Indigene, Diktatoren, Umwelt: Papstreise nach Chile und Peru

Auf den ersten, europäischen Blick mag es wie ein Heimspiel aussehen: Papst Franziskus geht wieder auf Reisen, wieder nach Lateinamerika, dieses Mal nach Chile und Peru. Wieder nicht nach Argentinien, das ist so ziemlich das einzige, was merkwürdig erscheint, haben doch vergangene Päpste ihre Heimatländer immer wieder besucht.

Aber wenn man genauer hinschaut, dann ist das Ganze doch nicht so einfach, wie man denkt.

Ansicht der Kathedrale von Santiago de Chile

2009 war ich einige Monate in Chile: ein Foto von der Kathedrale von Santiago

Nehmen wir Chile: Vier Angriffe mit Brandbomben auf vier Kirchen der Hauptstadt, in Protest gegen den Papstbesuch. Dazu noch die kurze gewaltsame Besetzung der Nuntiatur – also der diplomatischen Vertretung – in Santiago. Das mag nach einigen verwirrten Seelen klingen, ist aber ein Indikator.

Und das nicht erst seit heute: die Kirche und auch der Papst (damals Johannes Paul II.) haben eine schwierige Geschichte mit der Diktatur des Landes, Johannes Paul war auf Friedensmission im Land und ist von General Pinochet damals vorgeführt worden, was zu Vorwürfen geführt hat, der Papst würde den Diktator unterstützen. Dabei hatte er davor mit dazu beigetragen, einen fast schon ausgebrochenen Krieg zwischen Chile und Argentinien zu vermeiden.

Die Monate vor meiner Ankunft in Rom habe ich selber in Chile verbracht und weiß um die Wunden, welche die Diktatur in der Gesellschaft und der Kirche hinterlassen hat, das ist noch längst nicht verheilt.

 

Proteste

 

Dann gibt es auch Spannungen in der Gesellschaft, weitere Proteste gegen die Papstreise sind angekündigt. Auch in der Kirche selbst ist es nicht einfach, auch hier in Chile hat es Missbrauchsfälle gegeben, mit denen nicht richtig umgegangen wurde, ein Mitarbeiter eines Täters ist sogar vor wenigen Jahren Bischof geworden.

Und schließlich sind da die Mapuche, die Ureinwohner des Landes, die seit einigen Jahren teilweise sogar mit Gewalt, in jedem Fall aber mit Protesten um ihre Rolle in der Gesellschaft streiten. Da wo ich in Chile war wurde sehr viel wert darauf gelegt, dass die Mapuche ihre Kultur erhalten können, das ist aber nicht immer so gewesen und auch heute nicht überall so. Der Papst wird sie besuchen, da wird natürlich erwartet, dass er sich dazu verhält.

Dasselbe gilt für Peru: der Papst wird in Puerto Maldonano die Ureinwohner Amazoniens treffen, Peru zieht sich ja wie Chile auch über viele verschiedene Zonen hin, eben auch in den Urwald Amazoniens. Da in eineinhalb Jahren hier im Vatikan sogar eine Bischofssynode zu Amazonien stattfinden wird, wird gerade auf diesem Besuchsabschnitt sehr viel Aufmerksamkeit gerichtet werden.

 

Amazonien

 

Blick von den Bergen auf Santiago herab

Santiago liegt direkt an den Bergen, von oben sieht die Stadt so aus

Und dann hat natürlich auch Peru seine Geschichte mit Kirche und Staat, die jüngsten Vorgänge um die Begnadigung von ex-Präsident Fujimori haben das noch einmal deutlich gemacht. Der Papst besucht ein von Armut und Unwetter (Stichwort: el Niño) betroffenes Stadtviertel in Trujillo, sicherlich Ort der Mahnung für die Bewahrung der Schöpfung und soziale Gerechtigkeit, wie er sie in Laudatio Si’ sehr deutlich verbunden hat.

Mindestens in Lima und im Vatikan nicht vergessen ist auch der Streit um die Katholische Universität des Landes, der zuerst der Titel „Katholisch“ aberkannt, dann wieder zuerkannt wurde. Das ist auch nicht ohne Nachwirkungen geblieben.

Er wisse um die Geschichte der Länder, hat der Papst in einem vorab veröffentlichen Video gesagt. Als „Nachbar“ in Argentinien ist das ja auch irgendwie klar. Jetzt fährt er als Vertreter der Weltkirche dort hin und dann auch noch als einer, an den sich sehr viele Proteste und Hoffnungen knüpfen, in der Kirche wie außerhalb, der aber auch die Schwierigkeiten und innerkirchlichen Konflikte sichtbar macht. Und das gilt auch für vermeintliche „Heimspielländer“ wie Chile und Peru.

 

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9 Kommentare zu Indigene, Diktatoren, Umwelt: Papstreise nach Chile und Peru

  1. Rosi Steffens sagt:

    Der Papst beweist in meinen Augen sehr viel Mut mit dieser Reise, denn sie trägt sich in der Ungewissheit ob der Angriffe auf seine Person im Umgang mit Glauben und Kirche vor Ort.

    Es ist traurig wie wenig sich Menschen oft im Griff haben und hemmungslos auf ihre persönlichen Ambitionen eingehen, ohne dabei Rücksicht auf ihre Mitmenschen zu nehmen, die durch inklusive Denkweise vielmehr Nachdruck aus vernünftigen Argumentationen gewinnen könnten. Sicher mögen die Verhältnisse vor Ort sehr unübersichtlich und vor allem zerworfen sein, doch wir alle sind Menschen, um auch für derartig unüberwindbar scheinende Schwierigkeiten friedliche Lösungen zu finden, die nicht im Streit über Unwägbarkeiten an kriegerische Auseinandersetzungen verloren gehen.

    Was ich hier schreibe mag sich in Anbetracht der Umstände in den entsprechenden Gebieten zu einfach anhören, doch so einfach ist ehrliche Arbeit am täglichen Glück, wenn sich jeder einzelne Mensch darum bemüht sein menschliches Potential für friedliche Lösungen einzusetzen. Gleichzeitig scheint dies der schwerste Auftrag aller Zeiten an die Menschheit zu sein, die sich für Demokratie einsetzt, insbesondere um Menschen, die sich mit Macht ausstatten und damit ganze Völker in ihren persönlichen Ansichten regieren, in eine demokratische Denkweise zu führen.

    Das Problem ist es wohl die richtigen Leute mutig dort anzusprechen, wo sie zum Mitmachen in dieser weltweiten Friedensbewegung angehalten werden, um diese nachhaltig zu propagieren und damit auch den letzten Zweifler vom Sinn des Friedens für die Menschheit und nicht nur für die Bevölkerungen vor Ort zu überzeugen.

    Es ist so unwirklich, sich auf Rechte zu berufen ohne dabei die Würde zu bedenken, die diese Rechte ins Leben rief. Sie trägt was der Menschheit bewusst vor Augen führt, wer sich ihr zur Aufgabe stellt, um das eigene Schicksal als Person damit wahrzunehmen. Niemals führt eine kriegerische, angsterfüllte oder egoistische Einstellung in Lösungen, die von zwanghaften Umständen befreien, die in den Kriegs- und Krisengebieten dieser Erde die Regierungen stärken. Ganz im Gegenteil trägt eine wohlwollende Haltung gegenüber allen Mitmenschen dazu bei, Vertrauen aufzubauen, um es für die lokalen Situationen einzufordern, durch deren transparente Darstellung Lösungen gewonnen werden können, die durch menschliche Kompetenzen über die Zeit zu besseren Lebensbedingungen beitragen.

    Die Menschheit weiß sehr wohl, dass ihre Zeit auf die Tragfähigkeit der Erde begrenzt ist, die sich aus reiner Nächstenliebe regeneriert, um nachhaltig Entwicklung und Fortbildung dort zu erreichen, wo optimale Lebensbedingungen aus eigener Arbeitskraft auch wirklich menschenwürdig heranwachsen können. So ermöglicht nachhaltige Entwicklung Freiräume für ein Wachstum im Bewusstsein der Menschheit, die in den Händen von verantwortungsvollen Personen liegt, die demokratisch legitimiert dafür eintreten und ihre ganze Leistungsfähigkeit aus den menschlichen Werten schöpfen, die in lokaler Verbundenheit angelegt das Lösungspotential bereitstellen, das dringend für eine globale Lebensverbesserung nötigt ist.

    Ich wünsche dem Papst auf jeden Fall Kraft und Feingefühl für die Menschen, die er im Glauben an all ihr wertvolles, menschliches Potential zu stärken weiß, dessen ganzheitliche Entwicklung anzubieten und zu fördern die Kirche mit ihrem weltweiten Netzwerk in der Lage ist. Meine Gedanken werden diese Reise wohlwollend begleiten, denn ich erachte sie als ein großes Anliegen im Interesse der Weltbevölkerung, um weiter gemeinsam am globalen Frieden zu bauen.

  2. carn sagt:

    „Nehmen wir Chile: Vier Angriffe mit Brandbomben auf vier Kirchen der Hauptstadt, in Protest gegen den Papstbesuch. Dazu noch die kurze gewaltsame Besetzung der Nuntiatur – also der diplomatischen Vertretung – in Santiago. Das mag nach einigen verwirrten Seelen klingen, ist aber ein Indikator.“

    Sie sagen hier nicht konkret, wer warum diese Anschläge gemacht hat.

    Nach einigen Berichten sollen die meisten Brandanschläge auf Kirchen auf eine radikale Gruppe zurückgehen, die quasi für Landrückgabe an die Ureinwohner kämpft; laut Bekennerschreiben sehen die Attentäter in der Kirche quasi einen Mittäter bei der Unterdrückung der Ureinwohner.

    Entspricht das auch Ihrem Kenntnisstand?

    Ich frage nach, weil es ja viele Gruppen gibt, die Anlass zu haben meinen, gegen kirchliche Einrichtungen Gewalt anzuwenden.

    • Theodoros sagt:

      Landrückgabe: Hier sei daran erinnert, dass schon vor Jahrzehnten Padre Dr. Wolfgang Wallisfurth dank seiner umfangreichen Sammlung alter chilenischer Landkarten, Bücher, Rechtstexte und weiteren Dokumenten manchem Entrechteten in Chile auf kundige Weise helfen konnte, sein Land als Existenzgrundlage wieder zu erlangen. Kein Wunder, dass Präsident Allende ihm damals diese Wissensbibliothek wegnehmen wollte. Seine umfangreiche Bibliothek befindet sich nun seit 1985 im Besitz des Erzbistums Köln. http://www.surysur.net/los-jesuitas-en-chile-ii-el-continuador-de-la-obra-del-sacerdote-haimbhausen/ Pater Wolfgang Wallisfurth war ein außergewöhnlich tatkräftiger, unerschrockener Priester, der nicht umsonst den Spitznamen „Der Vulkan“ trug. Sieh auch Seite 10 in: http://www.guardiansalud.cl/wp-content/uploads/2017/03/Edicio%CC%81n-75.pdf

      • carn sagt:

        Danke fuer die Information.

        Fuer mich ist die Perspektive manchmal nicht nachvollziehbar.

        Urururenkel (ca. 120 bis 150 Jahre seit dem Landverlust) wollen Wiedergutmachung fuer erlittenes Unrecht. Ich wuesste ja nicht mal, ob und welches Unrecht meinen Vorfahren 5 Generationen vor mir wiederfahren sein koennte, aber selbst wenn waere es mir Wiedergutmachung fremd.

        Aendert natuerlich nichts daran, dass die betreffenden eventuell aktuell oder irgendwann in den letzten Jahrzehnten Unrecht wiederfahren ist, das passiert Minderheiten ja leider oft. Das sollte natuerlich behoben werden oder es sollte eine Wiedergutmachung erfolgen.

        Aber vor bald 150 Jahren verlorenes Land an die Urururenkel zurueckgeben?

        Kann ich nichts mit anfangen.

        • Pater Hagenkord sagt:

          Das gilt aber eigentlich in allen Rechtsstaaten: in Deutschland ist zum Beispiel immer wieder die Rückgabe enteigneten Guts durch die Nazis ein Thema, vor allem bei Kunst. Da spielt es keine Rolle, ob es Engel oder Ururur-Enkel sind, Unrecht bleibt Unrecht. Die Straftat als solches mag verjähren, aber das macht die Konsequenzen noch lange nicht rechtens.

  3. Theodoros sagt:

    Möge die Reise des Papstes grenzüberschreitend auch dem Volk der Yanomani zugute kommen: https://www.lebensraum-regenwald.de/Yanomami,
    http://burgenland.orf.at/news/stories/2795073/

  4. Eszter Meggyesyne Benke sagt:

    Guten Abend – wie schwierig ist es all die Wunden versuchen zu heilen die aus der Zeit stammen wo die Kirche sich sehr zu weltliche Macht gebunden hatte!

    Sonst …allen ein gesegnetes neues Jahr wünsche ich, weniger Korinthenkackerei hier im Blog (:-) und Ihnen Pater Hagenkord viel Kraft, auch wenn ich nicht kommentier, lese ich den Blog regelmäßig und bin sehr dankbar für.

    Liebe Grüße

    Eszter Meggyesy

  5. Carmen Fink sagt:

    Alles andere als glücklich, ein Schlag ins Gesicht der Opfer.

    Bischof Barros gestärkt
    https://www.youtube.com/watch?v=KxiT3jcXYgI&feature=youtu.be

    Das kann man so sagen aber eigentlich sollte ein Hirte bei diesem Thema mehr Fingerspitzengefühl an den Tag leg.

    Zur Wahrheit gehört auch das,
    http://www.vaticannews.va/de/kirche/news/2018-01/papstreise-nach-chile-missbrauch—kardinal-o-malley-antwortet-a.html

    Die päpstlichen Kinderschutzkommission die bisher nicht weitergeführt wird. Frust allenthalben, zurückgetretene Missbrauchsopfer usw

    Berufung von Kardinal Pell

    Licht und Schatten

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