Spiegelverkehrt

Zuerst habe ich ein Unwohlsein mit dem Papst wahrgenommen, das vor allem mit der Liturgie zu tun hatte und damit, dass Papst Franziskus die Distanz nicht einhielt, die wir von Päpsten gewohnt waren: er umarmte, er fasste an und ließ sich anfassen, ein selfie-Papst.

Dann wurde es konkreter, aber noch nicht gegen den Papst selber: Seine vermutlichen Unterstützer wurden attackiert, Kardinal Walter Kasper vorneweg. Dabei spielte es keine Rolle, ob es die Unterstützung überhaupt gab oder nicht oder weswegen jemand etwas sagte, eine „Partei” wurde definiert und die wurde dann angegriffen.

Bei der Bischofssynode dann konnte man das Aufatmen regelrecht hören: Ah, da wollen Leute die Lehre ändern, endlich haben wir etwas! Mir scheint, dass vielen ein Stein vom Herzen fiel, weil das wachsende Unwohlsein mit dem Papst endlich greifbar und deswegen angreifbar wurde: Lehre ändern. Da stürzten sich Autoren geradezu auf dieses Thema, obwohl nicht ein Vorschlag gemacht wurde, nicht einer, geschweige denn ein Beschluss gefasst wurde, der diesen Angriff rechtfertigen würde. Er rechtfertigt sich nicht aus dem Inhalt, sondern aus der Form: Man kann sich gegen etwas wenden, nämlich das, wofür der Papst steht.

Immer noch ist bei den meisten der Papst selber tabu. Obwohl auch hier die ersten bereits an der Leitungsfähigkeit des Papstes zweifeln und Artikel im Netz zu finden waren, wann das Widerstandsrecht gegen einen Papst Pflicht ist.

Ein wenig absurd ist das schon: Das, was wir in den 80ern aus der einen kirchlichen Ecke gehört haben, hören wir nun spiegelverkehrt aus der anderen. Da wurde in den 80ern der Papst aus dem Hochgebet gestrichen, weil er so konservativ sei. Heute passiert dasselbe, aber aus genau dem entgegen gesetzten Grund. Und das meine ich nicht metaphorisch, das ist wirklich vorgekommen. Da wurde in den 80ern selbstgerecht die eigene Lehre der Modernität in Beton gegossen und gar nicht zugehört, genau dasselbe passiert heute wieder, exakt spiegelverkehrt.

Die Tragik: Was Papst Franziskus verlangt, wenn er von dem „aus sich heraus gehen” spricht und die Dynamik des Christseins entwickelt, gilt allen. Nun wird das aber mit einem vermeintlichen kirchenpolitischen Programm vermengt mit dem Resultat, dass sich keiner mehr bewegt. Die einen sagen, das sei gegen die Lehre. Und die anderen sagen, es seien ja schließlich die anderen gemeint. Tragisch.

Mir scheint, das Lernfähigkeit keine der katholischen Tugenden ist. Schade eigentlich.

 

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9 Kommentare zu Spiegelverkehrt

  1. Ich bin mir nicht sicher, meine Theorie dazu scheint pure Angstzu sein. Angst etwas falsch zu machen(obwohl dieser Papst die Ängste nimmt, es ist greifbar),Angst selbständig zu handeln und zu denken usw.
    Vielleicht ein blöder Vergleich, wenn ich an meine Schulzeit denke die in den 70gern war, gab es einen progressiven Unterricht. Ich will damit sagen einige kamen damit zurecht andere brauchten strickte,klare Regeln und Vorgaben. Und die, die nicht damit zurecht kamen suchten nicht bei sich selbst die Lösung sondern der Lehrer wurde diskridietiert.

    Mir scheint das kann man etwas mit der kath. Kirche und ihren starren Vorgaben vergleichen. Da ist nun eine Papst der diese Starre auflösen will, Knotenlöserin, freies Arbeiten und Denken.

    Ich kenne keine Lösung, nur diese, wenn uns damals unsere Lehrer mitgenommen haben und Geduld hatten war es ein sehr guter Unterricht und wir haben unsere Ängste abgelegt.

    Ich hoffe Papst Franziskus hat genug Zeit seine Mitarbeiter innerhalb und außerhalb des Vatikans mitzunehmen, die Starre aufzulösen. Es wäre ein Segen für die Kirche.

  2. Katharina sagt:

    Überraschenderweise bin ich immer ganz ruhig und zuversichtlich was Franziskus betrifft. Wie viel Gegenwind er auch immer bekommt. Ich habe keine Angst um ihn. Das liegt wohl an dem, was Sie, Pater Hagenkord, vor kurzem einmal so formuliert haben: er schafft Spielraum für den Heiligen Geist. Das ist sein Geheimnis. Das wird gut gehen und letztlich gut ausgehen! Darauf vertraue ich. Er bekommt sehr viel Rückenwind von oben.

  3. Vom-anderen-Stern sagt:

    Gott ist eben größer, als dass man ihn in eine Kirche, möge sie katholisch oder anders heißen, oder in heilige Schriftrollen einsperren kann.

  4. Elasund sagt:

    Lieber P. Hagenkord, wenn ich mich richtig erinnere haben Sie früher bereits ausgeführt, dass sich dieser Papst keinem kirchenpolitischen “Lager” zuordnen lässt. Jetzt bin ich etwas erstaunt, dass Sie Kritiker am Papst diesen Lagern zuordnen und auch noch spiegelverkehrtes Verhalten beobachten wollen. Dies deckt sich nicht mit meinem Beobachtungen. Es gibt bei den Progressiven inzwischen Menschen die vom Papst bitter enttäuscht sind und die meisten Konservativen die ich kenne, mögen Papst Franziskus sehr gerne. Ich weiß, dass sich viele Konservative engagiert haben Papst Benedikt zu verteidigen. Den jetzigen Papst verteidigen sie schlichtweg deswegen nicht, weil er nicht angegriffen wird, jedenfalls nicht aus dem nichtchristlichen Bereich. Und das Bedürfnis den Papst sozusagen innerkirchlich (z. B. wg. Liturgie) zu verteidigen ist halt bei den konservativen nicht so stark. Das kann ich auch nachvollziehen. Und zu dem Thema “Papst aus dem Hochgebet gestrichen, weil er so konservativ sei”: Also die Priester die vor 25 Jahren den Papst aus dem Hochgebet rausgelassen haben, tun dies immer noch. Wenn ich Berichten von anderen Gläubigen glauben darf (und meine Beobachtungen verallgemeinern), ist es vor allem die 60+ (fast) Ruhestands-Generation der Priester die das Hochgebet mit freien Assoziationen und ohne Papst betet. Ich glaube, daran hat der neue Papst wenig geändert. Dass irgendein Priester den Papst aus dem Hochgebet lässt, weil er progressiv/modern/fortschrittlich ist, habe ich wirklich noch nie gehört. Und zu Kardinal Kasper: Ich habe den Eindruck (wobei ich nach wie vor versuche die Diskussion zu ignorieren), dass die Kritiker von Kardinal Kasper durchaus nicht der Meinung sind, dass der Papst die Meinung von Kardinal Kasper teilt. Sie wollen halt eine laufende Diskussion beeinflussen wo der Papst sich noch nicht positioniert hat bzw. hat er nicht gesagt, dass am Ende er entscheiden wird? Wenn das schon klar wäre , wie er entscheidet, würde es ja keine Diskussion geben, oder? Also Papst Franziskus ist katholisch und die meisten Katholiken (egal welche “Ecke”) mögen ihn oder akzeptieren ihn zumindest.

    • Didimus sagt:

      “Ich habe den Eindruck (wobei ich nach wie vor versuche die Diskussion zu ignorieren), dass die Kritiker von Kardinal Kasper durchaus nicht der Meinung sind, dass der Papst die Meinung von Kardinal Kasper teilt.”

      Es wird durchaus so sein, dass es solche gibt und dagegen spräche ja auch nichts. Aber wie man auf bestimmten Internetseiten von Leuten, die sich “katholisch” nennen (und für die ich hier nun wirklich nicht werben möchte), lesen kann, gibt es Leute, die Franziskus 1-zu-1 auf der Linie von Kasper sehen und meinen, dass er deswegen attackiert werden müsse. Allerdings sagt die Existenz solcher Seiten (trotz eifriger Kommentatoren) freilich nichts über die Repräsentativität dessen aus – kann sein, dass es im ganzen deutschssprachigen Raum nur 50 Leute sind. Aber es gibt sie.

  5. Didimus sagt:

    So sehr der neue Papst in keine der Kategorien “konservativ” und “progressiv” einseitig passt – ein “Traditionalist” ist er jedenfalls nicht. Und gerade die sind es, die die größten Kritiker darstellen. Und ich wage auch einfach mal die Deutung, dass diese sich ganz besonders angesprochen fühlen sollen, wenn der Papst so häufig die Gesetzestreue und Herzenshärte der Pharisäer hinweist (so wie in der Predigt von gestern wieder). Wobei ich natürlich nicht sagen will, dass diese Worte nicht jedem von uns gelten.

    Was mich wundert beim “Traditionalismus” ist jedoch, dass dieser beim Konzil von Trient stehengeblieben zu sein scheint. Während der Papst viel weiter zurückgeht – auf das Evangelium Jesu Christi und auf das Pfingstereignis vor 2000 Jahren. Kann sich die Kirche ernsthaft als Nachfolge Jesu Christi begreifen, wenn sie das nicht immer als ihren obersten Bezugspunkt ansieht – vor allen anderen danachfolgenden Lehrmeinungen?

    • Didimus und die Runde, könnten Sie ein Beispiel nennen wo die Linie von Trient nicht einer authentischen Nachfolge Christi, so wie er von den 4 Evangelisten beschrieben wird, entspricht?

      • Didimus sagt:

        Lieber benedetto05,

        bitte entschuldigen Sie meine missverständliche Aussage. Ich wollte hier keine Kritik am Konzil von Trient üben. Was ich kritisieren wollte, ist das Denken, dass zu _irgendeinem_ Zeitpunkt in der Geschichte irgendein Mensch bereits alles vollkommen verstanden haben könnte. Wie uns die Geschichte lehrt, ist vielmehr davon auszugehen, dass der Mensch eigentlich immer wieder der Besserbelehrung bedarf und sich der Heilige Geist nie zur Ruhe setzen kann. Wenn man aber (womöglich nötige) Änderungen ablehnt mit dem Verweis auf “Tradition”, dann ist man nicht vollends offen für den Heiligen Geist, dann verschließt man ihm die Türen. Und selbst wenn eine Tradition 500 Jahre währt – dies beweist noch längst nicht, dass diese zu 100% den Willen Gottes umsetzt. Die Offenheit aber verlangt ein Verständnis des Pfingstereignisses und ein Vertrauen auf den Heiligen Geist. Ich hoffe, das macht meinen Standpunkt etwas klarer.

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