor uns auf, bis zurück zu den Aposteln. Deswegen glauben wir an die „apostolische“ Kirche, das ist das Empfangen mit dem Auftrag zur Weitergabe. Das ist traditionell. Weiterlesen

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Heilsam dezentral

In der Kirche sind wir nicht gewohnt, dass Differenzen sichtbar werden. Die Kanzel ist der Ort, von dem aus etwas erklärt und ausgelegt wird, und zwar das Wort Gottes. Nun benutzt kaum noch wer die Kanzel, aber Sie wissen schon, was ich meine. Wenn ich predige, beziehe ich mich auf die Heilige Schrift, die ich auslege. Das ist kein Ort für Streitkultur. Und dementsprechend hat die Weltkirche in den letzten 200 Jahren, seitdem im 19. Jahrhundert die Gesellschaft sich rapide veränderte, eine zentrale Kanzel geschaffen, um nicht den Nationalismen, Militarismen und den ganzen anderen -ismen nachgeben zu müssen: Rom.

Nun aber leben wir hier in einer freien Gesellschaft, der Zentralismus nicht nicht mehr das Gebot der Stunde. Dezentralisierung ist angesagt, Papst Franziskus hat das in seiner Rede zum Synodenjubiläum noch einmal genauer ausgelegt. Aber wie geht das?

Zwei Beispiele. Bischof Timothy Thornton, der anglikanische Bischof von Truro, ist bei der Synode dabei und wurde bei einer Pressekonferenz gefragt, wie das eigentlich die anglikanische Gemeinschaft mache, die streite doch auch über Moral- und Sexualitätsfragen, vor allem zwischen den USA und den Ländern Afrikas. Diese Gemeinschaft steht vor einer Zerreißprobe. Thornton hatte nicht wirklich eine Antwort. Die katholische Kirche muss diesen Weg also selber suchen und ertasten.

Ein zweites Beispiel: Keine vollständige Einigung beim Vorbereitungstreffen für das 2016 geplante Panorthodoxe Konzil. Die orthodoxen Kirchen, die ja dezentral sind, wollen sich seit 1.000 Jahren das erste Mal wieder zusammen setzen und ein Konzil abhalten. Die orthodoxen Kirchen hatten ein Konsens-Prinzip vereinbart, nun hat aber ein Papier nicht die Zustimmung aller Kirchen erhalten, damit ist alles wieder offen. Hier ist alles dezentral, und hier gibt es große Probleme zwischen den Kirchen.

Beide Beispiele zeigen Problemlagen, auf welche die katholische Kirche blicken muss, wenn sie wirklich „heilsam dezentralisieren“ will, um den Papst zu zitieren. Und auch im Innern unserer Kirche sind ja nicht alle dafür.

 

Rom nicht mehr Garant für die eigenen festen Überzeugungen

 

„Schisma!“ schreien gleich einige. Das ist eine Drohung. Interessant ist, dass die Differenzen in den vergangenen 30 Jahren nie mit diesem Ruf begleitet wurden, es gab harte Konflikte um Schwangerschaftskonfliktberatung – auch eine Frage von Einheit – und Bischofsernennungen. Aber keiner ist auf die Idee gekommen, gleich vor einem „Schisma“ zu warnen. Nun ist es eine andere Gruppe, die alles aufs Spiel gesetzt sieht. Da werde dann gleich die ganze Lehre aufgegeben.

Dezentralisierung wird schwierig, soweit können wir das mit Blick auf die drei Beispiele feststellen. Dazu kommt aber noch etwas anderes: Universalität ist etwas Gutes.

Kardinal Vincent Nichols hat es bei einer unserer Pressekonferenzen während der Bischofssynode so ausgedrückt: „Critical and creative distance to our own culture“, Universalität schaffe eine kritische und kreative Distanz zu unserer eigenen Kultur. So Ähnlich hat es auch Papst Franziskus in Evangelii Gaudium ausgedrückt. Das ist ein katholisches Plus, das wir auf keinen Fall aufgeben wollen, vom Wunsch Jesu, dass alle Eins seien, mal ganz abgesehen.

Der Papst scheint mir weiß darum und hat deswegen in seiner Ansprache zur Dezentralisierung die Rolle des Papstes noch einmal ganz stark gemacht. Ein Widerspruch, wie es zunächst scheint, aber auf den zweiten Blick wichtig, dass bei all den Spannungen, die anstehen und die in den drei Beispielen genannt sind, die Einheit und die Universalität erhalten bleibt.

Gleichzeitig dezentral und Universal, und das auch noch heilsam, das ist das Projekt der Kirche für die kommenden Jahrzehnte

 

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Annika und der ältere Bruder

In der Kirche hätten viele das „Problem des älteren Bruders“ heißt es in letzter Zeit immer häufiger. Der Vater über grenzenlose Barmherzigkeit aus, aber derjenige, der verzichtet hat und sich immer bemüht hat, sich an die Regeln zu halten, der treu und loyal war, der zieht den Kürzeren. Das ist die Situation der Erzählung vom verlorenen Sohn oder besser vom barmherzigen Vater, wenn wir uns eine Situation vorstellen, in der wir in so einer „älteren Bruder“ (oder Schwester) Situation handeln müssen, ging allen von uns so: das ist doch ungerecht.

Hauswand, München, im Sommer diesen Jahres

Hauswand, München, im Sommer diesen Jahres

In der vergangenen Zeit habe ich mal wieder viel über die Dynamik des Papstes geschrieben, welche er in die Kirche trägt. Die ist nicht immer schön anzusehen, die drückt sich auch in Konflikten aus und in Widerständen, in Auseinandersetzungen und so weiter. Das ist nicht glatt und wie im Film, das ist echtes Leben. Erst jetzt erkennen wir langsam, was diese „kreative Pastoral“ ist, die gefordert wird, nicht immer klinisch rein und schon gar nicht durch eine einzelne Entscheidung einführbar.

Das trifft auf eine Stimmung zumindest in unserer Gesellschaft, die das Individuelle betont und positiv besetzt – den verlorenen Sohn – und das sich Halten an Konventionen, Treue und Loyalität – den älteren Bruder – eher schlecht. Annika ist langweilig, Pippi Langstrumpf dagegen kreativ und lebendig und es ist gut, dass sie aus Annika immer mehr Pippi macht. Aber was im Film witzig ist, es es vielleicht nicht immer im echten Leben.

Da helfen auch die eher als Vertröstung verstandenen Abschlussworte des Vaters nicht, man habe ja schließlich alles geerbt, es geht nicht um Erbe, es geht um Zuneigung und Anerkennung.

 

Eine Frage der Zuneigung, nicht des Erbes

 

Kreativität überfordert meist. Ich will niemandem, der Einwände hat gegen das, was der Papst predigt, Überforderung unterstellen, das würde herablassend, wertend und psychologisierend sein. Aber als eine Möglichkeit unter vielen möchte ich es doch genannt wissen.

Der ältere Bruder ist nicht gescheitert. Der jüngere war individuell, hat sich gelöst, seinen Weg gesucht. Und er ist damit gescheitert. Dieses kleine Detail dürfen wir nicht vergessen, der liegt in der Gosse, hungernd. Mit einem solchen Scheitern auf ganzer Linie umzugehen, überfordert uns menschlich. Bis zu einem gewissen Punkt haben wir unglaubliche Reserven an Menschlichkeit, siehe Flüchtlinge bei uns, da wird geholfen, aufgenommen, versorgt, zugehört. Aber irgendwann kommt der Punkt, wo das alles zu viel wird, weil es unsere Welt aus den Fugen bringt. Das ist der Punkt des großen Bruders.

Die Anerkennung und Zuwendung, die der Vater gewährt, bringt ihn durcheinander. Er war loyal und hat sich dadurch eigentlich nicht nur das Erbe, sondern auch die Zuwendung des Vaters verdient. Aber die bekommt der andere.

In uns steckt halt immer auch ein gutes Stück Annika. Nicht aus Über-Ich, weil die Eltern so sind, sondern weil wir selber so sind. Dem müssen wir ins Gesicht schauen. Hart formuliert: Kann ich mich darüber freuen, dass der andere etwas bekommt, das ich für mich erwartet habe? Persönlich oder als Gemeinschaft? Können wir ertragen, dass all die wichtigen Themen, die wir seit Jahren und Jahrzehnten debattieren, auf dem Feld bleiben, während die Party gerade woanders steigt?

Der ältere Bruder gehört zu uns, ihn zu entdecken und zu umarmen gehört zur Dynamik, welche der Papst in uns anzetteln will. Wir sind halt manchmal überfordert. Es geht uns aber besser, das zu wissen.

 

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