Prozesstag Eins

Auf dem Platz vor der Engelsburg, in Sichtweite meines Bürofensters, ist an diesem Morgen ein Gerüst aufgebaut. Ein Baugerüst, allerdings freistehend und nicht für den Bau gedacht, sondern für eine Fernsehkamera. So etwas gibt es sonst nur bei wirklich großen Ereignissen, zuletzt bei der Seligsprechung Johannes Pauls II., wenn ich nicht irre. Von diesem Standpunkt aus hat man einen wunderbaren Blick die Via della Conciliazione hinauf zum Petersdom.

Das Gerichtsgebäude im Vatikan, Außenansicht

Das Gerichtsgebäude im Vatikan

Warum steht die Kamera samt Übertragungswagen und Journalisten und Technikern dort? Weil heute der erste Tag im Prozess gegen Paolo Gabriele stattfindet. Die Kollegen können von ihrer frisch gebauten Aussichtsplattform aus über Kriminalität und Geheimnis, Vatikan, Priester und den Papst berichten. Aber da es keinerlei Bilder geben wird – wie bei jedem Prozess üblich wird nicht übertragen, noch sind Kameras zugelassen – wird es nichts zu zeigen geben und deswegen werden wohl wieder all die Spekulationen wiederholt, die wir uns schon in der Vergangenheit anhören durften.

Zugegeben, das ist selber auch Spekulation, aber sie hat ihre Gründe in den bisherigen Erfahrungen.

In unserer Redaktion haben wir schon öfters diskutiert: Was ist eigentlich so interessant an der letztlich doch sehr lokalen Affäre? Warum diese ungeheure Medienauftrieb? Der Fall selber gibt das doch gar nicht her. Außerdem: Wenn ich unterwegs bin, werde ich fast ausschließlich von kirchlichen Insidern und von Journalisten auf das Thema angesprochen, von sonst niemandem, selbst dann nicht, wenn meine Gesprächspartner wissen, dass ich für Radio Vatikan arbeite.

 

Medialer Herdentrieb

Es wird gemunkelt, dass es eine Verschwörung gibt. Aber das ist gar nicht der eigentliche Reiz. Der liegt meiner Meinung nach darin, dass es ein symbolischer Prozess ist. Genauso wie es bei den Piusbrüdern gar nicht um die Piusbrüder ging – ich meine jetzt die mediale Aufmerksamkeit – sondern um den Umgang mit dem Konzil und dessen Früchten, so wird auf den Fernsehschirmen und Leitartikelseiten der Welt die Frage nach dem Umgang mit Öffentlichkeit und modernem Umgang mit Information verhandelt.

Und das gibt dem Prozess eine Aufmerksamkeit, die der Fall selber meiner Meinung nach gar nicht her gibt.

An diesem ersten Prozesstag wird nichts passieren. Es ist ein Prozess, in dem es nicht um die Medien und die Sättigung der Bedürfnisse der Aufmerksamkeitswirtschaft geht, sondern um zwei Angeklagte. Alles, was passiert, wird sich an den Bedürfnissen eines Prozesses ausrichten, nicht nach der Öffentlichkeit. Das wird vielen nicht passen. Und es wird genau so die Symbolik des Prozesses füttern.

Seit Anfang der ganzen Angelegenheit „Vatileaks“ habe ich immer das gleiche Lied gesungen: Abwarten, was die Aufklärung bringt. Und die Ergebnisse haben mir – in aller Bescheidenheit – Recht gegeben. Niemand hat gewusst, dass es einen zweiten Angeklagten geben wird, all die super-informierten Journalisten, die eine Spekulation nach der anderen produziert haben („Wollen diese Kardinäle unseren Papst stürzen?“ und Ähnliches) wussten nichts.

Also singe ich das Lied weiter: Warten wir auf das Ende und das Ergebnis des Prozesses, ergeben wir uns nicht der Aufgeregtheit, die darum herum entsteht. Der Prozess um „Vatileaks“ ist keine Fernsehshow, es geht um Aufklärung.

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