Jorge Mario Bergoglio: Las cartas de la tribulación

Was tun, wenn es Zweifel, Anfechtung, Verfolgung gibt? Was tun in Zeiten von Unsicherheit? Nicht diese direkt bekämpfen, sondern verstehen, was sie im eigenen Herzen anrichten. Es macht keinen Sinn, Situationen zu diskutieren: „Ideen werden diskutiert, Situationen werden unterschieden.“ Das ist O-Ton Jorge Mario Bergoglio, geschrieben in einem Vorwort zu einem Sammelband von 1987.

Die Zeitschrift Civiltà Cattolica hat das Vorwort ans Tageslicht gebracht und veröffentlicht, zumindesta in einigen Sprachen, Englisch etwa und Spanisch.

Foto des jungen Pater Bergoglio

Ordensmann: Der junge Pater Bergoglio

Das Buch, das mit dem Text eingeleitet wurde, versammelt interessante Texte aus der Geschichte des Jesuitenordens, soviel muss man wissen.

Es sind Briefe von zwei Generaloberen des Ordens, Lorenzo Ricci SJ (gewählt 1758), der erleben musste, wie die Bourbonen-Könige Europas den Orden anfeindeten und schießlich erreichten, dass der Orden aufgelöst wurde (Ricci selber wurde vom Papst in der Engelsburg festgehalten und starb dort auch, ohne Prozess). Jan Roothaan SJ (gewählt 1829 nach der Wiederzulassung des Ordens) erlebte Anfeindungen des erstarkenden antikirchlichen Liberalismus gegen den Orden.

Mehr braucht man nicht wissen, Bergoglio skizziert die Situationen auch nur kurz, um dann auf den geistlichen Inhalt einzugehen. Und die Lehren für Jesuiten – und nicht nur Jesuiten – heute.

Pater Bergoglio sagt zuerst, dass in solchen schwierigen Situationen immer Versuchungen auftreten. Eine Versuchung ist es, über Ideen zu streiten und damit der Ursache für den Zweifel oder die Anfeindung zu viel Macht zuzugestehen. Die beiden Jesuitengeneräle empfehlen also getreu der geistlichen Haltung des Ordensgründers Ignatius, erst mal in sich selber nachzuschauen, auf die inneren Stimmen zu hören, statt direkt innerlich das Schwert zu ergreifen und sich gegen etwas oder jemanden zu wenden.

 

Innere Verwirrung anschauen

 

Auffällig sei – so Bergoglio über die Briefe und ihre Schreiber – dass nicht versucht würde, mit den Anfeindungen zu streiten. Natürlich ist da Ungerechtigkeit und so weiter, aber das gerät nicht in den Fokus. Thema ist vielmehr die innere Verwirrung, die durch die Anfeindungen ausgelöst werden.

Natürlich ging es um Ideen, etwa im Liberalismus, der Aufklärung, der Moderne, und auch dort gibt es Irrtümer und Fehler, aber das lassen die beiden Schreiber erst mal beiseite. Weil Ideen diskutiert werden, die Situation, in der man sich befindet, aber unterschieden wird. Hier ist es wieder, das Wort „Unterscheidung“. Weiterlesen

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Synodalität beim Entstehen zuschauen

Ein Treffen und dann ein einseitiger Text, und das war’s? Alle Zeitungen haben berichtet, Spannung war aufgebaut, ein Brief durchgestochen, der Ärger des Vorsitzenden der Bischofskonferenz wurde bekannt, und dann meldeten sich einige zum Thema zu Wort.

Der Papst lud nach Rom ein – auch wenn er selber nicht beim Treffen dabei war – und die Bischöfe kamen. Und sprachen. Und fuhren wieder ab.

Eucharistie: für wen? Und wer entscheidet das?

Eucharistie: für wen? Und wer entscheidet das?

Aber ganz ohne ist das Treffen dann doch nicht geblieben. Es gab eine Pressemeldung. Zunächst wird das Problem noch einmal klar benannt: Eine pastorale Handreichung wurde mit mehr als drei Viertel Zustimmung der Mitglieder der Bischofskonferenz verabschiedet, sieben Bischöfe – eine „nicht unbeträchtliche Zahl“ wie es im Text heißt – konnten ihre Zustimmung nicht geben.

Der das Pressestatement abschließende Absatz lautet:

„Bei dem in deutscher Sprache geführten Gespräch erläuterte Erzbischof Ladaria, dass Papst Franziskus das ökumenische Engagement der deutschen Bischöfe würdigt und sie ersucht, im Geist kirchlicher Gemeinschaft eine möglichst einmütige Regelung zu finden. Im Gespräch wurden verschiedene Gesichtspunkte erörtert: etwa die Beziehung der Frage zum Glauben und zur Seelsorge, ihre weltkirchliche Relevanz sowie ihre rechtliche Dimension. Erzbischof Ladaria wird den Heiligen Vater über den Inhalt des Gesprächs informieren. Das Treffen verlief in einer herzlichen und brüderlichen Atmosphäre.”

 

Glaube, Seelsorge und rechtliche Dimension

 

Erstens Würdigung der Ökumene. Die ist bei dem ganzen Vorgang ziemlich in Mitleidenschaft gezogen worden, auch durch die Art der Berichterstattung. Weiterlesen

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Pressefreiheit – auch hier

Ein Text, den ich für die Webseite meines Ordens geschrieben habe, anlässlich des Tages dr Pressefreiheit heute. Zum Kommentieren stelle ich den Text auch hier ein:

“Hofberichterstattung”: kein Wort fällt häufiger als dieses, wenn Leute meine Arbeit vorstellen oder mich fragen, was ich denn da in Rom mache. Wenn es nett ist, dann wird das Wort ironisch gebraucht. Aber auch die nichtironische Variante gibt es durchaus.
Dahinter liegt die Frage oder Anfrage oder auch der Vorwurf, dass unsere Arbeit – früher bei Radio Vatikan, jetzt Vatican News – journalistisch nicht Ernst zu nehmen sei. Wir seien ja nicht frei in dem, was wir schreiben könnten, dürften und müssten.

Das sind wir jetzt

Das sind wir jetzt

Am internationalen Tag der Pressefreiheit ist das vielleicht einen Gedanken wert. Natürlich sind wir Teil des Vatikan, natürlich reflektiert unsere Arbeit die Perspektive des Papstes, alles andere wäre ja auch unnatürlich. Wir berichten nicht über den Vatikan, sondern aus dem Vatikan. Aber wir behaupten ja auch nichts anderes, es steht groß über unserer Webseite, wer uns liest oder hört, der weiß, wer wir sind.

 

Religion als Religion berichten

 

Trotzdem ist das kein Hofberichterstattung. Wir erzählen Geschichten – “storytelling” auf Neudeutsch – aus Vatikan und Weltkirche, wir wollen nachvollziehbar machen und wir springen nicht auf jede Debatte auf, die in den Medien ihre Kreise zieht.

Wir probieren auch, Religion als Religion zu erzählen, nicht nur als soziologisches oder politisches Phänomen. Das ist eine Stimme mehr in den Medien, eine Perspektive die vielleicht andere nicht so haben.

Pressefreiheit ist ein hohes Gut, es gibt sie aber in vielen Formen. Und dass eine Institution sich eigene journalistische Medien leistet, das gehört auch dazu. Es gut, dass eine Institution wie der Vatikan nicht nur durch Pressesprecher redet, sondern sich auch andere Kommunikation leistet. Das ist ein Zeichen von Freiheit.

 

Das trägt zur Freiheit bei

 

Pressefreiheit ist wertvoll. Es ist gut, dass es so viele verschiedene Formen von Kommunikation gibt und dass gerade jetzt so viele neue Entstehen. Unfreiheit entsteht, wenn nicht mehr Menschen – User, Kunden, Redakteure, Hörer, Unternehmer – entscheiden, was Nachricht ist und was man vielleicht sein lässt, sondern Algorithmen. Vatikan-Journalismus wie der unsere ist also gar nicht die Gefahr, das kann ja ignorieren, wer will. Gefährlich wird es erst dann, wenn wir nicht mehr die Wahl haben, sondern der Big Data entscheidet, was wir zu hören, sehen und zu lesen bekommen. Wenn der Konsum entscheidet, was News sein darf und was nicht.

Der Tag der Pressefreiheit ist deswegen auch unser Tag hier bei Vatican News. Es steht Religionen und Kirchen und dem Vatikan gut an, sich an Debatten zu beteiligen und zu berichten, was zu berichten ist. Das trägt zur Freiheit bei.

 

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Kreuz-Zeichen

Es ist dreist: da wird das Kreuz im bayerischen Wahlkampf zu einem Werte-Zeichen umgedeutet, identitätsstiftend sei es, über Kirche hinaus auch für die Gesellschaft als solche.

Die Proteste auch von den Kirchen kamen sofort, da brauche ich mich nicht anhängen. Trotzdem meine ich, dass wir Herrn Söder dankbar sein müssen, denn er zwingt uns, über das Aufhängen von Kreuzen nachzudenken. Was für ein Zeichen ist das für uns?

Kardinal Marx hat sehr deutliche Worte gebraucht und bedauert, dass anstatt eines Gesprächs über das Kreuz „Spaltung, Unruhe, Gegeneinander“ entstanden seien. Und man tritt der Regierung Bayerns glaube ich nicht zu nahe wenn wir sagen, dass das alles auch mit dem Wahlkampf zu tun hat, in dem das Land schon steckt.

 

Warum hängen wir Kreuze auf?

 

Aber lassen wir die Polemik beiseite und erfüllen wir dem Kardinal und den vielen anderen den Wunsch: warum hängen wir Kreuze auf? Marx weist auf die Aufhängung in Schulen in Bayern hin, die anderen Regeln folgt und nicht einfach dekretiert ist, das funktioniert. Und zwar, weil es Gespräch gibt.

Wofür steht es?

Wofür steht es?

Warum hängen wir das Kreuzzeichen auf? Warum machen wir Katholiken ein Kreuzzeichen, öffentlich mindestens in Kirchen, ab und zu in der Familie, selten in der Öffentlichkeit? Warum befremdet es viele auch katholische Pilger hier in Rom zu sehen, dass Römer sich bekreuzigen, wenn sie an einer Kirche vorbei gehen? Und ich spreche hier von allen Generationen.

 

Sichtbare Seite der Auferstehung

 

Das Kreuz ist die für uns sichtbare und zugängliche Seite der Auferstehung, beides gehört zusammen. Da wir aber nicht wissen, was das genau ist, eine Auferstehung, halten wir uns an die andere Seite, das Kreuz. Weiterlesen

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Eucharistie und Ökumene

Auch das Papsttum braucht eine „pastorale Neuausrichtung“. Worte des Papstes. Und dazu gehört seiner Meinung nach die Verwirklichung kollegialer Gesinnung durch die Bischofskonferenzen. Nachzulesen in Evangelii Gaudium, Nr. 32. Hier fällt auch die Formulierung, dass zum Kompetenzbereich der Bischofskonferenzen „eine gewisse authentische Lehrautorität“ gehört. „Eine übertriebene Zentralisierung kompliziert das Leben der Kirche und ihre missionarische Dynamik, anstatt ihr zu helfen.“

Papst Franziskus bei seiner Ansprache in Lund

Papst Franziskus bei seiner Ansprache in Lund

Soweit, so gut. Nun macht das eine Bischofskonferenz, wenn auch nicht einstimmig. Es geht um eine Handreichung in Sachen Kommunionempfang für den nichtkatholischen Teil einer Ehe. Und nach Brief und Antwort geht das Ganze nun nicht in die „gewissen authentische Lehrautorität“, sondern nach Rom, zum Papst, persönlich.

Nun darf man das nicht gegeneinander ausspielen, es gibt gute Gründe, gerade hier sehr vorsichtig zu sein und die Sache richtig zu machen statt zu schnell. Auch darf eine solche Handreichung nicht angreifbare sein, deswegen ist es vielleicht ganz gut, dass das dann mit päpstlicher Autorität kommt und dass Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Verfahrens aufkommt.

Warten wir also auf das Gespräch in Rom zwischen den Beteiligten.

In der Zwischenzeit mag ich aber nochmal hervorholen, was der Stand der Dinge ist in Sachen Ökumene. Zum Reformationsgedenken war Papst Franziskus 2016 in Lund in Schweden, Kardinal Kurt Koch – Ökumeneverantwortlicher im Vatikan – hat bei der Pressekonferenz zum Abschluss genau zu diesem Thema Stellung bezogen. Kardinal Koch ist einer von denen, welche jetzt in die Diskussion involviert sind, er wurde von Deutschland aus angeschrieben.

 

Möglichkeiten testen

 

Er hoffe, selber einmal ein Dokument unterzeichnen zu können, das die Fragen löst, sagte er damals. Um dann Möglichkeiten auszutesten. Als erstes differenzierte er: „Wir müssen einen Unterschied machen zwischen eucharistischer Gastfreundschaft für Einzelne und eucharistischer Gemeinschaft“. Diese Unterscheidung allein zeigt schon, dass das Ganze nicht einfach nur schwarz und weiß ist. „Eucharistische Gemeinschaft wäre ein sichtbares Zeichen der kirchlichen Gemeinschaft“, so Koch, Kirche und Eucharistie lassen sich also so einfach nicht trennen. Die andere Frage, die nach eucharistischer Gastfreundschaft, sei hingegen eine pastorale Frage, keine dogmatische. Und weil es eine pastorale Frage sei, sei sie erst einmal lokal zu behandeln, nicht universal, weil die Umstände jeweils anders sei. Weiterlesen

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„The greatest trick the devil ever pulled …”

Wenn es etwas gibt, was Christen vor allem bei uns nachhaltig irritiert, dann ist es das Sprechen über den Teufel. Papst Franziskus macht davon immer wieder Gebrauch, von Anfang an. Zuerst hat man das irgendwie kulturell verankert, leicht herablassend vom aufgeklärten Europa auf Lateinamerika blickend. Aber nach den Jahren mit diesem Papst geht das nicht mehr so einfach.

Sehr deutlich macht er das noch einmal in Gaudete et Exsultate (dies ist mein viertes Stück in einer kleinen Reihe dazu). Ganz am Ende wird er deutlich: „Das Leben des Christen ist ein ständiger Kampf. Es bedarf Kraft und Mut, um den  Versuchungen des Teufels zu widerstehen und das Evangelium zu verkünden. Dieses Ringen ist  schön, weil es uns jedes Mal feiern lässt, dass der Herr in unserem Leben siegt” (GE 158).

Installation in der Oude Kerk, Amsterdam

Verweis nach oben. Installation in der Oude Kerk, Amsterdam

Da muss ich gestehen, dass auch ich da etwas Schlucken muss, so sehr haben wir den Teufel aus unserer Religiosität verdrängt.

Aber ziehen wir hier das Denken und Sprechen des Papstes nach: Es geht um einen ständigen Kampf, und das ist gut biblisch, das ist Paulus. Ausruhen geht nicht, mit jedem Eindruck, mit jedem Erleben, mit jeder Entscheidung, mit jeder Inspiration stellt sich neu die Frage, woher das denn kommt. Denn mit diesen Impressionen – der heilige Ignatius, auf den ich gleich noch zurück kommen werde, nennt es „innere Regungen” – kommen auch Versuchungen. Im Sinn des Sprechens über die Unterscheidung ist mit jeder inneren Regung zu fragen, wo Gott darin zu suchen ist.

 

Das Sprechen vom Kampf

 

Viele Versuchungen, die einen dann befallen können, kennen wir schon. Weltlichkeit ist eine Gefahr, welche der Papst immer und immer wieder nennt, Mundanität, mit dem französischen Jesuiten Henri de Lubac gesprochen.

„Es handelt sich nicht nur um einen Kampf gegen die Welt und die weltliche Mentalität, die betrügt, betäubt und uns mittelmäßig werden lässt, ohne Engagement und freudlos. Ebenso wenig beschränkt er sich auf ein Ringen mit der eigenen Schwäche und den eigenen Lastern (ein jeder hat seine: Trägheit, Wollust, Neid, Eifersucht usw.). Es ist auch ein beständiger Kampf gegen den Teufel, welcher der Fürst des Bösen ist” (159). Weiterlesen

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Man nehme: Denkvermögen, Menschenverstand und Gnade

In meinen bisherigen Beiträgen zu Gaudete et Exsultate habe ich den Text des Papstes als Fortschreibung oder Aktualisierung von Evangelii Gaudium beschrieben, und ich glaube auch, dass es die beste Weise ist, an das Schreiben inhaltlich heran zu gehen. Es gibt aber auch Dinge, die sich unterscheiden oder die deutlich darüber hinaus gehen.

Das Thema „Unterscheidung“ ist so ein Punkt.

Dach der Oude Kerk, Amsterdam

Dach der Oude Kerk, Amsterdam

Natürlich kommt das in der großen Programmschrift von 2013 auch vor, in Evangelii Gaudium heißt es zum Beispiel: „Jeder Christ und jede Gemeinschaft soll unterscheiden, welches der Weg ist, den der Herr verlangt“, „unterscheiden“ wird Teil der Reform oder Umkehr der Kirche (EG 20). An einer anderen Stelle und gleichfalls eher allgemein spricht er über sein Schreiben als eine Art Unterscheidung „Was ich vorzulegen gedenke, geht vielmehr in die Richtung einer Unterscheidung anhand des Evangeliums“ (EG 50). Insgesamt fünfzehn Mal kommt das Wort vor.

Später, nach Evangelii Gaudium, wird es dann konkreter und definierter. In Amoris Laetitia und der Debatte um die Familiensynode wird „Unterscheidung“ geradezu zum Streitfall: Woran mache ich christliches Leben fest? Wie finde ich heraus, was Gott für uns und mich will? An der Anwendung der Regeln?

 

Anleitung zur Nachfolgepraxis

 

Ein Mitbruder hat in einem jüngst erschienen Buch über den Papst die schöne Formulierung gefunden, Unterscheidung sei keine Methode zur Feststellung von Richtig und Falsch, sondern – wie Pater Andreas Batlogg es nennt – eine „Anleitung zur Nachfolgepraxis“. Weiterlesen

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Das Beispiel des Jona

Und noch einmal einige Gedanken zu Gaudete et Exsultate, einen ersten Beitrag hatte ich ja schon eingestellt.

„Wie der Prophet Jona sind wir immer latent in der Versuchung, an einen sicheren Ort zu fliehen, der viele Namen haben kann: Individualismus, Spiritualismus, Einschließen in kleine Welten, Abhängigkeit, Sich-Einrichten, Wiederholung bereits festgelegter Schemata, Dogmatismus, Nostalgie, Pessimismus, Zuflucht zu den Normen“ (GE 134) ist ein Abschnitt, der sehr viel von dem zusammenfasst, was der Papst immer wieder über die Versuchungen sagt.

Hinaus gehen? Oder in Sicherheit bleiben? Oude Kerk, Amsterdam

Hinaus gehen? Oder in Sicherheit bleiben? Oude Kerk, Amsterdam

Es wird deutlich, dass es eben keine moralischen Urteile sind, die der Papst fällt. Es geht ihm um die Alternative entweder hin zu Gott oder weg von Gott, also letztlich um eine geistliche Wahl.

Viele der Debatten um die starken Worte und Aufforderungen des Papstes drehen sich um die Frage, was man jetzt tun müsse oder dürfe, eben um moralische Fragen.

Gaudete et Exsultate ist ja so etwas wie die Aktualisierung und Fortschreibung von Evangelii Gaudium (veröffentlicht 2013), also schauen wir in diesen älteren und ausführlichen Text hinein. Auch da spricht der Papst von den Versuchungen. „Heute kann man bei vielen in der Seelsorge Tätigen, einschließlich der gottgeweihten Personen, eine übertriebene Sorge um die persönlichen Räume der Selbständigkeit und der Entspannung feststellen“ (EG 78).

Oder er spricht von der Versuchung, die eigene Identität und Überzeugung zu verbergen (EG 79). Oder vom „praktischen Relativismus“, der darin besteht „so zu handeln, als gäbe es Gott nicht“ (EG 80). Oder: „Die Isolierung, die eine Version des Immanentismus ist, kann sich in einer falschen Autonomie ausdrücken, die Gott ausschließt und die doch auch im Religiösen eine Art spirituellen Konsumismus finden kann, der ihrem krankhaften Individualismus entgegenkommt“ (EG 89).

 

Im Problem liegt schon der Kern der Lösung

 

Und in diesem Sinn geht es weiter. Der oben zitierte Abschnitt nimmt das auf. Jona soll aufbrechen und verkünden, stattdessen flieht er. Aber auch hier liegt wie auch in dem im vorhergehenden Blogeintrag beschriebenen Thema im Problem auch der Kern für seien Lösung.

Der Papst schreibt weiter: „Die Schwierigkeiten können jedoch so etwas sein wie der Sturm, wie der Wal, wie der Wurm, der den Rizinusstrauch des Jona vertrocknen ließ, oder wie der Wind und die Sonne, die Jona auf den Kopf brannten; und ebenso wie für ihn, so können sie für uns die Funktion haben, uns zu diesem Gott zurückkehren zu lassen, der Zärtlichkeit ist und der uns auf eine ständige und erneuernde Wanderung mitnehmen möchte“ (GE 134). Weiterlesen

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Der Junge und der Papst

Eine Geschichte geht um die Welt: Am vergangenen Sonntag hatte Papst Franziskus eine Pfarrei besucht, als erstes durften einige Kinder Fragen stellen.

Der Papst und der Junge in Corviale

Der Papst und der Junge in Corviale

Ein Junge wollte, brach dann aber in Tränen aus. Es stellte sich später heraus, dass sein Vater gestorben war und er jetzt wissen wollte, ob er – obwohl kein Christ – im Himmel sei. Er weinte also, der päpstliche Zeremonienmeinster reagierte fantastisch, und der Papst dann auch. Er rief den kleinen Jungen zu sich, lies sich die Frage ins Ohr flüstern, fragte dann ob er die Geschichte erzählen dürfe und tat das dann. Und während er dann die Frage beantwortete, bewegte er die Aufmerksamkeit behutsam weg von dem Jungen, um nicht noch mehr Druck aufzubauen. Eine fantastische Geschichte, die in vielen Kurzfilmen bei vielen Plattformen, von ORF bis zu katholischen Häusern, zu sehen ist.

 

Aufmerksamkeit auf einem traumatisierten Jungen

 

Bei uns nicht. Jedenfalls nicht in der deutschsprachigen Ausgabe, bei den anderen schon. Ich selber hatte den Bericht am Sonntag geschrieben und entschieden, diese Geschichte nicht zu erzählen. Vielleicht bin ich ja über-sensibel, aber mir kam das sehr übergriffig vor. Ein traumatisierter Junge, der von wem-auch-immer zum Fragenstellen vor die Kameras der Welt geschoben wird, das hätte auch schiefgehen können. Wenn Mons. Sapienza und der Papst nicht so wunderbar reagiert hätten.

Dass die Geschichte wunderbar ist, steht außer Frage. Selbst Zeitungen, die normalerweise gegen Papst Franziskus wettern, haben das als „besser als 1.000 Predigten“ bezeichnet. Und das war es irgendwie auch.

Aber: Ich werde zunehmend nervös, wenn Kinder so involviert werden. Wir Medien sind da gnadenlos. Es ist eine Sache, wenn ein Junge auf dem Papststuhl klettert oder sich am Papst festklammert, während der spricht. Es ist eine andere, wenn es um den Tod des Vaters geht.

Mag schon sein, dass ich da über-sensibel bin, das wiederhole ich hier gerne. Vielleicht liege ich ja mit meiner Einschätzung falsch. Aber bei mir hinterlässt dieses Vorführen von Trauma und Leid einen schalen Beigeschmack.

Wer das Video dazu sehen mag, kann das hier tun. Auf die Rückmeldungen bin ich gespannt.

 

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Raus aus der verbalen Gewalt

Die Zeit ist schnell über das jüngste Papstschreiben hinweggegangen, was eigentlich schade ist. Es liest sich wie eine Aktualisierung und Fortschreibung von Evangelii Gaudium, was immer noch die Programmschrift für die Reform der Kirche ist. Und deswegen nutze ich diesen Ort hier, um einige Aspekte noch mal aufzugreifen.

„Der Heilige verschwendet seine Energien nicht damit, über fremde Fehler zu klagen; er kann über die Schwächen seiner Brüder und Schwestern schweigen und vermeidet verbale Gewalt, die zerstört und misshandelt“ (GE 116): Wir Christen haben ein Problem. Wir sind seit einiger Zeit fixiert darauf, festzustellen, was der jeweils andere falsch macht.

Installation in der Oude Kerk, Amsterdam

Wer sind die anderen, in der Kirche, die ich gar nicht kenne? Wie verhalte ich mich denen gegenüber? Bild: Installation in der Oude Kerk, Amsterdam

Vor der Seligsprechung von Papst Johannes Paul II. habe ich hier im Büro mal das Archiv durchgeblättert, was mir mein Vorgänger hinterlassen hat. Artikel in christlichen Zeitschriften – vor dem Internet – aus den 80er Jahren. Die Sprache von damals war nicht weit weg von der, die sich heute im Netz findet: ad personam, unterstellend, spekulativ, immer die schlimmste mögliche Lesart annehmend und dann gegen jemanden richtend. Und Urteile fällend.

So völlig neu ist das Phänomen also nicht, und es kommt auch nicht nur aus einer bestimmten Richtung.

Der Papst spricht in Gaudete et Exsultate von der verbalen Gewalt, die auch Christen benutzen. Verleumdung, üble Nachrede, ohne Respekt, alles schlimmer gemacht dadurch, dass die Sprache eine Härte hat, die man sich im „echten“ Leben nie trauen würde zu benutzen. Seine Analyse: hier wird „im wütenden Abladen von Rachegelüsten die eigene Unzufriedenheit“ kompensiert. Und wieder von der Analyse weg schaut er auf das Geistliche und setzt noch einen drauf: „Es ist auffällig, dass unter dem Vorwand, andere Gebote zu verteidigen, das achte Gebot – ‚Du sollst kein falsches Zeugnis geben‘  – zuweilen komplett übergangen und das Ansehen anderer gnadenlos zerstört wird.“ (GE 115)

 

„Nein zum Krieg unter uns“

 

In Evangelii Gaudium hieß das „Nein zum Krieg unter uns“, dort zitiert er auch das Johannesevangelium, in dem die Wirksamkeit des christlichen Zeugnisses an die gegenseitige Liebe geknüpft wird (EG 99). Hier fügte der Papst aber auch eine Erklärung an, die im neuen Schreiben fehlt: „Für diejenigen, die durch alte Spaltungen verletzt sind, ist es schwierig zu akzeptieren, dass wir sie zur Vergebung und zur Versöhnung aufrufen, weil sie meinen, dass wir ihren Schmerz nicht beachten oder uns anmaßen, sie in den Verlust ihrer Erinnerung und ihrer Ideale zu führen“ (EG 100). Weiterlesen

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