Debatte vor der Debatte

Es sind üble persönliche Angriffe, die in der Bloggerwelt derzeit umgehen. Wir warten auf die angekündigte Enzyklika des Papstes zum Thema Schöpfung und Ökologie und das ist scheinbar genug, dass sich einige Menschen mit Schaum vor dem Mund in Rage reden.

Ein Beispiel aus der vergangenen Woche: Da wurde schlicht behauptet, die Enzyklika würde zurück gezogen, weil dem Papst klar geworden sei, dass sie der Überprüfung durch die Glaubenskongregation nicht standhalten würde. Und das von einer Webseite, die „katholisch“ im Titel führt. Garniert wurde das durch wüste persönliche Attacken gegen einen der vermuteten und herbeispekulierten Ghostwriter des Papstes, Erzbischof Manuel Fernandez. Das ist leider gang und gäbe geworden, vor allem in Italien und bei uns: wenn man nicht mehr weiter weiß, wird man halt persönlich.

Für uns eher weniger nachvollziehbar ist die Debatte, wie sie in den USA tobt. Da ist es vor allem das Thema „Klimaerwärmung“, das die Gemüter in Wallung bringt. Auch da gibt es persönliche Attacken, zum Beispiel durch George Weigel gegen Erzbischof Marcello Sorondo, den Kanzler der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften, der ein Symposion zum Thema Klima veranstaltet hatte. Ohne den Text zu kennen – das kann man gar nicht oft genug wiederholen: ohne den Text zu kennen – schreibt der Bescheidwisser Weigel über die „global-warming-encyclical“. Der Vatikan sei unfähig, den pre-Veröffentlichungs-Spin zu kontrollieren. Lieber Herr Weigel, der Spin, das sind Sie!

 

Kampf gegen die Windmühle Erderwärmung

 

Die Tragik ist, dass Weigel und andere eigentlich ein gutes Gespür dafür haben, was das katholische Denken zu Schöpfung und Umwelt ist, man kann es debattieren, aber es sind ehrliche und informierte Ansichten. Wenn da nicht die Obsession wäre, immer und überall gegen die Windmühlen der globalen Erwärmung kämpfen zu müssen. Aber er hat ja wenig Chance, er kämpft ja gegen die „global-warming industry“.

Leider muss man auch Ban Ki-moon auf die Liste setzen, der nach dem oben erwähnten Symposion, zu dem er in Rom war, den Papst vor den Karren der UNO spannen wollte. Wobei die UNO sich in der Vergangenheit eher unfähig gezeigt hat, die etwa in Rio gewonnen Einsichten auch einzufordern.

Aber wirrer sind die Warnungen vor der „Umarmung der Klimawandel Theorie“ durch den Vatikan, wie ein anderer Blogger meint meinen zu sollen. Wie gesagt, ohne dass man den Text der Enzyklika kennt. Der Vatikan habe null Expertise in Sachen Wissenschaft und man – Gipfel der Verwirrung – würde den Galileo Galilei Fall wiederholen, wollte man eine wissenschaftliche Meinung, dazu noch eine ungesicherte, als Glaubenssatz festlegen. Es sei falsch, dass der Papst einen Standpunkt in der wissenschaftlichen Frage nach der Erderwärmung einnehme. Sagt jemand, der den Text nicht kennt.

„Environmental radicalism“ sei das, raunt ein weiterer Schreiber und führt gleich evangelikale Christen in den USA an, welche die Umweltbewegung pauschal als unbiblisch und als falsche Religion bezeichnen. Alles ohne den Text der Enzyklika zu kennen.

 

Erst einmal lesen

 

Und die Moral von der Geschicht’? Nicht urteilen, bevor man den Text kennt. Nicht durch die eigene ideologische Brille sehen (was ironischerweise der Hauptvorwurf gegen die anderen ist). Und: klug sein, lesen, denken, noch mal denken und dann erst sprechen.

Und man könnte – wenn man mag – ja mal lesen, was in der Vergangenheit schon veröffentlicht wurde. Von Papst Franziskus zum Beispiel, das werde ich hier sicherlich auch einmal machen. Aber auch von anderen Päpsten. Der eben genannte George Weigel zum Beispiel ist der große Verehrer von Johannes Paul II., schauen wir also einmal bei diesem Papst nach.

Aus der Botschaft zum Welttag des Friedens 1990 am 1. Januar 1990: „In our day, there is a growing awareness that world peace is threatened not only by the arms race, regional conflicts and continued injustices among peoples and nations, but also by a lack of due respect for nature, by the plundering of natural resources and by a progressive decline in the quality of life. The sense of precariousness and insecurity that such a situation engenders is a seedbed for collective selfishness, disregard for others and dishonesty.” (Nr 1., eine deutsche Übersetzung gibt es von dem Text nicht). Und wenn es um die Erderwärmungs-Theorie geht, hat Johannes Paul II. eine klare Meinung: „The gradual depletion of the ozone layer and the related „greenhouse effect“ has now reached crisis proportions as a consequence of industrial growth, massive urban concentrations and vastly increased energy needs. Industrial waste, the burning of fossil fuels, unrestricted deforestation, the use of certain types of herbicides, coolants and propellants: all of these are known (sic!) to harm the atmosphere and environment. The resulting meteorological and atmospheric changes range from damage to health to the possible future submersion of low-lying lands.” (Nr. 6).

Wie gesagt, das ist 1990. Diesen Text kann man kennen.

Wir alle sind gespannt darauf, was Papst Franziskus zu diesem Thema sagen wird. Ich befürchte nur, dass zu viele Schreiber und Netz-Menschen ihre Meinung schon längst gebildet haben. Natürlich ohne den Text zu kennen.

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9 Kommentare zu Debatte vor der Debatte

  1. Carmen Fink sagt:

    Es ist wirklich ärgerlich wie gegen Franziskus integriert wird und besoders diese Webseite, die sie erwähnen, tut sich da besonders hervor.
    Als ich den Text auf besagter Seite gelesen habe war ich für einen Augenblick verwirrt und konnte es nicht glauben.
    Umso danbarer bin ich dass sie sich zu Wort melden und nicht schweigen.
    Ich freue mich auf diese Enzyklika und hoffe die Welt wird wach, es ist höchste Zeit.

    • Toribio sagt:

      Liebe Frau Fink,
      intrigiert wird heutzutage „zu allem und jedem“ und auch „von allen und jeden“.
      Eine gewisse Sorte von Journalisten, der Journalismus allgemein, aber auch die breite Masse scheuen heutzutage nicht mehr zurück, vor allem gegen Menschen in öffentlicher Verantwortung und hochgebildete Menschen, wie z.B. Papst Franziskus oder Papst em. Benedikt XVI. zu intrigieren.
      Dabei habe ich das Gefühl, dass dies durch alle Gesellschaftsschichten, und bitte sehen Sie es mir nach, aus meiner Erfahrung auch durch kirchliche Gesellschaftsschichten aller Ebenen so statt findet.
      Eine Krux unserer Zeit, wie ich meine, und zwar eine der übelsten.
      Schlimm dabei ist auch die damit einhergehende Besserwisserei und der ungezügelte Alleinanspruch auf Regelungskompetenz mancher Institutionen und mancher dort beschäftigten Personen.
      Eine wirklich schlimme Entwicklung unserer Zeit.
      Ihnen Gottes Segen und schöne Pfingstfeiertage.

  2. Elisabeth sagt:

    Bei allem Respekt und aller Ehrfurcht Papst Franziskus gegenüber—ich sehe auch ihn hilflos den Vorgaben der UN ausgeliefert, da kann er schreiben, was und so viel er will. Solange das Streben nach Macht und Profit, die Ausbeutung der Armen, die Gier nach immer noch mehr Besitz, die Mißachtung des werdenden und vergehenden Lebens nicht als Sünde gegen die Natur erkannt werden, solange wird sich auch nicht das geringste in „Sachen Umwelt“ ändern. Die „Rechte der Natur“ werden vollkommen ignoriert, was sollen wir da dann auch groß erwarten? Da halte ich die Lektüre „Die Klage der Elemente“ nach Hildegard von Bingen (Scivias/Wisse die Wege) für hilfreicher, als seitenlange Erklärungen über Erderwärmung etc…und kämen sie auch vom Papst! Dass wir uns im letzten Abschnitt der Apokalypse befinden, erfahren wir aus /in den täglichen Nachrichten.
    Ich sähe eine päpstliche Deutung der „Offenbarung des Johannes“ in Form einer Enzyklika für dringender notwendig in Zeiten wie diesen, als die „Offenbarungen diverser Experten“, die uns mit Tatsachen konfrontieren, die wir-das einfache Volk-eh tagein tagaus zu spüren bekommen.

  3. Konstantin sagt:

    Die Offenbarungen des Johannes sind wahrscheinlich keine „Vorrausschau“ irgend einer Apokalype. Vielmehr scheint es ein „zeithistorisches Dokument“, dass in einer Art „Deutungssprache“ oder „Symbolsprache“ verschlüsselte Botschaften/Sendschreiben an die jeweiligen Adressaten in Ephesus, Smyrna, Pergamon,….. waren. So nehme man nur die Zahl 666, die für Kaiser Nero stehen soll u.s.w. Johannes konnte offenbar „nur“ die Zeitumstände nicht öffentlich „beim Namen nennen“, um einer Verfolgung zu entgehen. Das ändert meiner Meinung nach nichts daran, dass wir Menschen selbst an einem „Weltuntergang“ kräftig mitwirken durch Wegschauen, Verharmlosen, Missbrauch von Erdressourcen u.s.w. und die Natur in allen Bereichen mit Füssen treten. Leider, dass muss gesagt werden, auch durch langes Schweigen und die vielen Fehlinterpretationen der Bibel durch die Kirche. Beispiel: „Macht euch die Erde untertan.“

  4. Vom-anderen Stern sagt:

    Bereits 1990 erschien in Deutschland der dritte, 935 Seiten dicke Bericht der Enquete-Kommission „Vorsorge zum Schutz der Erdatmosphäre“ unter Mitwirken von Crutzen, Graßl und Meyer-Abich. Warum sollte sich Johannes Paul II., möglicherweise damals beraten durch den deutschen Kardinal Josef Ratzinger, nicht die darin vertretenen, schlüssige Positionen zueigen gemacht haben? Zum Glück scheint der Abbau der Ozonschicht durch Fluorchlorkohlenwasserstoffe gestoppt zu sein, was aber für den Anstieg von Kohlendioxid nicht zutrifft (http://www.esrl.noaa.gov/gmd/ccgg/trends/weekly.html)

  5. Suarez sagt:

    Danke, Pater Hagenkord, für Ihre direkten und guten Worte. Ich habe mich letzte Woche ziemlich geärgert über – nennen wir Ross und Reiter – Sandro Magister und dessen (abermals sit venia verbo) feuchten Träume. Ein befreundeter Geistlicher war so durch den Wind, dass er mir schrieb: „Wenn der Magister Recht hat, dann sind wir verloren.“
    Auf einem anderem Forum wird Magister mit diesen Worten gepriesen: „Er ist der einzige ‚Vatikanist‘ weit und breit, der nicht nur inden oberflächlichen kirchenpolitischen Kategorien denkt. Das sieht man auch daran, dass er in der Frage beispielsweise der wvG regelmäßig auch Beiträge solcher Theologen publiziert, die eher in Kardinal Kaspers Richtung denken. Magister ist halt ein unabhängiger Kopf“ (http://blog.zdf.de/papstgefluester/2015/05/12/papas-liebling-grummelt). Ich halte diese Einschätzung für grotesk. Magister schießt seit Beginn des Pontifikates mit allen journalistischen Waffen gegen den Papst – und zwar, weil dieser der kirchenpolitischen Einstellung von jenem nicht passt. Papsttreue – oder wenigstens Loyalität gegen den Bischof von Rom sieht anders aus.

  6. Brigitta sagt:

    Da ich auch auf diesen traditionalistischen Seiten immer mal mitgelesen hatte, weil ich verstehen wollte, warum sie zurück vor das 2. vaticanum wollen, kann ich die Aussagen hier nur bestätigen. Angst vor Veränderungen ist wohl der Hintergrund. Und Hass auf die moderne Welt, in der Glaube zu einer persönlichen Erfahrung und zu einer persönlichen Entscheidung geworden ist. Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als man – hart formuliert, weil es der Brauch war, wo man schief angesehen wurde, wenn man nicht ging. Und ich finde schlimm, was auf diesen Seiten sich abspielt, weil dieser Hass auf Papst und Kirche von heute so tief geht, dass auch vor Falschmeldungen nicht halt gemacht wird…..

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