Papstversteher

Papst Franziskus und Vatikansprecher Pater Federico Lombardi

Papst Franziskus und Vatikansprecher Pater Federico Lombardi

Die Welt ist fasziniert von Papst Franziskus. Auch wenn das große Aufsehen vor allem in den Medien nachgelassen hat, so sind die Reaktionen auf diesen „Neuen“ im Vatikan immer noch von Begeisterung und Zuspruch geprägt.

Vor allem die Morgenmessen haben ihr eigenes Publikum gefunden, daneben aber auch die vielen Gedanken und Formulierungen aus Predigten und Ansprachen, denen der Papst in seiner ihm eigenen Direktheit einen ganz eigenen Charakter gegeben hat.

Auf die gleiche Weise findet er aber auch Widerspruch: Wie kann er etwa die Flüchtlinge in Lampedusa so sehr in den Fokus rücken ohne die politischen Rahmenbedingungen anzugehen? Oder kürzer formuliert: Ist er nicht etwas naiv?

Am Montag wird der Papst nach Brasilien aufbrechen und wir bekommen – so der Plan – etwa fünfzehn Ansprachen, Predigten etc. des Papstes. Vielleicht ist es deswegen Zeit, sich etwas vorzubereiten. Ich möchte – auf die Vorarbeit meines Mitbruders P Andrzej Koprowski zurückgreifend – einige Schlüsselbegriffe vorstellen, die hilfreich sein könnten, den Papst in der kommenden Woche zu verstehen.

 

Erstens: Die Kirche gehört nicht uns, sie ist die Kirche Christi. Planungen und auch Reformen müssen zuerst die Frage stellen, was Christus von mir will und dann was Christus von uns, der Kirche, will. Dieser Gedanke findet sich immer wieder in seinen Predigten und Ansprachen.

 

Zweitens: „Auf dem Weg“, „lebendiger Stein“, „nicht langweilig“, „auf den Spuren Jesu“, das sind alles Charakteristiken eines Christen, wie der Papst ihn beschreibt. Dazu gehören andere, meist sehr einfach formulierte packende Beschreibungen. Er nennt genauso häufig aber auch das Gegenteil, ganz und gar nicht christliche Charakteristiken: „Gesicht wie eine Chili in Öl“, „Sklaven der Dinge“, „Karrierismus“, letztlich alles was den christlichen Glauben als etwas versteht, was dem Christen einen festen Platz in der Welt und in der Gesellschaft verschafft, was traurig aussehen lässt. „Wo ist der Heilige Geist, der vorwärts drängt?“, fragt da der Papst.

 

Drittens: „Der Glaube ist kein Rückzugsgebiet für Menschen ohne Mut, sondern eine Ausweitung des Lebens“ (Lumen Fidei 53). Das ist kein Plädoyer zum Aktivismus, sondern die Beschreibung des Glaubens als etwas grundsätzlich sozialem. Glaube gehört mir nicht, er schützt mich nicht vor der Welt, sondern gehört in die Welt, die Familien, die Gemeinden, in die zwischenmenschlichen Beziehungen. Wir sind komplementär als Mann und Frau geschaffen und grundsätzlich soziale Wesen. Genau dorthin gehört der Glaube.

 

Viertens: Wir sind alle Teil der Schöpfung, des Kosmos. Deswegen ist es unsere Aufgabe, diese Schöpfung zu schützen, ganz persönlich aber auch – wie der Papst diplomatischen Botschaftern mit auf den Weg gegeben hat – auch politisch und ökonomisch. Wir sind aufgerufen zu versuchen, den Schöpfungscharakter der Welt zur Grundlage des Umgangs und Tuns zu nehmen. Wichtig: Das ist nichts rein Christliches, das ist etwas Menschliches, das alle Menschen betrifft (Antrittspredigt 19. März). Papst Franziskus nennt den heiligen Josef, der Schützer sei, weil er zu hören verstehe und sich leiten lasse.

Dazu gehören aber auch die „Herodes“ der Welt, die das Gegenteil wollten, Tod und Zerstörung zur Förderung ihrer eigenen Interessen und aus ihrer eigenen Angst heraus.

Schutz der Schöpfung bedeutet deswegen auch, das eigene Herz und die eigenen Gefühle zu beachten, denn dort hat das Handeln seinen Ursprungsimpuls.

 

Fünftens: Die wirtschaftliche und finanzielle Krise der Staaten und Gesellschaften, in der wir im Augenblick leben, ist zunächst eine zutiefst menschliche Krise, eine „Krise des Menschen selbst“. Wie leben in einer Welt, in der der Mensch in einer Abfallkultur lebt, also keine Wertschätzung kenne. Alles, was nicht unmittelbar dient, wird weggeworfen, bis hin zum menschlichen Leben, das keinen Nutzen erkennen lässt. Auf Lampedusa hat Franziskus das die „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ genannt.

Die Wurzel findet sich laut Franziskus in der Vorstellung der absoluten Autonomie eines jeden Einzelnen, es entsteht eine „unsichtbare, ja virtuelle Tyrannei“. Das Unterwerfen des Staates unter diese egoistischen Prinzipien wird dadurch noch schlimmer gemacht, dass Korruption das auch noch zum individuellen Vorteil Einzelner ausbeutet: Die Kultur des Habens und Besitzens kennt keine Grenzen mehr.

Gott ist eine Gefahr für dieses Denken, denn er führt aus dem Sklavenhaus hinaus in die Freiheit.

 

Sechstens: Offene Türen! Keine Angst vor dem Nächsten zu haben und sich nicht gegen ihn abzuschotten bedeutet, offen zu sein. Diese offenen Türen funktionieren in beide Richtungen, wir nehmen andere auf und gehen durch sie hindurch, bis an die „Peripherien“ des Lebens.

Wie? Durch Dialog. Der Dialog baut Brücken zwischen Menschen und lässt ihn als Bruder und Schwester, nicht als Konkurrenten erkennen. Dialog ist nicht so sehr eine Methode als eine Haltung.

Dieses Brückenbauen ist aber ohne Gott nicht möglich. Umgekehrt gilt das Gleiche: Man kann keine Gottesbeziehung leben, ohne Brücken zum Nächsten zu bauen. Das gelte für jeden Einzelnen, aber auch für Kulturen und Religionen  – Papst Franziskus nennt hier ausdrücklich den Islam und die Nichtglaubenden.

 

Siebtens: Papst Franziskus spricht oft und vor allem während der Morgenpredigten über die Wirklichkeit der Kirche, wie sie ist und erscheint. Vor dem Weltjugendtag lohnt es sich vor allem einen Punkt herauszuheben: Ängstliche Christen schaden der Kirche. Ohne Horizonte, ohne Mut das Evangelium zu verkünden oder auch nur ohne Mut zu beten machen wir die gesamte Kirche ängstlich. Das ist dann die „weltliche“ Kirche, unfähig das Kreuz zu tragen, das Teil des Lebens der Kirche und der Christen ist.

 

Achtens: Gott vergibt, immer. Wie schwach, sündig, suchend wir auch sind, die Barmherzigkeit und die „zärtliche Liebe“ Gottes, von der Papst Franziskus immer und immer wieder spricht, sind sein stärkstes Thema. Beginnend mit seinem ersten Angelusgebet betont er immer wieder die Barmherzigkeit Gottes uns gegenüber: Gott ist offen, Gott hat offene Arme, wir dürfen immer zu ihm gehen, ihn bitten, uns Gott anvertrauen.

Das Wort „zärtlich“ [tenerezza] ist keines, was im deutschen kirchlichen Sprachgebrauch alltäglich ist, weswegen es seine ganz eigene Kraft entfaltet. Papst Franziskus legt großen Wert darauf, Gottes Liebe genau so zu beschreiben. Auf unserer Seite entspricht dem die Großherzigkeit, auf die Papst Franziskus immer wieder zu sprechen kommt.

 

Neuntens: Besonders zum Weltjugendtag lohnt es sich, noch einmal das zu betonen, was Papst Franziskus zur und über die Jugend gesagt hat. Das Neue an der Botschaft Jesu ist nicht wie das Neue, das wir aus der Welt kennen, es ist nicht vorläufig. Der Papst legt großen Wert auf diesen Gegensatz: vorläufig – gültig, besonders in Begegnungen mit Jugendlichen. Gott macht im Heiligen Geist die Welt neu und das eigene Leben neu, aber eben nicht wie die Welt um uns herum schnell und dann wieder vergessen. Die Welt ist immer auf der Suche nach Attraktion und Neuigkeit, die vorläufig ist. Papst Franziskus wirft der „Kultur des Provisorischen“ vor, wirkliche Entscheidungen schwer zu machen. Gott dagegen verwandelt, und diese Umwandlung bleibt (Predigt 28. April, Anglus 23. Juni). Auf menschlicher Seite hat das Hoffnung zur Folge, Gott verwandelt und wir leben in der Hoffnung.

Aus dieser Hoffnung heraus kann man – kann vor allem die Jugend – gegen den Strom des Zeitgeistes und damit des Provisorischen schwimmen. Die Jugendlichen sind die ersten, die das können.

 

Andrzej Koprowski SJ, Bernd Hagenkord SJ

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