Wie weit geht Umkehr?

Unter all den Verben der Bewegung, die der Papst so gerne benutzt, ragen einige heraus: Gehen, folgen, aus sich heraus gehen und vor allem umkehren. Letzteres ist ein biblisches und jesuanisches Wort und setzt sozusagen den Kurs für alle nachfolgenden Bewegungen. Und das geht bis ins Extreme, bei einem Angelusgebet (6. April dieses Jahres) deutet er die Erweckung des Lazarus in dieser Weise:

 

„Christus resigniert nicht vor den Gräbern, die wir uns selbst gebaut haben mit unseren Entscheidungen zum Bösen und zum Tod. Er lädt uns ein, befiehlt uns fast, aus dem Grab herauszukommen, in das unsere Sünden uns geworfen haben. Er ruft uns beharrlich dazu auf, aus dem Dunkel des Gefängnisses herauszukommen, in das wir uns selbst eingeschlossen haben, indem wir uns mit einem falschen, selbstsüchtigen, mittelmäßigen Leben zufrieden gegeben haben. Lassen wir uns ergreifen von diesen Worten, die Jesus heute jedem von uns wiederholt. Lassen wir uns befreien von den „Binden“ des Stolzes.“

 

P. David Birchall SJ: Abfrage unter knapp 300 Exerzitienteilnehmern

P. David Birchall SJ: Abfrage unter knapp 300 Exerzitienteilnehmern

Sprachlich das Gegenstück zur Umkehr ist die Barmherzigkeit Gottes, die kein Ende finde und die immer da sei, wie weit weg wir auch immer sein mögen.

 

„Unser Vater wird niemals müde, zu lieben, und seine Augen werden nie müde, dabei auf die Straße zu schauen, auf der der Sohn, der weggegangen ist und verloren war, zurückkehrt. Wir können von der Hoffnung Gottes sprechen: Unser Vater wartet immer auf uns, er lässt nicht nur die Tür offen, sondern er wartet auch auf uns. Dieser Vater wird auch nicht müde, den anderen Sohn zu lieben, der – obwohl immer bei ihm – doch nicht an der Barmherzigkeit teilhat, an seinem Erbarmen.“ (Bußliturgie, 28. März 2014)

 

Wir können uns auf Gott verlassen, immer, sollen uns aber auch selber in Bewegung setzen.

 

„Viele Christen stehen einfach still! Es gibt so viele unter ihnen, die nur eine schwache Hoffnung haben. Ja, sie glauben an den Himmel und dass alles gutgehen wird. Das ist schön, dass sie das glauben, aber sie sehnen sich gar nicht danach. Sie halten sich an die Gebote und Verbote, alles, alles… aber sie stehen still. (..) Dann gibt es andere wiederum, die den falschen Weg einschlagen. Das kann jedem von uns einmal passieren, das wissen wir. Das Problem aber ist nicht, den falschen Weg einzuschlagen, sondern auf diesem dann zu bleiben, obwohl man genau weiß, dass man falsch liegt! (…) Das sind irrende Christen – sie ziehen umher und gestalten ihr Leben so, als ob es sich um einen existenziellen Tourismus handeln würde. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein, Die deutschsprachige Kirche, Franziskus, Glaube und Vernunft, Glaube und Welt, Glaubens-Funde, Spiritualität / Geistliches Leben | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 14 Kommentare

Toleranz? Toleranz!

„Juden missionieren nicht. Mission ist das Gegenteil von Toleranz. Mission bedeutet, mein Glaube ist wertvoller als deiner, du musst meinen Glauben annehmen, damit du so wertvoll bist wie ich. Juden kennen die sieben Gesetze Noachs. Ein guter Christ, ein guter Muslim und jeder Mensch,
der einer abrahamitischen Religion angehört, folgt diesen Gesetzen und ist damit genauso ‚gut’ wie ein gläubiger Jude. Ich kann also einem Muslim seinen Mohammed und seine Bräuche lassen und muss ihn nicht davon überzeugen, dass meine Religion die bessere ist. Das ist Toleranz.” Der jüdische Autor Eliyah Havemann im Interview mit dem „Bund” (12. April 2014), wie die schweizer Agentur Apic ihn zitiert.

Ohne irgend jemandem zu Nahe treten zu wollen behaupte ich an dieser Stelle einfach mal, dass die meisten Christen, die ich kenne, das unterschreiben würden, und zwar auch aus der eigenen Perspektive.

Und dann sitze ich wieder an einem Impulsreferat, dass ich am kommenden Montag zu halten habe, dessen Überschrift „Der Missionar“ lautet. Es geht um Evangelii Gaudium und den Traum des Papstes von einer missionarischen Kirche, die hinausgeht zu bezeugen und zu verkünden. Er träumt davon, dass nicht die Angst Fehler zu machen sondern die Sorge so vieler Menschen, die Christus (noch) nicht kennen, Antrieb sei für den, der Verkündet. Also für den Missionar.

Wie passt das zusammen? Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein, Die deutschsprachige Kirche, Franziskus, Glaube und Vernunft, Glaube und Welt | Verschlagwortet mit , , , , , | 24 Kommentare

non sequitur

Die UN werde den Vatikan erneut wegen sexuellen Missbrauchs unter die Lupe nehmen. So lautete die Meldung der Agentur Associated Press (AP) Mitte April. Eigentlich war der Titel noch etwas schärfer: ‚UN to grill Vatican again on clergy sex abuse’. An diesem Freitag gab es dazu eine lange Erklärung aus dem Vatikan, an diesem Samstag äußerte sich ausführlich derjenige, der der UN wird Rede und Antwort stehen müssen, der Ständige Beobachter des Vatikan bei der UN in Genf, Solvano Tomasi. Gelegenheit für mich, auch auf die Genese dieser Meldung (z.B. hier) zu schauen, denn das ist nicht ganz uninteressant.

Frontalansicht des UN Gebäudes, des ehemaligen Baus des Völkerbundes

Das UN-Gebäude in Genf

Die UN hatte im Rahmen der Kinderschutzkonvention ja bereits einen Bericht abgeliefert, den ich an dieser Stella ja auch schon besprochen habe. AP meldet nun, dass eine Anhörung zur Anti-Folter Konvention sich ebenfalls den Missbrauch zum Thema mache und den Vatikan im Rahmen dieser Konvention untersuchen werde.

Zunächst: Der Vatikan hat 2002 den Vertrag ratifiziert, ist also Teil des Beobachtungsmechanismus. Jetzt also Folter. Erst im letzten Satz der AP-Meldung findet sich ein weiterer Beteiligter: Das „Center for Constitutional Rights“. Diese würden der UN in Genf – wo getagt wird – Dokumente über den Missbrauch übergeben. Und hier wurde ich hellhörig. Es klang schon merkwürdig, dass die UN den Vatikan wegen Verstoßes gegen die Folterkonvention untersuchen wollte.

Also habe ich im Netz und in den Agenturmeldungen gesucht.

22 Minuten nach der ersten AP Meldung kam eine zweite, ausführlichere Meldung. Auch hier: „The hearing … will look at whether the Vatican’s record on child protection violates the U.N. Convention Against Torture“. Dann folgt in der Meldung eine gefärbte Darstellung der letzten U.N. Anhörung, was für eine Nachrichtenagentur etwas merkwürdig ist.

Und dann wieder das Center for Constitutional Rights, „a nonprofit legal group based in New York“. Diese würden die UN drängen, sexuellen Missbrauch von Kindern stärker unter die Lupe zu nehmen. Vergewaltigung sei Folter und der Vatikan habe dagegen nicht genug unternommen.

Das dekonstruiert die Meldung etwas. Denn es ist nicht die UN, die den Vatikan „grillen“ will, sondern das Center, das will, dass die UN das tut. Das ist ein Unterschied. Die UN geben auf ihrer Webseite gar nichts dazu bekannt. Die Definition, dass Missbrauch Folter sei, stammt also aus New York und nicht von der UN in Genf. Non sequitur, habe ich in meinen Logik-Vorlesungen gehört das eine folgt nicht logisch aus dem anderen.

Diesen Unterschied ignorierend wurde daraus die Meldung, dass die UN das tun werde („is to“). Eine kurze Suche im Netz ergab, dass die meisten Nachrichtenorganisationen den Text fast wörtlich übernahmen. Machen Sie die Probe und googlen Sie „UN to grill Vatican on sex abuse”. Kaum Variationen im Text.

Wir sind alle gegen Folter und wir sind gegen jede Form von Missbrauch und hoffentlich haben wir gelernt, dass Kontrolle von Außen helfen kann, die eigenen Fehler und das Wegschauen und die strukturellen Probleme zu sehen. Deswegen – und das hat der Vatikan bereits bei der ersten Untersuchung getan – sind solche Untersuchungen zu begrüßen, bei denen offene Kriterien angelegt werden.

Aber ich kann Vatikansprecher Lombardi nur zustimmen, wenn er sagt, dass Ideologie hier nicht helfe. Das haben wir leider beim ersten Bericht gesehen. Und wenn selbst eine große Nachrichtenagentur zwischen der Absicht einer Lobby-Gruppe, so gut die auch sein mag, und der Absicht der UN nicht unterscheiden will/kann, dann wirft das kein gutes Licht auf die Ereignisse der kommenden Woche.

Veröffentlicht unter Allgemein, Geschichte, Glaube und Vernunft, Kirche und Medien, Rom, Vatikan | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , | 37 Kommentare

Jenseits bürgerlicher Religion

Vorläufer und Begleiter habe ich einen Blogeintrag genannt, in dem es darum geht Theologen nach zu denken, die auf der gleichen oder einer ähnlichen Spur sind wie der Papst, es ging um Karl Rahner. Noch offensichtlicher als bei Rahner kann man viele Gleichklänge bei einem Rahner-Schüler finden, bei Johann Baptist Metz. Dem bin ich vor wenigen Tagen – auch mehr oder weniger zufällig – beim Durchblättern einiger lang nicht mehr angefasster Bücher wieder begegnet.

Nicht alles ist dasselbe, es gibt verschiedene Gewichtungen und beide – der Papst und Metz – kommen eigenständig zu ihren Aussagen, auch wenn sie sich zum Teil aus denselben Quellen speisen. In jedem Fall lohnt es sich aber, beide parallel zu lesen, allein um die Korrespondenzen zu sehen und vielleicht neue Blickrichtungen auf den Papst zu gewinnen.

„Haben wir nicht selbst die Betreuungskirche so sehr verinnerlicht, dass wir meinen, alles an kirchlicher Erneuerung hinge schließlich davon ab, dass die Betreuer, also vorweg der Papst und die Bischöfe, sich ändern? Tatsächlich geht es darum, dass die Betreuten sich ändern und sich nicht einfach wie Betreute benehmen.“ Das sagt Metz in einem Text, der „Jenseits bürgerlicher Religion“ heißt und bereits 1980 erschienen ist. „Deshalb sollten wir auch jenen Mangel an Bußfertigkeit und Selbstkritik, den wir in der Kirche, speziell bei unseren kirchlichen Amtsträgern, beklagen, wenigstens bei uns selbst überwinden.“

 

Selbstkritik und Bußfertigkeit. Bei uns.

 

Für Metz steht das Bild einer ‚Initiativ-Kirche’ dahinter, die jenseits der Verbürgerlichungen lebt. Initiative versteht sich als das Gegenteil von versorgt werden, es steht für seinen Glauben selber in die Hand zu nehmen. Und diese Kirche beginnt nicht mit dem Warten auf Entscheidungen, sondern bei den Gläubigen selbst.

Metz sieht die Gefahr der Verwandlung des Christentums in eine bürgerliche Religion, also die Gefahr, dass wir die Erneuerung der Kirche auf Basis der bürgerlichen Religion suchen, die „als besonders ‚fortschrittlich’ und gar ‚befreiend’ vorkommen mag“. „Die bürgerliche Gesellschaft ruht nicht, bis die Religion zu ihr und zu ihren Plausibilitäten passt“. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein, Die deutschsprachige Kirche, Franziskus, Glaube und Vernunft, Glaube und Welt, Spiritualität / Geistliches Leben, Sprechen von Gott, Theologisches, Vatikan | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , | 19 Kommentare

Die Bibliothek des Papstes

Werbeplakat - die Bibliothek des PapstesMachen wir an dieser Stelle ein wenig Werbung, zumindest für diejenigen, die in Italien leben. Die Civiltà Cattolica, das Jesuiten-Magazin Italiens, bringt in Ko-Produktion mit der Zeitung Corriere della Sera eine Serie von 20 Büchern heraus, jede Woche eines. Vielleicht sollte man eher Schriften sagen, denn einige sind nicht wirklich dick.

Es geht um die „Bibliothek Franziskus’“, also um die Bücher, die unseren Papst auf seinem Weg geprägt und beeinflusst haben. Ich bin mal gespannt, was alles dabei und vor allem was alles nicht dabei ist, denn ich hätte da auch so meine Vorstellungen.

Werbung mache ich dafür, weil ich denke, dass es hilfreich ist, das eine oder andere Buch zu lesen, um zu verstehen, woher der Papst mit seinem Denken und Sprechen kommt, was ihn beeinflusst hat und was er mag. Das hat jetzt nichts mit Personenkult zu tun, sondern mit Studium, wenn man so will. Jetzt habe ich also zwanzig Wochen lang was zu tun …

p5rn7vb
Veröffentlicht unter Allgemein, Franziskus, Glaube und Vernunft, Glaube und Welt, Rom, Spiritualität / Geistliches Leben, Vatikan | Verschlagwortet mit , , , , , , | 10 Kommentare

„Da schimmert gefährliche Arroganz durch“

„Es gibt natürlich viele Kritiker, die sich jetzt zu Wort melden und Heiligsprechungen für überkommen erklären. Da schimmert gefährliche Arroganz durch. Jeder Heilige ist für uns ein Vorbild. Heiligenverehrung ist nicht unmodern.“

Menschen auf dem Petersplatz bei der Heiligsprechung

Mein Blick vom Sonntag

Gefährliche Arroganz: Für diese Formulierung in einem Interview habe ich eine Menge Kritik bekommen, deswegen eine Erläuterung an dieser Stelle. Keine Rechtfertigung, sondern eine Erläuterung.

Mir fällt verstärkt auf, dass es innerhalb der Kirche eine Argumentationsfigur gibt, die einen Vergleicht zieht zwischen der Frömmigkeitspraxis in Deutschland oder Österreich oder der Schweiz einerseits und Lateinamerika oder Asien oder Afrika andererseits. Und diese Figur geht so: Die Verehrungen und Formen von Glauben bei uns sind durch eine Phase der Aufklärung und Entmythologisierung gegangen, sie sind sozusagen gesäubert. Was magisch ist, ist davon weggenommen. Kurz, wir brauchen das nicht mehr, das gehört einer vergangenen Zeit an. Gewöhnlich heißt die Formulierung dieser Figur: „Ist nicht mehr zeitgemäß“.

Das mag man so sehen, aber dann kommen die anderen Kirchen ins Spiel, zum Beispiel die 800.000 Menschen gestern hier in Rom oder wie viele es auch immer genau waren. Heimlich unterstellt man denen also, sie seien nicht durch diese Phase gegangen und täten also etwas, was nicht mehr zeitgemäß sei. Und dann passiert das, was zu der von mir genannten „gefährlichen Arroganz“ führt, man fügt in Gedanken oder wörtlich das Wort „noch“ ein: Sie sind ‚noch’ nicht durch diese Phase gegangen.

Damit attestiert man sich einen kulturellen Fortschritt und sieht andere Frömmigkeiten als rückschrittlich. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein, Die deutschsprachige Kirche, Franziskus, Glaube und Vernunft, Glaube und Welt, Kirche und Medien, Neulich im Internet, Rom, Sprechen von Gott | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 16 Kommentare

Zu den Heiligsprechungen: Die Heiligen und unser Glaube

Die Kirche ist voller Heiliger, sie stehen auf Säulen und sind auf Bildern und Fresken abgebildet, man könnte sie fast für Überchristen halten. Deswegen zur Erinnerung: Warum sprechen wir heilig? Warum ist es für uns wichtig, dass Johannes XXIII. und Johannes Paul II. an diesem Sonntag heilig gesprochen werden?

Zunächst einmal das Wichtigste: Eine Heiligsprechung ist keine Beförderung. Ein Heiliger steht nicht durch eine kirchliche Entscheidung besser vor Gott da, ist kein besserer Christ als vor der Erklärung der Kirche. Eine „Erhebung zu den Ehren der Altäre“, wie es auch genannt wird, stellt einen Christen oder eine Christin nicht unerreichbar hoch auf Säulen, auch wenn die Einrichtung unserer Kirchen manchmal anderes zeigt.

Und dann das Zweitwichtigste: Eine Heiligsprechung erklärt nicht nachträglich alles, was ein Mensch jemals in seinem Leben getan hat, für gut und gelungen und unterstützenswert. Es ist kein sakramentales Weißwaschen eines Lebens. Niemand betont so oft öffentlich, dass alle Menschen Sünder seien, wie der gegenwärtige Papst Franziskus. Und das gilt auch für seine Vorgänger, auch jetzt noch, nach ihren Heiligsprechungen.

 

Das Heilige

 

Was ist das dann, eine Heiligsprechung? Sie sagt nicht so viel über die heilig gesprochenen Menschen aus als über uns selber. Wir erklären, dass wir – die Gemeinschaft der Glaubenden, die Kirche – in diesen Menschen die liebende Gnade Gottes erkennen können. Wir glauben fest und als Gemeinschaft, dass wir das, was Jesus uns aufgegeben hat, in diesen Heiligen erkennen können. Wir glauben zu wissen, dass die Verheißung der Erlösung sich für uns erkennbar in diesen Menschen erfüllt hat. Wir sprechen also mindestens so viel über unsere Verehrung wie über die Heiligen selbst. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein, Die deutschsprachige Kirche, Glaube und Vernunft, Glaube und Welt, Glaubens-Funde, Spiritualität / Geistliches Leben, Sprechen von Gott, Theologisches, Vatikan | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 12 Kommentare

Zwei Päpste des Konzils

Am kommenden Sonntag wird Papst Franziskus zwei seiner Vorgänger heilig sprechen, die Päpste Johannes Paul II. und Johannes XXIII. Beide waren auf ihre jeweils eigene Art ‚Konzilspäpste’, auf Johannes ging die Einberufung zurück, ohne diesen Papst hätte es dieses Konzil nicht gegeben. Es war dann an Papst Paul VI., es zu Ende zu führen.

Karol Wojtyła war als Erzbischof von Krakau Teilnehmer beim Konzil und war an den theologischen Debatten beteiligt. In seinen Schreiben und Predigten ist er – wie auch sein Nachfolger Benedikt XVI. – von dieser Theologie und Erfahrung zutiefst geprägt.

Zur Vorbereitung zwei kurze Gedanken aus den Predigten zu den Seligsprechungen der beiden Päpste.

 

Aus der Predigt von Papst Johannes Paul II. bei der Seligsprechung von Papst Johannes XXIII. am 3. September 2000

 

JohannesXXIII

Papst Johannes XXIII.

„Von Papst Johannes ist allen Menschen das Bild eines lächelnden Gesichts und von zwei ausgebreiteten Armen zur Umarmung der ganzen Welt in Erinnerung geblieben. Wie viele Leute wurden von der Einfachheit seines Gemüts ergriffen, die begleitet wurde von einer umfassenden Erfahrung mit Menschen und Dingen! Der von ihm gebrachte „frische Wind“ betraf (..) die Art und Weise, sie darzulegen; neu war der Stil im Sprechen und Handeln, neu auch sein sympathisches Wesen, mit der er den gewöhnlichen Menschen und den Mächtigen der Erde begegnete. In diesem Geist berief er das II. Vatikanische Konzil ein, mit dem er eine neue Seite in der Kirchengeschichte aufschlug: Die Christen fühlten sich aufgerufen, das Evangelium mit neuem Mut und mit noch wachsamerer Aufmerksamkeit gegenüber den „Zeichen“ der Zeit zu verkünden. Das Konzil war in der Tat eine prophetische Eingebung dieses betagten Papstes, der – trotz mancher Schwierigkeiten – ein Zeitalter der Hoffnung für die Christen und die Menschheit eröffnete.“ Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein, Benedikt XVI., Franziskus, Geschichte, Glaube und Vernunft, Glaube und Welt, Theologisches, Vatikan | Verschlagwortet mit , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Vorläufer und Begleiter

Ganz neu sei das, was der Papst lehre und wie er spreche. Das höre ich immer wieder. Und es ist ja auch nicht verwunderlich, sehen und hören wir doch jeden Tag eine ganz eigene Form des Sprechens, der Inhalte und des Auftretens eines Papstes, der eine ganz eigene Kultur mitbringt.

Das zweimeiste, was ich über den Papst höre, ist der Satz, dass man jetzt vom Papst höre, was jahrelang nicht zu hören gewesen sei, was gedacht wurde und gehofft wurde und jetzt sei es Teil des Lehramtes. Lange habe man sich gegen Autoritäten für Sätze verteidigen müssen, wie sie jetzt vom Papst gesprochen würden. Das befreie.

Seit einiger Zeit mach ich mich systematischer auf die Suche nach dem, was darin angesprochen ist, nämlich nach Vorläufern. Papst Franziskus ist ja nicht vom Himmel gefallen, er hat Theologie gelernt, verarbeitet, weiterentwickelt und eine persönliche Form von Theologie, Verkündigung und Spiritualität entwickelt. Aber es gibt eben auch andere, die vorher waren und die es sich lohnt im Licht des jetzigen Pontifikates neu zu lesen.

Da ist zum Beispiel Karl Rahner SJ. Einer der ganz großen Theologen des vergangenen Jahrhunderts. Eigentlich war ich auf der Suche nach einer theologischen Wertung des Konzils durch einen Teilnehmer, fand aber einen Text, der ganz stark mit dem korrespondiert, was Franziskus über die Zukunft der Kirche sagt:

 

„Die Kirche ist auf diesem Konzil neu geworden, weil sie Weltkirche geworden ist, und sie sagt also solche an die Welt eine Botschaft, die, obzwar immer schon der Kern der Botschaft Jesu, heute noch bedingungsloser und mutiger als früher, also neu verkündigt wird. In beider Hinsicht, im Verkündiger und in der Botschaft, ist etwas Neues geschehen, das irreversibel ist, das bliebt. Ob wir in der dumpfen Bürgerlichkeit unseres kirchlichen Betriebs hier und jetzt dieses Neue ergreifen und leben, das ist eine andere Frage. Es ist unsere Aufgabe.“

 

Neu verkündet: So übersetze ich mir schon seit längerem den etwas unglücklichen Terminus der Neuevangelisierung. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein, Die deutschsprachige Kirche, Franziskus, Glaube und Vernunft, Glaube und Welt, Glaubens-Funde, Theologisches | Verschlagwortet mit , , , , | 107 Kommentare

Nie aufhören, Volk Gottes zu sein

Leseschlüssel zu Evangelii Gaudium, Teil 4

Abweichend vom bisherigen Prozedere heute ein etwas anderer Zugang zum Text, ausgelöst von einem aktuellen Anlass: Der Papst hat an diesem Donnerstag während der Chrisam-Messe über die „Freude des Priesters“ oder die „priesterliche Freude“ gepredigt. Und abgesehen vom Wort „Freude“, was allein schon Grund gibt, sind mir während meiner live-Übertragung einige Dinge aufgefallen, die für ein Verstehen des Textes interessant sein können.

Priester im Petersdom bei der Feier der Chrisammesse

Priester im Petersdom bei der Feier der Chrisammesse

Der Papst predigt über das Priestertum, so viel vorweg. Gewarnt sei vor einer zu schnellen Lektüre, das mag einigen – und vor allem in unseren Sprachspielen geschulten – Ohren etwas naiv erscheinen, eine Pastorale sozusagen, wenn nicht sogar weltfremd. Deswegen meine Warnung: Man kann dieser Meditation – und so würde ich den Text nennen – nur dann etwas abgewinnen, wenn man sie nicht für eine soziologische Beschreibung oder eine Norm hält. Für unsere Ohren klingt das alles etwas sehr fromm. Aber nicht vergessen: Wir haben schließlich einen Papst vom Ende der Welt, da muss nicht alles mitteleuropäisch klingen.

Aber wenn man den Schritt in diesen Text hinein wagt und sich nicht von den uns fremd klingenden Formulierungen abschrecken lässt, dann findet man in dem Text einen Dreh- und Angelpunkt, der auch für die Lektüre von Evangelii Gaudium zentral ist, auch wenn er dort nicht sofort ins Auge springt: Die Zentralität dessen, was der Papst in der Predigt das „heilige gläubige Volk Gottes“ nennt.

 

Glübig und heilig und der Dreh- und Angelpunkt: Das Volk

 

Wenn wir über die Verkündigung sprechen, dann ist die Kirche das Subjekt, und zwar verstanden als die „Gesamtheit des evangelisierenden Gottesvolkes“ (EG 17). Das ist nicht abstrakt gemeint, als theologische Aussage, sondern damit meint der Papst in den Worten der Predigt die „Kirche mit Vor- und Nachnamen“, konkrete Menschen, diejenigen, die gerade um mich herum sind. Wenn wir Evangelii Gaudium lesen, scheint es vor allem an den Leser oder die Leserin, und deswegen vor allem an Einzelpersonen gerichtet. In den ersten Teilen meines Versuchs eines Leseschlüssels habe ich ja auch betont, wie wichtig es ist, das Geschrieben auf sich selbst und nicht auf andere zu beziehen. Es geht dem Papst um persönliche Reflexion.

Darüber darf man aber nicht vergessen, dass das Volk Gottes, heilig und gläubig, immer der Bezugspunkt ist und bleibt.

Das wird deutlich, wenn der Papst in EG 28 davon spricht, dass eine Pfarrei dann fehl geht, wenn sie sich von anderen löst oder in ihr „Gruppen von Auserwählten“ bestehen. Das wird vor allem deutlich, wenn Franziskus über den Glauben und die Kultur spricht und dabei auf die Volksfrömmigkeit zu sprechen bekommt, auf die Würde des Betens und Feierns der Gläubigen (EG 90, 92). Vor allem wird das aber auch in der Vorstellung deutlich, die sich in meinen Augen immer mehr als eine der zentralen Textstellen herausstellt:

Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein, Franziskus, Glaube und Vernunft, Glaube und Welt, Rom, Spiritualität / Geistliches Leben, Sprechen von Gott, Theologisches, Vatikan | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | 1 Kommentar