Die gemeinsame Reise

Man nennt es ein „Narrativ“: eine sinnstiftende, erklärende Erzählung. Einzelne Ereignisse, Hintergründe, Motive und Gründe werden in einen Zusammenhang erzählt und bekommen dadurch Zusammenhalt und Abfolge. Sinn eben. Werte werden auf diese Weise weiter gegeben.

Die meisten Narrative erkennt man daran, dass man sie gar nicht mehr wahrnimmt. Die Erzählung vom Wirtschaftswunder ist so ein Narrativ, es ordnete für Jahrzehnte das Selbstverständnis und die Werte nach dem Krieg, bis in den 68er Jahren auffiel, wo die Schatten waren. Die Shoah wurde thematisiert und das „Wunder-Narrativ“ geriet ins Wanken, weil die Fundamente nicht mehr hielten.

Der amerikanische Traum ist auch so ein Narrativ. Der ‚Erfinder’ der Begriffs in dieser Bedeutung, der Philosoph Jean-François Lyotard, nannte die zunehmende Selbstaufklärung des Menschen (Kant) und die Zielgerichtetheit der menschlichen Geschichte (Hegel) als zwei grundlegende Narrative, an denen wir die Welt erzählen.

 

Der Held auf seinem Weg

 

Aber auch Einzelschicksale haben ein Narrativ. Bei Papst Franziskus ist es zum Beispiel das des „Kämpfers im Vatikan“, das ein eher unterkomplex argumentierender Kollege gerne verbreitet und das sich in Abwandlungen gerne in der Öffentlichkeit findet. Guter und gutwilliger Außenseiter kommt in verkommene Strukturen, kämpft mit dem Drachen, ist auf der Seite der Schwachen, und so weiter. Aber zum Papst komme ich später noch einmal zurück.

Wird in festen Mustern erzählt: Papst Franziskus, hier bei einer Generalaudienz auf dem Petersplatz

Wird in festen Mustern erzählt: Papst Franziskus

Hinter dieser Form des Narrativs liegt eine Struktur, und zwar eine Struktur, in der wir gerne und immer wieder Geschichten und Sinn und Werte erzählen. Man kann sie bei jeder Heldenerzählung im Kino sehen, bei Romanen und im Fernsehen.

Die Beschreibung habe ich nicht erfunden, die habe ich vom Medienunternehmer Jeff Gomez. Er nennt es „The Way of the Hero“ (das hat er von einem Kommunikationstheoretiker) und wie gesagt funktioniert das ziemlich gut, wenn man sich umschaut. Jeff Gomez arbeitet in New York am storytelling für große Medienprodukte, für Serien und Filme, aber auch im Bildungsbereich. Soll heißen: er weiß wovon er redet. Und er fasst den „Weg des Helden“ so zusammen:

Ein Held bekommt widerwillig eine Aufgabe, überwindet sein Zögern, droht überwältigt zu werden, widersteht Prüfungen und Versuchungen, besiegt das auf eine Person konzentrierte Böse und kehrt mit dem Schatz oder der Gerechtigkeit oder was auch immer zurück und hat die Welt gerettet. Falls jemand sich hier an Frodo und den Herrn der Ringe erinnert fühlt, das ist ein wunderbares Beispiel. Andere Heldengeschichten tun es aber auch. Fast alle Geschichten sind Variationen dieser Abfolge, jedenfalls bis vor wenigen Jahren.

 

Immer nur mit Konflikt und Gewalt

 

Die Strukturelemente dieses Narrativs sind der Konflikt und die Gewalt – explizit oder implizit -, die Männlichkeit als Muster, Linearität von Anfang bis zur Auflösung, und vielleicht am Wichtigsten: der Sieg über den Bösen.

Die Funktion dieses Weges des Helden sei es, unser Verhalten als Handelnder und Versteher zu verstärken, wir werden inspiriert durch Selbstlosigkeit und die Hoffnung, das Böse überwinden zu können und so weiter. Es geht darum, Recht zu haben, im Recht zu sein, und dieses durchzusetzen. Unsere kulturellen Werte werden verstärkt oder verstärken sich selbst dadurch. Die Energie dafür ist der Konflikt.

Zugehört habe ich Jeff Gomez bei einer Konferenz in Bonn in der vergangenen Woche (hier zum nachsehen, ab 1:57:00). Er sei ans Nachdenken gekommen, als ihm die Begegnung mit den Aborigines Australiens darauf aufmerksam gemacht habe, dass es bei dieser Form der Erzählung immer um Gewalt ginge, um Konflikt und das Auflösen dessen durch mehr Gewalt, gewinnende Gewalt.

 

Neue Form des Narrativs

 

Dagegen setzt Gomez nun die Idee des „Collective Journey“, einer neue Art, an Erzählungen oder Narrativen teilzuhaben und zu erzählen. Und sein wirtschaftlicher Erfolg zeigt, dass das nicht eine idealistische Idee ist, sondern die Beschreibung einer sich durchsetzenden kommunikativen Wirklichkeit.

Bedingung für diese „Gemeinsame Reise“ ist die mediale Verbindung von allem mit allem, kurz die Digitalisierung. Eine „Story“ laufe nicht mehr linear ab, sondern über verschiedene Plattformen, Medien, Erzählungen, und Menschen würden durch sie hindurch „surfen“, nicht mehr in einer Richtung sondern mal und dann wieder nicht und dann wieder und dann ganz woanders.

Wichtig ist mir an dieser Stelle die Definition, dass es nicht einen einzigen Erzähler gibt, sondern dass wir alle medial an den Erzählungen mitwirken. Das Ganze funktioniert dialogisch, nicht durch Konflikt. Im Kern liegt auch die Veränderbarkeit der Erzählung, sie ist nicht fix. Und schon gar nicht läuft sie auf einer Linie ab, von einem Anfang bis zu einem Ende.

 

Papst-Narrativ

 

Ein Satz von Gomez: „Diejenigen, die solche gemeinsamen Erzählungen verstehen und sie initiieren und ihnen eine Richtung geben können, werden großen Erfolg haben.“ Und genau an dieser Stelle möchte ich auf Papst Franziskus zurück kommen. Denn je länger ich Jeff Gomez zugehört habe, desto mehr bin ich weg von der Unterhaltungsindustrie und hin zum Papst gedriftet. Das, was Gomez uns vorgelegt hat, passt nämlich auf den Papst.

Zum Weg des Helden gehört zum Beispiel das Zurückhalten von Information, irgendwas weiß der Held nicht oder der Leser/Zuschauer nicht und genau das ist dann wichtig bei der Auflösung. In einer Welt, die von Zugang zu Information beherrscht wird, ist das zunehmend absurd. Es gibt kein arkanes Wissen mehr, das Erzählen kann jeder, man kann das an der Art und Weise sehen, wie der Papst mit der Bibel und den Erzählungen um Jesus umgeht. Christentum, wie es der Papst vorstellt und vorlebt, lebt nicht von Geheimnissen hinter Vorhängen, sondern „offen vor dem ganzen Volk“, wie der Psalm sagt.

Die Botschaften selber – zweitens – werden nicht linear weiter gegeben, eine Predigt als reiner Text zum Beispiel. Sondern es gibt sie als Kurzvideo von uns, als Handyvideo von einem Besucher, als Tweet auf @pontifex, bei Facebook, in Erzählungen zu Hause, bei Instagram und Snapchat, und so entsteht eine vielschichtige Erzählung, die weitergegeben wird, Plattformen überspringend und nicht bei einer Form bleibend.

 

Text verzögert die Sache nur

 

Text ist überhaupt nicht mehr das Zentrum der Dinge, Gomez zitiert seine Tochter „text slows things down“, und so kommuniziert der Papst auch nicht vorwiegend durch Text, sondern durch Handeln, durch – christlich gesprochen – Zeugnis, durch Zeichen, durch Berührungen.

Zum Weg des Helden gehört ebenso, dass nur wenige ihn gehen können, die Masse – wir – nicht. Es sind Einzelpersonen, die heraus ragen. Der Normalbürger bleibt, wer er ist. „Hero’s Journey“ bestärkt vielleicht kulturelle Werte, aktiviert aber meine Handlungsweisen nicht. Das ist nicht das Christentum, das der Papst uns vorlegt, hier müssen und vor allem können wir alle aufstehen und uns bewegen und dabei sein. Wir eifern nicht dem Helden nach und lassen uns inspirieren, sondern sind selber dabei, wir sind Teilnehmer.

Gepackt hat mich vor allem der Gedanke, dass beim Weg des Helden – auch in vielen Erzählungen über den Papst – der Konflikt im Zentrum steht: wer gewinnt, wer hat Recht, wer muss, darf, soll, wer erweist sich als der Stärkere. Das verdeckt dann die Notwendigkeit eines Systemwandels. Eine Tat – in Konflikt – löst das Problem, nicht das langsame komplexe Auflösen von Systemen.

 

Systemwandel, nicht Sieg über den Bösen

 

Nicht so beim Papst. Papst Franziskus setzt immer und überall auf Dialog. Mit Muslimen, mit Piusbrüdern, mit den Herren von Venezuela oder Kolumbien, mit Religionen, Staaten, Organisationen, Menschen. So entsteht nicht Konflikt, sondern Konversation.

Wenn es sein muss, entzieht er sich auch einem Konflikt, zum großen Frust aller, die Streit und Auflösung und Autorität suchen.

Der Papst setzt auch inhaltlich auf einen Wandel im System, im wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen System genauso wie viel grundlegender in der Weise, wie wir auf den Anderen schauen oder ihn eben wegwerfen. Das kann man nicht in einer einzigen überwindenden Tat tun, einen Helden-Akt, dass ist Alltag, das können alle und das ändert die Welt und verstärkt nicht einfach bestehende Werte.

„Network-Narrative“ nennt das Gomez, und in diesem Sinn ist Papst Franziskus ein „Network-Papst“: „Diejenigen, die solche gemeinsamen Erzählungen verstehen und sie initiieren und ihnen eine Richtung geben können, werden großen Erfolg haben.“

 

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12 Kommentare zu Die gemeinsame Reise

  1. Carmen Fink sagt:

    …“Wenn es sein muss, entzieht er sich auch einem Konflikt, zum großen Frust aller, die Streit und Auflösung und Autorität suchen.“

    Wenn einer anderen nichts beweisen muss zeigt sich die wahre Größe und dieser Papst ist ein ganz Großer. Ich bete jeden Tag das er allen lange erhalten bleibt.

  2. Juni sagt:

    Es wirkt fast natürlich, dass sich ein US-Amerikaner auf das Wesen des Helden fokussiert und z.B. nicht auf das eines Meisters wie z.B. ein Goethe. Auf amerikanischen Weltraumfahrer, die modernen Helden der US-Nation, trifft nebenbei der klischeehafte ‚Weg des Helden‘ so nicht zu, soll heißen: Gomez scheint offenbar einen einseitigen Heldenstatus zu vertreten. Aber es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.

  3. Juni sagt:

    Wäre es nun nicht – ganz im Sinne des propagierten Systemwandels – konsequent, beim nächsten Kirchgang aus dem Gottlob die Seiten mit dem Lied Nr. 461 (alt: 616) und dem ‚veralteten‘ Osternachtlied „Das Grab ist leer, …“ herauszutrennen und dem Altpapier zuzufügen?

    • Pater Hagenkord sagt:

      Gefällt Ihnen das Lied nicht? Oder warum wolle Sie das nicht mehr haben?

      • Juni sagt:

        Meinen Sie denn, der Wortlaut der beiden Liedertexte sei in Bezug auf den hier vorgestellten, fortschrittlichen Systemwandel noch aktuell? Oder sinngemäß, wie Sie ähnlich schreiben, zu demjenigen ‚heldenweglosen‘ Christentum passend, das der Papst uns derzeit vorlegt?

        • Pater Hagenkord sagt:

          Lassen wir doch mal etwas Luft raus und reden nicht gleich vom Rausreißen. Fakt ist aber auch, dass viele vor allem junge Menschen gar nicht sowas singen. Also, um in Ihrem Bild zu bleiben: neue Lieder dazu.

          • Juni sagt:

            Ich habe auch bewusst vom „Heraustrennen“ und nicht „-reißen“ geredet – eben darum, dass man dann an der Trennstelle ein neues Lied sauber in das Gesangbuch einkleben könnte:-)

  4. Roswitha Steffens sagt:

    Ich habe diesen Text hart erarbeitet, um für mich zu klären, was ein Narrativ ist, ohne dabei außer Acht zu lassen, dass jede Schöpfung in gewisser Weise eindeutig sein sollte, um durch die Vielfalt ihrer Betrachtungsweise unendlich an ihrem Auslöser, in diesem Fall Gott, wachsen zu können:

    Ist die Bibel ein Narrativ? Wenn ja, wer erzählt durch sie und warum sind die Erzählungen bis heute aktuell geblieben, ohne an Inhalt eingebüßt zu haben? Ganz im Gegenteil, der Inhalt scheint durch seine Zeit mit der Menschheit an Substanz zu gewinnen, indem als Sinn aus dem Narrativ der gesunde Menschenverstand erwächst. Im Grunde steht Gott als Ursache im Wort der Vernunft, die aus der Schöpfung das Leben anspricht um seine Geschichte im Angesicht des Logos aus der Urkraft des Wortes zu beschreiben.

    Für mich ist Gott der Geist durch dessen Kraft das Narrativ entstanden ist, dessen Stimme sich durch die Vernunft einprägt, weil die sich aus menschlicher Einheit ergeben hat, um dem Logos Stand zu halten, der die Urkraft aus dem 1. Wort mit jedem Kind durch die Liebe zu ihm besser begreifen lässt. Gott ist für mich die Präsenz einer Substanz die durch ihre Einheit das Potenzial der Wahrheit als neuer Mensch entdecken kann.

    Als 1. Wort erschöpft sich die Ursache durch Urkraft im Narrativ der Eigenschaft des Glaubens an die gemeinsame Geschichte. Schöpfung wandelt sich vor dem Auge des Betrachters, um ihre Substanz mit ihm zu teilen. Die Bibel stellt sich dem Betrachter als Frage an die Kraft seines Glaubens aus der die Einheit schöpfen kann, was das Volk Gottes stärkt. Urkraft zeigt was sich durch Gott auf die Ursache auswirkt, deren Einzigartigkeit aus der gemeinsamen Geschichte besteht. Als Menschheit in die Dreifaltigkeit Gottes einzutreten ist wie, sich selbst als wahre Kraft Gottes in Person anzusprechen. Am Ende eines Narrativ steht ihr Auslöser für den Anfang, der sich als Gedankengut von seiner Last befreien will, um aus dessen Urkraft neu geboren zu werden, was die Einheit in gesunder Substanz fördert.

    Die Wahrheit erkennt sich in der Annahme einer Struktur aus selbstdisziplinierter Verhaltensweise, die sich nachhaltig auf die Menschheit auswirkt, um durch ihr Gedankengut das Wissen um die Einzigartigkeit der Erde zu erzeugen, die Dank Gott aus vollkommen gesunder Substanz besteht.

    Das mag sich sehr kompliziert anhören ist jedoch das Ergebnis einer Auseinandersetzung mit dem Nichts, dessen sich jeder Mensch bewusst sein sollte der wie selbstverständlich die Substanz annimmt, die ihm die Möglichkeit gibt sich in Worte zu fassen.

  5. Anne Preckel sagt:

    Dass Gewalt zu nichts Gutem führt, das sehe ich genauso. Streit kann allerdings schon manchmal hilfreich sein – nicht, um „Recht zu haben“, sondern um der Gerechtigkeit zum Zuge zu verhelfen. In diesem Sinne bin ich den entsprechenden Heldinnen und Helden schon dankbar!

  6. Der Papst der Herzen

    Die Analyse über das collective storytelling ist einerseits anregend – hier wird mit den Werkzeugen der modernen Sozialwissenschaften argumentiert – andererseits aber auch verstörend.

    Was mich stört ist die Übertragung eines kommerziellen Geschäftsmodells (Jeff Gomez geht es explizit um die wirtschaftliche Nutzung von Medieninhalten) auf die mediale Kommunikation des Papstes.

    Mediennutzung ist zunächst einmal Konsum, Entertainment. Und alles, was den Fortgang der Handlung, die collective journey verlangsamt, wird als störend empfunden; so z.B. Texte. Auch die Papstbotschaften könnte man als Entertainment verstehen. Dann sind wir wieder beim Helden, der einen einsamen Kampf im Vatikan ausficht. Oder bei einem Papst der Herzen, mit dem man sich gerne identifiziert, der aber leider ein wenig weltfremd ist.

    Das Anliegen des Papstes ist aber nicht Unterhaltung, sondern Evangelisierung, d.h. Veränderung der Welt. Die Analyse müsste daher mit dem Begriff Sensemaking arbeiten. Auch hier spricht man von collective sensemaking. Es geht um einen sozialen Prozess, der sich als Organisation (besser: im Prozess des Organisierens) kristallisiert. Natürlich spielen auch hier Geschichten eine große Rolle, aber sie müssen in Handlungen münden, sonst bleiben sie Entertainment. Glaubwürdigkeit der Botschaft steht und fällt mit der Frage der Umsetzung. Und hier ist die Kirche gefragt – wer auch immer die Kirche ist.

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