„Da schimmert gefährliche Arroganz durch“

„Es gibt natürlich viele Kritiker, die sich jetzt zu Wort melden und Heiligsprechungen für überkommen erklären. Da schimmert gefährliche Arroganz durch. Jeder Heilige ist für uns ein Vorbild. Heiligenverehrung ist nicht unmodern.“

Menschen auf dem Petersplatz bei der Heiligsprechung

Mein Blick vom Sonntag

Gefährliche Arroganz: Für diese Formulierung in einem Interview habe ich eine Menge Kritik bekommen, deswegen eine Erläuterung an dieser Stelle. Keine Rechtfertigung, sondern eine Erläuterung.

Mir fällt verstärkt auf, dass es innerhalb der Kirche eine Argumentationsfigur gibt, die einen Vergleicht zieht zwischen der Frömmigkeitspraxis in Deutschland oder Österreich oder der Schweiz einerseits und Lateinamerika oder Asien oder Afrika andererseits. Und diese Figur geht so: Die Verehrungen und Formen von Glauben bei uns sind durch eine Phase der Aufklärung und Entmythologisierung gegangen, sie sind sozusagen gesäubert. Was magisch ist, ist davon weggenommen. Kurz, wir brauchen das nicht mehr, das gehört einer vergangenen Zeit an. Gewöhnlich heißt die Formulierung dieser Figur: „Ist nicht mehr zeitgemäß“.

Das mag man so sehen, aber dann kommen die anderen Kirchen ins Spiel, zum Beispiel die 800.000 Menschen gestern hier in Rom oder wie viele es auch immer genau waren. Heimlich unterstellt man denen also, sie seien nicht durch diese Phase gegangen und täten also etwas, was nicht mehr zeitgemäß sei. Und dann passiert das, was zu der von mir genannten „gefährlichen Arroganz“ führt, man fügt in Gedanken oder wörtlich das Wort „noch“ ein: Sie sind ‚noch’ nicht durch diese Phase gegangen.

Damit attestiert man sich einen kulturellen Fortschritt und sieht andere Frömmigkeiten als rückschrittlich. Man fügt eine moralische Wertung ein ohne zu schauen, wo vielleicht die menschlichen, geistlichen oder theologischen Wurzeln dessen liegen, was da getan und gebetet und gesungen wird.

Bitte nicht falsch verstehen, ich bin ganz und gar nicht für kritikloses Akzeptieren aller Formen, die sich so anbieten, man muss genau schauen, wo wirklich Christus drin ist und wo nicht. Dann aber lese ich das, was zum Beispiel die theologische Schule, aus der Papst Franziskus stammt, über die Volksfrömmigkeit sagt und werde sehr vorsichtig. Vielleicht sind diese Formen ja besonders modern in ihren komplexen Antworten und wir in unseren europäischen Rationalismen sind von gestern, weil wir uns von denen nicht lösen wollen. Nur so eine Vermutung, die nicht stimmen muss, die aber eine mögliche Option ist, welche von der „gefährlichen Arroganz“ verkannt wird.

Papst Franziskus warnt davor, die eigene Kultur zu sakralisieren. Soll heißen, mit dem Sprechen über Gott und von Gott die eigene Geschichte und Kultur gleich mit voraus zu setzen, der Glaube kann nicht in Verständnis und Ausdrucksweise einer besonderen Kultur eingeschlossen werden (nachzulesen in Evangelii Gaudium 117 u 118, später in 122-126 ausführlicher).

Wenn wir also eine Frömmigkeitspraxis als „nicht mehr zeitgemäß“ betrachten, ist das nett, weil man sich damit selbst Modernität attestiert, welche die anderen noch nicht haben. Man erhebt sich über die anderen. Das ist gefährlich, weil man die eigene Kultur zum Maßstab erhebt – ein europäisches Problem – und es ist nicht wenig arrogant.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Die deutschsprachige Kirche, Franziskus, Glaube und Vernunft, Glaube und Welt, Kirche und Medien, Neulich im Internet, Rom, Sprechen von Gott abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

16 Kommentare zu „Da schimmert gefährliche Arroganz durch“

  1. Otto sagt:

    Es mag doch so sein, dass wie die Mathematik mehr Ansätze und Möglichkeiten bereit hält, als in der Natur faktisch verwirklicht ist, so übersteigt die menschliche Vorstellungskraft im Glauben und im besonderen bei der Heiligenverehrung das sinnlich Erfahr- und rational Messbare. Was für den Mathematiker ein anregendes Gedankenspiel ist, ist für den religiös glaubenden Menschen eine Inspiration. Man sollte sich jedoch eingedenk sein, dass alles, was man sich vorstellt, auch wieder wegstellen kann. Was “Gott” meinte, dürfte vermutlich erst jenseits von alldem zu finden sein.

  2. Dem kann man nur beipflichten. Doch dazu kommt noch, dass man auf der einen Seite weiß, dass die Katholische Kirche Weltkirche ist, aber eigentlich schon mit den Portugiesischen, Spanischen, Italienischen oder Polnischen Missionen im eigenen Land und den muttersprachlichen Katholiken so recht nichts anfangen kann. Dazu kommt die Angst, in aller Ökumene rückständig zu wirken. Also: lieber Strukturdebatten führen und dem Zeitgeist hinterherlaufen.

    • S.G. sagt:

      Für mich sind alle, die eine Verbindung zu Gott haben, Heilige. Denn heilig sein bedeutet Anteil an Gottes Heil zu haben. Durch den Kontakt zu Gott (im Gebet, im Gottesdienst, usw.) bekomme ich Anteil an Seiner Heiligkeit – die Heiligkeit Gottes färbt sozusagen auf den Menschen ab. Jesus wird in südlichen Gegenden Deutschlands auch der Heiland genannt. Zudem haben wir die Heiligkeit schon im Kern in uns, da wir ja Gottes Ebenbild sind. Die Kanonisierung bestimmter Menschen soll diese, in jedem Menschen innewohnende Heiligkeit, der Welt wieder bewusst gemacht werden. Dadurch, dass diese “offiziellen” Heiligen “geschaffen” werden, soll die Menschheit ermutigt werden, ihre wahre Bestimmung zu erkennen, nämlich Ihre lebensnotwendige Beziehung zu Gott, die den Menschen erst vollkommen und heil macht. Die jetzt zu Heiligen erklärten Päpste waren sicherlich nicht perfekt – aber sie sind der Welt bekannter als eine Mutter, die ihre Kinder treu versorgt… In diesem Sinne ist es auch verständlich, dass bei Johannes XXIII. kein Wunder abgewartet wurde… Es ist auch ein Wunder, wenn eine Mutter ihrem Kind Gott nahe bringt und dieses Kind den Glauben annimmt und weiterträgt…… Ich denke man will auch von der Wundersucht wegkommen. Als Jesus seine Wunder / Zeichen bewirkte, wollte er auch nicht, dass diese öffentlich gemacht werden. Er wollte damit zum Ausdruck bringen, dass nicht die angeblichen Wunder wichtig sind, sondern dass die Menschen heil werden, durch ihre Beziehung zu Gott. Vor allem denke ich, dass es bei den Protestanten genauso viele „Wunder“ gibt, wie bei den Katholiken, aber dies nicht publik gemacht wird, da dort die Heiligen-Verehrung als Götzendienst angeprangert wird.

      • S.G. sagt:

        Berichtigung: Wir sind nicht Ebenbilder, sondern Abbilder Gottes.
        Entschuldigung für diesen Lappsus ;O)……………

        • Otto sagt:

          Worin besteht nach Ihrer Auffassung der Unterschied?

          • S.G. sagt:

            Ebenbild = Jesus
            Abbild =Mensch
            Habe ich mal irgendwo gelesen oder ist auf meiner Miste gewachsen…

          • Otto sagt:

            Schönen Dank! Da Jesus zugleich Mensch war, würde auf ihn beides, Abbild und Ebenbild, zutreffen oder er wäre kein Mensch gewesen. Da scheint es mir gemäß dem Dekalog zutreffender, sich von Gott überhaupt kein Bild zu machen, dann braucht man auch kein Eben- und Abbild von ihm und die Gedankenwelt verzettelt sich nicht in solchen Begrifflichkeiten.

      • chrisma sagt:

        @S. G. ich fand eine sehr schöne Erklärung in der Pastoralkonstitution Gaudium et Spes
        (Vatikanum II ) wurde das Motiv vom Menschen als dem „Ebenbild Gottes“ (Gottesebenbildlichkeit) in den Vordergrund gestellt. Der Mensch wurde nicht von vornherein als „gefallen“ betrachtet , denn durch den Kreuzestod Jesu wurde diese „Gottesebenbildlichkeit“ wiederhergestellt, die durch den Sündenfall „verwundet“ gewesen sei. Wenn Sie es nachlesen möchten, evtl. im Herbst wenn die Tage wieder kürzer werden http://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_const_19651207_gaudium-et-spes_ge.html

  3. Danke für diesen Artikel! Diese Arroganz sehe ich ebenso, verknüpft häufig mit übermäßiger Verehrung des eigenen Intellektes.

    • Otto sagt:

      Das hat schon Albert Einstein richtig erkannt, als er sagte:
      “Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt.”

  4. Elasund sagt:

    Mein Eindruck ist, dass die meisten deutschsprachigen Kritiker an den Heiligsprechungen keinerlei Blick auf Lateinamerika oder Asien oder Afrika haben. Wir sind komplett auf Europa zentriert und zur Kritik an Volksfrömmigkeit muss man Europa auch gar nicht verlassen. In Polen – so wird gesagt – sei die Volksfrömmigkeit mehr Ritual als individueller Glaube. Und auch bayerisch-katholische Traditionen werden häufig abqualifiziert. Ein Zitat von P. Karl Kern SJ das in diese Richtung geht: “Benedikt XVI. hat durch seine Verankerung in der vormodernen, bayerischen Frömmigkeit manche positiven Impulse der Neuzeit nicht gesehen.” Wie viele der 800.000 Menschen gestern in Rom kamen aus Italien, Polen, Österreich und Bayern? Diese Menschen sind doch Teil der europäischen Kultur!

  5. galahad sagt:

    Warum bloß geben sich die Jesuiten in Deutschland noch so viel Mühe mit ihrem intellektuellen Apostolat, wo sie doch mit der offenbar angezeigten Heiligenverehrung und der Pflege volksfrommer Folklore weitaus kostengünstiger im spirituellen Mainstream der Weltkirche mitschwimmen und sich – ganz am Rande – ein wenig in Demut üben könnten?

    • Pater Hagenkord sagt:

      Wie kommen Sie nur auf diese gegenseitige Ausschließlichkeit? Das will doch keiner und behauptet auch keiner. Und – mit Verlaub und Respekt – wer Volksfrömmigkeit gleich in Bausch und Bogen als “volksfromme Folklore” abtut, der sollte vielleicht mal Evangelii Gaudium lesen. Intellektuell ist das jedenfalls nicht.

  6. Peter Lauschus sagt:

    Oft scheint mir hinter der Arroganz auch einfach ein nicht verstehen können, nicht nachvollziehen können. Sie sieht die eigene Armut nicht und kann so den fremden Reichtum nicht wertschätzen. Oder ganz einfach: Watt der Bur nicht kennt, da frit er nich!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.