Wer wir sind

Wenn Historiker in 100 oder 200 Jahren zurück blicken werden auf uns, woran werden sie uns messen? Denn messen werden sie uns, genau so wie wir die Vergangenheit messen. Sie werden uns messen an der Art und Weise, wie wir jetzt und heute mit den Flüchtlingen umgehen. Je länger ich die Tragödien hier in Italien und seit kurzem – und es ist verglichen mit Italien wirklich erst kurz – auch nördlich der Alpen beobachte, desto ratloser werde ich einerseits, desto sicherer wird aber auch mein Urteil, dass es genau dies ist, was in der Zukunft an unserer Zeit wichtig ist.

Man kann über Glauben reden und Kirche, über Ökumene und die Synode, über Sexualmoral und all die Themen, die uns immer schon beschäftigen und auch beschäftigen sollen. Wenn es eine wirklich ernste Debatte wird, dann geht es aber nicht darum, sondern um die Flüchtlinge.

So lange haben wir uns auf einen vermeidlich stabilen Nahen Osten verlassen, das Öl gekauft und nicht genau hingesehen? Seit 1918 wahrscheinlich, seitdem Europa nach dem Krieg die Gegend unter sich aufgeteilt hat und den Grundstein gelegt hat für eine Staatlichkeit, die unsere war, die aber gegen alle Zugehörigkeitsgefühle dort ging. Und geht. Wir haben hier im Westen Herrscher erfunden und gestützt, aber das wissen Sie ja alles.

Lange waren die Flüchtlinge ja auch in Italien, das damit nicht fertig wurde, und in Griechenland, das damit nicht fertig wurde, und in Südspanien und auf Malta. Lampedusa ist das Stichwort. Aber jetzt, wo Deutschland wenn auch nur für kurze Zeit seine Grenzen zumacht, dann ist das auf einmal ganz nah dran. Dann ist das eine Niederlage für Europa. Dann fühle ich einen Schock: mein Leben lang gab es scheinbar immer weniger Grenzen, und nun dies.

 

Lange war das alles weit weg

 

Und es reicht auch nicht, mit dem Finger auf die vermeidlich unsolidarischen zu zeigen, auf Polen und Ungarn. Damit ist nichts gewonnen. Werben müssen wir, nicht zeigen. Und dieses Mal können wir anders als in der Finanzkrise auch nicht einfach Geldsummen erfinden und auf den Markt werfen, dieses Mal stehen Menschen bei uns auf der Straße.

Wie in Bangladesh und den Nachbarländern die Rohingya, wie die Lateinamerikaner in Mexiko auf dem Weg in den Norden. Alles völlig unterschiedliche Geschichten, aber einig in der Erzählung von Not und Flucht und Grenzen und Scheitern.

Wie gehen wir damit um? Nicht nur heute und morgen, auch übermorgen. Lassen wir zu, dass das uns Fremde unser Land verändert? Denn verändern wird es uns. Lassen wir zu, dass wir nicht mehr die Macht sind, nach deren Ansage die Welt zu laufen hat? Dass alle zu uns wollen, nicht weil wir Demokraten sind, sondern weil hier Wohlstand ist? Reichtum, verglichen mit den Ländern, aus denen die meisten Menschen kommen?

Lassen wir das zu?

Das wird entscheiden, wie man uns später einmal sehen wird. Und entschieden, wie das ausgeht, ist es noch nicht. Bei den vielen Menschen, die zu uns kommen, geht es um unsere Identität. Die wird nur bleiben, wenn sie fähig ist, sich zu ändern.

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31 Kommentare zu Wer wir sind

  1. Rosi Steffens sagt:

    Erst heute Morgen habe ich mich mit meinem Mann über die Situation um die Flüchtlinge unterhalten. Es war ein sehr kurzes Gespräch, da er so früh noch nicht in der Lage ist meinem Redeschwall etwas entgegenzusetzen. Im Kern jedoch waren wir uns einig darüber, dass gerade das syrische Regime doch erkennen müsste, dass es ohne Volk auch keine sinnvollen Gründe für den Landerhalt gibt. Heute lese ich dann, dass sich die USA fragen, warum sich die russische Regierung jetzt plötzlich um die syrische Politik kümmert. Dazu las ich einen Kommentar: „Herr wirf Hirn auf die Erde!“. Aus all diesen Informationen versuche ich nun einen sinnvollen Beitrag zu formulieren, um meine Ansicht zu diesem Thema klarzulegen:

    Flüchtlinge sind Menschen, die genau in das System fliehen, das diese Flucht mit verursachte, denn in meinen Augen haben gerade demokratisch regierte Staaten die Verantwortung dafür zu tragen, das die Globalisierung der Welt in einem Tempo voranschreitet, das auch für die Völker aus anderen Regierungsformen zu bewältigen ist.

    Das Internet bietet zwar Möglichkeiten, doch es ist immer noch der Mensch, der sie als sinnvoll differenzieren muss, um sie dann auch effektiv für die Gemeinschaft nutzen zu können. Grenzen liegen also nicht dort, wo man sie gerne hätte, sondern dort, wo der Mensch sie als solcher auch findet.

    Die eigene Identität ist also nur dann vor fremdem Zugriff geschützt, wenn man sie so bewahren kann, dass damit Recht und Gesetz in eine gemeinsame Ordnung führen können.

    Ich sehe die Herausforderung des heutigen Tages darin, ihn nicht als Anforderung an das bestehende System zu sehen, sondern als Aufforderung für Neubegründung einer Struktur der bewussten Entscheidungen. Dieses Bewusstsein dann so zu fördern, dass daraus eine Gemeinschaft entstehen kann, das sehe ich als die menschliche Pflicht derer an, die sich heute gegenüberstehen. Das kann aber nur dann gelingen, wenn Zusammenhänge so hergestellt werden, dass man nicht nach den Schuldigen sucht sondern nach den Ursachen für diese Entwicklung. Ich habe vollstes Verständnis für Menschen die flüchten, doch ich habe kein Verständnis für Menschen, die diese Situation für ein besseres Leben nutzen, denn ihr Leben ist auch mein Leben, wir haben das gleiche Zuhause und leben aus demselben Anfang. Es ist also immer eine persönliche Entscheidung wie man leben möchte, nur das wo sollte frei wählbar sein. Tatsachen müssen also so geschaffen werden wie sie sind und nicht davon leben, wie man sie gerne hätte.

  2. Vom-anderen-Stern sagt:

    Es verwundert schon, warum die Fliehenden in den wohlhabenden Golf- und Ölstaaten unwillkommen sind, obschon deren sprachliche und religöse Kultur der eigenen mehr verwandt sein dürfte als die westliche und man dort auch nicht wenige Arbeitsmöglichkeiten hätte. Man lese: http://www.welt.de/politik/ausland/article146341341/100-000-Luxus-Zelte-kein-einziges-fuer-Fluechtlinge.html und http://www.welt.de/politik/ausland/article146087459/Warum-die-reichen-Golfstaaten-in-der-Krise-untaetig-bleiben.html. „Wir“ – wer auch immer damit hier gemeint ist – sollten mit Herz und Verstand tätig sein, ohne auf eine historische Bewertung in zwei, drei Jahrhunderten zu schielen. Denn auch die Römer von heute werden nicht mehr an ihren barbarischen Gladiatorenkämpfen von gestern gemessen.

  3. Anna sagt:

    Sie schreiben, die Flüchtlinge kommen hierher, nicht wiel wir Demokraten sind, sondern weil hier Wohlstand ist. Ja und dieser Wohlstand hat einen Preis, den alle bezahlen müssen. Wenn aber Flüchtlinge diesen Preis, ich meine Bildung, ich meine arbeiten von früh bis spät, ich meine zurechtfinden in dieser hochtechnisierten Welt nicht bezahlen können, weil sie einfach aus einer ganz anderen Kultur kommen, dann wird Westeuropa auch nicht mehr nur aus Wohlstand bestehen, dann werden wir uns neu erfinden müssen. Auch die Flüchtlinge die ja hierher kommen, weil alles so perfekt ist. Dialog mit den Flüchtlingen über ihre Vorstellungen und was es alles dazu braucht, und eventuelle Illusionen zu relativieren.
    Uns fordert es heraus zu teilen und andere Lebensweisen kennenzulernen und eigene zu hinterfragen. (Mir wird es jedenfalls immer weh ums Herz, wenn ich diese Familien sehe, wie sie irgendwie viel mehr zusammengehören als bei uns.)
    Ich fürchte mich aber auch vor den vielen jungen Männern, die ohne Frau hierher kommen, und wie ich auf einem Video gesehen habe, den Familien den Platz im Bus weggenommen haben. (Der stärkere zuerst.).
    Ich habe schon Angst davor, dass wir einfach zu schwach geworden sind, um uns all diesen Problemen zu stellen. Und doch ist es der einzige Weg den ich sehe.

  4. Stephan sagt:

    Lieber Pater Hagenkord,

    vielen Dank für diesen Eintrag. Ich schicke Ihnen dazu das berührende Gedicht von Werner Bergengruen aus dem Jahr 1944:

    DIE LETZTE EPIPHANIE

    Ich hatte dies Land in mein Herz genommen.
    Ich habe ihm Boten um Boten gesandt.
    In vielen Gestalten bin ich gekommen.
    Ihr aber habt mich in keiner erkannt.

    Ich klopfte bei Nacht, ein bleicher Hebräer,
    ein Flüchtling, gejagt, mit zerrissenen Schuh’n.
    Ihr riefet dem Schergen, ihr winktet dem Späher
    und meintet noch, Gott einen Dienst zu tun.

    Ich kam als zitternde, geistgeschwächte
    Greisin mit stummem Angstgeschrei.
    Ihr aber spracht vom Zukunftsgeschlechte,
    und nur meine Asche gabt ihr frei.

    Verwaister Knabe auf östlichen Flächen,
    ich fiel euch zu Füßen und flehte um Brot.
    Ihr aber scheutet ein künftiges Rächen,
    ihr zucktet die Achseln und gabt mir den Tod.

    Ich kam als Gefangner, als Tagelöhner,
    verschleppt und verkauft, von der Peitsche zerfetzt.
    Ihr wandtet den Blick von dem struppigen Fröner.
    Nun komm ich als Richter. Erkennt ihr mich jetzt?

    (Werner Bergengruen)

    Können wir uns nicht noch mehr anstrengen, daß die Menschen nicht auf so eine grausam gefährliche Art zu uns kommen müssen?

    Herzliche Grüße,
    Stephan

  5. Amica sagt:

    Welche Identität besitzen die Deutschen von heute aber? Wenn man eine Umfrage unter jüngeren und Leuten mittleren Alters starten würde, in der Fragen gestellt werden würden wie „Was ist Heimat für Dich?“, „Was Famile?“, „Was ist typisch und gut Deutsch?“ dann würde man merken, dass Deutschland für alles und für nichts stehen kann bzw. sich selbst nicht so recht definieren kann bzw. auch nicht will.
    Das Fremde, oder konkreter, der/die Fremde direkt vor der Haustür konfrontiert mich mit mir selbst: über 230.000 Asylanträge wurden in diesem Jahr gestellt (Stand: Juli 2015), im letzten Jahr waren es in etwa 200.000. Viele dieser Menschen wollen wieder zurück in die Heimat, aber vielleicht können sie das nicht mehr und werden auf Dauer hier bleiben. Wenn sie bleiben, werden sie Fragen stellen, die oben genannten und andere, sie werden uns zum Nachdenken bringen über unsere eigene Kultur.
    Noch eins möchte ich anfügen: Meine Großtante lebt in Berlin, sie wird in diesem Jahr 100. Sie konnte nun nicht mehr in ihrer Wohnung bleiben, aber zu uns, in ein anderes Bundesland und eben aufs Land wollte sie nicht ziehen, sie ist eben eine Großstadtlady. Ihre Zugefrau, eine türkischstämmige Deutsche, hat sie daraufhin einfach zu sich geholt und eine doch relativ fremde deutsche Frau in ihre Familie „integriert“. Sie musste zwar dann doch in ein Pflegeheim, aber allein die Bereitschaft und Menschenwärme dieser Frau hat uns sehr imponiert. Würden Deutsche das auch tun?
    Ich glaube, die wenigsten.
    Deutschland war immer ein Zuwanderungsland und das hat uns gut getan, aber die Bevölkerung schrumpft.
    Mittlerweile ist es aber so, dass die gynäkologische Abteilung unseres Krankenhauses einen beachtlichen Geburtenanstieg verzeichnet, was natürlich mit den Flüchtlingen zusammen hängt.
    Alles verändert sich und die Zeit in der wir momentan in Deutschland leben ist spannend, fordert uns besonders menschlich heraus und kann der Grundstein sein für ein Zurück zum Wesentlichen, zu etwas wirklich Gutem.
    Und wir dürfen eines nicht vergessen: die Zahlen die manchen Leuten hierzulande Angst machen, sind nichts verglichen mit den Zahlen der Heimatvertriebenen von 1945: damals mussten 12-14 Millionen Deutsche über Nacht im vom Krieg übrig gebliebenen Deutschland aufgenommen werden. Leute wurden bei ansässigen Familien zudem zwangseinquartiert. Keiner soll sich heute also beschweren und kein Mensch kann etwas dafür, in welchem Land er geboren wurde.

  6. KRP sagt:

    Ja die Menschheit muss sich ändern nämlich alle Menschen als Menschen sehen und nicht als „Asylanten und Flüchtlinge“ aber das ist sehr schwer für die sogenannte „reiche deutsche/westliche Gesellschaft. Die ihre Werte, ihren Reichtum schwinden sieht wo viele auf ihren Lohnzetteln immer weniger sehen nicht weil der Lohn so wenig ist sondern die Abzüge immer mehr werden.

  7. 1234556 sagt:

    Was ist Glück u. wie kann man es erreichen? 1 Frage so alt wie d. Menschheit? Wir können Europa völlig einzäunen, es werden trotzdem Flüchtlinge kommen. – Gäbe es vielleicht noch anderes Miteinander, als wir jetzt leben? .. ut unum sint …? Danke!

    • Vom-anderen-Steern sagt:

      Glück ist jedenfalls nicht das Wichtigste im Leben.

      • 1234556 sagt:

        „Irgendwann fragte mich mein Vater, was ich denn später `mal werden wolle? Ich sagte „Glücklich!“ Mein Vater wurde blaß; ich dann doch etwas anderes und alle waren zufrieden mit mir.“ (Jugendmesse 09.15) –

  8. Petra sagt:

    Wo ist Gott, wenn er gebraucht wird?
    Verdammt!

    • Rosi Steffens sagt:

      Er liegt im Auge des Betrachters und wächst aus dessen Zuwendung bis ins Unendliche.

    • S.G. sagt:

      „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ (Mk 15,34 EU; Mt 27,46 EU) – das hat sich Jesus auch gefragt…

      Aber indem er den Willen des Vaters erfüllt hat, ist etwas Gutes daraus erwachsen.
      Manchmal schließt sich einem erst hinterher etwas auf, was momentan nicht klar scheint…
      Angesichts der Flüchtlingsfrage ist es besser, nicht so viel Nachrichten zu schauen (gemütlich auf dem Sofa) und sich über die Grausamkeiten aufzuregen, sondern direkt helfen. Denn wenn man sich zuviel von den scheußlichen Bildern reinzieht, wird man selbst ins Negative reingezogen. Es geht einem sonst wie jemanden, der eine tiefe Schlucht auf einem engen Steg überwinden muss: Wenn er zuviel nach unten schaut (schlimme Tiefe), fällt er eher in die Schlucht, als wenn er nur auf den Steg schaut und somit sicher auf dem Weg bleibt….

      • Rosi Steffens sagt:

        Ich habe heut Morgen diesen Reim geschrieben. Er ist das Ergebnis aus meiner Vergangenheit, die mich sehr beschäftigt hat. Hoffentlich passt er an dieser Stelle, denn ich möchte ihn gern mit Ihnen teilen:

        Steter Tropfen höhlt den Stein

        Ist es nicht der Tropfen, der dem Stein das Wesen gibt,
        indem er es mit Seinem Wesen sieht?

        So führt er Wesen in sich drin und trägt es durch die Zeit zum Sinn.
        Wasser ist das Elixier,
        das zeitlos trägt im Wir.
        So ist Stein im Wasser durch die Zeit geboren,
        was zum Denkmal der Weisen auserkoren.

        Der Mond setzt sich mit Wasser in Verbindung
        und trägt so die Besinnung.
        Die Welt der Götter wird geboren,
        zur Mystik auserkoren.

        Weiter geht nun die Geschichte
        und verliert damit ihre Dichte.
        Druck wird abgebaut durch Kommunikation
        und Geist ist dafür dann der Lohn.
        Die Götter streiten, man hört ihr Donnern,
        noch heute gilt das Wort dafür,
        dem folgt meist Blitz und Wasser als sein Elixier.

        Was nun noch fehlt liegt auf der Hand,
        dass sind Liebe und Verstand.
        Es geschieht, das ist ein Segen,
        denn es kommt der große Regen.
        Da beginnt aus Wasser zu entstehen,
        was wir heute als „unsere“ Natur ansehen.

        Das Wesen, seiner langen Reise müde,
        schafft so die Attitüde.
        Mit ihrer Hilfe führt nun Geist das Leben an
        und Kultur ist mit ihrer Entwicklung dran.

        Alles was als Volk sich bindet,
        in den ersten Schriften sich wohl findet.
        Sie sind der Reinerlös aus Vorzeit und Gedanken,
        verweisen uns noch heute in die Schranken.

        Der Stein allein für Weisheit steht,
        die Zeit für immer geht.
        Mensch ist durch Zeit jetzt neu geboren,
        als Sohn Gottes auserkoren,
        um sich selbst an Gott zu binden,
        und damit ihn in seinem Ebenbild zu finden.

        Das ist die Geschichte meines Lebens,
        geprägt vom Schutz des Gebens.
        Gott führt unsere Gedanken,
        hält sie jedoch in ihren Schranken.
        Was wir lernen ist zu teilen,
        um nicht in Starre zu verweilen.

        Als Menschen sind wir in der Lage uns selbst zu besinnen,
        um dadurch neue Wege zu gewinnen.

    • KRP sagt:

      Wo sind die Menschen sollte es heißen denn das was Sie Gott nennen ist da. Nur der Mensch sieht Ihn nicht und will ihn oft nicht sehen. Gott ist nicht eine weltliche Institution weder katholisch röm. noch evang.luth. noch sonst eine Organisation. Gott ist Gott.

    • chrisma sagt:

      @Petra Gott ist immer bei denen die Leiden.

    • Vom-anderen-Stern sagt:

      Einen Gott, den man brauchen kann, gibt es nicht.

  9. Silvia Brückner sagt:

    Ich denke, die Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak kommen nicht, weil hier Wohlstand herrscht sondern weil sie hier in Sicherheit sind vor dem Wüten des IS.

    Und natürlich spielt unser Asylrecht dabei eine Rolle. Die Väter und Mütter des Grundgesetzes haben ein sehr großuügiges, ethisches Asylrecht geschaffen, aus der Erfahrung mit dem Nationalsozialismus und gerade, weil nicht Wenige von ihnen selbst Verfolgte waren. u.a. auch der erste Bundeskanzler Adenauer.

    Der Vergleich mit den Heimatvertriebenen und Flüchtlingen am Ende des 2. Weltkrieges und danach – mein Vater, mein Großvater und meine Tante kamen als Heimatvertriebe aus dem Sudetenland im Februar 1946 in den Taunus –
    hinkt insofern, weil das Deutsche waren, die keine Sprachprobleme hatten und aus derselben Kultur kamen wie ihre Gastgeber.

    Nichtsdestotrotz ging es damals auch ziemlich chaotisch zu. Die Einheimischen selbst hausten größtenteils in Trümmern und es mangelte an allem Lebensnotwendigen. Meine Familie wurde damals auch zwangseinquartiert.

    Ich, Jahrgang 1951, bin mit diesen Geschichten der Vertreibung aufgewachsen und ich merke, was diese heutigen Flüchtlingsströme in mir auslösen.

    Was ich aber besonders schlimm finde, dass ich noch 70 Jahre nach Kriegsende bei den „echten“ Einheimischen auf kühle Zurückhaltung bis Ablehnung stoße, wenn ich mal beiläufig erwähne, dass mein Vater Heimatvertriebener war. Da sind immer noch Vorurteile zu spüren.

    Auch das ist mit ein Grund, dass ich für „Schutzräume“ für heutige Flüchtlingskinder plädiere.

    Ich kenne auch ältere Leute, die Flucht oder Vertreibung als Kinder selbst erlebt haben und merke, wie diese traumatischen Erinnerungen im Alter wieder hochkommen.

    Dabei spielt es keine Rolle, ob man daheim zum Mittelstand gehörte oder nicht, gerade die existentiellen Probleme des Neuanfangs haben ja dazu geführt, dass die Traumata Jahrzehnte lang verdrängt und eben auch gerne weitervererbt worden sind.

    • S.G. sagt:

      Zu genau dieser Thematik lese ich gerade ein interessantes Buch von Sabine Bode „Die vergessene Gerneration“.
      Ich kann mich jetzt noch besser in die aktuellen Flüchtlinge hineinversetzen. Vor allem in die Kinder. Schrecklich, wie sich die Kriegssituation auf das spätere Leben auswirkt – bis in die Enkelgeneration hinein!

  10. JLTD sagt:

    Ich denke auch, dass die Kirche an ihrem Engagement für die Flüchtlinge wird gemessen werden, allerdings vor allem von Außenstehenden, wenn auch nicht nur von ihnen.

    Aus innerkirchlicher Sicht denke ich aber, dass man in 100 oder 200 Jahren (sofern es uns dann überhaupt noch gibt) diese Zeit auf Europa bezogen als eine Zeit großer Verunsicherung, als eine Zeit eines großen Glaubensabfalls unter Laien wie auch unter Geistlichen betrachten wird.

    Wer heute das für wahr hält und öffentlich vertritt, was im Katechismus der Katholischen Kirche steht, wird nicht nur von Außenstehenden sondern ganz besonders auch von Mitbrüdern im Glaube regelrecht attackiert. Wer nicht auf der Linie der „Progressisten“ ist (oder wie auch immer sie sich nennen), gilt als „erzkonservativ“. Es scheint, dass „erzkonservativ“ einfach die neue Bezeichnung für „katholisch“ ist, denn „katholisch“ sind jetzt die, die eine ganz andere Kirche wollen.

    Es ist gar nicht leicht, heute in Deutschland den überlieferten Glauben zu erhalten. Ein Großteil der Priester und Theologen scheinen selbst daran nicht mehr „so“ zu glauben. Einfache Glaubenssätze werden als „komplexe Sachverhalte“ verintellektualisiert, um dann über sie diskutieren zu können, obwohl sie durch Tradition oder Lehramt schon längst entschieden sind. Die letzte Obsession: die Segnung von homosexuellen Paaren.

    Wie lange hält die Kirche noch die Spannung zwischen überliefertem Glauben und moderner Theologie? Unter den „Erneuerern“, die vor allem im deutschsprachigem Raum anscheinend in einer klaren Mehrheit stehen, scheint sich kaum einer zu Gehorsam oder Treue zum Lehramt verpflichtet zu fühlen (siehe manch eine Nachricht oder manch einen Blog-Eintrag bei Radio Vatikan Deutschland). Wie soll diese de facto bereits existierende Spaltung wieder überwunden werden können? Ich glaube nicht, dass wir das selbst noch schaffen können. Dafür ist die Spaltung bereits zu groß. Wie viele Menschen müssten z.B. hier noch Beschwerde einlegen, damit das Bild der Prostituierten im vorletzten Blog-Eintrag entfernt wird? Vermutlich sehr, sehr, sehr viele. Das würde zeigen, wie weit wir kirchenintern voneinander entfernt sind. Es besteht bereits eine zu große Kluft.

    Nur der Herr kann das wieder richten, aber wir müssten Ihn es auch tun lassen. Jeder von uns müsste, wie Benedikt XVI an die Jesuiten schrieb, sein „vollständiges Festhalten an der katholischen Lehre bestätigen, besonders in einigen neuralgischen Punkten, die heute von der säkularen Kultur sehr stark angegriffen werden, wie zum Beispiel das Verhältnis von Christus und den Religionen, einige Aspekte der Theologie der Befreiung sowie verschiedene Punkte der Sexualmoral, besonders, was die Frage der Unauflöslichkeit der Ehe und die Pastoral für die homosexuellen Personen betrifft.“

    Insofern denke ich, dass man sich in 100 oder 200 Jahren an „die große Kirchenkrise um die Jahrtausendwende“ erinnern wird, eher als an das schlimme Leiden so vieler Flüchtlinge. Hoffentlich erinnert man sich nicht an „das Schisma Anfang des Jahrtausends“. Das wäre das Traurigste, was uns passieren könnte. Wobei der aktuelle Zustand der faktischen aber nicht formellen Spaltung in der Kirche auch keine Alternative dazu sein kann.

    Was also sind wir? Eine Kirche in einer wirklich tiefen Krise.

    • chrisma sagt:

      @ JLTDWer sind wir wirklich: eine Kirche im Aufbruch zu den Menschen, eine Kirche die sich den Menschen zu wendet. Eben die Kirche im Geist von Vatikanum II. Ich mag die Unterteilung nicht in hier konservativ, da progressiv. Wir sind alle Kirche. Aber Sie sollten respektieren, dass es bei uns Gläubige gibt die Ihrer Auffassung nicht mehr folgen wollen. In einem sind wir uns einig: eine katholische Ehe ist und bleibt verbindlich, da sie vor Gott geschlossen wurde. Die Teilung der Kirche das ewig von Ihnen zitierte Schisma wird doch ständig nur von Menschen wie Ihnen beschworen. Also meines Vaters hat viele Wohnungen. Bleiben Sie gern in der Ihren. Aber bitte hören Sie mit der Bevormundung auf. So lieber/liebe JLTD nun hurtig raus zur praktischen Unterstützung der Flüchtlinge, denn genau daran wird unsere Kirche, werden wir als katholische Christen gemessen.
      An was wird man sich erinnern: an eine Zeit als die alte Ordnung perdu ging, in der die große Völkerwanderung begann, ja und was es dann noch zu berichten gibt legen wir selbst fest im Jetzt.
      Maria Schutz für Sie.

    • Suarez sagt:

      JLTD, auf katholisches.info und kath.net reden von Spaltung und Schisma nur die Reaktionären. Die, die Papst Franziskus des Glaubensabfalls zeihen, die, deren größte Sorge es ist, ein Pfarrer könnte ein sich liebendes lesbisches Paar segnen (warum sollte das so schlimm und unkatholisch sein? Jedes Rindvieh kann vom Pfarrer gesegnet werden, lesbische, schwule und bisexuelle Rinviecher noch dazu – und Waffen hat die Kirche auch schon gesegnet).
      Eine Kirche, die sich NICHT wandelt – das wünschen sich nur die Feinde der Kirche, schrieb Kardinal de Lubac einst. Recht hat er. Es ist ja gar nicht wahr, wenn sie schreiben, dass die „Progressiven“ eine andere Kirche wollen. Sie wollen eine Kirche, die den Menschen hilft und bei ihnen ist. Dafür das Verbot aufzuheben, keine Frauen und keine Verheiratete zu weihen, wird schon sehr bald notwendig sein, wenn die Kirche überhaupt noch die Botschaft Gottes verkünden soll.
      Wem das nicht passt, soll doch bitte einfach zur Piusbruderschaft gehen. Dort lebt man ja seit langem nach dem Pippi-Langstrumpf-Prinzip: Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt.

  11. bernard sagt:

    Lieber Pater Hagenkord,
    hier keine direkte Reaktion auf Ihren jüngsten Beitrag, sondern eine technische Frage/Bitte: Wär’s denn möglich, Ihr Blog auch in einer Mobil-Version ins Internet zu stellen, so wie es eine Mobil-Version der RadioVatikan-Seite gibt? Dann wäre unterwegs auf dem Handy alles entschieden einfacher zu lesen…
    MfG
    B.

    • Pater Hagenkord sagt:

      Da haben Sie Recht. Ich denke schon länger dran, müsste das aber machen lassen, weil ich selber gar nicht die Fähigkeiten habe. Aber die Anregung soll nicht vergebens sein, ich gehe mal Spenden sammeln.

  12. chrisma sagt:

    Endlose Menschenströme bewegen sich in diesen Tagen in eine scheinbare Sicherheit. Ich teile den Gedanken von @Rosi Steffen: diese Menschen fliehen ausgerechnet dahin wo die Verursacher ihrer Flucht zu finden sind. Diese Menschen werden uns verändern. Für mich diese Veränderung eine Chance und ich fühle eine Verpflichtung an der Veränderung mitzuwirken, daran mitzuarbeiten.
    Ja immer jeden Tag darüber nachdenken wie wir etwas verändern können, wo wir helfen können, aber gerade in diesen Tagen erfasst mich eine Mutlosigkeit (untypisch für mich, geht auch schnell vorbei). Heute hat UNICEF eine für mich unvorstellbare Zahl veröffentlicht: 1,5 Millionen Kinder sind in Afrika auf der Flucht vor Boko Haram. Sicher wissen mein Mann und ich als Ärzte wo unser Platz ist. Nur egal was wir tun: es ist immer nur der berühmte Tropen auf den heißen Stein. Wir kommen !noch! nicht an Kern dessen was diese Situation herbeigeführt hat, wo die Ursachen dafür liegen. Radikale Veränderung der bestehenden Besitzverhältnisse, radikale Kürzung der horrenden Rüstungsetats wären ein Anfang, nur unvorstellbar das dies „von allein“ geschieht. Aber steter Tropfen höhlt den Stein. Also wie immer: konkret helfen wo und wie wir können, jeder nach seinen Möglichkeiten, seinen Fähigkeiten und das ferne Ziel einer gerechteren Welt nicht aus den Augen verlieren und an diesem Ziel ebenfalls nach unseren Möglichkeiten und Fähigkeiten mitarbeiten.

    @ Stephan, Danke für das sehr eindringliche Gedicht von Werner Bergengruen.

    Ihnen Pater Hagenkord besonderen Dank für diesen Beitrag

    • Silvia Brückner sagt:

      Eine syrische Mitchristin sagte mir kürzlich sinngemäß:

      „Einfach keine Waffen mehr liefern, dann wäre der Krieg schnell vorbei“.

      Auch der IS, Boko Haram u.a. Terrororganisationen wären ohne Waffen ziemlich machtlos.

  13. Silvia Brückner sagt:

    Da das Thema therapeutische Hilfe für Flüchtlingskinder bzw. generell für Flüchtlinge weiter unten . gelinde gesagt – kontrovers diskutiert worden ist, möchte ich an dieser Stelle auf einen Artikel, in dem sich Experten äußern, hinweisen:

    http://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/irgendwo-mit-der-hilfe-anfangen

    Es ging mir und chrisma selbstverständlich nicht darum, traumatisierte Kinder auszugrenzen, gar am lernen zu hindern sondern darum, hnen den Weg in unser Schulsystem und damit in die Normalität zu ebnen.

    Es will sich auch niemand ins Elternrecht einmischen.

    In diesem o.g. Artikel wird auch explizit auf die Lage unbegleiteter, minderjähriger Flüchtlinge hingewiesen, die also ohne Begleitung eines Erwachsenen nach Deutschland gekommen sind.

    • chrisma sagt:

      Schöner Artikel, danke liebe @Silvia, ich weiß das die „Psych-Leute“, die in Heilberufen arbeiten sensibilisiert sind für diese Fragen. Es laufen aller Orten Initiativen an hier Möglichkeiten zu finden.

  14. KRP sagt:

    @ Silvia das Menschen therapeutische Hilfe bekommen die sie möchten und wohlgemerkt die Menschen müssen sie wollen wenn sie gelingen soll, ist mir klar und keineswegs wollte ich absprechen das Sie jemanden am lernen hindern wollten. All das was in diesem Artikel steht ist auch Realität und genau diese Realität habe ich gemeint und nichts anderes.
    Nicht jeder Mensch braucht therapeutische Hilfe um aus diesem Kreislauf herauszukommen so wie ich in vielen Interview gesehen und gelesen habe möchten „viele“ dieser Menschen lernen um vielleicht auch wieder zurückzukehren und ihre Länder neu aufzubauen.
    Klar brauchen gerade jugendliche Hilfe und gerade um eine explizite Ausbildung zu erhalten. Was ihnen sicher nicht helfen wird ist wenn sie abgeschottet unter ihres gleichen sind und von der deutschen Mentalität und deutschen Kultur abgetrennt sind.

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