Ausgesprochen

Es ist eines der großen Themen der Kirche in Chile, wie es das ab 2010 in Deutschland auch war: die sexuelle Gewalt, ausgeübt von Klerikern und Ordensleuten. Und während im Vorfeld des Papstbesuches dort zunächst der Blick auf die Spannungen mit der indigenen Bevölkerung des Landes auf den Titelseiten landeten – der Versuch, Kirchen anzuzünden, wird einer gewaltbereiten Gruppe von Mapuche zugeschrieben – ist es nun der Missbrauch, der sich als Thema durch den Besuch zieht.

Und das liegt auch am Papst selber. Gleich in seiner ersten Ansprache hat Papst Franziskus das angesprochen. Klar und deutlich:

„Und hier kann ich nicht umhin, den Schmerz und die Scham zum Ausdruck zu bringen, die ich angesichts des nicht wieder gutzumachenden Schadens empfinde, der Kindern von Geistlichen der Kirche zugefügt worden ist. [Applaus] Ich möchte mich mit den Mitbrüdern im Bischofsamt vereinen; denn es ist recht, um Verzeihung zu bitten und mit allen Kräften die Opfer zu unterstützen. Zugleich müssen wir uns dafür einsetzen, dass sich dies nicht wiederholt“.

Santiago de Chile, die Franziskanerkirche, älteste Kirche des Landes

Licht und Schatten der Kirche: Santiago de Chile, die Franziskanerkirche, älteste Kirche des Landes

Und das in einer Rede vor allen Vertretern von Staat und Gesellschaft, samt diplomatischen Corps. Das ist ein deutliches Signal zu Beginn der Reise. Das zeigt sehr deutlich, dass der Papst und der Vatikan verstanden haben, welch gesellschaftliche Sprengkraft das Thema hat.

In Chile geht es vor allem immer wieder um einen Täter, der von der Kirche als Priester auf Lebenszeit suspendiert ist und der nicht auftreten darf, dessen Taten strafrechtlich aber verjährt sind. Zu seinen Vertrauten gehören einige, die seitdem Bischöfe geworden sind, in eine Versetzung eines solchen Bischofs war auch Papst Franziskus involviert. Erst vor einigen Tagen hatte die Washington Post von einem angeblichen Brief des Papstes zu diesem Thema berichtet. Ob das alles so stimmt, ist nicht klar, die Geschichte zeigt aber, wie verworren der Umgang mit den Tätern ist.

 

Für Gerechtigkeit arbeiten

 

In seiner Predigt während der ersten öffentlichen Messe hat er das Thema nicht angeschnitten, aber einen in Chile sehr bekannten Satz eines ehemaligen und sehr verehrten Bischofs zitiert: „wenn du den Frieden willst, arbeite für die Gerechtigkeit“, und das kann man durchaus auch in diesem Zusammenhang sehen.

Es folgte ein Treffen in einem Frauengefängnis, auch da war das nicht Thema, mittags traf der Papst dann eine kleine Gruppe von Missbrauchsopfern. Das war nicht Teil des offiziellen Programms, wohl auch um den Betroffenen die Entscheidung zu überlassen, das öffentlich zu machen oder nicht. Nur sie und der Papst waren dabei, niemand sonst, und der Papst habe zugehört und mit ihnen geweint, berichtete der Pressesprecher des Vatikan nachher.

Gesprochen hat der Papst dann aber wieder – wie sollte es auch anders sein – sehr deutlich beim Treffen mit Priestern, Seminaristen und Ordensleuten:

„Ich kenne den Schmerz, den die Missbrauchsfälle an Minderjährigen bedeutet haben und ich verfolge mit Interesse, was Ihr tut, um dieses schwere und schmerzhafte Übel zu überwinden. Schmerz wegen des Schadens und des Leidens der Opfer und ihrer Familien, die in ihrem Vertrauen betrogen worden sind, das sie in die Diener der Kirche gesetzt hatten. Schmerz wegen des Leidens der kirchlichen Gemeinschaften, aber auch Schmerz für euch, Brüder, die ihr neben den Strapazen eures aufopfernden Dienstes den Schaden durch Misstrauen und Infragestellung erlitten habt, der bei einigen oder gar vielen zu Zweifeln, Angst oder einem Mangel an Vertrauen geführt hat. Ich weiß, dass ihr manchmal in der U-Bahn oder auf der Straße beschimpft worden seid und dass ihr an vielen Orten einen hohen Preis zahlen müsst, wenn ihr Priesterkleidung tragt.“

Damit setzt er nicht etwa das Leiden der Opfer auf eine Ebene mit dem der Opfer, aber er spricht von der Realität des angerichteten Schadens im Leben aller, im Leben der ganzen Kirche. Es ist eben nicht etwas, was nur die Opfer oder die Überlebenden angeht. Die Täter haben eben auch die ganze Kirche geschädigt und all diejenigen, die das auszubaden haben. Das ist nicht Schuld der Medien oder einer auf Skandal versessenen Öffentlichkeit, das ist auch Schuld der Täter. Das geht auch auf ihr Konto.

 

Was Gott uns in all dem sagt

 

Und dann fuhr der Papst fort:

„Aus diesem Grund schlage ich vor, dass wir Gott um die klare Einsicht bitten, die Realität beim Namen zu nennen, um die Kraft um Vergebung zu bitten und um die Fähigkeit zu lernen auf das zu hören, was Er uns sagt“.

Das ist der Schluss, den die Kirche aus all dem ziehen muss: die Realität beim Namen nennen fällt immer noch vielen schwer, auch in der Kirche, auch unter Priestern und Ordensleuten. Auch unter Gläubigen, wo ich selber immer wieder höre, dass es jetzt aber reicht und dass wir auch mal drüber hinweg kommen müssen.

Noch ist der Schaden da und er ist hart. Und was der Papst als Ratschlag den Priestern mitgibt ist genau das, was er selber auch tut: er nennt die Realität beim Namen und bittet um Vergebung. Und versucht zu lernen, was Gott uns in all dem sagen will.

Das mindestens ist etwas, was auch bei uns noch Nachhilfe gebraucht.

 

 

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27 Kommentare zu Ausgesprochen

  1. carn sagt:

    „Das ist der Schluss, den die Kirche aus all dem ziehen muss: die Realität beim Namen nennen fällt immer noch vielen schwer, auch in der Kirche, auch unter Priestern und Ordensleuten. Auch unter Gläubigen, wo ich selber immer wieder höre, dass es jetzt aber reicht und dass wir auch mal drüber hinweg kommen müssen.“

    Zwar sollte die Realität beim Namen genannt werden.

    Aber bei jeder Benennung der Realität benennt man nicht die ganze, sondern nur bestimmte Ausschnitte und erzeugt damit bestimmte Eindrücke. Und das kann auch unterschiedlich gesehen werden.

    Z.b. ist die katholische Kirche nicht die einzige Institution/Großorganisation, in der Missbrauch in einigen Fällen vertuscht wird. Durch Benennug der Realität, dass das bei der RKK passiert/passiert ist, kann es aber vorkommen, dass gerade der Eindruck entsteht, bei der RKK sei das Problem viel mehr ausgeprägt als bei anderen Institution, womit die Benennung der Realität dann auf Umwegen bei einigen Adressaten zu einem falschen Eindruck führt.

    Und da sehen vielleicht einige ein Problem.

    • Pater Hagenkord sagt:

      Soll das jetzt eine Entschuldigung dafür sein, nicht darüber reden zu wollen? „Die anderen haben aber auch …“ ist genau das, wovor der Papst warnt. Es hat Missbrauch gegeben, darüber müssen wir reden, da müssen wir denen zuhören, die es betrifft. Und dieses Zeugnis mag dann Wirkung zeigen, diese Offenheit und Ehrlichkeit und dieses Mühen wird Wirkung zeigen. Ein vorsichtiges Verschweigen, weil ja irgendwie ein falscher Eindruck erzeugt werden könne, ist die Quelle des Übels des Vertuschens.

      • carn sagt:

        „Soll das jetzt eine Entschuldigung dafür sein, nicht darüber reden zu wollen?“

        Nein. Sondern ein Hinweis, wo manche ein Problem sehen könnten. Kennen Sie das Konzept, dass man versucht Positionen von anderen darzustellen, die nicht die eigenen sind?

        „Ein vorsichtiges Verschweigen, weil ja irgendwie ein falscher Eindruck erzeugt werden könne, ist die Quelle des Übels des Vertuschens.“

        Stimmt ja; nur fallen Sie bitte nicht dem Irrtum zum Opfer, ein klares Benennen, eine ehrliche Aufarbeitung, eine ehrliche Bitte um Verzeihung, eine angemessene Entschädigung und gute Maßnahmen zur Vermeidung zukünftigem Missbrauchs würde irgendwie dazu führen, dass dann ein angemessener und richtiger öffentlicher Eindruck entsteht.

        Diese Dinge sind richtig und wichtig, werden aber an der öffentlichen Verurteilung und Wahrnehmung der RKK bei dem Thema nichts ändern.

        • Pater Hagenkord sagt:

          Es geht nicht um das Erzeugen von Eindrücken. Es geht um Menschen und den Schaden, der angerichtet wurde. Ein ehrliches Aufarbeiten muss zwecklos in dem Sinne geschehen, dass dabei nicht auf einen möglichen Eindruck geschielt wird. Alles andere wäre verlogen, denn dann ginge es ja doch nur wieder um die Institution, nicht um diejenigen, deren Schaden zugefügt wurde.

          • carn sagt:

            Richtig.

            Nur verbinden eben manche in der Kirche mit der Aufarbeitung die Hoffnung, dass Vertrauen zurückgewonnen werden kann, z.b. da:

            http://www.lokalkompass.de/essen-sued/ratgeber/missbrauch-im-bistum-essen-wir-leben-vom-vertrauen-d803662.html

            „Ein Zeichen wolle man setzen, sagt Bischof Overbeck: „Wir leben Kirche in einer neuen Welt.“ Kirche, so der 53-Jährige, lebe vom Vertrauen der Menschen. Um dieses Vertrauen wiederherzustellen, hat das Bistum Essen die Rechtsanwälte der axis-Gesellschaft mit der Untersuchung beauftragt. 1.549 Personalakten wurden daher einer gründlichen Prüfung unterzogen.“

            Eine solche Prüfung kann natürlich um der Aufdeckung von vergangenem Unrecht und um der Vermeidung von zukünftigen Unrecht richtig sein.

            Aber die Hoffnung, ein solch gründliches und wohl richtiges Vorgehen würde Vertrauen wiederherstellen, wird enttäuscht werden.

            Und hier ein Beispiel von Vatican News, wo ein Bischof das wiedergewinnen von Vertrauen zumindest im Zusammenhang mit der Aufarbeitung bringt:

            http://www.vaticannews.va/de/welt/news/2017-12/missbrauchsbericht-in-australien–reaktionen-der-kirche.html

            „Sydneys Erzbischof Anthony Fisher erklärte, er müsse akzeptieren, wie die Vorfälle „die Glaubwürdigkeit der Kirche in der Gesellschaft zerstört“ hätten. Nun gelte es, sich ein neues Vertrauen der Menschen zu verdienen. Er werde den Abschlussbericht der Missbrauchskommission „sorgfältig studieren“ und dann detailliert Stellung nehmen.“

            Wer hofft, durch einen aus anderen Gründen richtigen vorbildlichen Umgang mit dem Thema könne die Kirche Vertrauen zurückgewinnen, wird enttäuscht werden.

            Also haben Sie völlig recht, dass man nicht auf den Eindruck schielen sollte, sondern tun sollte, was für die konkret betroffenen Menschen und zur Reduzierung von zukünftigem Missbrauch richtig ist.

          • Pater Hagenkord sagt:

            Sie sind Pessimist, ich bin Optimist. Und ich würde sogar sagen, dass es die einzige Chance ist, überhaupt Vertrauen wieder zu gewinnen. Das erwirbt man sich nicht, darauf hat man kein Recht, das wird geschenkt, wie unsere Sprache ja auch sagt: Vertrauen schenken. Durch den Missbrauch und das Wegsehen und das Vertuschen ist unsere Kirche eine andere geworden. Die Täter und Wegschauer und Vertuscher haben sie dazu gemacht. Sie dürfen nicht das letzte Wort haben. Nur wenn wir dahin kommen, haben wir moralisch das Recht, um Vertrauen zu werben.

          • carn sagt:

            Der Unterschied ist nicht so sehr Pessimist vs Optimist.

            Sondern ich sehe den Missbrauchsskandal nur als Anlass, aus dem sich der Vertrauensverlust entwickelt hat, bzw. der Anlass, den es brauchte, damit sich die sowieso so schon seit langem bestehende Distanz zu Kirche bei vielen Menschen in Misstrauen und offene Ablehnung ändern konnte.

            Selbst wenn man jedoch nun den Missbrauch in den Griff bekommt, bleiben die anderen Distanz verursachenden Differenzen, womit die Ablehnung bleibt und lediglich schwächer wird.

            So ein bißchen äquivalent zu einem Beziehungsende; kurz vor dem Bruch trennt einen bereits viel, so viel, dass man überhaupt kein Paar würde, wenn man es nicht schon wäre; dann gibt es einen konkreten Anlass, oft ein echtes Fehlverhalten von einem oder beiden, in Folge dessen die Trennung erfolgt.

            Man trennt sich; und selbst wenn man danach den konkreten Anlass für die Trennung doch aus der Welt schafft, überwindet, beilegt, etc. verhindern die weiter bestehenden Differenzen, dass man wieder zusammenfindet.

            Und das obwohl die Differenzen zuvor noch nicht ausreichend für eine Trennung waren.

          • Pater Hagenkord sagt:

            Ich gehe mal davon aus, dass es viel grau gibt und wenig schwarz/weiss. Das wird bei verschiedenen Leuten mit verschiedenen Biografien verschieden sein. Aber ich warne davor, den Missbrauch „nur“ als Ausloeser zu betrachten. Das ist mehr und schlimmer. Das ist wirklich Grund fuer viele Menschen, der Kirche den Ruecken zu kehren, von diesen Menschen kenne ich viele. Betrug an den Schutzlosen ist mehr als nur Anlass, es erzeugt Ferne und Ablehnung. Auch dort, wo vorher keine war.

          • carn sagt:

            Aber einen gewissen darüber hinaus gehenden Pessimismus in Bezug auf das Verhältnis Kirche Gesellschaft gibt es wohl bei mir.

            Ist eventuell nachvollziehbar, wenn ich mal knapp andeute, was mir der Wegweiser auf dem Weg zurück zur Kirche war:

            Unverständlicher Hass.

            Ich habe mich einfach auf das zubewegt, gegen das in meiner Wahrnehmung sowohl in Gesellschaft als auch teilweise in persönlichem Umfeld der aus meiner Sicht der größte für mich unverständliche Hass wahrnehmbar war.

            Und am Ende des Weges fand ich die Kirche.

            Hoffen wir mal, dass der verschwinden kann, nachdem ich ihn nicht mehr als Wegweiser brauche.

    • Rosi Steffens sagt:

      Wenn es überhaupt möglich sein sollte Missbrauch zu differenzieren, um ihn in einer greifbaren Dimensionen zu fassen, dann wäre es hierfür geradezu zwingend notwendig die leibliche Mutter mit in die Diskussion einzubeziehen, denn letztendlich ist sie es, die bei Missbrauch Ihre Kinder geradezu hilflos ausgeliefert sehen muss, denn der Missbrauch des eigenen Lebens schöpft nicht aus Mutterliebe. Wenn persönliche Macht eine höhere Priorität und damit größeren Anteil an Präsenz gewinnen kann als die Mutterliebe zum eigenen Kind, dann stimmt etwas grundsätzlich nicht und das muss zur Sprache kommen.

      Mit dem Missbrauch lebendigen Wesens eröffnet sich die grundsätzliche Frage an die menschliche Würde, wie es zu einem Markt für diesen Missbrauch unter Personen kommen kann, die mit Verantwortung für ein gemeinsames, alles umfassendes Wesen ausgestattet wurden.

      Diesen Markt gibt es und das ist die wahre, überdimensionale Herausforderung, der es gilt als geeinte Menschheit entgegenzutreten. Es gibt nicht nur Plattformen auf denen Missbrauch angeboten wird, es leben Personen für die er ein sehr lukratives Geschäft darstellt, das gewissenlos betrieben wird, in dem Macht an den Tag gelegt wird, um damit Geld zu verschieben.

      Jetzt den Missbrauch zu reduzieren indem man große Institutionen mit verantwortlich macht statt die Täter persönlich als solche bloßzustellen, das dient nicht der Aufklärung und Vermeidung von Missbrauch. Oft scheint der alleinige Missbrauch von unschuldigem Wesen schon nicht mehr zu genügen, denn Täter sehen sich selbst in einer Machtposition durch die sie die Möglichkeit erhalten auf unschuldiges Leben Einfluss auszuüben, mit voller Absicht und bewusstem Kalkül! Da scheint es mir persönlich zu billig, den Missbrauch als angebliche Krankheit in eine gewisse Unschuld des Täters zu relativieren indem man ihm damit die Welt seiner Opfer erst zugänglich macht. Missbrauch gehört weder zum Leben noch zur Menschlichkeit, die sich aus der Menschheit vor Gott ergibt.

      Wäre Missbrauch teil unseres Lebens, stünden wir heute nicht vor der schmerzvollen Verantwortung dieser Tatsache mit aller Kraft und einer Stimme entgegenzuwirken, indem wir uns das Leben zurückzuholen, das der Menschheit im Ich durch Gott in die Wiege gelegt ist.

      • carn sagt:

        „Jetzt den Missbrauch zu reduzieren indem man große Institutionen mit verantwortlich macht statt die Täter persönlich als solche bloßzustellen, das dient nicht der Aufklärung und Vermeidung von Missbrauch.“

        Etwas hart formuliert, denn Institutionen können durch ihre internen Regelungen Missbrauch sowohl begünstigen als auch reduzieren.

        Aber auch nicht völlig unbegründet, denn manchmal kann man schon den Eindruck haben, als würde vor allem manche Institution als eigentlich Schuldiger gelten.

        „Da scheint es mir persönlich zu billig, den Missbrauch als angebliche Krankheit in eine gewisse Unschuld des Täters zu relativieren indem man ihm damit die Welt seiner Opfer erst zugänglich macht.“

        In gewissem Maße kann da aber schon eine Schuldminderung aufgrund von psychischen Störungen vorliegen.

        Jedoch sehe ich da höchstens eine Schuldminderung für sozusagen einen oder auch ein paar wenige Taten, wenn eben gerade Krankheit und Umstände ungünstig zusammenfallen.

        Aber bei Serientätern, die über Monate oder Jahre missbrauchen, oder gar Wiederholungstätern, die schon mal vor Gericht standen, sehe ich da dann auch keine Schuldminderung.

        Denn über die Monate hinweg wird man einen oder mehrere klare Momente haben, in denen man sich wirklich bewusst ist, dass man wiederholt Kindern schwerstes Leid zufügt und es warum auch immer nicht lassen kann; und dann hat man eben die Pflicht sofort – solange der Moment der Klarheit andauert – zur nächsten Polizeidienststelle zu gehen und die zu bitten, dass sie einem zwecks Schutz der Kinder erstmal wegsperren bis eine geschlossene Psychatrie einen Platz freihat.

        Macht man das nicht, dann ist man voll schuldig; denn jeder Mensch hat die Pflicht dafür zu sorgen, von einem selbst ausgehende Gefahren für andere zu minimieren/zu vermeiden.

  2. Rosi Steffens sagt:

    Missbrauch ist ein Wort dessen Inhalt seine Anwendung oft in abstraktem Schmerz findet, der zwar Opfer nachvollziehbar empfinden lässt, doch für Täter unvorstellbar ist. Das ganze Potential des Missbrauchs liegt im Täter, er hat keinen menschlichen Ursprung, er tritt als zerstörerische Gewalt auf, verursacht Chaos und hinterlässt Spuren in dem was das Leben ohne Missbrauch durch Gott eigentlich fordert. Für Missbrauch gibt es keine Handlungsanweisung, er ist Person, die sich ihrer Würde selbst entzieht.

    Ich stehe vor der für mich fast unlösbaren Frage warum Menschen ihr eigenes Wesen dazu missbrauchen das gesunde Leben zu zerstören, dessen Potenzial einzig dem tadellosen Umgang mit dem Gewissen seiner Person geschuldet ist. „Ich“ muss dafür nur für Nächstenliebe eingesetzt werden deren komplexes Wesen im Leben wahrnehmbar zu Grunde liegt und durch Gott mit der Zeit verwirklicht wird.

    Wer Leid tragen muss, weil es ihm persönlich zugefügt wurde, dem fällt es schwer darüber zu sprechen, denn unsere Sprache ist dafür nicht ausgelegt. Nachdem die Ursache für Leid offenbar grundlegende Unterschiede mit sich bringt, kann ich es nur aus meiner Sicht für den persönlichen Missbrauch in meiner Jugend beschreiben: Verdrängung setzte meine natürliche Abwehrkraft für Missbrauch frei, denn sie hilft mir dabei Dinge in ein Licht zu rücken, das mir mein Leben ohne Missbrauch aufzeigt, das Leben, das von Jesus geprägt ist und nicht durch Menschen die ihm nachfolgten eine neue Prägung erfahren wird. Erinnern ist die einzige Möglichkeit sich der Heilsgeschichte anzunähern, die durch Gott ihren Lauf finden wird und einzig seiner Person schuldet, was Ihr Leben hoffen lässt. Aus diesem Leben wächst was an Seinem Wesen letztendlich auch von jedem Menschen begriffen werden kann.

    Um auf den Missbrauch von Menschlichkeit zurückzukommen, der nur durch Personen möglich ist, die sich selbst nicht im Griff haben, steht der Wille Mensch zu sein als oberste Priorität im Raum, um überhaupt auch nur im Ansatz erfüllen zu können, was sich aus dieser Würde ergibt. Das bedeutet Nächstenliebe ist gar nicht in der Lage sich selbst Leid zuzufügen und damit ihre Würde vor Gott in Frage zu stellen. Nächstenliebe ist die Eigenschaft der Menschheit, die sich dem Willen Gottes annähert indem sie versucht Ihm als Person gerecht zu werden, um aus Seinem Leben die Namen all derer zu schöpfen, die in Ihm als Nächstem das eigene Wesen wahrzunehmen in der Lage sind.

    Missbrauch ist die Selbstverurteilung aus dem Verzicht auf die Würde Mensch zu sein, denn Missbrauch ist nicht menschlich! Was das Leben von Gott in seinen Ansprüchen an die Menschheit verwirklicht, das kann nicht in Vergessenheit geraten, denn es bleibt einzig und allein Gott überlassen was er dem Missbrauch der Menschheit entgegensetzt. Wir können nur unser Recht auf Würde anwenden, um in Ansätzen zu bestrafen, was diese Würde durch Missbrauch an Nächstenliebe verliert.

    Für Opfer von Missbrauch ist es unsagbar schwer Nächstenliebe zu bewahren, um ihrer Anforderung auch für die Verurteilung der Täter gerecht zu werden. Gott hat mich dem Schmerz des Missbrauchs entzogen. Was ich erinnere sind die Mittel, die dafür nötig waren. Es war eine persönliche Herausforderung an das Vertrauen in das Gute und meine Eltern, die mir die Kraft schenkten nicht auf einen willkürlichen Missbrauch einer einzigen Person mein ganzes Leben zu bauen das dadurch seine menschliche Würde verloren hätte, der ich Dank Gottes Hilfe nichts Böses anlasten kann, weil das Böse ganz persönlich und nicht mit dem Leben von Gott vereinbar ist.

    Letztendlich wäre es in meinen Augen nicht richtig gleich das ganze Leben zu verurteilen, nur weil es Personen gibt, die sich dafür einsetzen Missbrauch an seinem Wesen zu betreiben indem sie menschliche Würde vortäuschen, um mit ihrer Macht zu handeln.

  3. Promny Christine sagt:

    Diese Thema betrifft uns Allen , weil die Erbsünde der ersten Menschen für die Heil-Gottesgeschichte zuständig im negativen Sinne ist.Alle Menschen von Anfang an nehmen die Verantwortung vor Seinem Schöpfer mit.Die hl. Beichte soll den Menschen helfen , mit den unreinen Gewissen umzugehen , sich von Sünden reinigen und danach sich bekehren,vermeiden die Gelegenheit zu sündigen.

  4. Rosi Steffens sagt:

    Ein ganz aktueller Link https://www.bundesregierung.de/Content/DE/Artikel/2017/08/2017-08-03-missbrauchsbeauftragter.html zum Thema und wie in Deutschland politisch damit umgegangen wird.

  5. carn sagt:

    Uh, das sieht riskant aus:

    https://kurier.at/chronik/weltchronik/missbrauch-papst-verteidigt-chilenischen-bischof/307.353.647

    „Papst Franziskus hat einen chilenischen Bischof vehement in Schutz genommen, dem vorgeworfen wird, in der Vergangenheit einen Fall von Kindesmissbrauch durch einen Geistlichen vertuscht zu haben. Es lägen keinerlei Beweise gegen den Bischof Juan Barros vor, sagte Franziskus am Donnerstag im nordchilenischen Iquique: „Das ist alles Verleumdung. Ist das klar?““

    Von dem bischen juristische Praegung, die ich habe, bin ich zwar vollkommen dafuer, bei vollkommener Abwesenheit von Indizien oder Beweisen von der Unschuld auszugehen.

    Jedoch hat die Missbrauchsdebatte teilweise eine Dynamik, wo einem eine solche Haltung als Feindseligkeit gegenueber den Opfern ausgelegt wird, weil man ihnen nicht glaube, etc.

    Und so eine Aussage geht natuerlich furchtbar nach hinten los, wenn dann doch Beweise oder Indizien auftauchen, vor allem da das Wort „Verleumdung“ genutzt wurde.

    Hoffentlich passiert eines von beidem hier dem Papst nicht.

    • Rosi Steffens sagt:

      Verleumdung ist das Sprechen von Wahrheit ohne die Kenntnis davon zu besitzen?

      Sollte ich Kenntnis von der Schuld einer Person besitzen, so sähe ich meine Pflicht darin dies gemäß der mir auferlegten Pflichten zur Anzeige zu bringen, um die Tat rechtmäßig zur Verurteilung zu bringen. Besitze ich diese Kenntnis nicht, so sähe ich es als meine Pflicht mich der Stimme entgegenzustellen, die Schuld spricht ohne die Wahrheit zu kennen, um nicht davon abzulenken indem Mitwissen unterstellt wird ohne es vorher! dem Nachweis zu unterziehen.

      Verleumdung ist also dann die richtige Wortwahl, wenn keine Beweise für ein Mitwissen des Bischofs vorliegen, wovon ich stark ausgehe, denn gäbe es die, dann wäre er bereits vor Ort angeklagt worden und sicherlich auch seiner kirchlichen Ämter enthoben.

      • Pater Hagenkord sagt:

        Das ist mir im Fall von Missbrauch etwas zu legalistisch geadacht. Ein Problem war doch gerade, dass vielen Opfern nicht geglaubt wurde, sondern ihnen die Bringschuld zugeschoben wurde. Legal korrekt, aber es hat das Leiden noch einmal vermehrt. Ich wäre also vorsichtiger.

        • Rosi Steffens sagt:

          Warum wurde den Opfern nicht geglaubt?

          Missbrauch ist eine Tatsache, die allem widerspricht was das Leben in seiner Vorstellung durch Gott fördern kann. Solange wir also nicht in unserem Gegenüber unterscheiden können was der Wahrheit entspricht und wer sie für sich in Anspruch nimmt, dürfte es sehr schwer sein die Opfer von der Last der Taten zu befreien.

          Im Grunde genommen bleibt den Opfern derzeit nichts anderes übrig, als die Tat als unfassbaren Sachverhalt zu begreifen, den es gilt trotz all der Vorbehalte die darüber existieren so lange zu verarbeiten, bis kein noch größerer Schaden entsteht als der, der bereits damit angerichtet ist.

          Was wäre schlimmer, einem vermeintlichen Opfer die Wahrheit abzukaufen oder sie einem vermeintlichen Täter zu unterstellen?

          Wahrheit ist eine gute Sache, doch wir müssen sie anwenden und dürfen sie nicht bloß dem Glauben unterwerfen. Das erfordert unglaubliche Kraft und die Geduld sich die Zeit zu nehmen, die den Schaden wieder gut machen kann.

        • carn sagt:

          „Ein Problem war doch gerade, dass vielen Opfern nicht geglaubt wurde, sondern ihnen die Bringschuld zugeschoben wurde.“

          Das liegt aber unter anderem auch an der Unschuldsvermutung, denn nach der ist es nunmal so, dass der Verdaechtige Unschuldig ist, bis die Schuld erwiesen ist.

          Sind aber Angaben und Aussagen des Opfers die einzige oder zumindest die wichtigsten Beweismittel, kommt es ganz automatisch dazu, dass wenn das Opfer genug „bringt“, der Verdaechtige verurteilt wird; „bringt“ das Opfer nicht genug ist dem Verdaechtigen der Freispruch fast sicher.

          Das soll keine Entschuldigung sein und spricht umsomehr dafuer, dass man sorgsam mit moeglichen Opfern umgeht; aber es ist halt neben anderen Dingen eine Ursache fuer die schwierige Lage in der vor allem Missbrauchsopfer sich oft sehen, vor allem wenn schon einige Zeit seit der moeglichen Tat vergangen ist.

          • Rosi Steffens sagt:

            Ich komme nicht umhin, als endgültigen Richter über Leben und Tod oder auch über Wahrheit und Lüge, Gott in Anspruch zu nehmen, denn ohne ihn ist das Wort nichts wert.

            Wird also dem Opfer die Schuld der Lüge unterstellt, dem Täter jedoch die Unschuld aus seiner Tat zugesprochen bis sie der „Lügner“ nachweisen kann?

            Wer sind wir Menschen, uns als Richter aufzuspielen, ohne der Wahrheit ins Gesicht zu schauen?

            Es steht also Aussage gegen Aussage und einzig die Würde aus dem Amt des Richters trägt dazu bei den gegensätzlichen Aussagen ihren wahren Wert beizumessen, um sie als Wahrheit von der Lüge zu trennen, nicht bloß zu unterscheiden sondern wirklich und wahrhaftig zu trennen.

            Dabei fällt mir ein Beispiel aus der Bibel ein in dem die Behauptung zweier Frauen die leibliche Mutter eines Kindes zu sein dazu führte, das eben dieses Kind für die Wahrheit eingesetzt wurde. Der Richter entschied daraufhin sehr weise im Sinn des Kindes, das er der Wahrheit willen seiner leiblichen Mutter anvertraut hat.

            Missbrauch betrügt das Leben willentlich um die Wahrheit zu vertuschen, da dürfte es schwer sein, dem Täter Unschuld zu unterstellen, bis seine Schuld nachgewiesen ist, denn jeder ist Täter, der die Wahrheit verleugnet.

            Würde ist die Sachlage vor der jegliches Leben steht, um durch sie die Wahrheit nicht nur in Person zu erfahren sonder auch als Mensch mit Gottes Hilfe offen zu legen.

  6. carn sagt:

    Ok, auch Papst Franziskus ist aufgefallen, dass seine Wortwahl problematisch sein kann:
    https://www.domradio.de/themen/papst-franziskus/2018-01-22/papst-raeumt-fehler-gegenueber-missbrauchsopfern-ein

  7. Carmen Fink sagt:

    Dazu möchte ich diesen Artikel online stellen

    Francis‘ commitment to abuse survivors in question

    https://www.ncronline.org/news/accountability/francis-commitment-abuse-survivors-question

    Der letzte Absatz im Artikel lässt aufhorchen.

    „Würde es Franziskus leid tun zu erfahren, dass so viele seine Worte in Chile und auf der päpstlichen Ebene beschreiben würden? Wenn es darum geht, den Klerikalismus zu konfrontieren, der die Grundlage für den Missbrauchsskandal bildet, ist das steinerne Antlitz des Papstes Teil des Problems. Die Frage, die wir stellen müssen, lautet: Warum hört Franziskus nicht zu?“

    Warum sind Kommissionsmitglieder, Opfervertreter, zurück getreten?

    Ich mag Papst Franziskus sehr, diese Handlungen in Chile/Peru von ihn werfen einen Schatten auf dieses Pontifikat.

    Genderdebatte, gleichgeschlechtliche Ehe, bin ich anderer Meinung aber damit kann ich leben.
    Das Gute überwiegt, aber bei Missbrauch ist das eine andere Sache.
    Ich hoffe sehr und bete inbrünstig das Franziskus anfängt zuzuhören.
    Sein Schutz und Handeln für alle Missbrauchsopfer der Kirche ist von herausragender Wichtigkeit, damit steht und fällt seine Glaubwürdigkeit.

    • Carmen Fink sagt:

      Ergänzung zum Text aus den Artikel womit ich meine Trauer Nachdruck verleihen möchte.

      Die Beharrlichkeit, mit der Franziskus Barros verteidigt, ist mystifizierend. Drei verschiedene Journalisten auf dem päpstlichen Flug gaben dem Papst die Gelegenheit zu sagen, warum er genau glaubte, der Bischof habe statt der Überlebenden ihn beschuldigt. Der zweite Journalist, der Francis auf dem Flug nach Barros fragte, war eine chilenische Frau. Als sie mit dem Papst sprach, brach ihre Stimme vor Nervosität zusammen, als sie den obersten Führer der Kirche befragte. Sie fragte: „Warum sind die Zeugnisse der Opfer für dich kein Beweis? Warum glaubst du ihnen nicht?“ Der Papst gab keine befriedigende Antwort, nur eine Behauptung von „keinem Beweis“ gegen den Bischof wiederholend.

    • Carmen Fink sagt:

      Erfreuliche Entwicklung: Papst Franziskus schickt Erzbischof Charles Scicluna von Malta nach Chile, um Aussagen über den Bischof Juan de la Cruz Barros Madrid von Osorno, Chile, zu machen, der beschuldigt wird, Vorwürfe des Missbrauchs eines chilenischen Priesters, der wegen Misshandlung verurteilt wurde, zu vertuschen.
      Ich hoffe sehr das Scicluna Gespräche mit Opfern des Missbrauchs führt.
      https://www.ncronline.org/news/accountability/pope-sends-maltese-archbishop-investigate-chilean-bishop-abuse-cover-case

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