Verschonungspluralismus

Vor einigen Wochen hat der britische Premier David Cameron in einer Parlamentsdebatte versprochen, Regelungen über das Tragen von religiösen Zeichen zu verbessern. Einer Angestellte von British Airways und einer Krankenwester war verboten worden, ein Kreuz als Zeichen ihres Glaubens während der Arbeitszeit um den Hals zu tragen, als Grund wurden die Haus-Regeln über Schmuck etc. zitiert. Gefragt, ob er das auch für ein Unding halte, stimmte Cameron zu und versprach, die Regelungen gesetzlich zu ändern.

Der Flugbegleiterin Nadia Eweida war verboten worden, Schmuck über der British Airways Uniform zu tragen, weil es generell verboten sei, diese Uniform in irgend einer Weise mit Schmuck zu kombinieren. Frau Eweida sieht das Kreuz aber nicht als Schmuck, sondern als Bekenntnis ihres Glaubens und ist nun vor den Menschenrechtsgerichtshof gezogen.

David Cameron sieht das ähnlich wie Frau Eweida: Er unterstütze das Recht, religiöse Zeichen zu tragen. Zitat: „I think it is an absolutely vital freedom.”

Das Ganze ist nun schon einige Zeit her, aber irgendwie bleibt dieser Fall als exemplarisch neben all den anderen kleinen Fällen stehen. Hier ist man gegen Kreuze, in der Schweiz gegen Minarette, dort ist man gegen ein Kreuz um den Hals. Stück für Stück werden die Zeichen von Religion aus dem Alltag gedrängt.

Nun unterstellen wir British Airways keine Absicht in diese Richtung. Eher noch Schlimmeres: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen keine Individualität zeigen. Sie sollen keinen Stil haben abgesehen von dem, den die Firma vorschreibt. Sie sollen alle gleich aussehen, auftreten, mit der gleichen Freundlichkeit etc.. Und genau hier ist das Problem, das David Cameron „absolutely vital freedom“ nennt. Wo hört die Uniformierung des Individuums in einen konsumadaptierbares Etwas auf? Wo sind noch Freiheitsräume, unter anderem für den Ausdruck von Religion?

Die Kampagnen gegen religiöse Symbole in der Öffentlichkeit – und derer gibt es viele, vor allem in Großbritannien, auch deswegen ist diese Geschichte exemplarisch – behaupten nun, jede Firma habe das Recht, für Angestellte Regeln festzulegen. Hier gehe es um Aussehen wie auch um Sicherheit und Gesundheitspolitik der Firma.

Ja, aber nur bis zu einem Punkt. Es gibt eine Grenze, an der die Rechte des Individuums geschützt werden müssen, auch gegen das an sonsten legitime Recht einer Firma, Regeln festzusetzen. Die vergötterte Wirtschaftsordnung darf nicht alles.

Das alles bedeutet nicht, dass Religion von Regeln ausnimmt. Die Grenze ist nicht im Namen des eigenen Glaubens verschiebbar. Es muss Kompromisse geben.

Aber die Grundsätzlichkeit, mit der über diesen Fall nicht nur in Großbritannien debattiert wird, macht aus der Sache eben einen Beispielfall. Wann dürfen Glocken läuten und wann ist das „Lärm“? Wo dürfen Kreuze hängen (in einem Landtag zum Beispiel, im Gericht oder in Schulen)?

Glauben geht nicht innen drin, im Individuum und seinem Privatbereich. Glauben will sich zeigen, will anstecken und weitergegeben werden. Das Problem ist, dass viele das nicht wollen. Sie sehen in der Religion eine Gefahr. Der Traum der Gegner jeder Form von öffentlicher Form von Religion ist der Verschonungspluralismus: Du lässt mich in Ruhe, ich lasse dich in Ruhe. Jede Form von Konsequenz soll aus dem Leben getilgt werden, jedes Individuum soll befreit leben von Einflüssen von Anderen. Das ist eine Vorstellung von Freiheit, die hinter der Gegnerschaft gegen religiöse Symbole steckt.

Das alles ist aber vollständig unmenschlich. Wir sind nicht so. Wir sind nicht vor den Auswirkungen der Entscheidungen Anderer gefeit, unser leben ist nicht aseptisch frei und jeden Tag neu zu erfinden, es gibt Folgen und Entscheidungen, für die ich nichts kann und die trotzdem Teil meines Lebens sind, ob mir das passt oder nicht. Verschonungspluralismus schafft eine falsche Vorstellung von unserem Leben, er zerstört den Zusammenhalt, die Verlässlichkeit, den Bezug zur Realität und damit letztlich auch die Freiheit, für die er vorgibt zu streiten.

Freiheit ist nicht ohne Konsequenz zu haben. Und diese Freiheit braucht Freiraum, den auch die Uniform-Politik einer Firma nicht einschränken darf. „Absolutely vital freedom“: Mr. Cameron, sie haben Recht.

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