„Wohin ist Gott?“ Die kleinen Transzendenzen des säkularen Menschen

Pater Mateo Ricci, Chinamissionar, mit einem chinesischen Förderer

Pater Mateo Ricci

An diesem Freitag ist in Vallendar ein Kongress zur Frage des Glaubens in säkularer Gesellschaft zu Ende gegangen. Wie heute Sinndeutung und Transzendenz erfahren werden kann und wie das alles zu einem Impuls für die Missionarische Seelsorge bzw. Neuevangelisierung werden kann, darüber habe mit dem Organisator des Kongresses gesprochen, Prof. Joachim Söder. Ein Gespräch über die Wichtigkeit von Erfahrung und die Transzendenzerfahrung säkularer Menschen.

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Der Kongress stand unter dem Titel „Wohin ist Gott?“. Wenn man Ihnen jetzt nach dem Kongress die Frage noch einmal stellt, was ist dann Ihre Antwort, wohin ist Gott?

 

Er ist hinein in die säkulare Welt gegangen, so wie es schon im Neuen Testament heißt: Er hielt nicht fest an seiner Gottheit, sondern hat sich entäußert und sich in die ‚säkulare’ Welt hinein begeben.

 

Von dem Kongress sollen Impulse ausgehen, für die Neuevangelisierung etwa und die Bischofssynode zu diesem Thema im Herbst in Rom, wie stellen Sie sich diese Impulse vor?

 

Zum Beispiel, indem wir uns nun über das eine oder das andere Thema von uns hier in Vallendar unterhalten und ich Sie damit vielleicht interessiere.

 

Was ist denn interessant gewesen an diesem Kongress?

 

Interessant gewesen ist, dass aus den unterschiedlichsten Fachbereichen – Philosophie, Soziologie, Psychologie, Pastoraltheologie, Fundamentaltheologie – jeweils eine Perspektive auf das Phänomen der Säkularisierung und dem theologisch-religiös-kirchlichen Umgang damit, nämlich der Frage, wie Neuevangelisierung erfolgen kann, geleistet wurde.

Diese Perspektivenvielfalt hat doch zu einem ganz interessanten Bild geführt.

 

Was sind denn zum Beispiel Teile dieses Bildes?

 

Vielleicht lassen Sie uns zunächst einmal über das Phänomen der Säkularisierung sprechen. Säkularisierung kann zweierlei bedeuten. Einmal kann es eine Verlagerung der spirituellen Dimension des Menschseins bedeuten; in Bereiche hinein, die kirchlich-theologisch schwer oder nicht erschlossen sind. Oder aber sie bedeutet einen Verlust der spirituellen Dimension des Menschseins, ein Verlust auf Grund von mangelnden Artikulationsmöglichkeiten.

Im zweiten Fall wäre das eine tiefgreifende anthropologische Herausforderung, denn ein Verlust der spirituellen Dimension heißt ja, dass der Mensch sein Menschsein nicht in Fülle entfalten kann.

Die erste Bedeutung von Säkularisierung, also wenn es sich nur um eine Verlagerung handelt in Bereiche hinein, die kirchlicher Verkündigung nur schwer oder gar nicht zugänglich sind, stellt eine theologische Herausforderung.
Über beide Aspekte haben wir auf diesem Kongress recht ausführlich gesprochen.

 

Sprechen wir über das Sprechen: In welcher Sprache kann man heute über so etwas wie Transzendenzerfahrung sprechen, wenn sie nicht mehr im genuin religiösen Bereich stattfindet?

 

Eben in der Sprache der Welt. Es wurde auf dem Kongress mehrfach der Vergleich mit der Geschichte der Jesuiten in China bemüht. Die Chinamission der Jesuiten fand nicht so statt, dass Matteo Ricci dahin gegangen ist und auf Latein das Wort Gottes gepredigt hat. Er hat zunächst Chinesisch gelernt.

Im Zeitalter der Säkularisierung heißt das, dass die kirchliche Verkündigung die Sprache der Welt lernen muss. Nur in der Sprache der Welt kann eine Botschaft verständlich gemacht werden.

Das heißt aber auch, dass die „kleinen Transzendenzen“ (ein Begriff von Peter Berger) in der Sprache der Welt entdeckt werden können. Gotteserfahrung muss nicht gleich eine Epiphanie mit Pauken und Trompeten, Donner und Blitz heißen, sondern: Das Aufscheinen einer anderen Dimension des Menschseins durch die Erfahrung von Liebe, Angenommen-Sein. Oder wenn ich meinen Hunger nach Leben, der mehr ist als nur ein biochemischer Stoffwechselprozess, artikuliere und eine Ahnung bekomme, wie er gestillt werden kann.

Ich denke, dass auch der säkulare Mensch diesen Hunger nach Leben und diese Sehnsucht nach Liebe hat. Aber ihm ist häufig überhaupt nicht klar, dass in diesen Erfahrungen tatsächlich so etwas wie eine Transzendenzbegegnung stattfinden kann.

 

Dann bin ich jetzt einmal der Advocatus Diaboli und halte Ihnen entgegen, dass solch eine Transzendenz etwas zu kurz gegriffen sein kann: Ich habe in der Religion keine Sprache mehr, um über Transzendenz zu sprechen, also nehme ich ganz normale Erlebnisse und nenne das einfach transzendent und dann ist alles gut. Ist das nicht zu einfach?

 

Wenn ich Sie richtig verstehe, sind Ihnen diese kleinen Transzendenzen, von denen ich gesprochen habe, noch nicht transzendent genug …

 

… Mir fehlt der kritische Aspekt: Wie kann ich diese „kleinen Transzendenzen“ unterscheiden von ganz normalen Vorgängen?

 

Die Frage ist: Wenn nach christlichem Verständnis Gott alles in Allem ist, dann müsste es im Prinzip möglich sein, in jedem Augenblick und in jeder Begegnung eine kleine Transzendenzerfahrung zu machen.

Es gibt dann keinen Bereich, der prinzipiell gottlos oder transzendenzlos wäre.
Die Frage ist nur, wie man das aufschlüsseln kann. Wenn wir jemandem ein Wort des Evangeliums versuchen aufzuschließen, dann passiert die Sinnkonstitution auf Seite des Hörers. Diese Dimension ist neu ernst zu nehmen. Was heißt das, einem säkularen Zeitgenossen die frohe Botschaft neu nahe zu bringen.

Letztendlich ist es der Hörer, der den Sinn zumindest mit-konstituiert. Er wird nicht von uns gemacht, wir können diesen Sinn nicht einfach 1zu1 weiter transportieren. Glaubensweitergabe war noch nie und ist in heutiger Zeit eben auch nicht substanziell zu verstehen also ob der Glaube ein Gefäß wäre, das man von Generation zu Generation weiter geben könnte.

Es ist ein Beziehungsgeschehen, das sich zwischen dem Sprecher, der Botschaft und dem Empfänger als drei Sinnkonstituenten ereignet.

 

Was von all dem würden Sie denn zum Beispiel den Synodenteilnehmern hier in Rom im Herbst mitgeben, oder denjenigen, die sich jetzt um erneuerte Evangelisierung und missionarische Pastoral kümmern? Sagen wir, als Nummer Eins und Nummer zwei Thema?

 

Das Nummer Eins Thema wäre, dass wir stärker noch in den Blick nehmen als es mir bisher zu sein scheint, dass Glaube nicht nur eine Wissensdimension hat. Glaube ist nicht nur etwas Kognitives.

Es braucht eine affektive Grundstimmung. Es braucht eine Geöffnetheit des Menschen, es braucht Erfahrungen, die dann religiös gedeutet werden können. So richtig und wichtig es ist, den Glauben in seiner verbindlichen und ausformulierten Form weiter zu geben, zum Beispiel im Katechismus: Wir werden mit der Neuevangelisierung kaum weiter kommen, wenn wir nicht den ganzen Menschen in den Blick nehmen und uns trauen, die Erlebnisse des säkularen Menschen religiös zu deuten und damit Transzendenzerfahrungen zu vermitteln.

Diese Erfahrungsdimension scheint nicht nur mir sondern allen anderen Kongressteilnehmern das Nummer Eins Thema zu sein. Erst auf einer Transzendenzerfahrung kann dann ein kognitives Weiterdenken erfolgen.

 

Prof. Söder, ganz herzlichen Dank für dieses Gespräch.

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