Glaubens-Touristen

Vor einigen Tagen hatte ich über die Fremdheit geschrieben, die ich immer noch oder immer wieder beim Besuch von Sankt Peter empfinde. Und dass das nichts schlechtes sein muss.

Eine interessante Reflexion zum Thema kam an diesem Montag vom Papst. Sein Gedanke war ein anderer, aber die Idee ist letztlich ähnlich, er sprach über den großen kulturellen Wert von Kirche und von Kirchen, Anlass war der Besuch der evangelischen Kathedrale von Riga mit ihrer wunderbaren Orgel. Die sei schön, aber in Gefahr nur noch Touristenattraktion zu werden.

„Mit dem Glauben kann uns genau das Gleiche passieren. Es kann geschehen, dass wir uns im Glauben nicht mehr „heimisch“ fühlen und dann zu „Touristen“ werden. Man könnte sogar sagen, dass unserer gesamten christlichen Tradition dasselbe passieren kann: dass sie auf ein Stück Vergangenheit reduziert wird und – eingeschlossen in den Mauern unserer Gotteshäuser – keine Melodie mehr zu hören ist, die in der Lage wäre, das Leben und das Herz derjenigen, die sie hören, zu bewegen und zu inspirieren.“

Papst Franziskus spricht in Riga

Papst Franziskus spricht in Riga

„Zum Klingen bringen“ sollten wir den Glauben, eine kulturelle Umschreibung dessen, was der Papst sonst „aus sich heraus gehen“ nennt.

„Wenn die Musik des Evangeliums in unseren Häusern, in der Öffentlichkeit, an unseren Arbeitsplätzen, in der Politik und der Wirtschaft nicht mehr zu hören ist, dann haben wir wohl die Melodie abgeschaltet, die uns herausfordert, für die Würde jedes Mannes und jeder Frau ungeachtet ihrer Herkunft zu kämpfen. Dann verschließen wir uns im „Eigenen“ und vergessen darüber „das Unsere“: das gemeinsame Haus, das uns alle angeht.“

Franziskus wäre nicht Franziskus, wenn er nicht auf die Versuchungen hinweisen würde, die mit dieser Situation einher gehen, ich darf noch einmal zitieren:

„Einige werden vielleicht sagen: Das sind schwierige und komplexe Zeiten, in denen wir heute leben. Andere werden denken, dass Christen in unseren Gesellschaften aufgrund einer Vielzahl von Faktoren wie dem Säkularismus oder einer individualistischen Denkweise immer weniger Handlungsspielraum oder Einfluss haben. Dies kann zu einer Haltung der Verschlossenheit, der Abwehr und sogar der Resignation führen.“

Und das ist nicht gut. Der Rückzug ist nicht die Antwort des Christentums – die Begegnung war ökumenisch, der Papst sprach über alle Christinnen und Christen – sondern eine Gefahr.

Rückzug ist keine Option. Kulturchristentum ist keine Option. Bei allen aktuellen Problemen dürfen wir nicht aus dem Blick verlieren, in welche Richtung es mit dem Christentum gehen muss.

 

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14 Kommentare zu Glaubens-Touristen

  1. Michael Ellwnger sagt:

    Der gute Herr Jesus Christus, der in Seiner Kirche lebt und wirkt, scheint Konditionsprobleme zu haben.

    • Pater Hagenkord sagt:

      Und das soll heißen?

    • Roswitha Steffens sagt:

      So von oben herab zu schreiben, das hat etwas von einem Menschen, der mit sich selbst nicht im Reinen ist und die Schuld dafür bei anderen sucht.

      Konditionsprobleme gilt es durch Ausdauer zu überwinden, und die kann man einer Person, die über 2018 Jahre an einem Herz arbeitet, das auch unseren Verstand erreicht wohl eher nicht absprechen.

  2. Amica sagt:

    Neulich hab ich mich mal mit einem Songtexter für Lobpreislieder per Facebook ausgetauscht. Er hat mir ein Lied von sich auf youtube empfohlen und ich hab’s mir angehört.
    Die Musik war Kacke, der Text ok.
    Das hab ich ihm dann relativ freundlich mitgeteilt, weil ich versuche, immer ehrlich zu sein.

    Na, er war nicht grad erfreut aber meinte nur, er könne sich die Musiker schließlich nicht aussuchen – er müsse nehmen, was da kommt.

    Nun frag ich mich: wieso gibt die Kirche für gute neue Kirchenmusik eigentlich kein Geld aus?
    Die Musik ist so wichtig für den Gottesdienst.

    Und wenn man nach Qualität sucht, na, dann muss man in die Vergangenheit zurück.

    So eine Art Bach der Neuzeit wird es wohl nicht mehr geben, oder?
    Dafür werden unsere Ohren mit neuen Lobpreislieder zugemüllt. Die verblödete Schlagerhitparade lässt grüßen.

    Kennen Sie “Das fünfte Elemtent”? Da singt ein Alien ein klassisch-modernes Lied. Voll cool. Klassische Musik in Verbindung mit der Neuzeit das ist echt erhabene Musik – religiöse Musik.
    Wieso gibt die Amtskirche dafür kein Geld aus: für neue anspruchsvolle Musik, die tatsächlich neue Maßstäbe setzt?
    Das vermiss ich echt.

  3. mig sagt:

    „Einige werden vielleicht sagen: Das sind schwierige und komplexe Zeiten, in denen wir heute leben. Andere werden denken, dass Christen in unseren Gesellschaften aufgrund einer Vielzahl von Faktoren wie dem Säkularismus oder einer individualistischen Denkweise immer weniger Handlungsspielraum oder Einfluss haben. Dies kann zu einer Haltung der Verschlossenheit, der Abwehr und sogar der Resignation führen.“

    Schöne Worte.

    Noch schöner wäre der Gedanke, dass Christen, die trotz aller Schwierigkeiten und drohender Resignation sich aufmachen, um ein klein wenig zu bewirken und zwar ganz und gar im Sinne den Lehren der Kirche, auf Wohlwollen oder gar Hilfe aus der Kirche heraus vertrauen könnten.

    • Pater Hagenkord sagt:

      Aber das können sie doch. Sie unterstellen, dass das nicht so ist. Das sehe ich völlig anders.

      • mig sagt:

        Sehr geehrter Pater Hagenkord,

        Sie gehen wohl davon aus, dass ich als unbeteiligter Zuschauer vielleicht aus Böswilligkeit schreibe.

        Ich habe das jedoch aus Erfahrung geschrieben.

        Politiker sowohl von Parteigremien als auch in einem Landesparlament, kirchliche Verbände (SkF, Caritas, Diakonie), relevante nichtkirchliche Verbände, Autoren von Studien, viele Leute, die mit direkt betroffenen arbeiten, habe ich bezüglich eines Anliegens kontaktiert; “kontaktiert” ist wohl untertrieben; geschrieben, angerufen, versucht persönlich zu treffen; alles natürlich im Rahmen, so dass es nicht belästigend ist. 100+ Stunden Zeitaufwand meinerseits. Und natürlich auch entsprechende landeskirchliche Stellen.

        Immer ganz ähnlich, eine Mail schreiben, Anliegen erklären; dann 2 oder 3 Wochen später mal anrufen und nachfragen, ob die Mail auch angekommen ist, etc. Ggf. auch mal persönlich appassen, Hand schütteln, etc.

        Oft gab es keine konkreten Antworten; aber eben auch oft Antworten. Meistens etwas ala im Prinzip klingt das ganz interessant; sogar von einigen, von ich es wirklich nicht erwartet hätte, die mir sogar viel Erfolg gewünscht haben und mir zumindest Rat angeboten haben, wie weitergemacht werden könnte.

        Aber zumindest eine Eingangsbestätigung mündlich oder per mail gabs dann doch immer, irgendeine neutrale Kenntnisnahme gabs immer.

        Außer von einer kontaktierten Stelle:

        Der von der evangelischen Landeskirche; nur durch Telefonanruf bei für ihn nicht zuständigen Sekretär erfahren, dass der die Mail überhaupt bekommen hat; aber keine wie auch immer Antwort; nur aus Telefonanruf herausgehört, dass der im Prinzip zuständige sich nicht damit beschäftigen wird.

        Ein Vize-Fraktionsvorsitzender einer Fraktion hat mir schließlich in einem Gespräch mal gesagt, dass mein Anliegen ihn überzeugt und er es unterstützen wird; Monate später mal vorsichtig nachgefragt; sinngemäß sagte er:

        Eigentlich haben sie ja recht; das sollte man machen; nur fehlt irgendwie der politische Wille; man unterhält sich ja auch manchmal auf Empfängen und so; da hör ich auch, dass sie ja recht haben; habe mich auch mit [Mitarbeiter evangelische Landeskirche, dem ich nicht mal eine Eingangsbestätigung wert war] unterhalten; da müsste was von den Kirchen kommen; ich versteh das nicht, warum die da nichts machen; aber es tut mir leid, ich kann ihr Anliegen politisch doch nicht unterstützen.

        Tja, sie sagen “unterstellen”; aber ich sehe nicht, was daran Unterstellung ist der Aussage zu glauben, dass von der ev. Landeskirche nichts “kommt”, wenn die von dort mir nicht mal Eingangsbestätigung schicken.

        Also leider kann man nicht unbedingt auf Wohlwollen oder gar Hilfe aus der ev. Kirche heraus vertrauen.

        Bezüglich kath. Kirche, da gabs immerhin ein paar nette Worte und Segenswünsche und Weiterleitung an den im Prinzip zuständigen mit dem ich dann auch ein paar Mal Kontakt hatte; nur wie ich den Aussagen des Vize-Fraktionsvorsitzenden entnommen hatte, fand der ja das Nichtstun beider Kirchen unverständlich.

        Und ich habe eben den Vergleich mit vielen anderen Organisationen und Leuten bei dem Thema; und von vielen anderen Seiten habe ich mehr Wohlwollen und auch mehr Hilfe erfahren als aus den Kirchen.

        Das ist nicht mal hauptsächlich als Kritik gemeint; sondern es ist für mich selbst notwendig; was glauben Sie wie sehr es belastet, wenn man den Eindruck hat, dass einfach nur ein bißchen mehr Bemühen aus den kirchlichen Stellen, die ich um Hilfe gebeten habe, es hätte klappen können und die hunderte Stunden nicht vergebens waren?

        Vor allem, ich habe noch nicht aufgegeben, das war erst bisher erst das “Hinspiel”; für das “Rückspiel” habe ich einige gute Anknüpfungspunkte und Kontakte; klar werde ich auch wieder mich an die in der Kirche wenden und um Hilfe bitten; nur plane ich eben, dass aus den Kirchen wenig (RK) bis nichts (EV) kommen wird; denn damit erspare ich mir unnötige Enttäuschung, die mir nicht weiterhilft.

        Falls es Sie stört, dass das sehr unspezifisch ist, die Details wären zu kompex zum hier darlegen und es würden sich leicht Missverständnisse ergeben. Außerdem könnte es heikel sein, konkrete Namen zu nennen und um was es ging/geht.

        Eines muss ich allerdings sagen:
        Beim nennen wir es “seelsorgerischen” Aspekt, kann ich der RKK eine 1 geben; aber das liegt nun nicht direkt an den “höheren” Ebenen, sonder eher an dem Pfarrer meiner Gemeinde und daran, dass ich bei einer etwas holprigen Phase schnell einen Seelsorger ausfindig machen konnte, der meine damaligen Schwierigkeiten gut verstanden hat und sehr sehr guten Rat wusste. Nur beim praktisch politischen Wohlwollen und ggf. Hilfe ist die Note weniger gut; aber immerhin noch besser als von der evangelischen Kirche.

        Und klar, anderen wird es vielleicht mit anderen Anliegen anders ergehen; nur ich habe halt meine negative Erfahrung; und deshalb darf ich wohl sagen, dass es schön wäre, wenn man da vertrauen könnte, denn ich kann es momentan jedenfalls nicht. Vielleicht ändert es sich ja im “Rückspiel”.

        • Roswitha Steffens sagt:

          Dem kann ich persönlich so ganz und gar nicht zustimmen! Jede! Stelle, die ich kontaktiert habe konnte mir durch die danach folgende Zeit vermitteln, dass mein Anliegen für die Gesellschaft in der ich lebe wichtig ist und in der Intensität bearbeitet wird, die dafür nötig ist.

          Vielleicht ist es ja genau das was die Christenheit ausmacht, eine Antwort nicht für 1 Christen (sich selbst) in Anspruch zu nehmen sondern über die ganze Christenheit durch Jesus vermittet zu bekommen?

          Wo ich Ihnen absolut zustimmen ist die Seelsorge, denn sie hat mich ganz persönlich immer wieder von den Lasten befreit, die ich seit dem Eintritt ins Leben durch die Kirche mit mir herumschleppte.

  4. Ich in immer wieder überrascht, wie ich – ja, man kann es durchaus so nennen – sonderbar, als Sonderlung angeschaut werde, wenn ich mich im Unterricht als aktiven Christen zu erkennen gebe. Dass ich zudem “erschwerend” 😉 kontemplativ unterwegs bin, lass ich dann zeitweilig auch außen vor. Auch die Kolleg*innen schauen ähnlich und das, obwohl ich in der Ev. Stiftung Alsterdorf arbeite. Da ist oft schon viel der Rückzug in das unverbindliche “Ferienhotel” angetreten worden.
    Nun, es bedarf des täglichen Aufbruchs – vamos!

  5. Eigentlich wollte ich einige Gedanken zu “Glaubens Touristen” bzw.”Kulturchristentum” niederschreiben..

    ..dann hab ich gerade die Vorstellung der Missbrauchsstudie für die DBK verfolgt.. und sie “verfolgt” mich weiter; es war MIR nicht möglich diese Ausführungen mit Distanz aufzunehmen..

    -nicht intellektuell aber mit Tränen und Wut im Bauch..

    unmittelbar in der Nachbarschaft in einem kleinen Wäldchen
    gibt’s eine sehr kleine -fast verfallene- Kapelle, dort kannst du ungestört sein und dort hab einfach nur noch ” geflucht” nicht so edel wie in den Psalmen..

    eigene Erinnerungen an meine eigene Internatszeit- das waren KEINE sexuelle aber körperliche Gewalt und diese Einsamkeit das FEHLEN j ECHTER “Zuneigung” zu kleinen Quintanern ( im Jahr 1962)

    diese Einsamkeit..

    Wenn sich “Kirche” nicht in einigen grundlegenden Fragen-wie einer verklemmten Sex- Moral wandelt..

    ich wollte als kleiner Bub Priester werden, bin froh, dass es anders gekommen ist..

    dann lernst du mit knapp 14 Jahren ein Mädchen kennen und entdeckt das eigentlich Wunderbare und “befleckt” sich -.??

    Gleichzeitig wurde uns von Priestern ein Maria- Bild verkauft:

    wie”die Allzeit ” REINE Und UNBEFLECKTE JUNGFRAU ” BRRRR.. – DIESER BIOLOGISMUS!!!

    UVA…UVA…

    mich hat schon als Kind diese Herbergslosikeit der Eltern Jesu wahnsinnig beschäftigt..
    und ich hab ein ganz kindlich natürliches(!!)Verhältnis zur Mutter Jesu und ihrem Mann entwickelt..

    und dann diese oben zitierten “Hämmer”

    und dann diese Studie- irgendwie hats ja auch mit fehlgesteuerter Sexualität zu tun-..

    NEIN !!- das VATERUNSER- das persönliche UND SOZIALE BROTBRECHEN (TEILEN) und die SELIGPREISUNGEN

    sind mehr wie ein Lebensprogramm und die GANZE BOTSCHAFT JESU- von dem ich (trotzdem) LEBE- und “die UNBEGREIFLICHKEIT GOTTES AUSZUHALTEN”(Rahner)

    jetzt hab ich eine gewisse Erleichterung und komme GANZ PRAKTISCH zu KULTUR-CHRISTENTUM:

    Ich verspüre den Wunsch, das Agnes Dei aus der Beethoven Messe zu hören.. JA und das hat WIRRKLICH NICHTS mit KULTURCHRISTENTUM aber mit Trost(!).

    @Pater Hagenkord, ich meine zu erahnen, dass Sie das verstehen und so in Ihrem Beitrag auch nicht gemeint haben.. hab aber Verständnis wenn sie meinen poste nicht freischalten..

    wenige schritte von hier gibt’s eine kleine Kapelle. die tatsächlich offen war und habe einfach “geflucht”

    • mig sagt:

      Da haben Sie recht, dass in gewissem Althergebrachten und Vertrautem ein großer Trost liegen kann; und ruhig auch mal “hadern” im Gebet; das hat auch seinen Platz.

  6. Stephan sagt:

    Individualismus, Religionstourismus…also ich finde es nicht anziehend und nicht angemessen, so angesprochen zu werden. In Lettland hat man die Katholischen früher Papisten genannt. Sind nicht alle solche Denkweisen oder Haltungen etwas, was man verstehen kann, dem man auch mit Interesse und Respekt begegnen könnte und die ihren Platz im Orchester der Menschheit haben? Geht das nicht etwas in Richtung Publikumsbeschimpfung?

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