Für 2017

In unserer Sprache klingt das Wort „Ermächtigung“ schräg. Es hat historische Konnotationen, die nichts mit meinem Gedanken hier zu tun haben. Leider haben uns die dunklen Jahre bis 1945 auch viele Worte geraubt, die sich nicht mehr benutzen lassen. Der Gedanke dahinter ist aber wichtig, etwas selber in die Hand nehmen, befähigt werden. Das ist es, was Papst Franziskus will. Den Glauben, den eigenen Glauben, selber in die Hand nehmen.

Zeichnung von Rembrandt: Der verlorene Sohn

Rembrandt Harmenz van Rijn: Der verlorene Sohn

Politische Beobachter sehen in den Wahl-Entwicklungen der vergangenen Jahre bis zu Österreich und Italien, allen voran in den USA, nicht etwa eine Rebellion der ungebildeten und so weiter, solch eine Argumentation verlängere nur die Fehleinschätzung derer, die sich verwundert die Augen reiben, wie es nur so weit kommen konnte.

Es geht vielmehr darum, dass Menschen selber bestimmen wollen, wie ihr Leben funktioniert. Dazu wollen sie keine Almosen, sondern Möglichkeiten.

 

Möglichkeiten, nicht Almosen

 

Die Welt um uns herum beschränkt aber immer mehr Möglichkeiten, von den Großkonzernen und Daten-Monstern angefangen über immer komplexere Vorgänge etwa an den Börsen, die buchstäblich so schnell sind, dass kein Mensch sie mehr kontrollieren kann. Konzerne zahlen keine Steuern, aber die Straßen funktionieren nicht oder die Rente reicht nicht mehr zum Leben. Und so weiter.

Negativ kann man das in Populismus ummünzen, das haben wir oft genug gesehen. Aber dieser Populismus injiziert ja nicht etwas in die Menschen hinein, er ruft etwas auf, was schon da ist und benutzt das.

Auch Papst Franziskus ruft das auf, aber nicht populistisch. Er will christliche Möglichkeitsräume schaffen. Das Leben als Christ entscheidet sich nicht an der möglichst genauen Erfüllung der Regeln, sondern im Umsetzen dessen, was Christus von uns will, im eigenen Leben, selbstbestimmt und in Gemeinschaft.

Natürlich gibt es dazu Rahmenbedingungen, natürlich schwebt das, was Jesus gelehrt hat, nicht im freien Raum, das wäre „Situationismus“, wie der Papst das neulich genannt hat. Relativismus hatte Benedikt XVI. das genannt.

Deswegen kann der Papst ja auch so deutlich gegen das Bauen von Mauern und andere Populismen Stellung beziehen: Die Lehren Jesu haben Folgen für uns und unser Leben, die wir nicht schlicht der eigenen Entscheidung oder Ängsten unterwerfen dürfen. Das nennen wir Tradition.

 

Gemeinschaft und Auftrag

 

Was wir von Jesus aber durch die Jahrhunderte hindurch als Tradition empfangen haben, sind zwei Dinge: Gemeinschaft und Auftrag. Kirche und Lehre, mag man das übersetzen, beides wird aber wenn statisch verstanden falsch und richtet sich gegen die dem Gedanken eigentlich innewohnende Dynamik. Wenn wir es aber dynamisch verstehen, dann wird es zum Glauben selber in die Hand nehmen, dann wird das zu unserem „Empowerment“, dann werden wir nicht Objekte einer Kirche, sondern ihre Träger, ihre mit der Würde der Entscheidung ausgestatteten Mitglieder.

Wir entscheiden nicht über unseren Glauben, weil der uns geschenkt ist, aber wir setzen ihn um, im Leben, im Alltag.

Der Populismus hat uns die letzten Jahre über begleitet, in dem jetzt zu Ende gehenden Jahr auch hier im Blog. Und es ist ja auch gut so, dass wir uns dem stellen – jedenfalls wenn er sich dem Dialog stellen will.

Das Gefühl, dass die Welt uns entgleitet und in die Hände von komplexen und unüberschaubaren Vorgängen geht, Konzernen und Daten-Kraken, darf uns nicht in die Versuchung führen, der Allmacht anheim zu fallen, der einen-Lösung-für-alles oder des starken Mannes. Das beschränkt die Räume nur noch mehr, auch wenn es aussieht, als böte es Sicherheit – das Gegenteil ist der Fall.

Einen dynamischen Glauben der aufsteht, der losgeht, der keine Angst hat, und der dann auch den Versuchungen des Populismus widerstehen kann, das ist die Antwort auf die vielen Beschränkungen und Fragen, denen wir begegnen. Das ist nicht einfacher, das Jubeln über die großen Vereinfachungen der Populisten geht besser und schneller, aber es geht eben vorbei an dem, was ein selbstbestimmter und gelebter Glaube sein will.

Einen solchen Glauben, oder einen Weg dahin, den wünsche ich uns allen für das kommende Jahr 2017.

Alles Gute Ihnen.

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11 Kommentare zu Für 2017

  1. Eszter Meggyesyne Benke sagt:

    Danke schön, und danke auch für Ihre Gedanken und für ihre Bemühungen! Es macht mir immer große Freude zu lesen hier ihre Gedanken – mutig, mutig und wohltuend, wie der Balsam aus Gilead…. Sie haben nie darum gebeten dass man für Sie betet Pater, aber ich tu es und wünsche Ihnen ein fröhliches und glückliches neues Jahr!!!!!

    Eszter Meggyesy

    • Amica sagt:

      Sehr schöne Gedanken, liebe Frau Meggyesy!
      Viel Gutes an alle die hier schreiben, lesen und miteinander diskutieren!
      Ja, möge dieser wunderbare Blog auch im nächsten Jahr vielen Menschen etwas geben, diese bereichern!
      Mir bringt er sehr viel! 🙂

  2. Andreas sagt:

    Am Ende des 4 540 002 016 ten Erdenjahres ist an der Zeit, Ihnen, lieber Herr Pater Hagenkkord, für diesen wunderbaren, anregenden Blog im ignatianisch-jesuitischen Geiste – man lese auch gelegentlich: http://www.vatican-magazin.de/images/vatican/ausgaben/2016/2-2016/41-51disputa.pdf – ‚gratias valeteque‘ zu sagen. Für das Jahr 45…17 bleibt zu hoffen, dass die Welt nicht weiter entartet. „Niemand kann mit Ängsten seinem Leben auch nur einen einzigen Sonnenaufgang hinzufügen.“

  3. Ja danke
    @Pater Hagenkord für Ihr Engagement ihre Geduld mit unseren Beiträgen-ich hab das früher schon mal ausgedrückt-und diesen guten „Auftakt „für 2017.den ich unterschreibe..
    ganz besonderen Dank für Rembrandts „verlorenen Sohn“
    ich liebe diesen Maler..
    ihnen ihren Kolleginnen und Kollegen ein hoffentlich FRIEDliches 2017

  4. Wunderbare Worte von Eszter und Andreas, ich möchte mich anschließen und ihnen Pater Hagenkord Danke sagen.
    Danke

    Wünsche ihnen ein glückliches neues Jahr.

  5. Michael Ellwanger sagt:

    Das ist mein letzter Gruß ans deutsche Rom,
    den ich an Dich will für die „Freunde“ schreiben.
    Wenn Koliseum und Sankt Peters Dom,
    Und Pantheon wird sich in Staub zerreiben,
    Versiegen wird der gelbe Tiberstrom,
    und der Lateinerberg ins Meer wird treiben,
    Wenn Romas Pracht nur ist ein Nachtphantom,
    dann werden Ihr mir unvergesslich bleiben.

    Von Friedrich Rückert, Anführungszeichen von mir.

    In Deutschland werden keine Überraschungen sein, alles wird seinen Gang gehen, die Regierungskoalition ein paar Sitze weniger haben, was diese nicht gêniert. In Frankreich wird auch das Vorhersehbare eintreten, oder glaubt wirklich jemand, dass die Herren Macron, Valls und Villon, die allesamt aussehen wie Altphilologen, Lateinlehrer an einem Jesuitengymnasium Marine Le Pen stoppen können?

  6. Wrightflyer sagt:

    SO!
    Als definitiv letzten Beitrag in diesem Blog 2016 wünsche ich allen ein schönes, gesundes, interessantes und glückliches neues Jahr 2017.
    Möge für jeden hier ein großer Traum in Erfüllung gehen, welcher auch immer. Nur kein Traum der sich irgendwie gegen andere Menschen oder gegen das Leben an sich richtet.

    Und möge es weniger Hass in der Welt geben, mögen die Kriege endlich aufhören, von Syrien über den Südsudan und den Drogenkrieg in Mexiko bis zum US-Drohnenkrieg.
    Mögen nicht mehr wenige machtgierige „starke Männer“ und/oder das Geld uns Menschen regieren, sondern mögen wir Menschen stattdessen endlich das werden was Gott sich ausgedacht hatte.

    Ich werde mich in ca. einer Stunde aufmachen Richtung Innenstadt, ich werde dorthin gehen wo ich immer feiere, mitten ins Feuerwerk der halben Stadt, auf einer bestimmten Brücke. Vielleicht bekomme ich wieder Sekt ab von völlig fremden, vielleicht bekomme ich wieder eine Umarmung von jemand völlig fremdem, wie fast jedes Jahr. Dafür stelle ich auch meine Startrampen und meine Streichhölzer jedem zur Verfügung der sie braucht.
    Ich habe leider mein Salbutamol verschlampt, aber seltsamerweise habe ich es noch in keiner Silvesternacht gebraucht. Nicht einmal letztes Jahr, wo wir diesen katastrophalen Nebel hatten.
    Ich wünsche hier allen eine so schöne Silvesterfeier wie ich sie die ganzen letzten Jahre auf dieser Brücke hatte. Na gut, bis auf letzten Jahr mit dem dicken Nebel und bis auf das eine Mal wo der sierraleonesische Mann einer Freundin von mir die größtmögliche Peinlichkeit mit einer meiner Raketen veranstaltete. Er kennt sich mit Feuerwerk nicht gut aus, da er den Dezember am liebsten daheim in Sierra Leone verbringt (wegen der Dunkelheit hier) und dort kein Feuerwerk gemacht wird, damit die Leute keine Angst bekommen von wegen es wäre wieder Krieg.
    Silvester wie ich es kenne, das ist ein Fest der Menschlichkeit auf dieser Brücke, wo jeder willkommen ist.

    • Wrightflyer sagt:

      Ach, und noch einen Nachtrag:
      War 2016 wirklich so schlecht? Das sollten wir, denke ich, genauer betrachten.

      -Es wurde ein Imfpstoff gegen Ebola entwickelt
      -Die OPEC hat sich zusammengerauft, der Ölpreis steigt. Auch wenn manche jetzt an der Tanke jammern werden, es ist aus mehreren Gründen gut für uns alle.
      -ein saudischer Vizekronprinz hat die Macht der Religionspolizei(!) zusammengestutzt
      -Bevor die Russen mit ihrer Luftwaffe eingriffen um dem Regime Assad wieder Oberwasser zu verschaffen, hatte sich die Opposition eigentlich schon auf einen durchaus ermutigenden Verfassungsentwurf (d.h. mit Bürgerrechten und Religionsfreiheit) für ein neues Syrien geeinigt. Es gibt dort also immernoch genug Leute die Bürgerrechte, Demokratie und Religionsfreiheit wollen!
      -Hier in meiner Heimat Nr. 1, ***, wurde die Anwesenheit von Flüchtlingen zum Normalfall. Im Prinzip ist das letzte Jahr hier der Beweis daß das Nebeneinander und teilweise auch Miteinander von Einheimischen und Flüchtlingen gut klappen kann. Wir haben keine Naziübergriffe, es wurde nie versucht die Flüchtlingsunterkünfte anzuzünden, und auch AfD-Wunschträume von angegraptschen oder nur begafften Frauen, von geköpften Einheimischen ect. kann ich NICHT bestätigen. Ich habe hier noch nie beobachtet daß sich die Einheimischen hier vor Angst schlotternd an die Hauswände drücken oder sich Frauen garnicht mehr ohne Eskorte aus dem Haus trauen würden.
      -Die Fußball-EM 2016 gehörte ganz klar dem Europameister der Herzen, Island. Wenn auch im Viertelfinale ausgeschieden. Und den sehr sympathischen irischen Fans. Ich sage dazu: Huh! Und auch unsere Nationalmannschaft war, wie stets seit Jogi Löws Amtsübernahme, mal wieder sehr sympathisch. Wie z.B. Lukas Podolski den sich am Spielfeldrand nicht immer sehr stubenrein benehmenden Jogi Löw (ein verzeihlicher kleiner Fehler) verteidigt hat: „80 Prozent von Euch und ich auch kraulen sich auch mal an den Eiern“ Das stimmt zwar schon rein technisch bedingt definitiv NICHT, denn wenn ich mich an meinen Eiern kraulen wollte müsste ich Harakiri begehen, aber trotzdem ein sehr schöner Spruch. Bei den Frauen hat die scheidende Silvia Neid noch einen sehr schönen Abgang geschafft. Sie hat jede Ehre verdient, denn nur dank ihr wurde der Frauenfußball hierzulande endlich erntgenommen!

      Also ohne die hasserfüllten und Hass säenden „starken Männer“ die eigentlich überflüssig wie die menschliche Schwanzwirbelsäule sind, wie Putin, Trump, Duterte, Temer, Erdogan und wie sie alle heißen, manchmal auch genauso dumme Frauen mit ebenfalls zuviel Macht, hätte es ein sehr positives Jahr sein können.

  7. Christine Promny sagt:

    Ich wunsche eine Begegnung mit Gott und Mutter Gottes Maria.Ein Frieden auf der Erde.Viele sonnigen Tage Gesundheit und Gluck.

  8. 1234556 sagt:

    Happy New Year und viel Einheit für 2017 und „thanks so much for this blog, Pater Hagenkord“ – aber auch allen anderen!

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