„Wohin ist Gott?“ Die kleinen Transzendenzen des säkularen Menschen

Pater Mateo Ricci, Chinamissionar, mit einem chinesischen Förderer

Pater Mateo Ricci

An diesem Freitag ist in Vallendar ein Kongress zur Frage des Glaubens in säkularer Gesellschaft zu Ende gegangen. Wie heute Sinndeutung und Transzendenz erfahren werden kann und wie das alles zu einem Impuls für die Missionarische Seelsorge bzw. Neuevangelisierung werden kann, darüber habe mit dem Organisator des Kongresses gesprochen, Prof. Joachim Söder. Ein Gespräch über die Wichtigkeit von Erfahrung und die Transzendenzerfahrung säkularer Menschen.

http://212.77.9.15/audiomp3/00318752
 

 

Der Kongress stand unter dem Titel „Wohin ist Gott?“. Wenn man Ihnen jetzt nach dem Kongress die Frage noch einmal stellt, was ist dann Ihre Antwort, wohin ist Gott?

 

Er ist hinein in die säkulare Welt gegangen, so wie es schon im Neuen Testament heißt: Er hielt nicht fest an seiner Gottheit, sondern hat sich entäußert und sich in die ‚säkulare’ Welt hinein begeben.

 

Von dem Kongress sollen Impulse ausgehen, für die Neuevangelisierung etwa und die Bischofssynode zu diesem Thema im Herbst in Rom, wie stellen Sie sich diese Impulse vor?

 

Zum Beispiel, indem wir uns nun über das eine oder das andere Thema von uns hier in Vallendar unterhalten und ich Sie damit vielleicht interessiere.

 

Was ist denn interessant gewesen an diesem Kongress?

 

Interessant gewesen ist, dass aus den unterschiedlichsten Fachbereichen – Philosophie, Soziologie, Psychologie, Pastoraltheologie, Fundamentaltheologie – jeweils eine Perspektive auf das Phänomen der Säkularisierung und dem theologisch-religiös-kirchlichen Umgang damit, nämlich der Frage, wie Neuevangelisierung erfolgen kann, geleistet wurde.

Diese Perspektivenvielfalt hat doch zu einem ganz interessanten Bild geführt.

 

Was sind denn zum Beispiel Teile dieses Bildes?

 

Vielleicht lassen Sie uns zunächst einmal über das Phänomen der Säkularisierung sprechen. Säkularisierung kann zweierlei bedeuten. Einmal kann es eine Verlagerung der spirituellen Dimension des Menschseins bedeuten; in Bereiche hinein, die kirchlich-theologisch schwer oder nicht erschlossen sind. Oder aber sie bedeutet einen Verlust der spirituellen Dimension des Menschseins, ein Verlust auf Grund von mangelnden Artikulationsmöglichkeiten.

Im zweiten Fall wäre das eine tiefgreifende anthropologische Herausforderung, denn ein Verlust der spirituellen Dimension heißt ja, dass der Mensch sein Menschsein nicht in Fülle entfalten kann.

Die erste Bedeutung von Säkularisierung, also wenn es sich nur um eine Verlagerung handelt in Bereiche hinein, die kirchlicher Verkündigung nur schwer oder gar nicht zugänglich sind, stellt eine theologische Herausforderung.
Über beide Aspekte haben wir auf diesem Kongress recht ausführlich gesprochen.

 

Sprechen wir über das Sprechen: In welcher Sprache kann man heute über so etwas wie Transzendenzerfahrung sprechen, wenn sie nicht mehr im genuin religiösen Bereich stattfindet?

 

Eben in der Sprache der Welt. Es wurde auf dem Kongress mehrfach der Vergleich mit der Geschichte der Jesuiten in China bemüht. Die Chinamission der Jesuiten fand nicht so statt, dass Matteo Ricci dahin gegangen ist und auf Latein das Wort Gottes gepredigt hat. Er hat zunächst Chinesisch gelernt.

Im Zeitalter der Säkularisierung heißt das, dass die kirchliche Verkündigung die Sprache der Welt lernen muss. Nur in der Sprache der Welt kann eine Botschaft verständlich gemacht werden.

Das heißt aber auch, dass die „kleinen Transzendenzen“ (ein Begriff von Peter Berger) in der Sprache der Welt entdeckt werden können. Gotteserfahrung muss nicht gleich eine Epiphanie mit Pauken und Trompeten, Donner und Blitz heißen, sondern: Das Aufscheinen einer anderen Dimension des Menschseins durch die Erfahrung von Liebe, Angenommen-Sein. Oder wenn ich meinen Hunger nach Leben, der mehr ist als nur ein biochemischer Stoffwechselprozess, artikuliere und eine Ahnung bekomme, wie er gestillt werden kann.

Ich denke, dass auch der säkulare Mensch diesen Hunger nach Leben und diese Sehnsucht nach Liebe hat. Aber ihm ist häufig überhaupt nicht klar, dass in diesen Erfahrungen tatsächlich so etwas wie eine Transzendenzbegegnung stattfinden kann.

 

Dann bin ich jetzt einmal der Advocatus Diaboli und halte Ihnen entgegen, dass solch eine Transzendenz etwas zu kurz gegriffen sein kann: Ich habe in der Religion keine Sprache mehr, um über Transzendenz zu sprechen, also nehme ich ganz normale Erlebnisse und nenne das einfach transzendent und dann ist alles gut. Ist das nicht zu einfach?

 

Wenn ich Sie richtig verstehe, sind Ihnen diese kleinen Transzendenzen, von denen ich gesprochen habe, noch nicht transzendent genug …

 

… Mir fehlt der kritische Aspekt: Wie kann ich diese „kleinen Transzendenzen“ unterscheiden von ganz normalen Vorgängen?

 

Die Frage ist: Wenn nach christlichem Verständnis Gott alles in Allem ist, dann müsste es im Prinzip möglich sein, in jedem Augenblick und in jeder Begegnung eine kleine Transzendenzerfahrung zu machen.

Es gibt dann keinen Bereich, der prinzipiell gottlos oder transzendenzlos wäre.
Die Frage ist nur, wie man das aufschlüsseln kann. Wenn wir jemandem ein Wort des Evangeliums versuchen aufzuschließen, dann passiert die Sinnkonstitution auf Seite des Hörers. Diese Dimension ist neu ernst zu nehmen. Was heißt das, einem säkularen Zeitgenossen die frohe Botschaft neu nahe zu bringen.

Letztendlich ist es der Hörer, der den Sinn zumindest mit-konstituiert. Er wird nicht von uns gemacht, wir können diesen Sinn nicht einfach 1zu1 weiter transportieren. Glaubensweitergabe war noch nie und ist in heutiger Zeit eben auch nicht substanziell zu verstehen also ob der Glaube ein Gefäß wäre, das man von Generation zu Generation weiter geben könnte.

Es ist ein Beziehungsgeschehen, das sich zwischen dem Sprecher, der Botschaft und dem Empfänger als drei Sinnkonstituenten ereignet.

 

Was von all dem würden Sie denn zum Beispiel den Synodenteilnehmern hier in Rom im Herbst mitgeben, oder denjenigen, die sich jetzt um erneuerte Evangelisierung und missionarische Pastoral kümmern? Sagen wir, als Nummer Eins und Nummer zwei Thema?

 

Das Nummer Eins Thema wäre, dass wir stärker noch in den Blick nehmen als es mir bisher zu sein scheint, dass Glaube nicht nur eine Wissensdimension hat. Glaube ist nicht nur etwas Kognitives.

Es braucht eine affektive Grundstimmung. Es braucht eine Geöffnetheit des Menschen, es braucht Erfahrungen, die dann religiös gedeutet werden können. So richtig und wichtig es ist, den Glauben in seiner verbindlichen und ausformulierten Form weiter zu geben, zum Beispiel im Katechismus: Wir werden mit der Neuevangelisierung kaum weiter kommen, wenn wir nicht den ganzen Menschen in den Blick nehmen und uns trauen, die Erlebnisse des säkularen Menschen religiös zu deuten und damit Transzendenzerfahrungen zu vermitteln.

Diese Erfahrungsdimension scheint nicht nur mir sondern allen anderen Kongressteilnehmern das Nummer Eins Thema zu sein. Erst auf einer Transzendenzerfahrung kann dann ein kognitives Weiterdenken erfolgen.

 

Prof. Söder, ganz herzlichen Dank für dieses Gespräch.

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12 Antworten auf „Wohin ist Gott?“ Die kleinen Transzendenzen des säkularen Menschen

  1. F. M. sagt:

    Alle reden über eine ach so dringende Neuevsngelisierung und keiner tut es. Und das seit dem Ende des zweiten Vaticanums. So wird das nichts.
    Hier wird über eine dringend notwendige Neuevangelisierung gesprochen in einem Theologen-Kauderwelsch, das mich an Mediziner-Kongresse über parenterale Ernährung bei Katatonie erinnert. Diesen Theologen-Sprech versteht niemand. So wird das nichts.
    Der Letzte, der eine -fulminante- Neuevangelisierung geschafft hat, war Martin Luther. Und wie hat er das geschafft? Sie wissen es: er hat “dem Volk aufs Maul geschaut” und eine ganze Menge allerheiligster, katholischer Kühe geschlachtet. So wird das was.
    Wenn man sich traut. Aber niemand traut sich und die die es könnten und wollten, kommen auf den -Gott sei Dank nur noch virtuellen- Scheiterhaufen, weil sie vorgeschlagen haben, ein paar allerhöchstwürdige Kühe zu Schnitzel zu verarbeiten.
    Das ganze Gerede kommt mir vor, als würden Betonköpfe in einer Wagenburg übers Überleben sprechen.
    Wenn wir noch lange wie Betonköpfe aus der Wagenburg reden, ist es ein für all mal vorbei mit der Neuevangelisierung. Dann schrumpft die große römisch-katholische Volkskirche zur Sekte auf dem Niveau der Amish oder Hutterer. Dann werden wir zu den katholischen Neinsagern und Hexenverbrennern, die die Piusbrüder heute schon sind. Schade eigentlich. Aber niemand traut sich eben dem Papst zu sagen, dass sein Pferd tot ist.

    Zitat Christian Nürnberger: O Jesus
    Dogmatische Abrüstung wäre daher angesagt. Dieser noch unbeschrittene, nicht zu Pferd, sondern nur zu Fuß gangbare Weg des “geistlich Armen” ist die vermutlich letzte Chance beider Kirchen. Ihn zu gehen, hieße: Vom Dogma schweigen, aber den Willen Gottes tun, also die Armut bekämpfen, Unterdrückten zur Freiheit verhelfen, der Wahrheit Geltung verschaffen, Frieden stiften, Kranke heilen, die Mächtigen kritisieren, falschen Göttern den Gehorsam kündigen. Und hoffen, dass sich dann erfüllt, was verheißen wurde: Wer den Willen Gottes tut, wird Gott schauen./Zitat Ende

    • Silvia Brückner sagt:

      Es ist ja nicht nur die kaum verständliche Theologensprache, es ist generell beim Klerus ein Riesenabstand zum Leben der Laien feststellbar.

      Es fehlt psychologisches Grundwissen, Basiswissen in klientenzentrierter Gesprächsführung, oft auch die Fähigkeit zu Empathie.

      Und es fehlt das Interesse daran, welche spirituellen Angebote, z.B. Meditation, mehr Raum zur Stille, heutige Menschen ansprechen.

      Wenn nach dem Gottesdienst die Kerzen am Marienaltar schon gelöscht werden, während man noch dort steht um ein KURZES gebet zu verrichten, wenn man außerhalb der Gottesdienstzeiten nicht mal fünf Minuten in Ruhe beten kann, weil Mesnerin und Diakone laut klappernd und sprechend in der Kirche hantieren, wenn der so groß angepriesene Raum der Stille nur zu ganz wenigen Zeiten zugänglich ist ….

      Um nur ein paar meiner alltäglichen Erfahrungen zu nennen. Da fehlt einfach das Gespür für die Bedürfnisse der Menschen, und wenn das schon im Kleinen so ist, wie soll es dann im Großen klappen?

      • Teresa_von_A. sagt:

        dem ist quasi nichts mehr hinzuzugfügen, silvia.obwohl ich noch ne riesenlatte eigeneer geschichten erzählen könnte.keine zeit, keine zeit..klerus und keine zeit.aber daran ist nicht der klerus schuld. :-(..dass die kirchen geschlosen sind, hat mit raub und wüstenei zu tun in berlin.

  2. Teresa_von_A. sagt:

    Neuevangelisierung. Es wird hoffentlich bedacht, dass auch die Hirten es nötig haben. Der direkte Bezug zu Jesus und Gott..sonst können wir warten auf den Sankt Nimmerleinstag. Da wird alles beim Alten bleiben.Es müssen auch evangelische Kühe ran..eine meiner Freundinnen ist Pastorentochter und geht gerne ich die Kirche. Ach ja, meinte sie neulich zu mir. Bei den Protestanten ist es zu irdisch und die Katholiken dürfen nichts.

    • F. M. sagt:

      Ihre Freundin hat es auf den Punkt gebracht. Die römisch-katholische Kirche benötigt fast dreitausend Paragrafen auf über achthundert Seiten des Katechismus, um den Menschen Vorschriften zu machen. Da kennt sich doch keine S.. mehr aus; aber viele Menschen mögen die protestantische Nüchternheit, wenn ihnen der katholische Prunk, der ja manchmal sogar recht protzig wirkt, zu viel des Guten wird.

      • Teresa_von_A. sagt:

        ich erlebe gerade den horrortrip schechthin, weil bei meiner wiederaufnahme in die kirche das eine oder andere zu kreativ war, werde ich nun vom neokatechumenat zur minna gemacht..aber ohne mich.

        • Silvia Brückner sagt:

          Ist das Neokatechumenat selbst denn überhaupt anerkannt?

          In unserer Kirche blickt man ja bald gar nicht mehr durch.

          • Teresa_von_A. sagt:

            eigens vom papst samt deren sonderliturgie mit sonderpredigten.anerkannt auf ewig…aber wir haben uns durchgesetzt, keine sorge…

  3. Ameleo sagt:

    Ein sehr kluger Mensch, der Joachim Söder! Bei den “kleinen Transzendenzen” anzusetzen, gefällt mir sehr gut. So sehe ich es auch: sensibel werden für den Alltag, das eigene Leben, mich selbst, meine Sehnsüchte, meinen “Hunger”, daneben auch den Blick auf die/den Nächsten_n richten und in vielem (“alle” wird ja abgeschafft…) etwas von Gottes Gegenwart durchschimmern sehen.

    Die Evangelien sprechen in den Gleichnissen Jesu, in seinen Heilungen, Gesprächen, Auseinandersetzungen fast konsequent nur von Alltagserfahrungen und nur zu einem geringeren Teil (abhängig vom jeweiligen Evangelisten) hochtheologisch. Wenn Gott uns nicht im Alltag begegnet, beim Spülen, am Computer, beim Kind ins Bett bringen, Streiten und Lieben, im Staunen, Trauern … wo denn dann?

    Sehr gut gefällt mir am Ende des Interviews seine Betonung darauf “dass Glaube nicht nur eine Wissensdimension hat. Glaube ist nicht nur etwas Kognitives.” Es ist wesentlich die Erfahrungsdimension, die Menschen glauben lässt. Das Wissen ist erst nachrangig interessant.

    Ein Ansatz, der im Beginn auf Katechismen setzt, muss notwendigerweise ins Leere führen, es sei denn, er trifft auf Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen erfahrungsresistent sind, d.h. unfähig, eigene Erfahrungen wahrzunehmen und zu reflektieren sowie daraus (auch religiöse/geistliche) Konsequenzen zu ziehen.

    • Teresa_von_A. sagt:

      Ameleo, ich denke, die nehmen ausschließlich i h r e erfahrungen wahr und setzten die absolut.das gilt für rechts und links.

  4. Teresa_von_A. sagt:

    Auf die Frage, Wohin ist Gott? antworte ich, wo man ihn hingestellt hat. In die Ecke, zum Zuschauerdasein verdammt, der für alles verantwortlich ist, was der Mensch nicht erklären kann.Bei Christen ist Gott in Dogmen und Katechismen gepresst. Ist doch soviel einfacher, ü b e r ihn zu reden, als mit ihm. Weitere Frage: wohin ist der Mensch?Antwort, die meisten Menschen, auch die Christen, sind überall da, wo Gott nicht hindarf. Das nennen sie dann Freiheit.Die Christen haben ihre kleinen und großen Transzendenzien.Festgemauert zum Teil..bevor man die Welt verändert, kehre man vor seiner eigenen Kirchentür.

  5. Teresa_von_A. sagt:

    Heute in der Kirche kam 2.Petrusbrief, Kapitel 1, ab Vers 3 an die Reihe. Die göttlichen Gaben. Was brauch ich da noch Neuevangelisierung, denn deutlicher als dieses Kapitel ist nichts.

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