Immer noch zurück getreten

Es ist wieder Jahrestag. Vor mittlerweile vier Jahren hatte Benedikt XVI. seinen Rücktritt angekündigt. Und auch wenn sich immer mal wieder Leute öffentlich aufregen mögen, darüber dass er immer noch weiß trägt oder Interviews gibt, ist die Tatsache eines nicht mehr amtierenden Papstes langsam normal geworden.

Das gilt auch für die Formsprache des Papstes.

Papst und Emeritus, Februar 2014

Papst und Emeritus, Februar 2014

Es muss sich sicherlich noch einiges einrenken. Etwa die weiße Farbe. Wir guten deutschsprachigen Mitteleuropäer würden natürlich am liebsten sofort eine Regel haben, an die sich zurück getretene Päpste halten müssen. Das war erst neulich wieder mal Thema. Typisch, kann ich als „Römer“ da nur sagen. Da passiert gerade etwas, da kann man sozusagen Kirchengeschichte beim sich Ereignen zuschauen, und was wollen wir? Das regeln!

Dabei hat Benedikt XVI. doch genau das getan, was sein Nachfolger predigt: er hat einen Weg geöffnet. Er hat einen Schritt getan, wie Franziskus nicht müde wird zu sagen. Er hat lange reflektiert – unterschieden – und dann entschieden.

 

Das magische Wort: Unterscheidung

 

Vielleicht liegt ja auch hier der Grund, weswegen die deutschsprachige Öffentlichkeit immer noch nicht so richtig mit dem Rücktritt umgehen mag. Da schwingt – nicht immer, aber öfters – ein „aber er hätte doch auch“ und ein „aber er hätte nicht“ dürfen, etwa was die Kleidung, den Namen, den Ort seines Ruhestandes, seine Interviews etc. angeht.

Ob der nächste – wer oder wann auch immer das sein mag – das genau so machen wird, ist nicht ausgemacht. Muss es auch nicht. Also mag er vielleicht auch weiß tragen. Oder nicht. Er mag im Vatikan wohnen. Oder nicht. Nur so viel kann man jetzt schon sagen: Die Umstände werden anders sein, die Personen werden anders sein.

Aber dieser 11. Februar wird immer der Beginn eines Weges bleiben. Für Benedikt XVI. persönlich, als Emeritus, aber auch für die ganze Kirche. Es ist ein wichtiger Jahrestag.

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Geleise legen

Es hätte ganz anders kommen sollen. Als Papst Johannes XXIII. das Zweite Vatikanische Konzil einberief, wurden vom Vatikan so genannte Schemata vorbereitet, also zu diskutierende Texte. Damit sollten, in der Überzeugung von Kardinal Franz König, dem damaligen Erzbischof von Wien, „Geleise für das Konzil“ gelegt werden.

Karl Rahners Notizen in Kardinal Königs Textkopie

Karl Rahners Notizen in Kardinal Königs Textkopie

König war damals im Vorbereitungsgremium für das Konzil und nicht einverstanden mit dem Vorgehen. Also machte er das, was viele andere auch machten, er nahm sich einen Theologen mit aufs Konzil. Jeweils ein so genannte Peritus durfte dabei sein. Der Peritus für Kardinal König: Pater Karl Rahner.

Sie kennen die Geschichte, der Rest des Konzils verlief völlig anders, als geplant.

Rahner nahm kein Blatt vor den Mund. Er notierte in die Texte der Schemata – der Vorbereitungstexte – deutliche Meinungen, die von „Elaboraten des gemächlich Selbstsicheren“ sprachen und von der Verwechslung ebendieser Selbstsicherheit mit der Festigkeit im Glauben.

Interessant, wie sehr sich die Fragen gleichen: Auch Rahner mahnte eine fehlende Unruhe an, Worte die wir heute dauernd auch aus dem Mund des Papstes hören, nur meint Franziskus damit alle Gläubigen, das Konzil hat also um sich gegriffen.

Rahner sprach damals von einer Mentalität, „die meint, Gott einen Dienst zu erweisen, wenn sie (eine) innere Unbedrohtheit (…) als die wahre Klarheit des katholischen Glaubens verteidigt“.

Wie gesagt, das ist alles Geschichte, ich durfte mir die Originale der König-Schemata neulich ansehen.

Aber so ganz Geschichte ist es nun auch wieder nicht. Unruhe versus innere Unbedrohtheit, die Gefahr der Selbstsicherheit, all das ist auch heute noch da.

Papst Franziskus nennt es bloß anders: Aus sich selbst heraus gehen versus in sich selbst verkrümmt sein. Und ich mag wiederholen: er bezieht das auf alle. Wer meint, es seien ja nur die anderen gemeint, liegt schon falsch.

 

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Wo bleibt deine Barmherzigkeit?

Jetzt haben wir es auch im Bild: Der Widerstand gegen Papst Franziskus wird im Augenblick in Rom plakatiert, an der Piazza del Risorgimento etwa, direkt am Vatikan. Der Text fragt – in römischem Dialekt – nach der Barmherzigkeit des Papstes angesichts seiner strengen Maßnahmen, was etwa die Leitung der Malteser und der Franziskaner von der Unbefleckten Empfängnis angeht. Außerdem ignoriere er Kardinäle – den Brief der Vier – und habe Priester entlassen. Wo also ist die Barmherzigkeit, die er predige, sagt das Plakat unter einem griesgrämig blickenden Franziskus.

Das Plakat in Rom

Das Plakat in Rom

Das Plakat bleibt anonym. Soweit, so schlecht. Aber man kann sich vorstellen, woher es kommt. Es sind diejenigen, welche auf Einhaltung von Regeln achten, wenn der Papst das aber tut, ihn auf Barmherzigkeit hinweisen. Und wenn der Papst barmherzig ist, dann wollen sie die Regeln. Je nach eigener Problemlage.

Bei den genannten Franziskanern – einer kleinen Kongregation, nicht zu verwechseln mit dem großen Orden – geht es zum Beispiel unter anderem um das Feiern der Messe im Ordo von 1963, in den Augen der Traditionalisten können die also gar nichts falsch gemacht haben und der Papst hat automatisch unrecht. Man fragt gar nicht nach den Gründen, es muss um den Ritus gehen, fertig.

 

Ab jetzt: #Plakatkleber

 

Beim Malteserorden fragt man nicht nach Ursache und Wirkung, da aber einer ihrer Helden – Kardinal Raymond Burke – beteiligt ist (wie auch beim Brief der Vier), ist die Sache klar, der Papst ist der böse.

Und dann das Totschlagargument: Wo ist deine Barmherzigkeit?

Kann sie vielleicht darin liegen, dass der Papst Beteiligte schützt, die über die öffentlichen Kombattanten hinaus gehen? Dass der Papst den Namen von zu Unrecht abgesetzten schützt? In den Augen der Plakatkleber kann das nicht sein, weil es nicht sein darf.

Das Gegenargument könnte lauten: Warum lässt der Papst bei einigen Verletzungen von Regeln und der unwandelbaren Lehre der Kirche die Zügel schleifen, bei anderen aber nicht?

Die Antwort: Barmherzigkeit bedeutet nicht, dass jeder machen kann, was er will. Die Fälle, die da ineinander gerührt werden, sind sehr verschieden und haben nichts miteinander zu tun, außer dass der Papst der Handelnde ist. Barmherzigkeit ist aber nicht einklagbar, um sich selber jeglicher Rechenschaftspflicht zu entledigen. Barmherzigkeit kann sich eben auch auf die beziehen, welche die Plakatkleber nicht im Blick haben. Barmherzigkeit hebt Verantwortung nicht auf, die ich für mein und jeder für sein Handeln hat. Und auch nicht die des Papstes in der Ausübung seines Amtes, auch wenn es den Plakatklebern nicht passt.

Interessant ist vielleicht auch, dass ein Plakat zeigt, dass man die Öffentlichkeit außerhalb der Filterblasen des Internets sucht. Mal sehen, wie das ausgeht. Man gibt sich volkstümlich durch den Dialekt, mal sehen, ob das auch wirklich von irgendwelchen Gruppen getragen wird.

Und: das nächste Mal bitte mit Namen.

 

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Liebes Wien …

… ich mag dich ja. Das weißt du. Es gibt einfach Städte, da fühle ich mich wohl. Also komme ich gerne auf Besuch.

Ampel vor dem Hotel Sacher in Wien

Ampel vor dem Hotel Sacher in Wien

Aber in aller Freundschaft möchte ich auch noch etwas anmerken, was mich nervt. Und zwar, wenn ich in der Innenstadt bei der Oper über die Ampel gehe. Vielleicht fällt es mir woanders nicht auf, vielleicht gibt es das Phänomen auch nur in dieser Gegend, wer weiß.

Also, du hast entschieden, pädagogische Ampeln aufzustellen. Da steht Männlein neben Männlein, Händchen haltend, und Frau steht neben Frau, Händchen haltend, und für alle, die es immer noch nicht begriffen haben gibt es ein Herzchen in den Figuren.

Es gibt natürlich auch Mann und Frau, wir wollen ja nicht diskriminieren.

Alles in allem also eine Aktion gegen Diskriminierung und für Offenheit, also solche kann ich das auch akzeptieren. Wenn, ja wenn. Wenn ihr nicht um für Offenheit zu werben auf billige Stereotypen zurückgreifen müsstet. So haben die Frauen auf den Ampeln brav kurze Röcke an.

Ich verstehe ja, sonst würde man das alles nicht erkennen und die Wirkung wäre keine, schon klar. Aber auf mich wirkt das Ganze ziemlich peinlich. Mit Stereotypen für Offenheit zu Toleranz zu werben, irgendwo ist da ästhetisch der Knoten drin.

Gibt es da nicht andere Wege? Wenn ich auf eine Ampel schaue, will ich eine Info haben. Nicht belehrt werden. Und irgendwie auch nicht auf diese Weise. Das kommt – bei mir – nicht gut an.

Sei doch mal etwas kreativer, liebes Wien, so kenne ich dich ja auch.

 

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Ragt dann nur noch Papst Franziskus heraus?

Pater Lombardi beim Vortrag in Wien

Pater Lombardi beim Vortrag in Wien

Geburtstage sind Würdigungstage, vor allem wenn das Geburtstagskind 70 wird und dazu noch eine Institution und keine Person ist. In diesem Jahr trifft es die österreichische katholische Nachrichtenagentur Kathpress. Es wurde zu einer Feierstunde nach Wien geladen, Kardinal Schönborn sprach, und dann hatte Pater Federico Lombardi als Festredner das Wort. Als ehemaliger Pressesprecher des Vatikan hat er wie kaum ein anderer Einsicht in kirchliche Kommunikation, die Licht- wie auch die Schattenseiten, zumindest was die Zentrale angeht.

Er hat uns ein wenig Einblick hinter die Kulissen seiner 10-jährigen Tätigkeit gewährt. Und dann im Anschluss an Überlegungen zur Entwicklung der Medien heute zwei Bemerkungen angehängt, die ich hier wieder geben möchte. Sie lohnen die Betrachtung:

Der Enthusiasmus für die Neuen Medien darf uns nicht die Aufmerksamkeit für die Solidität, die Konsistenz und die Tiefe des Inhalts der Informationen und der Kommunikation vergessen machen. Ein kompetenter, informierter Journalismus, der Probleme in ihrer Tiefe und in ihrer realen Komplexität verstehen will, ist notwendig und wird es weiter sein, vielleicht sogar noch mehr als früher, weil die Welt nicht einfacher wird und die Herausforderungen immer größer. Solch ein Journalismus muss seine Wege und seine Orte finden, um sich auszudrücken. Kurze und einfache Botschaften sind nützlich und wirkungsvoll, wenn sie auf der Basis von tragfähigen und profunden Botschaften aufruhen. Etwas zu teilen ist gut, wenn etwas wert ist, geteilt zu werden, wenn es nicht unnütz und leer ist und nur Zeitverschwendung.

Soweit die erste Betrachtung. Klingt irgendwie selbstverständlich, muss aber wohl immer wieder ausgesprochen werden, denn der Enthusiasmus droht viel wegzuschwemmen.

Die zweite Beobachtung: Der Papst und der Vatikan sind wichtig, aber sie sind nicht die gesamte Kirche. Der Papst und seine Mitarbeiter üben einen Dienst an der Einheit der universalen Kirche aus. Die Kirche aber ist vielgestaltig – „circumdata varietate!“ – , vielgestaltig in ihren Institutionen, ihren Kulturen, ihren Traditionen, ihren Sprachen, und darf nicht eingeebnet werden. Gewisse Dynamiken des Internets führen dazu, dass die Aufmerksamkeit überproportional auf die starken Webseiten gerichtet wird und auf die bekanntesten Menschen. Eine Vervielfältigung von Kontakten bedeutet aber noch nicht notwendigerweise auch eine Bereicherung der Beziehungen und des Austausches. Ich sehe in der Entwicklung der Kommunikation im Internet nicht nur die positiven Möglichkeiten, sondern auch das Risiko einer Schwächung und einer Verarmung von ernsthafter Kommunikation auf persönlichem Niveau, einer Schwächung der Wichtigkeit von Nachrichten aus der regionalen oder nationalen Dimension von Kirche. …

Die Frage, die ich mir nun stelle, hat mit einer Ekklesiologie der Subsidiarität und Komplementarität zwischen den verschiedenen Ebenen der Kirche zu tun – universal, national, diözesan, lokal: Gelingt es es im neuen Netz und in der fließenden Welt der Neuen Medien stabile Verbindungen zu knüpfen, wo sich das Leben der Gemeinschaft der Kirche vor Ort, im Bistum und so weiter ausdrücken kann? Oder riskieren wir, uns in einem verwirrenden Magma wieder zu finden, aus dem nur noch Papst Franziskus und seine begabten Nachfolger heraus ragen oder andere schwindelerregende Gipfel oder mächtigen Institutionen, die Herr sind über die Suchmaschinen?

Diese zweite Beobachtung ist noch wichtiger als die Erste, und ich bin froh, dass sie auch bei der Reform der Vatikanmedien eine Rolle spielt. Vatikan ist nicht Kirche. Ortskirche wird nicht durch Papst ersetzt, auch wenn sich das medial viel besser darstellen lässt.

Danke Pater Lombardi für die Beobachtungen.

Und herzlichen Glückwunsch, Kathpress!

 

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Wahrheit, Würde, Gleichheit

Es ist eine kluge Einsicht: Warum lügt jemand, wenn doch jedem Zuschauer offensichtlich ist, dass es eine Lüge ist? Weil die Lüge dem Beweis dient, dass die Wahrheit machtlos ist. Es ist schlicht die „Verschiebung des Diskurses“, alles steht in Frage.

Die Einsicht stammt von Marina Weisband und sie hat sie in einem klugen Artikel in der Wochenzeitung Die Zeit veröffentlicht, ausführlicher als ich das hier wieder gebe.

Einen zweiten Effekt beschreibt Weisband: Angesichts von so viel Lüge beginnen Menschen, an ihrer eigenen Wahrnehmung zu zweifeln. „Es ist ein Kampf gegen die Vernunft“, schreibt sie. Der Versuch, den Menschen die Kontrolle über ihre Wahrnehmung zu nehmen, ist ein Akt gegen ihre Freiheit.

Natürlich geht es um Donald Trump, der mit einer schwindelig machenden Frequenz in den ersten Tagen seiner Präsidentschaft Dinge tut, die wir vor Wochen noch für unmöglich gehalten hätten.

 

Ein Akt gegen die Freiheit

 

Und das Kampf gegen den Wert von Wahrheit ist nicht das Einzige. Da behauptet ein Präsident der Vereinigten Staaten, dass Folter funktioniere. Sein Verteidigungsminister und sein CIA Chef sollten entscheiden, ob er für eine Wiederzulassung arbeiten solle. Die beiden haben aber schon deutlich zu Protokoll gegeben, dass sie von Folter nichts halten. Warum also diese Einstellung?

Um zu zeigen, dass er auch über ungesetzliche Maßnahmen nachdenkt. Die Rechte und die Würde des Menschen, die durch diese Gesetze geschützt werden, verlieren ihre Macht genau so wie die Wahrheit bei den beständigen Lügen.

Dabei ist es gar nicht so wichtig, ob das auch wirklich passiert. Diese ganzen Aussagen verändert etwas im Kopf von Menschen, die Einstellung verschiebt sich, Wahrheit ist nicht mehr ganz so wichtig, über Würde kann man schon mal sprechen, wenn es höheren Interessen dient.

 

Zertrümmerer

 

Noch immer gibt es Menschen, die als Christen auf Trump setzen. Nur stellt sich mir die Frage, was übrig bleibt, wenn er die Grundlage eines friedlichen, auf Recht bauenden Staates auf solche Weise zertrümmert. Er will wöchentlich Listen veröffentlichen, auf denen von Einwanderern begangene Straftaten verzeichnet sind. Das ist unfassbar! Wie wäre es mit einer Liste von rassistischen Übergriffen? Von Steuerhinterziehungen? Nichts da, hier wird ganz bewusst mit dem Feuer gespielt, Menschen mit Einwanderungshintergrund werden einem grundsätzlichen Verdacht ausgeliefert, der um so perfider ist, als er nicht statistisch begründet ist.

Eine Lüge ist eine Lüge. Wahrheit zählt.

Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Alle Menschen sind gleich.

Leider sind das die Dinge, an denen die Präsidentschaft Donald Trump gerade knabbert.

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Fremder Barock

Er gehört zu den sichtbarsten Kunstrichtungen der Kirche.  Oder vielleicht ist er sogar die dominierende weil Form-prägende Kunstrichtung überhaupt, welche unsere Kirchen gestaltet: Der Barock. Überwältigende Farben und Formen, die ganze Kirchen, mindestens aber die Altarräume in ein Gesamtereignis gestalten.

Dabei ist diese Bildsprache für uns heute gleichzeitig vertraut und fremd. Vertraut, weil sie nicht überrascht. Wir sind an sie gewöhnt, auch wenn wir persönlich mit Backsteinkirchen aufgewachsen sein sollten. Fotos, Besuche, Tourismus, der Barock ist die „Normalform“. Aber auch fremd, weil es so gar nicht mehr unsere Welt ist.

Das Goldene Jahrhundert: Ausstellung in München

Das Goldene Jahrhundert: Ausstellung in München. Im Hintergrund: Statuen von zwei Jesuitenheiligen, Francisco de Borja und Ignatius von Loyola.

Zu besichtigen etwa derzeit in München in einer Ausstellung zum so genannten goldenen Jahrhundert Spaniens, dem 17. Jh. Sehr schöne Bilder, El Greco etwa und Diego Velázquez, aber auch Bildhauer und andere sind vertreten.

Es ist nicht nur religiöse Kunst vertreten, aber die hat mich in dieser Ausstellung besonders interessiert.

Es ist schon eine überwältigende Kunst, die da gezeigt wird, wenn auch nur in kleinem Ausschnitt. Alleine wie El Greco Stoffe malt, daran kann man sich gar nicht satt sehen.

Es ist natürlich wunderbar, dass Bilder, die normalerweise in Madrid oder in Chicago hängen, nun bei uns zu sehen sind. Soweit der Vorteil von Ausstellungen. Es macht – und das ist mir besonders in München aufgefallen – aber auch die Fremdheit deutlich, die wir empfinden mögen. Die stark zurück genommene Gestaltung der Räume trifft auf volle Formen, man kann die Jahrhunderte der ästhetischen Wahrnehmung, die uns trennen, geradezu spüren.

 

Weit, weit weg

 

Ganz besonders deutlich wird das beim Zusammentreffen von Gestern und Heute, in einem Film über eine Prozession. Die Gewänder und getragenen Figuren sind wohl dieselben wie im Barock, die Hauben die das Gesicht verdecken, die ausdrucksstarken Figuren, aber unser Lebens- und Bildgefühl heute ist so anders, wunderbar repräsentiert durch die Brechung des Filmes. Weiterlesen

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#SeanSpicerSays

Es ist irgendwie bitter für den frischgebackenen Sprecher der neuen US-Regierung, gleich mit seiner ersten Pressekonferenz vor eine Wand zu laufen. Aber anders als der legendäre George Stephanopoulos damals bei Bill Clinton war es dieses Mal eine selbst gebastelte Wand.

Er hat schlicht die Unwahrheit gesagt. Dass seine Chefin das dann als „alternative Fakten“ umzudeuten versucht hat, ist Grund für viel Häme. Dummerweise waren die Fakten alle überprüfbar.

Und so laufen unter dem Hashtag #SeanSpicerSays derzeit witzige Geschichten durchs Internet, sozusagen alle „alternativ faktisch“. Humor ist da Einzige, was hier hilft.

Aber es geht ja gar nicht um den armen Sean Spicer, die Kultur, sich seine Welt zurecht zu legen und sie als wahr und als Tatsache zu behaupten, hat ja um sich gegriffen. Leider auch bei Regierungen.

Wie nun unterscheiden? Da hilft ein Satz des FDP Politikers Christian Lindner, den ich mir hier ausborgen mag, der sagte über den kommenden Bundespräsidenten Deutschlands Steinmeier, dieser habe den Anspruch „Mutmacher, nicht Engführer“ zu sein. Letztlich ist das die Unterscheidung zwischen Positivität und Negativität. Wohin führt mich jemand? Voran? Oder in die Selbstbeschränkung und die Angst?

Spätestens hier wird der geneigte Leser und die geneigte Leserin dieses Blogs sehen, wo ich den Papst hier sehe. Nicht in der aktuellen Kommentierung von politischen Vorgängen, die in dem jüngsten Papstinterview gesehen wurden. Viel wichtiger ist die Grundhaltung, voran zu gehen, Mut zu machen, sich nicht einschränken zu lassen.

Das finde ich den wichtigsten Schritt, um zu erkennen, worum es sich bei der nächstbesten Behauptung handelt: Wohin soll die mich führen?

Ein zweites Unterscheidungsmerkmal liegt in einem alten Prinzip, das ich in der Jugendarbeit schätzen gelernt habe: Das Gegenteil von Lüge ist nicht Wahrheit, sondern Ehrlichkeit. Soll heißen: Ich kann etwas machen, auch wenn ich nicht immer alles weiß. Ich kann ehrlich sein, ohne gleich die gesamte Wahrheit (alle Fakten) zu kennen. Im Alltag gehört dazu ganz einfach die Feststellung, dass man nicht alles weiß.

Also, wenn der arme Herr Spicer seine in sich widersprüchliche Aussagen mit „Punkt“ abschließt, dann ist da keine Ehrlichkeit, er will einfach jeden Diskurs darüber unterbinden. Das ist ein Machtgestus, der nichts mit ehrlich zu tun hat.

Seien wir also ehrlich, uns selbst gegenüber – was meistens gar nicht so einfach ist – und den anderen gegenüber. Dann werden die „alternativen Fakten“ schnell das, was sie sein sollen: Material für Witze.

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Ticket-Box zwischen den Säulen

Hoffentlich ist es nur ein Sturm im Wasserglas: Rom und Italiens Kulturwelt diskutieren gerade, ob es sinnvoll ist, für das Pantheon in Rom Eintritt zu verlangen. Der Kulturminister hat öffentlich Drei Euro ins Spiel gebracht, damit – 21 Mio Euro im Jahr – sollen dann andere Monumente erhalten werden, die nicht so viele Besucher haben wie das Pantheon.

Nun ist das Pantheon aber nicht nur ein antikes Gebäude, sondern eine Kirche. Und zwar eine, wo auch Gottesdienste stattfinden, Messen, Trauungen etc. In Rom gibt es das bisher noch nicht, Kirchen mit Eintritt, anders als etwa in den Touri-Hochburgen Florenz und Siena. Da muss man, wenn man den Duomo oder Santa Croce sehen will, zahlen, es sei denn, man kann bescheinigen, dass man Priester ist. Habe das selbst ausprobiert, funktioniert.

In Rom muss man zwar an Sankt Peter Schlange stehen, wegen der Kontrollen, aber zahlen muss man nicht.

In ungewöhnliches Perspektive: Die Kuppel des Pantheon, Rom

In ungewöhnliches Perspektive: Die Kuppel des Pantheon, Rom

Das Pantheon ist Antik, der Vorbau stammt aus der Zeit des Augustus, die Kuppelhalle ist jünger. Aus dem Tempel wurde dann eine Kirche, bevor das Königreich Italien versuchte, durch die Beerdigung seiner Könige dort drin so etwas wie ein Nationalgefühl zu schaffen, in rührender Nachahmung des Pantheons in Paris, wo die Großen Frankreichs liegen.

Das hat nie richtig funktioniert, kein Tourist kommt, um die Grablege der Könige zu sehen, sondern um die große Kuppel mit dem Loch drin zu bewundern. Die Halle hat wunderbare Proportionen und lohnt den Besuch wirklich, der Lichteinfall, der Raum, all das macht den Besuch zu einem touristischen Highlight.

 

Nur noch touristisches Highlight?

 

Was tatsächlich die Frage aufwirft, ob man das Pantheon deswegen nicht auch als touristisches Highlight behandeln soll und ein Ticket-Häuschen zwischen die Antiken Säulen stellen sollte. Kurz: Bleiben von Sancta Maria ad Martyres nur das Gebäude und die Angaben im Reiseführer?

Mein Herz sagt natürlich ‚Nein’. Aber auch der Verstand hat Zweifel. Das Geld, das hier eingenommen wird, reicht natürlich hinten und vorne nicht. Italien hat so viele zu erhaltene Stätten, da kann Eintritt für das Pantheon eine nur symbolische Bedeutung haben.

Was mich aber noch mehr nervt ist die Perspektive, dass alles nur noch mit Geld zu erreichen sein wird. Natürlich braucht man Geld, ohne Zweifel, so naiv bin ich nun auch wieder nicht. Aber die Innenstadt Roms verwandelt sich eh immer mehr zu einem Besucher-Park. Es wäre schade, wenn Kulturdenkmäler – und Kirchen – sich nahtlos darin einreihen würden.

Wer Geld bezahlt, erwirbt Rechte. Und wenn ich Rechte an etwas habe, etwa etwas zu sehen, dann bin ich irgendwie Herr der Sache.

Wer Geld bezahlt, verändert die Beziehung, die er zum Gebäude oder sonstwas hat. London hat die Gewohnheit, dass dort alle Museen ohne Eintritt funktionieren – noch, muss man ehrlicherweise sagen. Das verändert die Besucher, jedenfalls meinem Eindruck nach.

Wie gesagt, hoffentlich ist das alles nur eine der üblichen politischen Versuche, ein Nutztier durchs Dorf zu treiben, um Aufsehen zu erregen und so zu tun, als tue man was. Andererseits würde und dieses Kulturdenkmal und würde uns diese Kirche wieder ein Stück fremder.

 

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Der verheißene Erlöser? Hier? Quatsch!

An diesem Kunstwerk ist nichts Religiöses. Kein Heiligenschein um die Menschen, keine religiöse Symboli, im Gegenteil, eher versucht der Künstler, alle direkten Bezüge zu vermeiden. Es gibt keine biblische Geschichte, die man sofort zuordnen mag, keine Zitate früherer Kunst, nichts. Und doch hängt es in einer Kirche und heißt: „Krippe“.

Das Kunstwerk "Krippe" von Marc Fromm

Marc Fromm: Krippe

Die Kirche, in der die Krippe hängt, ist Sankt Peter in Köln, die Kunstation Sankt Peter. Die Figuren sind aus Holz geschnitzt, wie „echte“ Krippen auch. Aber in dem Mann und seiner Pommes, mit Tattoo und verspiegelter Sonnenbrille, mag man Josef nicht erkennen. Und die Frau schiebt zwar einen Kinderwagen und hat ein Kreuz um den Hals, das ist aber eher Schmuck wie das „D&G“ Gürtelschloss und andere Accessoires. Das soll Maria sein? Mit Kampfhund und Spike- Halsband an der Leine? Doch wohl eher nicht.

 

Diese Krippe lebt von anderen Krippen

 

Was soll also dieses Kunst-Werk in einer Kirche? Zuerst: Es lebt von anderen Krippen. Der Asia-Grill mit den zwei Figuren lebt davon, dass wir „eigentlich“ wissen, wie Krippen auszusehen haben, jedenfalls so ungefähr. Ohne den Hintergrund unseres kulturellen Wissens oder unserer Glaubenspraxis hat das keinen Sinn, es spielt mit Erwartungen und Voraussetzungen. Es ist also abhängige Kunst.

Würden wir hier den Herrn suchen? "Krippe" im linken Seitenschiff von Sankt Peter, Köln

Würden wir hier den Herrn suchen? „Krippe“ im linken Seitenschiff von Sankt Peter, Köln

Dann muss man genau hinsehen, was diese Krippe macht: Sie stellt nicht dar. Andere Krippen sind historisierende Darstellungen des biblischen Geschehens, da werden Bibelstellen aus den Evangelien nach Lukas (Geburt, Grotte, Hirten) und Matthäus (Sterndeuter) wortwörtlich zusammen gestellt, damit wir sehen, nicht nur hören. Das war die geniale Idee des Franziskus von Assisi, wie wir heute sagen, er hat damit begonnen und es war eine Erfolgsgeschichte.

Aber was sehen wir, wenn wir heute eine Krippe anblicken? Papst Franziskus hat in diesem Jahr immer wieder Figur-Meditation betrieben, „schauen wir auf Maria“, „schauen wir auf Josef“, die Figuren an der Krippe sollen anregen, die biblischen Geschichten der Geburt Gottes zu meditieren. Genau das tut die Krippe in Sankt Peter nicht. Sie stellt nicht dar. Sie repräsentiert nicht.

 

„Ihr werdet ihn finden am Asia-Grill“

 

Die Kraft dieser Krippe liegt woanders. Wenn man auf die Krippe sieht, dann sieht man nicht gleichzeitig weg von der Welt. Da ist die Stärke. Wenn ich durch Neapel laufe, die berühmte Straße wo tausende von Krippenfiguren angeboten werden, von Fußballstars über Schauspieler, Politiker und andere Größen, die dann zum Neugeborenen in den Stall gestellt werden können, dann passiert da etwas Ähnliches: Die Welt von heute hält Einzug. Weiterlesen

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