Ein Grabstein

Es ist tragisch, dass eine Familie, die gerade erst ein Kind verloren hat, eine Auseinandersetzung und Widerspruch erdulden muss. Als ob der Moment nicht schmerzhaft genug wäre. Trotzdem möchte ich einige Worte dazu verlieren, das Medienecho zeigt doch, dass hier etwas angesprochen wird, was weiter geht und irgendwie alle angeht.

Es geht um den kleinen Jungen, der seinen Lieblingsverein BVB auf seinem Grabstein haben wollte und das kurz vor seinem Tod gesagt hat. Und um eine Pfarrei, die das nicht wollte. Und um eine Öffentlichkeit, die das diskutiert.

Den besten Kommentar zu der Geschichte habe ich in der WAZ gefunden: Es geht um Maßlosigkeit. Alles haben wollen ist eine Eigenschaft geworden in unserer Gesellschaft und wer ist die Kirche eigentlich, dass sie sich dem Wollen eines sterbenden Kindes entgegen stellt? Wahrscheinlich ist die Gemeinde nicht tolerant genug oder so. Es fehlt eben das Maß.

Einen zweiten Gedanken habe ich im Kommentar der Süddeutschen gelesen: Den Umgang mit dem Tod und den Toten. Offensichtlich haben die Glaubensgemeinschaften ein zunehmendes Problem damit, mit der Anonymisierung des Todes auf der einen und der Individualisierung auf der anderen umzugehen.

In einer meiner ersten Vorlesungen in Alter Geschichte habe ich einmal gelernt, dass man Kulturen am besten nach ihrem jeweiligen Umgang mit Tod und Toten einschätzen könne. Beide Kommentare bringen hier etwas auf den Punkt: Die Unklarheit des Umgangs mit Tod und Nein in unserer Gesellschaft wird sichtbar.

Die Kirche sei ein „Scheißverein“, wenn sie dem Wollen nicht nachgebe, zitiert die SZ. Emotionen haben die Überhand. Es sind aber ungeklärte Emotionen, Emotionen, die sich nicht dem Denken und der Reflexion gestellt haben. Genau so wie die Reaktionen auf den Tod überhaupt, die in den Kommentaren angesprochen werden.

Die Anonymisierung will das große ‚Nein‘ des Todes nicht im Leben der Lebenden dulden, so scheint mir. Und die große Individualisierung will ebenfalls das Verneinende nicht sehen. Das Ich soll bitte bleiben, so wie es vor dem Tod war.

Wer dieses ‚Nein‘ kennt, es aber nicht für das letzte Wort im Leben hält, der drückt das im Umgang mit dem Tod aus: In Beerdigungen, die Schmerz aber nachher auch lachende Erinnerung zulassen. In Grabsteinen, die vom Leben und Gott, aber auch vom Schmerz im Kreuz und der Hoffnung erzählen. Natürlich soll die Persönlichkeit des Verstorbenen vorkommen, aber das Grab ist kein Altar der Gefühle, es ist Ort des Schmerzes und der Hoffnung auf ein danach, auf ein ‚Ja‘ nach dem ‚Nein‘.

Wer diese Hoffnung nicht teilen will oder kann, bleibt dabei hängen, dass zum ‚Nein‘ des Todes noch das ‚Nein‘ der Pfarrgemeinde kommt. Dieser zusätzliche Schmerz ist bedauerlich, aber wahrscheinlich ist er das Ergebnis dessen, dass wir den Tod nicht mehr dulden wollen.

 

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10 Kommentare zu Ein Grabstein

  1. Teresa_von_A. sagt:

    Die ganze Debatte ist ein Irrsinn. Ein Kind durch Krebs zu verlieren, wie das ist, kann sich keiner vorstellen.Die sterben gerade beim Gehirntumor zentimeterweise.Diverse OP s sorgen dafür, dass sie immer behinderter werden.Und wenn sie am Ende noch in der Lage sind, einen Wunsch zu äussern, kann man froh sein. Oder überhaupt einen jungen Menschen durch diese langwierige Krankheit zu verlieren. Phantasie fehlt ja nun allen, die hier von Regeln einhalten reden oder schreiben. Wer hat sich hingesetzt mit den Betroffenen und überlegt, was man in Deutschland denn sonst tun könnte? In Berlin, auf einem nichtkirchlichen Friedhof, gab es 12 Jahre lang und dann war das Grab weg, wie es hier üblich ist, einen Grabstein mit einem eingravierten Motorrad. Kurz nach seinem 19. Geburtstag war der junge Mann tödlich verunglückt. Man hätte drunterschreiben können,durch einen Motorradunfall. Aber diese Worte haben den Menschen gefehlt. Wortlosigkeit kann man durch Bilder ausdrücken. Regeln sind in Deutschland was Feines, sie nehemn so überhand, dass niemand sich mehr dran hält. Meine Schwester wollte unter einem Apfelbaum in ihrem Garten (Urne)beerdigt werden. Ich habe nichts gesagt, sie hat einen Apfelbaum auf ihrem Grabstein.Da sie nicht kirchlich und auch nicht religiös war, eben kein Kreuz.Die deutschen Regeln, die kirchlichen, gehen bis in den Himmel. Festgelegt bis zum Erbrechen.Ich empfehle regelmäßige Sterbehilfe.

  2. Teresa_von_A. sagt:

    schauen wir uns doch mal all die weisheiten an, die zum thema tod in der gesellschaft und auch in der kirche den menschen das leben schwergemacht haben. sternenkinder..wie gerechtet wurde um deren beerdigung. einerseits regt man sich über abtreibung auf, was auch richtig ist, wenn aber eine fehlgeburt beerdigt werden sollte, war das auf einmal kein mensch mehr.dann wird um jedes gramm gefeilscht. dann die kinder, die ungetauft starben..weil sie halt schon tot auf die welt kamen. die wurden dann noch zusätzlich in die vorhölle verfrachtet. dann die menschen, die sich das leben genommen haben. wurden nicht kirchlich beerdigt. da fehlt mal ganz gewaltig seitens der kirche eine riesenentschuldigung.lieblos ist das. sang- und klanglos wurde das abgeschafft. weil die eltern auf die barrikaden gingen, sicher nicht aus einsicht von kirche und gesellschaft. die nichtbetroffenen machen offenbar die gesetze.ich habe im sommer den ersten gottesdienst für suizidopfer erlebt. ökumenisch. sehr aufschlussreich. könnte mal öfters stattfinden..

  3. Teresa_von_A. sagt:

    da neulich unser kardinal über den lieblosen umgang mit dem totd in unserer gesellschaft gepredigt hat, habe ich mich nochmal damit befaßt. was haben wir alles in deutschen landen mit leid-kultur:euthanasie getarnt als mitleid. verfrachtung von pflegefällen ins ausland, die merken das ja angeblich eh nicht und ausland ist billiger. anonyme beerdigung, man will ja niemandem zur last fallen. und nun kommt das thema grabsteingestaltung dazu. ich wünsche mir sehr, dass das alles ist. es ist nicht zu ertragen.in der vergangenheit war nichts besser.siehe der umgang mit totgeburten, frühgeburten, suizidalen, etc.noch nach dem tod wird den menschen das leben zur hölle gemacht.sterbebegleitung als sondereinrichtung.ich habe viel in krankenhäusern und pflegeinrichtungen gearbeitet.kirchlich oder staatlich..die nehmen sich gegenseitig nichts.

  4. KRP sagt:

    Ich versteh den Satz jetzt nicht das Gräber kein Altar der Gefühle sind. Wenn ich an das Grab einer lieben Freundin gehe und ein Licht entzünde so ist das meines erachtens doch Ausdruck von Gefühl. Ist ein Ort der Schmerzen und Hoffnung kein Ort der Gefühle?

    • Teresa_von_A. sagt:

      was habe ich in moraltheologie gelernt, mitte der 70 er bei prof schüller sj? gräber mit allem drum und dran sind ausdruckshandlungen und für die überlebenden wichtig. …ich habe mich lange lange gerne auf friedhöfen aufgehalten, auf den alten grabsteinen, richtige wände oft, konnte man die familiengeschichte erkennen. an welcher krankheit die kinder gestorben waren, unvergessen…die berufe..die charaktereigenschaften der verstorbenen..es war immer ein großer tag, der 1. november.in süddeutschland waren fotos der toten auf den grabsteinen. und wenn es ganz schlimm war, hatten die ehepartner bereits ihr eigenes geburtsdatum miteingravieren lassen..engelbilder, engelfiguren..das alles wird ins internet verfrachtet, wo sich so mancher tummelt, der wegen seiner ansichten im normalen leben keine chance mehr hat. second life.meine diplomarbeit damals 1976 ging über das thema „die bewältigung des todesproblems im alten testament.“wir sind heute schlimmer als die nomaden. die unfähigkeit zu trauern. die fehlende kunst des liebens.

  5. Terese_von_A
    Haben Sie sich mal die Bilder von diesem Grab angesehen? Das sieht eher so aus, als ob dort Borussia Dortmund beerdigt sei und nicht ein Kind, das vor einem halben Jahr an einem Gehirntumor verstorben ist.
    Haben Sie auch einmal darüber nachgedacht, wie sich die Mitglieder der Kirchengemeinde fühlen müssen, die im Netz und von den Medien mit Hass und Häme überschüttet wurden, nur weil sie es erlaubt haben, dass ein ungetauftes Kind von atheistischen Eltern auf „ihrem“ Friedhof beerdigt werden konnte? Die Eltern hätten ebenso gut einen städtischen Friedhof auswählen können.
    Haben Sie auch einmal überlegt, wie sich die Mitglieder der Kirchengemeinde fühlen müssen, wenn ihr Friedhof jetzt zum Ort eines Fußball-Fankultes wird?
    Das einzig Gute, was man diesem Kind tun kann, ist für ihn zu beten. Denn das werden weder seine Eltern noch die 100000 Facebook-„Freunde“ für ihn tun.

    • KRP sagt:

      Cinderella 01 erst erlaubt man die Beerdigung und dann bestimmt man über die Kreativität der Gestaltung. Warum muss erst so ein Protest durch die Medien gehen bevor man sich zusammensetzt und einen Kompromiss aushandelt? Genauso wie die Eltern auswählen hätten können, hätte die Gemeinde auf einen städtischen Friedhof hinweisen können. Im Voraus. Meines erachtens geht es um die Kommunikation miteinander. Ob das überfüllt ist oder nicht darüber lässt sich streiten es geht um die gegenseitige Bereitschaft sich miteinander auseinander zusetzten und zwar nicht erst wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist sondern bereits im Vorfeld. Hinterher ist man ja auch zu einem Kompromiss gekommen. Wissen sie mit Sicherheit genau das die Eltern nicht beten? Wissen Sie genau das 10000 Facebook freunde sich nur aufregen und nicht im Gedenken an mit den Eltern und dem Kind sind. Alle GUTEN GEDANKEN können auch zu Gebete werden, wie allein ein Gebet aussieht entscheidet Gott.

    • Teresa_von_A. sagt:

      hallo, cinderella,wie dieses kind beerdigt werden wollte, hat es selber gesagt. d a r u m geht es.und nicht, was m a n sich so vorstellt. auch borussia besteht aus menschen.und unser kardinal ist im fußballverein und geht zu spielen.und wird vom internet lehramt, wie er es nennt, als satan berlins bezeichnet und als homo-kardinal.ja, ich überlege, bevor ich poste und dann wäge ich ab.tun sie das auch?und stelle immer wieder fest: das mittelalter läßt grüßen. nachdenken ,bevor man redet ,hat nicht zwangsweise zur folge, dass die leut einen begreifen. nichtmals der liebe gott wird verstanden.ich denke nicht, dass wir für dieses“ arme kind“ beten müssen. wir müssen für die hinterbliebenen und ihre dramen beten. das kind ist im himmel, sein fegfeuer und seine hölle hatte es auf erden.was die medien angeht: wir sind im zeitalter der medien. jeder benutzt sie nach gusto und dann kommt es vor, dass man opfer wird. das ist die andere seite der medaille.aber wir haben ja gelernt, dass uns alles zusteht, wie es uns in den kram paßt.warum die eltern den kirchenfriedhof gewählt haben, müßte man sie fragen.wenn sie wieder bei sinnen sind. die trauer macht einen schon mal wahnsinnig. haben s i e darüber nachgedacht, dass die eltern nicht mit normalen maßstäben zu messen sind? und einfach so vor die tür setzen ,erinnert mich an“ werd doch evangelisch“, wenn dir das hier nicht paßt. wir sind ein haufen von gruppen, auseinadersetzen muss man sich da nicht mehr. im eigenen saft schmoren ist immer schon einfacher gewesen.

  6. Teresa_von_A. sagt:

    Heute ist Themenabend Tod im Berliner Regionalfernsehn.Ein russisch-orthodoxer Friedhof in Berlin. Eine Bank neben dem Grab, die Hinterbliebenen essen und trinken Wodka, die Reste legt man auf den Grabstein.Wer die Eltern des genannten Jungen kritisieren möchte, möge das mit Namen tun und ihnen dabei ins Gesicht sehen. Wer das nicht kann, schweige für immer.Es gibt Eltern, die sind atheistisch und wollen ihren Kindern das aber nicht antun. Also sucht man sich für die Kinder Kirche aus.Es gibt auch Eltern, die sind gläubig und überlassen ihren Kindern Taufe und Co. So habe ich das mit meinen Kindern gemacht.

  7. Teresa_von_A. sagt:

    da ich zu zeit wieder(auf dem dorf) eine anonyme beerdigung erlebe. von getauft und katholisch, im kleinen kreis, damit auch ganz sicher nicht gefühl sich breitmacht..bin ich froh,über jeden, der boroussia auf dem grabstein braucht.und der wenigstens im tod an sowas wie himmel glaubt. denn das ist nicht mehr selbstverständlich.

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