Zu weit gegangen

Vorbereitung auf die Umwelt-Enzyklika, Teil 3

Die Verantwortung des Menschen ist keine moralische Verantwortung, das lässt sich aus dem vorherigen Überlegungen entnehmen. Was aber folgt aus dem Gegenentwurf, aus dem Schöpfungsgedanken? Wie ist die Verantwortung mit dem Glauben and Schöpfung verwoben? „Benedikt XVI. hat uns oft daran erinnert, dass diese Aufgabe, die Gott, der Schöpfer, uns anvertraut hat, es verlangt, den Rhythmus und die Logik der Schöpfung zu verstehen. Wir dagegen sind oft vom Hochmut des Herrschens, des Besitzens, des Manipulierens, des Ausbeutens geleitet; wir „hüten“ sie nicht, wir achten sie nicht, wir betrachten sie nicht als unentgeltliches Geschenk, für das wir Sorge tragen müssen. Wir verlieren die Haltung des Staunens, der Betrachtung, des Hörens auf die Schöpfung; und so können wir darin nicht mehr das erkennen, was Benedikt XVI. „den Rhythmus der Liebesgeschichte Gottes mit dem Menschen“ nennt. Warum passiert das? Weil wir horizontal denken und leben, uns von Gott entfernt haben, seine Zeichen nicht erkennen.“ (Generalaudienz, 5. Juni 2013) Das Resultat: „Männer und Frauen [werden] den Götzen des Profits und des Konsums geopfert: Das ist die „Wegwerfkultur“.“ (ebd.)

Und dann wird auch klarer, wie die Auswirkungen sind, wenn wir diese „Haltung des Staunens“ verlieren: „In diesem System, das dazu neigt, alles aufzusaugen, um den Nutzen zu steigern, ist alles Schwache wie die Umwelt wehrlos gegenüber den Interessen des vergötterten Marktes, die zur absoluten Regel werden“ (EG 56).

Aber sind es wirklich immer wir Menschen, ist es immer die Eigendynamik des Marktes ohne Ethik, des egoistischen Finanzsystems, das den Schaden verursacht? Selbst wenn – so der Papst – das nicht so ist, ist das noch lange keine Entschuldigung, nichts zu tun. „Ich weiß nicht, ob die Verantwortung ganz und gar beim Menschen liegt, aber größtenteils, in weitem Umfang ist er es, der die Natur ohrfeigt, fortwährend. Wir haben uns der Natur, der Schwester Erde, der Mutter Erde etwas zu viel bemächtigt. Ich erinnere mich an das – Sie haben es schon gehört –, was ein alter Bauer einst zu mir sagte: „Gott verzeiht immer, wir, die Menschen, verzeihen einige Male, die Natur verzeiht nie.“ Wenn du sie ohrfeigst, dann zahlt sei es dir heim. Ich glaube, wir haben die Natur zu sehr ausgebeutet. …Ich glaube, der Mensch ist zu weit gegangen“ (Pressekonferenz auf dem Flug von Colombo nach Manila, 15. Januar 2015).

 

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7 Kommentare zu Zu weit gegangen

  1. Vom-anderen-Stern sagt:

    Beim Opferkult der Azteken und bei ähnlichen rituellen Tötungen in der Geschichte der Menschheit wurden Männer, Frauen und Gefangene auch als Resultat eines vertikalen Denkens geopfert. Dekadenz Einzelner oder ganzer Gruppen ist vermutlich richtungsunabhängig.

  2. Klemens sagt:

    Es ist es begrüßenswert, dass …endlich…von Papst Franziskus zu diesen brisanten Problemen ein lehramtliches Schreiben kommt. Ja wir sind zu weit gegangen – das ist eigentlich schon seit 1970 klar. Papst Paul VI bzw. die Römische Bischofssynoden haben das ja bereits 1971 erkannt…De iustitia in mundo.

    Was die Diagnose betrifft, so gibt es bereits seit Rio 1992 eine ziemlich selbstkritische Sicht der int. Staatengemeinschaft, dazu empfiehlt sich nur ein Blick in Kapitel 4 der in Rio beschlossenen Agenda 21:

    „Veränderung der Konsumgewohnheiten“

    Zwischen Armut und Umweltzerstörung besteht eine enge Wechselbeziehung…….Besondere Aufmerksamkeit gebührt der durch nicht nachhaltige Verbrauchsgewohnheiten und übermäßigen Konsum bedingten Inanspruchnahme natürlicher Ressourcen und der schonenden bzw. effizienten Ressourcennutzung im Einklang mit dem Ziel, ihrer Verknappung soweit wie möglich entgegenzuwirken und Umweltbelastungen zu reduzieren.

    Während in bestimmten Teilen der Welt übermäßig konsumiert wird, bleiben die Grundbedürfnisse eines großen Teils der Menschheit unbefriedigt.

    Dies führt zu überhöhten Ansprüchen und einer auf Dauer nicht vertretbaren Lebensweise der wohlhabenden Bevölkerungsanteile, was wiederum mit einer immensen Belastung der Umwelt einhergeht. Die ärmeren Teile der Weltbevölkerung indessen sind nicht in der Lage, ihre Bedürfnisse in bezug auf Nahrung, Gesundheitsfürsorge, Wohnraum, Bildung und Erziehung zu befriedigen. Eine Veränderung der Verbrauchsgewohnheiten setzt eine aus mehreren Elementen bestehende Strategie voraus, die sich gezielt mit den Fragen des Bedarfs und der Deckung der Grundbedürfnisse der Armen befaßt und die dem Abbau, der Verschwendung und der Übernutzung begrenzter Ressourcen im Rahmen des Produktionsprozesses entgegenwirkt.

    Und zehn Jahre später: The Secretary-General of the Summit, Nitin Desai, asked the international community to fight the „global apartheid“ described by President Mbeki with the same vigour as it had fought apartheid in South Africa. The same sense of solidarity and responsibility the world had shown then was needed today. That would truly mark a change in the world — the elimination of the global apartheid between rich and poor. (WSSD 2002)

    An Einsichten und Diagnosen mangelt es international nicht, was die Therapie bzw. Umsetzung betrifft gibt es leider die bis heute bekannten Defizite. Natürlich sind die auch systemimmanent und daher ja auch die Forderung einer global sozial-ökologischen Marktwirtschaft, neuer Wohlstandmodelle, eines Global Marshall Plans, von „Gut leben statt viel haben“ (Misereor)….da bin ich mal gespannt, was hier als „Systemkorrektur“ in der Umwelt-Enzyklika steht.

    Konkrete Ansätze gibt es ja viele – auch zu Kapitel 4, Agenda 21: Wie wär`s den mit der Umstellung auf 100 % Bio und Fair Trade zertifizierten Kaffee im Vatikan bzw. unseren kirchlichen Behörden oder gleich weltweit für alle 1.2 Mrd. Katholiken ? Das würde schlagartig den Kaffeeanbau global verändern, der Schöpfung und den armen Kaffeebauern helfen….ich erinnere mich daran, dass es X Studentengenerationen gebraucht hat, hunderte Stunden Arbeit,um in einer kath. (sogar päpstlichen) Hochschule „einen Kaffeeautomaten“ umzustellen….Wenn so was mit der neuen Umwelt-Enzyklika schneller geht, dann hat das spürbare Auswirkungen.

    • Vom-anderen-Stern sagt:

      Weitere Anregungen aus dem Jahre 1922 (!) sind hier zu finden: http://www.gutenberg.orgh/ebooks/28991. Freilich ist das Werk anders motiviert geschrieben worden, aber in etlichen Punkten höchst anregend und konkret: „If a town is suffering from a break in the water-main, there are two things that may be done! The old pipe may be patched or a new pipe may be put in its place. It is sometimes possible for the engineers to patch the old main temporarily, while they are getting in a new one. The same situation confronts the people of the world. Their economic life is disorganized and chaotic. Shall it be reorganized along old lines, slightly modified in the light of experience, or shall it be built on fundamentally different lines?“

  3. Rosi Steffens sagt:

    Ich finde es immer interessant, wenn mit Querverweisen auf die Ansichten und Eindrücke anderer Menschen hingewiesen wird. Was aber steckt hinter dem eigenen Bild der Natur, der eigenen Ansicht des menschlichen Wesens und wie weit kann der Einzelne seine Ansicht des Ganzen darstellen, ohne sich in Rechtfertigungen dafür zu verlieren. Gott ist als Schöpfer doch der Ausschlag für die eigenen Anschauungen und das Ziel für deren Inhalt.

    Ich glaube, das Schwierigste in der heutigen Zeit ist es, sich ein Selbstbild zu verschaffen, mit dem man dann auf die Welt zugeht, um sie als natürlicher Bestandteil damit zu konfrontieren und aus der Resonanz zu lernen und sich zu bilden. Mir scheint heute ist es nicht mehr wichtig zuzuhören und zu begreifen, um sich mit eigenen Ansichten auseinanderzusetzen, als vielmehr die Ansichten anderer zu rezipieren und sich selbst darin zu verlieren.

    Der Alltag ist die Herausforderung, das eigene Umfeld stellt den Anspruch, der den Einsatz der ganzen Person fordert. Dabei können zwar Bücher und Ausführungen anderer Menschen helfen, doch sie basieren meist auf anderen Grundlagen, man muss sich auf seine eigene Intuition verlassen können und sich selbst, seinem eigenen Naturell anvertrauen. Natur findet immer einen Weg sich den Gegebenheiten anzupassen und das sollten wir uns bewusst machen, um danach zu leben und keine Angst vor Fehlern zu haben. Der Mensch steht am Ende einer natürlichen Entwicklung, die nur er für sich selbst definieren kann. Es gibt keine zwei wesentlichen Bestandteile, die man in Mensch und Natur aufteilen kann, in Herrscher und Untertan gliedern muss, es gibt nur einen Gott, der sich durch Jesus als Mensch verwirklicht hat. Allein die Zeitrechnung klärt uns über den Inhalt dessen auf, was wir als dieser Zeit nachfolgende Menschen alles versucht haben, um dem Anspruch an uns gerecht zu werden und nun daraus lernen zu können.

    Natur ist der Fortbestand der göttlichen Einheit des Anfangs mit Jesus als dem menschlichen Abschluss und wir sollten lernen mit dieser Tatsache so umzugehen, dass daraus ein sinnvolles und für jeden tragbares Leben entstehen kann. So viel Potential liegt in der Gegenwart, doch wir Menschen verlieren uns oft in gegenseitigen Vorwürfen, statt uns mit den lokalen Gegebenheiten auseinanderzusetzen und mit deren Abarbeitung zur allgemeinen Befindlichkeit beizutragen, um diese Stück für Stück einem tragbaren Maß für alle zuzuführen. Das Leben teilt sich durch die Natur mit, die durch ihre Kommunikationsfähigkeit zum allgemeinen Verständnis beiträgt und sich durch die menschliche Lebensführung mitgestalten lässt, sodass daraus ein Gesamtbild entsteht. Bildung sollte die Möglichkeit bieten, sich selbst in diesem Gesamtbild als natürlichen Bestandteil zu erkennen und damit die eigene Person als solches wahrzunehmen und sich nicht durch Egoismus am Ergebnis zu bereichern sondern durch Eigeninitiative zum Fortbestand beizutragen.

    Zeit ist für mich der Dank Gottes an die Menschheit für das Bewusstsein einen Sohn ins Leben geführt zu haben, dessen Leben die Grundlage für die Weiterführung nach dem Tod darstellt. Der Wille frei zu sein begründet, dass Jesus Leben das gleiche Leben mit denselben Inhalten ist, das wir heute fortführen, 2015 Jahre nach seiner bewussten Wahrnehmung. Gott hat die Natur des Menschen durch Jesus in unser heutiges Bewusstsein geführt und wir sollten uns darum bemühen, dieses geistige Vorbild mit in unsere täglichen Gedanken aufzunehmen, um es von dort Tag für Tag fortzuführen bis in die Gegenwart.

    Natur ist nicht an Ort und Zeit gebunden, sie trägt sich allein über die Gedanken in ein Bewusstsein, das dem Menschen zu Grunde liegt. Das Herz führt den Verstand in seine Grenzen und gibt ihm so die Liebe, die er braucht um ins Leben zu finden. Mensch zu sein bedeutet die Pflicht anzunehmen für sich selbst zu sorgen, nach bestem Wissen und Gewissen und unter den natürlichen Voraussetzungen, die durch Gott gegeben sind. Mensch ist sich damit gegenseitig verpflichtet, sich als Mensch zu einen, um zu achten, zu ehren und zu lieben, was dem menschlichen Vorbild folgen mag. In Demut anzunehmen was Gott in den Begriffen Mutter und Vater als Grundstock für eine Menschheitsfamilie dient, das ist wahrer Glaube im Alltag, als Lebensinhalt bewusst wahrgenommen und durch die geistige Einsicht erkennbar. Es mag sein, dass meine Ansicht in Bezug auf die Natur nicht dem allgemeinen Konsens entspricht, doch sie ist der Schatz aus meinen persönlichen Erfahrungen.

    • Vom-anderen-Stern sagt:

      Der Mensch zeichnet sich gegenüber der anderen Natur durch seine Kultur aus. Das ist nach rund fünf Milliarden Jahren reines Naturgeschehen auf der Erde etwas Neuartiges. Warum hat Gott sich so lange Zeit dafür gelassen?

      • Rosi Steffens sagt:

        Ich glaube Gott hat sich diese Zeit nicht gelassen, er hat sie uns gegeben. Was wären wir ohne diese Zeit und wo stünden wir ohne Gott? Jesus als Mensch gewordener Sohn Gottes bedeutet für mich den Beginn einer Vaterschaft, die niemals enden wird, denn sie ist geistig gewachsen und hat sich körperlich durch Jesus als Mensch verwirklicht. Durch Jesus fand ich das Wort Gott als einen Begriff, der über mir steht, weil ich ihn nicht greifen kann, er ist höher, größer und weiter als der Mensch es je sein kann. Glaube ist das Ergebnis aus dieser Zeit der kulturellen Entwicklung, denn Mensch ist was die Würde der Unwissenheit kennt und die Weisheit der Zeit zu achten lernt.

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