Zur Erinnerung: Wie es begann

Zwei Jahre ist es morgen her, dass Jorge Mario Bergoglio zum Papst gewählt wurde. Sehr viel ist seitdem geschehen, sehr viel Text ist geschrieben, gesprochen und gesendet worden. Es gibt aber einen Text, auf den ich immer noch gerne zurück greife, er ist etwas über zwei Jahre alt und von Kardinal Bergoglio beim Vorkonklave, also vor der eigentlichen Wahl, gesprochen worden.

Als Erinnerung stelle ich ihn hier noch einmal ein.

 

Ich habe Bezug genommen auf die Evangelisierung. Sie ist der Daseinsgrund der Kirche. Es ist die „süße, tröstende Freude, das Evangelium zu verkünden“ (Paul VI.). Es ist Jesus Christus selbst, der uns von innen her dazu antreibt.

1. Evangelisierung setzt apostolischen Eifer voraus. Sie setzt in der Kirche kühne Redefreiheit voraus, damit sie aus sich selbst herausgeht. Sie ist aufgerufen, aus sich selbst herauszugehen und an die Ränder zu gehen. Nicht nur an die geografischen Ränder, sondern an die Grenzen der menschlichen Existenz: die des Mysteriums der Sünde, die des Schmerzes, die der Ungerechtigkeit, die der Ignoranz, die der fehlenden religiösen Praxis, die des Denkens, die jeglichen Elends.

2. Wenn die Kirche nicht aus sich selbst herausgeht, um das Evangelium zu verkünden, kreist sie um sich selbst. Dann wird sie krank (vgl. die gekrümmte Frau im Evangelium). Die Übel, die sich im Laufe der Zeit in den kirchlichen Institutionen entwickeln, haben ihre Wurzel in dieser Selbstbezogenheit. Es ist ein Geist des theologischen Narzissmus.

In der Offenbarung sagt Jesus, dass er an der Tür steht und anklopft. In dem Bibeltext geht es offensichtlich darum, dass er von außen klopft, um hereinzukommen … Aber ich denke an die Male, wenn Jesus von innen klopft, damit wir ihn herauskommen lassen. Die egozentrische Kirche beansprucht Jesus für sich drinnen und lässt ihn nicht nach außen treten.

3. Die um sich selbst kreisende Kirche glaubt – ohne dass es ihr bewusst wäre – dass sie eigenes Licht hat. Sie hört auf, das „Geheimnis des Mondlichts“ zu sein, und dann gibt sie jenem schrecklichen Übel der „geistlichen Weltlichkeit“ Raum (nach Worten de Lubacs das schlimmste Übel, was der Kirche passieren kann). Diese (Kirche) lebt, damit die einen die anderen beweihräuchern. Vereinfacht gesagt: Es gibt zwei Kirchenbilder: die verkündende Kirche, die aus sich selbst hinausgeht, die das „Wort Gottes ehrfürchtig vernimmt und getreu verkündet“; und die weltliche Kirche, die in sich, von sich und für sich lebt.

Dies muss ein Licht auf die möglichen Veränderungen und Reformen werfen, die notwendig sind für die Rettung der Seelen.

 

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6 Kommentare zu Zur Erinnerung: Wie es begann

  1. Carmen Fink sagt:

    Erstmal möchte ich sagen, schön diesen Text nochmal so im ganzen zu lesen.
    Zweitens sollten alle Kardinäle diesen Text nochmal lesen,denn in zwei Jahren spielt das Gedächniss einem doch manchmal einen Streich 😉 Eigentlich kann keiner sagen er hätte nicht gewußt was da auf die Kirche zukommt mit Franziskus.
    Es ist ein gute Text der vom Aufbruch erzählt und mitreißend ist.

    Dank dem heiligen Geist eine sehr gute Wahl und ich freue mich auf weiter wegweisende Jahre mit und durch Papst Franziskus.

  2. Brigitta sagt:

    Dem ist nichts hinzuzufügen – für mich noch mal eine gute und wichtige Meditation

  3. Franz Dünzl sagt:

    Ich möchte auf einen Übersetzungsfehler in Abschnitt 3 aufmerksam machen, der sich bis heute gehalten hat:
    Kardinal Bergoglio hatte damals vom „mysterium lunae“
    gesprochen.
    Das ist im Deutschen falsch mit „Geheimnis des Lichts“ wiedergegeben.
    Dann wird aber Bergoglios Aussage unverständlich, dass die Kirche fälschlich glaubt, eigenes Licht zu besitzen.
    Das mysterium lunae will ja ausdrücken, dass die Kirche – wie der Mond – das Licht Christi (der Sonne) widerspiegelt oder es widerspiegeln soll: ein schönes Bild.
    Es wäre gut, wenn das bei Gelegenheit richtiggestellt werden könnte.

  4. Brigitta sagt:

    Das aggiornamento durch das Konzil war dringendst notwendig. Z.b. Die Frage nach der Zulassung der Volkssprache. Zur Zeit des tridentinums war Latein quasi die Volkssprache. Denn bis weit ins 19. Jhdt hinein sprachen die Intellektuellen Latein. Es war die Sprache der Wissenschaft (meine beiden Großväter unterhielten sich lateinisch, wenn sie nicht wollten, dass der Rest der Familie verstand). Und außerdem: So wie im staatlichen Bereich der einfache Bürger und die Landbevölkerung nichts galten ganz abgesehen von der nicht vorhandenen Stellung der Frau (bei der Hochzeit ging die Frau von der Vormundschaft des Vaters in die Vormundschaft des Ehemannes über, so wurde es auch in weiten Teilen der Kirche gesehen. Und so wie sich im staatlichen Bereich ungefähr 50 Jahre vor dem Konzil die Ansicht durchgesetzt hatte, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind, so war auch in der Kirche die Einsicht gereift, dass vor Gott alle Menschen gleich sind und dass das in entsprechende Verlautbarungen zu „gießen“ sei. (Dagegen wehren sich di Traditionalisten bis heute). Und wenn ich Franziskus richtig verstehe, ist das einer seiner Ansätze.

  5. Brigitta sagt:

    Blöd ich habe im falschen Blog gepostet – sollte eigentlich in den Konzilblog vielleicht können Sie es verschieben

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