Warum wolltest du Jesuit werden? Franziskus beantwortet Schülerfragen

Audienzhalle, 7. Juni

Audienzhalle, 7. Juni

Ein Nachtrag zum Blogeintrag von gestern: Die Fragen und Antworten. Einige habe ich ausgewählt und übersetzt, vor allem die persönlichen Fragen. Papst Franziskus sprach frei, die Version hier ist sprachlich etwas geglättet, um sie lesbar zu machen.

Der Moderator begann so: Eure Heiligkeit, die Fragen sind nicht vorbereitet, wollen Sie sie so beantworten, wie sie gestellt werden?[Der Papst nickt] … OK, nur zum Verständnis. Gut, fangen wir an.

 

Ich bin Sofia Grattarola vom Instituto Massimiliano Massimo. Ich möchte Sie fragen, ob Sie auch Freunde hatten, als Sie jung waren, wie alle Kinder. Und ob sie die jetzt, wo Sie Papst sind, noch sehen können.

 

Aber ich bin doch erst seit zweieinhalb Monaten Papst. … Meine Freunde sind vierzehn Flugstunden von hier entfernt, nicht wahr?, sie sind weit weg. Aber ich möchte dir etwas sagen: Drei von ihnen sind hergekommen um mich zu besuchen, und sie schreiben mir und ich wünsche ihnen alles Gute. Man kann nicht ohne Freunde leben: Das ist wichtig. Es ist ganz wichtig.

 

Franziskus, wolltest du denn Papst werden?

 

Aber du weißt doch, was passiert, wenn ein Mensch sich selber nichts Gutes wünscht. Ein Mensch, der Papst werden will, der den Willen dazu hat, der wünscht sich nichts Gutes. Gott segnet das nicht. Nein, ich wollte nicht Papst werden.

 

Warum wollten Sie Jesuit werden?

 

Heiligkeit, wir sind Monica und Antonella vom Chor der Schüler des Himmels vom Sozialinstitut in Turin. Wir möchten fragen: weil wir an einer Jesuitenschule erzogen wurden, wurden wir häufig eingeladen, die Spiritualität des heiligen Ignatius zu reflektieren. Deswegen wollen wir nach dem Augenblick fragen, als Sie sich für das Ordensleben entschieden haben, was hat das ausgelöst, das Sie Jesuit werden wollten und nicht Priester in einem Bistum oder eines anderen Ordens?

 

Was mir am meisten an der Gesellschaft [Gesellschaft Jesu = Jesuitenorden] gefallen hat war die Missionstätigkeit und ich wollte Missionar werden. Und als ich Philosophie studiert habe, habe ich an den Generaloberen geschrieben – nein, es war während der Theologie – da habe ich also dem Generaloberen Pater Arrupe geschrieben, dass er mich nach Japan schicken sollte oder woanders hin. Aber er hat gut nachgedacht und mir ganz klar gesagt: „Aber Sie haben doch eine Lungenkrankheit, das ist nicht gut für eine so harte Arbeit“, und so bin ich in Buenos Aires geblieben.

Aber es war gut von Pater Arrupe, dass er nicht gesagt hat „Sie sind nicht heilig genug, Missionar zu werden“: Er war gut, er sprach mit viel Nächstenliebe.

Das ist es, was mir so viel Kraft gegeben hat, Jesuit zu werden: Die Missionstätigkeit. Wegzugehen, in die Missionen zu gehen und Jesus Christus zu verkünden. Ich glaube, dass das zu unserer Spiritualität gehört, nicht wahr? Herausgehen, weggehen: Immer hinaus gehen um Jesus Christus zu verkünden, nicht in unseren Strukturen gefangen zu bleiben, Strukturen sind so flüchtig.

Das hat mich bewegt. Danke.

 

„Ich kann nicht alleine leben“

 

Ich bin Caterina De Marchis vom Instituto Leone XIII und ich frage mich: Warum haben Sie – oder hast Du – die Reichtümer des Papstes abgelehnt, zum Beispiel das große Apartment oder das große Auto, und bist stattdessen in ein kleines Apartment in der Nähe gezogen oder hast den Bus mit den Bischöfen genommen  … . Warum hast du das alles abgelehnt?

 

Ich glaube nicht, dass es nur um Reichtum geht. Bei mir ist das alles eine Frage der Persönlichkeit. Ich muss unter Leuten leben, wenn ich alleine leben würde oder sogar ein wenig isoliert, würde mir das nicht gut tun. Mich hat das auch ein Lehrer gefragt: „Warum leben Sie nicht dort?“ Ich habe geantwortet „Herr Professor, mir scheint aus psychiatrischen Gründen“. Das ist meine Persönlichkeit. Auch die Papstwohnung, die ist nicht luxuriös. Aber ich kann nicht alleine leben, verstehst du?

Aber dann denke ich auch, dass wir heute so viel Armut in der Welt haben und dass das ein Skandal ist. Die Armut in der Welt ist ein Skandal. In einer Welt, in der es so viel Reichtümer gibt, so viele Ressourcen, um allen zu Essen zu geben, kann man nicht verstehen, warum so viele Kinder hungrig bleiben, dass es Kinder ohne Erziehung gibt und so viele arme, nicht wahr? Die Armut heute ist ein Aufschrei. Wir alle müssen darüber nachdenken, wie wir ein wenig ärmer werden können. Wir alle müssen das machen. Wie kann ich ein wenig ärmer werden und Jesus mehr gleich werden, der der Meister der Armut war. Das ist die Frage. Aber es ist keine Frage meiner Tugend: Ich kann nicht alleine leben und auch die Frage des Autos, die du angesprochen hast: nicht so viele Dinge haben und ein wenig ärmer werden. Das beides ist es.

 

Ich heiße Eugenio Serafini, ich komme vom Instituto Cei, ‘Centro Educativo Ignaziano’. Ich möchte Ihnen eine kurze Frage stellen: Warum haben Sie die Entscheidung getroffen, nicht Vater zu werden, sondern Pfarrer, Jesuit? Wie haben sie das gemacht? War das nicht schwer, die Familie zu verlassen und die Freunde, was das nicht schwierig?

 

Also, das ist immer schwierig, immer. Für mich war das sehr schwer. Das ist nie leicht. Aber es gibt schöne Augenblicke und die Jesuiten helfen dir, das gibt dir ein wenig Freude. Aber es gibt diese schweren Momente, wenn du dich alleine fühlst, dich trocken fühlst, ohne innere Freude … Es gibt dunkle Augenblicke, der inneren Dunkelheit. Es gibt Schwierigkeiten. Aber es ist schön, Jesus nachzufolgen, mit Jesus auf dem Weg zu sein, dass du das ausgleichen kannst und weitergehen kannst. Und dann kommen schöne Momente. Aber niemand darf glauben, dass es im Leben keine Schwierigkeiten gibt.

Auch ich möchte jetzt eine Frage stellen: Wie glaubt ihr, dass es weitergeht, wenn es schwierig wird? Das ist nicht leicht, oder? Aber wir müssen weitergehen mit Vertrauen in den Herrn. Mit dem Herrn ist alles möglich.

 

Engagement aus dem Glauben

 

Heiliger Vater, ich bin Jesús Maria Martínez, ein Lehrer [Applaus im Publikum]

 

Du hast Fans, nicht wahr?

 

Ich unterrichte Spanisch und ich bin auch Spanier, aus San Sebastian. Ich unterrichte auch Religion. Ich spreche nicht in irgendeinem Namen, aber wenn ich die vielen ehemaligen Schüler sehe, und auch uns Erwachsene, die wir von Jesuiten erzogen wurden, dann stellen sich mir fragen zu unserem sozialen und politischen Engagement in der Gesellschaft, als Erwachsene in Jesuitenschulen. Wenn Sie etwas dazu sagen könnten: Wie unserer Arbeit heute in Italien und der Welt jesuitisch sein kann, evangelisch sein kann.

 

Sehr gut. Sich in die Politik einzubringen ist für einen Christen ein Muss. Wir Christen können nicht den Pilatus spielen und uns die Hände waschen, das können wir nicht. Wir müssen uns in die Politik einmischen, denn die Politik ist eine der höchsten Formen der Nächstenliebe, denn sie sucht das Gemeinwohl. Und die Laien müssen sich in der Politik einsetzen. Sie antworten mir „Das ist nicht einfach“. Aber es ist auch nicht einfach, Priester zu werden. Es gibt im Leben keine einfachen Dinge, das Leben ist nicht einfach.

Politik ist ein dreckiges Geschäft aber ich frage mich, warum das so ist. Weil sich die Christen nicht im Geist des Evangeliums einbringen? Es ist einfach zu sagen „die Schuld liegt bei dem und dem“, aber ich, was mache ich? Es ist ein Muss, der Einsatz für das Gemeinwohl ist ein Muss für einen Christen. Und häufig ist der Weg dazu eben die Politik. Es gibt andere Wege, den des Lehrers zum Beispiel. Aber das politische Tun für das Gemeinwohl ist ein wichtiger Weg. Das ist klar, oder?

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10 Kommentare zu Warum wolltest du Jesuit werden? Franziskus beantwortet Schülerfragen

  1. Teresa_von_A. sagt:

    Danke, dass Sie diesen Dilaog eingestellt haben, Herr Pater Hagenkord. Das ist wohl die schönste Berufungsgeschichte,die ich je gehört habe.Dass der Papst spontane Fragen zuläßt, zeigt, wie stabil er ist in seinem Innern.Ein didaktisches Ass ist er obendrein.Er hat sich als Kardinal ja auch oft mit Kindern und Jugendlichen befaßt.

  2. Andreas sagt:

    Der Bericht über die freimütige Begegnung des jesuitischen Papstes mit Schülerinnen und Schülern von Jesuitenschulen beweist (mir) nebenbei unbeabsichtigt und erfreulich, dass die Zeiten, in denen einen P. Clemente Pereira SJ mit seinem unseligen Traktat ‘Wer sagt uns die Wahrheit? Ein offenes Wort an reifende Jungen’ und ähnlich klingendem, sonderbaren Schriftgut “erhellend” durch die deutsche Schullandschaft zog, wohl endgültig vorbei sind.

    • Teresa_von_A. sagt:

      Andreas, der ist mit uns Mädchen g a n z anders umgegangen. Wir hatten Mitte der 60 er eine religiöse Woche bei ihm, er war auffallend lieb und freundlich. Seine Ansichten waren nicht anders als das, was einem von allen anderen Seiten entgegenkam. Dieses Freundliche vergesse ich nie. und dann möchte ich an seine sehr traurige Zeit im Krieg erinnern :-(..zusätzlich, da ich selber Kinder habe, zu jeder unmöglichen Schule oder PädagogikPraxis gehören Eltern, die ihre Kinder dorthin abschieben. Das ist ein Tabuthema. Theorie und Praxis sind bei jeder Weltanschauung und Geisteshaltung und Pädagogik in der Regel 2 Dinge.

      • Andreas sagt:

        Ich beziehe ich mich bloß auf den Inhalt des Traktats, nicht auf den freundlichen, von grausigen Schicksalsschlägen heimgesuchten Pater selber, wobei ich heute annehme, dass hinter den vordergründig pseudowissenschaftlich-aufklärerischen Bemühungen im Rahmen schulischer Einkehrtage auch subtil für den Priesterberuf geworben werden sollte. Da eine Ordination von Priesterinnen amtlich (noch) nicht vorgesehen ist, dürfte dieser Aspekt bei Besinnungstagen für Mädchen entfallen oder anders gewesen sein. Nun heute ziehen nicht mehr die Kleriker durch die Schulen, sondern Vertreter der Bundeswehr. Der couragierte Widerstand gegen solches Ködern wurde kürzlich mit einem Aachener Friedenspreis ausgezeichnet: http://www.aachener-friedenspreis.de/preistraeger/archiv/jahr-2013.html.

  3. Pingback: Papst Franziskus beantwortet Schülerfragen | kopten ohne grenzen

  4. Ruthild Szybalsky sagt:

    So einen Papst hatten wir noch nie!
    Ich finde es sehr beeindruckend, wie offen er ist und wie er Fragen beantwortet.
    Er redet nicht “um den heißen Brei” herum.
    Er wirkt so natürlich, so menschlich, wie “einer von uns”…
    übrigens: ich bin evanglische Christin! Aber Gott ist weder evangelisch, noch katholisch. Und diesen Papst würde ich wirklich gerne einmal persöhnlich kennen lernen!

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