„Kirche ist Kommunikation“

Es wird weh tun. Der Vatikan wird reformiert, ich persönlich kenne auch niemanden hier in meinem Arbeitsumfeld, der das nicht mittragen würde, aber einfach wird das nicht. Immer wieder bekommen wir hier Anfragen, was denn genau wann und wie passieren wird. Ganz konkret ist es noch immer nicht, aber Papst Franziskus hat zumindest uns gegenüber – bzw. dem Sekretariat für die Kommunikation, dessen Teil wir hier im Radio sind – klar und deutlich die Grundzüge heraus gestellt. Dass er dabei das Wort „Gewalt“ verwendet hat, „gute Gewalt“, übersetze ich eben genau damit: Es wird weh tun.

Unser ehemaliger Mitarbeiter (engl. Sektion) Charles Collins hat das für seinen neuen Arbeitgeber ganz gut zusammengefasst. Erstens findet der Aufruf zur Reform unter den Mitarbeitern Applaus. Zweitens nennt er die Komplexitäten, auf die so eine Reform stößt. Drittens betrifft Reform eben nicht nur die Medien des Vatikan, sondern insgesamt den Umgang des Vatikan mit Medien und Öffentlichkeit.

In seiner Ansprache hat der Papst mehrere Sachen sehr klar gesagt.

Papst Franziskus bei seiner Ansprache an das Mediensekretariat, 4. Mai

Papst Franziskus bei seiner Ansprache an das Mediensekretariat, 4. Mai

Erstens will er nicht bisherige Institutionen reformieren, sondern mithilfe der „alten“ Institutionen eine neue schaffen. Es soll eben nicht das Bestehende den neuen Bedingungen angepasst werden, „Reform heißt nicht, die Dinge einfach neu anzustreichen. Reform heißt, den Dingen eine neue Form zu geben“. Von meiner Perspektive aus würde ich das unterstreichen und sagen, dass es für eine ‚einfache’ Anpassung an die neuen Realitäten eh zu spät wäre, das hätte längst geschehen müssen. So mag das neue Konzept vielleicht etwas rabiat daher kommen, ist aber die richtige Antwort. Auch wenn es weh tut.

 

Nicht an der „glorreichen Vergangenheit“ festhalten

 

Dazu passt die Aussage, sich nicht an einer „glorreichen Vergangenheit“ festzuhalten. Dahinter steckt die Frage nach der Identität: Wir hier werden keine Radio-Leute mehr sein, sondern Kommunikatoren, die eben auch Audio produzieren. Aber eben auch mehr. Man muss mit der eigenen Vergangenheit und Erinnerung sorgsam umgehen, auch das betont der Papst, aber sie darf kein Hemmschuh werden für etwas Neues, Dringliches.

Zweitens hat er auch die Medienarbeit in den Auftrag des Vatikan eingeordnet. Die ist eben kein Selbstzweck, wie der Vatikan auch keiner ist, sondern dient einem Auftrag. Klassisch und lateinisch: einer Mission. An der Stelle werden dann die Journalisten bei uns nervös: sind wir dann so was wie Pressesprecher? Beschränkt sich unser Arbeitsfeld? Blickfeld? Weiterlesen

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Papst, Reform und Tradition

Benedikt XVI. hätte nicht zurück treten sollen. So sagt es der FAZ-Journalist Christian Geyer in der neuesten Ausgabe der theologischen Zeitschrift Communio. Dort werden Stimmen zum 90. Geburtstag gesammelt, eben auch die Stimme von Herrn Geyer.

Sein Grund für diese Überzeugung liegt – wenn man das Stück liest – nur zum Teil in der Wertschätzung für den emeritierten Papst, sondern vielmehr in seiner Kritik an dem, was danach kam. Also an Papst Franziskus. Auch wenn der Name nicht fällt.

Geyer sagt, dass sich Papst Franziskus der argumentativen Vermittlung von Tradition und Reform verweigere. Das Risiko: Das Christentum werde eine „intellektuell belanglose“ Angelegenheit.

Zugegeben, Herr Geyer nennt davor noch zwei andere Gründe für seine Einschätzung des Rücktritts, und beide haben mit Argument drei zu tun: es geht um intellektuelles Nachvollziehen, um Wichtigkeit der Gottesrede und so weiter. Kein langes Stück, aber pointiert.

Der Papst-Kritiker Geyer hebt sich damit wohltuend von vielen anderen Kritikern ab. Man muss das nicht teilen, was er sagt, aber es ist Ernst zu nehmen.

 

Die Maßstäbe Roms

 

Rom setze keine Maßstäbe mehr, sagt er. Und genau da widerspreche ich. Rom – gemeint ist der Papst – setzt Maßstäbe. Nur nicht da, wo er sich das wünscht. Benedikt XVI. hat in seiner eigenen Art, denkend, sprechend, schreibend dafür gesorgt, dass die Vernunft und der Glaube immer beide im Spiel blieben. Dem habe ich ja auch hier an dieser Stelle immer und immer wieder versucht zu nachzugehen.

Das bedeutet aber nicht, dass Papst Franziskus nun daran gemessen werden muss. Die Vermittlung von Reform und Tradition findet sehr wohl auch heute statt, mag ich einwerfen, nur anders. Es ist nicht das intellektuelle Argument, nicht die Tiefe der Kenntnis um Kirchenväter und Philosophien, welche diese Vermittlung kennzeichnet. Dafür ist es medial direkter, erreicht ganz andere Teile der Kirche, ist ein Vorbild an Authentizität und Jesusnachfolge und spricht von einer Freude am Glauben, zu der der Papst noch nicht einmal den Mund öffnen muss, das sieht man einfach.

Das halte ich persönlich für eine sehr effiziente Vermittlung von Reform und Tradition, auch wenn wir uns vielleicht von der Form her erst noch daran gewöhnen müssen.

Auch die Tradition erschöpft sich nicht in Büchern und wird nicht in Bibliotheken gefunden; Tradition ist auch die Tradition der Aufbrüche, des Unfertigen, der Dynamik, all das ist und war immer auch Kirche, nur nicht einer Kirche, die sich in Büchern niederschlägt.

Dies ist auch eine wichtige Vermittlung. Eine Reduktion auf das intellektuelle Argument – so wichtig das auch ist – ist aber letztlich genau so einseitig wie das Gegenteil es wäre.

 

Wer das Stück nachlesen möchte, muss im Heft Communio März/April 2017 auf Seite 212 nachlesen.

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Das Franziskus-Paradox

Stärke ist, eine Entscheidung zu treffen. Stärke ist, eine Position zu haben und deswegen auch unbequeme Entscheidungen zu treffen und dazu zu stehen. Stärke ist, auszuhalten und eben stärker zu sein, nicht nachzugeben.

Schwäche ist, eben keine Entscheidung zu treffen, sich nicht fest zu legen, keine Position zu verteidigen. Man kann flexibler bleiben, aber man ist dann nicht stark.

Die Bibel sieht das etwas anders, da sind es regelmäßig die Nachgeborenen Söhne, die gewinnen, die Isaaks, Josephs und Davids, und nicht die von der Gesellschaft Vorgesehenen, die Starken. Die Schrift hat es geradezu zum Prinzip, dass unsere Vorstellungen von der Ordnung der Stärke auf den Kopf gestellt wird, vor allem durch das Mittel des Traums, des Schwächsten weil unkontrollierbarsten unserer Zugänge zur Welt.

Die Theologie des Neuen Testaments bringt das im Kreuz auf die Spitze: Der Allmächtige wird klein und schwach, in einer Krippe, setzt sich nicht durch Stärke durch, sondern überwindet das Stärkste was es gibt auf der Welt – den Tod – durch die eigene Schwäche und den Tod am Kreuz.

Papst Franizskus

Papst Franizskus

Das mindestens sollte uns zu denken geben, wenn wir an Autorität im Christentum denken.

Das allein sollte uns zu denken geben, wenn wir Stärke und Schwäche und ihre Beziehung zu Autorität bedenken, vor allem wenn es um diesen Papst geht.

Er zieht oft und gerne Kritik auf sich, eine „Hermeneutik der Spontaneität“ wird ihm vorgeworfen, dass er sein Schreiben Amoris Laetitia nicht erkläre, dass nicht klar sei, was er wolle und so weiter. Matthias Matussek nimmt die Extremposition ein, wenn er in einem Artikel den Papst „beliebig, gefällig, anbiedernd“ nennt. Und dann alles mögliche herbeizerrt, bis hin zu nicht überprüfbaren Behauptungen, um zu provozieren.

 

Man will klare Entscheidungen, bekommt aber Prozesse

 

Auch andere wollen den Papst provozieren oder erwarten sich Reaktionen und Klarstellungen. Aber genau das macht der Papst nicht. Und hier liegt der Kern dessen, was ich einmal das „Paradox Franziskus“ nennen möchte.

Papst Franziskus nimmt absichtlich eine Position der Schwäche ein, indem er immer wieder nicht entscheidet, nicht seine Autorität nutzt, um Streitfragen oder überhaupt Fragen zu entscheiden. Nehmen wir Amoris Laetitia: er könnte auf die so genannten Dubia der Kardinäle antworten und die Streitfrage schließen, etwa durch ein Dokument der Glaubenskongregation oder anders. Aber das will er nicht. Er will die Fragen offen halten, damit sich etwas entwickelt.

„Zeit ist wichtiger als der Raum“, nennt er das, also Prozesse sind wichtiger als das Einnehmen von Positionen. In einem solchen Prozess ist man aber in einer Position der Schwäche, Position einnehmen hingegen wäre eine Position der Stärke. Weiterlesen

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Vatikanisch: Flüchtlingshilfe online

Wenn ein sehr großer Flachbildschirm vor einem eher schlechten aber dafür monumentalen Papstgemälde aus dem 19. Jahrhundert steht, dann sind wir mitten drin, in der Vatikanreform. Meiner Erfahrung nach sieht das genau so aus: Die Säle bleiben, die Bilder auch, und die Einrichtung und die Struktur drin wird neu. Das ergibt ästhetisch ein merkwürdiges gemischt, aber auch irgendwie sympathisch.

Zu besichtigen war das am Wochenende im neu entstandenen Dikasterium für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen, das der Papst eingerichtet hat. Oder genauer: in einer Sektion desselben, der Sektion für Migranten und Flüchtlinge.

Diese war einmal der Päpstliche Rat für Flüchtlinge, wurde dann mit Gerechtigkeit und Frieden und anderen Räten zusammen gelegt, um gleich wieder eine Sonderstellung zu bekommen: sie untersteht direkt dem Papst.

Palazzo San Callisto, Trastevere: Vorstellung der Seite

Palazzo San Callisto, Trastevere: Vorstellung der Seite

Diese Sektion hat nun eine eigene Webseite, die mehr ist als nur eine Darstellung, darüber soll ein Großteil der Arbeit laufen. Und genau diese Seite wurde am Donnerstag den Medien vorgestellt.

Das erste Besondere an dieser Vorstellung: sie war auf Englisch. Nicht auf Italienisch. Das muss man im Vatikan immer extra bemerken. Aber in der Welt spricht man halt kaum Italienisch, wenn man international unterwegs sein will, müssen andere Sprachen ran. Diese Einsicht verbreitet sich auch hier.

Man will Ressourcen bereit stellen, für Helfer wie vor allem auch für Journalisten, eine Bilddatenbank etwa. Emails von Medien hätten immer Priorität, verspricht Pater Michael Czerny, einer der beiden Leiter der Sektion. Und da gute Werke immer versteckt blieben, im Gegensatz zu Konflikt, Destruktion und Streit, wolle man hier ein wenig dagegen setzen. Constructive News nennt man das mittlerweile im Gewerbe.

 

Gute Werke bleiben oft versteckt

 

Dort fließen dann auch die Erkenntnisse ein, die durch die jahrelange Zusammenarbeit mit vielen Organisationen gesammelt wurden, etwa über Fluchtursachen. Hier zucken jetzt bestimmt schon wieder Finger über der Tastatur wenn ich schreibe, dass die meisten Flüchtlinge und Migranten eben gar nicht fliehen wollen, die wollen viel lieber im Land ihrer Herkunft leben und bleiben, aber aus Krieg, Hunger, Ausbreitung der Zonen von Trockenheit, Perspektivlosigkeit etc. müssen sie sich auf den Weg machen, um überleben zu können.

Wirkt das alles? „Das hilft uns dabei, mehr zu erfahren, was in der Kirche auf der ganzen Welt für Flüchtlinge und Migranten getan wird“, lobt Don Carmelo La Magra, Pfarrer auf Lampedusa, der bei der Vorstellung dabei war. Und das ist ja das Maß der Dinge: hilft es den Leuten vor Ort? Hilft es zum Beispiel der Insel, wo die Flüchtlinge ankommen, also Lampedusa? „So eine Seite kann uns helfen, dass unsere Stimme gehört wird, dass man aus erster Hand erfahren kann, was passiert. Die Menschen brauchen Berührung und Nähe, sie brauchen Erfahrungen. Über Bilder und Fotos kann man das zwar nicht direkt machen, aber dann doch dabei sein. Leider geben die Massenmedien immer nur einzelne Aspekte wieder. Ein solches kirchliches Instrument erlaubt es uns vor Ort, unsere lebendige Realität besser darzustellen.“

 

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Ausgezehrt

„Ausgezehrt“: Ein Wort, das ich in einem der vielen Artikeln zu den Angriffen auf Christen in Ägypten gelesen habe, es soll die Situation der christlichen Gemeinden dort beschreiben. Leider trifft es nicht nur auf Ägypten zu, sondern viel mehr vielleicht noch auf andere Länder des Nahen Ostens, auf Syrien nach sechs Jahren Bürgerkrieg, auf den Irak nach noch viel mehr Jahren Krieg und Bürgerkrieg, auf durch Flucht und Vertreibung eben ausgezehrte Gemeinden.

Diese Kirchen sind uralt und traditionsreich. Und sie verschwinden. Es ist wie mit der Umwelt: wenn etwas erst einmal weg ist, dann ist es weg, für immer.

Hier trifft es Menschen, Familien und Gemeinschaften. Hier trifft es Traditionen, die es noch nie leicht hatten, die aber – das bestätigen uns immer wieder Bischöfe im Interview – eine Art Zusammenleben mit den anderen Religionen entwickelt haben. Das war nie problemlos, es ließ sich aber leben, irgendwie. Und das geht jetzt zu Ende. Oder eigentlich: wird jetzt zu ende gegangen, durch nihilistische Bombenwerfer und Mörder, deren verdrehte Vorstellungen von Macht und Unterwerfung lose mit dem Mantel von Religion umhüllt sind. Und wie das bei Ideologien immer ist: je fadenscheiniger die Begründung, um so lauter muss man brüllen.

 

Es trifft uralte Traditionen

 

Ich muss mir selber auch an die Brust klopfen, erst seit ich hier in Rom arbeite und die Nachrichten über die Christen in Nahost täglich auf dem Schreibtisch habe, wird mir das Ausmaß erst bewusst. Vorher habe ich das am Rand der Aufmerksamkeit wahrgenommen, aber nicht wirklich beachtet. Das hat sich geändert.

Frieden: Logo der Papstreise

Frieden: Logo der Papstreise

Wenn der Papst nun nach Ägypten aufbricht, dann gibt das dem Geschehen noch einmal vermehrt Aufmerksamkeit. Muslime haben für die christlichen Opfer der Bomben vor Ostern Blut gespendet, tätige Solidarität. Ähnliches hört man aus syrischen Städten und auch aus dem Irak. Aber es braucht halt den Aufmerksamkeitsmagneten eines Papstbesuches, um wirklich Geschichten wie diese ans Licht zu bringen.

Leider wird auch der Papstbesuch an der Ausgezehrtheit der Kirchen nicht viel ändern können. Die Mörder werden sich nicht beeindrucken lassen. Trotzdem ist der Besuch wichtig. Jedes Quentchen Mut und Zuversicht, jede Aufmerksamkeit und Wertschätzung, intern und international, sind wichtig für diese Gemeinschaften und die Menschen.

Die inneren Zerstörungen werden wir nicht wieder gut machen können, viel von dem, was über Jahrtausende gewachsen ist, ist dem Ansturm von Gewalt nicht gewachsen gewesen. Daran ist auch die westliche Welt nicht unschuldig, vieles geht auch auf unsere Kappe.

Umso wichtiger, jetzt nicht innerlich Mauern hoch zu ziehen und so zu tun, dass uns das alles nichts anginge, über einige Überschriften und schreckliche Nachrichten hinaus. Der Papst macht einen wichtigen Schritt, innerlich zumindest sollen wir alle ihn auch tun.

 

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Thesen 2017

Luther Bombons gibt es. Eine Playmobil-Figur, die fast schon wieder witzig ist und die bestverkaufte Einzelfigur, sagt die evangelische Kirche. Es gibt Socken mit „Hier stehe ich und kann nicht anders“ drauf. Und Kondome, obwohl die Aktion schon wieder eingestellt wurde.

Alles irgendwie nervig oder banal oder glatt am Thema vorbei.

These der Bahn

These der Bahn

Aber was mich wirklich geärgert hat, warum auch immer, war die Werbung im Fahrplan der Bahn AG. Dort hat man eine These zum Reformationsjubiläum: Entspannter ankommen.

Ich bin mir sicher, dass auch nach zehn Jahren Vorbereitung und der Hälfte des Feier-Jahres immer noch die meisten Christen, lutherisch oder andere, die Thesen Luthers nicht kennen.

Irgend wie weiß man, dass das gegen Ablasshandel war und an eine Tür genagelt war, aber sonst ist da wenig Wissen. Behaupte ich.

Deswegen gönne ich uns hier mal einige der Originalthesen, zur Meditation, meinetwegen während der Bahnfahrt:

These 92 Darum weg mit allen jenen Propheten, die den Christen predigen: „Friede, Friede“, und ist doch kein Friede.
These 93 Wohl möge es gehen allen den Propheten, die den Christen predigen: „Kreuz, Kreuz“, und ist doch kein Kreuz.
These 94 Man soll die Christen ermutigen, dass sie ihrem Haupt Christus durch Strafen, Tod und Hölle nachzufolgen trachten
These 95 und dass die lieber darauf trauen, durch viele Trübsale ins Himmelreich einzugehen, als sich in falscher geistlicher Sicherheit zu beruhigen.

Gar nicht so einfach zu schlucken, das alles. Da ist viel Kreuz drin, wenig Frieden. Nachfolge durch Strafe, Tod und Hölle, Trübsal und falsche geistliche Sicherheit.

Luther ging es ums Heil der Seele, um Vergebung durch Gott. Bei all der Banalisierung droht das leider völlig vergessen zu werden.

 

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Konzentrationslager?

Und es ist wieder ein Papstzitat: Dieses Mal echauffiert sich die Presse darüber, dass der Papst Flüchtlingslager mit Konzentrationslagern verglichen hat, offensichtlich – wer es gesehen hat – aus persönlicher Betroffenheit, aber auch aus eigener Anschauung heraus.

Ja, er hat das Wort benutzt. Aber ich behaupte einmal, dass nicht die ganze Welt dem Wort und dem historischen Phänomen dieselbe Bedeutung beimisst. Wir sagen Konzentrationslager, aber was wir meinen sind Vernichtungslager. Die Briten haben das Wort erfunden, für ihre eigenen Lager in Afrika. Das ist eine ganz eigene Sache und noch keine Verharmlosung der deutschen Geschichte, geschweige denn eine Verhöhnung der Opfer.

Nicht gemeint: Auschwitz

Nicht gemeint: Auschwitz

Wir Deutschen reagieren sensibel auf den Gebrauch des Wortes, zu Recht. Es hat einen so genannten Historikerstreit gegeben um die Frage, ob die Verbrechen der Nazis nun einmalig waren oder nicht, jede Relativierung der Geschichte ist Anlass zu Aufregung.

 

Es geht nicht um deutsche Geschichte

 

Der Papst hat aber nicht deutsche Vernichtungslager, nationalsozialistische Massenmorde, Shoah und dergleichen verharmlosen wollen, indem er sie relativiert. Schon gar nicht in einem Gottesdienst, wo ein Sohn eines NS-Opfers quasi neben ihm stand.

In der ihm eigenen Art hat er eine drastische Sprache gewählt, um die Phänomene dieser Lager zu beschreiben und die emotionale Wucht, die diese erzeugen. Wir tun hier ja so, als ob alles in Ordnung wäre, solange die Flüchtlinge in der Türkei und in Griechenland bleiben und bloß nicht zu uns kommen. Kaum jemand fragt nach, wie es in diesen Lagern, ohne Perspektive, voller Gewalt, ohne Ausgang, wie in einem Druckkessel zugeht.

Einen Gang zurück schalten, bitte, mit der Erregung. Die wäre besser angebracht für den Blick auf das Schicksal, in das wir – wir reichen Europäer – Flüchtlinge zwingen.

 

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Christenverfolgung

Es ist eine lange und grausame Liste: Christen, die wegen ihres Glaubens in den vergangenen 100 Jahren verfolgt und getötet wurden. Von Armenien über den Bürgerkrieg in Spanien zu Nazideutschland, über den Nahen Osten und viele Länder Afrikas nach El Salvador, nach Chile und Argentinien. Ein Angriff auf ein Kloster, Vertreibungen und Versklavungen, das Köpfen von Christen: Selten ist das auch heute nicht geworden

Papst Franziskus beim Gottesdienst für christliche Märtyrer

Papst Franziskus beim Gottesdienst für christliche Märtyrer

Während eines Gottesdienstes würdigte Papst Franziskus diese Glaubenszeugen. Und er sprach davon, dass die Kirche immer schon eine Kirche der Märtyrer gewesen sei. Freilich sei das kein Heldenmut gewesen, sondern Gnade Gottes. Oder anders ausgedrückt: Sie hätten lieber leben wollen anstatt sterben, sind ihrem Glauben und ihren Überzeugungen aber treu geblieben.

Grausame Geschichten sind das. Zum Glück gibt es das bei uns heute nicht mehr. Nicht? Nein, nicht.

Bei einem Vortrag in Deutschland im vergangenen Jahr ist mir in der Fragerunde danach erstmals direkt die Denkfigur begegnet, die ich sonst nur im Netz lese, nämlich dass es auch bei uns Christenverfolgung gebe. Erst vor einigen Tagen habe ich das wieder gefunden, es ging darum, dass ein Kirchenvertreter wegen einer homophoben Aussage angezeigt wurde, das nannte ein Kommentator im Netz schon Christenverfolgung.

Welch Zynismus! Wie kann man die Treue und das Leiden all der Christen nur so mit Füßen treten, in dem man sie gleichstellt mit solchen Aktionen? Wir hier sind frei, unsere Gesetze schützen unsere Rechte und die Rechte der anderen, es gibt keine Christenverfolgung bei uns.

Bei dem Vortrag habe ich in meiner Antwort das Wort „obszön“ gebraucht, und auch nach Reflexion finde ich es immer noch treffend. Es ist eine schlimme Form von Selbstgerechtigkeit, sich mit diesen Menschen zu vergleichen, die einen unglaublichen Preis zahlen, sie und ihre Familien. Und es ist noch einmal schlimmer, das Zeugnis der Christen für seine eigene Zwecke zu gebrauchen, ja zu missbrauchen.

 

Es gibt bei uns keine Christenverfolgung

 

In seinem Gebet zum Abschluss des Kreuzweges am Karfreitag sprach der Papst von Scham und Schande: „Scham wegen all des unschuldigen Blutes, das tagtäglich vergossen wird, das Blut von Frauen, Kindern, Migranten und von Menschen, die verfolgt werden wegen ihrer Hautfarbe, wegen ihrer ethnischen oder sozialen Zugehörigkeit oder wegen ihres Glaubens an dich.“ Das Wort Schande gebrauchte er auch wieder während der Gedenk-Liturgie für die Glaubenszeugen der vergangenen 100 Jahre, ganz zum Abschluss seiner Predigt.

Es gibt viel zu tun, wenn wir das Zeugnis ernst nehmen, gegen Krieg, Verfolgung, Ungerechtigkeit und all die Dinge, die Menschen zu Opfern machen. All dieser Dinge wurde während des Gottesdienstes mit dem Papst ganz ausdrücklich gedacht.

Selbstgerechtes Jammern gehört nicht dazu.

 

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Große Namen

Eigentlich wollte man ja Papst Franziskus dabei haben. Wenn in diesem Jahr der Reformation gedacht wird und die evangelische Kirche Kirchentag hält, wäre ein Papstbesuch gerne gesehen gewesen: Papst Franziskus zu Gast bei der deutschen evangelischen Kirche.

Daraus wird nichts, der Papst hat bereits die Ref0rmation gewürdigt, aber nicht mit den deutschen evangelischen Christen, sondern mit den weltweiten evangelischen Christen. Und zwar in Lund, in Schweden.

Berlin: Die Gedächtniskirche ist Werbefläche für den Kirchentag

Berlin: Die Gedächtniskirche ist Werbefläche für den Kirchentag

Also kommt Barack Obama nach Berlin zum Kirchentag. Nun kann man nicht behaupten, das sei eine Ersatzlösung, Obama ist selber bedeutend genug, um eingeladen zu werden.

Nur frage ich mich leise „warum“? Dass so eine berühmte Gestalt sich gut macht vor dem Brandenburger Tor um dort mit Angela Merkel zu diskutieren, steht außer Frage. Nur: ist das das Bild, das der Kirchentag von sich sehen will? Berühmte Gestalten, eingeflogen, reden miteinander?

Medienberichten nach erwartet Kirchentagspräsidentin Christina Aus der Au vom Besucher aus den USA Worte, „die in diesem Jahr nicht schon tausendmal gesagt und gedruckt“ worden seien. Und das kann Obama ja wirklich, es hat also das Potential, eine gute Veranstaltung zu werden. Nur was das mit Reformation zu tun hat, erschließt sich mir nicht wirklich auf den ersten Blick. Muss es aber auch nicht, ich lasse mich gerne überraschen.

Nur leider wird das dann die Berichterstattung über diesen Kirchentag dominieren. Ich hoffe, dass das Jesusfest, was es ja sein soll, auch noch irgendwo sichtbar ist.

 

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Ostern in Moll

Es sind sehr nachdenkliche Worte, die Papst Franziskus in diesen Tagen wählt. Zum Gründonnerstag, dem Tag der Hingabe und des Verrats, und am Karfreitag, dem Tag des Todes, war das noch verständlich, dass Papst Franziskus viel vom Leiden und von Opfern sprach, in deren Gesicht wir Christus erkennen können.

Aber auch am Ostersonntag, in der Predigt auf dem Petersplatz, und bei der Osterbotschaft zum Segen Urbi et Orbi danach war das Thema eher in Moll gesetzt. Eigentlich predigt der Papst am Ostersonntag nicht, Johannes Paul II. hatte meines Wissens nach einmal eine Ausnahme gemacht, aber Papst Franziskus ist es offenbar so wichtig, dass er frei predigte.

Der Papst auf der Loggia

Der Papst auf der Loggia

Und auch hier lag das Schwergewicht auf dem Leiden: Wie könne man angesichts von Menschenhandel, Krieg, Korruption und so weiter Ostern Feiern?

„Wie können so viel Unglück, Menschenhandel, Kriege, Zerstörungen, Verstümmelungen, Rache und Hass sein? Wo ist der Herr?“ Der Papst berichtete von einem Telefonat am Samstag mit einem kranken jungen Mann, der mit seinem Schicksal hadere. Das alles in einer Osterpredigt.

Das waren die Gedanken, denen er nachging. Und die er nicht auflöste. Die Osterbotschaft in diesem Jahr war froh, aber nicht triumphierend. Das Leiden bekommt nicht nachträglich einen Sinn, sondern bleibt erst einmal Leiden. Die Hoffnung sagt uns nur, dass die Auferstehung uns einen Horizont sehen lässt, keine Mauer, wie der Papst sagte.

Man merkt, dass ihm die vielen Konflikte, auf die er nicht müde wird hinzuweisen, ans Herz gehen. Auch die, von denen wir wenig mitbekommen: erst langsam dringen der Hunger in Teilen Afrikas und die Situation im Sudan, im Süd-Sudan, im Kongo in unsere Medien. Und über den Jemen hören wir gar nichts. Der Papst nennt es und nennt es immer wieder.

Auch am Osterfest.

Ostern macht auch 2.000 Jahre danach nicht einfach alles gut. Auch das ist eine Dimension des Festes. In diesem Jahr bei Papst Franziskus stärker als sonst.

 

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