Scheuklappen-treu

Was ist eigentlich „Papsttreue“? Immer mal wieder begegnet man auf dem Markt der Meinungen in der Kirche diesem Attribut, und immer lässt es mich ratlos zurück. Wie auch heute, als uns in der Redaktion eine Pressemitteilung erreichte, die vom „Zusammenschluss papsttreuer Vereinigungen“ kam. Es ging um Limburg und um Bischof Tebartz-van Elst.

Die Mitteilung beginnt so: „Was viele erwartet haben, hat sich nun in vollem Umfang bestätigt: Der auf Druck der Medien zurückgetre­tene Bischof von Limburg Tebartz van Elst ist nach dem geltenden Recht in jeder Hinsicht rehabilitiert, nachdem endlich auch die zuständige Staatsanwaltschaft das Untersuchungsverfahren gegen ihn eingestellt hat.“

Ist es also ein Ausweis von Papsttreue, wenn man die Tatsachen ignoriert, die sich in dem sehr umfangreichen Untersuchungsbericht finden? „Auf Druck der Medien zurückgetretene(r) Bischof“ ist absurd, wenn man studiert, was dort geschrieben steht. Dass die Verantwortung nicht allein auf den Schultern einer Person lastet, steht ja auch in dem Bericht, aber von Rehabilitierung zu sprechen, dazu braucht es schon ein großes Paar Scheuklappen.

Der Vorwurf der Untreue träfe nicht zu, heißt es in der Pressemittelung weiter. Die angeführte Begründung: Die Staatsanwaltschaft eröffnet kein Verfahren. Und was ist mit den im Untersuchungsbericht geschilderten Vorgängen? Auf 108 Seiten werden diese Vorgänge in schmerzlich zu lesenden Details dargestellt. Sie betreffen nicht nur den Bischof, aber eben auch.

Aber ich wollte ja über „Papsttreue“ sprechen: Wahrhaftigkeit ist eines der Worte, die mit in Bezug auf die beiden Päpste einfällt, denen ich bisher hier in Rom begegnet bin. Der Realität ins Auge sehen gehört dazu. „Wahrheitstreu“ wäre ein Wort, was mir als Ergänzung einfiele.

Dass auch von Seiten der Medien die Berichterstattung gerne mal unrecherchiert und plakativ ablief, braucht hier nicht debattiert werden, das haben wir alle gesehen. In den wesentlichen Punkten aber blieben die Vorwürfe hinter den dann öffentlich gemachten Punkten noch zurück. Also: Wir sollten medienethisch über die Berichterstattung sprechen, aber davon sind die Vorwürfe nicht berührt.

„Papsttreu“ bedeutet doch wohl auch, sich an der Entscheidung des Papstes zu orientieren, oder? Was soll das denn aber heißen, wenn man die Annahme des Rücktritts nicht akzeptieren will sondern sie als der „Pressehatz“ geschuldet darstellt? Hat der Papst denn nicht frei gehandelt? War er das arme schwache Opfer der Medien? Hier im Vatikan lag der Bericht vor, danach ist entschieden worden (nicht auf Grund der Medienberichterstattung vorher), „Papsttreue“ heißt doch wohl auch, das dann zu akzeptieren.

Oder liege ich da falsch?

 

 

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13 Kommentare zu Scheuklappen-treu

  1. Arnd sagt:

    Pater Hagenkord, jetzt sprechen Sie mir aber wirklich aus der Seele.
    Ausdrücklich „Papsttreue“ wissen leider hierzulande nämlich meist besser Bescheid, was der Papst eigentlich will, als offenbar der Papst selbst. Auf den entprechenden Web-Seiten (zB auch auf der leider von radio vatican verlinkten Website kath.net) wird so (teils aussparend, teils ausschmückend) berichtet, dass sich die Worte des Papstes in das bestehende religiöse Bild möglichst einfügen. Sie sind also vor allem sich selbst treu nicht zuvorerst dem Papst.
    Vielleicht hoffen sie auch, dass das nächste Pontifikat sich wieder mehr ihrer Sicht der Dinge zuneigen wird. Was jedenfalls leider nicht passiert, ist eine Überprüfung der eigenen Position.

  2. Juergen sagt:

    Ich singe jeden Sonntag in der Messe eifrig das Credo mit aber mir ist der Vers „credo in papam“ bisher nicht untergekommen, wie der Papst auch sonst in keiner Weise erwähnt wird.
    Es gibt – und zwar schon seit dem Hl. Johannes Paul – eine Papstfixierung der Gläubigen und auch in der Presse. Diese Entwicklung halte ich für nicht gut.
    Darüber schrieb ich allerdings jüngst schon: http://kikreukreu.blogspot.de/2014/06/meine-oma-und-der-papst.html
    Die Selbstbezeichnung „Zusammenschluss papsttreuer Vereinigungen“ halte ich daher für sehr unglücklich.
    „Zusammenschluss katholischer, kirchentreuer Vereinigungen“ wäre m.M.n. ein viel besserer Name, denn die „una sancta catholica et apostolica ecclesia“ kommt in der Tat im Credo vor.

    Was Bischof Franz-Peter betrifft, so ist sehr viel falsch gelaufen, auf Seiten des Bischof, auf Seiten seiner Mitarbeiter, der Gremien und auch der Medien. Staatsrechtlich scheint nichts relevant gewesen zu und kirchenrechtlich ist es schwer zu bewerten, insbesondere was Konsequenzen betrifft. Da sollte man ruhig abwarten, ob in rechtlicher Hinsicht noch irgend etwas passiert.

  3. Silvia Brückner sagt:

    Als „papsttreu“ bezeichnen sich meiner Beobachtung nach diejenigen Katholiken, die mit den Traditionalisten sympathisieren.

    Inzwischen hat man sich in einem Teil dieser Szene sich damit beholfen, dem derzeitigen Papst die Legitimation abzusprechen, man ist also nicht dem amtierenden Papst treu sondern der eigenen Vorstellung davon, wie ein Papst zu sein hat.

    In einem weniger extremen Teil der „Papsttreuen“ passt man den jetzigen Papst mit allerlei Verrenkungen an das eigene Bild an und versucht, so gut es geht das jetzige Pontifikat aus zu sitzen.

    Treu sind diese Leute allesamt nur ihrem Bild von Kirche und Papst.

  4. Jeannette Meyer sagt:

    Über Treue habe ich in letzter Zeit etwas bei den Höhlenforschern am und im Untersberg erfahren. Hunderte von Männern retten unter Einsatz ihres eigenen Lebens in höchster Gefahr einen verunglückten Kameraden aus Todesnot. So ist Gott, so treu wie diese mutigen und selbstlosen Männer.

    Limburg hat mich dagegen gelehrt, wie ein Bistum seinen Bischof, der in einer seelischen Gefahr war, mit medialen und verbalen Schlägen und Tritten davongejagen und ihm mit Nachdruck den Garaus machen kann. Und das alles im Namen Gottes und der Kirche. Der Rest ist tiefes Schweigen.

    Zum genannten Begriff der „Papsttreue“ oder auch Romtreue: das ist genauso wie die Forderung nach „Autonomie den Ortskirchen“ in der katholischen Kirche in Deutschland ein gepflegter Kampfbegriff in dem morastigen Schlachtfeld nationaler und sozialistischer föderaler Bestrebungen im Gegensatz zur zentralen ultramontanen Orientierung. Das ist doch wirklich nichts Neues sondern hat schon einen so langen Bart wie die legendäre Schlacht im Teutoburger Wald.

    • Otto sagt:

      Es ist die Kameradschaftstreue, die bei Höhelnforschern besonders ausgeprägt ist, weil sie sich in den nicht-öffentlichen Höhlen aufeinander verlassen müssen. Aber sie werden nicht blind ihr eigenes Leben risikiert, sondern vernünftigerweise auf Selbstschutz und beste Ausrüstung geachtet haben. Bei allem Einsatz und aller Leistung, es war kein Schiffsunglück auf hoher See, aber ein logistisches, selbstloses Meisterstück, das unbeabsichtigt den Menschen und sein kostbares Leben in den Mittelpunkt gestellt hat.

  5. Elasund sagt:

    Lieber P. Hagenkord, „papsttreu“ heißt für mich, dass ich als Katholikin den Papst als Bischof von Rom und Nachfolger des hl. Petrus anerkenne. Er ist Leiter der Kirche zu der ich gehöre. Ich bin auch dann papsttreu, wenn ich nicht alles toll finde, was der Papst entscheidet. Es „reicht“, wenn ich mich damit respektvoll beschäftige. „Pflicht“ ist nur das was „ex cathedra“ verkündet wird. Deswegen finde ich es auch nicht gut, wenn Sie das Attribut „papsttreu“ in so eine „komische“ Ecke rücken. Sind Sie denn etwa nicht papsttreu??? – Zu TvE: Ich finde Sie stellen die Mitteilung des Heiligen Stuhls etwas einseitig dar. Es wird zwar auf den Untersuchungsbericht Bezug genommen. Dieser wird aber nicht als Grund genannt sondern „dass es … zu einer Situation gekommen ist, die eine fruchtbare Ausübung des bischöflichen Amtes durch S.E. Mons. Franz-Peter Tebartz-van Elst verhindert“. Eine solche Formulierung lässt natürlich so manche Schlussfolgerung zu und ist wohl auch bewusst so gewählt. Also unterstellen Sie dem Papst nicht eine Klarheit die er an der Stelle nicht „geliefert“ hat.

    • Pater Hagenkord sagt:

      Nur zur Klarstellung: Ich rücke nicht das Attribut in eine Ecke, sondern einen bestimmten Gebrauch davon. Im Allgemeinen wird das Wort ja nur dann gebraucht, wenn man gleichzeitig jemand anderem ebendieses abspricht, es ist also keinesfalls ein neutrales Wort.
      Zum zweiten Teil weiß ich nun wirklich nicht mehr, was ich dazu sagen soll. „Wohl auch bewusst so gewählt“ ist genau so eine Unterstellung, sie Sie sie bei mir vermuten.

      • Elasund sagt:

        Dass Menschen „Papsttreue“ für sich reklamieren und diese gleichzeitig anderen absprechen ist leider (oft) zutreffend. Allerdings frage ich, ob wir dies zulassen sollten. Soll diese Selbstkennzeichnung einfach konservativen Gruppen überlassen werden? Dann haben wir einen Kampfbegriff, den man nicht mehr sinnvoll verwenden kann! Das Wort wird zur (gegenseitigen!!) Beschimpfung oder zumindest Abwertung benutzt. Wäre es da nicht sinnvoller zu sagen: Auch ich bin Papsttreu und darunter verstehe ich folgendes…. Dann ist Dialog vielleicht möglich.
        Zum zweiten Teil: „wohl auch bewusst so gewählt“ habe ich nicht ausformuliert was ich damit meine. Ich meinte es gar nicht negativ, eher im Sinn von diplomatisch, keinen Sündenbock schaffen wollen oder so. Ich will jetzt diese grottenschlechte Presseerklärung auch nicht verteidigen. Die sollte man am besten ignorieren. – Ich versuche es nochmal: Sie haben es so dargestellt, dass nur nach dem Untersuchungsbericht entschieden wurde. Dies erscheint mir nicht zutreffend. Die Entscheider (resp. der Papst) hatten die komplette Situation im Blick zu der es gekommen ist und formulieren das auch.

        • Arnd sagt:

          Die Formulierung der Presseerklärung dürfte so zu vestehen sein, dass man TvE keine Gesetzesverletzung nachweisen konnte (weder deutschen noch kanonischen Rechts), man aber in dem Untersuchungsbericht und in seiner medialen Kommunikation hinreichend Anhaltspunkte gefunden hat, dass er als Bischof von Limburg nicht haltbar war. Papst Franziskus hat den Bericht sicher nicht einholen lassen, um ihn dann bei seiner Entscheidung zu ignorieren.

    • ZITAT Elasund:

      „Lieber P. Hagenkord, “papsttreu” heißt für mich, dass ich als Katholikin den Papst als Bischof von Rom und Nachfolger des hl. Petrus anerkenne. Er ist Leiter der Kirche zu der ich gehöre. Ich bin auch dann papsttreu, wenn ich nicht alles toll finde, was der Papst entscheidet. Es “reicht”, wenn ich mich damit respektvoll beschäftige. “Pflicht” ist nur das was “ex cathedra” verkündet wird.“

      Klar und schnörkellos: So ist es! Und das ist für mich so wohltuend und stützend, dass ich´s gar nicht beschreiben kann.

  6. So wie ich das beobachtet habe, galt „papsttreu“ ausschließlich Papst Benedikt XVI., den man abgelehnt und gemobbt im Heimatland wähnte. Das zielte auf die ultraliberalen Kreise in der katholischen Kirche in Deutschland, die in ihr Zerrbild vom „Panzerkardinal“ verliebt waren.
    Heutzutage sind die „Benedikt – Papsttreuen“ schwer am Schlingern…es ist nämlich, wie Sie richtig feststellen, nicht weit her mit der Papsttreue.
    http://rosenkranzbeten.info/rosenkranzbeten/menschen-nicht-paepste-werden-heiliggesprochen/
    Da bin ich zu dem Thema etwas „frech“ geworden. Dummerweise habe ich zunächst die „Papsttreue“ geglaubt…bin aber kuriert.

  7. KRP sagt:

    Ob man sich Papst Franziskus oder Papst Benedikt em. verbunden fühlt so sehe ich das als Treue zu den Menschen – Menschentreue. Ist Papsttreu nicht, sich dem Amt, sozusagen dem Nachfolger Jesus verbunden zu sein bzw. treu zu sein?

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