Dr. Jekyll und @mrhyde

Dr. Jekyll und @mrhyde: Diese Formulierung hat eine Kolumne bei Spiegel-Online für die Menschen gefunden, die in der Realität umgänglich, online aber völlig enthemmt sind.

Und das in ganz besonderer Weise enthemmt: es geht um den Hass. Ein hässliches Wort, es trifft aber sehr gut auf vieles, was man im Internet beobachten kann. Und dabei geht es nicht nur um die Webseite kreuz.net. Auch in Foren und in Kommentaren finden sich Sätze und Vorwürfe, die man sich direkt nicht ins Gesicht sagen würde. Wie gesagt: Online fehlt die Hemmung, die man vielleicht hat, wenn man jemandem direkt gegenüber steht oder seinen Namen öffentlich macht.

Ich hatte diese Kolumne bei Facebook gepostet und eine der spontanen Reaktionen darauf war, auf andere zu zeigen. Gerade der Spiegel schüre doch Hass oder dieses Medium oder jenes. Sobald wir in die Hass-Debatte einsteigen, sind es die anderen, sind es die Medien. Der Erregungsspiegel steigt spontan an. Ich finde das beängstigend.

 

Rezept: Digitale Herzensbildung

 

Mindestens so interessant wie dieses Phänomen finde ich aber die in der Kolumne angebotene Lösung: „Digitale Herzensbildung”. Zuerst habe ich geglaubt, nicht richtig zu lesen. Herzensbildung? Das stammt doch aus der Frömmigkeitssprache. So etwas in einem Technik-Artikel zu lesen, dazu noch im Spiegel, das ist schon erstaunlich.

Der Begriff „Herzensbildung“ zeigt mir zwei Dinge: Zum einen geht es um Bildung. Das ist nicht erstaunlich, weil Bildung der Schlüssel für so viele Probleme ist. Hier brauchen wir ihn aber auf ganz besondere Weise, die nicht Wissen, sondern den ganzen Menschen betrifft.

Und dann geht es ganz speziell um „Herzens“bildung. Es geht also um Emotionen, um das Bauchgefühl, nicht um den Verstand. Wir müssen, so scheint der Autor zu sagen, in unserem Inneren anfangen und lernen, mit Gefühlen, Erregungszuständen, Angst, Hass, Zorn, Wut und so weiter umzugehen. Klingt erst mal selbstverständlich, aber dann doch wieder nicht, denn normalerweise finden wir in der Internet-Debattenkultur wenig Verweise auf das Subjekt.

 

Das Verschwinden des Subjektes im Netz

 

Blättere ich duch meine Aufzeichnungen, dann finde ich vor allem Verweise auf die Auflösung des klassischen Verständnisses des Subjektes. Das Ich löst sich in eine Mehrzahl, um nicht zu sagen: Vielzahl von Identitäten auf. Das Internet verändere uns und unsere Kommunikationsweise, wir kommen darin vor allem als Inszenierung vor, das Ich agiert außerhalb, vernetzt, bestimmt von der Interaktion, von Erwartungen anderer und seiner Selbst.

Und nun das: Das Herz des Users kommt ins Spiel. Hinter all den Inszenierungen liegt eben doch ein echter Mensch, mit echten Gefühlen, Impulsen, Sehnsüchten und dem ganzen Gemisch, was wir gemeinhin unsere „Inneres“ oder unser „Herz“ bezeichnen. Der Anker für die Verbannung all des Schmutzes liegt außerhalb des Internets, er liegt beim Subjekt. Das hätte ich in einem Artikel nicht vermutet.

Normalerweise geht es um Regeln, es geht um Öffentlichkeit und Anonymität, es geht um Authentizität und all die magischen Worte, die in den Debatten fallen. „Herzensbildung“ fällt völlig aus dem Rahmen.

Aber Recht hat er, der Sascha Lobo. Woher kommt der Hass? Ich zitiere aus seiner Kolumne:

„Eine mögliche Antwort ist erschütternd, vor allem für diejenigen, die die große, rührende Wärme des Netzes kennen. Sie lautet: In vielen Menschen schläft ein Hassmonster, und das Internet vermag es zu wecken, Dr. Jekyll und @mrhyde. Hundert Leute auf der Straße, man geht an ihnen vorbei, aber ihre Hassgedanken sind meist verborgen unter einer Art Zivilisationsfirnis. Hundert Leute im Netz, und ein ungünstiges Zusammenspiel kann sich ergeben.“

Es ist also wie im wirklichen Leben, der so genannten Realität. Wir brauchen keine neuen Regeln, keine Netzidentität und Netzgefühle, wir brauchen die guten alten Methoden der – Achtung! – Askese.

 

Ein Lob der Askese

 

Herzensbildung ist doch genau das: Das Einüben von Verhalten, von Tugend und Selbstbeherrschung. Nicht als Zwang, den man sich auferlegt, sondern eben genau als Bildung, als persönliche Entwicklung.

Klar, der Begriff Askese klingt erst einmal nach Selbstkasteiung und merkwürdigen Praktiken, aber die alten Griechen wussten schon, warum sie ihn erfunden haben: Es geht um das Üben. Es geht um die Einsicht, dass so etwas wie „Herzensbildung“ nicht von jetzt auf gleich zu erreichen ist. Es geht um die Einsicht, dass ich bei mir selber anfangen muss und den Impuls, auf andere zu zeigen, erst einmal unterdrücke.

Und letztlich geht es bei dem Plädoyer für Herzensbildung um die Einsicht, dass auch das superschnelle und daueranwesende Internet Zeit braucht. Damit der Mensch, damit sein Herz nachkommen kann.

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