Er kann nicht gewinnen

Er kann gar nicht gewinnen. Und probiert es trotzdem. So etwa mag ich das Projekt zusammenfassen, was der Papst in diesen Tagen unternimmt: die Papstreise nach Myanmar und Bangladesch.

Die große Frage ist natürlich die nach den Rohingya, der ethnischen Minderheit, die aus Myanmar fliehen und die von Bangladesch nicht aufgenommen werden. Das Problem ist natürlich viel größer, es betrifft auch noch andere Länder, aber die besuchten Länder sind sind die beiden Länder im Fokus. Und ein Papst, der sich die Flüchtlingsproblematik so sehr auf die Fahne geschrieben hat – siehe Papstbotschaft zum Friedenstag in der vergangenen Woche – der richtet ganz natürlich das Augenmerk auf die Situation der Menschen dort.

Der Papst ist wieder unterwegs: hier bei seiner bisher letzten Reise, in Kolumbien

Der Papst ist wieder unterwegs: hier bei seiner bisher letzten Reise, in Kolumbien

Warum kann er nicht gewinnen? Weil er in einer der berühmten Zwickmühlen steckt. Nehmen wir das Beispiel Aun Sang Suu Kyi, ihr wird vorgeworfen, nicht deutlich genug gegen die Verfolgung der Rohingya aufzustehen, obwohl sie das Land faktisch regiert. Dasselbe wird man dem Papst vorwerfen: Dass er nicht laut genug protestiert habe.

Die Kirche im Land hat wiederholt darauf hingewiesen, und das auch öffentlich, dass es viel mehr Minderheiten gibt als nur die eine und dass das Leben auch für die anderen mit Leid verbunden ist.

Die Bischöfe haben den Papst sogar direkt gebeten, auf den Begriff „Rohingya“ zu verzichten. Schon im Juni, also weit im Vorlauf, hätte man das Anliegen vorgebracht, so Erzbischof Alexander Pyone Cho, zu dessen Bistum auch das Krisengebiet Rakhine gehört. Die Agentur Ucanews zitiert ihn: „Wir haben gesagt, dass das Wort Rohingya im Land immer noch ein sensibler Punkt ist und daher während der Reise besser nicht benutzt wird“. Die Konzentration auf die Rohingya verdränge andere Probleme und gebe außerdem den Militärs die Macht und die Legitimität, wieder einzugreifen.

Wenn er also den Hinweisen der Ortskirche folgt, dann macht er es uns Westlern nicht recht, wenn er es uns Westlern recht macht, dann richtet er vielleicht im Land selber mehr Schaden an als Nutzen.

 

Schaden oder Nutzen?

 

Das meinte ich damit, dass er nicht gewinnen kann. Aber er probiert es trotzdem. Ich muss kein Prophet sein um vorauszusagen, dass es um Frieden, Frieden und Frieden gehen wird. Religionen tragen zum Frieden bei, wenn es echte Religionen sind, das war und ist sein Thema.

Gespräch mit den Religionen überhaupt ist wichtig, das kann man mit Blick auf das Programm sehen. Ob es dann aber tatsächlich zu mehr Frieden beiträgt, hängt vor allen an den Menschen vor Ort.

Natürlich darf man nachfragen, ob die Tatsache, dass etwas im Land ein sensibler Punkt ist, ausreicht für die Begründung eines Verzichts. Aber das ist eine Debatte, die vor allem im Land geführt werden muss.

Und: Der Papst hat eine starke geistliche Autorität. Das ist etwas, was wir im weitgehend säkularisierten Westen fast nicht mehr spüren. In einer geistlich starken Region wie Südasien spielt das aber eine große Rolle. Ob nun Buddhisten in Myanmar oder Muslime in Bangladesch, gemeinsam mit den vielen Minderheiten: es wird sehr wohl wahrgenommen, was er sagt. Dass er also nicht gewinnen kann, muss ich an dieser Stelle zurück nehmen.

Es ist eine diplomatisch schwierige Reise in eine Konfliktzone, von der wir hier lange nichts haben mitgekommen wollen. Es ist eine geistlich anspruchsvolle Reise.

Unsere westlichen und medialen Erwartungen in Bezug auf die Flüchtlingskrise sind enorm. Aber er hat keine Angst, sich den Vorwurf zuzuziehen, er habe mit irgendwem paktiert. Der Papst fährt hin und versucht sich am Dialog, diplomatisch, menschlich, geistlich.

 

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5 Kommentare zu Er kann nicht gewinnen

  1. Roswitha Steffens sagt:

    Wir können den Papst immer unterstützen, indem wir ihm geistlich beistehen bei dieser überaus anspruchsvollen Reise, die ihn nicht nur körperlich sicherlich fordert sondern ihm auch in der Nachfolge als Katholischer Hirte sehr viel abverlangt, um für die Gemeinschaft zu stehen, die durch Liebe den Lobpreis erhält, den Gott jedem zu Teil werden lässt, der sich ihr anschließen mag. Diese Gemeinschaft der Liebe trennt Menschen nicht in Begriffen, die diskriminieren, was eine Person nicht differenzieren kann. Nächstenliebe ordenet ihr Wesen im Sachverhalt, der sich aus christlicher Verantwortung heraus ergibt, um Gott gerecht zu handeln und keinen einzigen Menschen davon auszuschließen.

    Ich bin sicher, die Stimme des Papstes wird das Herz all der Menschen erreichen, die sich durch die Liebe Gottes einen, um ihm für seine persönliche Anteilnahme am Leid dieser Erde zu danken.

  2. carn sagt:

    „Wenn er also den Hinweisen der Ortskirche folgt, dann macht er es uns Westlern nicht recht, wenn er es uns Westlern recht macht, dann richtet er vielleicht im Land selber mehr Schaden an als Nutzen.“

    Ich persönlich fände es sinnvoll, wenn der Papst da auf Befindlichkeiten von „Westlern“ pfeift und seine Worte danach wählt, was eben dem Land hilft.

    Könnte ggf. trotzdem die Nutzung von bestimmten Worten bedeuten könnte; denn ggf. überzeugen die von den lokalen Bischöfen genannten Gründe für Sprachregelungen den Papst nicht; oder die Bischöfe geben diese nur ab, um das Regierung nicht auch noch gegen Christen aufzubringen und können sich mit einem „Wir hatten den Papst gebeten, das nicht zu sagen; aber er entscheidet selbst, was er sagt, also trifft uns keine Schuld“ gegenüber den Militärs aus der Affäre ziehen.

    Aber Gefühle von „Westlern“ sollten wirklich egal sein, wenn es um Leben und Tod von Menschen geht, sowohl bei den Rohingyas als auch bei den möglichen Opfern von vermeintlichen und/oder tatsächlichen Freiheitskämpfer der Rohingyas.

    Bin nur sehr zuversichtlich, dass der Papst tatsächlich keine Rücksicht auf westliche Befindlichkeiten nimmt.

  3. F.H. sagt:

    Alles, was Franziskus macht und probiert ist besser als unser inzwischen da und dort auch wahltechnisch manifestiertes Türen zu, Rollläden runter, Mauern rauf – auch genannt das Prinzip der drei Affen!
    Spirituell ist er uns sowieso um Lichtjahre voraus.

    • Actuarius sagt:

      Wer ‚uns um Lichtjahre voraus ist‘, der ist gewiss schon bei den Trisolarieren vorbeigekommen, bei denen man lernt, wie man nicht nur in stabilen, sondern auch in chaotischen Zeiten zurechtkommt, wie es im Weltbestseller ‚Die drei Sonnen‘ beschrieben wird.

  4. Josef sagt:

    Ja Herr Pater, ich kann Ihren Ausführungen nachvollziehen und auch sehr weit zustimmen. Nur in einem erlaube ich mir etwas zu wiedersprechen:
    Der Papst hat schon gewonnen, im Vorfeld bevor er dort war. Nur durch die Diskussion das Franziskus in dieses Land fahren wird, wurde das Blickfeld der Weltöffentlichkeit auf dieses Problem, diese beiden Länder und auf die Rohingya fokusiert. Dies ist dochs chon ein Erfolg und ein „Gewinn“, oder?
    Ich bn sicher, dass dieser Papst das dipolmatische Gefühl hat um die richten Worte an die richtigen Personen dort zu richten. Auch wenn wir in dem Westen oder die Menschenrechtler dies vermutlich nicht verstehen, aber manchmal kann man durch nichtgesagte Worte oder umschriebene Worte mehr erreichen als mit der harten Wahrheit.
    Dieses diplom. Gefühl konnten wir ja auch heute bei seiner reise sehen. Franziskus wird sicherlich auch morgen und auch in Bangladesch die richtige Worte und das mitfühlende „Dortsein“ den armen unterdrückden Menschen zeigen und geben.
    Andere große Politiker wie Merkel, Macron, EU-Präsident, UN-Vorsitzender , Trump oder Putin usw. gehen nicht dorthin und helfe den unetrdrückden Menschen.
    Ich denke Sie, alle Römer, der Jesuitenorden , Katholiken und Christen können über so einen Papst stolz sein, auch die konservativen Kardinäle.

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