Der Heilige und der Papst: Franziskanische Impulse für die Reform

Vortrag zum Patronatsfest des Priesterseminars in Münster, 6. November 2016

„Verkündigt mit allem das Evangelium, und wenn es sein muss, dann auch mit Worten.“ Ein Satz, der dem Heiligen Franziskus zugeschrieben wird und der eine Zeitlang regelmäßig von Papst Franziskus zitiert wurde. Er drückt eine Haltung aus, die Christen eigen sein soll. Der Heilige hatte den Satz zu seinen ersten Franziskanern gesagt, der Papst münzt ihn auf alle, die ihm vor das Mikro kamen, Bischöfe, Priester, Gemeindemitarbeitern in Assisi, Generalaudienzen, überhaupt auf alle Christen, wie man seinem Schreiben Evangelii Gaudium entnehmen kann, in dem er von einer missionarischen Kirche träumt.

Franziskus und Franziskus: Es sind zwei Personen, die für Reform und Erneuerung stehen, für Widerstand und Christuszentriertheit, ein wenig auch für Dickschädeligkeit, für nicht besonders große Liebe in Teilen des Apparats, für arme Kirche für die Armen, um das Wort des Papstes zu benutzen, und für anders mehr.

Es hat schon einige Versuche gegeben, die beiden in Beziehung zueinander zu setzen. Man muss aber vorsichtig sein, die „Vergangenheit nicht zu kolonisieren“, wie es der vom Papst verehrte Jesuit Michel de Certeau ausgedrückt hat. So sehr, wie der Heilige verklärt oder als Verkörperung der jeweils eigenen Wünsche verstanden wird, so sehr geschieht es oft genug auch mit dem Papst gleichen Namens.

Fallen wir also nicht auf scheinbar allzu einfache und offensichtliche Parallelen herein und machen wir uns auf die Spurensuche.

 

Franziskus und Franziskus: Spurensuche

 

Erste Audienz des neugewählten Papstes: Franziskus erzählt in der Audienzhalle den versammelten Journalisten von der Namenswahl. Als die Auszählung der Stimmen gefährlich nahe an die benötigte Mehrheit gekommen sei, habe sich Kardinal Claudio Hummes, Franziskaner und Freund Bergoglios, zu ihm gelehnt und geraunt, „vergiss die Armen nicht, vergiss die Armen nicht“. Da sei – so Bergoglio – das erste Mal der Gedanke in ihm aufgestiegen, sich nach dem großen Heiligen zu benennen.

Nebenbemerkung: scherzhaft hat der Papst damals auch gesagt, kurz habe es ihn gejuckt, sich Clemens XV. zu nennen, in Erinnerung an den Papst, der die Jesuiten aufgelöst habe, das dann aber verworfen.

Machen wir uns nichts vor, diese Namensnennung ist ein ganz großes Ding. Das ist der Erz-Heilige der katholischen Kirche, Päpste, die sich selbst Namen gegeben haben, haben sich bewusst nie nach den zwölf Aposteln benannt, Franziskus kommt aber knapp dahinter.

Fresko in der Oberkirche von Assisi: Franziskus stützt die Kirche

Fresko in der Oberkirche von Assisi: Franziskus stützt die Kirche

In der katholischen Vorstellung und Erinnerung steht der Heilige für Einfachheit, tiefe Liebe zur Schöpfung und für die Armen, ein völliges Lassen weltlicher Macht und Status. Er steht für das charismatische Prinzip, der Papst als Amt für das hierarchische. Die beiden zusammen zu führen war und ist mutig und eine deutliche Ansage.

Eine zweite Spur: Laudato Si’. In der Enzyklika nimmt der Papst immer wieder sehr deutlich Bezug auf den großen Heiligen, nicht nur durch das lange Zitat des Sonnengesangs (in der Ursprungsversion, in der auch Schwester Tod gepriesen wird, nicht in der etwas eingekitschten Version, sie sich fast automatisch in Melodieform im Hirn bildet, wenn ich den Titel der Enzyklika nur höre). Schöpfung ist mehr als Umwelt, Schöpfung ist Gerechtigkeitsfrage, ist soziale Frage, ist Gottesfrage, ist die Frage nach der Ganzheitlichkeit der Welt, in den Worten der Enzyklika: „alles hängt mit allem zusammen“.

 

Franziskaner und Jesuit

 

Eine andere Spur hatte ich schon genannt, das Zitat vom Verkünden mit allem, und wenn es sein muss dann auch mit Worten.

Papst Franziskus hat den Heiligen noch in einem anderen Punkt aufgegriffen: im Punkt der Barmherzigkeit Gottes, die sich in der Vergebung aller Sünden ausdrückt. Der Heilige habe alle Menschen „ins Paradies“ schicken wollen, deswegen das Ringen um die Erlaubnis für einen eigenen Ablass für Assisi – für die Kapelle unten, nicht die Kirchen in der Oberstadt – den ersten Ablass außerhalb Roms, und dann auch noch ohne Geld. Für den Papst steht der Heilige auch für Gottes erbarmende Liebe, Nähe und Vergebung. „Gott vergibt. Immer. Alles.“

Für einen Jesuiten ist das alles nicht verwunderlich, noch eine weitere Spur. Unser Ordensgründer hatte eine tiefe Verehrung für den Heiligen. Zunächst eine sehr ungesunde, er wollte noch heiliger sein, noch mehr fasten, noch mehr selbstkasteien, noch mehr leiden, bis ihn das in ein tiefes depressives Loch führte und dann zur eigentlichen Bekehrung. Im späten Ignatius, im Ordensgründer, finden sich dann tiefe Spuren der Verehrung und Anerkennung, etwa darin, dass Teile unserer Ordenssatzung der franziskanischen entnommen sind, bezeichnenderweise nicht die Armut, sondern der Gehorsam. „Wie ein Stock in der Hand des Oberen“ solle man sein.

Bergoglio selbst, die Tradition seines Ordens und seine Anliegen, alles das verbindet ihn an vielen Stellen mit dem Heiligen aus Umbrien.

Und dann ist da das Thema Reform. Der Heilige stützt die Kirche, er macht aus den fundamentalistischen Armutsbewegungen lebbare Spiritualität – wie auch Dominikus und andere – er versammelt Menschen um sich, er bleibt innerhalb des Raumes der Kirche und wird deswegen unglaublich wirkmächtig. Auf ihn gehen viele Anstöße zur Reform zurück.

 

Ein sperriger Franziskus

 

Aber Vorsicht beim Wort „Reform“. Wir dürfen nicht erwarten, dass westeuropäische alles-wird-anders Phantasien von diesem Papst bedient werden. Auch der Heilige aus Assisi war eine sehr sperrige Gestalt, und ist es noch, wenn man ihn wirklich Ernst nimmt. Es ist keine Wohlfühlspiritualität, die uns der Heilige anbietet, und auch Papst Franziskus hat sie nicht im Angebot. Was beide vielleicht vor allem vereint, ist der prophetische Spiegel, den sie uns vorhalten.

Beide weisen auf die dunklen Seiten der jeweiligen Kultur hin, aber neben dem mahnen Blick und Wort will ein Franziskus den Dialog – Franziskus Papst und Franziskus der Heilige. Einfach wird der aber nicht. Assisi ist kein Ausflugsort für die Innerlichkeit, Dialog bedeutet, sich selber kritisch zu betrachten. Dialog bedeutet, den eigenen Standpunkt zu verlassen und sich selber anders sehen zu lernen, im prophetischen Spiegel sozusagen.

Ich selber bin Historiker und bin mir sehr deutlich bewusst, dass wir hier über 800 Jahre Unterschied sprechen. Es ist fast nicht möglich, franziskanische Wurzeln so zu abstrahieren, dass sie auch noch in unsere Zeit passen. Das wäre a-historisch, vor allem, wenn ich einen Vergleich erzwingen würde. Ich bin auch kein Experte franziskanischer Spiritualität. Ein Vergleich oder ein Nennen franziskanischer Wurzeln mit Bezug auf beide Franziskus hat deswegen etwas Spielerisches, ich hoffe auch Inspirierendes, ohne gleich dem wissenschaftlichen Zugriff Stand zu halten. Ich will vom heute ausgehen und versuchen, Dinge aufzuzeigen, die uns beim Verstehen von Reform helfen und die sowohl beim Papst sicht- und hörbar sind als auch den Heiligen nicht verraten, im Gegenteil, die bei ihm bei aller diachronen Verschiebung auch denk- und nachvollziehbar sind.

Also: für was stehen beide Franziskus vor allem anderen? Authentizität. Und zwar genauer: Authentizität des Christlichen. Was bringt heute noch Menschen dazu, sich das Tau umzuhängen und den Heiligen zu verehren? Die meisten haben keine Ahnung vom Leben im Mittelalter und haben außer der Pop-Version von Laudato Si‘ auch nichts von ihm gelesen. Aber dieser Heilige verkörpert etwas. Nämlich das Evangelium.

 

Das Evangelium verkörpernd

 

Lesen Sie die Bergpredigt oder Matthäus 25 und dann schauen Sie auf den Heiligen: Sie sehen keinen Widerspruch. Das ist das Geheimnis des Heiligen. Er führt uns nicht in eine Sonderwelt, genannt Religion, in der man anders werden muss als man ist. Seine Religion, seine Verkündigung findet in der Welt statt, wie sie ist, auch und gerade weil er sich von seiner Umwelt abwendet, sich einen Sack überstreift und radikal lebt. Er ist ein Radikaler, den die meisten heutigen Fans als Zeitgenossen nicht akzeptieren würden. Aber als historische Figur verkörpert er die Aussage, dass Christentum lebbar ist.

Ähnlich geht es beim Papst gleichen Namens, auch ihm nimmt man seine Botschaft ohne weiteres ab. Wenn er etwas tut, sei es nach Lampedusa oder Lesbos zu fahren, sei es an der Westmauer in Jerusalem oder der Trennmauer zu den Palästinensern in Bethlehem zu klagen, sei es schwarze statt rote Schuhe zu tragen oder ganz woanders zu wohnen als andere Päpste: das ist alles nicht nur Symbolhandlung. Da steckt der Mensch drin und der ist überzeugend. Er zeigt, dass das auch mit einem Amt geht.

Sein Christsein ist glaubwürdig. Er lebt vor, dass das geht. Man muss nicht studieren oder arkane Riten kennen, kein Latein und keine liturgischen Feinheiten, an diesem Papst kann man sehen, wie das geht, Christ sein. Seine Beliebtheit steht auch dafür, dass das Christentum auch heute noch attraktiv ist.

Beide – Franziskus und Franziskus – stehen dabei nicht für ein einfaches Christentum. Auf beide könnte man den Satz von Roger Schutz anwenden: Lebe das vom Evangelium, was du verstanden hast, bei beiden muss man nicht alles verstehen, um nachvollziehen zu können. Wenn man dem aber nachgeht, dem Christentum des Heiligen und dem des Papstes, dann wird Nachfolge Christi ziemlich radikal und ziemlich anstrengend. Es ist ein anstrengendes Christentum, für das beide stehen. Nehmen wir nur die Verben, die Papst Franziskus so sehr mag: aufstehen, aufbrechen, aus sich heraus gehen, losgehen, nachfolgen, alles Verben der Bewegung. Es ist ein anstrengendes Christentum.

 

Ein anstrengendes Christentum

 

Lassen Sie mich dem etwas nachgehen, auf dem Weg zum Reformgedanken. Beginnen möchte ich beim Papst. Die Grunddynamik des Jesuitischen, wenn ich das einmal so grob verallgemeinernd sagen darf, ist das Entdecken des Willens Gottes in uns. In uns bewegt sich allerhand, Wünsche, Träume, Sehnsüchte, Müdigkeiten, Gedanken, Scham, und so weiter. In all diesen inneren Bewegungen kann ich mich selbst erkennen, meine Versuchungen, aber gleichzeitig erkenne ich darin auch Gottes Willen für mich. Aber dafür muss ich für diese Regungen aufmerksam sein und sie „unterscheiden“, wie das heißt, also durchdenken und durchbeten.

Bei Papst Franziskus in seinem programmatischen Schreiben Evangelii Gaudium klingt das dann so: „Die große Gefahr der Welt von heute mit ihrem vielfältigen und erdrückenden Konsumangebot ist eine individualistische Traurigkeit, die aus einem bequemen, begehrlichen Herzen hervorgeht, aus der krankhaften Suche nach oberflächlichen Vergnügungen, aus einer abgeschotteten Geisteshaltung. Wenn das innere Leben sich in den eigenen Interessen verschließt, gibt es keinen Raum mehr für die anderen, finden die Armen keinen Einlass mehr, hört man nicht mehr die Stimme Gottes, genießt man nicht mehr die innige Freude über seine Liebe, regt sich nicht die Begeisterung, das Gute zu tun“ (EG, 2). Eine sehr vielschichtige Stelle.

Darum geht es: Die Stimme Gottes hören, die Welt an mich heran lassen, die Menschen an mich heran lassen, und dann die inneren Regungen wahrnehmen, sich nicht abschotten, nicht gleichgültig werden.

Aus vielen Texten oder Predigten Franziskus sprechen Zorn, Mitleid, Emotion, eben innere Regungen. Die Texte wollen anstecken. Sein Sprechen ist kein Belehren, kein Unterrichten, kein Diskurs, sondern ein Anstecken, Aufrütteln, innere Bewegungen wachrufen. Das ist der tiefere Zweck dessen, was Papst Franziskus tut. Er spricht innerlich zu uns, nicht akademisch.

 

Sprachpragmatik und Bilder

 

Hier liegt ja auch eine Quelle vieler Kritik, der Papst spreche nicht klar und definierend, wie es noch Benedikt XVI. gekonnt habe. Aber Franziskus hat eine andere Sprachpragmatik.

Nehmen wir als Beispiel den Besuch an der Mauer in Bethlehem. Jeder hat sofort verstanden, was der Papst da tut: Das war keine Anklage, das war eine Klage. Kein Wort hat er gesprochen aber sie Bildsprache war unglaublich mächtig. Es war auch kein billiger Effekt sondern eben der Ausdruck dessen, was ihn innerlich ergriffen hatte. Und was uns innerlich ergreifen sollte. Papst Franziskus will, dass wir mit Verstand und Herz reagieren, und zwar wir selbst, nicht das was wir gelernt haben oder das was unseren Wohlstand schützt, sondern wir selber. Es geht um meine Fehler und es geht um meine Reue.

Nehmen wir zum Beispiel die Konsumkritik; Konsum, der den Menschen degradiert, ihm seine Würde nimmt, ihn ausschließt, zum Ding macht, das man wegwirft, wenn es nicht mehr seine Funktion erfüllt und konsumiert. Das Geld regiere, sagt er immer wieder, und das sei keine ethische Frage mehr, keine Frage der Soziallehre, sondern eine Frage der Anthropologie. Wir unterwerfen den Menschen dem Geld, dem Gewinn, dem Konsum. Gott der Vater habe nach dem Schöpfungsbericht aber nicht dem Geld anvertraut, die Welt zu regieren, sondern dem Menschen. Das dürften wir niemals abgeben.

Einen geradezu heiligen Zorn, aber keinen aufbrausend-dominierenden, sondern einen stillen betenden, ergreift den Papst. Der erfrierende Mensch auf der Straße, die 30.000 Ertrinkenden im Mittelmeer und, Zitat Franziskus, „wir weinen noch nicht einmal mehr“. Was der Konsumismus, der Wohlstand, die Ökonomisierung aus uns gemacht hat, das greift der Papst auf.

Der Satz von Lampedusa, „wir weinen noch nicht einmal“, gibt uns den Schlüssel vor: Wir sind innerlich nicht betroffen. Also – um noch einmal Evangelii Gaudium zu zitieren – wir hören die Stimme Gottes nicht mehr.

 

Kein niedlicher Heiliger

 

Hier kann ich auch das, was ich jetzt unbeholfen, falsch und hölzern als „Geist des heiligen Franziskus“ bezeichnen möchte, mit Händen greifen. Er ist zu den Aussätzigen gezogen, dort war die Kapelle Portiuncula, er hat mit ihnen gelebt und nicht etwa eine Mönchskutte angezogen, sondern das billigste, was zu haben war. Er war nicht herablassend, nicht paternalistisch, er hat diese Wirklichkeit auf eine radikale und uns heute Angst machende Weise an sich heran gelassen. Das niedliche Zeug mit den Vögeln und der Predigt und so machen ihn nur zu einem handzahmen Heiligen, das war er aber ganz und gar nicht. Er war jemand, der die Stimme Gottes in den Menschen um sich herum hörte.

„An jedem Ort und bei jeder Gelegenheit sind die Christen, ermutigt von ihren Hirten, aufgerufen, den Schrei der Armen zu hören. … Der Aufruf, auf den Schrei der Armen zu hören, nimmt in uns menschliche Gestalt an, wenn uns das Leiden anderer zutiefst erschüttert.“ (EG) Und dann wird er fast schon fundamentalistisch, weil er jede mögliche Kritik verbietet: „Das ist eine so klare, so direkte, so einfache und viel sagende Botschaft, dass keine kirchliche Hermeneutik das Recht hat, sie zu relativieren.“ (Noch einmal aus EG)

Wenn es also um diese inneren Bewegungen geht, anhand derer wir das erkennen können, was uns wirklich zu uns selber macht, dann muss alles bekämpft werden, was uns ruhig stellt und uns von uns selbst entfremdet.

„Es ist angebracht zu klären, was eine Frucht des Gottesreiches sein kann, und auch, was dem Plan Gottes schadet. Das schließt nicht nur ein, die Eingebungen des guten und des bösen Geistes zu erkennen und zu interpretieren, sondern – und hier liegt das Entscheidende – die des guten Geistes zu wählen und die des bösen Geistes zurückzuweisen“ (EG 51).

Das ist dann der nächste Schritt, die Unterscheidung und dann die „Wahl“, ein für Jesuiten geradezu magischer Begriff. Denn ich muss auswählen, und es gibt da auch den „bösen Geist“, uns Hemmendes, der Geist der stets verneint wie Goethe es sagt, der verhindern will, dass wir wir selbst werden. Das können durchaus auch Strukturen sein.

 

Nicht auf Veränderung warten

 

Das gilt es zu erkennen und dann zu wählen, immer wieder, das bleibt ein Prozess. Aber wir müssen ihn selber gehen. Wenn wir ihn verlegen, etwa in die Institution, sei es Kirche oder Staat oder Gesellschaft, dann verfehlen wir ihn. Wer wartet, dass sich etwas ändert, der wird ein „Mumienchrist“, wie es Franziskus nennt, reif fürs Museum.

Aber das gegen-Extrem ist genau so falsch, das Ganze ist keine rein fromme, innerliche Sache:  „Folglich kann niemand von uns verlangen, dass wir die Religion in das vertrauliche Innenleben der Menschen verbannen, ohne jeglichen Einfluss auf das soziale und nationale Geschehen, ohne uns auf das Wohl der Institutionen der menschlichen Gemeinschaft zu kümmern (..). Wer würde es wagen, die Botschaft des heiligen Franz von Assisi und der seligen Teresa von Kalkutta in ein Gotteshaus einzuschließen und zum Schweigen zu bringen? (..) Ein authentischer Glaube – der niemals bequem und individualistisch ist – schließt immer den tiefen Wunsch ein, die Welt zu verändern.“ (EG 183)

In manch einem Kopf wird spätestens jetzt die Frage aufgetaucht sein, ob er oder sie nicht im falschen Vortrag sitzt. Wo ist hier die Kirchenreform? Wir haben es fast geschafft, Mit dem Wunsch, die Welt zu verändern, sind wir schon fast beim Thema Reform.

Erlauben Sie mir trotzdem noch einen weiteren Schritt: Die Beschimpfungen. Jedenfalls wird viel von dem, was der Papst Kritisches über Kirche und Christen und Glauben und zu Kardinälen und Mitarbeitern sagt, als solche wahr genommen. Er geht streng ins Gericht, mag man meinen. Stichwort „15 Krankheiten der Seele“ aus der Kurienansprache von 2014. Oder nehmen wir sein immer wieder Aufgreifen des Themas „Klerikalismus“, so dass sich schon viele Priester fragen, ob dieser Papst überhaupt etwas Positives über Priester zu sagen weiß.

Hinter dieser Kritik steckt ein anderer Gedanke als der der Beschimpfung, und der stammt beim Papst direkt aus den Exerzitien des Ignatius. Die Sünde aufzusuchen, ihr zu begegnen, sich ihr zu stellen, ist kein moralischer Augenblick, sondern ein Augenblick der Begegnung mit dem vergebenden und heilenden Christus. In meiner Schwachheit und Sündhaftigkeit begegne ich Christus. Nicht in Stärke, nicht in Rollen, nicht außen, sondern dort, wo er selber hingehen wollte, die Kranken zu heilen, den Sündern zu vergeben. Dort finde ich Christus in meinem Leben, da ist Umkehr, und dann ist da auch Reform.

 

Die Quelle der Reformen

 

Reform der Kirche, Reform der Kurie, Reform der Strukturen, Reform des christlichen Lebens, das alles hat dieselbe Quelle. Das ist es was ich an Inspiration von Franziskus und Franziskus bekomme. Ich kann Reform nur begreifen, wenn ich sie aus dem Begriff der Umkehr heraus begreife, jedenfalls wenn es um Kirche und Glauben geht.

Wer nur nach Kurienreform fragt, der hat ein gutes Interesse, man kann die Strukturen auch gut reformieren, aber das reicht nicht, wenn es um Kirche und Religion geht. Die Strukturen dienen ja, sie stehen für etwas, sie dürfen keinen Widerspruch bilden zu unserer Botschaft.

Echte Kirchenreform ist immer auch eine Frömmigkeitsbewegung. Das ist eine starke Inspiration des Heiligen, wir können Franziskus nicht ohne die Bewegung verstehen, aus der er kommt und die er wiederum geprägt hat. Das war eine Frage des Glaubens und der Überzeugung, der Bibel und der Freiheit, des Betens und der Gnadenvermittlung. Und das alles ist eine starke Inspiration des Papstes für das, was Reform bedeuten soll. Yves Congar, auf den sich der Papst einige Male bezieht, macht genau hier seinen ersten Schritt für die „wahre Reform der Kirche“, wie ein berühmter Artikel heißt. „Die gelungenen Reformen in der Kirche sind jene, die für die konkreten Bedürfnisse der Seelen gemacht wurden,“ sagt Congar. Das bedeutet nicht, die Probleme zu verharmlosen oder ins Innere zu verlegen, das macht sie im Gegenteil erst wirklich wichtig und mächtig. Reform muss pastoral beginnen.

Was sind nun genau die Inspirationen, die wir von Franziskus und Franziskus für eine so verstandene Reform der Kirche bekommen können?

Bleiben wir zuerst bei der sichtbarsten der Reformen, der Strukturreform. Das umfasst die Kurienreform, die der zu wählende Papst 2013 als Auftrag von den Kardinälen bekommen hat, das umfasst die Synodalität der Kirche, das umfasst viele Dinge, für die man im Vatikan Beraterfirmen ins Boot geholt hat. Das alles kann man besser machen, aber die Frage ist natürlich immer die nach dem ‚warum?’. Tatsache ist ja, dass wir mit der Williamson-Affäre, mit Vatileaks, mit der so genannten Vatikanbank IOR und jede Menge anderer Sachen klar gemacht bekommen haben, das etwas nicht stimmt im Vatikan. Es lief nicht rund, die einzelnen Bereiche arbeiteten aneinander vorbei und es war alles Mögliche, aber kein gute Dienst an der Kirche. Wer es etwas präziser möchte: Ralph Rotte hat drei Felder der Reform identifiziert: 1. das Bemühen um einen offenen Diskurs über die Aufgaben, Missstände und Veränderungsmöglichkeiten von Kurie und Kirche, 2. den Wandel der institutionellen Organisation der Kurie und 3. die Personalpolitik von Papst Franziskus. Für uns strukturierte Mitteleuropäer mag die Umsetzung sehr langsam daher kommen.

 

Der Heilige stützt die Kirche

 

Und es gibt ja auch Kritik: es brauche mehr Verfahren, es könne nicht einfach alles nur über den Schreibtisch des Papstes gehen. Und das stimmt, Prozeduren und Verfahren schützen ja immer den Schwachen vor dem Starken. Der Starke setzt sich immer durch, der Schwache braucht Regeln. Deswegen wäre es wichtig, die neuen Dinge auch in Regeln zu fassen. Das ist in etwa das grob umrissene Aufgabenfeld der Reform.

Wenn wir uns inspirieren lassen vom Heiligen, der auf dem berühmten Fresko in der Oberkirche in Assisi die Kirche stützt, dann müssen wir die Augen öffnen für die Risse der Kirche. Die Journalisten haben uns das im Fall Vatikan abgenommen, Stichwort Vatikanbank, Stichwort Vatileaks, um nur zwei Dinge zu nennen.

Ceteris paribus gilt das aber auch hier, in Münster. Da ist es vielleicht nicht die Bank und nicht die Verwaltung, aber ich bin sicher, dass es auch hier Bedarf gibt. Der Schlüssel dazu – und deswegen habe ich das Fresko erwähnt – ist der schlafende Papst. Der Reformierer, der Verantwortliche, schläft. Wir schlafen. Wir sehen oft gar nicht die Risse und die Einsturzgefahr. Oder wir haben das präsent, aber irgendwie schaffen wir nicht, das Ruder umzureißen. Stichwort Anzahl der Priesterweihen im vergangenen Jahr. Stichwort Traditionsabriss in der Glaubensweitergabe an die kommende Generation.

Franziskus hat die Kirche auch nicht deswegen stützen können, weil er sich als Strukturreformer dem Papst zur Verfügung gestellt hat. Er war deswegen inspirierend, weil er nach anderem Ausschau gehalten hat, nach Gott im Menschen, nach Christus in der Welt.

Scherzend haben wir im ersten Papstjahr Franziskus gesagt, wenn wir nicht aufpassen, macht dieser Papst aus dem Vatikan noch eine religiöse Veranstaltung, aber genau das ist es. Schauen Sie sich an, was das etwas sperrig benannte Almosenamt des Papstes macht. Duschen für Obdachlose, Übernachtungsplätze, Frisör und so weiter. Das ist erst einmal kein großer Schritt für die vielen Obdachlosen, die es gibt, aber es setzt die Würde des Menschen ins Zentrum. Und zum großen Verdruss der Verkäufer um den Petersplatz herum und auch zum Verdruss manches Touristen macht es den Vatikan zu einem Anziehungspunkt für Obdachlose.

 

Obdachlose auf dem Petersplatz

 

Aber wenn wir einmal diesem Wanderprediger Jesus zuhören, dann ist das genau das, was Kirche sein soll. Wenn die Armen kommen, weil sie würdevoll behandelt werden, dann ist das wirklich Kirche. Fragen Sie Journalisten oder normale Beobachter, dann haben die nicht diese Strukturreform im Blick gehabt. Aber das ist wirkmächtig. Das hält uns anderen Vatikanmitarbeitern vor Augen, um was es hier eigentlich geht. Um Nächstenliebe. Um Barmherzigkeit. Um Gottesebenbildlichkeit. Wenn Reform der Kirche nicht das im Blick hat, dann bleibt sie leer. Ich darf den Papst zitieren: „Es wächst deshalb ein großherziges und fast ungeduldiges Bedürfnis nach Erneuerung, das heißt nach Berichtigung der Fehler“, das ist die „Öffnung [der Kirche] für eine ständige Reform ihrer selbst aus Treue zu Jesus Christus“ (EG 26)

Eine weitere Inspiration, gar nicht so weit weg. Bleiben wir noch einen Augenblick bei den Armen, denn jede Reformbewegung ist immer auch eine Armutsbewegung. Und hiermit meine ich nicht Fiat statt Mercedes für dem Papst. Bei Papst Franziskus hat das, was ich hier meine, den Namen „Peripherie“.

Das meint vor allem einen Wechsel der Perspektive. Um die Welt erkennen zu können, um den Reformbedarf erkennen zu können, muss ich meine Perspektive wechseln. Und das ist nicht nur ein Trick. Lassen Sie mich das religiös auffüllen mit einem Theologen und Psychologen und Jesuiten, von dem Papst Franziskus viel übernommen hat, mit Michel de Certeau. Certeau spricht von „Alterität“, vom Anderen. Christus bleibe uns immer fremd, ein Anderer, der sich unserer ordnenden Sprache entzieht. Ich muss also meinen ordnenden Blick und Standpunkt verlassen, um treu sein zu können.

Radikal formuliert: wer Jesus nicht mit den Augen der Armen sieht, versteht ihn nicht, versteht Gottes Selbstoffenbarung nicht.

Das gilt methodisch auch für den Blick auf die Welt. Wer an die Peripherien geht, sieht die Welt anders, sieht auch sich selbst anders. Und das ist mehr als nur Pädagogik, das führt dazu, dass ich die Ordnung, die wir auf die Welt gelegt haben, in Frage gerät, unsicher wird, weil ich den Blick der Nicht-Teilnehmenden, der Nicht-Macht-Habenden einnehme, ohne ihn gleich zu beurteilen, d.h. zu ordnen.

Der Begriff „Peripherie“ stellt in Frage, wie wir die Welt begreifen. Nichts weniger als das.

 

Entweltlichung, das lässt uns nicht los

 

Drehen wir das ein Stück weiter, dann kommen wir bei einem Begriff an, der in Deutschland nicht sehr beliebt ist: Entweltlichung. Nun müssten wir dazu Bultmann lesen und genau unter die Lupe nehmen, was Benedikt XVI. in Freiburg gesagt und vor allem gemeint hat, das Ganze ist aber weniger eine Frage der Kirchensteuer als eine Frage der inneren Haltung.

Ich möchte das deswegen von einer anderen Seite her angehen: „Das eucharistische Tischtuch zwischen uns und den armen Kirchen (ist) zerrissen, weil wir ihnen in ihrem Elend und ihrer Unterdrückung nicht mit unserer Umkehr beistehen und weil wir uns weigern, auf das zu hören, was als Prophetie des gemeinsamen Aufbruchs aus diesen armen Kirchen zu uns dringt.“ Das ist Johann Baptist Metz ein einem Buch, das sich wie ein Franziskus-Kommentar liest: Jenseits Bürgerlicher Religion.

Wir haben Krankenhäuser und Armenstellen, wir kümmern uns und lassen kümmern, aber wir bleiben in unserem Schutzraum der Bürgerlichkeit. „Hier hilft nur eine bis in die Wurzeln gehende Umkehr, die auch die ökonomischen Grundlagen unseres gesellschaftlichen Lebens einbezieht“, um noch einmal Metz zu zitieren.

Papst Franziskus will keine Kirche, die in sich selbst verkrümmt ist, sondern die aus sich heraus geht, die die Türen aufmacht um Jesus heraus zu lassen. Nun versuchen wir das einmal auf unsere Gesellschaft zu übersetzen. Wo ist unser Feindbild, die in sich selbst verkrümmte Kirche? Mit Johann Baptist Metz würde ich sagen: in der bürgerlichen Religion. „Diese bürgerliche Religion fordert nichts, tröstet aber auch nicht. Gott ist in ihr zwar zitierfähig, aber kaum mehr anbetungswürdig“.

Das ist dann schon wieder sehr nahe bei der ‚Entweltlichung‘, die bürgerliche Gesellschaft ruht nicht, bis alles zu ihren Plausibilitäten passt. Das kommt dann auch noch meistens als sehr fortschrittlich und modern daher, ist es aber meistens nicht.

 

Bürgerlichkeit

 

Unsere Religion ist bürgerlich. Sie ist nicht arm, sie lebt von Strukturen und Steuern, von Regelungen und sie mag es nicht, aufgerüttelt, reformiert, in ihren Selbstverständlichkeiten in Frage gestellt zu werden. Und das gilt für sich selbst konservativ Nennende genau so wie für so genannte Progressive.

Ich bin auch bürgerlich. Aber die Herausforderung gilt. Wir müssen lernen, unsere Religion nicht von der Gesellschaft her zu definieren, sondern von Christus her. Und das heißt geistlich gesprochen „Bekehrung“. Noch einmal, das bedeutet nicht, die Probleme nach Innen zu verlagern und so unschädlich zu machen. Im Gegenteil. Bekehrung bezieht den gesamten Menschen ein und auch Gesellschaft braucht Bekehrung, sie ist nicht nur Individuell.

Tragischerweise kann man die Problematik dabei ausgerechnet an der deutschen Übersetzung von Evangelii Gaudium sehen, wo bei dem Originalwort „conversión“ im Deutschen „Neuausrichtung“ steht. Da wird dem Geistlichen der Zahn gezogen, das hat keine religiöse Konnotation mehr, das passt perfekt in einen Diskurs hinein, der in Strukturen denkt und Angst davor hat, das Geistliche zu berühren. Das ist das Verführerische beim Thema Reform.

Der Papst will mit seiner Reform aber genau das, Bekehrung. Der Rest, die Strukturen und das alles kommen dann auch. Wichtig ist aber zuerst der geistliche Gehalt der Reform. Ob ich das dann auch ‚Entweltlichung‘ nenne oder nicht, ist dann schon zweitrangig.

Und: es beginnt bei mir. Noch einmal Metz: „Haben wir nicht selbst die Betreuungskirche so sehr verinnerlicht, dass wir meinen, alles an kirchlicher Erneuerung hinge schließlich davon ab, dass die Betreuer, also vorweg der Papst und die Bischöfe, sich ändern? Tatsächlich geht es darum, dass die Betreuten sich ändern und sich nicht einfach wie Betreute benehmen.“

 

Betreute und Betreuer

 

Eine letzte Inspiration möchte ich nennen, die direkt daran anschließt. Nicht mehr Betreute sein bedeutet ja nichts anderes, als aktiv den eigenen Glauben zu leben. Und für Christen heißt das schlicht verkünden. Und damit sind wir dann auch wieder beim Eingangszitat vom Verkündigen des Evangeliums. Papst Franziskus träumt von einer missionarischen Kirche. Christsein ist immer verkündend, da könnte ich den ganzen Abend damit verbringen, ein Papstzitat an das andere zu hängen. Auch der Blick auf den Heiligen erzählt davon, seine Person so wie sie erinnert und erzählt wird spricht zu uns.

Lassen Sie mir nur zwei Papstzitate anführen: „Wenn die Kirche zum Einsatz in der Verkündigung aufruft, tut sie nichts anderes, als den Christen die wahre Dynamik der Selbstverwirklichung aufzuzeigen.“ (EG 10)

„Ich träume von einer missionarischen Entscheidung, die fähig ist, alles zu verwandeln, damit die Gewohnheiten, die Stile, die Zeitpläne, der Sprachgebrauch und jede kirchliche Struktur ein Kanal werden, der mehr der Evangelisierung der heutigen Welt als der Selbstbewahrung dient. Die Reform der Strukturen, die für die pastorale Neuausrichtung erforderlich ist, kann nur in diesem Sinn verstanden werden: dafür zu sorgen, dass sie alle missionarischer werden, dass die gewöhnliche Seelsorge in all ihren Bereichen expansiver und offener ist, dass sie die in der Seelsorge Tätigen in eine ständige Haltung des „Aufbruchs“ versetzt und so die positive Antwort all derer begünstigt, denen Jesus seine Freundschaft anbietet.“ (EG 27)

„Ständige Haltung des Aufbruchs“, da ist es wieder, das anstrengende Christentum von Franziskus und Franziskus.

Er will eine Dynamik auslösen. Er will für die Kirche und jeden Christen das, was im Dokument von Aparecida „permanente Mission“ heißt. Und das hat immer mit Aufbruch, herausgehen und so weiter zu tun, weil die Freude, Jesus Christus zu begegnen, gar nicht anders kann als sich mitteilen zu wollen: „ständige Reform ihrer (der Kirche) selbst“ ist die Folge. Das „bequeme pastorale Kriterium des weiter so“ geht über Bord, Wagemut und Kreativität sind gefragt (EG 33).

 

Die Kirche nicht neu erfinden

 

Das ist nicht einfach. Vieles von dem, was wir heute als Kirche kennen und schätzen werden wir verlassen müssen, nehmen wir den Papst ernst. Am Heiligen und den Jahrzehnten nach ihm können wir sehen was das alles für Folgen hatte.

Wir müssen Kirche nicht neu erfinden, aber der Aufruf zum „Aufbruch“ betrifft eben nicht nur einige, er betrifft alle. Die häufige und vielleicht auch verständliche Reaktion „der Papst müsse nun Taten folgen lassen“ trifft nicht. Nicht der Papst muss, wir alle sollen, das ist die Idee dahinter. Wir können all die Veränderung und die Reform nicht auf den Papst projizieren, nicht Franziskus wird der Agent der Erneuerung der Verkündigung sein. Entweder die ganze Kirche, oder gar nicht. Das ist der nicht gerade geringe Anspruch, den ich in Papst Franziskus erkenne und in dem heiligen Franziskus erinnere.

Noch einmal: das ist eine anstrengende Vorstellung von Christentum. Jesus Christus will in der Begegnung Dinge von uns, auf die wir vielleicht selber gar nicht kommen, alles geht über unsere momentanen Horizonte, die uns Sicherheit geben, hinaus. Unsere Sicht auf die Welt soll sich ändern, unsere Welt wird sich ändern, wenn wir uns auf dieses Glaubensprojekt der freudigen Weitergabe einlassen.

Wie weit sind wir da? Nennen wir es Werkstatterfahrung: Vieles ist begonnen, die Arbeitsbereiche sind benannt, die Arbeitsweise ist erläutert, aber wir sind weit davon entfernt, das Ziel erreicht zu haben oder auch nur zu erkennen. Das ist dem Heiligen ja auch nicht anders gegangen.

 

Werkstattcharakter der Reform

 

Mit diesem Werkstattcharakter geht die Offenheit einher, welche die Perspektive des Papstes und des Heiligen hat. Papst Franziskus spricht mehrfach von Träumen und Träume haben es an sich, dass man sie nicht kontrollieren kann. Es ist nicht gesagt, wohin uns das führen wird, wenn wir uns aufmachen, aufbrechen, aus uns selber hinausgehen. Auch der Heilige war ja nicht gerade ein strategischer Denker, er hat das getan, was er als den Willen Gottes für sich erkannt hat, ohne Kompromisse.

Dieses Risiko der Unkontrollierbarkeit gilt für den einzelnen Glaubenden genauso wie für die Gemeinschaft. Wie ein dem Wunsch Jesu treueres Papsttum letztlich aussehen wird ist genau so offen wie alle anderen Bereiche der Kirche. Und es besteht die Gefahr einer „verbeulten Kirche“.

Franziskus verkörpert die Vision eines Christseins im Hochmittelalter und ist es bis heute geworden. Für die Menschen damals war es anziehend, der Orden wuchs schnell, vielleicht zu schnell, und spaltete sich schnell, so viel zum Thema Risiko. Es ging um die Armutsfrage und andere Dinge, es war nie ausgemacht, wie die Vision des Heilgen sich in das Leben anderer übersetzen ließ.

Ob es dem Papst mal genau so gehen wird, wissen wir nicht. Aber schon heute steht er – das ist meine tiefe Überzeugung – dafür, wie Christsein im 21. Jahrhundert aussehen kann.

Mit Papst Franziskus wird alles dynamischer. Alles bewegt sich. Viel ist noch nicht klar, noch nicht entschieden. Aber wenn ich das einmal etwas flapsig ausdrücken darf: Wir haben das Wort ‚christlich‘ immer für ein Adjektiv gehalten. Franziskus und Franziskus machen daraus ein Verb.

 

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22 Kommentare zu Der Heilige und der Papst: Franziskanische Impulse für die Reform

  1. Amica sagt:

    Vielleicht ist Franz von Assisi der „Erz-Heilige“ der Jesuiten, aber doch irgendwie nicht der Kirche, oder?
    Es gibt doch viel ältere und viel einflussreichere Heilige in der Kirche:
    Denken Sie mal an Stephanus – der erste Märtyrer überhaupt – nicht umsonst feiert man sein Fest am 26.12., am zweiten Weihnachtsfeiertag – also direkt nach dem Hochfest und hat dafür sogar einen eigenen Namen: „Stephanitag“.
    Dann die Apostelfürsten: Petrus und Paulus.
    Oder Benedikt von Nursia mit seiner Benediktsregel und seinen enormen Einfluss auf unsere europäische Kultur und das Mönchstum an sich.
    Oder der heilige Martin oder Leonhard: Da gibt es sogar Bräuche, die bis heute überlebt haben.

    Oder meinen Sie mit „Erz“ irgendwie den Grad der Heiligkeit bzw. Ernsthaftigkeit/Radikalität mit dem der heilige Franziskus Jesus nachgefolgt ist – siehe auch diese Darstellung mit den Stigmatisierung von Franziskus, die die besondere Nähe zu Jesus auch optisch noch mal mehr bezeugen?

    Auf welche konkreten Quellen beziehen Sie sich, wenn Sie Franziskus als den „Erzheiligen“ schlechthin bezeichnen?

    Traurig nur, dass der angeblich wichtigste Heilige der katholischen Kirche dann doch relativ wenig Einfluss auf die europäische Frömmigkeit und Kirchenentwicklung gehabt hat, oder? Da waren die Kirchenväter dann doch einflussreicher mit ihren komplizierten theologischen Abhandlungen, die nur wenige verstanden haben.

    Vielleicht ist das ja weltweit anders, aber in Deutschland verehrt man den Heiligen aus Assisi doch eher nicht. Ich könnte Ihnen keine einzige Kirche nennen, die „Sankt Franziskus“ heißt. Patrozinien sagen ja oft eine Menge über Landstriche aus.
    Sind wir Deutsche da ein „Sondervölkchen“?

    • Konstantin sagt:

      „Ich könnte Ihnen keine einzige Kirche nennen, die „Sankt Franziskus“ heisst.“ Ganz davon abgesehen, dass ich „die Deutschen“ als „Sondervölkchen“ betrachte, gibt es in Deutschland hunderte Kirchen die den Namen Franziskus tragen. Man muss sie nur suchen, um sie zu finden.

      MfG

      • Amica sagt:

        Ja, aber aus dem Stehgreif heraus, fällt einem so schnell keine wirklich bedeutende ein, oder? Geschweige denn ein Dom mit diesem Namen.
        Natürlich gibt es viele Klosterkirchen mit wohl diesem Patrozinium.
        Liegt vielleicht auch daran, dass die Franziskaner eben ein Bettelorden waren – und man das Geld eher für die Armenpflege einsetzte als für teure Kirchenbauten, die heute in Kunstführern so aufgelistet werden.
        Aber darin liegt eventuell auch das Problem und vielleicht nannte sich auch deshalb kein Papst vor Franziskus eben „Franziskus“: der Heilige aus Assisi war zwar beliebt, aber hatte er und später der Franziskanerorden dann wirklich so viel Einfluss auf die Kirche?
        Ich hab mir den Spaß gemacht zu googeln, wie viele Franziskaner im Laufe der Geschichte Päpste geworden sind: und laut Wikipedia waren das ganze zwei: Papst Nikolaus IV. und Papst Sixtis IV. plus einem Gegenpapst, einem Alexander V. , der allerdings diese Position nur ein Jahr innehatte.
        Der andere Bettelorden, der ein paar Jahre später als die Franziskaner entstanden war, die Dominikaner stellten immerhin – laut Wikipedia – vier Päpste: Benedikt XI., Benedikt XIII., Innozenz V. sowie Pius V.
        Gerade die Dominikaner wissen sehr wenig über ihren Ordensgründer (so etwas wie die „Fioretti“ haben die nicht) aber dieser Bettelorden hatte wohl mehr Einfluss, sagen wir ruhig Macht, als die Franziskaner:
        Dominikaner wurden vor allem für die Ausbildung der Jugend herangezogen. mittelalterliche Herrscher und Städte warben um Dominikaneranniederlassungen auf ihrem Gebiet. Es war (und ist) ein hoch gebildeter Orden.
        Leider spielten sie aber auch eine sehr große Rolle im Bereich der Inquisition – aber das bedeutete wohl auch Macht.
        Und es gibt grandiose Gelehrte unter den Dominikanern: Albertus Magnus, Meister Eckhard, Thomas von Aquin, diesen Yves Congar (von dem der Pater ja schon mal hier geschrieben hat und den er auch im Vortrag erwähnt hat).
        Ich meine: Franziskus von Assisi war zwar authentisch und wohl hochgradig liebenswürdig, aber letztlich zu extrem und eigen. Solche Rebellen braucht man von Zeit zu Zeit um Missstände zu durchbrechen, am Ende und auf Dauer siegt das Gemäßigte und Massenkompatible aber dann doch. Vielleicht muss man sagen, leider.

    • Stephan sagt:

      Liebe Amica,
      mir kommt es so vor, als hätte Pater Hagenkord hier mit „heilig“ „sehr christusgemäß lebend“ gemeint und mit „erz-“ sowas wie „urmäßig“.
      Die Franziskaner haben kurz nach Franziskus‘ Tod ein Kloster mitten in Brüssel gegründet. Die Lebensweise wurde damals in der Stadt so interessant, originell und frei empfunden, daß die damaligen auf brutaler Unterdrückung beruhenden (u.a. Besetzung durch die Spanier)Strukturen radikal in einem demokratischen Sinn verändert wurden, der schliesslich zur Befreiung von den Unterdrückern, schließlich auch z.B. von den sehr engen gregorianischen Kunstrestriktionen führte. Man kann das heute an der frühen Blüte der flämischen Kunst, wie ich meine auch an der europäischen Union mit ihren Werten von Solidarität und gegenseitigem Respekt noch sehen. Also eher ein großer Einfluss auf Europa? Stephan

    • Gabriele Luzia sagt:

      Liebe Amica, ich denke, es ist nicht typisch deutsch, andere Heilige besser zu kennen, denn in jeder Region auf der Welt gibt und gab es zum Glück auch „eigene“ Vorbilder aus der näheren oder weiteren Umgebung, mit denen sich Christen identifizieren können und die sie verehren.

      Trotzdem ist der Heilige Franziskus von Assisi seit meiner Jugendzeit mein „Lieblingsheiliger“, wegen seiner radikalen Abkehr vom Konsum und seiner totalen Hinwendung zu den Armen und damit zu Christus hin. Diese Radikalität habe ich immer bewundert. Und gleichzeitig war ich mir meiner eigenen Grenzen ganz klar bewusst: das könnte ich nie leben, wohl nicht mal annähernd…

      • Amica sagt:

        Mh, vielleicht ist diese Verehrung für Franz von Assisi besonders im 20. Jahrhundert wieder aufgekommen.
        Könnte das sein? Ich meine, das Leben von Franziskus ist ja stark kompatibel mit den Idealen der Hippigeneration, nicht?
        Wie sind Sie denn auf den Heiligen gekommen? Was war Ihre erste „Begegnung“ mit ihm?
        Haben Sie da mal etwas über ihn gelesen, oder waren Sie in Assisi, oder wie passierte das?

        • Gabriele Luzia sagt:

          Ich glaube, ich kannte St. Franziskus von Assisi durch den Religionsunterricht.
          Aber dann verbrachte in meiner damaligen Gemeinde Anfang der 70-iger Jahre mehrere Monate lang ein Franziskaner-Frater seine Diakonatszeit vor der Priesterweihe. Er hat alle begeistert mit seiner tiefen Fröhlichkeit, seiner gelebten Einfachheit und dem Armutsideal, seinem christlichen Geist und mit seiner Musikalität: die Alten, die mittlere Generation, die Jugend, die Kinder.
          Unsere Freundschaft hat die Wendezeiten und persönliche Umbrüche überdauert und hält immer noch.

          Ich bin dankbar für diese Erfahrung, und ich glaube, dass sie mein ganzes Leben geprägt hat. Vermutlich stehe ich deshalb Papst Franziskus auch so
          nahe.

        • Silvia Brückner sagt:

          Ich habe als Kind einige Jahre in einer Franziskanerpfarrei gewohnt und habe, ebenfalls in dieser Zeit, im Kino einen Spielfilm über den HL Franziskus gesehen.

  2. S.G. sagt:

    Lieber Pater Hagenkord,
    tausend Dank für Ihre Ausführung!
    Sie haben all das auf den Punkt gebracht, was das bisherige Pontifikat von Papst Franziskus ausmacht.
    Papst Franziskus lebt vor, wie Christusnachfolge konkret aussehen kann. Er ist ein großes Vorbild für mich und seit er Papst ist, traue ich mich auch, offen zu sagen, dass ich regelmäßig zur Messe, zur Beichte gehe und rede offen über meinen Glauben. Ich bin auch der festen Überzeugung, dass die Reform nicht vom Vatikan her kommen muss, sondern dass die Reform nur über jeden Einzelnen geschehen muss, indem man zu Jesus Christus umkehrt.
    „Wenn ich Christus nachfolg, hat das automatisch Folgen für mein Leben“ – das ist aber nur möglich, wenn man in Bewegung bleibt und kein Sofa-Christ ist…

  3. Gerd sagt:

    Papst Franziskus steht auf den Schultern von Riesen. Einer lebt noch, der andere ist bei den Heiligen im Himmel.
    Und was die Bewegung angeht, in unserem Bistum bastelt man seid 5 Jahren an einem „Pastoralplan“. Die Vollendung desselben wird selbst ein Papst Franziskus nicht mehr erleben.

  4. Gabriele Luzia sagt:

    Danke für Ihren Vortrag, den ich für mich persönlich in dieser schriftlichen Ausführung viel „merk-würdiger“ im wahrsten Sinne des Wortes erfahre, als wenn ich ihn gehört hätte. Wunderbar! Ich stimme Ihnen in allem zu und möchte dies mit meinen Gedanken so bekräftigen…
    Gott hat an uns als Seine Geschöpfe einen hohen Anspruch: einander zu lieben, als Geschwister. Er hat sich uns er-dacht.

    Dass Geschwister nicht unbedingt gleichgeartet sind, selbst wenn sie die gleichen Eltern haben, haben wohl die meisten Geschwister erfahren. Aber die Besinnung auf die gemeinsamen Eltern, die gemeinsame Herkunft, kann in Familien gegenseitige Liebe, Wertschätzung und Unterstützung sichern.

    Für mich ist das, was St. Franziskus lebte und Papst Franziskus uns heute verkündet, die ausgeführte bzw. immer wieder in Erinnerung gerufene Bergpredigt von Jesus Christus.
    Was nicht heißt, dass es etwa einfach ist für Jedermann, dies zu leben, schon gar nicht für Menschen mit bürgerlicher Herkunft. Aber wir sollten uns als Seine Geschöpfe – so gut wir können und mit all unseren Kräften – darum bemühen. Denn bei aller Rechtfertigung der Gnade durch den Glauben ist die tätige Nachfolge unerlässlich, wenn wir zu Seiner Familie gehören wollen.

    In den vergangenen Tagen war ich in Rom. Ich habe keine Erinnerung, bei vorhergehenden Besuchen so viele Obdachlose in unmittelbarer Umgebung des Vatikans unter freiem Himmel „wohnend“ gesehen zu haben. Außen, an den schön gestalteten Metallzäunen unter Berninis Säulengang zur Linken des Petersplatzes, einige Schlafplätze der Armen, dort Kleidung und Schlafsäcke zum Lüften hängend, die Schlafplätze an der Rampa dell’a Viale Vaticane… Für mich tritt schon an dieser Stelle meine Kirche in diesem Pontifikat endlich sichtbar heraus aus ihrer bisherigen bürgerlichen Sicherheit und Ordnung.
    Und ganz aktuell frage ich mich, wie diese Armen wohl dieses gewaltige Unwetter am Sonntag überstanden haben mögen… Hoffentlich haben alle anliegenden Institute und Einrichtungen 10 m gegenüber auf der anderen Straßenseite ihre Tore geöffnet!

  5. Roswitha Steffens sagt:

    Danke Pater Hagenkord für Ihre Einlassung zum Thema Heiligkeit und „christliche“ Nächstenliebe. Im Verhältnis zu anderen Menschen ziehe ich keine Vergleiche zu Vordenkern oder Vorrednern sondern lasse mich selbst auf die Gedanken ein, die in mir selbst entstehen. Deshalb tue ich mich vielleicht auch etwas leichter in Franziskus den Papst, einen Heiligen und die christliche Nächstenliebe zu sehen, weil ich Papst Franziskus als die Person betrachte, die er ganz bewusst ins Leben stellt. Er trägt seinen Teil dazu bei, dass die Kirche lebensnah wirkt und nicht mehr so fremd und theoretisch, wie das noch zu meiner Kirchenzeit oft der Fall war. Es ist eine Sache Armut als Lebensbereicherung anzunehmen und sie mit dem Herzen zu erfassen, ein weiterer Schritt jedoch ist es, sie in sein eigenes Leben so zu integrieren, dass Armut dadurch gelindert werden kann, indem man sie mit seinen Mitmenschen gemeinsam trägt. Damit man die gemeinsame Lebenszeit um Gleichstellung bereichern kann, sollte man Armut nicht als menschliches Defizit betrachten sondern als Herausforderung an die Integrität der eigenen Person stellen.

    Wie viel trage ich selbst täglich dazu bei, dass ich mich durch Nachhaltigkeit auszeichne und damit die Defizite ausgleichen kann, die durch Oberflächlichkeit entstehen? Dazu gehören keine großen Projekte im Umweltschutz oder das Eintreten für Menschenrechte. Ich meine damit das tägliche miteinander mit den Menschen die mir begegnen. Sei es im Bus, als Fußgänger oder im Straßenverkehr, es gibt viele Situationen, die durch das Leben bedingt Chancen bieten, seine eigene Nachhaltigkeit auf die Probe zu stellen. Ein freundschaftlicher Hinweis auf ein Fehlverhalten, den Bus warten lassen, weil jemand gerade jetzt Hilfe braucht, Rücksicht nehmen auf eine langsame Fahrweise, weil man vielleicht irgendwann selbst in die Lage des Langsameren versetzt wird. Es sind die kleinen Aufmerksamkeiten im Leben, die das große Ganze ausmachen, weil das Leben im Kleinen baut, was die Gemeinschaft daraus an Wert erhalten kann. Mir gefallen die Anspielungen des Papstes auf das tätige Handeln, das sich für mich in genau diesen kleinen Alltagssituationen widerspiegelt, um sie durch die eigene Menschlichkeit und aus Nächstenliebe so zu entlasten, dass wir uns selbst von der drückenden Not befreien. Mitmensch sein heißt auch, sich selbst als das Werkzeug zu erkennen, das fähig ist sich so zu verhalten, dass es mit seiner Anwesenheit nicht andere Menschen beschwert sondern ihnen damit dient. Egal ob sich Menschen behindernd auf das Leben auswirken und damit mehr Zeit fordern oder ob sie die Zeit beschleunigen, weil es ihnen nicht schnell genug gehen kann, ihr imaginäres Ziel zu erreichen, jeder hat das Recht darauf der Mensch zu sein, der er ist, um damit seine Mitmenschen so herauszufordern, dass sie durch ihre gemeinsame Menschlichkeit das relativieren, was sich aus ihrer Begegnung vergegenwärtigen kann. Lebenssituationen zu teilen, um daraus etwas zu gewinnen, was denen Freude bereitet, die daran teilhaben, das sollte doch unser aller Auftrag und Möglichkeit sein.

    Heute beschweren führende Eliten oft ein System, aus dem sie die Kraft der Natur ausschließen, um sich nur auf ihre menschliche Rolle im Leben zu beziehen. Das ist falsch, denn Natur baut auf die Kraft einer Menschheit, die sich durch die Menschlichkeit auszeichnet, die durch Gott ins Leben berufen wurde. Es gibt keinen Gott ohne den Glauben an das Leben aus der Menschlichkeit, mit der Gott den Tod überwunden hat. Wir schaffen Menschlichkeit nur durch Nächstenliebe und die Gleichstellung unserer Mitmenschen, das ist die einzige Chance und wir sollten sie endlich nutzen. Gott begrenzte sich selbst auf eine Menschheit, die aus einer Menschlichkeit schöpft, die Zeit braucht, um ihr Vertrauen in die göttliche Ewigkeit zu setzen. Wir müssen nun lernen uns auf das zu beschränken, was wir Dank Gott aus der eigenen Anwesenheit schöpfen können, um dadurch den Lebensraum zu gewinnen, der der Menschheit tatsächlich zur Verfügung steht.

  6. Andreas sagt:

    Dem Vortrag entnehme ich unter anderem, dass Papst Franziskus Kirche ähnlich wie einen Ashram versteht (āśrama = Werkstatt, Ort der Anstrengung, der Nichtermüdung – http://www.jesuiten-weltweit.ch/projekte/projekte-in-asien/indien/spital-jesu-ashram.html

    • Pater Hagenkord sagt:

      Es gibt einen Ashram Jesu, auf den Sie ja hinweisen. Wie Sie aber von meinem Vortrag da drauf kommen, erschließt sich mir nicht.

  7. In Indien wirkte denAposteln Andreas die Botschaft Jesus verbreitet sich weiter bis Deutschland Schweiz auch durch die MissionarenJesuiten und den unseren barmherzigen Papst Franziskus den “ modernen “ Menschchrist in21 .Jahrhundert.Gott segne seine Arbeit und uns durch den Heiligen Geist einigt.

  8. Eigentlich wollte ich meine Impressionen aus Assisi teilen..

    der politische und kulturelle Schock nach der US Wahl – bekräftigt mich umso mehr einen der letzten Zeugen – Papst Franziskus – auch von globaler Bedeutung der für die MENSCHLICHEN WERTE steht noch eindeutiger zu unterstützen

    ein Sexist, der den Ellbogen adelt ist Präsident einer Weltmacht-und die amerikanischen Bischöfe verhalten sich während der Kampagne offensichtlich raus…

    ich denke an die deutschen Bischöfe in den 1930er Jahre

    viele Christen haben diesen Menschenverächter gewählt-wie kann man eigentlich den Namen Christ führen, wenn damit CHRISTUS VOM EVANGELIUM GELÖST WIRD ??

    • F. H. sagt:

      Lieber Ullrich,
      kann man Ihre Impressionen aus Assisi irgendwie/irgendwo zu lesen und sehen bekommen?
      Ich bin auf einer – mehrjährigen – Pilgerschaft zum Heimatort von Franziskus und freue mich, Gleichgesinnte auf der „Via Francigena“ zu treffen und von deren Erfahrungen zu hören.
      Sind Sie noch dort oder schon wieder zurück – oder gar in Roma?
      Pace e bene aus dem Nordosten!
      franz.

  9. lieber @F.H.
    meine Begegnung war bereits in den frühen 1980ern.

    und das war kein klassisches Pilgern; mit einem Freund(inzwischen verstorben) sind wir durch andere ökologisch orientiere Freunde wegen eines konkreten Projekts dahin gekommen.

    Ein Franziskaner Pater hatte die Idee eine uralte verfallene Kapelle im Tal -unterhalb von San Damiano- wieder mit den einfachsten Mitteln zu restaurieren…
    wir beide haben mit anderen ua. einen ökologischen Gemüsegarten angelegt.
    in der Früh haben wir meist so eine Art Laudes gebetet bzw. gesungen
    der Abend wurde mit einer gemeinsamen Messe abgerundet.

    es war dann auch noch genügend Zeit in San Damiano zu verweilen..!

    die große Basilika hat mich eher etwas frustriert-trotz der
    grandiosen Fresken Giottos(!!)

    genauso ergings mir mit Santa Chiara. dieses merkwürdige Skelett in der Unterkirche.. mehr angsteinflößend (PARDON aber ich fühlte mich mehr in einem Grusel-Film)
    mit der Hl. Clara verbinde ich die Seelenverwandtschaft zum hl. Franziskus.

    die Begegnung mit der dort aufbewahrten ganz schlichte Kutte (eher so eine Art Sack) war doch sehr eindrücklich..

    die kleine Stadt hatte -in dieser Zeit noch dieses zeitgenössische Flair- wohltuend auch dass die teilweise entwürdigenden Devotionalien nicht so dominant waren..
    die Begegnung mit der Portiuncula ! – dort entstand ja vor seinem Tod-er litt unter starken Schmerzen – seinen Gesang!

    und da bin ich jetzt ganz bei @P.Hagenkord: diese eingängige Vertonung wird der Dramatik überhaupt NICHT GERECHT! dieser Song erinnert mehr an Jungschar Romantik!

    Franz musste ja auch noch die ganzen Streitereien INNNERHALB der Gemeinschaft ertragen..
    für uns war das damals ein überwältigendes Experiment..

    @lieber F.H. ich weiß nicht ob es heute auch wieder spannende Projekte im Sinne des großen Heiligen gibt.. vielleicht könnte Ihnen das Pilgerbüro ihrer Diözese weiterhelfen..
    ´
    bleiben Sie dran..so wie es heute der neue Bischof von Aachen ausgedrückt hat, viel Freude !

    • F. H. sagt:

      Lieber Ullrich,
      danke für die kurze aber eindringliche Beschreibung!
      „Baue meine Kirche wieder auf!“ ganz konkret – eine sehr schöne Aktion.
      Vom Gefühl her kann ich die Situation einigermaßen nachvollziehen: mich hat es damals eher in die Provence gezogen und ich habe auf meinen ersten Reisen dorthin tw. zu Fuß, tw. per Anhalter und mit Zelt die 3 provençalischen Schwestern besucht, die Zisterzienserklöster Sénanque, Silvacane und Le Thoronet, zahlreiche romanische und gotische Kirchen, aber auch das Grab von Albert Camus und viele schöne alte Dörfer etc. Heute ist dort alles anders geworden, vieles ist – zum Glück – renoviert, vieles – leider – kommerzialisiert, und so ist der alte Charme halt auch dahin.
      Toll finde ich aber, das Sénanque wieder von Mönchen besiedelt wurde und einer meiner Träume ist es noch, dort einmal vorösterliche Exerzitien zu verbringen…
      Was meine persönliche Via Francigena betrifft, so ist die schon im Werden begriffen (inzwischen über 400 km) – und ich mach die für mich allein, denn es ist mein ganz persönlicher Weg, sozusagen durch’s Leben zu Franziskus. Und falls der andere Franziskus dann auch noch in Rom sein sollte, gehe ich dort auch noch hin…
      Schönen Sonntag!

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