Der Papst und die Ökumene der Begegnung

Ein Koordinatensystem für den Papst, Teil 2

Eine zweite Linie des Koordinatensystems möchte ich anführen, und zwar die Ökumene. Das ist nun nicht gerade etwas, was wir hier in Deutschland sofort mit diesem Papst verbinden würden, und es stimmt auch, die klassische Ökumene mit den Kirchen der Reformation ist nicht sein Schwerpunkt und die Auseinandersetzung mit diesen Theologien hat bei ihm auch keine Rolle gespielt.

Aber bereits bei einer der ersten Begegnungen des neuen Papstes, bei einem Essen mit Kardinälen, war Patriarch Bartholomaios eingeladen. Er war zur Wahl gekommen, natürlich nicht wissend, wer da gewählt wird, der erste Patriarch der griechisch orthodoxen Kirche seit der Spaltung vor 1.000 Jahren, der das tat.

 

„Bruder Andreas“

 

Und er sprach ein Grußwort und Papst Franziskus antwortete: „Bruder Andreas“, denn der Patriarch sieht sich als Nachfolger des Apostels Andreas, wie der Papst sich als Nachfolger des Bruders des Andreas, Petrus, sieht. Da standen also die beiden Brüder nebeneinander. Wenn es jemals Eis gegeben haben sollte, dann war das in dem Augenblick weg.

Nicht bei allen, mit der russisch orthodoxen Kirche ist das nach wie vor schwierig, aber der Kontakt ist da, und vor allem auch die Wertschätzung und der Respekt. In Israel und in der Türkei hat er das sehr deutlich gemacht.

Wir sehen auch ein völlig neues ökumenisches Feld. Ich kann mich noch gut an Interviews mit Kardinal Walter Kasper erinnern, der damals noch im Vatikan für die Einheit der Christen zuständig war. Der sagte ganz klar, dass eine Ökumene mit den Evangelikalen ganz schwer sei, weil es sie nur konkret und lokal, nicht aber organisiert gäbe und weil die sich gar nicht für Ökumene interessierten. Deren Christentum ticke ganz anders. Und nun hat ein Papst einen evangelikalen Pfarrer zu Gast, den er aus Argentinien kennt, und der erzählt ihm, dass er zu einer evangelikalen Konferenz in Texas fahre. Der Papst fragt, soll ich dir eine Botschaft mitgeben? Und Bischof Palmer, so hieß der Mann, antwortet „Klar, hier ist mein iPhone, ich zeichne das auf.“ Und dann fährt er – der Vatikan weiß von nichts – in die USA und spielt diesen Kurzfilm bei der Konferenz vor. Bei allen anderen Päpsten wäre das undenkbar, aber mit Franziskus geht das: Ein Evangelikaler wirbt mit dem Papst bei Pfingstkirchen für die Ökumene.

Papst Franziskus fährt auch nach Süditalien zu evangelikalen Christen, noch bevor er etwa die jüdische Gemeinde Roms oder die lutherische Gemeinde der Stadt besucht hat. Er bringt das aus Buenos Aires mit, wo er ab dem Jahr 2000 regelmäßig bei den großen Treffen der Pfingstkirchen war und dort gesprochen und gebetet hat.

 

Begegnung, nicht schnelle Lösung

 

Auch hier gilt wie bei den Orthodoxen: Die Probleme sind nicht gelöst. Theologisch sind wir den Lutheranern sehr viel näher, und die Botschaft „wenn Gott dich liebt, geht es dir gut“ ist nicht wirklich mit unserem theologischen Denken und mit unserem Beten vereinbar. Aber das Eis ist gebrochen, wir können reden und uns respektvoll in die Augen schauen.

Was will der Papst in der Ökumene? Begegnung. Ich sagte es im ersten Teil schon. Er will vor allem anderen ein Miteinander der Christen, das Trennung zwar nicht wegwischt, das aber die größeren Gemeinsamkeiten zeigt, nämlich den Glauben an Christus. Das hat alles mit Zeugnis zu tun, mit dem Verkünden durch das Leben, nicht durch Worte. Trennung um der Trennung willen, um des eigenen Profils willen, um der Tradition willen nimmt er nicht hin. Aber das Wichtigste ist, dass die Begegnungen auf Augenhöhe und echt passieren.

Einiges ist hier schon erreicht, wie gesagt zwischen Patriarchat und Papst stimmt die Chemie. Aber beim Patriarchen von Jerusalem ist das schon anders, es gibt noch viele Missklänge in der Ökumene, wo Streit auch für die eigenen Leute gemacht wird, nicht zum Wohle aller. Der Papst geht hier seine Schritte, lädt andere ein, dieselben Schritte zu machen oder auf ihre Weise Schritte zu machen, und erst dann wird daraus ein wirkliches ökumenisches Projekt, dass fähig wäre, Spaltungen zu überwinden.

 

Print Friendly
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

7 Kommentare zu Der Papst und die Ökumene der Begegnung

  1. Nagy Yvan sagt:

    Lieber Pater Hagenkord,

    in der Theologie – und in unseren Predigten – reden wir oft vom Wirken des Heiligen Geistes. Das war den meisten von uns etwas Abstraktes.

    Die Wahl und das Wirken dieses Papstes scheint mir zu zeigen, wie konkret der Heilige Geist für uns wirkt.

    Ich habe oft in Predigten über die Ökumene gesprochen. Den Text kann ich jetzt wegwerfen.
    Ich danke Ihnen
    Gott behüte Sie
    Yvan S. Nagy

  2. Brigitta sagt:

    Und diese Begegnung ist so wichtig. Ich selber bin in einer ökumenischen Familie groß geworden. Meine Großmutter musste noch katholisch werden, um ihren Mann heiraten zu können und ist nach dem Tod mit Erlaubnis des katholischen Pfarrers wieder evangelisch geworden, weil sie es immer mehr nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren konnte. Der Pfarrer sagte ihr: „Sie müssen tun, was ihr Gewissen Ihnen vorschreibt.“ Dieses Gespräch fand in den 50ger Jahren statt und meine Großeltern hatten 1916 geheiratet. Der Bruder meiner Mutter wurde noch von den Sakramenten ausgeschlossen (und hat sein ganzes Leben darunter gelitten) weil sich seine Frau sich nicht vorstellen konnte ihre Kinder katholisch zu, während der Mann der Schwester meiner Mutter sich das vorstellen konnte. mein Bruder konnte schon evangelisch heiraten mit katholischer Beteiligung durch den katholischen Pfarrer. Diese Entwicklung , die nur durch die Begegnung zwischen den Kirchen auf allen Ebenen stattfinden konnte, zeigt wie wichtig dies ist.
    Das der Papst den Blick stärker auf die Pfingstkirchen richtet, liegt wohl daran, dass diese in Südamerika sehr stark geworden ist und er vielleicht nie die Lutheraner so kennengelernt hat. Er führt das weiter, was er schon in Argentinien gelebt hat und das finde ich gut. Ein Schritt hin zu den Lutheranern war die Begegnung mit der schwedischen Bischöfin. Und ich bin mir sicher, dass er es tut, weil er an der Zerrissenheit der Christenheit leidet und da durch Begegnung versucht dem heiligen Geist die Macht zu geben, etwas zum besseren zu verändern.

  3. Elasund sagt:

    „der Vatikan weiß von nichts“ – Hier würde mich einfach sehr interessieren, warum dies so ist. Wieso macht das der Papst? Bei dem Interview mit Scalfari war es ja auch so, dass der Papst die Veröffentlichung telefonisch „abgesegnet“ hat und Federico Lombardi wußte von nichts. Es würde den Papst doch nichts kosten den evangelikalen Bischof zu bitten das Video an seinen Pressesprecher und die Glaubenkongregation zu schicken bevor es in youtube rumsteht. Er braucht ja nicht vorher um Erlaubnis zu fragen aber das schaut für mich einfach so aus wie „die Mitarbeiter ins Messer laufen lassen“.

  4. Vom-anderen-Stern sagt:

    Wenn die ökumenische Begegnung unter anderem auch dazu führt, dass, wie man liest, Ostern auf den dritten Sonntag des Monats April festgeschrieben würde (vgl. http://de.radiovaticana.va/news/2015/05/07/kopten-papst_dr%C3%A4ngt_auf_gemeinsames_osterdatum/1142406), dürfte sich schon bald – erstmals in der Kirchengeschichte – an Ostern eine Sonnenverfinsterung erreignen. Welch eine groteske Symbolik! „Sonne der Gerechtigkeit, gehe auf zu unsrer Zeit; brich in Deiner Kirche an, daß die Welt es sehen kann.“ Es bleibt zu hoffen, dass die päpstlichen Berater solche Konsequenzen einer Änderung mitbedenken.

  5. Franziskus sagt:

    Brücken bauen , damit auch die Seelen derer gerettet werden, die auf der falschen Seite stehen . Das ist wahre nächstenliebe, die zu unser aller Freude der Papst anstrebt . Gott möge ihn segenen .

  6. Pingback: Videobotschaft des Papstes zur Ökumene war improvisiert – Exerzitien auf der Straße

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


*