Tomáš Halík: „Mit den Suchenden ein Suchender sein“

Die einen wollen die Kirche und ihre Strukturen halten, wie sie sind: Die Konservativen. Die anderen sehen die Rettung der Kirche in den Änderungen der Strukturen: Die Progressiven. Tomáš Halík identifiziert sich mit keiner der beiden Denkschulen, er sagt, dass wir Gläubige in die Tiefe gehen müssen. „Die Antworten auf die Fragen der Menschen von heute in den Paraxodien des Lebens“ sind Aufgabe an die Gemeinschaft der Gläubigen, er nennt das „Mit den Suchenden ein Suchender sein“.

Thomas HalikTomáš Halík ist vielen kein Unbekannter, wer sich auf dem Markt umschaut, was in Spiritualität Neues und Kluges gedacht wird, der kommt am vielfach ausgezeichneten Halík nicht vorbei. In diesen Tagen ist er in Rom und ich hatte die Gelegenheit, mit ihm ein Gespräch zu führen.

 

Wunden berühren, Christus begegnen

 

Halík spricht in seinen Büchern und Vorträgen viel über das Christein als Aufbrechen, als Aufgeben von Privilegien. Gedanken, die parallel zu denen von Papst Franziskus zu verlaufen scheinen. Er – Franziskus – sei ein Zeichen der Hoffnung für die Kirche, aber nicht nur für sie, ein Zeichen der Hoffnung für die Welt, sagt Halík im Gespräch. Zum Beispiel habe er ein Buch geschrieben, das ‚Berühre die Wunden‘ heiße, und besonders die Predigten des Papstes in den vergangenen Wochen enthielten sehr viel Verwandtes.

„Das ist eine Meditation über den ungläubigen Thomas, ein Ergebnis meiner Reise nach Indien. Ich war in Madras, der Legende nach der Martyriumsort des Apostels Thomas, und dort habe ich ein Waisenhaus gesehen, mit armen Kindern, und das war so schrecklich. Aber gerade dort – und das wurde mir in Indien plötzlich klar – da sind die Wunden Christi heute, in diesem Elend. Wir müssen diese Wunden Christi berühren.“

Armut also nicht als Anlass, Gutes zu tun, sondern um Jesus Christus dort zu begegnen, wo er erlöst. „Wenn wir diese Wunden der Welt übersehen, dann haben wir kein Recht, ‚Mein Gott und mein Herr‘ zu sagen.“

Wenn wir Schwierigkeiten, Probleme, Elend und Krisen der Menschen von heute berührten, begegnen wir genau dort Christus. Diese Schattenseiten des Lebens gebe es natürlich nicht nur in Indien, auch in den reichen Ländern ist viel zu heilen, sagt Halík. Gerade vielleicht sogar in den reichen Gesellschaft gebe es Armut, soziale und geistliche Armut. Er bringt das Beispiel Mutter Teresa: Sie sei eine Heilige für unsere Tage gewesen, sie habe Elend mitgetragen, aber ihr Tagebuch berichtet von jahrelanger Ferne zu Gott, über ihre Nächte, die Verlassenheit, die Verborgenheit und das Schweigen Gottes. Das hat sie erlebt. „Dort hat sie das geistliche Elend der Menschheit von heute mitgetragen. Diese Heilige ist wirklich solidarisch mit dem sozialen Elend aber auch in der Konfrontation mit der Verborgenheit Gottes, die viele Menschen in unserer Welt erfahren“.

 

Glauben: Ein Weg in die Tiefe

 

Das ist das Thema, mit dem sich Halík immer wieder beschäftigt hat, die Suche nach Gott auch der Menschen, die sich als Glaubende bezeichnen, „aller Menschen, die Glauben nicht nur für eine Sammlung von Glaubenssätzen halten, sondern für einen Weg in die Tiefe. Wenn wir unsere Glaubensgeschichte als einen Weg in die Tiefe erleben, dann sind wir zur Zeit konfrontiert mit dem Schweigen Gottes. Ich bin überzeugt, dass es auf dieses Schweigen Gottes viele mögliche Reaktionen gibt: Eine atheistische Reaktion, dass Gott gestorben ist oder nicht existiert. Eine fundamentalistische Antwort, die die alten Formeln wiederholen. Eine enthusiastische Antwort, ‚Halleluja, Halleluja, alles ist schön‘. Aber der reife Glaube hat meiner Meinung nach drei Möglichkeiten: Glaube, Liebe und Hoffnung als Weisen einer Geduld mit Gott. Gott hat Geduld mit uns, wir sollen nun auch Geduld mit Gott haben.“

 

Suchende bleiben

 

Als Besitzer von ewigen Wahrheiten und schnellen Antworten komme man da nicht weiter, auch gläubige Christen müssten Suchende bleiben, sagt Halík. Die Kirche müsse den Menschen die Freiheit geben, selber zu wählen und ihre Nähe oder Weite selbst zu finden. Und dafür benutzt Halík bewusst das Wort, das innerkirchlich nicht unumstritten ist: Evangelisierung.

„Ich bin überzeugt, dass Evangelisierung immer mit Inkulturation zusammen gehen muss. Ohne Inkulturation ist Evangelisierung nur Indoktrination. Wir müssen Raum für die Fragen zur Verfügung stellen, nicht nur predigen sondern auch hören. Eric Voegelin [Philosoph und Politologe] hat einmal gesagt, dass die Christen vielleicht die guten Antworten haben, aber dass sie die Fragen vergessen haben. Wir müssen die Fragen der Menschen ernst nehmen. Wir müssen Achtung vor den Menschen in ihren konkreten Lebenssituation haben.“

Auch innerhalb der Kirche müssten die Gläubigen ihren Weg finden, er bewundere die innere Pluralität des Katholizismus, sagt Halík. Vielleicht müsse man auch neue Wege suchen, neue ‚Experimente des Glaubens‘. „Glaube ist in gewissen Sinne ein Experiment. Wir müssen Menschen inspirieren, den Mut zu Experimenten zu haben.“

 

 

In unserer Sendung – und im Newsletter – am Samstag gibt es das Interview mit Halík zu seinem neuen Buch und darüber, was es bedeutet, mit den Suchenden ein Suchender zu sein.

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6 Kommentare zu Tomáš Halík: „Mit den Suchenden ein Suchender sein“

  1. estersimplicia sagt:

    Naja sagen wir mal so, wenn ich wo was suche, in einem Laden, bin ich genervt und geh da nie wieder hin, wenn mir die Verkäuferin sagt „Also nee, wo die Socken sind, das weiß ich auch nicht! Aber wir können ja zusammen suchen!“
    Oder wenn ich im Unterricht den Lehrer (zu seinem Fach) was frage und der mir antwortet „Also nee, das weiß ich nun auch nicht! Aber ich fühl mich gut, wenn wir gemeinsam Fragende sind!“
    Und es gibt natürlich so Lehrer und nicht zu knapp, nur wenn es dann um die Notengebung und Versetzung geht, dann sind sie eben doch in einer anderen Lage, als der Schüler, der es nämlich wissen muss!
    Und hat nicht der heilige! Johannes XXIII in seiner Enzyklika die Kirche Mutter und Lehrmeisterin (Mater et Magistra) genannt?!?
    Von daher scheint mir der Vergleich mit dem Lehrer doch nicht so verkehrt und fast ungewollt zutreffend, (leider)

    • Pater Hagenkord sagt:

      Habe ich sie richtig verstanden, sie wollen niemanden an ihrer Seite, sondern klare Vorgaben? Oder habe ich sie da falsch verstanden?

      • estersimplicia sagt:

        Exakt!
        Ich muss ehrlich sagen mich nervt es langsam, dass mir all diese hochwürdigen Herren und hauptamtlichen Laien immer nur erklären, sie wollen mir mir suchen und unterwegs sein und mir zuhören und lauter so ein Kram und dafür noch ein dickes fettes Gehalt kriegten!
        Sorry aber ich führe mich dann schwer auf den Arm genommen, schwerst!
        Ein bisschen geistert durch die Medien ein alter Text des Bischofs Bergoglio über Calvin, wo dieser Calvin vorwirft, das besitzende gutbürgerliche Bürgertum zur Norm und Leitfigur der Kirche erhoben zu haben.
        Genau damit trifft Bischof Bergoglio den Kern des Problems, den zumindest ich mit all den netten, gut verdienenden, gutsituierten, mit den Menschen gehen wollenden habe.
        Habe ich doch die Erfahrung gemacht, dass dir von denen keiner wirklich hilft und wohl auch nicht helfen will. Und mir zumindest (ist natürlich ne lange Geschichte) dann sofort das alte Arbeiterkampflied einfällt wo es heißt „…es macht uns ein Geschwätz nicht satt, das bringt kein Essen her…“
        Man kann das mit dem Essen durchaus natürlich auch im übertragenen Sinne, von wegen Nahrung und echter Trost und echte Hilfe für die Seele und den Geist verstehen!

    • Elasund sagt:

      Also manchmal wünsche ich mir schon klare Vorgaben! Beispiel: Ich finde es in Ordnung, dass die katholische Kirche mir sagt, dass ich als Katholikin nicht bei anderen Kirchen zum Abendmahl gehen kann. Ich selbst habe mich mit dem Thema nicht so intensiv beschäftigt, dass ich zu einer eigenen (abweichenden) Gewissensentscheidung kommen könnte, also halte ich mich an das was mir gesagt wird. – Wenn ich jetzt einen kath. Priester fragen würde: Was ist Eucharistie? Was bedeutet Eucharistie? Welche Rolle hat der Priester (welche Rolle hast DU) darin? Und er würde sagen „nu ja, da hab ich auch keine Ahnung; ich suche selbst noch das rauszufinden“ dann fände ich das höchst unbefriedigend. Wenn er versuchen würde mir zu erklären was er verstanden hat und täglich lebt, fände ich das toll. Wenn ich darin spüren würde, dass er selbst auch ein Suchender ist, der versucht das immer tiefer zu verstehen. Das wäre super! Also ich finde die Kirche sollte beides tun: Die ewigen Wahrheiten verkünden (als Mater et Magistra) und selbst auf dem Weg bleiben.

      • Pater Hagenkord sagt:

        Diener eurer Freude, nicht Herr eures Glaubens, so bezeichnet sich Paulus selbst. Auch bei Franziskus findet man das häufig, dass er sich gegen feste, fixe, vorgegebene Regeln wendet, die das Aufbrechen und Losgehen, und – ich übersetzte – Suchen verhindern. In einem meiner vergangenen Posts ging es ja um die Eucharistie und die Wichtigkeit des Nachdenkens. Aber das genau so wie sie sagen: Auf der Suche. Eine neue Sprache findend und suchend, nicht einfach ein Buch aus dem Regal ziehend.

        • Jeannette Meyer sagt:

          Mir scheint, die Ursache für das fehlende Losgehen oder Suchen, wie Sie es ausdrücken, liegt nicht an den gegebenen Regeln. Die Wurzel könnte höchstwahrscheinlich schlicht und einfach Trägheit sein. Träge ist, wie es der Volksmund ausdrückt, wer seine intakten Sehnen nicht benutzt. Eine Sehne verbindet im Leib den Knochen mit der Muskulatur, d.h. die feste Substanz mit der weichen Substanz. Von der leiblichen auf die geistige Ebene übertragen bedeutet Trägheit, ganz allgemein gesprochen, die brachliegende „Sehnsucht“, den Geist mit der Materie zu verbinden, das Mögliche mit dem Gegebenen. Wer kennt nicht Beispiele für diese fehlende Sehnsucht; einerseits Leute, die ständig vor sich „hinspinnen“ und träumen, aber nichts realisiert bekommen und andererseits Menschen, die über ihre materiellen Bedürfnisse und ihre Triebbefriedigung den Kopf nicht hinaus heben können. Wer sich nicht danach sehnt, Himmel und Erde in sich zu vereinen, der ist auch nicht auf der Suche, er ist der acedia anheimgefallen. Hier muss und kann ein guter Priester helfen, dass ein solcher Mensch aus diesem Loch wieder herauskommt und diese Sehnsucht, ein „ganzer“, ein „heiliger“ Mensch zu werden, wieder zulässt und lebt, unter Beachtung der Unterscheidung der Geister. Dann lebt er auch in der Freude, die oben angesprochen wurde. Eines der schönsten Bücher der Bibel erzählt von dieser Sehnsucht und der Freude der Vereinigung, es ist das Hohelied. Ich kann es Jedem wärmstens empfehlen und ans Herz legen, es zu lesen.

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