Raus aus der verbalen Gewalt

Die Zeit ist schnell über das jüngste Papstschreiben hinweggegangen, was eigentlich schade ist. Es liest sich wie eine Aktualisierung und Fortschreibung von Evangelii Gaudium, was immer noch die Programmschrift für die Reform der Kirche ist. Und deswegen nutze ich diesen Ort hier, um einige Aspekte noch mal aufzugreifen.

„Der Heilige verschwendet seine Energien nicht damit, über fremde Fehler zu klagen; er kann über die Schwächen seiner Brüder und Schwestern schweigen und vermeidet verbale Gewalt, die zerstört und misshandelt“ (GE 116): Wir Christen haben ein Problem. Wir sind seit einiger Zeit fixiert darauf, festzustellen, was der jeweils andere falsch macht.

Installation in der Oude Kerk, Amsterdam

Wer sind die anderen, in der Kirche, die ich gar nicht kenne? Wie verhalte ich mich denen gegenüber? Bild: Installation in der Oude Kerk, Amsterdam

Vor der Seligsprechung von Papst Johannes Paul II. habe ich hier im Büro mal das Archiv durchgeblättert, was mir mein Vorgänger hinterlassen hat. Artikel in christlichen Zeitschriften – vor dem Internet – aus den 80er Jahren. Die Sprache von damals war nicht weit weg von der, die sich heute im Netz findet: ad personam, unterstellend, spekulativ, immer die schlimmste mögliche Lesart annehmend und dann gegen jemanden richtend. Und Urteile fällend.

So völlig neu ist das Phänomen also nicht, und es kommt auch nicht nur aus einer bestimmten Richtung.

Der Papst spricht in Gaudete et Exsultate von der verbalen Gewalt, die auch Christen benutzen. Verleumdung, üble Nachrede, ohne Respekt, alles schlimmer gemacht dadurch, dass die Sprache eine Härte hat, die man sich im „echten“ Leben nie trauen würde zu benutzen. Seine Analyse: hier wird „im wütenden Abladen von Rachegelüsten die eigene Unzufriedenheit“ kompensiert. Und wieder von der Analyse weg schaut er auf das Geistliche und setzt noch einen drauf: „Es ist auffällig, dass unter dem Vorwand, andere Gebote zu verteidigen, das achte Gebot – ‚Du sollst kein falsches Zeugnis geben‘  – zuweilen komplett übergangen und das Ansehen anderer gnadenlos zerstört wird.“ (GE 115)

 

„Nein zum Krieg unter uns“

 

In Evangelii Gaudium hieß das „Nein zum Krieg unter uns“, dort zitiert er auch das Johannesevangelium, in dem die Wirksamkeit des christlichen Zeugnisses an die gegenseitige Liebe geknüpft wird (EG 99). Hier fügte der Papst aber auch eine Erklärung an, die im neuen Schreiben fehlt: „Für diejenigen, die durch alte Spaltungen verletzt sind, ist es schwierig zu akzeptieren, dass wir sie zur Vergebung und zur Versöhnung aufrufen, weil sie meinen, dass wir ihren Schmerz nicht beachten oder uns anmaßen, sie in den Verlust ihrer Erinnerung und ihrer Ideale zu führen“ (EG 100).

Ein deutliches „Achtung!“, gesprochen in die Richtung der Selbstgerechten: es gibt eben Verletzungen, die aus dem Hochmut der einen über die anderen stammen. Vergebung und Versöhnung kann auch überfordern, Vergebung und Versöhnung kann paradoxerweise selber zur Gewalt werden, wenn sie als Forderung daher kommt.

 

Weg heraus

 

In diesen Zeilen des Papstes liegt aber auch schon der Hinweis auf den Weg raus aus der verbalen Gewalt, raus aus der Respektlosigkeit. Und wie immer beim Papst beginnt dieser Weg innen, in mir selber, in jedem Christen selber. Indem der Papst in Gaudete et Exsultate von der Unzufriedenheit spricht, nimmt er das auch hier auf, aber eben nicht explizit.

„Unversöhnlich“ nennt er in Evangelii Gaudium dieses Verhalten, und das ist der Schlüssel. Wer so auf andere einschlägt, ist nicht versöhnt. Mit dem Nächsten nicht und auch mit sich selber nicht. Und mit Gott auch nicht, siehe Missachtung des Gebots.

Und ich möchte hier auch alle diejenigen einschließen, die sich an dieser verbalen Gewalt ergötzen, und sei es nur, um sie in Selbstgerechtigkeit abzulehnen. Diejenigen, die immer wieder auf die Gewalt-Seiten klicken, weil die angeblich so gut informiert sind, oder weil man ja wissen muss, was die anderen denken. Und die dies machen in dem Wissen, dass das den Gewalt-Seiten Aufmerksamkeit schenkt. Auch das hat etwas Unversöhntes.

 

In Gott gefestigt

 

In seinem Schreiben Gautete und Exsultate stehen diese Worte im Kapitel „Durchhaltevermögen, Geduld und Sanftmut“, Merkmale der Heiligkeit heute. In Gott gefestigt sein heißt das Merkmal, das der Papst bespricht. Und wer das nicht ist, verschwendet eben seine Energien in Gewalt.

 

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Franziskus, Glaube und Gerechtigkeit, Glaube und Vernunft, Kirche und Medien, Spiritualität / Geistliches Leben abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Kommentare zu Raus aus der verbalen Gewalt

  1. Beobachter sagt:

    „Diejenigen, die immer wieder auf die Gewalt-Seiten klicken, weil die angeblich so gut informiert sind, oder weil man ja wissen muss, was die anderen denken.“

    Wer solche Seiten besucht, schaut auch Westfernsehen. Da hilft nur eine neue „Verordnung über außerordentliche Rundfunkmaßnahmen“.

  2. Rosi Steffens sagt:

    Mich belasten diese Kriege in einem Maße, als wäre ich selbst davon betroffen und kein Passant.

    Ich denke Korrespondenz und Kommunikation sollten immer so eingesetzt werden, dass Deeskalation gemäß der Goldenen Regel bereits durch Worte stattfinden kann.

    Wir sind alle Sünder und diese Erkenntnis sollte jeden dazu führen, dass er sich selbst vergeben kann, denn Sünde ist Sünde und wird nicht größer oder kleiner durch Worte sondern ausschließlich durch Taten.

    Ich höre und sehe das Volk Syriens in den Berichten und Bildern der täglichen Grausamkeiten, die über Medien präsentiert werden und trotzdem die betreffenden Akteure und Passanten gar nicht mehr im Herzen erreichen, weil die Angst vor dem Kontrollverlust bereits aus der Verzweiflung in den Gesichtern ihrer Opfer zu lesen ist. Politiker müssten durch diese Tatsache eigentlich ihr eigenes Verhalten gewissenhaft überprüfen und das Versagen dort erkennen wo es die eigene Angst auslöst, um sie davon abzuhalten aufzutreten und damit all das zu zerstören, was über 2 Jahrtausende mühevoll seinen Weg ins Leben gefunden hat.

    Jeder Mensch darf Fehler machen, nur sollte er auch die Größe besitzen, diese Fehler zuzugeben, weil jeder Sünder selbst seinen Teil davon mit verantwortet, indem er ihm die Stimme seines Herzens entzieht.

    Es mag schwer sein diese Worte nachzuvollziehen, doch Gott wartet nur darauf uns alle aufzufangen, um seinen Weg mit Jesus fortzusetzen. Dafür will er aber die ganze Menschheit bei sich wissen und nicht nur kampfbereite Akteure, die mit Waffen aufeinander losgehen und so ihre persönlichen Interessen und Machtspielchen auf dem Rücken der Völker durchsetzen.

    Wir sind für den Frieden geschaffen und nicht für Kriege, die unsere lebenswichtigen Ressourcen an die Zeit verschwenden, die wir letztendlich immer gemeinsam verbringen.

    • Antonius Theiler geb.1941 sagt:

      Da bin ich aber froh, dass da ein Physiker war, der uns allen die Zunge zeigte und sagte: „…Ich bin überzeugt, dass der Alte nicht würfelt….“ und dass dies alles sein Gesetz hat, nur wir erkennen es (noch) nicht. Das ist felsenfester Glaube. Bereits 1948 schrieb ein anderer Physiker: „Wer diesen Segen der entschleierten Atomenergie genießen will, schafft zur gleichen Zeit in fortschreitender Menge furchtbarste Zerstörungsmittel; die in seiner Hand befindlichen künstlich-radioaktiven Substanzen sind im schlechten Sinne angewendet – verheerender als alle Pestkulturen.“ Er sagte auch vormittags auf der Geburtstagsfeier bei Prof. Popp: „Eine Zahl ist mehr wert, als alles philosophische Geschwätz.“ Nachmittags wusste schon so ein Philosophphysiker nicht mehr, wer das gesagt hat, doch er schimpfte darüber. Dieser ständig an der Entstehung rumschraubenden, der verwirrten Klasse des Geistes angehörenden vergaß, dass er nebenbei vor tausend Jahren Häuser arisierte. Diese gewichtige germanische Physik-Garde vergaß, dass bei dem rückwärts gerichteten Schöpfungsprozess auch noch ein bisschen Atommüll übrig bleibt. Nach 1945 wurde dreißig Jahre Kernenergie rücksichtslos vorangetrieben. Kein Engel kam und griff diesen unfehlbaren Geschäftemachern in den Arm. Keiner sagte, dass auf dem Opferstein Asche zurückbleibt, die noch hunderte von Generationen in Schrecken und Angst versetzen wird. Wer darauf hinwies wurde verlacht. Alle Möglichkeiten wurden dem Menschen gegeben aber er will größer sein als was? Wir sollten und müssen diese Schöpfung annehmen und nicht versuchen sie zu optimieren. Was und wem wollen wir beweisen, dass wir glauben. Wir sind nicht Abraham. Müssen wir alle auf den Altarstein klettern auf das einer sagen kann: „Herr ich glaube so stark an dich, dass ich sie alle opfere.“ Sie alle hier im Blog können sicher sein, dass kein Engel kommt, wenn der Unbarmherzige auf den Knopf drückt. Ich habe einmal gelernt dass „ER“ nach jedem Schöpfungstag etwas sagte. Das müssen wir heute auch noch alle Tage sagen und immer wieder, solange wir es noch können. Ob die Kinder der Zukunft das noch sagen können?

Schreibe einen Kommentar zu Rosi Steffens Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.