Die Falle der ersten Woche

Gedanken zur Fastenzeit, 6

Wer schon einmal Exerzitien nach der Methode des Ignatius von Loyola gemacht hat, der hat schon mal von den „Wochen“ gehört. Der Exerzitienprozess wird in vier Wochen eingeteilt, und zwar weil ursprünglich die Dauer dieser Exerzitien ein Monat war.

Heute macht man sie meistens eine Woche lang, aber die innere Dynamik bleibt. Auch wenn man sie in der Vollform macht, ist eine Woche meistens nicht gleich sieben Tage, die erste Woche zum Beispiel dauerte das letzte Mal, dass ich das gemacht habe dreizehn Tage. „Woche“ ist mehr eine Einteilung denn eine Zeitangabe.

 

Keine Frage der Selbstoptimierung

 

In der ersten Woche geht es um die Sünde. Sie beginnt mit einer Gewissenserforschung, der Betrachtung der eigenen Sündengeschichte und auch die Hölle hat ihren Platz. Liest man den Text der Exerzitien, dann kann Man schnell den Eindruck gewinnen, hier ginge es um Selbstoptimierung. Sich ständig die eigenen Fehler und Sünden vor Augen halten und Wege der Besserung suchen. Ignatius schlägt sogar eine grafische Darstellung vor, damit man auf den ersten Blick sehen könne, ob man sich gebessert habe.

In der Mitte das Kreuz

In der Mitte das Kreuz

Man beginnt also bei sich selber, bei den eigenen Fehlern und dem natürlichen Wunsch, da heraus zu kommen. Aber es ist wichtig, dabei nicht stehen zu bleiben, sondern die nächsten Schritte mit zu machen. Nämlich: dass es Gott ist, gegen den man gesündigt hat – und damit fällt die Selbstobtimierung zurück – und dass das Ganze nicht mit Beschluss und Tun, sondern nur mit Gnade zu erreichen ist.

Er wichtigste Punkt ist aber das Gespräch mit Jesus Christus am Kreuz. Gespräche sind überhaupt sehr wichtig in den Exerzitien, man unterhält sich betend dauernd mit Gott, „wie ein Freund mit einem Freund spricht“. An dieser Stelle also mit Jesus am Kreuz, wo er all die Sünden, die Man ja betrachtet hat, auf sich genommen hat.

 

Orte der Gottesbegegnung

 

Das hat eine ziemliche geistliche Wucht, aber auch eine theologische Spitze: Wenn ich von mir selber ausgehe, begegne ich Gott eben nicht in meinen Stärken oder Talenten, sondern beschämt (wie Ignatius sagt) am Kreuz. Das Kreuz ist der Ort der Begegnung mit Gott.

Wenn ich meinen Sünden nachgehe, begegne ich dem Vergeber. Dem Arzt, der gekommen ist. Dem Heiland. Um zu sehen, wie und wo Gott im Leben wirkt, dann komme ich dort durch die eigenen Schwächen hin. Sünde wird ein Ort der Gottesbegegnung, wenn ich denn bereit bin, Sünde als Sünde zu erkennen und mit Scham zu reagieren, nicht mit Selbstrechtfertigung.

Deswegen auch die Betonung von Beichte, die wir so oft von Papst Franziskus hören. Das ist ein Ort der Gottesbegegnung, wenn ich denn innerlich bereit bin, Verzeihung anzunehmen. Und das ist verdammt schwer.

 

Fixierungen

 

Den Text hier habe ich „Falle der ersten Woche“ genannt, denn das Ganze hat einige Folgen. Wenn ich fünfzehn Krankheiten der Seele anspreche und die Wege, sie zu erkennen und zu heilen (Papst Franziskus an seiner engsten Mitarbeiter Weihnachten 2014), dann kommt das genau aus der Dynamik der Exerzitien. Das Ansprechen von Sünde und Schwäche führt auf den Weg zu Christus, wenn ich denn bereit bin. Das ist kein Anzählen von Kardinälen, das ist ein geistlicher Weg. Kein einfacher Weg, zugegeben.

Aber auch sonst spricht der Papst oft und viel von Sünde. Von Schwäche. Auch seiner eigenen, immer wieder. Das kann dann zur Falle werden, wenn man auf Schwächen fixiert ist. Skrupel nennt Ignatius im Exerzitienbuch dieses Phänomen.

Es wird zur Falle, wenn ich in allem erst einmal das Schwache und die Sünde suche. Eine gesunde Spiritualität kann beides, Lob und Dank genauso wie Scham über die Sünde, Ignatius lässt deswegen jedes Gebet mit Dank beginnen. Aber die Gefahr bleibt, man kann sich im Sünden-Denken verhaken.

 

Sünde im Hintertreffen

 

Mir scheint es wichtig, über Sünde neu nachzudenken. Irgendwie scheint sie mir ins Hintertreffen geraten zu sein. Über Sünde zu sprechen ist irgendwie weniger wichtig geworden. Vielleicht war das ja gut, vielleicht ist in der Vergangenheit zu viel darüber geredet worden, siehe „Falle der ersten Woche“.

Falle ist aber auch, erst gar nicht einzutreten. Wie oft wird über das berühmte „Gott suchen und finden in allen Dingen“ gesprochen, das am Ende des Exerzitienprozesses steht. Am Ende. Dorthin kommt man aber nur über die erste Woche. Wer die umgeht oder nicht durchläuft, wer gleich überall Gott entdecken will, der verkennt den primären Ort der Gottes-Begegnung: Die Vergebung meiner eigenen Sünden.

Jesu Ruf ist der der Bekehrung. Und ohne das Eingeständnis von Sünde kann ich mich nicht bekehren. Ohne Anerkennung der eigenen Sünden kann ich auch die Vergebung nicht anerkennen. „Gott vergibt, immer, alles“ ist ein Satz des Papstes, der hier seine Wurzeln hat. Ich muss fragen und bitten, dann vergibt Gott. Und das ist nicht abstrakt, sondern ganz konkret, Vergebung findet über das Kreuz statt.

Eine Woche haben wir noch, bis uns das Passions-Evangelium das erste Mal verlesen wird, zwei Wochen bis Ostern. Eine gute Zeit, sich den eigenen Schwächen und Sünden zu nähern. Denn dort findet sich Gott.

 

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8 Kommentare zu Die Falle der ersten Woche

  1. Rosi Steffens sagt:

    Mir gefällt das Bild mit dem flammenden Kreuz auf dem dunklen Pflaster, in dem die Rillen schon erkennbar sind, im Zusammenhang mit Ihrem Beitrag Pater Hagenkord.
    Die Fastenzeit erinnert irgendwie auch daran, dass die eigene Unerfahrenheit nicht immer und überall einen einfachen Zugang findet. Gerade Gedanken gilt es, dem eigenen Namen angemessen in diesem Zusammenhang zu prüfen und durch Jesus eine innere Auseinandersetzung zu führen, die vielleicht in eine neue Dimension führt, deren Einsicht gerade mit dem erleuchteten Kreuz in der Dunkelheit zur Geltung kommt. Mit diesem Kreuz ist der durch Jesus bereits erleuchtete Weg vorgezeigt und wir müssen einfach nur auf diesem Weg weiter gehen. Damit pilgern wir gemeinsam durch das Leben, das uns mit dem Kreuz Jesus selbst offenbart, der für seinen Namen eintritt und sich keinem Anderen als dem Herrn verpflichtet fühlt.

  2. carn sagt:

    „Und ohne das Eingeständnis von Sünde kann ich mich nicht bekehren.“

    Und ohne Wissen, was Sünde sein könnte, kann ich meine eigenen Sünden kaum oder gar nicht erkennen.

    Und somit kann ich mich nicht bekehren, wenn ich nicht irgendwo her Wissen bekommen kann, was Sünde sein könnte.

    Ein wohlgeformtes Gewissen kann diese Informationsquelle sein.

    Hat man das allerdings nicht, braucht es jemanden von außen, der einem Hinweise gibt, was falsch und richtig ist; einen, der auch mal sagt:“X kann falsch sein.“

    • Pater Hagenkord sagt:

      Netter Versuch, den Heteronomismus hier absolut zu setzen. Aber genau das geht an diesem Gebetsgeschehen völlig vorbei. Es geht um Beziehung. Wie in einer Freundschaft, einer Ehe. „Gegen dich allein habe ich gesündigt“, heißt es in der Schrift, wenn die Einsicht in die Sünde beim Abprüfen von falsch und richtig stehen bleibt und nicht bis zur Beziehung zu Gott kommt, dann hilft das gar nichts.

      • carn sagt:

        „Netter Versuch, den Heteronomismus hier absolut zu setzen.“

        Wo habe ich den denn absolut gesetzt?

        Es ging mir lediglich darum, dass es das Gesetz (und jemanden, der dieses auch irgendwo mal öffentlich macht) für manchen als zusätzliche Hilfe braucht, wenn das eigene Gewissen nicht ganz so wohlgeformt ist.

        Das Gesetz ist dann sozusagen lediglich der Stein des Anstoßes, durch den man bemerkt, dass da irgendwo eine nicht richtig erkannte Sünde sein könnte, woraufhin man dann Anlass hat in das überhaupt einzusteigen, was Sie hier anregen; es erschöpft sich somit gerade nicht in einem Abprüfen.

        Wenn man nämlich etwas falsches macht und weder das eigene Gewissen (da es eben in dem Punkt nicht wohlgeformt ist) gibt Laut noch kriegt man einen Hinweis von außen, dass da Sünde sein könnte, dann macht man ja einfach weiter und kommt überhaupt nicht auf die Idee, dass man sich damit die Beziehung zu Gott kaputt machen könnte.

        Und nebenbei, ich weiß deshalb wovon ich hier rede, da mein eigenes Gewissen in ein paar Punkten schlicht blind war/ist; da gab es kein Erkennen von Sünde bis mir die Diskrepanz zum Gesetz aufgefallen ist.

        Oder wie denken Sie kann jemand aus einer bestimmten Sünde rauskommen, dessen Gewissen zu dieser Sünde schweigt, außer eben durch den Hinweis von außen, dass da Sünde ist?

        • Pater Hagenkord sagt:

          Wenn das Gewissen nicht „geformt“ ist, wieso soll so ein Mensch dann auf die Idee kommen, das Gesetz zu befragen?

    • sorry @Carn ist Ihnen schon mal aufgefallen, wie „ abstrakt“ also so „ blutleer“
      – so weit weg vom alltäglichen Leben— sein KÖNNEN???…
      Nichts für ungut, aber in den Kommentar gehts doch AUCH um eine geistlich- spirituelle
      Sichtweise…

    • Theodoros sagt:

      „Ein Bewußtseinswandel müßte nicht unsere Meinungen, sondern unsere Wahrnehmungsvermogen verändern. Dies ist möglich, aber der Weg dazu ist fast unerträglich schmerzhaft.“ (Carl Friedrich von Weizsäcker,
      Bewußtseinswandel, S. 77–78.)

      • Pater Hagenkord sagt:

        Das ist eine sehr gute Beschreibung dessen, was Ignatius mit den Exerzitien unternimmt: man soll letztlich lernen, die Welt anders zu sehen und anders wahrzunehmen und dadurch auch anders zu agieren und anderes zu sprechen. Danke für den Hinweis.

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