Man nehme: Denkvermögen, Menschenverstand und Gnade

In meinen bisherigen Beiträgen zu Gaudete et Exsultate habe ich den Text des Papstes als Fortschreibung oder Aktualisierung von Evangelii Gaudium beschrieben, und ich glaube auch, dass es die beste Weise ist, an das Schreiben inhaltlich heran zu gehen. Es gibt aber auch Dinge, die sich unterscheiden oder die deutlich darüber hinaus gehen.

Das Thema „Unterscheidung“ ist so ein Punkt.

Dach der Oude Kerk, Amsterdam

Dach der Oude Kerk, Amsterdam

Natürlich kommt das in der großen Programmschrift von 2013 auch vor, in Evangelii Gaudium heißt es zum Beispiel: „Jeder Christ und jede Gemeinschaft soll unterscheiden, welches der Weg ist, den der Herr verlangt“, „unterscheiden“ wird Teil der Reform oder Umkehr der Kirche (EG 20). An einer anderen Stelle und gleichfalls eher allgemein spricht er über sein Schreiben als eine Art Unterscheidung „Was ich vorzulegen gedenke, geht vielmehr in die Richtung einer Unterscheidung anhand des Evangeliums“ (EG 50). Insgesamt fünfzehn Mal kommt das Wort vor.

Später, nach Evangelii Gaudium, wird es dann konkreter und definierter. In Amoris Laetitia und der Debatte um die Familiensynode wird „Unterscheidung“ geradezu zum Streitfall: Woran mache ich christliches Leben fest? Wie finde ich heraus, was Gott für uns und mich will? An der Anwendung der Regeln?

 

Anleitung zur Nachfolgepraxis

 

Ein Mitbruder hat in einem jüngst erschienen Buch über den Papst die schöne Formulierung gefunden, Unterscheidung sei keine Methode zur Feststellung von Richtig und Falsch, sondern – wie Pater Andreas Batlogg es nennt – eine „Anleitung zur Nachfolgepraxis“.

Christus nachfolgen, darum geht es. Und mit diesem Grundverständnis lässt sich das, was der Papst schreibt, auch gut verstehen: „Wir brauchen [die Unterscheidung] immer, um fähig zu sein,  die Zeiten Gottes und seiner Gnade zu erkennen, um die Inspirationen des Herrn nicht zu verpassen, um seine Einladung zum Wachstum nicht vorbeigehen zu lassen“ (GE 169). Kurz: im Alltag Gott erkennen. „Wie wissen wir, ob etwas vom Heiligen Geist kommt?“ fragt der Papst in diesem Absatz.

Ich versuche mich im der Nachfolge, unterscheiden heißt schlicht schauen, wo der Herr hin führt, was der Geist sagt, wo Gott sich finden lässt.

 

Die Zutaten

 

Und der Papst stellt die Zutaten für diese Nachfolgepraxis vor: Denkvermögen, gesunder Menschenverstand und Gnade (GE 166). Es braucht erstens den Willen, in Frage zu stellen, also zu denken. Nachfolgepraxis muss Ausschau halten, um den, dem man folgen will, nicht aus dem Blick zu verlieren. Man meint, den Weg zu kennen, oder hat eine Karte in der Hand, oder man will selber diesen oder jenen Weg gehen. Wie einfach ist es da, im Gewühl etwa einer Stadt jemanden, dem man eigentlich folgt, aus dem Blick zu verlieren? Das kann etwas so Banales wie eine Reisegruppe hier in Rom sein, wer sich selber nicht hintenan stellt, der verliert Gruppe und Guide aus dem Blick. Und das gilt um so mehr bei einem Guide wie Jesus, der sich dauernd bückt um Menschen zu helfen.

Es braucht zweitens eine Intuition, ein Gespür, einen Sensus, also den Menschenverstand, der sich nichts vormachen lässt und der nicht auf Ideologie oder dergleichen herein fällt. Ein Verstand, der dem Kind gleich rufen kann, dass der Kaiser keine Kleider an hat. Und dann braucht es drittens Gott und Gottes Geist. Aber selbst das ist nicht rein passiv, diese Gabe können wir uns zu „entfalten bemühen“, wie der Papst schreibt, durch Gebet, Betrachtung, Lektüre etc.

Und was macht man, wenn man unterscheidet? Es geht nicht um die Anwendung von Rezepten oder die Wiederholung dessen, was sich in der Vergangenheit als richtig gezeigt hat, „denn die gleichen  Lösungen gelten nicht unter allen Umständen“ (GE 173). Die Umstände, die konkrete Situation, das bestimmt die Unterscheidung mindestens mit. So wichtig die Tradition und das Lehramt sind – und sie sind wichtig, es bewahrt das, was am fruchtbarsten für das Heute des Heils ist, schreibt der Papst – so darf es keine Starrheit werden. Unterwerfung von Realität unter Regeln ist nicht das, was Unterscheidung tut.

 

Viel Geduld

 

Letzte Zutat: Geduld. Unterscheidung ist kein „jetzt, sofort“ Generator. Die Zeitmaßstäbe Gottes entsprechen „niemals“ den unseren (GE 174). Ich muss mich zurück lehnen können, beten und warten können, großherzig sein, das Unkraut auch mal wachsen lassen.

Das Programm hier ist revolutionär. Auch wenn es nicht so daher kommt. Machen wir uns – jeder einzeln und in Gemeinschaft – dieses Vorgehen zu eigen, dann hat der Geist Gottes eine Chance, uns zu verwandeln.

Und damit wären wir dann wieder beim Grundanliegen der Schrift Evangelii Gaudium: der Umkehr und der Verwandlung in eine Kirche, die verkündet, statt um sich selbst zu kreisen.

 

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3 Kommentare zu Man nehme: Denkvermögen, Menschenverstand und Gnade

  1. Rosi Steffens sagt:

    Man nehme: … und schon meldet sich niemand mehr.

    Für mich persönlich ist Geduld die größte Anforderung an mich selbst, dahinein muss ich sehr viel Arbeit stecken, denn man hat so viele Dinge im Kopf, versucht sie zu verwirklichen und stellt dann erst fest, wie viele Menschen darin verwickelt sind.

    Was mir dabei hilft sind Gespräche, über Gedanken, die mich persönlich beschäftigen und die ich gerne offen lege, um die unterschiedlichen Ansichten dazu verarbeiten zu können. Meist gelingt es mir dadurch ein optimales Verhältnis zu dem zu entwicklen, was wirklich machbar ist, was einfach Zeit braucht und was ich selbst nocheinmal überdenken muss.

    Ich weiß nicht, ob sie das mit Unterscheidung meinen Pater Hagenkord, doch es ist sehr schwer seine Gedanken zugänglich zu machen und dabei nicht zu vergessen, das das im Grunde genommen jeder versucht. Das Schwierige daran ist, den richtigen Anfang zu finden und dabei das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Es besteht auch die Gefahr den Ursprung der eigenen Gedankengänge zu vergessen und sich dadurch aus dem Konzept bringen zu lassen. Ohne Ergebnis bleibt ein Ziel das seine Quelle nicht kennt, die es in Gedanken fassen kann, aus denen letztendlich die eigene Position gewonnen wird.

    • carn sagt:

      “Man nehme: … und schon meldet sich niemand mehr.”

      Ich kann mit dem Begriff “Unterscheidung” wenig anfangen; ergo halte ich lieber den Mund.

      • Rosi Steffens sagt:

        War als Scherz gedacht, ist man von mir wohl nicht gewohnt obwohl ich ein sehr lebensfroher und aufgeweckter Mensch bin.

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