Religion als Religion berichten

An diesem Freitag habe ich ein Seminar zu halten für öffentlich rechtliche Journalisten, Radio Vatikan gehört ja zur Union der öff.-rechtl. Rundfunkanstalten Europas, der EBU, wir sind sogar Gründungsmitglied. Und gemeinsam mit anderen haben wir die Idee ausgeheckt, eine Weiterbildung zum Thema ‚Religion’ zu veranstalten.

Journalismus während der Papstwahl: Auf allen Dächern "Journalisten-Nester"

Journalismus während der Papstwahl: Auf allen Dächern „Journalisten-Nester“

Immer mehr Journalisten ist dieses Thema fremd, gleichzeitig wird es aber immer wichtiger, und zwar sowohl was das fremd gewordene Eigene angeht, das Christentum, als auch was den Islam angeht.

Religion ist eben nicht nur ein soziologisch zu begreifendes Phänomen, sie ist nicht nur von politikwissenschaftlichen, geschichtlichen oder kulturwissenschaftlichen Begriffen zu fassen. Ich verliere sogar eine wichtige Dimension von Religion, wenn ich mich als Journalist in meiner Berichterstattung nur auf solche Begriffe stütze.

Ganz besonders gilt das vielleicht für die Psychologie, wenn man also versucht, Religion völlig aus nicht-religiösen Kategorien heraus zu erklären. Und damit zu unterwerfen. Das alles kann richtig sein und kann wichtig sein und kann helfen, zu verstehen, aber es ist eben nicht alles.

 

Wie ich in den Wald hinein rufe …

 

Wenn zum Beispiel ein neuer Papst gewählt wird, dann findet die Berichterstattung oft im Modus von demokratischen Wahlprozessen statt. Da gibt es dann Parteien, Wahlsieger, da gibt es konservativ und progressiv und so weiter. Und das ist ja auch verständlich, die Kategorien, die ich anlege, bestimmen das Bild, das ich sehe.

Aber es verhindert eben leider auch, dass ich die „wirkliche“ Geschichte erkenne. Die selbstverständliche Präsenz Afrikas wurde reduziert auf die Frage, ob Kardinal Turkson „Chancen“ auf das Papstamt habe, etc. Dass dahinter eine Weltkirchlichkeit steckt, die es so noch nie gegeben hat, wird übersehen.

Am ehesten noch gelingt die Berichterstattung über die religiöse Dimension der Religion im Fernsehen, das wird von Bildern viel besser getragen als von Worten. Aber wie erklärt man das?

Man kann – davon bin ich überzeugt – über Religion als Religion sprechen, selbst wenn man dieser Religion nicht angehört. Man muss nicht selber gläubig oder fromm sein, um klug über Religion zu sprechen. Aber wie kommt man dahin?

 

Angst verlieren

 

Ein erster Schritt ist es, die Angst zu verlieren, sich vereinnahmen zu lassen. Nicht die Vorsicht und nicht die Sorgfalt, aber die Angst. Natürlich gibt es die Versuchung, zum Teil des Systems zu werden, wie bei Sportreportern und Sportfunktionären, Politikreportern und Politikern, und so weiter. Es ist aber kein Automatismus. Ich stelle eine Sorge bei Kolleginnen und Kollegen fest, zu „fromm“ zu klingen. Ich stelle auch eine Sorge fest, sich zu weit von einem Publikum zu entfernen, das man als der Religion entfremdet vermutet. Und drittens stelle ich die Sorge fest, vor Kolleginnen und Kolleginnen komisch auszusehen, wenn man sich mit sowas auskennt. Ich meine das gar nicht herablassend, das muss man ja auch ernst nehmen. Aber daraus darf sich keine Angst entwickeln, die Unkenntnis in Sachen Religion zu einer Tugend erhebt.

Ein zweiter Schritt wäre, Religion neu kennen zu lernen. Wie gesagt, Unkenntnis ist keine Tugend. Auch ist es keine Tugend, Religion den immer wieder gebrauchten Begriffen aus Politik oder Kultur zu unterwerfen. Drittens ist es keine Tugend, schon gar keine journalistische, immer wieder dieselben Fragen aufzuwerfen ohne nachzusehen, ob solche Fragen ein richtiges Bild des Berichteten abgeben. Neugier ist auch hier wie überall im Journalismus wichtig.

Drittens braucht es eine gesunde Selbsteinschätzung in Sachen „Aufgeklärtheit“. Es ist eben nicht so, dass post-religiöse Menschen „aufgeklärter“ sind, „weiter“ sind als andere. Es gibt eine Auffassung von Fortschrittlichkeit, die post-religiös daher kommt. Das mag ja sein – nehmen wir das mal hypothetisch an – muss dann aber auch gezeigt werden. Als stille Voraussetzung verzerrt es die Perspektive.

Viertens braucht es Sachkenntnis. Das klingt jetzt wie ein versteckter Vorwurf, als ob es das nicht gäbe. Es gibt aber tatsächlich viele Kolleginnen und Kollegen, die sehr viel wissen, meistens aber über die jeweiligen Institutionen von Religion, etwa die Kirche. Das ist aber nicht immer dasselbe.

 

Jenseits des Klick-baiting

 

Und als letzten Punkt möchte ich anfügen, dass die unheilsamen Funktionalismen des Internets, klick-baiting und so weiter, leider nur zum Füttern von Vorurteilen führen. Das gilt bei allen Bereichen der Medien, beim Thema Glauben und Religion stelle ich das selber als verheerend fest. Es gibt so viele als festgefügt angenommene Meinungen, die mit Schlagzeilen gefüttert werden, dass es im Netz immer weniger qualitätsvolle Berichterstattung außerhalb von klar religiös orientierten Medien gibt.

Es gibt sie, das ist hier keine Generalkritik, aber es gibt sie immer weniger. Weswegen auch Seminare wie das heute gut und richtig und wichtig sind. Was auch die Anmeldezahlen zeigen: Mehr Bewerber als Plätze. Ein gutes Zeichen.

 

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3 Kommentare zu Religion als Religion berichten

  1. Lieber Pater Hagenkord, Gerne gehe ich im nächsten Kommentar auf Ihre Beiden letzen Beiträge ein ..

    JETZt aber meine guten Wünsche fürs Seminar und ein gutes Gespür… gern erinnere ich mich an Ihre ersten „positiv verhalten “ eindrücke
    Am “ Buona Sera“ Abend..

    gottes Segen fürs Seminar!!

  2. Roswitha Steffens sagt:

    Unter nachhaltigem Journalismus verstehe ich eine Themenwahl, die nicht nur aufgreift sondern bis zur Klärung im Blickfeld behält, was von öffentlichem Interesse scheint. Es ist nicht richtig, heute einen Bericht zu lesen, dessen Aktualität in einem für Menschen nicht tragbaren Sachverhalt liegt, um mit der Zeit festzustellen, dass dieser Sachverhalt zwar nicht geklärt wird/wurde, jedoch seine journalistische Präsenz von Tag zu Tag verliert. Es gibt grundsätzliche Interessen der Menschheit, die sich in den alltäglichen Geschehnissen reflektieren, wenn man von einem einheitlichen Menschenbild ausgeht. Damit will ich sagen, wir sehen nur dann den Tatsachen ins Gesicht, wenn wir sie als Menschen wahrhaben wollen und nicht nur als Beobachter unsere Meinung darüber stülpen.

    Es ist schwer der eigenen Präsenz zu widerstehen und innere Anteilnahme dort zu suchen, wo sie uns als Mensch wirklich trifft und durch nachhaltigen Journalismus Aufklärung erfahren kann. Durch eine derartige Einstellung können Sachverhalte das ihnen gebührende Interesse erreichen, das durch menschliches Verhalten geweckt wird und durch Informationen Aufklärung erfährt.

  3. Ro sagt:

    Stephan Kulle schrieb am 19. April 2005 um 18.39 Uhr ein kleines Stück Fernsehgeschichte, als er bereits vier Minuten vor der offiziellen Bekanntgabe der Wahl von Joseph Ratzinger zum neuen Papst Benedikt XVI. aus sicherer Quelle von dem Wahlergebnis
    erfuhr und diese Nachricht vorzeitig bei Phoenix verkündete.

    Ob hier ein Seminar einem solchen journalistischen
    Selbstverständnis Abhilfe schaffen kann?

    Ich hoffe es doch sehr!

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