Stephen Fry’s Frage nach dem Leiden

Knochenkrebs bei Kindern; Krankheiten, die nicht Schuld des Menschen sind: Seid wir denken und beten und beides versuchen gemeinsam zu tun, gibt es die Frage nach dem „Warum?“. Wenn man aber nicht mehr fragt, sondern bereits den Schluss gezogen hat, dann kann man sich mit Stephen Fry verbrüdern. Er würde – so es denn Gott gibt – sich diesen gründlich zur Brust nehmen, diesen „launischen, kleingeistigen, dummen Gott“, wie er dem Sender RTÉ schon vor einiger Zeit gesagt hat. Die Sendung ist zwar schon zwei Jahre alt, hört aber nicht auf, mich immer wieder neu zu überraschen.

„Meaning of life“ heißt die Serie, in denen in langen Interviews sehr grundsätzlichen Fragen nachgegangen wird. Und die letzte Frage lautet immer, was man denn Gott sagen würde, wenn man Gott nach dem Tode begegnen würde. Und mich lässt die Antwort nicht los, die der Schauspieler gegeben hat.

Fry’s Problem ist, dass Gott eben nicht menschlich sei, sondern allmächtig, allgütig, und so weiter. Das lasse sich einfach nicht mit dem Übel in der Welt übereins bringen. Was für ein Gott schafft so etwas? „Quite clearly a maniac“, sagt Fry.

Das hätten wohl auch die Dinosaurier gesagt, die Hunderte von Millionen von Jahren gebraucht haben, um zu entstehen und sich zu entwickeln, nur um auszusterben. Wir Menschen – die Krone der Schöpfung, wie wir betonen – sind vergleichsweise sehr, sehr jung.

 

Wuchtige Kritik, wuchtige Fragen

 

Die Frage nach dem Leiden gehört zu den schwersten, die sich uns stellen. Theologisch gibt es viele Wege, sich dem zu nähern, auch Papst Franziskus tut das immer wieder. Ihm helfe der Blick auf das Kreuz, auf den leidenden und liebenden Gott.

Stephen Fry wird das nicht besonders beeindrucken. Im Gegenteil, seiner Logik nach wäre es sogar zynisch, erst eine Welt zu erschaffen, in der es so viel unschuldiges Leiden geben kann – vor allem bei Kindern – und dann erwarten, dass man Zuflucht genau bei diesem Schöpfer sucht.

Was mich an den wuchtigen Worten von Stephen Fry beeindruckt ist ihre bedingungslose Ehrlichkeit und tiefe Menschlichkeit. Er macht keine Kompromisse und versucht nicht, zu Verschleiern. Das Leiden von Kindern kommt genau so rüber, wie es rüber kommen muss: ungeschönt. Er lässt das Leid an sich heran kommen und geht nicht durch Erklärungsversuche auf Distanz.

Das muss uns Christen, die wir irgendwie damit zurecht kommen müssen, zu Denken geben. Es geht nicht um kluge Erklärungen – auch wenn diese wichtig sind und Theologie nicht zu unterschätzen ist. Eines macht und Fry – und all die anderen wütenden, verletzten und ehrlichen Fragenden – aber klar: dass es einen alles vereinenden großen Wurf nicht gibt. Letztlich muss auch der Papst eingestehen: auf die Frage Dostojewskis, die er an dieser Stelle zitiert, „Warum leiden die Kinder?“ gebe es keine Antwort (11. Mai 2015).

Papst Franziskus reagiert, indem er zum Beispiel in Auschwitz schweigt. Oder indem er in Yad Vashem die Frage Gottes wiederholt, „Kain, wo ist dein Bruder?“ Es ist das Fragen nach dem Bösen, das er uns zeigt. Das macht das alles nicht weg oder macht es nicht gut, noch nicht einmal besser, es ist aber die richtige Haltung.

 

Gottes Schöpfung lässt Freiraum. Und Leid.

 

Mich beschäftigt immer wieder der Umgang mit der Freiheit: Gott hat eine Schöpfung geschaffen, die auch irrt. Nicht nur wir, auch die Schöpfung selbst wächst und probiert und geht Wege. Der Weg der Evolution hat immer wieder Arten hervor gebracht und auch wieder verdrängt, siehe Dinosaurier.

„Er sah, dass es gut war!“ schreibt die Schrift, aber trotzdem stecken in dieser Güte einige Sackgassen. Gott wollte keine unfreie perfekte klinische Welt, die Gott hätte schaffen können, so sagt es ja auch Stephen Fry. Gott hätte es gekonnt, das ist ja der Kernvorwurf. Hat er aber nicht. Das lässt Freiraum, und das lässt Leid.

Einen alles Leiden aufhebenden Sinn kennen wir nicht. Wir kennen nur Gott, den wir fragen können „Warum?“. Wir können zweifeln und schweigen, klagen und fragen. Das nimmt das Leiden nicht weg. Aber einen anderen Weg sehe ich nicht.

Ihnen wünsche ich eine gesegnete Karwoche.

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12 Kommentare zu Stephen Fry’s Frage nach dem Leiden

  1. Ro sagt:

    Bei der Frage nach dem „Warum?“ sollten wir uns doch auch
    einmal fragen, warum wir das Leid zulassen, das wir selbst
    verhindern könnten.

    In einem Jahr werden 60 Milliarden Lebewesen von Menschen
    geschlachtet, gejagt und in Tierversuchen „verbraucht“.

    Warum?

    • Roswitha Steffens sagt:

      Ich denke, um genau diese Frage an die zu richten, die für die Ausbeutung der Natur und dadurch auch für den menschlichen Terror die Verantwortung tragen, denn nur deren letztendliche Aufklärung kann der Würde gerecht werden, die an den Tag gelegt ist und doch nicht alle in ihrer letzten Konsequenz erreicht.

  2. Antonius Theiler geb.1941 sagt:

    Wir haben die Erde von den Kindern nur geborgt! Da meinen dann die Einfältigen, es ist also noch viel Zeit diese zurückgeben. An wen? Die Kinder der Zukunft sind krank oder tot.

    Ist es den verwissenschaftlichen Menschen eigentlich klar, dass ab den Worten: „Er sah, dass es gut war!“ der Sand nach unten fällt? Keiner dreht die Uhr um, und es ist auch nicht vorgesehen.

    Diese Sommer- und Winterzeit-Manipulatoren schauen sich keine Sanduhr an, diese zeigt uns die Vergänglichkeit, und wenn die Zeit um ist, bleibt die Zeit stehen.

    Und Sie Pater Hagenkord schreiben: „Im Gegenteil, seiner Logik nach wäre es sogar zynisch, erst eine Welt zu erschaffen, in der es so viel unschuldiges Leiden geben kann – vor allem bei Kindern – und dann erwarten, dass man Zuflucht genau bei diesem Schöpfer sucht.“

    Jetzt DEM die Schuld zu geben, der allem den freien Lauf gab, und DER mit einem Finger die Zeit anschubste, das ist Zynismus in der heute üblichen Form.

    Die Frage: „Kain, wo ist dein Bruder?“ haben Archäologen schon tausendmal beantwortet. Kain hatte den faulenzenden Bruder Abel erschlagen, der seine Herde über seine mühsam bestellten Äcker trieb. Der Anblick und die Handhabung eines Hackenpfluges sagt alles. Doch das war nicht die böse Tat. Es war die Unzufriedenheit Kains, er wollte mehr aus der Erde quetschen als was diese bereit und befugt war zu geben.

    „Sehet die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nährt sie doch.“ Das funktionierte Millionen Jahre bevor Kain in die Welt trat. Es wäre Zeit und Möglichkeit gewesen, das vorhandene Hirn ganz nutzen zu lernen, doch das Üben der Muskeln zum Waffenschmieden hatte Vorrang.

    Und von da an fingen die Bevölkerungszahlen an expotenziell zu steigen. Auch heute laufen Kains auf der Erde herum und wollen immer noch mehr Kains. Doch dann kommen die dunklen Schatten der Herden Abels und zertrampeln die Saat, und alle sagen die armen Kinder.

    Da kommt dann ein Neunmalkluger und sagt: „Manchmal denke ich, es wäre besser, es gäbe keine Religionen.“ Und setzt das Lächeln eines Buddha auf, ohne zu erwachen oder zurück zu treten. Ich halte dagegen: Nicht Gott in den Religionen ist das Übel, wir Menschen in der Gesamtheit, die wir uns nicht den Gesetzen der Schöpfung unterwerfen, sind das Übel.

    Ich trete den Beweis an mit einem Pferderennen. Dort ist auch die Vertreterin einer Kirche immer anwesend. Sie hat die neueste Putzmacher Kreation auf, sie steht einer Kirche vor, die schon längst aufgelöst werden müsste, wenn Vernunft in atomar gerüsteten Falkland-Köpfen wäre.

    http://www.rp-online.de/panorama/ausland/hier-gibt-es-nichts-zu-sehen-bitte-gehen-sie-weiter-aid-1.6744108

    Schauen Sie sich bitte, bitte die Bilderserie ganz an. Die dort im Müll zu Bewundernden sind die Hackenpflüge Kains, die die Kinder der Welt mit ihren Aktienpaketen der Waffenfabriken zertrampeln und den Rest ihrer Gehirne mit Sekt aus dem Kopf spülen.

    • F. H. sagt:

      …oder wie ich immer zu sagen pflege: Vielleicht haben wir es einfach nicht besser verdient…
      So viel zur Welt-Vorbildfunktion des „christlichen Abendlandes“…
      In dem Zusammenhang auch wieder einmal Albert Camus‘ „Die Pest“ lesen!

      • F. H. sagt:

        Dazu und anlässlich der aktuellen Entwicklungen bzgl. Syrien, Afghanistan und Nordkorea vielleicht auch noch den Augstein-Kommentar aus dem aktuellen Online-Spiegel lesen:

        http://www.spiegel.de/politik/ausland/donald-trump-gegen-baschar-al-assad-ein-bisschen-krieg-kolumne-a-1143227.html

        Wenn ich mir andererseits dazu die Aktivitäten von Papst Franziskus anschaue und die Wertschätzung, die er auch bei vielen Nichtgläubigen genießt, dann frage ich mich doch schon sehr, warum so viele Christen dem selbsterklärten Hau-Drauf und leider gewähltem Potus (Kurzform von POntius PilaTUS?!?) nachrennen und nach dem Mund reden (wobei ich die HERRschaften aus besagten Ländern plus RUS, TR etc. mindestens genau so schrecklich finde)

        Wo noch, außer in Rom, sind Stimmen der Vernunft und des Herzens zu finden und zu hören???

        • Antonius Theiler geb.1941 sagt:

          Habe den Link vom Spiegel mir zu Gemüte gezogen, doch eine erneute Bombardierung von Trump kam dazwischen.
          „Wie der israelische Nachrichtensender Arutz Sheva unter Berufung auf syrische Quellen berichtet, hat die von den USA geführte Anti-IS-Koalition am Mittwochabend 12.04.2017 Luftangriffe gegen Stellungen des Islamischen Staates (IS) durchgeführt. In der Region Deir al-Zor-Provinz wurden Depots des IS mit Giftgas zerstört.“
          http://haolam.de/artikel_28910.html
          Hat da Syriens Fassbombenwerfer aber Glück gehabt! Denn auch diesmal will keiner untersuchen, wer das Giftzeug hatte. Jetzt könnte sich Trump seine Krieg begeisterten Berater vom Hals schütteln und sich mit Putin friedlich zusammensetzen. Ich träume schon wieder, aber es tut gut.

  3. April sagt:

    Wenn im Paradies oder in einem perfekten Jenseits, wie allgemein angenommen wird, alles Leiden aufgehoben, sprich beseitigt ist, kann es dort gemäß der vorgetragenen These, dass Leiden und Freiraum symbiotisch zusammengehören, keine Freiheit und keinen Freiraum geben.

    • Roswitha Steffens sagt:

      Den gab es bereits, nur hat der Mensch sich seiner Freiräume Stück für Stück entledigt und sie durch eigene Vorgaben ersetzt. Gott ist die größtmögliche Freiheit! Für all die, die sich nicht einzelnen Menschen unterordnen wollen gilt er als Freigeist, den zu erhalten es sich lohnt, um ihn für all die Zeiten einzusetzen, die man selbst mit ihm teilen darf.

      • April sagt:

        Konsequent gedacht, aber auch logisch?

        • Roswitha Steffens sagt:

          Ich bin kein logischer Mensch, ganz im Gegenteil, ich definiere mich selbst über die Zahl 3, denn die kann ich mit Gott argumentieren, um aus der 0 zu schöpfen, nutze jedoch dafür auch mathematische Begriffe, um sie mit meinem Gewissen in Einklang zu bringen.

          Gott trägt für mich die Logik bis die Menschheit eine vernünftige Erklärung dafür findet.

          Was ist Gegenwart (Paradies) ohne das Bewusstsein für ihre Unendlichkeit und das Wissen um den wahren Einfluss darauf, wenn man nicht ein Wohlwollen für all die Mitmenschen in sich trägt, die diese Gegenwart miteinander teilen, auch wenn das unter Anbetracht der derzeitigen Umstände nicht immer einfach ist?

          • April sagt:

            Ich definiere mich über die Zahl 4, denn sie lässt mich leichter die vierblättrigen Kleeblätter entlang meines Lebensweges finden….

          • Roswitha Steffens sagt:

            Danke, das sollte ich vielleicht auch tun.

            Ein frohes Osterfest!

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